Oa’zapft ist: Die weltweit größte Orgie mit Suchtmitteln hat begonnen

“Schwerste Exzesse von voraussichtlich mehr als sechs Millionen Drogengebrauchern werden heuer wieder beim sogenannten Oktoberfest in München erwartet. 16 Tage und Nächte lang trifft sich auf der Theresienwiese eine internationale Drogenszene zur weltweit größten Orgie mit Suchtmitteln. Die Polizei rechnet mit täglich Zehntausenden von berauschten Probierenden und Dauerkonsumenten aller Altersstufen. Die Rettungsdienste halten rund um die Uhr ein massives Aufgebot an Hilfskräften in Bereitschaft. Allein das Bayerische Rote Kreuz (BRK) hat 73 Ärzte und 831 Sanitäter und Schwestern im Einsatz. In den Kliniken stehen Notfallbetten zur Behandlung akuter Intoxikationen, rauschbedingter Psychosen und Verletzungen bereit. Chillout- Räume mit „Ausnüchterungsliegen“ wurden beim „Schottenhammelzelt“ auf dem Festgelände eingerichtet. Die stark ritualisierte Drogenaufnahme der Abhängigen beginnt mit dem gewaltsamen Öffnen eines riesigen Holzzubers, in dem sich große Mengen der psychoaktiven Substanzen befinden. Unter Aufsagen kultischer Formeln („O`zapft is!“) beginnt der Missbrauch.“

So begann in der „taz“ vor genau 20 Jahren die beste Reportage, die je über die “Massenintoxination in München” geschrieben wurde und weil dieser ethno-pharmakologische Report nach wie vor höchst aktuell ist, zitieren wir – mit Erlaubnis der Autoren Manfred Kriener und Walter Saller – noch ein wenig weiter:

„Als Location dienen vorübergehend installierte Zelte, in denen das Rauschgift aufgenommen wird. Zur Applikation werden gläserne Rundbehältnisse  benutzt, die exakt 1.000 Kubikzentimeter Flüssigkeit fassen –  „Maß“ genannt. In ihnen befindet sich das Rauschmittel: ein durch Vergärung von Gerste entstandenes, leicht bitter bis süßlich schmeckendes Substanzgemisch mit durchschnittlich 3,5 bis 6 Prozent Alkohol, dem pharmakologischen Hauptwirkstoff. Die Drogenaufnahme wird meist von dröhnenden Blechinstrumenten und Schlagwerken begleitet. Eigens von den Rauschgiftherstellern –„Brauereien“– engagierte Vorsänger stacheln den Konsum an: „Oans, zwoa, g`suffa!“…. Der Stoff wird meist von tief dekolletierten Frauen in sexuell aufreizender Tracht („Dirndl“) angeboten. Abgestellte Eichwächter des staatlichen Ordnungsamtes achten darauf, dass die Drogengebraucher nicht durch den Dealer „gelinkt“ werden. Stichprobenartig kontrollieren sie, ob sich in den Behältnissen die bezahlte Menge an Drogen befindet, und gewährleisten so eine standardisierte Rauschtiefe….

„Schon wenige Minuten nach dem Missbrauch der suchterzeugenden Substanz kann eine Euphorie und Bewusstseinsveränderung beobachtet werden. Danach setzt ein Gefühl des Wohlbefindens, der Enthemmung und des verminderten Antriebes ein….

Bei den häufig auftretenden, schweren Überdosierungen kommt es zu lähmenden Wirkungen auf das Zentralnervensystem. Im vergangenen Jahr mussten ambulante Mediziner auf der Theresienwiese 265 schwer Überdosierte notärztlich versorgen.

1996 hat allein in der Bundesrepublik das Rauschgift 40.000 Drogentote gefordert. Die Zahl der Abhängigen wird auf drei Millionen geschätzt….Bei Ausschreitungen der Berauschten muss mit Toten und Schwerverletzten gerechnet werden. In den vergangenen beiden Jahren registrierte die Münchner Polizei in ihrer „Wiesnbilanz“, drei Todesfälle, 905 Körperverletzungen, 13.952 Verwarnungen. 1.121mal mussten die Beamten wegen Raufereien, Messerstechereien und anderen rauschbedingten Straftaten ausrücken. Besonders häufig schlagen die User mit ihren kaum geleerten Drogenbehältnissen aufeinander ein. Die Beschaffungskriminalität ist groß: 490 Diebstähle und 22 Fälle von Raub wurden in den letzten beiden Jahren aktenkundig. Die von der bayerischen Landesregierung geförderte Massenintoxikation endet am Sonntag, 5. Oktober um 23.30 Uhr.”

2017 wird es der 3. Oktober sein, an dem die größte Rauschgiftparty der Welt endet, die „Maß“ kostet dieses Jahr statt zehn Mark 70 zehn Euro 70 und auch ansonsten hat sich an der Bilanz von Rotem Kreuz und Polizei nur wenig geändert – und schon gar nichts verbessert. Die Zahl der Drogentoten durch Alkohol ist seitdem mit 74.000 fast auf das Doppelte gestiegen. Neu in der Oktoberfest-Statistik sind mittlerweile allerdings Festnahmen wegen Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz: 238 Mal mussten die Gesetzeshüter 2016 deshalb einschreiten, meistens weil Besucher Blüten der Hanfpflanze konsumierten. Auch wenn das sogenannte Marihuana weder süchtig macht noch gewalttätig und durch den Genuss noch niemals ein Mensch ums Leben kam – Ordnung muss auf der größten Rauschgiftparty der Welt ja wirklich sein. Wir sind schließlich in Bayern. Hier herrschen Sucht und Ordnung…

Auch als Podcast auf KenFM

Update: Verschiedene bajuwarische Linguistik-Experten haben mich darauf aufmerksam gemacht, dass es nicht “Oa’zapft” (wie in der Überschrift), sondern  “O’zapft”(wie im Text) heißt. Für preußische Ohren schwingt bei diesem bayerischen O” aber immer ein leichtes “a” mit, weshalb es zu dieser lautmalerischen Falschschreibung kam.)

4 Comments

  1. Vor vier Jahren brannten versehentlich kurz vor der Eröffnung alle Münchner Festzelte ab, dann regnete es und der damalige Oberbürgermeister Ude (DER Kämpfer für Linux bzw. LiMux!) musste den Eröffnungsfassanstich in einem Container durchführen 😉 :

  2. lieber roc,
    in lauterer nachfolge der korrekten Katrin (s. kommentar #1) und des entsprechenden ‘korrekteres bayrisch für die welt’ darf bzw. muss hier con permiso doch darauf hingewiesen werden, dass kein richtiger bayer “a’graucht” aus dem hals bringen würde – das wäre definitiv schwäbisch (wobei mir die vorstellung, dass es sich bei dem abgebildeten grüppchen versammelter männer reinrassig um schwaben handelt, so abwegig nicht erschiene), und schwaben sind schwaben sind schwaben, selbst wenn sie einen beträchtlichen teil des bayrischen territoriums okkupieren sollten seit geraumer zeit.
    beim echten no-1 bayern klingt es, analog bzw. gleichgesinnt mit O-zapft (s. o.):
    O-g’raucht
    mit einem zwar versucht-weltoffenen, zugleich freilich strikt befehlenden, also möglichst großem, aber dennoch klar einschränkenden, kommandohaften “O”; wie etwa auch in
    “bOm schankar!”
    🙂

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