In einem Nachtzug von Berlin nach Fulda im Jahr 1982 ging ich zum ersten Mal einer Großverschwörung auf die Spur, bei einem Gespräch mit Helmut Höge über Thomas Pynchons gerade deutsch erschienen “Enden der Parabel” und die dort erzählte Geschichte über eine unsterbliche Glühbirne namens Byron. Diese wird von den Häschern des Glühlampenkartells, das die Brenndauer weltweit auf 1000 Stunden herabgesetzt hat, gejagt – denn so etwas darf es natürlich nicht geben. Bevor wir herausfanden, dass es dieses Kartell tatsächlich gab und Pynchon die seit 1901 (bis heute) brennende Birne in der Feuerwache des kalifornischen Livermore zum Vorbild für “Byron” genommen hatte, hatten wir schon in allen möglichen Romanen, Texten, Kunstwerken, Werbeplakaten usw. Glühbirnen entdeckt – und dazu ein Interview mit Thomas Pynchon gemacht. Dieser gab allerdings damals (wie heute) keinerlei Interviews, weshalb wir uns die Antworten ausdachten und dazu noch die Geschichte erfanden, dass er, wie auch zahlreiche andere bekannte Literaten, ihre Werke mittlerweile von einer “Agentur Standard Text” schreiben lassen – die quasi als geheimes Erkennungszeichen an den umöglichsten Stellen Glühbirnen einbaut. Was wir dann anhand zahlreicher Glühbirnen-Zitate aus aktuellen Romanen nachwiesen. Der fiktive Interview-Artikel, der dann in der Buchmessenausgabe der taz erschien, begeisterte nicht nur Pynchons deutschen Verleger Ledig Rowohlt, der seinen berühmten Phantom-Autor ja selbst noch nie zu Gesicht bekommen hatte (“Ja wie haben Sie denn das geschafft ??!”) – dieser Fake war auch der Anfang unserer realen Glühbirnenforschung, die sich als deutlich brisanter herausstellte als der spannendste Roman. Spätestens dann, als Dieter Binninger, der mit der von ihm erfundenen 150.000-Stunden Glühbirne die ehemaligen Narva-Werke der DDR retten wollte, mit seinem Privatflugzeug aus ungeklärter Ursache abstürzte – kurz nachdem sein großer Förderer bei der Treuhand, Detlef Rohwedder, unter ungeklärten Umständen erschossen worden war.
Aus der Nachtzugspinnerei über die “Glühbirnenverschwörung” vor 30 Jahren ist mittlerweile ein veritables Mem und ein echtes Thema geworden, wie eine Google-Eingabe des Begriffs und viele Bücher und Filme zeigen. Und auch die “Energiesparlampenverschwörung” konnte Byron noch nicht den Garaus machen – Birnen werden nun auf dem Schwarzmarkt gehandelt. Binningers Ewigkeitsbirnen jedoch werden noch immer nicht massenhaft gebaut, Narva ist geschluckt und abgewickelt und stattdessen hängt jetzt EU-verordnet giftiges Quecksilber in allen Wohnzimmern. Immerhin dieser Irrsinn sollte jedoch bald wieder der Vergangenheit angehören – dank einer jetzt vorgestellten LED-Birne mit 20 Jahren Lebensdauer. Aber, wie es bei Pynchon heißt: “Byron ist verdammt, bis in alle Ewigkeit weiterzuexistieren, wissend um die Wahrheit und doch machtlos, etwas zu verändern”.
P.S.: Bei einem Gespräch mit Binninger über sein Patent und seine Pläne war mir damals ein kleines Modell aufgefallen, das auf seiner Fensterbank stand, und das er mir begeistert erklärte, es war die “Batterie”, mit der er die Solarenergie seines Wochenendhauses bei Helmstedt speicherte: ein Gewicht, das von einem Elektromotor angehoben wurde, wenn Strom produziert wurde – und das man bei Strombedarf sinken lies um einen Dynamo anzutreiben. Dieser simple und wartungsarme Energiespeicher war nach Binningers Berechnungen allen chemischen Lösungen überlegen. Ich bin dieser Idee damals nicht weiter nachgegangen und zu wenig Ingenieur, um sie zu überprüfen – genial scheint sie immer noch. Und wer weiß, ob nicht auch ein “Batterienkartell” die Kapazitäten unserer Energiespeicher genauso limitiert wie die Brenndauer der Glühbirnen…