Am Wochenende haben wir das Buch, an dem ich in letzter Zeit gearbeitet habe, auf der Genossenschaftsversammlung der taz vorgestellt – und weil es wirklich groß (Format 270 x 370 mm, 400 Seiten) und sehr schön geworden ist, ist das Werk auf ziemliche Begeisterung gestossen. Wer an (Medien-)Geschichte interessiert, wird von dieser Zeit(ungs)reise durch vier Jahrzehnte Weltpolitik und das Innenleben der einst “größten Schülerzeitung der Welt” kaum enttäuscht werden, sondern sich beim Blättern mit Aaahs und Oohs an Vieles erinnern.
Für die Nachdenkseiten habe ich mit Marcus Klöckner über die Geschichte der Zeitung und darüber gesprochen, warum alternative Medien heute mindestens so notwendig sind wie vor 40 Jahren:
Die „alternative“ Tageszeitung taz feiert 40. Jubiläum. Sie
waren Gründungsmitglied und haben sich gerade für ein Buchprojekt durch
das Archiv der taz gewühlt. Was war das für eine Zeitung, als sie an den
Start ging?
„Wir haben keine Chance, aber wir nutzen sie“, war das Motto der
ersten Nullnummer, die im September 1978 erschien – zu einer Zeit, als
außer der taz noch eine weitere Tageszeitung aus der linken Ecke im
Entstehen war – „Die Neue“ – die mit einigen professionellen
Journalisten und etwas Geld startete. Dem „Sponti-Projekt“ taz, das ohne
Kapital und journalistisches Know How an den Start ging – unter den
etwa 50 Gründerinnen und Gründern hatte kaum eine Handvoll schon einmal
eine Redaktion von innen gesehen – traute kein „Experte“ mehr als einen
kurzen Sommer zu. Doch den überlebte „Die Neue“ dann nicht. Die taz aber
hatte das Crowdfunding erfunden, bevor es das Wort dafür gab: 1534
Vertrauensselige bezahlten Anfang November 1978 ihr Vorausabo für eine
Tageszeitung, die es noch gar nicht gab. Ein halbes Jahr später erschien
sie und lebte und wirtschaftete in den ersten zehn Jahren mit und von
diesem Vertrauensvorschuss ihrer Abonnenten – und den gab es, weil sich
die frühe taz weniger als journalistisches, sondern als politisches
Projekt verstand. Das wird auch aus dem Buch über die letzten 40 Jahre
Zeit- und Zeitungs-Geschichte, das wir gerade zusammengestellt haben,
sehr deutlich. Niemand kam zur taz, weil er nur einen Job suchte – die
gab’s anderswo und deutlich besser bezahlt Ende der 70er ja noch
überall.
Also gab es offensichtlich Bedarf an einem „alternativen“ Medium?
Der „Deutsche Herbst“ 1977 und die Hysterie angesichts des
RAF-Terrors hatte ja zu einer regelrechten Gleichschaltung der Medien
geführt. Wer mit längeren Haaren und Lederjacke in einem 2 CV mit
Anti-AKW-Aufkleber herumfuhr, war damals quasi schon Terror-Sympathisant
und wurde von der Polizei entsprechend behandelt. Friedliche Proteste
gegen Atomkraftwerke wurden generalstabsmäßig niedergeknüppelt, es war,
wie ein Filmtitel lautete, eine „bleierne Zeit“. In vielen Regionen
entstanden alternative Stadtzeitungen, die aus anderer Perspektive und
aus Sicht der Betroffenen berichteten. In Frankfurt waren das zum
Beispiel der „Informationsdienst für unterbliebene Nachrichten“ und der
„Pflasterstrand“ und in Berlin hatte sich im Umfeld des
„Tunix“-Kongresses eine Initiativgruppe gebildet, mit Christian Ströbele
als juristischem Berater und Manager, und aus diesen Initiativen
entstand dann die taz. „Objektivität – nein Danke!“ lautete die erste
These im „Prospekt Tageszeitung“, mit dem sich das Projekt erstmals
vorstellte und um Vorausabos warb. Es ging nicht um Ausgewogenheit,
sondern um Parteilichkeit – für die Befreiungsbewegungen in
Lateinamerika, für die Frauenbewegung, für Ökologie, für Hausbesetzungen
statt Kahlschlagsanierung, für Abrüstung statt „Pershing 2“, kurz: für
Alternativen zum Bestehenden.
Durch das Internet gibt es heute eine Vielzahl an
alternativen Medien und Formaten. Da scheint es einen zeitübergreifenden
Bedarf zu geben, oder?
Den gibt es selbstverständlich, weil sich seit den 1970er Jahren
wenig geändert hat an grundsätzlichen Strukturen und Problemen.
Alternativen zur Destruktivität unseres Finanz- und Wirtschaftssystems
sind notwendiger denn je – und sie aufzuzeigen und in die Köpfe zu
bringen, wäre Aufgabe der alternativen Medien. Eigentlich auch des
öffentlich-rechtlichen Rundfunks, der als vierte Säule der Demokratie
verfassungsgemäß zur Kontrolle der Politik und der Macht berufen ist, in
der Regel aber nur noch als ihr Lautsprecher fungiert. Und da der Rest
der Medien, der in Privatkonzernen zwecks Gewinnmaximierung agiert,
letztlich auch nur Lautsprecher sein darf, ist der Bedarf an
alternativen Non-Profit-Medien ohne Frage mehr als gegeben. Von daher
eindeutig: Ja, wir brauchen alternative Medien! Die taz hat ihren
Mitarbeitenden stets sehr magere Löhne gezahlt und nur überlebt, weil
sie sich 1991 als Genossenschaft organisierte, deren Ziel nicht eine
jährliche Rendite ist, sondern jeden Morgen eine gute Zeitung. Nur mit
einer solchen Gemeinschaft konnte die Zeitung 40 Jahre durchhalten – und
ohne eine solche Gemeinschaft im Rücken kann auch in Zukunft kein
unabhängiges Medium existieren.
Welche Überschneidungen und Unterschiede zwischen der taz von damals und alternativer Medien von heute sehen Sie?
Die Reichweite, die das Netz heute bietet, hätten wir uns damals
natürlich gewünscht. Die taz war dann zwar als erste deutsche
Tageszeitung im „weltweiten Computerverbund Internet“ (O-Ton 1995)
digital verfügbar, aber auch kein Profiteur der Dotcom-Blase. Im
Vergleich zur taz-Gründung und dem Aufwand, eine Zeitung zu drucken und
auszuliefern, herrschen ja heute, was die Verbreitung von Nachrichten
betrifft, geradezu paradiesische Zustände. Was aber die Erstellung von
Nachrichten betrifft, hat sich wenig geändert: Guter Journalismus
bedeutet Aufwand, produziert Kosten und ist nicht umsonst zu haben. Und
wer nicht zum Lautsprecher irgendeines Profiteurs werden und unabhängig
berichten will, kommt ohne eine „Community“, am besten eine
Genossenschaft, die diese Unabhängigkeit finanziert, nicht aus. Das gilt
für alles und jeden, die sich mit Nachrichten jenseits des Mainstreams
zu Wort melden.
Können Sie uns einen Einblick in den Alltag der taz von damals geben? Wie ging es damals in der Redaktion zu?
Die taz verstand sich als Kollektiv, das sich einen Einheitslohn von
800 DM für Hand-und Kopfarbeit auszahlte und alle grundlegenden
Entscheidungen auf einer wöchentlichen Kollektivsitzung traf. Weil aber
nie alle einer Meinung waren und mehrheitlich entschieden wurde, gab es
immer Fraktionen und Interessengruppen, die unterschiedliche Ziele
verfolgten. Wenn bei den morgendlichen Redaktionskonferenzen der
begrenzte Raum auf den Seiten aufgeteilt werden musste, gab es oft
heftige Diskussionen. Von verschiedenen externen Aktivisten, die ihre
Anliegen in der taz nicht vertreten sahen, wurde die Redaktion dann auch
häufiger besetzt. „taz lügt!“ war schon lange vor dem Stigma
„Lügenpresse“ eine verbreitete Parole an Kreuzberger Hauswänden, wo die
meisten tazlerInnen lebten. Den Autonomen war die taz nicht militant
genug, den linken, kommunistischen Gruppen war sie zu undogmatisch,
sowohl der Stasi als auch dem Verfassungsschutz war sie nicht geheuer
und sie platzierten dort ihre Spitzel. Dass aus all dem Chaos täglich
eine Zeitung entstand, ist eigentlich ein Wunder. Die frühe taz war ein
Labor für viele Debatten und Ideen, die im Mainstream erst viele Jahre
später ankamen – eine Frauenquote zum Beispiel wurde nach einem Streit
um sexistische Texte schon 1980 beschlossen, Ökologie und nachhaltige
Wirtschaft waren von Beginn an ein Thema und nach der
Tschernobyl-Katastrophe 1986 verdoppelten sich die Abos in kurzer Zeit.
So anstrengend und nervig dieses hierarchiefreie, kollektivistische
Arbeiten auch war, so hatte dieses Kollektiv doch erstaunliche
seismographische Fühler für sehr viele gesellschaftliche Problemfelder.
Dass sich daraus schon aus Gründen der Effizienz dann flache Hierarchien
entwickelten und Chefredaktion und Ressortleitungen eingeführt wurden,
hat die Arbeit an der Zeitung zwar durchaus erleichtert, die unter dem
Stichwort „Professionalisierung“ vorangetriebenen Änderungen führten
aber auch zur einer Normalisierung der Inhalte. Ähnlich wie die
„Grünen“, die ihre radikalen und pazifistischen Prinzipen erst kappen
mussten, um an politische Positionen zu kommen, verabschiedete sich auch
die taz schrittweise von ihren Wurzeln, wurde „realpolitisch“ und
durfte dann irgendwann auch im „Presseclub“ mitspielen.
Und heute? Wie sieht es heute in der Redaktion aus?
Ich habe die Redaktion Anfang der 90er Jahre verlassen, weil ich selbst mehr schreiben wollte, statt jeden Tag das Feuilleton zu machen und Texte von anderen zu redigieren; seit 2006 berate ich den taz-Verlag in Sachen digitale Transformation, bin aber kein Mitglied der Redaktion und habe dort keine tieferen Einblicke. Als ich bei einer Strategie-Runde einmal vorschlug, wir sollten die nächsten zehn freiwerdenden Redaktionsstellen mit Leuten besetzen, die NICHT von Journalistenschulen kommen, erntete ich viele böse Blicke, weil viele wohl solche besucht haben. Mein Vorschlag richtete sich aber gar nicht gegen diese Einrichtungen, da kommen ja viele kluge und nette Journalisten raus, du kannst sie heute im Sport-Ressort, morgen bei der Kultur und übermorgen als Wirtschaftsredakteur einsetzen und nirgends schreiben sie wirklichen Unsinn. Aber sie schreiben auch nichts wirklich Gutes, weil sie für nichts brennen und eigentlich kein Thema haben, das sie wirklich interessiert. Sie haben einfach nicht mehr so die Wut und die Verve im Bauch wie die Gründergeneration der taz – und ein wenig von diesem Elan, dachte ich, könnte die aktuelle taz jetzt brauchen……
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“40 Jahre taz – Das Buch”, 400 Seiten, Großformat, Hardcover, 40 Euro. ISBN 978-3-937683-72-0. Versandkostenfrei im taz-shop und überall im Buchhandel.