
Mein Vater, Jahrgang 1922, wurde mit 18 Jahren zur Marine eingezogen. Er war auf einem Minensuchboot im Schwarzen Meer stationiert, das 1944 von britischen Bombern getroffen wurde und nicht weit von der Küste entfernt sank. Sie hatten noch ein SOS abgegeben, doch die Deutschen schickten keine Rettungsschiffe mehr hinaus weil die Alliierten die Lufthoheit erobert hatten und auf alles feuerten was sich auf dem Wasser bewegte. Mit zehn weiteren Kameraden hatte sich mein Vater auf schwimmende Reste des Schiffs gerettet, fast einen ganzen Tag harrten sie so aus, bis ihm und einem Freund dämmerte: “Die lassen uns hier absaufen” und sie den Versuch wagten, zur Küste zu schwimmen. Sie schafften es, doch dann weigerte sich die Kommandatur, ein Rettungsboot für ihre noch im Wasser treibenden Kameraden zu entsenden, die alle ums Leben kamen. Diese Erfahrung, das Trauma eines Überlebenden, hat meinen Vater endgültig zum Kriegsgegner gemacht und als ich mich mit 17 entschloss, den Kriegsdienst zu verweigern, unterstützte er mich – anders als viele andere Väter dieses “Stalingrad-Jahrgangs”, denen die Bundeswehr gerade recht erschien, um ihren langhaarigen, renitenten Söhnen “Zucht und Ordnung” beizubringen. Er hingegen hatte offensichtlich etwas gelernt aus diesem Krieg und gab diese Erfahrung an mich weiter.
Wegen dieser Geschichte will ich schon lange einmal auf die Krim reisen. Schließlich wäre ich gar nicht auf der Welt, wenn Walter Bröckers dort nicht um sein (und mein) Leben geschwommen wäre. Bisher habe ich diese Reise nicht unternommen – aber jetzt war Ken Jebsen einige Tage auf der Krim unterwegs und was er dort auf einem Soldatenfriedhof sagt, können ich (und mein 1993 verstorbener Vater) nur unterschreiben: “Gib deinem Nachbarn ein menschliches Gesicht!”






