Putins Koch und die Wilde Dreizehn

Wie schon die amerikanischen Demokraten sind jetzt auch die deutschen Sozialdemokraten von russischen Trollbrigaden bedroht. Aktuell im Visier der Behörden: Die Wilde Dreizehn. Hier mit Jim Knopf und Lukas dem Lokomotivführer (4. und 5. v.l.) .

(Mit Update) Bevor wir zum Drama der SPD kommen, ein Disclaimer: ich war da mal Mitglied! Willy Brandt stand zum ersten Mal zur Wahl und ich vor der Verhandlung zur Anerkennung der Kriegsdienstverweigerung. Dabei handelte es sich um eine gerichtsähnliche Befragung, bei der eine Kommission die pazifistischen Motive des Verweigerers überprüfen wollte. Mit Fragen wie: „Stellen Sie sich vor, sie gehen mit ihrer Freundin im Wald spazieren und es kommen zwei Russen mit einer Waffe aus dem Gebüsch und drohen mit Gewalt. Würden Sie dann nicht auch zur Waffe greifen?“ Mit solchen Fangfragen wurde versucht, den Kandidaten in die Enge zu treiben, um seinen Antrag dann abzuweisen und ihn zur Bundeswehr zu schicken. Ich fand das unwürdig und unverschämt, und war begeistert, dass im Wahlprogramm der SPD die Abschaffung dieser Verhandlungen gefordert wurde. Eine einfache Erklärung des Wehrpflichtigen, statt Ausbildung an der Waffe Zivildienst zu leisten, sollte künftig reichen. Darum trat ich in die Partei ein, demonstrierte gegen den Alt-Nazi Kiesinger, der für die CDU kandidierte, und machte als Erstwähler mein Kreuzchen für die SPD.

Doch kaum war Willy gewählt und die erste SPD-Regierung der Bundesrepublik im Amt, wurde ein gewisser Schorsch Leber Verteidigungsminister und verkündete, dass man zu wenig Soldaten habe und Kriegsdienstverweigerer sich auch weiterhin diesen Befragungen stellen müssten. Da zerriss ich mein Parteibuch und schickte es mit einem bösen Brief an die Geschäftsstelle zurück.

Den bekannten Spruch der Linken: „Wer hat uns verraten, Sozialdemokraten!“ kannte ich damals noch nicht, sonst hätte ich ihn darunter geschrieben, denn ich fühlte mich persönlich verraten von dieser Partei. Das ist lange her, aber gelernt ist gelernt, und seitdem kann mich bei der SPD nichts mehr erschüttern, sie ist einfach die Umfallerpartei schlechthin. Und wenn sie so weitermacht bald nur noch einstellig bei den Wahlergebnissen.

Doch als ich letzte Woche die Umfrage mit 16% für die Sozialdemokraten schon mit „selber schuld“ quittieren wollte, ereilte mich eine Meldung der „Tagesschau“, dass jemand anderes an diesem Niedergang der SPD  schuld ist: die Russen!

„Ein Russe namens „Juri“ aus St. Petersburg“, so meldet Deutschlands führende Nachrichtensendung, soll dem Juso-Vorsitzenden Kühnert „Unterstützung bei der Kampagne gegen die Neuauflage der Großen Koalition angeboten haben. Kühnert habe diese Hilfe gerne angenommen, so der angebliche Informant.“

Mal abgesehen davon, dass es jetzt nicht mehr lange dauern kann, bis ein Mann namens Hase, der angeblich von nichts weiß, als angeblicher Informant der „Tagesschau“ auftaucht, ist nun aber wenigstens klar, wer für das Drama bei den Sozen verantwortlich ist: nicht die Schulzes, Gabriels, Nahles, sondern der Gottseibeiuns Putin, der jetzt auch die SPD unterwandert und destabilisiert.

So wie er es ja schon in Amerika getan hat, als er Donald Trump auf den Thron hievte. Das hat jetzt nach neun Monaten akribischer Recherchen der Ermittlungsausschuss unter dem ehemaligen FBI-Chef Mueller aufgezeigt, und 13 Russen angeklagt. Der Kopf der Wilden Dreizehn, ein reicher Gastronom, der auch „Putins Koch“ genannt wird, soll eine „Verschwörung“ zur Einmischung in den US-Wahlkampf finanziert haben, mit dem Ziel Hillary Clinton zu kritisieren und Bernie Sanders und Trump zu unterstützen. Dieser „Informationskrieg“, so der stellvertretende Justizminister Rod Rosenstein, hätte allerdings „den Ausgang der Wahl nicht beeinflusst“.

Wie bitte? Ein russischer Koch wird angeklagt, weil er Geld sammelte, um in den Social Media Anti-Clinton-Werbung für Sanders und Trump zu machen, was aber den Ausgang der Wahl gar nicht beeinflusst hat. Wahnsinn! – hätten wir noch Karneval käme an diesem Punkt der Büttenrede ein Tusch, wären wir in einer Seifenoper, käme die Lachmaschine vom Band – wir sind aber in der großen Politik und dürfen nicht lachen. Denn die Anklageschrift, so teilt das ehemalige Nachrichtenmagazin mit, „ist ein einmaliges Dokument: Erstmals erhält die Öffentlichkeit einen präzisen und detaillierten Einblick in den geheimen Wahlkampf russischer Agenten in den USA zwischen 2014 und 2016.“

Wow! Präzise und detailliert kann man da nachlesen, wie  die  Wilde 13 doch tatsächlich Twitter- und Facebook-Accounts unter falschem Namen eröffnet und Anti-Hillary-Botschaften gepostet hat – und sogar „über hundert Amerikaner“ kontaktiert haben soll. Und das mitten im Wahlkampf, dessen Ausgang davon aber nicht tangiert wurde. Wahnsinn, diese russischen Agenten!

Großspurig angekündigte und kläglich gescheiterte Vorhaben werden ja gern als Tiger bezeichnet, die als Bettvorleger enden. Aber das wäre in diesem Fall übertrieben. Nicht der Tiger, der in 9 Monaten Großermittlung auf allen Kanälen täglich „Russiagate“ fauchte, sondern der Bettvorleger. Dass er von der „Tagesschau“ jetzt schon mal prophylaktisch der SPD untergeschoben wird, falls mit der GroKo was schiefgeht, ist beruhigend. Wie bei Hillary in Amerika können auch bei den  Schulzens und Scholzens nur russische Trolle schuld am Niedergang der Sozialdemokraten sein. Gegen die Wilde Dreizehn ist einfach kein Kraut gewachsen….

Auch als Podcast auf KenFM

Update: “Juri aus St.Petersburg”, der es als Troll bis in die “Tagesschau” schaffte, ist entarnt: er stammt aus der Redaktion der “Titanic” und meldete sich als Informant per email zuerst bei “Bild”, die sogleich einen Aufmacher daraus bastelte. Fake oder Nicht-Fake ist nicht mehr Frage, wenn etwas gleich doppelt in die Kampagne passt (gegen Jusos, gegen Russland) kommt’s auf die Titelseite und von da in alle Wiederholungsschleifen, bis in Dr. Gniffkes “Tagesschau”.

Die andere Biologie der Lynn Margulis

Nicht-wissenschaftlichen Leserinnen und Lesern ein Buch über die „serielle primäre Endo-Symbiontentheorie“ zu empfehlen, mag auf den ersten Blick merkwürdig erscheinen. Die meisten werden davon noch nie gehört haben und können nur raten, dass es wohl irgendetwas mit „Symbiose“ – dem Zusammenleben ungleichartiger Lebewesen – zu tun haben könnte. Das hat es, und ist damit hoffentlich schon ein Stück näher in das Spektrum eines gesellschaftspolitisch interessanten Themas gerückt. Wenn wir hinzufügen, dass die erste wissenschaftliche Arbeit zu diesem Thema von zwölf wissenschaftlichen Verlagen wegen ihres „revolutionären Inhalts“ abgelehnt wurde, könnte bei kritischen Geistern schon ein wenig Interesse geweckt sein, Bedeutung und Hintergründe dieser merkwürdigen Unwort-Theorie kennenzulernen. Und wenn wir dann noch behaupten, dass hier Darwins Evolutionstheorie von Mutation und Selektion im Kampf ums Dasein als Halbwahrheit enttarnt wird, ist die Neugierde hoffentlich da.

Dass 1966 die erste große Forschungsarbeit der 28-jährigen Lynn Sagan – verheiratet mit dem bekannten Astronomen Carl Sagan und Mutter zweier Kinder – von einem Dutzend Fachverlagen abgelehnt worden war, hatte damit zu tun, dass ihre Entdeckungen der herrschenden Lehrmeinung der Biologie und Evolutionsforschung zuwiderliefen. Diese Lehrmeinung – dass sich die Vielfalt der Lebewesen auf diesem Planeten durch zufällige genetische Mutationen entwickelte, von denen sich dann die Fittesten im Kampf ums Dasein durchgesetzt haben – steht zwar noch heute in jedem Schulbuch, erschüttert wurde sie aber schon von Sagans Arbeit mit dem kühnen Titel „Über den Ursprung sich durch Mitose teilender Zellen“ („Origin of Mitosing Cells“). Kühn war das angesichts des Darwin-Klassikers „Über den Ursprung der Arten“, denn da alle Spezies aus Zellen bestehen, machte sich hier jemand anheischig, an den wirklichen Ursprung des Lebens zurückzugehen, in die Zeit vor 1,6 Milliarden Jahren. Und „revolutionär“ war die These, die die Autorin aufstellte, dass sich nämlich mehrzellige Lebewesen – die Vorfahren aller Pilze, Pflanzen und Tiere – nicht aufgrund von Mutationen und Selektionen entwickelt haben, sondern durch Kooperation und Symbiose.

Auf Kooperation aus Kreisen der Evolutionsbiologie konnte eine Wissenschaftlerin mit einer solchen These jedenfalls nicht setzen – nicht nur, weil sie unbekannt und weiblich war, sondern vor allem, weil sie an einem grundlegenden Paradigma des Darwinismus rüttelte: dem Kampf ums Dasein als einzigem Motor der Evolution. Doch die orthodoxe Fachwissenschaft hatte ihre Rechnung ohne diese Kämpferin gemacht, die nach ihrem zweiten Ehemann jetzt Lynn Margulis hieß und nicht nur zwei weitere Kinder bekam, sondern auch unermüdlich weiter forschte und Bestätigung über Bestätigung für ihre These fand. So zählt die „serielle primäre Endo-Symbiontentheorie“ zwar heute zum Standardwissen der Biologie, die Revolution aber, die die 2011 verstorbene Lynn Margulis im Sinn hatte, ist noch lange nicht am Ziel.

Auf Augenhöhe mit Darwin

„Endo-“ heißt „innen“ und die in der Biologie schon lange bekannten Formen des Zusammenlebens verschiedener Lebewesen ins Innere der Zelle zu verlegen – und zwar nicht als Ausnahme, sondern als Regel (seriell), nicht zufällig in irgendwelchen Nischen entstehend, sondern ursprünglich (primär) – das war das Neuartige an Margulis’ Theorie. Schon in den 1920-er Jahren hatten russische Geo- und Mikrobiologen in dieser Richtung geforscht, jetzt aber konnte mittels Gen-Analysen sehr viel genauer ermittelt werden, wie vor 1000 Millionen Jahren aus den ersten Einzellern und Bakterien mehrzellige Lebewesen entstanden. Margulis konnte zeigen, dass die kleinen Organe der Zellen – die Mitochondrien der atmenden Tiere und die Chloroplasten der Photosynthese treibenden Pflanzen – einst freilebende Bakterien waren, die von Einzellern nicht „gefressen“, sondern „eingebaut“ wurden. Die Bakterien behielten ihre eigene DNA, gaben nur kleine Teile davon an die Wirtszellen ab – und fortan entwickelten sich die beiden eigenständigen Lebewesen in dieser Endosymbiose.

Dass diese Entdeckung und die darauf aufbauende Endo-Symbiontentheorie nicht nur auf Augenhöhe mit der Theorie von Wallace und Darwin über die Entstehung der Arten lag, sondern deren grundlegenden „Motoren“ der Mutation und Selektion mit der Symbiose einen noch grundlegenderen Antrieb voranstellte, war zwar ein massiver Angriff auf das herrschende darwinistische Paradigma, aber auch ein Glücksfall. Denn etwa zur selben Zeit, als Lynn Margulis damit an die Öffentlichkeit trat und vom akademischen Establishment scharfen Gegenwind bekam, hatte die NASA einige Forscher beauftragt, ernsthaft über die Möglichkeiten von Leben auf anderen Planeten nachzudenken. Einer von ihnen war der britische Astrophysiker und Erfinder James Lovelock, dessen Electron Capture Detector (ECD) es ermöglichte, die atmosphärische Gaschemie des Planeten zu messen. Über die Frage, warum etwa die Atmosphäre von Mars und Venus ganz aus CO2 und nur aus Spuren anderer Gase besteht, die der Erde aber aus einem komplexen Gemisch von CO2, Sauerstoff und weiteren Gasen, grübelten er und seine Kollegen seit Jahren. Wie kann eine größtenteils von Wasser bedeckte Steinkugel ständig dieses wohltemperierte, subtile Gemisch unverträglicher Gase, das wir zum Atmen brauchen, aufrechterhalten? Wie verhindert sie ein Umkippen in das tödliche Kohlendioxid-Einerlei ihrer Nachbarn Mars und Venus? Die Antwort kam, als James Lovelock 1970 mit Lynn Margulis „die erste Biologin traf, die ein Gefühl für den Organismus hatte. Danach hörte ein Bakterium auf, für mich nur eine Membrantasche zu sein, die einige Gene und proteingesteuerte Mechanismen enthält, um sich selbst reproduzieren zu können, und nicht mehr. (…) Lynn eröffnete mir die Welt der natürlichen Mikroorganismen.“

Kein Mythos, sondern strenge Naturwissenschaft: Gaia

Lynn Margulis (1938-2011)

Damit hatte er das Steuerungs- und Rückkopplungssystem der Atmosphäre gefunden, und mit Lynn Margulis entwickelte er jetzt die Hypothese, dass es sich bei der Erde mit ihrer Biosphäre und Atmosphäre um ein sich selbst regulierendes Gesamtsystem handelte. Lovelocks Nachbar im südenglischen Cornwall, der Literaturnobelpreisträger William Golding, schlug dafür den Namen „Gaia“ vor. Als Lovelock und Margulis mit der „großen“ Gaia-Theorie Mitte der 1970-er Jahre an die Öffentlichkeit traten, ernteten sie von der Gemeinde der Wissenschaftler noch mehr Hohn und Spott als zuvor Margulis mit ihrer „kleinen“ Endosymbiose. Selbst Wohlmeinende mochten Gaia allenfalls als eine schöne Metapher, nicht aber als beweisbares Modell gelten lassen, und Kritiker taten es von vornherein als Anti-Wissenschaft ab.
Noch 1991, als Lovelocks „Biographie unseres Planeten“ auf Deutsch erschien, schrieb die Frankfurter Allgemeine Zeitung:

„Um sich mit diesem Gedankengebilde anzufreunden, muss man radikal sein – radikal unbeleckt.“

Wobei die Unbeleckt- und Unbelesenheit eher auf den Rezensenten zurückfiel als auf die beiden Forscher, die on the edge ihrer jeweiligen Disziplinen arbeiteten und zwei sehr entfernte wissenschaftliche Welten – die planetarische, atmosphärische Gas-Chemie am Himmel und die Biologie der Mikroben und Bakterien am Boden – miteinander vereint hatten. Und eine neue, geo-physiologische Perspektive auf die Frage, was die Erde und Atmosphäre eigentlich sind: nämlich keine Fertigprodukte, sondern biologische Konstruktionen, an deren Stabilität seit 3,5 Milliarden Jahren gebaut wird, von den Mikroorganismen.

In Der symbiotische Planet erzählt Lynn Margulis zwei Geschichten: ihren persönlichen Weg als Wissenschaftlerin durch die Bildungsinstitutionen und das Ringen um die Anerkennung ihrer revolutionären Theorie – sowie die Geschichte der Evolution des Lebens auf unserem Planeten in seiner „ganzen symbiogenetischen Pracht“. So lernen wir nicht nur eine außergewöhnliche Forscherin kennen, die die Tunnelexistenz von Wissenschaftlern möglichst vermied („Ich zog die Gesellschaft von Babys, Schlamm, Bäumen, Fossilien, Hundewelpen und Mikroorganismen der normalen Welt der Erwachsenen vor“), sondern auch eine andere Biologie, die gegen eine Wissenschaft vom Leben antritt, in der die Lebewesen nur noch in der physikalischen Wahrheit von Molekulargenetik, Proteinen und Enzymen aufgehen. Gleichzeitig hat Lynn Margulis aber immer gegen eine mythisch-religiöse Verbrämung von Gaia plädiert:

„Ich kann es nicht nachdrücklich genug betonen: Gaia ist kein einzelnes Lebewesen. Meine Gaia ist keine unscharfe, malerische Vorstellung von einer Mutter Erde, die uns ernährt. Die Gaia-Hypothese ist strenge Naturwissenschaft.“

Das ist sie, wie man in diesem Buch herausfinden kann, in der Tat – und das bleibt sie auch, wenn Lynn Margulis sich als „Anti-Darwinstin“ bezeichnet, was ihr in Amerika Beifall von der falschen Seite, nämlich von den „Kreationisten“, einbrachte. Doch die Evolutionslehre à la Margulis braucht keinen lieben Gott als intelligenten Designer des Lebens, sie hat Mikroben und Bakterien. Sie braucht auch keine magisch mit Bewusstsein aufgeladenen Moleküle wie die „egoistischen Gene“, die einer der Hauptwidersacher ihrer Theorie, der Neo-Darwinist Richard Dawkins, erfunden hat – sie hat die Symbiogenese, in der sich die Lebewesen nicht egoistisch im Kampf, sondern kooperativ in Win-Win-Situationen entwickeln. Sie bezweifelt nicht die Darwinsche Lehre, sie hält sie nur für unvollständig und in ihren neo-darwinistischen Auswüchsen für ungeeignet, die Evolution des Lebens zu erklären. Und sie hat mit „Gaia“ den Denkrahmen geschaffen, der angesichts der Klimaerwärmung notwendiger denn je ist, um den Erhalt des Lebens auf diesem Planeten zu sichern. Dafür gilt es mit Lynn Margulis im Schlamm zu wühlen und das Wimmeln der Wesen in den Blick zu nehmen. Denn am Ende, so Peter Berz in seinem Nachwort zu diesem Buch, „werden uns wohl nur die Einzeller aus dem Schlamassel holen“.

Lynn Margulis: „Der symbiotische Planet oder: Wie die Evolution wirklich verlief“, 208 Seiten, 20 Euro, Westend Verlag, Februar 2018

Diese Rezension ist auch auf den Nachdenkseiten erschienen

Kripo will legales Cannabis

Der Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK) fordert die Legalisierung von Cannabis und eine „komplette Entkriminalisierung von Cannabis-Konsumenten“. Das Verbot, so der BDK-Vorsitzende André Schulz, sei „historisch betrachtet willkürlich erfolgt und bis heute weder intelligent noch zielführend“. Statt strafrechtlicher Repression, die Menschen stigmatisiert und kriminelle Karrieren fördert, gebe es bessere Methoden der Drogenpolitik, die auch einen wirksamen Kinder- und Jugendschutz gewährleisten.

Was ist denn da passiert? Hat die Kripo an der Spitze ihres Verbands einen Vertreter der akzeptierenden, schadens­mindernden Drogenarbeit eingesetzt? Sicher nicht – doch dass deren Argumente jetzt endlich auch bei der Polizei angekommen sind, ist ein wichtiges Zeichen.

Von den mehr als 300.000 Strafverfahren, die von der Polizei vorletztes Jahr im Zusammenhang mit Betäubungsmitteln eingeleitet wurden, betrafen über 180.000 Cannabisdelikte und von diesen wiederum der Großteil (76 Prozent) nicht Schmuggler und Verkäufer, sondern Konsumenten. Dass diese sinnlose Jagd auf Kiffer nichts mit wirksamer Kriminalitätsbekämpfung zu tun hat, hat man jetzt offenbar auch bei der Polizei eingesehen.

Was den Straßenverkehr angeht, müsse für Cannabis dasselbe gelten wie für Alkohol; hier gebe es allerdings, so der BDK-Chef, „noch einige Unsicherheiten und Gesetzeslücken“. Darauf hatte unlängst auch schon der Deutsche Verkehrsgerichtstag hingewiesen und den Gesetzgeber aufgefordert, diese Unklarheiten zu beseitigen.

Vor allem scheint hier der derzeitig gültige Grenzwert bei Blutproben von einem Nanogramm (ng) THC problematisch zu sein, da diese Menge gar nicht spürbar ist und von „Rausch“ eigentlich keine Rede sein kann. In den USA gilt man bei bis zu fünf ng THC im Blut noch als fahrtüchtig, in der Schweiz darf man mit drei ng THC sogar noch Bahnen und Busse lenken. Nicht nur im Strafrecht, auch im Verwaltungs- und Verkehrsrecht sind die aktuellen Regelungen in Deutschland auf dem Stand der 80er Jahre und „weder intelligent noch zielführend.“

Der Kommentar erschien heute in der taz

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Mehr über den Irrsinn der Hanf-Prohibition in dem nach wie vor aktuellen Buch, das ich vor genau 25 Jahren mit Jack Herer geschrieben habe: “Die Wiederentdeckung der Nutzpflanze Hanf” – 43. Auflage ( Zweitausendeins 1993, Nachtschattenverlag 2016)

Unabhängig, unerschrocken, unbeugsam – Robert Parry R.I.P.

Mit Robert Parry ist Ende Januar einer der besten und letzten unabhängigen Journalisten der Vereinigten Staaten gestorben. In den 80er Jahren, als Ronald Reagan und sein Vize George Bush Todesschwadronen und Terrormilizen in lateinamerikanischen Ländern unterstützten, war er einer der wenigen Reporter, der diese Art von Außenpolitik als das beschrieb was sie war: mörderisch und kriminell. Für die Nachrichtenagentur AP und das Magazin „Newsweek“ berichtete er von der Front dieser illegalen Kriege – nicht als „emebededes“ Propaganda-Organ, sondern als echter Journalist. Ein Glücksfall, denn sonst wäre 1986 der Absturz eines amerikanischen Transportflugzeugs über dem nicaraguanischen Dschungel samt seiner Kokain-Landung wohl eher im Sande verlaufen. So aber brachten Robert Parrys Reportagen ins Rollen, was als „Iran-Contra-Skandal“ bekannt geworden und mittlerweile in die Geschichtsbücher eingegangen ist: als dokumentiertes Beispiel für Terrorismus, Waffen,- und Drogenhandel im Namen des Staats.

Kurz gefasst wurden in diesem Fall direkt aus dem Weißen Haus, dirigiert von Bushs Adjutant Oliver North, illegal Waffen an den Iran verkauft und der „Contra“-Miliz der Import von Kokain in die USA gestattet, um mit den Profiten aus diesen Geschäften einen Krieg gegen die linksgerichtete nicaraguanische Regierung zu finanzieren. Robert Parrys Berichte sorgten dafür, dass der US-Kongress einen Untersuchungsausschuss startete, der zwar am Ende nur ein paar Bauernopfer kostete, aber dennoch einige Enthüllungen zeitigte, die sehr hilfreich sind. Wenn man verstehen will, wie der „Krieg gegen Drogen“ und der „Krieg gegen Terror“ eigentlich funktionieren und warum sie nicht für weniger, sondern für mehr Drogen und mehr Terror sorgen.

Der Chefpilot der Iran-Contra-Flotte, Barry Seal, hatte wöchentlich bis zu 1.500 Kilo Kokain in die USA gebracht, im Auftrag und unter Aufsicht der CIA, ausgestattet mit modernstem Gerät der US-Armee zur Überlistung der Radarüberwachung. Als dies ruchbar wurde und der Kongress einen Untersuchungsausschuss einberief, kosteten schon die Voruntersuchungen, wie Robert Parry damals schrieb, den Leiter des Ausschusses John Kerry „fast seine Karriere“. Dass er später noch Außenminister wurde und Karriere machte – wie auch die wegen Mitwisserschaft und Vertuschung verurteilten hochrangigen Beamten, Exverteidigungsminister Caspar Weinberger, Sicherheitsberater Robert McFarlane und Admiral John Pointdexter, die von Bush senior bald begnadigt wurden – zeigt schon, dass auch diese Untersuchung nur an der Oberfläche kratzte und die Strukturen dieses Netzwerks organisierter Kriminalität nicht beseitigte. Doch immerhin verdanken wir ihr ein Dokument, das zwar nicht in den Geschichtsbüchern steht, wo die „Iran-Contra“-Geschäfte wenn überhaupt als kleine „Affäre“ vorkommt, das aber die Machenschaften des „tiefen Staats“ völlig unverblümt benennt und rechtfertigt. Es handelt sich um die Aussage des CIA-Chefs William Casey, der auf die Frage ob seine Behörde den massenhaften Import von Kokain, der die Crack-Epidemie in Amerika auslöste, tatsächlich gebilligt habe, zu Protokoll gab:

„Meine Aktionen mögen als kriminell angesehen werden, weil sie zahllose Amerikaner zur Drogenabhängigkeit verdammen. Das ist mir egal. Jeder Krieg produziert Opfer. Grundsätzlich ist ein Krieg um so kürzer, je gewalttätiger er ist. Meine Wahl war, entweder einem andauernden Guerillaaufstand des Kalten Kriegs in Lateinamerika zuzuschauen oder die verfügbaren Mittel zu nutzen, um einen gewalttätigen Krieg von kurzer Dauer für die Demokratie zu finanzieren und zu führen. Ich stehe zu meinen Entscheidungen. Das Werkzeug ist Kokain. Der Trick ist zu verstehen, dass die Drogenkonsumenten die Freiheit der Wahl haben. Sie wählten die Droge. Und ich entschied, ihre Gewohnheit zu benutzen, um die Demokratie zu finanzieren, an der sich alle Amerikaner erfreuen. Und um diese Amerikaner vor der kommunistischen Bedrohung zu schützen, die an unsere Hintertür in Lateinamerika klopft. Um dies zu ändern muss der Drogenkonsument seinen gesellschaftlichen Beitrag leisten.“

Soweit der O-Ton des CIA-Chefs vom 9. Dezember 1986. Und wer sich fragt, warum Amerika heute von einer Opioid- und Heroin-Epidemie in erschreckendem Ausmaß geplagt ist und ob dies etwas damit zu tun hat, dass Afghanistan seit dem Einmarsch der US-Armee zum größten Opiumproduzenten der Welt aufgestiegen ist, muss für eine Antwort eigentlich nur diese Akten studieren. Wobei die Frage, warum diese grausamen Geschäfte seit Jahrzehnten ungestört weiterlaufen, auch recht einfach zu beantworten ist: Journalisten vom Schlage Robert Parry sind eine aussterbende Art. Sein Kollege Garry Webb, der die „dunkle Allianz“ staatlicher und mafioser Strukturen vom Iran-Contra-Import zur Crack-Epidemie weiter verfolgte, verlor seinen Job als Chefreporter der „Mercury News“ und kam später mit zwei Kopfschüssen aber offiziell durch Selbstmord ums Leben. Robert Parry wurde 68 und starb an Krebs – die Website Consortium News, die er in den letzten Jahren aufgebaut hat, soll weitergeführt werden, in seinem Geiste: unabhängig, unerschrocken, unbeugsam. So wie echter Journalismus zu sein hat.

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Auch als Podcast auf KenFM

Mehr über die dunkle Allianz von Krieg und Drogengeschäft in meinem Buch  „Die Drogenlüge – Warum Drogenverbote den Terrorismus fördern und der Gesundheit schaden“ 

Der symbiotische Planet

Kommende Woche wird nach mehr als 20 Jahren wieder ein Buch der Mikrobiologin Lynn Margulis (1938-2011) auf Deutsch erscheinen, die ich für eine der wichtigsten Wissenschaftlerinnen unserer Zeit halte. Ihre Entdeckung, dass sich Leben auf diesem Planeten nicht im “Kampf ums Dasein” entwickelt hat, sondern durch Symbiosen von Einzellern und Bakterien, hat das darwinistische Paradigma von Mutation und Selektion als einzige “Motoren” der Evolution erschüttert.  Ihre erste Arbeit mit Beweisen für diese These wurde 1966 von 12 Fachverlagen als zu “revolutionär” abgelehnt. Eine ausführliche Rezension erscheint hier demnächst. Jetzt aber schon einmal der Hinweis auf eine TV-Sendung, in der Lynn Margulis und ihre revolutionäre Symbioseforschung ein Thema sein wird, am kommenden Donnerstag um 21 Uhr auf 3sat: Die Macht des Miteinander  – Symbiosen sind die Voraussetzung für Biodiversität

Lynn Margulis: Der symbiotische Planet oder Wie die Evolution wirklich verlief
208 Seiten, 20,00 Euro, erscheint am 9.2. im  Westend-Verlag

Update: Hier der Buchtipp von Gert Scobel: “Absolut lesenswert” seine Kolumne zum Thema Symbiosen

Wimpel verbrennen muss erlaubt bleiben!

Vergangene Woche  hat der Bundestag die Einsetzung eines Antisemitismusbeauftragten beschlossen. Dieser soll künftig ressortübergreifende Maßnahmen der Bundesregierung zur Bekämpfung von Antisemitismus koordinieren und für aktuelle und historische Formen des Antisemitismus sensibilisieren.

So sieht es ein gemeinsamer Antrag von Union, SPD, FDP und Grünen vor, der die Notwendigkeit eines solchen Beauftragten unter anderem mit der Gefahr eines durch Zuwanderung erstarkenden Antisemitismus begründet. Neben der neuen Stelle werden weitere Maßnahmen vorgeschlagen, etwa Ausländer, die zu antisemitischem Hass aufrufen, bevorzugt abzuschieben. Auch die AfD-Fraktion hat dem Antrag zugestimmt, die „Linke“ hat sich aus Protest enthalten, weil sie bei der Ausarbeitung des Antrags nicht beteiligt worden ist. Die Union hatte darauf gedrängt, „extreme“ Parteien bei der Abfassung auszuschließen und damit das nicht nach einer „Lex AfD“ aussah durfte auch die Linke, die den Antrag mitgetragen hätte, nicht dabei sein.

In welchem Ministerium die neu geschaffene Stelle angesiedelt wird ist noch unklar, ebenso wie die Person, die sie besetzen wird. Davon wird natürlich abhängen, was ein Bundesbeauftragter in dieser Position bewirken kann. Aufrufe zu rassistischem Hass und Gewalt fallen ja auch jetzt schon unter das Strafrecht, ebenso wie die öffentliche Leugnung des Holocausts; auch bisher schon können verurteilte Straftäter ohne deutsche Staatsbürgerschaft  leichter abgeschoben werden als ihre gesetzestreuen Landsleute.  Was der neue Funktionsträger da zusätzlich tun soll und welche „Maßnahmen“ ergriffen werden sollen, um den Judenhass einzudämmen, ist ebenfalls noch offen – und auch wenn es grundsätzlich gut ist, wenn eine Regierung  einen Posten schafft, der gegen Antisemitismus vorgehen will, ist die einstimmige Resolution des Parlaments nur klassische Symbolpolitik. Wie auch das selbst gemalte Israel-Fähnchen, das im letzten Jahr bei einer Demo am Brandenburger Tor von einigen Jugendliche  angezündet wurde und das jetzt sämtliche Medien-Veröffentlichungen zu dem neuen Bundesbeauftragten begleitet.

Soll dieser jetzt etwa dafür sorgen, dass das Verbrennen von Fahnen strafbar wird ? Dass die vermutlich palästinensischen Demonstranten nach Donald Trumps Provokation, die US-Botschaft nach Jerusalem zu verlegen, vor dem Brandenburger Tor ein Israel-Fähnchen verbrannten, war und ist nichts Illegales.  Das Verbrennen von Fahnen ist  in Deutschland erlaubt. Nur  bei der heimischen Flagge, die als Staatssymbol unter besonderem Schutz vor Verunglimpfung steht, macht das Gesetz eine Ausnahme. Ansonsten dürfen alle Fahnen der Welt – sofern sie nicht an offiziellen Gebäuden, Botschaften oder dergleichen hängen – nach Belieben abgefackelt werden. Auch dies ist ein symbolisches Ritual, das von politischen Demonstranten ebenso gerne durchgeführt wird wie von Fußballfans.

Dass Fahnen verfassungswidriger Organisationen, allen voran die Symbole des Dritten Reichs, in Deutschland nicht geduldet werden, ist nachvollziehbar und vernünftig, das rituelle Verbrennen von Flaggen aber sollte um des liberalen Rechtsstaats willen weiter erlaubt bleiben – auch wenn es sich um die israelische Flagge handelt.

Zumal zum 1. Januar 2018 gerade der Paragraph 103 des Strafgesetzbuchs gestrichen wurde, der die  „Beleidigung von Organen und Vertretern ausländischer Staaten“ unter Strafe stellte. Anlass für die Abschaffung  des unzeitgemäßen Paragraphen war die Klage des türkischen Präsidenten Erdogan,  der sich von einem obszönen Gedicht des  ZDF-Kabarettisten Böhmermann beleidigt fühlte. Auf Vertreter ausländischer Staaten darf also laut Gesetz aus allen satirischen Rohren gefeuert werden – auch wenn es sich um den israelischen Präsidenten handelt.

Oder müsste ein Schmähgedicht, das Bibi Nethanjahu irgendwelchen Ziegenficker-Schweinkram anhängt,  jetzt vom Antisemitismusbeauftragten geahndet werden ? Oder der nächste Auftritt Roger Waters’ von Pink Floyd, weil sich der für die BDS-Kampagne, den Boykott israelischer Produkte, einsetzt ? Wo hört notwendige Kritik an der völkerrechtswidrigen Besatzungspolitik  Israels auf und fängt einzudämmender Antisemitismus an ? Ist es okay, die jüngsten israelischen Gesetze zur Eheschließung zwischen jüdischen und arabischen Partnern als „rassistisch“ zu bezeichnen, oder ist das schon Judenhass ? Wenn das Existenzrecht Israels aus nachvollziehbaren Gründen zur Staatsräson Deutschlands gehört, ist es dann antisemitisch, auf den Landesgrenzen dieser Existenz zu bestehen und die Einhaltung des Völkerrechts zu fordern ?

Ein Bundesbeauftragter, der mehr tun will als  mit ernstem Gesicht Phrasen zu verlautbaren,  hat einen langen Fragenkatalog abzuarbeiten. Notwendig wäre das in der Tat, denn der Dissens (und der Hass) ist auf diesem Feld extrem – dumpfer Antisemitismus in der uralten Tradition der Verfolgung jüdischer Minderheiten auf der einen Seite,  und auf der anderen ein rasender Philosemitismus, der mit Blindheit für die aktuelle Apartheid gegenüber der palästinensischen Minderheit geschlagen ist. Dazu eine rechts-zionistische Regierung in Israel, die jede Kritik von außen grundsätzlich als Antisemitismus deklariert.

Auch – natürlich – die Verwendung von Begriffen wie „Apartheid“, selbst wenn die Diskriminierung von Nicht-Juden in den besetzten Gebieten damit ziemlich genau beschrieben ist. Wer da als  Bundesbeauftragter nicht als verlängerter Arm einer der Kriegsparteien wirken und weiter Öl ins Feuer gießen will, sondern die Konflikte entspannen und die Toleranz fördern möchte, muss zuallererst für eine saubere Klärung der Begriffe sorgen.

Schafft zwei, drei viele Hanfgenossenschaften!

Über die Hanfpioniere Brandenburgs –  die Genossenschaft “Hanffaser Uckermarck” – hatte ich im letzten Sommer ausführlich berichtet, jetzt hat KenFM sie im Rahmen der Reihe “Die Macher” besucht und ein ausführliches Interview mit dem Gründer Rainer Nowotny geführt. Nicht nur weil es um meine Lieblingspflanze geht möchte ich dieses Porträt nachdrücklich empfehlen. Außer den einzigartigen Eigenschaften des Hanfs, aus dem die Hanfgenossen in der Prenzlauer Hanffabrik vor allem Dämmmaterial und Baustoffe gewinnen, kommen auch die Hintergründe zur Sprache, die neben einer Energiewende auch eine Rohstoffwende unausweichlich machen. Und damit den nachwachsenden Universalrohstoff  Nr.1 auf diesem Planeten: Hanf.
Dass die Entkriminalisierung des Heil,-und Genussmittels Hanf überfällig ist und mit dem größten US-Bundesstaat Kalifornien 2018 jetzt so weit vorangeschritten ist , dass ein globaler Domino-Effekt nicht mehr sehr weit sein kann, ist erfreulich. Doch eine fröhlich und legal kiffende Weltbevölkerung hilft wenig bis nichts, wenn die Lebensgrundlagen der Erde immer weiter ruiniert, die Wälder abgeholzt, die Böden und Gewässer mit Pestiziden verseucht werden und die letzten fossilen Reserven nur noch mit Krieg und Terror ausgebeutet werden können. Deshalb ist die kleine Hanfgenossenschaften ein Musterbetrieb, von dem es künftig sehr viele geben muss, wenn wir unseren Nachkommen diese Erde nicht als vergiftete Kloake hinterlassen wollen.

Kleiner Aufruf zum Klassenkampf

Wir bitten um Ihre Aufmerksamkeit für unsere Neujahrsansprache:

„Wenn ich alle unsere Staaten, die heute irgendwo in Blüte stehen, im Geiste betrachte, und darüber nachsinne, so stoße ich auf nichts anderes, so wahr mir Gott helfe, als auf eine Art Verschwörung der Reichen, die den Namen und Rechtstitel des Staates missbrauchen, um für ihren eigenen Vorteil zu sorgen. Sie sinnen und hecken sich alle möglichen Methoden und Kunstgriffe aus, zunächst um ihren Besitz, den sie mit verwerflichen Mitteln zusammengerafft haben, ohne Verlustgefahr festzuhalten, sodann um die Mühe und Arbeit der Armen so billig als möglich sich zu erkaufen und zu missbrauchen. Haben die Reichen erst einmal im Namen des Staates, das heißt also auch der Armen, den Beschluss gefasst, ihre Machenschaften durchzuführen, so erhalten diese sogleich Gesetzeskraft.

Indessen … scheint es mir – um offen zu sagen, was ich denke – in der Tat so, dass es überall da, wo es Privateigentum gibt, wo alle alles nach dem Wert des Geldes messen, kaum jemals möglich sein wird, gerechte oder erfolgreiche Politik zu treiben, es sei denn, man wäre der Ansicht, dass es dort gerecht zugehe, wo immer das Beste den Schlechtesten zufällt, oder glücklich, wo alles an ganz wenige verteilt wird …“.

Unsere „Ansprache“ stammt aus dem Jahr 1516 und wurde von dem Anwalt und Politiker Thomas Morus in seinem Werk „Utopia“ veröffentlicht. Es beschreibt die Zustände in einem idealen Gemeinwesen, das auf der fiktiven Insel „Utopia“ angesiedelt ist –  sowie die realen Zustände im Europa des frühen 16. Jahrhunderts. Diese waren von den heutigen Zuständen ganz offensichtlich nicht sehr weit entfernt. „Es herrscht Klassenkampf, aber es ist meine Klasse, die Klasse der Reichen, die Krieg führt, und wir gewinnen“ – so hat der Milliardär Warren Buffett die Lage im 21. Jahrhundert auf den Punkt gebracht. Und was tut die Politik ? Sie sorgt, im Namen des Staats dafür, dass die Klassenkämpfer ihre Machenschaften weiter führen können.

Da lässt es dann schon aufhorchen, wenn ein führender Politiker in einem Artikel einen Umsturz, genauer eine „konservative Revolution“ fordert. Will hier einer wirklich zu den Erkenntnissen und Werten zurück, die der Humanist Thomas Morus schon 1516 einforderte und die seit Jahrhunderten währende Umverteilung von unten nach oben beenden ?

Natürlich nicht, denn bei unserem neuen Revolutionsführer handelt es sich  um den ehemaligen Verkehrsminister Dobrindt von der CSU und der Umsturz, den er fordert, richtet sich gegen einen Pappkameraden: die „linken Meinungsdiktatoren“ , die „selbst ernannten Volkserzieher und lautstarken Sprachrohre einer linken Minderheit“ in  den „Schlüsselpositionen“, denen man 50 Jahre nach 68 jetzt endlich den Garaus machen müsse.

„Linke Ideologien, sozialdemokratischer Etatismus und grüner Verbotismus hatten ihre Zeit“, behauptet Dobrindt – und ehe man sich fragt wann diese Zeit war: in den 16 Jahren „geistig-moralischer Wende“ unter Kohl, den Jahren unter Schröder als Abrissbirne der Sozialdemokratie oder den 12 Jahren unter Merkel ?? –  fordert Dobrindt schon, dieser „linken Revolution der Eliten“ nun „eine konservative Revolution der Bürger“ folgen zu lassen.

Dass die „Schlüsselpositionen“- Vorstände von Banken, DAX-Konzernen und Wall Street-Hedgefonds – von Linksrevolutionären besetzt wären, ist bis dato allerdings nicht aufgefallen, auch wurde weder bei Warren Buffett noch bei einem seiner Kollegen aus der Milliardärs-Elite ein kommunistisches Parteibuch entdeckt. Gegen wen sollen denn nun die „Bürger“ konservativ revoltieren? Wen hat der große Vorsitzende des revolutionären Zentralkomitees der Konservativen, der Verkehrsminister ohne TÜV, als Großfeind ausgemacht ?

Die 68er, die mittlerweile über 70 sind! Wenn sie nicht- wie einer ihrer Anführer, Rudi Dutschke- an den Folgen eines Attentats gestorben sind, zu dem lautstarke Sprachrohre einer rechten Minderheit, allen voran die „Bild“-Zeitung, nach Kräften gehetzt hatten.

Dutschke war einer der letzten, der das Wort „Klassenkampf“ nicht nur in den Mund nahm, sondern es auch ernst damit meinte – so wie Warren Buffett es ernst meint, wenn er sagt, dass seine Klasse, die Reichen, diesen Kampf führt und ihn gewinnen wird. Solange ihm von unten nichts entgegen gesetzt wird.

Solange sich die Mehrheit der Bürger von der winzigen Elite einer Minderheit einlullen lässt.

Und solange diese Bürger – ob konservativ oder progressiv – nicht checken, dass die Konflikte zwischen Inländern und Ausländern, Männern und Frauen, Heteros und Homos, Christen und Moslems, und so weiter… nichts anderes sind als Scheingefechte auf Nebenkriegsschauplätzen, die nur ablenken und nichts ändern an dem grundlegenden Krieg, den 1% von oben gegen 99% von unten führen. Seit 1516.

Auch als Podcast bei KenFM

9/11 ist der Lackmustest

Aufgrund eines Todesfalls in der Familie habe ich an der Veranstaltung im “Babylon” nicht teilgenommen und – aufgrund des ganzen Hickhacks darum und der schlußendlichen Nichteilnahme des Preisträgers – wohl auch nichts versäumt. An meiner Laudatio auf Ken Jebsen und KenFM hat sich trotz der unrühmlichen Begleitumstände aber nichts geändert – sie ist heute auf Rubikon erschienen.

Update: Hier das Video der Lesung bei der Preisverleihung