
In einer Doppelrezension hat Wolfgang Koch, Historiker und Publizist in Wien, in seinem Blog auf taz.de zwei Neuerscheinungen über die “geistige Situation der Zeit” besprochen. Den von Heinrich Geiselberger herausgegebenen Sammelband “Die große Regression” und “König Donald, die unsichtbaren Meister und der Kampf um den Thron”. Weil das real-satirische Real Game of Thrones im Match mit den internationalen (links-)akademischen Edelfedern ziemlich gut abschneidet, will ich den Leserinnen und Lesern diese ausführliche Rezension nicht vorenthalten:
“Donald John Trump, 45. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, Sphinx der politischen Theorie und Gottseibeiuns der demokratischen Linken. Der deutsche Bestseller-Autor Mathias Bröckers gehört keiner besonders nachdenklichen Fraktion dieser Linken an, und doch trifft er mit seiner neuesten Publikation den Nagel viel eher auf den Kopf als die versammelten akademische Bedenkenträger des Suhrkamp-Verlages.
Was die fünfzehn Nervenärzte der Gegenwart beim Suhrkamp über den Erzschurken und Leugner des Klimawandelns zu sagen haben, das pfeift das Grossfeuilleton jeden Tag von den Dachterrassen. Dass Trump »rassistisch« sei, ein übler »Rattenfänger«, ein »König Ubu im Weissen Haus« (Bruno Latour), ein »gehässiger Twitter-Troll« (Pankaj Mishra), dass der neue Präsident in seinem Amt finstere Pathologien entfesselt – was haben wir nicht schon alles gehört? Was hat uns der progressive Moralismus nicht schon alles zugemutet, und wird uns in Gestalt eines neuen Antiamerikanismus noch jahrelang weiter zumuten?
Ivan Krastev will in Trump »eine Revolte der Demokratie gegen den Liberalismus« erkannt haben. In der bindungslosen Welt erscheint dem kleinen Mann die Demokratie angeblich »als ein politisches Regime, das die Macht der Mehrheiten sichert«. In der Kritik der illegalen Massenmigration, die jede europäische Staatlichkeit aushöhlt, zeige sich kein Mangel an Solidarität, nein, sie sei vielmehr als ein »Zusammenstoss von Solidaritäten« zu verstehen – Internationalisten gegen Nativisten. Die Massenmigration hat nach Krastev in Europa »eine Konterrevolution« ausgelöst.Bruno Latour gibt bei Suhrkamp die Kassandra: »Man muss kein Hellseher sein, um zu wissen, das das Ganze in einem Flammenmeer enden wird«.
Natürlich ist in der akademischen Analyse viel von den Ursachen der gegenwärtigen Weltkrise die Rede, sehr viel sogar. Man erkennt den Verlust der ökonomischer Souveränität der Nationalstaaten. Kulturelle Heterogenität, die Furcht vor dem Unbekannten, wird zum endemischen Merkmal des Zusammenlebens in Grossstädten erklärt. Dazu kommt der allgemeine Zwang zur Mobilität.
Paul Manson ist der Ansicht, der Westen mache gerade seine eigene Perestroika durch. Wir hören von der »Manipulation des Massenunbewussten«, dem für die Menschen schädlichen Mantra der Wettbewerbsfähigkeit, von einer abgehobenen politische Klasse (»Selbstabkoppelung der Politik-Politik«). Einzelne Autoren beklagen das Superoritätsgetue der Kulturlinken; andere bedauern gefährliche Entzivilisierung und regressive Modernisierung.
Die Ungleichheit sei nicht Folge der Rezession, sondern gerade ihre Ursache (César Rendueles). Der Leben verwandelt sich in eine Ware, die Bewusstseinsindustrie orientiere sich ausschliesslich kosmopolitisch, sie führe den Kulturkampf einer globalen Diskursgemeinschaft. Die Waren zirkulieren am Globus immer freien, während die Menschen durch Mauern getrennt werden (meiner Wahrnehmung nach ist es anders: die sichtbaren Mauern werden immer durchlässiger, die Menschen in Gambia essen holländische Zwiebel, weil die westafrikanischen Zwiebel mit den Preisen der Holländer nicht mithalten können; es sind also unsichtbare Vermögen, die die Menschen immer nachhaltiger voneinander trennen).
Vor dreissig Jahren hatte die Linke noch den Marxismus, um die komplexen Vorgänge der Weltökonomie und die dazugehörige Psyche zu verstehen. Heute werden von den Vordenkern hauptsächlich Theorien aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts herangezogen: Freuds Triebmodell, Antonio Gramsci, die Transformationsmechanik von Karl Polanyi, Norbert Elias, Erich Fromm, und aus jüngeren Jahren: Michael Walzers Überlegungen zur Weltinnenpolitik, Richard Sennett und der Havard-Ökonom Dani Rodik.
Mathias Bröckers – taz-Mitbegründer, Hanf-Anti-Prohibitionist und Verschwörungsanalytiker – setzt dieser linksakademischen Weltsicht durch masslose Übertreibung die Krone auf, er macht den neuen Präsidenten im Weissen Haus als »König Donald« kenntlich. Das ist ehrlicher, und behauptet auch nicht, der Aufstieg autoritärer Demagogen sei durch fleissige Begriffsarbeit und gute Ratschläge an die Sozialdemokratie zu bekämpfen.
Während die Suhrkamp-Intelligenz konfus über Trumps Geschwätz herzieht, – und damit in gewisser Weise selbst dem Geschwätz verfällt, denn wo wird nicht auf geschwätzige Art über das Geschwätz der jeweils anderen gelästert –, schlägt Mathias Bröckers einen anderen Weg ein.
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