Philosophendämmernung

Anfang Februar hatte ich mich unter dem Titel “Erregungsbereitschaft und Schießbefehl”  gewundert, warum zwei unserer philosophischen Welterklärer – Peter Sloterdijk und Rüdiger Safranski –   “einst durchaus freie, kosmopolitische Geister….auf ihre alten Tage zurück in nationale völkische Enge rudern.” Und gefragt, ob die Ängste  vor “Überflutung” und “Überrollung”, vor denen diese gestandenen Großdenker sich fürchten, möglicherweise als “Erregungs-Syndrom alter Säcke” zu deuten ist, “die sich – zumal nach dem Sylvester-Hype um viril-aggressive “junge Männer” – ins präsenile Abseits gedrängt fühlen ?” Diese Zuspitzung ist mir zwar  übel genommen worden,  doch sie war nicht böswillig aus der Luft gegriffen, wie wenig später der Soziologe Armin Nassehi zeigte, der die Äußerungen der beiden Philosophen ganz ähnlich, nämlich als Ressentiments alter Männer, interpretierte. Sodann lies auch der Politologe Herfried Münkler kein gutes Haar an der Grenzschließer-Mentalität der Großdenker und monierte die “strategische Unbedarftheit ihres Dahergeredes.” Dies wiederum wollte  Sloterdijk sich nicht sagen lassen, fühlte sich absichtlich mißverstanden und replizierte beleidigt über “Beisswut, Polemik und Abweichungshass” der Kritiker. Er sieht sich zu Unrecht in die “national-konservative” oder gar “neu-rechte” Ecke gestellt, wo er mit seinem “Lob der Grenze” doch nur Sorge zum Ausdruck bringen wollte.  Dass aber auch dabei der Ton die Musik und die Methaphern die Melodie ausmachen sollte gerade einem Wortkünstler bewusst sein,  ebenso wie  der Umstand, dass die Rede von  “Flut”, “Überrollung”, “Invasion”  das aktuelle AfD-Vokabular (und historisch noch weit fragwürdigere Saiten) bedient. Dies zu erkennen braucht es keine “intentionale Falschlektüre” seiner Texte, auch der Gutwilligste kann das nicht übersehen.

Dass, wer auf einer Linie mit Carl Schmitt oder Arnold Gehlen argumentiert – wie Sloterdijk und auch Safranski das tun –   dafür in die rechts-nationale Ecke gestellt wird ist nicht ehrrührig, sondern folgerichtig. Wem angesichts globaler Kriege und davor fliehender Massen nicht anderes einfällt, als die Zugbrücken vermeintlicher Trutzburgen – “Nation” und “Volk” – hochzuziehen, der segelt nun einmal  im rechtspopulistischen Wind . Und verkauft die nostalgische Beschwörung des Nationalstaats als Hort der Einigkeit und der Wohlfahrt als Krisenbewältigungsstrategie – gegen die kalte Luft der »Globalisierung« und die übelwollenden Fremden/Russen/Amis/Moslems/  (you name it). Das ist ebenso billig und unterkomplex wie falsch und gefährlich. Auch wenn man damit Wahlen gewinnen kann, wie die AfD Ergbnisse des heutigen Abends zeigen…

Update: Georg Seeslen sieht die Sache in diesem Interview ganz ähnlich

DGWÜA ist da!

Gerade hatten wir noch überlegt – im Blog zum Buch –  ob Die ganze Wahrheit über alles”  als Titel vielleicht mißverstanden werden kann, wobei uns dann ein etwas ausgewogenerer und präzisierender Titel wie etwa  „Ziemlich viel Wahrheit laut Böttcher und Bröckers über fast alle wichtigen gesellschaftlichen und politischen Lebensfragen und –konzepte – unter Weglassung der ganzen Wahrheit über den Sinn des Lebens sowie Fußball“  leider zu spät einfiel und möglicherweise auch einen Hauch zu sperrig ist. Aber das ist jetzt wurscht, denn heute kam DGWÜA aus der Druckerei und nach dem Auspacken kann ich nur sagen: hui! Es sieht nicht nur prima aus, sondern ist auch innerlich, rundherum und überhaupt genau so geraten, wie die Erzeuger sich das vorgestellt haben. Ein Prachtkind!

Genaueres können geneigte Leserinnen und Leser anhand der Leseprobe erfahren, die das Inhaltsverzeichnis und Vorwort des Buches enthält. Ansonsten sind die 336 Seiten mit über 50 Kapiteln und über 500 Anmerkungen und Quellen ab sofort für 18,00 Euro in allen Buchläden erhältlich. Im Namen aller Beteiligten bitte ich darum, von  diesem Angebot reichlich Gebrauch zu machen. Danke!

Springteufel Trump

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Im Kasperltheater der amerikanischen Vorwahlen punktet der Springteufel Donald Trump am Wochenende erneut, auch der nette Opi Bernie Sanders holt sich weitere zwei Bundeststaaten und bleibt der Wall-Street-Hexe Hillary auf den Fersen. Alle anderen Figuren spielen schon kaum eine Rolle mehr und vor allem den Republikanern geht mittlerweile der Arsch auf Grundeis: der irre Donald watscht die beiden vom Partei-Establishment favorisierten Wettbewerber  – den frömmelnden  Hardliner Ted Cruz und den blassen Bush-Zögling Rubio – nach Belieben ab. Und schwafelt nicht nur einen Haufen rassistisches, nationalistisches, obszönes Zeug, sondern sagt auch Sachen, die ans Eingemachte gehen – wie etwa, dass er mit Putin schon klar käme und sich überhaupt mit auswärtigen Ländern einigen würde, statt permanent Militärisches zu finanzieren und Krieg zu führen. Was dem militärisch-industriellen Komplex und den Neokonservativen schon einen  so gewaltigen Schrecken einjagte, dass sie Trump in einem offenen Brief als nationales Sicherheitrsrisiko bezeichnen;  die liberale  “Washington Post” befürchtet gar, dass der Springteufel das ganze Theater ruinieren könnte: “…we are two or three bad elections away from the end of NATO, the end of the European Union and maybe the end of the liberal world order as we know it.”

Uuuuhhh…. dann doch lieber Generalissima Killary Clinton , die “die liberale Welt wie wir sie kennen” unlängst so wunderbar nach Libyen exportiert hat – wo sich jetzt der “Islamische Staat” ausbreitet.  Mit dem würde er kurzen Prozess machen, kündigte “The Donald” indessen schon mal an, und ihn so lange bombardieren, dass danach keine großen Bodentruppen mehr gebraucht würden. Rustikal ist nach wie vor Trumpf bei Trump – und wenn er sich bei seinen Tiraden mal vergallopiert nimmt ihm das unter seinen Fans keiner sonderlich übel. Ihn als “Flip-Flop”-Kandidaten zu outen, der heute dies und morgen das Gegenteil erzählt – üblicherweise das Ende für jeden Kandidaten – hilft gegen den Springteufel nicht.

Dass sie ihn nicht zu fassen kriegen, macht den Strippenziehern und Spindoktoren hinter den Kulissen ernste Kopfschmerzen. Trump ist ein Dem/Rep-Hybrid: für Geburtenkontrolle, Sozialgesetzgebung und Medicare – das Geld dafür will er der Pharmaindustrie abknöpfen, der er überhöhte Preise vorwirft;  gegen TTP und aufgeblasene Militäbudgets – den Vertragsfirmen des Pentagon wirft er Abzocke vor: Positionen die der Parteilinie der Republikaner ziemlich zuwiderlaufen; andererseits setzt er mit seiner Zustimmung zur Folter, der Abwertung von Muslimen und dem Gestus der “weissen Überlegenheit” im Kern auf klassische republikanische Themen:Donald Trump’s Policies Are Not Anathema to U.S. Mainstream but an Uncomfortable Reflection of It.

Auch was die heiße Kartoffel Israel betrifft, ist Springteufel Trump nicht zu fassen: einerseits lobt er Bibi Netanjahu in höchsten Tönen, redet dann aber auch einer Zwei-Staaten-Lösung mit  neutralem Jerusalem das Wort, was die Likudniks im Dreieck springen läßt. Zudem verkörpert er eine weitere Hybridform: er ist als Millionenerbe, Casino,-und Baulöwe Teil des 0,1,% Establishments und gleichzeitig “Anti-Establishment” – unabhängig vom politischen Filz im Beltway Washingtons und den Einflüsterungen des “Council of Foreign Relations” kann er den Frust seiner Wähler gegen “die da oben” bedienen, obwohl er selbst dazu gehört. Insofern wird er kaum zu stoppen sein und weil die Republikaner ihn nach seinem Durchmarsch bei der Kandidaten-Kür im Juli nur noch mit bürokratischen Tricks verhindern können, ruft der “Tea-Party” – Moderator Glenn Beck schon nach dem Krokodil, welches im Kasperltheater für die gewaltsame Beseitigung von Figuren zuständig ist. Nachdem er Trump mit Hitler verglichen hatte machte Beck dann auch gleich den Stauffenberg und sagte, dass er ihn mit dem Messer erstechen würde falls sich die Gelegenheit ergibt, weshalb jetzt das FBI gegen ihn ermittelt.

In die Schublade zu dem bösen Mann mit dem kleinen Bart gesteckt zu werden, dürfte dem Schreihals mit der schrillen Orange-Tolle wohl noch öfter passieren – aber da gehört er gnausowenig hin wie etwa Sozialdemokrat Bernie Sanders in eine Schubalde mit Karl Marx. Der fordert nur mehr Mindestlohn und höhere Steuern für die Superreichen und wäre eigentlich der passende Gegenkandidat für den superreichen Trump.Doch dass es zu einem Duell der beiden kommt, werden Clinton und ihre Supporter in der Finanz,-und Rüstungsindustrie zu verhindern wissen, sodass es auf der Zielgeraden im November dann Hillary vs. Donald heißen wird. Wenn der Springteufel bis dahin mit seiner xenophoben Rhetorik  ein wenig zurückrudert und  ein “ein echtes A-Team” (Trump) als Schattenkabinett versammelt, könnte es sogar eng werden für die “Hexe”. Die Seifenoper im “Einparteiensystem mit zwei rechten Flügeln” (Gore Vidal) bleibt also spannend…

(Erschienen am 7.3.2015 bei telepolis)

“Hitler-Droge” zurück in die Apotheken!

03.03.16 19:00-Bildschirmkopie

Ob es stimmt, was die Bildzeitung heute behauptet, weiß man noch nicht – die Polizei hat sich zu der Art der 0,6 Gramm illegaler Drogen, die bei dem Grünen-Politiker gefunden wurden, als er am Nollendorfplatz von zwei Zivilfahndern kontrolliert wurde, noch nicht geäußert. Auf “Hitler-Droge” muss man aber erst mal kommen, um die Kleinstmenge eines Aufputschmittels zum holocaust-artigen Horror aufzublasen. Richtig ist, dass Methamphetamin  seit den 30ern in Deutschland hergestellt und unter dem Markennamen “Pervitin” zu einem wichtigen “Antriebsstoff” der Wehrmacht wurde, Hitler selbst aber wurde von seinem Leibarzt Dr.Morell, dem “Reichsspritzenmeister”, eher mit feineren Sachen –  wie  Opiaten und Kokain – versorgt und nicht nur mit dem billigen “Speed” für die Massen.  (Mehr dazu in in Werner Piepers 2-bändiger Dokumentation “Nazis on Speed” und in Norman Ohlers Der totale Rausch).

Als mir gestern abend die erste Nachricht über den Fall unterkam, postete ich sie bei Facebook mit dem scherzhaften Kommentar: “Da kann doch nur Putin dahinter stecken – einem führenden olivgrünen Nato-Freund und Russland-Feind Drogen unterjubeln und ihn dann hops nehmen lassen…”  – weil ich mir nicht vorstellen konnte wie man so blöd sein kann. Zivilstreifen am Nollendorfplatz kontrollieren nämlich in der Regel keine normalen Fussgänger, woraus man schließen muss, dass sie Beck auf der Straße beim Einkauf der Drogen beobachtet haben. Was man an einem Ort, der seit 100 Jahren ein Hotspot der Berliner Homo,.- und Drogenszene ist, schlicht nicht tun sollte. Dumm gelaufen…. aber so blöd darf man sich zumal als Parlamentarierer auch wirklich nicht anstellen.

Andererseits ist es natürlich ein absurder Witz, dass der Besitz von 0,6 Gramm einer Substanz, die wie “Pervitin” als verschreibungspflichtiges Medikament bis 1988 in jeder Apotheke erhältlich war, das Ende einer politischen Karriere bedeutet, während die Alkoholiker – von denen es unter den 631 Mitgliedern des Bundestags definitiv nicht wenige gibt – weiter fröhlich ihrem Volksvertretertum nachgehen. Was nicht immer, siehe “Whisky” Willy Brandt et.al., zum Schaden des Volkes sein muss, denn es gibt keine “harten” und “weichen” Drogen, es gibt nur richtigen und falschen Umgang damit. Das gilt für Alkohol ebenso wie für Pervitin, Heroin und Kokain. Stoffe, die erst echte Probleme machten, als sie illegal wurden, weshalb sie wieder dahin zurück müssen, wo sie herkamen. Auch die “Hitler”-Droge muss wieder zurück in die Apotheken !

Die ganze Wahrheit – Sneak Preview

dgw-cov-2Noch ist das Werk  nicht aus der Druckmaschine, aber eine Leseprobe – das Vorwort und Inhaltsverzeichnis – hat der Westendverlag auf seiner Website dankenswerter Weise schon zur Verfügung gestellt:

“Die ganze Wahrheit über alles ist, dass wir die Welt problemlos paradiesisch verbessern könnten; dass kein Mensch mehr verhungern müsste; dass es nicht einmal in der kurzen Übergangsphase von unserem derzeitigen zum kommenden System zu Blutvergießen, Not oder Elend kommen müsste. Die ganze Wahrheit ist, dass wir alles zum Guten wenden könnten, im Handumdrehen. Und dass neun von zehn Men- schen das auch gern täten, selbst wenn sie dafür ein paar Opfer bringen müssten.

Zur ganzen Wahrheit gehört aber auch, dass wir das nicht mehr schaffen – wir, die über 25-Jährigen, die Alten. Weil wir verwirrt sind und abgelenkt, gehetzt und desillusioniert; weil wir nicht mehr daran glauben, dass wir die Zukunft positiv gestalten können; weil wir meinen, neun von zehn Menschen seien unsere Konkurrenten und wollten uns ans Leder; weil wir Angst haben, vor allem.

Deshalb ist im Folgenden ständig die Rede von »wir« und von »ihr« – wenn wir euch meinen, unsere Kinder und Enkel. Dabei ist uns bewusst, dass ihr jedes »ihr werdet« als Zumutung empfindet, denn wieso solltet ihr euch ausgerechnet von Gescheiterten wie uns erzählen lassen, was ihr tun werdet. Oder solltet.

Wir können nur hoffen, dass ihr diesen Impuls nachsichtig ignoriert, indem ihr doppelt mildernde Umstände walten lasst. Erstens nämlich ist uns nichts Besseres eingefallen als »Was ihr daraus machen werdet«, um in den nachfolgenden, durchgehend konsequent formatierten Kapiteln die →Zukunft als tatsächlich machbar zu beschreiben, zweitens habt ihr zwar recht, wenn ihr uns als gescheitert betrachtet, aber das bedeutet ja nun noch lange nicht, dass wir bloß alte Besserwisser sind. Wir sind allerdings alt, tatsächlich, und wir sind ein bisschen müde. Sowie umzingelt von alten Leuten, mit denen einfach kein Staat mehr zu machen ist und erst recht kein Paradies. Aber ihr könnt das. Oder könntet. Mal sehen….”

Weiter  im Text gehts (als pdf) hier.

Weltpolitik durch Drogenhandel

McCoy_-_Die_CIA_und_die_Heroin

Ein Frachtflugzeug auf dem Weg von München nach Durban (Südafrika) , muß wegen eines Defekts in Harare (Zimbabwe) zwischenlanden. Als es die Parkposition erreicht, fällt dem Bodenpersonal auf, dass aus dem Frachtraum Blut tropft, wo dann nicht nur eine Leiche gefunden wird, sondern Paletten mit  Geldscheinen – 57 Tonnen südafrikanischer “Rand”. Was klingt wie aus einem Jason Bourne Thriller geschah Mitte Februar und wäre – da die “South African Reserve Bank” den Fund als “diplomatische Fracht” deklarierte und es sich bei dem Toten “wahrscheinlich” um einen blinden Passagier handelte – auch keiner größeren Beachtung wert, zumal die zimbawischen Behörden der Maschine nach einigen Tagen den Weiterflug gestatteten. Doch weil mein Freund und Kollege Daniel Hopsicker nun einmal der Biograph von Barry Seal ist, dem CIA-Piloten u.a. der “Iran-Contra”-Drogenflotte, klingelte es bei ihm, als er entdeckte, dass der Flieger einer Gesellschaft namens “Western Global Airlines” gehörte. Der Nachfolgerin der “Southern Air Inc.”, die zuvor   als “Southern Air Transport” firmierte – und unter sämtlichen Namen für die CIA Drogen, Waffen und andere Schmuggelware transportierte. So wie Barry Seal in den 70ern und 80ern, der einst auf seinem Zielflughafen in Mena (Arkansas) mit einer Ladung Koks und Säcken voller Dollarscheinen landete und aus Versehen verhaftet wurde – zwei Tage später war er wieder frei, nachdem Vizepräsident Bush den jungen Generalstaatsanwalt von Arkansas, einen gewissen Bill Clinton, eingeweiht hatte. Insofern ist es kein Wunder, dass sich bei Daniel Hospicker gewisse Parallelen auftaten und  er über diesen  merkwürdigen Zwischenfall einen Beitrag in seinem Blog verfasste.

Und wie es der Zufall will bringt am Tag, wo ich dies lese,  die Post das Buch vorbei, das mir vor einem Vierteljahrhundert die Augen für eine Realität öffnete, die ich bis dahin für ein unbestätigtes Gerücht, eine Verschwörungstheorie gehalten hatte: die Drogengeschäfte der CIA. Doch “The Politics of Heroin:  CIA Complicity in the Global Drug Trade” von Professor Alfred McCoy  belehrte mich eines Besseren. Nicht nur wegen seiner peniblen Dokumentation der Drogengeschäfte in Laos, Kambodscha und Vietnam einschliesslich des Transports durch die CIA-eigene “Air Amercia”, sondern auch wegen der massiven Behinderungen der Veröffentlichung durch den Geheimdienst. 2003 brachte Zweitausendeins eine stark erweiterte Fassung der einstigen Dissertation des Yale-Studenten Alfred McCoy auf Deutsch heraus, die  zu einem Jahrzehnte überspannenden Lebenswerk dieses Historikers gewachsen ist. Von den Opiumkriegen in China über Vietnam bis zum aktuellen Drogenhandel in Afghanistan und Mexiko zeichnet er das gigantische globale Geschäft nach und die Rolle die es bei der Finanzierung von Warlords, Milizien und Terroristen spielt. Seit langer Zeit vergriffen ist dieser Klassiker jetzt im Westendverlag wieder erschienen.  Wer den Wahnsinn des internationalen “War On Drugs” verstehen will muss dieses Buch lesen. Alfred Mc Coy: “Die CIA und das Heroin – Weltpolitik durch Drogenhandel”, Westendverlag, 760 Seiten, 24,00 Euro

(Update: Ein längerer Auszug aus dem Buch auf telepolis)

Das Unwort des Jahrhunderts

01“You should see the world as a conspiracy run by  very closely-knit group of nearly omnipotent people – and you should think of these people as yourself and your friends.”

Robert Anton Wilsons “Lexikon der Verschwörungstheorien”, das ich im Jahr 2000 auf Deutsch herausgegeben hatte, war die erste Monografie, die sich hierzulande einem Thema widmete, das mittlerweile geradezu inflationäre Verbreitung gefunden hat. An einer Fortsetzung, die sich der Verlag damals wünschte, konnte Bob Wilson  wegen seiner Erkrankung nicht mehr arbeiten, also machte ich mich alleine daran, den Strukturen von historischen Verschwörungen und den Behautpungen/Hypothesen/Theorien weiter nachzugehen. Sowie dem Einsatz solcher Theorien zum Zwecke der Propaganda und als immer wiederkehrendes Strickmuster zur Konstruktion von Sündenböcken/Feinden/Kriegsgegnern.  Aus dieser Beschäftigung mit der Geschichte und Struktur des Verschwörungswesens riss mich dann der 11. September 2001 und seine Folgen, die mein aktuelles Studienobjekt nun gleichsam live und auf freier Wildbahn präsentierten. So entwickelte sich die geplante Fortsetzung und Vertiefung des “Lexikons der Verschwörungstheorien” zum Tagebuch der Beobachtung einer Verschwörung – zuerst auf Telepolis im Netz und dann im Sommer 2002 als Buch: “Verschwörungen, Verschwörungstheorien und die Geheimnisse des 11.9.”

“Es ist an der Zeit, das Verschwörungsdenken, dieses Schmuddelkind der Erkenntnistheorie, in den Status einer kritischen Wahrnehmungswissenschaft zu erheben. Und eine allgemeine Theorie der Verschwörungstheorien zu entwerfen, die als Wegweiser in diesem Minenfeld dienen kann”, hatte ich dort geschrieben und dann einige Thesen über Verschwörungen und Verschwörungstheorien formuliert – in der Hoffnung auf den Einzug von ein wenig analytischer Vernunft: dass  reale Verschwörungen unbestreitbar existieren und dass die anhand von Indizien erfolgende Bildung von Hypothesen über solche möglichen Verschwörungen ein vollkommen rationales Verhalten darstellen.  Verschwörungstheorien also keineswegs und per se “verrückt”, “irrational”, “paranoid” sind, sondern auch ein unverzichtbares Werkzeug der Aufklärung – etwa für jeden Kriminalisten, der anhand von Spuren, Indizien, Hinweisen nach möglichen Tätern suchen muss. Wie auch immer – die Hoffnungen, die ich auf  die Vernunft und die Entwicklung  wissenschaftlichen “Konspriologie” setzte, waren naiv, stattdessen entwickelte sich “Verschwörungstheorie” zum Unwort des Jahrhunderts und machte Karriere als universell verwendbare Diskurskeule, mit der jeder Zweifel an “offiziellen” Verlautbarungen unmittelbar eliminiert kann.

Der inflationäre Gebrauch des Begriffs in den Medien hat zu einer Flut von Publikationen geführt,  wobei das Niveau einer objektiven wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Phänomen aber erschreckend niedrig geblieben ist. Wie etwa naive mathematische Modelle, nach denen ein größere Menge Beteiligter nie etwa länger geheimhalten können, oder die im Dutzend vorliegenden küchenpsychologischen Erklärungen, dass die Normalbürger die komplexe Welt von heute einfach überfordert und sie deshalb anfällig sind für den Glauben an geheime übermächtige Strippenzieher und Sündenböcke. Und kaum eine Veröffentlichung spart mit Scherzen über die Pathologie dieser irren Gläubigen, die aufgrund sektenartiger Hermetik auch längst widerlegten Verschwörungstheorien anhängen.  Seltenst erwähnt wird indessen  die lange Liste bestätigter realer Verschwörungen (von Air America bis ZR-Rifle), was indessen auch Sinn macht, denn was fängt man zB mit den noch gestern als “paranoide Anti-Amerikaner” klassifizierten Verschwörungsspinnern an, wenn sich heute die flächendeckende NSA-Spionage als wahr herausstellt ? Da wird auch das an der Uni Tübingen jetzt eingerichtete “Forschungsnetzwerk” überfragt sein, das sich mit der Realität von Verschwörungen, verdeckten Operationen, Geheimdiensten usw. denn auch gar nicht weiter beschäftigt, sondern nur den “Theorien” auf den Grund gehen will. Man muß kein Verschwörungstheoretiker sein um vorherzusagen, dass dabei nichts Vernünftiges herauskommen kann…. keine Abkehr vom Kampfbegriff, sondern eher ein Update der psycholgischen Kriegsführung

Da war RAW vor 20 Jahren fraglos schon weiter – und schon deshalb freue ich mich hier kund zu tun, dass sein schon länger vergriffener Klassiker, das  “Lexikon der Verschwörungstheorien”,  im Herbst 2016 in einer Neuauflage im Westenverlag erscheinen wird. Darin auch das Gespräch, das ich mit ihm im Herbst 1999 führte ( hier ein Auszug ).