Nord Stream 2: Kauft nicht beim Russen

Nach dem US-Kongress hat nun auch der Senat mit großer Mehrheit neue Sanktionen gegen Russland beschlossen – nur zwei Senatoren stimmten dagegen, der libertäre Rand Paul und Bernie Sanders. Es scheinen die beiden letzten im Senat verbliebenen Vertreter zu sein, die ihren ökonomischen Verstand noch nicht völlig verloren haben. Denn, so hat es der keineswegs russland-freundliche Wirtschaftsdienst „Bloomberg“ unlängst vorgerechnet: schon die bisherigen Sanktionen haben Russland eher genutzt als geschadet. Trotz des niedrigen Ölpreises und der Sanktionen wird für 2017 ein Wirtschaftswachstum von 1,7 % erwartet und die Zustimmungsraten für Präsident Putin lagen im Juli bei 81 % – weder der russischen Wirtschaft noch der Beliebtheit des Kreml-Chefs konnten die Handelsbeschränkungen also wirklich schaden.  Warum also nun ein weitere Sanktionen?

Die Antwort liefert ein großes Schiff, das zum selben Zeitpunkt in Großbritannien anlandete, als Donald Trump zum G-20-Gipfel in Europa weilte: der erste Transport von Fracking-Gas  aus den USA. Mit der ökologisch bedenklichen und ökonomisch aufwändigen Gewinnung von Erdgas durch Fracking, bei dem Wasser und Chemikalien mit hohem Druck in die Tiefe gepumpt werden, wollen die Vereinigten Staaten künftig Energieexporteur werden. Und Europa, wo die Schiefergas-Förderung nach einem kurzen Hype als gefährlich und unrentabel schon wieder ad acta gelegt wurde, soll den Amerikanern ihren Stoff abkaufen. Was die rohstoffarmen EU-Länder aber nun kaum tun werden, wenn sie sich preiswert und zuverlässig quasi aus der Nachbarschaft versorgen könnten.  Wie über eine zweite Erdgas-Pipeline durch die Ostsee, Nord Stream 2, deren Bau und Finanzierung fünf europäische Konzerne im Juni beschlossen haben. Das vitale Interesse der westeuropäischen Industrieländer, allen voran Deutschland, an zuverlässiger Energieversorgung – und des Rohstoffriesen Russland, diese Nachfrage kostengünstig zu gewährleisten – macht „Nord Stream 2“ zu einer Win-Win-Situation für beide Seiten. Direkt durch die Ostsee statt auf dem Landweg, wo Anrainer mit Transitgebühren die Hand aufhalten, oder, wie die Ukraine, den Stoff illegal gleich selbst abzapfen.

Dass Kanzlerin Merkel und  ihr Vize Gabriel  wegen der amerikanischen Kritik an der zweiten Ostseeröhre schon im Juni  in Richtung Washington relativ lautstark protestierten, zeigt wie essentiell die Sache für den Industriestandort Deutschland ist. Warum ist ein partnerschaftliches Verhältnis von USA, EU und Russland so schwer möglich ? Die Antwort auf diese Frage lautet:  “Dass die energiehungrige EU aus Regionen versorgt wird, die sich nicht dem Diktat des US-Imperiums beugen, läuft der Doktrin der “Full Spectrum Dominance” zu wider und wird von Washington als feindseliger Akt betrachtet.”

So einfach ist das:  “Kauft nicht beim Russen!” lautet die Parole, kauft beim Kopf-Ab-Saudi und den wahabitischen Wickelmützen oder –  noch besser – lasst euch direkt von uns versorgen: mit Fracking-Gas per Schiff – aber keinesfalls direkt und kostengünstig von eurem Ostsee-Nachbarn Russland. Es kann und darf zwischen Europa und Asien, zwischen Deutschland und Russland, keinen friedlichen Handel und “Wandel durch Annäherung” (Willy Brandt) geben, weil dieses kontinentale Zusammenwachsen im ost-mitteleuropäischen “Herzland” – wie es einst der britische Geo-Stratege Mackinder nannte und sein jetzt verstorbener Schüler Zbig  Brzeziński  in „Die einzige Weltmacht“ fortschrieb –  die unipolare Vormachtstellung der Vereinigten Staaten verhindert.

Es geht also bei diesen Sanktionen in erster Linie um Geopolitik und nicht um Ökonomie. Dass die westeuropäischen Regierungen, allen voran die deutsche, sich diesem Diktat massiv verweigern müssen, ist klar, denn sie schneiden sich damit nur selbst ins eigene Fleisch. Russland kann sein Erdgas jederzeit nach China und ganz Asien verkaufen, für Deutschland und die EU aber sind Energie-Importe absolut essentiell. Sich von der ökonomisch wie ökologisch schwachsinnigen Frackingas-Verschiffung aus den USA abhängig zu machen käme einem Selbstmord des Industriestandorts Westeuropa gleich.

Der Kommentar ist heute auf KenFM erschienen und dort auch als mp3 verfügbar

7 Comments

  1. Es gibt dazu allerdings ein paar Fußnoten:
    1.) Auch europäische Länder sind gegen NordStream 2, zuvorderst Polen
    2.) SouthStream wurde auch von Deutschland gekillt.
    3.) Böse Zungen behaupten, dass das auch deshalb geschehen ist, weil die Endpunkte dieser Pipeline nicht nur in Deutschland, sondern auch auf dem Balkan und in Italien lagen:
    https://hintermbusch.wordpress.com/2017/03/11/das-deutsche-europa/
    4.) Es macht keinen Sinn, NordStream 2 blind und mit aller Kraft zu unterstützen, nur weil die Amerikaner dagegen sind.
    5.) Als allererstes müsste die deutsche Politik eine europäische Strategie abstimmen, von der alle europäischen Staaten etwas haben, nicht nur Deutschland
    6.) Mit “Germany first!” wird das nix, höchstens ein Fiasko.

     
  2. In der Tat – nur die deutschen Interessen zu betonen, käme sehr schlecht nach den schlimmen Alleingängen von Merkel : s.v. Austeritätsdiktat und s.v. die ‘große Öffnung’ im September 2015 !
    Andere Länder müssen ins Boot geholt werden – und der Preis muss unschlagbar gut sein – und er wird es sein, denn genau das weiß auch Wladimir Putin !

     
  3. Das kommt dabei heraus wenn man mit den Wölfen heult und blinden Gehorsam gegenüber den USA leistet. Bin gespannt wie sich unsere bündnistreue Regierung da rausmanövrieren will. Da Herr Müller mit seiner Bemerkung zu South Stream recht hat, geht der Kampf nicht nur in Richtung USA!

     
  4. Die Angelsachsen wollten schon immer ein Bündnis von Russland und Deutschland verhindern…und das ist Ihnen bis heute auch gelungen.
    http://swg-hamburg.de/Bucher/Wer_Hitler_maechtig_machte.pdf

    Hört sich heute noch abenteuerlich an…könnte aber Realität werden,
    wenn das Draghi-Brüssel-Europa crashed .

    Eine Allianz aus Frankreich-Deutschland-Polen-Russland ( Raus aus dem Euro-Raus aus der Nato…bilaterale Beistandsverträge…eigener Wirtschafts-und Währungsraum…koordinierte Armeen…eine Achse der ” Guten ”

    Praktisch wie:
    Österreich-Ungarn unter Kaiser Franz-Joseph vor dem 1. Weltkrieg reloaded 🙂

    Das US-Empire wird versuchen, dass zu verhindern.
    http://quer-denken.tv/1273-george-friedman-stratfor-was-seine-rede-fuer-uns-bedeutet/

     
  5. Was kauft man denn beim Russen?

    Gas gibt’s überall. Braucht man nicht ne zweite Röhre durch die Ostsee. Ausserdem solls in Zukunft bei uns ja ökologischer werden. Die Russen solln mal lieber den Polen Gas liefern, damit die nicht nur Kohle verheizen.

    Röhre durch Polen is eh viel günstiger und besser für die Umwelt als das Ding durch die Ostsee zu legen.

     

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