Vor einigen Jahren wurde ich eingeladen, in der Kunsthalle Bonn bei der Veranstaltung “Hinter den Spiegeln – Zur Kultur des Spiels und der Schönheit des tiefen Denkens” einen Vortrag zum Thema “Schach und Paranoia” zu halten. Das nahm ich gerne an, denn es ging dabei um einen der großen Helden meiner Jugend, Bobby Fisher, und um die Tatsache, dass Skepsis gegenüber dem Offensichtlichen, permanenter Verdacht und Unglaube gegenüber der Realität auf dem Brett und Hypothesen über mögliche Fallen, Hinterhalte und Verschwörungen zu den Kernkompetenzen des Schachspielers gehören. Und dass es wohl kein Zufall ist, dass die vielleicht größten Jung-Genies der gesamten Schachgeschichte, Bobby Fisher und sein Lieblingsspieler Paul Morphy (1832-1884), im späteren Leben krankhaftem Verfolgungswahn anheim fielen.
An diese dunkle Seite des Schachs, den autistischen, soziopathischen, paranoiden Schatten, mußte ich denken, als ich jetzt zum zweiten Mal die Lebensgeschichte eines Mannes las, der auch ein begeisterter Schachspieler war, dem aber ein Brett nicht ausreichte, sondern der die ganze Welt als Spielfeld betrachtete: Allen Dulles, der Vater der CIA, Anwalt der Wall Street und Meister der verdeckten Operationen, der mit seinen Zügen das 20. Jahrhundert so massiv beeinflusste wie kaum ein anderer Player auf der Bühne der Macht. David Talbot hat mit dem soeben auf Deutsch erschienenen Buch “Das Schachbrett des Teufels – Die CIA, Allen Dulles und der Aufstieg Amerikas heimlicher Regierung”, nicht nur die defintive Biographie des legendären Spionagechefs geschrieben, sondern darüber hinaus eine Chronographie der geheimen Machtpolitik des 20. Jahrhunderts. Von den Verhandlungen in Versailles, in die Allen und sein Bruder John Foster eingebunden waren, über die Nazi-Zeit und den 2. Weltkrieg, in der sie für die US-Investitionen in Deutschland zuständig waren, und im Kalten Krieg, in dem Allen als CIA-Chef und sein Bruder als Außenminister die Außenpolitik der USA als Privatangelegenheit der Dulles-Familie und ihrer Konzernbosse betrieben. Und während der große John Foster auf der Kanzel salbungsvoll von “Demokratie” und “Freiheit” predigte, inszenierte der kleine Allen hinter der Bühne die politischen Morde, Terroranschläge und “regime changes”, die zur Verbeitung dieser “Werte” erwünscht waren – von Guatemala bis Iran, von Puerto Rico bis Frankreich, von Kuba bis Italien.
Dieser distinguierte Pfeifenraucher und Schachspieler im Tweedanzug bewegte sich auf jedem Parkett mit gewinnender Freundlichkeit und schien insofern als das Gegenteil eines Soziopathen, doch es gab nichts und niemanden, den er nicht für seine Zwecke instrumentalisierte. Hinter der Maske des “Gentleman” Allen Dulles steckte ein nahezu empathieloses, gefühlskaltes Wesen, das andere Menschen ohne mit der Wimper zu zucken in den Tod schickte, wenn es ihm “nützlich” schien. “Useful” war sein Lieblingswort, bekundeten seine Frau und seine Geliebte, die für ihn auch nichts anderes waren als eben dies. So wie die hohen Nazis, mit denen er in seinem Büro in Bern schon während des Kriegs lieber an einer anti-kommunistischen Nachkriegsordnung strickte, statt die Nachrichten über die Judenvernichtung nach Washington durchzugeben; so wie Hitlers Top-Spion Reinhard Gehlen, der zum Aufbau der CIA und danach des BND äußerst “nützlich” war, so wie die anderen Nazis vom Kaliber Klaus Barbie, die er über die “Rattenlinie” entkommen und in Südamerika einsetzten lies. Und der die Invasion in der Schweinebucht zum Sturz Fidel Castros bewusst mit drittklassigem Personal ausstattete, um sie scheitern zu lassen und den gerade ins Amt gekommen Präsidenten Kennedy zum militärischen Eingreifen zu zwingen. Als JFK dies verweigerte und Dulles dann als CIA-Chef feuerte, unterschrieb er sein Todesurteil. Dass der dunkle Prinz des Kalten Kriegs weiter die Fäden ziehen und auch vor einem Staatsstreich in Amerika nicht zurückschreckte, diese Infamie des teuflischen Schachspielers Allen Dulles hatte JFK nicht auf der Rechnung.
Wie schon “Brothers”, David Talbots Buch über die ermordeten Kennedy-Brüder, ist auch sein Werk über Allen Dulles nicht nur hervorragend recherchiert und dokumentiert, sondern auch überaus spannend geschrieben. Und erzählt mit dem Porträt eines sich über jedem Recht und aller Moral wähnenden Machtpolitikers auch eine verborgene Geschichte des 20 Jahrhunderts, wie sie die von “Siegern” wie Allen Dulles notorisch geschönten Geschichtsbücher noch nicht kennen. Den shouts, claims und Werbesprüchen auf Buchumschlägen ist ja nur selten zu trauen, der auf der Rückseite diese Buchs aber trifft zu 100 Prozent zu: “Der beste Spionagethriller des Jahres ist keine Fiktion!”
David Talbot:Das Schachbrett des Teufels – Die CIA, Allen Dulles und der Aufstieg Amerikas heimlicher Regierung, Westend-Verlag, 608 Seiten, 28,00 Euro