Vor ein paar Tagen fragte ein Bekannter, der meine Notizen gesehen hatte, warum ich mir so sicher bin, dass der Krieg für die Ukraine verloren ist. Wenn die NATO wirklich eingreift, meinte er, hat Russland “gegen das 10-fache an Manpower und Waffen” doch keine Chance. Er hatte meine Hinweise und Links auf die technische Überlegenheit der russischen Streitkräfte sowohl in der Luftverteidigung als auch bei den Offensivwaffen übersehen. Eben die ist aber der Grund, warum NATOstan nicht eingreifen wird. Es ist zwar materiell massiv überlegen, aber ebenso massiv und empfindlich verwundbar. Weshalb jetzt die Ukrainer in eine aussichtslose Schlacht gehetzt werden müssen, gegen eine russische Armee die ihnen 10-fach überlegen ist. Ein zynischer, mörderischer Wahnsinn, doch das ficht das Imperium nicht an, es entspricht der Tradition, mit der es seine Kriege führen lässt, von Vasallen und fern der Heimat. Aber diese Zeiten sind vorbei, zumindest was das “Fern der Heimat” betrifft. Am Wochenende haben die russischen Streikräfte zwei große Miltärdepots im Süden und Westen der Ukraine zerstört und dazu zum ersten Mal in der “Operation Z” die hyperschnelle “Kinzhal”-Rakete eingesetzt. Diese ist Lesern dieses Blogs schon seit 2018 bekannt (Dont mess around with Ivan!), als wir sie als game changer im geopolitischen Schach und der globalen militärischen Balance beschrieben haben, mit einem Zitat von Andrei Martyanov, dem Autor von “The (Real) Revolution in Military Affairs”:
“Dies ist geopolitisch, strategisch, operativ, taktisch und psychologisch ein game changer. Es war bereits seit einiger Zeit bekannt, dass die russische Marine eine revolutionäre M=8-fähige 3M22 Zircon-Schiffsabwehrrakete einsetzt. So beeindruckend und praktisch von keiner Luftabwehr angreifbar die Zircon auch ist, die Kinzhal ist einfach schockierend in ihren Fähigkeiten. (..)Kein Luftverteidigungs- oder Raketenabwehrsystem der Welt ist heute in der Lage, irgendetwas dagegen zu unternehmen, und es wird wahrscheinlich Jahrzehnte dauern, ein Gegenmittel zu finden. Genauer gesagt kann kein modernes oder perspektivisches Luftverteidigungssystem, das heute von einer NATO-Flotte eingesetzt wird, auch nur eine einzige Rakete mit solchen Eigenschaften abfangen. Eine Salve von 5-6 solcher Raketen garantiert die Zerstörung eines Flugzeugträger-Kampfverbands oder eines anderen Verbands – und das alles ohne Einsatz von Nuklearmunition.”
Als Wladimir Putin in seiner Rede zum Beginn des Einmarschs sagte, dass jeder, der Russland bei dieser “Operation” behindert mit Reaktionen rechnen muss “wie er sie noch nie erlebt hat”, war nicht die Drohung mit einem Nuklearkrieg gemeint, sondern mit einem konventionellen Einschlag von “Kinzhal”. Dem “Dolch”, der nicht abgefangen werden kann und aus 2000 Kilometern Entfernung auf den Meter genau nicht nur Flugzeugträger treffen und zerstören kann, sondern bei Bedarf auch das Pentagon, Downing Street 10 oder das Kanzleramt. Was sogleich die Frage aufwirft, wofür wir eigentlich weiter Schutzgeld an die NATO und die US-Truppen in Deutschland zahlen, wenn sie nicht einmal den Sitz der Bundesregierung verteidigen können und alles andere genauso wenig.
Hallo Olaf, bitte mal herhören: was nützt eigentlich ein “Verteidigungsbündnis”, das weder Dich noch mich noch das ganze Land verteidigen kann ? Sollte man sich da – aus Sicherheitsgründen – nicht besser mit jemanden zusammentun, der in der Lage ist, uns wirklich zu schützen ? Oder anders herum: wenn ein starker Beschützer nicht zur Hand ist, lege ich mich dann als “Kriegskanzler” mit jemandem an, der mich mit einem einfachen Knopfdruck ins Jenseits befördern kann ?
Doch eher nicht, aber solche Fragen scheint sich in der Bundesregierung niemand zu stellen, weshalb man im Rahmen der “wertebasierten Außenpolitik” jetzt lieber 100 Milliarden Euro in Aufrüstung und Waffen investiert. Die gegen Kinzhal, Zircon & Co rein gar nichts ausrichten können. Auch nicht das ultrateure Prachtstück von Lockheed-Martin, der Kampfjet F-35, von dem man jetzt drei Dutzend zum Stückpreis von 8o Millionen Dollar kaufen will, weil er laut Angaben des Herstellers über Tarneigenschaften verfügt, die ihn für die gegnerische Luftabwehr unsichtbar machen. Freilich nur, wenn der Gegner nicht über ein IADS (Integrated Air Defense System) wie das russische S400 /S500 verfügt, die den anfliegenden “Tarnkappenbomber” schon aus 200 km Entfernung sichten und abschiessen kann. Um nur eine einzige S-400 Batterie auszuschalten bräuchte es nach Schätzungen den Angriff von mindestens einem Dutzend F-35, von denen dann 10 oder 11 nicht mehr nach Hause kommen. Kriegskanzler Scholz hat also die Chance, seine chice F-35-Flotte locker an einem Tag zu verschrotten, was wiederum die Frage aufwirft, warum eine Regierung für derart potentiellen Schrott überhaupt Geld ausgibt ?
Das fragt aber niemand, weil die westliche Debatte derzeit ausschließlich moralisch und emotional geführt wird und und die militärischen und technischen Gegegebenheiten “on the ground” einfach ausblendet. Was in der Folge, wenn die Ukie-Armee mal einen russischen Panzer getroffen hat, sofort zu haltlosen Jubelartikeln über “Russlands Scheitern” oder “Putins Untergang” führt. Wozu die ernüchternde Statistik, die das Russische Verteidgungsministerium täglich aktualisiert, dem westlichen Publikum freilich vorenthalten werden muss: “Insgesamt wurden bei der Operation 230 unbemannte Luftfahrzeuge, 181 Flugabwehrraketensysteme, 1.528 Panzer und andere gepanzerte Kampffahrzeuge, 154 Mehrfachraketenabschussanlagen, 602 Feldartillerie- und Mörseranlagen sowie 1.312 Einheiten von militärischen Spezialfahrzeugen der ukrainischen Streitkräfte zerstört.”
Willkommen auf den Schrottplätzen der ukrainischen Armee, deren Ausmaß wir aber nicht schildern oder zeigen, weil dies den Kampfgeist der Ukrainer schwächen würde, die schließlich bis zum letzten Mann und zur letzten Patrone kämpfen sollen. Da lassen wie lieber Zelensky im US-Kongreß mal eine kämpferische Rede halten, der Mann ist schließlich Schauspieler:
“Zelenskys Worte und sein Video hatten in den westlichen Hauptstädten eine starke emotionale Wirkung, die eindeutig darauf abzielte, eine aufgeheizte Atmosphäre der Emotionen zu schüren, die fast zum Erliegen gekommen war. Diese emotionale Aufladung verstärkt die Angst vor dem Niedergang Amerikas und die Anzeichen dafür, dass sich immer weniger Länder instinktiv den USA beugen, so wie sie es in der Vergangenheit getan haben. Das ist beunruhigend. Es kann aggressive Gefühle auslösen, die darauf abzielen, es demjenigen heimzuzahlen, der die Vorstellung von einer Nation mit einem einzigartigen Schicksal herabwürdigt. Dieser emotionale Inhalt macht westliche Kommentatoren bereits blind für die militärischen Realitäten vor Ort, die von den täglichen Berichten über herzzerreißende Gräueltaten ignoriert und verdrängt werden. Im heutigen Westen ist die Analyse zu einem bloßen Ausdruck der korrekten Kultur geworden, und jede Erwähnung der Realitäten vor Ort ist fast ein Verbrechen. Dies ist der perfekte Rahmen, um Fehler zu begehen.” (Alastair Crooke: The Potential Catastrophe of Misperceiving ‘Total War’ as Tactical War)
Das ist der Punkt: die hysterische Emotionalisierung des Konflikts, das Ausblenden der Realität vor Ort und ihre Reduktion auf herzreißende Gräueltaten, böse Russen und teuflischen Putin erstickt jede rationale Analyse im Keim. Eine solche ist aber Voraussetzung für das Finden rationaler Lösungen. Wer Leid reduzieren und den Krieg beenden will, darf sich nicht von Emotionen leiten lassen, sondern muss die Lage erkennen und Auswege suchen. Das US-Imperium hat daran kein Interesse, denn für sein Kriegsziel – Regime Change in Moskau – ist ein möglichst langer, Russland schwächender Guerillakrieg in der Ukraine das Mittel der Wahl. Doch dieser Kontext ist wie jeder Hintergrund und Zusammenhang dieses Kriegs unter einem in dieser Form nie dagewesenen anti-russischen Propaganda-Tsunami nahezu verschwunden.
Die westlichen Medien senden nur noch in manichäischem Schwarz/Weiß – wir sind die Guten, Russland ultraböse – und da die “Feindsender” abgeschaltet und zensiert werden, ist das Publikum zwecks Meinungsbildung allein auf den “Volksempfänger” angewiesen. Weil er dem nicht traute, hatte mein Großvater im 2. Weltkrieg auf dem Speicher ein Radio versteckt, über das er BBC und andere “Feindsender” hörte, um sich – audiatur et altera pars – im Propaganda-Nebel des Kriegs selbst ein Bild über die Lage “on the ground” zu machen.
Solche Recherchen scheinen auch heute wieder sehr nötig, um sich übergrundlegende Daten und Fakten zu informieren. Dazu gehören bei einer militärischen Auseinandersetzung zuallerst die Informationen über die Stärke, die manpower und firepower, des Gegners:”Kenne deinen Feind!” – wozu im aktuellen Fall die Kenntnis des einschneidenden, historischen Paradigmenwechsels der Militärtechnik gehört, der die Geopolitik des 21. Jahrhunderts prägen wird: das Erscheinen von “Kinzhal” und weiterer hypersonischer Waffen markiert das Ende der “einzigen Weltmacht” USA und seiner Vision globaler “Full Spectrum Dominance”. Ihr unipolares Zeitalter “billiger Kriege”, die weit weg und risikofrei geführt werden, ist vorüber. Jeder US-Krieg kann ab sofort direkte Konsequenzen in der Heimat haben
Was bedeutet: Wäre Wladimir Putin tatsächlich der ultraböse Wahnsinnige, als der er derzeit in unseren “Qualitätsmedien” erscheint, könnte er morgen – stinkwütend über die neuesten Beleidigungen – mal kurz die Büros von Biden oder Johnson oder der BBC und New York Times ins Kinzhal-Visier nehmen lassen und Rummms! wär da einiges kaputt – ganz konventionell, ohne Nuklearkatastrophe und Kollateralschäden. Und vor allem: ohne dass es irgendeine Verteidigung dagegen gibt, dass es morgen wieder passiert. Lassen Sie diesen geopolitisch revolutionären Paradigmenwechsel mal sacken und denken Sie darüber nach.
Dem exzeptionalistischen Imperium und seinen eingebildeten Think-Tankern fällt das schwer, sie glauben in ihrer Hybris immer noch, mit NATOstan über die größte und beste und unschlagbarste Armee aller Zeiten zu verfügen und mit der Verbreitung von “Freiheit”, “Demokratie” und “Menschenrechten” (wie zuletzt in Afghanistan, Irak, Libyen und Syrien) dem Rest der Welt ihren Willen aufzwingen zu können. Aber diese Zeiten sind definitiv vorbei. Wie die Hiroshima-Bombe einst ein neues “Gleichgewicht des Schreckens” zwischen den Weltmächten diktierte, wird das Bedrohungsszenario der hyperschnellen Raketen neue militärische Balancen definieren, in der kommenden multipolaren Welt.
(wird fortgesetzt)
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