Die großen Chinook-Hubschrauber auf diesem Video evakuieren nicht die Belegschaft der US-Botschaft in Saigon 1975, sondern am 15.8.2021 die Angestellten des Empire of Chaos aus der Botschaft von Kabul. Einige Stunden zuvor wurde schon gemeldet, das Taliban-Truppen das Walhalla der Nato, die US- Militärbasis Bagram, belagert und übernommen haben. Einmal mehr haben die tapferen Stämme des Hindukusch dem Nimbus und Namen Afghanistans als “Friedhof der Imperien” Ehre gemacht. Und werden uns jetzt in der Presse als “Taliban” einmal mehr als islamistische Terrorherrscher präsentiert, die “das Land in’s Chaos stürzen” – als ob es da nach 20 Jahren Krieg und Besatzung nicht längst wäre. Und als ob die militanten “Schüler des Islam” nicht genauso von Uncle Sam herangezüchtet und ausgestattet worden wären wie ihre Kollegen von “Al Qaida”. Und als ob man nicht bis Mai 2001 mit ihnen über die Transitzahlungen für die gepante Pipeline aus Usbekistan verhandelt und sie vor die Wahl zwischen “einem Teppich voller Geld” oder “einem Teppich voller Bomben” gestellt hätte. Und als ob nicht die Taliban-Regierung nach 9/11 sogar der Auslieferung Osama Bin Ladens zugestimmt hätte, sofern die USA Beweise für seine Täterschaft vorlegen (die niemals kamen). Diese Hintergründe sollten stets dazu gedacht werden, wenn der Abzug der Nato-Truppen und der Sieg der Taliban nun in apokalyptischen Bildern ausgemalt wird. Wie die Aufrüstung religiöser “heiliger Krieger” zu Söldnern und “moderaten Terroristen” vonstatten ging, hatte ich vier Wochen nach 9/11, am 6.Oktober 2001, in meinem konspirologischen Tagebuch notiert.
Der Text ist Teil der 9/11-Trilogie 11.09. – 20 Jahre danach. Einsturz einer Legende. (Westend 1179 Seiten. 18 Euro), der Ende August erscheint.
6.10.01
Jihad Inc. – Made in USA
“Dass im Zuge der »emotional correctness« derzeit jeder Hinweis auf die katastrophale US-Außenpolitik als »antiamerikanisch« gilt, kann nicht weiter überraschen – schließlich gilt ja auch der bis vor kurzem von aller Welt als Pappnase eingestufte Dabbelju Bush mittlerweile als weiser, besonnener, quasi-heiliger Großimperator. Bis vor kurzem traute ihm kaum jemand zu, dass er Afghanistan korrekt buchstabieren kann, nun sollen ihn alle Nicht-Terroristen dufte finden, weil er die Welt vom Terror befreit. Bin Laden hingegen, mit dessen Familienclan die Bush-Family schon vor über 20 Jahren Geschäfte machte, der von den USA als Anführer des saudischen Mujaheddin-Kontingents im Afghanistankrieg ausgebildet und finanziert wurde, ist zum globalen Satan des 21. Jahrhunderts mutiert. Und die Taliban, Mitte der 90er unter Patronage der CIA vom pakistanischen Geheimdienst Inter Services Intelligente (ISI) installiert, wandelten sich zu archaischen, zum Abschuss freigegebenen Untermenschen. Doch auch auf dieses Drama passt der Titel, den der Konspirologe Antony Sutton einst für die US-Finanzierung Hitlers und der Sowjets prägte: Best Enemy Money Can Buy.
Zwar wird auch in der CNN-Version der Realität in den Lebensbeschreibungen Bin Ladens seine Zusammenarbeit mit der CIA in den 80er Jahren manchmal kurz gestreift – sie war so offen und ist so gut dokumentiert, dass sie nicht völlig ausgespart werden kann –, ansonsten aber starten die Biographien vom reichen Saudi-Erben zum globalen Terrormonster in der Regel erst in den 90ern. Im Zuge der medialen Gleichschaltung fällt das im Westen kaum noch jemandem auf, in anderen Teilen der Welt bemerkt man indessen nicht ohne Ironie den »loss of memory«, den ausgerechnet das Supermekka der Informationstechnologie in Sachen ihres ehemaligen Angestellten befallen hat. So der indischen Zeitung The Hindu am 27. September in einem Artikel über »The Creation of Osama«, die in diesem Zusammenhang auch ein aktuelles Statement zitiert, das in den Westmedien natürlich unter den Tisch fällt:
»Die Revolutionary Association of the Women of Afghanistan (RAWA), die seit langer Zeit in Opposition zum Taliban-Regime steht, unterstrich in ihrem Statement, das die terroristischen Attacken verurteilt, die Tatsache, ›dass die Menschen in Afghanistan nichts mit Osama und seinen Komplizen zu tun haben. Aber unglücklicherweise müssen wir feststellen, dass es die Regierung der Vereinigten Staaten war, die den pakistanischen Diktator Gen. Ziaul-Haq dabei unterstützte, Tausende von Religionsschulen zu eröffnen, die den Keim für die Entwicklung der Taliban legten. In einer ähnlichen Art war Osama, wie jeder weiß, der blue-eyed boy der CIA.‹
Nun mag man eine feministische, vermutlich links orientierte Zelle als Beweis für die aktive Rolle der USA bei der Züchtung von neuen Assassinen als nicht ausreichend empfinden. Anders sieht es allerdings bei der Quelle aus, auf die der Artikel verweist und die er ausgiebig zitiert: das im Frühjahr 2000 bei Yale-University-Press erschienene Werk “Taliban. Militant Islam, Oil and Fundamentalism in Central Asia.” Der Autor, Ahmed Rashid, ist als Seniorkorrespondent der Far Eastern Economic Review und des (konservativen) Daily Telegraph in London sowie als ausgewiesener Kenner der Region über jeden Zweifel an seiner Seriosität erhaben – und lässt dennoch keinen Zweifel daran, dass es die Amerikaner waren, die die Brutstätten des islamistischen Terrors in Pakistan und Afghanistan förderten und massiv unterstützten.
1986, so Rashid, verschärfte CIA-Chef William Casey den Krieg gegen die Sowjetunion mit drei Maßnahmen: Er überzeugte den Kongress, die afghanischen Mujaheddin mit Stinger-Raketen auszurüsten und ihnen Ausbildung und Unterstützung für den Guerillakrieg zukommen zu lassen. In Zusammenarbeit mit dem pakistanischen ISI und dem britischen MI 6 war darüber hinaus geplant, mit »islamischen« Terrorattacken die angrenzenden Sowjetrepubliken Usbekistan und Tadschikistan zu destabilisieren. Drittens unterstützte die CIA fortan die Bemühungen des ISI, in anderen islamischen Ländern Kämpfer für den Heiligen Krieg zu akquirieren und sie in einem Netz von Lagern und »Religionsschulen« ideologisch und militärisch auszubilden:
»Zwischen 1982 und 1992 erhielten 35000 radikale Muslime aus 43 islamischen Ländern ihre Feuertaufe bei den afghanischen Mujaheddin. Zehntausende mehr kamen, um in einem der Hunderte von Madrassas zu studieren, die Zias Militärregime in Pakistan und entlang der Grenze eröffnet hatte. Insgesamt kamen über 100000 radikale Muslime in Pakistan und Afghanistan in Kontakt mit dem Jihad …
In Camps bei Peshawar und in Afghanistan trafen sich diese Radikalen zum ersten Mal und lernten und trainierten miteinander. Es war ihre erste Gelegenheit, etwas über islamische Bewegungen in anderen Ländern zu hören. So wurden taktische und ideologische Verbindungen gelegt, die sich in der Zukunft als nützlich erweisen sollten. Diese Camps wurden zu den virtuellen Universitäten für die Zukunft des islamischen Radikalismus. «
Nicht in Hamburg-Harburg, sondern an diesen Terroruniversitäten wurden die neuen Assassinen ausgebrütet und jene Spezies gehirngewaschener islamischer Gotteskrieger programmiert, deren Kommilitonen mit dem perversen Anschlag vom 11.9. nun ihrem Hauptsponsor aufs Dach gestiegen sind. »Pack schlägt sich, Pack verträgt sich«, könnte man dazu zynisch feststellen: So wie den Amerikanern in ihrem heiligen Krieg gegen das »Reich des Bösen« jedes Mittel recht war auch die Unmoral, unschuldige junge Muslime von religiösen Fanatikern zu Selbstmordbombern drillen zu lassen und ihnen dann Sprengstoff in die Hand zu drücken –, so kennen diese heiligen Krieger im Kampf gegen ihren Lehrherrn jetzt keinerlei moralische Grenzen mehr.
Dies alles gilt es festzuhalten, nicht um einer dümmlichen »Ätsch«- oder »Selber Schuld«-Geste willen – sondern um bei der Frage, wie der Terrorismus künftig wirksam bekämpft werden kann, wirklich weiter zu kommen. Der Anfang muss auf dem schmuddeligen Hinterhof der inoffiziellen US-Außenpolitik gemacht werden, jenem geostrategischen Genlabor, das monströse Produkte wie Bin Laden und seine Assassinen freigesetzt hat – und das ein Regime wie die Taliban noch im Mai 2001 mit 43 Millionen Dollar sponsort, so wie die Todesschwadronen in Kolumbien, die »Befreiungsarmee« im Kosovo usw.
Zu Osama vermerkt Ahmed Rashid in seinem Buch noch ein weiteres interessantes Detail: Der ISI hatte sich beim saudischen Geheimdienstchef Prinz Turki Bin Faisal beschwert, dass sich aus seinem Land nur Taxifahrer, einfache Studenten und Beduinen für den Jihad melden würden, aber kein Mitglied der königlichen Familie bereit sei. Mit Bin Laden war dann 1982 zwar kein echter »Royal«, aber doch ein Spross aus einem der mächtigsten Clans des Landes gefunden, um das saudische Kontingent im Heiligen Krieg anzuführen. In Bin Ladens Familie und auch im Königshaus soll der Entschluss enthusiastisch begrüßt worden sein. Dass das saudi-amerikanische Engagement für die Mujaheddin und Bin Laden seit 1990 beendet sein soll, wie es in der CNN-Version der Realität immer wieder beschwörend heißt, wird von Ahmed Rashids Studie leider nicht bestätigt. Noch im Juli 1998 machte Prinz Turki einen Besuch in Kandahar, wenige Wochen später, so Rashid, wurden den Taliban 400 Pick-up-Trucks geliefert, noch mit arabischen Nummernschildern. Kurz darauf gingen die Bomben in den afrikanischen US-Botschaften hoch, wahrscheinlicher Organisator: Bin Laden; wahrscheinlicher Aufenthaltsort: Kandahar – dort, wo jetzt die ersten Bombardierungen der »Terrorlager« der Taliban erwartet werden. Was die Lokalisierung angeht, wird die NATO dabei keine größeren Probleme haben – sie haben die Lager ja schließlich selbst gebaut. ” (6.1.2002)
Der Text ist Teil der 9/11-Trilogie 11.09. – 20 Jahre danach. Einsturz einer Legende. (Westend 1179 Seiten. 18 Euro), der Ende August erscheint.