Mit Freund Hein muss ich jetzt mal ein ernstes Wort reden, auch wenn schon seit 1650 jeder weiß, dass der Kerl einfach nicht hören will: „Freund Hein läßt sich abwenden nit, mit Gewalt, mit Güt, mit Treu und Bitt.“ Aber wie der Sensenmann seit einiger Zeit im Kreis meiner Familie und Freunde wütet und ein Leben nach dem anderen viel zu früh abrasiert, ist über alle Maßen unfair. Statt die Sense bei den Millionen Arschlöchern und Drecksäcken dieser Welt anzusetzen, erntet er rücksichtslos eine gute Seele nach der anderen ab. Und pfeift drauf, wenn ich dann heulend und verlassen da sitze und ihm sage, dass er als Nächsten doch gleich mich selbst holen soll, denn was soll ich noch ohne Frau und ohne Freunde in dieser Welt voller gottverdammter Arschlöcher. Zum Glück sind da Kinder und Enkel und der Gedanke an sie kann diese dunkle Stimmung wieder ein bisschen aufhellen – aber mit jedem Besuch auf der Sterbestation und dem Friedhof wird das schwieriger.
Gestern hat er meinen wunderbaren Freund Christoph Ludszuweit geholt, der ihm vor 1,5 Jahren schon einmal von der Schippe gesprungen war und nach 5 Wochen im künstlichen Koma, in das man ihn nach einer Krebs-OP versetzt hatte, wieder ins Leben zurück fand. Dass es nicht mehr lange währen würde, war ihm ebenso klar wie dass es jetzt vor allem darauf ankommt, es in vollen Zügen zu genießen – mit Lust und Liebe, mit Reisen und Räuschen, mit Drums und Dub und good vibrations. Und bis zum letzten Atemzug mit der Kraft und Kreativität, die ihn immer auszeichnete. Als Verleger und Promoter für Musik und Literatur, als Autor und Germanist, der noch bis vor wenigen Wochen Veranstaltungen zum Jubiläumsjahr 2019 des anarchistischen Schriftstellers B.Traven plante, über den er seine Doktorarbeit geschrieben hatte, als Liebhaber der Kulturen und Musik Afrikas, wo er mehr als zehn Jahre an Universitäten tätig war. Dass er sich am letzten Wochenende seines Lebens mit allerletzter Kraft einfach eine Auszeit von der Sterbestation im Krankenhaus nahm, um ein Konzert von Youssou N’dour in Brüssel zu besuchen, das war so typisch Christoph, wie man es nur denken kann. Nie kam ihm im letzten Jahr ein Wort des Jammers über die Lippen, über die Krankheit die in seinem Inneren wucherte, stattdessen Freude über den Freifahrtschein der Bahn, den er als Schwerbehinderter intensiv nutzte. Immer weiter, onward through the fog, auf der Suche nach Freiheit und Glück.
Wie er mit unserem gemeinsamen Freund Gerhard Seyfried 1979 eine der ersten Wohnungen in Kreuzberg besetzte, wurde gerade unlängst noch einmal im „Spiegel“ erzählt , die Geschichten über seine Zeit in Namibia und Nigeria, wo er u.a. für die taz den Nobelpreisträger Wole Soyinka interviewte und den Grandmaster des Afrobeat, Fela Kuti, besuchte, wollte er alle noch selbst aufschreiben. Er hatte noch so viel vor. Das große JA auf der Jamaica-Mütze, die er sich zulegte, als wir seinen Freund P.P.Zahl auf der Insel besuchten und die er bis zum Ende immer trug, war Programm. Und so hat er auch sein Schicksal angenommen, klaglos: “Ich hatte doch ein glückliches Leben”, hat er in letzter Zeit oft gesagt. Gerhard und ich nannten Christoph wegen seiner Zerstreutheit manchmal Dr.Schusselweit – und waren überzeugt, dass er mindestens zwei wenn nicht drei Schutzengel haben müsste, die ihn auf Erden und bei seinen vielen Reisen immer schadlos hielten. Dass sie ihn jetzt auf seiner letzten großen Reise begleiten und es ihm gut geht ist der einzige Trost, der uns bleibt.







