Wie nennt man das, was die SPD-Mitglieder mit ihrem Votum für die GroKo gemacht haben ? Selbstmord aus Angst vor dem Tod könnte passen. Die SPD sei mit dieser Abstimmung “weiter zusammengewachsen” verkündete Parteichef Olaf Scholz und würde den “Prozess der Erneuerung” fortsetzen. Vor Neuwahlen und einer Neuaufaufstellung fürchtete sich die Partei aber offensichtlich wie der Teufel vor dem Weihwasser und flüchtet lieber mit dem alten Personal auf weitere vier Jahre in Merkels Küchenkabinett.
“Wie rasch altern doch die Leute in der SPD –! Wenn sie dreißig sind, sind sie vierzig; wenn sie vierzig sind, sind sie fünfzig, und im Handumdrehn ist der Realpolitiker fertig,” schrieb Kurt Tucholsky 1932 in der “Weltbühne”. Damals hatten die Realpolitiker der SPD für Hindenburg als Reichskanzler plädiert und die Einwände ihres linken Flügels und der Kommunisten – “Wer Hindenburg wählt, wählt Hitler” – vom Tisch gewischt. Und kaum hatte man sich in der Nachkriegszeit wieder halbwegs aufgestellt mußte der Nachfolger Tucholskys auf dem Chefposten “Berliner Schnauze” – Wolfgang Neuss – 1965 konstatieren: “Wenn man nicht haargenau wie die CDU denkt, fliegt man glatt aus der SPD.” Neuss wurde damals aus der Partei geworfen, weil er im Wahlkampf für die SPD dazu aufrief, die Zweitstimme der Deutschen Friedens Union zu geben, die für Abrüstung und Deeskalation des Kalten Kriegs eintrat.
Das wurde der in der SPD nicht geduldet – und wird es auch heute nicht: der GroKo-Vertrag sieht denn auch eine Vedoppelung des Rüstungsetats vor. Statt 37 Milliarden im Jahr sollen für die Bundeswehr jetzt 70 Milliarden ausgegeben werden. Da wundert es dann auch nicht, dass für Arme und Rentner, für Bildung und Gesundheit – einst Kernkompetenzen der Sozialdemokratie – kein Geld da ist. Niemand weiß mehr, wofür die SPD noch steht – und niemand weiß mehr, wogegen sie eigentlich antritt. Die Großskandale der Großbanken in der Finanzkrise, der Großbetrug der Großkonzerne im Dieselskandal…Ereignisse, bei denen eine sozialdemokratische Volkspartei ihre klassische Klientel da unten gegen die Raubtiere da oben verteidigen und damit hätte punkten könnte, gibt es wahrlich genug. Aber eine solche Volkspartei existiert nicht mehr, seit die SPD vor 20 Jahren auf den neoliberalen Zug aufsprang.
So hat es die Partei geschafft, in den letzten 20 Jahren die Zahl ihrer Wählerstimmen zu halbieren – und arbeitet jetzt unter Merkels “marktkonformer Demokratie” weiter an ihrem Abstieg. Es ist die Wiederkehr des immer Gleichen: wer nicht genauso denkt wie die CDU hat in der SPD einfach nichts zu suchen.
Es ist jetzt 25 Jahre her, dass ein Buch erschien und etwas erreichte, was nur die wenigsten Bücher schaffen: es löste tatsächlich ein, was sein Titel behauptete, nämlich: „Die Wiederentdeckung der Nutzpflanze Hanf“. Die Ur-Fassung des Werks war mir einige Jahre zuvor in einer Fotokopie auf den Schreibtisch geflattert, sie stammte von Jack Herer und hatte den Titel „The Emperor Wears No Clothes – Hemp and the Marihuana Conspiracy“, also „Des Kaisers Neue Kleider – Hanf und die Marihuana-Verschwörung“. Dass der Kaiser – die Hanf-Prohibition- nackt war, zeigte das Buch, indem es sämtliche Argumente widerlegte, die für das Verbot angeführt wurden und werden; und es dokumentiert die politischen und ökonomischen Hintergründe, die überhaupt dazu geführt hatten, dass eine der ältesten und wertvollsten Nutz,-und Heilpflanzen der Menschheit derart in Acht und Bann geschlagen werden konnte. Die deutsche Ausgabe war nicht nur mehr als doppelt so umfangreich wie das US-Original, wir hatten auch noch ein wissenschaftliches Gutachten über die hervorragenden Eigenschaften des Rohstoffs Hanfs hinzugefügt und das Ganze – quod erat demonstrandum – auf Hanfpapier gedruckt. Das Buch wurde aus dem Stand ein Bestseller, mehr als 50.000 Exemplare wurden allein in den ersten sechs Monaten verkauft, mittlerweile liegt es in der 43. Auflage vor.
Aber das ist wohl immer noch nicht genug, um die Folgen der erfolgreichsten Desinformations-Kampagne aller Zeiten, die vom “Mörderkraut” Marihuana, endlich zu beseitigen. Dass 25 Jahre nach diesem Buch letzte Woche im deutschen Bundestag über eine Reform der Cannabisgesetze debattiert wurde und für die Entkriminalisierung allenfalls eine eine theoretische Mehrheit besteht – sich praktisch also kaum etwas tun wird – ist ein Armutszeugnis schlechthin. Und man fragte sich, wieviele Daten, Fakten, Belege und Beweise dafür, dass die Politik der Hanf-Verbote auf totaler Desinformation beruht, eigentlich noch auf den Tisch kommen müssen bis der Prohibitions-Irrsinn ein Ende hat.
In den USA, wo er einst begann, wehren sich immer mehr Bundesstaaten mit Volksabstimmungen dagegen, mit Kalifornien hat jetzt auch der bevölkerungsreichste Staat Cannabis für Erwachsene freigegeben; schon bisher war Hanf dort mit 8,5 Milliarden $ Jahresumsatz die lukrativste Agrarpflanze, mit der Legalisierung dieses Geschäfts erwartet der Staat nun 1,5 Milliarden direkte Steuereinnahmen.
Vor der kalifornischen Abstimmung über “Medical Marihuana” 1996 hatte ich einige Tage mit Jack Herer an seinem Infostand in Los Angeles Flugblätter verteilt, damals hielten viele die Informationen über die einzigartigen medizinischen Qualitäten des Hanfs noch für Unsinn; heute gibt es kaum einen natürlichen Stoff der pharmazeutisch intensiver erforscht wird als Cannabinoide. In den gesamten USA stellt die neue Hanfbranche mit 170.000 Jobs schon mehr Arbeitsplätze als der alte Kohlebergbau. Kluge Leute wie der Dekan der Düsseldorfer Universität würden einen solchen Aufschwung gern auch in Deutschland initiieren, aber die Politik steht notorisch auf der Bremse.
Nicht einmal die alte “Kumpel”-Partei SPD versteht, dass Hanf die neue Kohle ist – der grüne Universalrohstoff schlechthin. Und letztlich wird selbst die bierselige CSU umlernen müssen: aus Colorado, wo Cannabis seit fünf Jahren legal gehandelt wird, meldet die Skiregion Aspen, dass 2017 der Umsatz mit Marihuana erstmals größer war als der mit Alkohol. Weg vom krank und aggressiv machenden Alkoholismus, hin zum gesundheitlich und sozial weniger gefährlichen Marihuana – der Trend müßte jeden Gesundheitsminister erfreuen, dem es wirklich um schadensminimierenden Drogenkonsum geht. Bei dem für die kommende GroKo von Merkel gekürten Jens Spahn, einem ehemaligen Pharmalobbyisten, dürfte allerdings das Gegenteil der Fall sein. Als Begründung an der Hanf-Prohibition festzuhalten wiederholte er 2016 ein halbes Dutzend längst widerlegter Argumente und setzte als Höhepunkt hinzu: “Und überhaupt: Jesus hat damals schließlich Wasser in Wein verwandelt und nicht trockenes Gras in schwarzen Afghanen.”
In einem Land, wo man mit derlei Schwachsinn Gesundheitsminister werden kann, ist die Politik auf einem schwer zu unterbietenden Tiefpunkt angelangt….
Wie schon die amerikanischen Demokraten sind jetzt auch die deutschen Sozialdemokraten von russischen Trollbrigaden bedroht. Aktuell im Visier der Behörden: Die Wilde Dreizehn. Hier mit Jim Knopf und Lukas dem Lokomotivführer (4. und 5. v.l.) .
(Mit Update) Bevor wir zum Drama der SPD kommen, ein Disclaimer: ich war da mal Mitglied! Willy Brandt stand zum ersten Mal zur Wahl und ich vor der Verhandlung zur Anerkennung der Kriegsdienstverweigerung. Dabei handelte es sich um eine gerichtsähnliche Befragung, bei der eine Kommission die pazifistischen Motive des Verweigerers überprüfen wollte. Mit Fragen wie: „Stellen Sie sich vor, sie gehen mit ihrer Freundin im Wald spazieren und es kommen zwei Russen mit einer Waffe aus dem Gebüsch und drohen mit Gewalt. Würden Sie dann nicht auch zur Waffe greifen?“ Mit solchen Fangfragen wurde versucht, den Kandidaten in die Enge zu treiben, um seinen Antrag dann abzuweisen und ihn zur Bundeswehr zu schicken. Ich fand das unwürdig und unverschämt, und war begeistert, dass im Wahlprogramm der SPD die Abschaffung dieser Verhandlungen gefordert wurde. Eine einfache Erklärung des Wehrpflichtigen, statt Ausbildung an der Waffe Zivildienst zu leisten, sollte künftig reichen. Darum trat ich in die Partei ein, demonstrierte gegen den Alt-Nazi Kiesinger, der für die CDU kandidierte, und machte als Erstwähler mein Kreuzchen für die SPD.
Doch kaum war Willy gewählt und die erste SPD-Regierung der Bundesrepublik im Amt, wurde ein gewisser Schorsch Leber Verteidigungsminister und verkündete, dass man zu wenig Soldaten habe und Kriegsdienstverweigerer sich auch weiterhin diesen Befragungen stellen müssten. Da zerriss ich mein Parteibuch und schickte es mit einem bösen Brief an die Geschäftsstelle zurück.
Den bekannten Spruch der Linken: „Wer hat uns verraten, Sozialdemokraten!“ kannte ich damals noch nicht, sonst hätte ich ihn darunter geschrieben, denn ich fühlte mich persönlich verraten von dieser Partei. Das ist lange her, aber gelernt ist gelernt, und seitdem kann mich bei der SPD nichts mehr erschüttern, sie ist einfach die Umfallerpartei schlechthin. Und wenn sie so weitermacht bald nur noch einstellig bei den Wahlergebnissen.
Doch als ich letzte Woche die Umfrage mit 16% für die Sozialdemokraten schon mit „selber schuld“ quittieren wollte, ereilte mich eine Meldung der „Tagesschau“, dass jemand anderes an diesem Niedergang der SPD schuld ist: die Russen!
„Ein Russe namens „Juri“ aus St. Petersburg“, so meldet Deutschlands führende Nachrichtensendung, soll dem Juso-Vorsitzenden Kühnert „Unterstützung bei der Kampagne gegen die Neuauflage der Großen Koalition angeboten haben. Kühnert habe diese Hilfe gerne angenommen, so der angebliche Informant.“
Mal abgesehen davon, dass es jetzt nicht mehr lange dauern kann, bis ein Mann namens Hase, der angeblich von nichts weiß, als angeblicher Informant der „Tagesschau“ auftaucht, ist nun aber wenigstens klar, wer für das Drama bei den Sozen verantwortlich ist: nicht die Schulzes, Gabriels, Nahles, sondern der Gottseibeiuns Putin, der jetzt auch die SPD unterwandert und destabilisiert.
So wie er es ja schon in Amerika getan hat, als er Donald Trump auf den Thron hievte. Das hat jetzt nach neun Monaten akribischer Recherchen der Ermittlungsausschuss unter dem ehemaligen FBI-Chef Mueller aufgezeigt, und 13 Russen angeklagt. Der Kopf der Wilden Dreizehn, ein reicher Gastronom, der auch „Putins Koch“ genannt wird, soll eine „Verschwörung“ zur Einmischung in den US-Wahlkampf finanziert haben, mit dem Ziel Hillary Clinton zu kritisieren und Bernie Sanders und Trump zu unterstützen. Dieser „Informationskrieg“, so der stellvertretende Justizminister Rod Rosenstein, hätte allerdings „den Ausgang der Wahl nicht beeinflusst“.
Wie bitte? Ein russischer Koch wird angeklagt, weil er Geld sammelte, um in den Social Media Anti-Clinton-Werbung für Sanders und Trump zu machen, was aber den Ausgang der Wahl gar nicht beeinflusst hat. Wahnsinn! – hätten wir noch Karneval käme an diesem Punkt der Büttenrede ein Tusch, wären wir in einer Seifenoper, käme die Lachmaschine vom Band – wir sind aber in der großen Politik und dürfen nicht lachen. Denn die Anklageschrift, so teilt das ehemalige Nachrichtenmagazin mit, „ist ein einmaliges Dokument: Erstmals erhält die Öffentlichkeit einen präzisen und detaillierten Einblick in den geheimen Wahlkampf russischer Agenten in den USA zwischen 2014 und 2016.“
Wow! Präzise und detailliert kann man da nachlesen, wie die Wilde 13 doch tatsächlich Twitter- und Facebook-Accounts unter falschem Namen eröffnet und Anti-Hillary-Botschaften gepostet hat – und sogar „über hundert Amerikaner“ kontaktiert haben soll. Und das mitten im Wahlkampf, dessen Ausgang davon aber nicht tangiert wurde. Wahnsinn, diese russischen Agenten!
Großspurig angekündigte und kläglich gescheiterte Vorhaben werden ja gern als Tiger bezeichnet, die als Bettvorleger enden. Aber das wäre in diesem Fall übertrieben. Nicht der Tiger, der in 9 Monaten Großermittlung auf allen Kanälen täglich „Russiagate“ fauchte, sondern der Bettvorleger. Dass er von der „Tagesschau“ jetzt schon mal prophylaktisch der SPD untergeschoben wird, falls mit der GroKo was schiefgeht, ist beruhigend. Wie bei Hillary in Amerika können auch bei den Schulzens und Scholzens nur russische Trolle schuld am Niedergang der Sozialdemokraten sein. Gegen die Wilde Dreizehn ist einfach kein Kraut gewachsen….
Update: “Juri aus St.Petersburg”, der es als Troll bis in die “Tagesschau” schaffte, ist entarnt: er stammt aus der Redaktion der “Titanic” und meldete sich als Informant per email zuerst bei “Bild”, die sogleich einen Aufmacher daraus bastelte. Fake oder Nicht-Fake ist nicht mehr Frage, wenn etwas gleich doppelt in die Kampagne passt (gegen Jusos, gegen Russland) kommt’s auf die Titelseite und von da in alle Wiederholungsschleifen, bis in Dr. Gniffkes “Tagesschau”.
Nicht-wissenschaftlichen Leserinnen und Lesern ein Buch über die „serielle primäre Endo-Symbiontentheorie“ zu empfehlen, mag auf den ersten Blick merkwürdig erscheinen. Die meisten werden davon noch nie gehört haben und können nur raten, dass es wohl irgendetwas mit „Symbiose“ – dem Zusammenleben ungleichartiger Lebewesen – zu tun haben könnte. Das hat es, und ist damit hoffentlich schon ein Stück näher in das Spektrum eines gesellschaftspolitisch interessanten Themas gerückt. Wenn wir hinzufügen, dass die erste wissenschaftliche Arbeit zu diesem Thema von zwölf wissenschaftlichen Verlagen wegen ihres „revolutionären Inhalts“ abgelehnt wurde, könnte bei kritischen Geistern schon ein wenig Interesse geweckt sein, Bedeutung und Hintergründe dieser merkwürdigen Unwort-Theorie kennenzulernen. Und wenn wir dann noch behaupten, dass hier Darwins Evolutionstheorie von Mutation und Selektion im Kampf ums Dasein als Halbwahrheit enttarnt wird, ist die Neugierde hoffentlich da.
Dass 1966 die erste große Forschungsarbeit der 28-jährigen Lynn Sagan – verheiratet mit dem bekannten Astronomen Carl Sagan und Mutter zweier Kinder – von einem Dutzend Fachverlagen abgelehnt worden war, hatte damit zu tun, dass ihre Entdeckungen der herrschenden Lehrmeinung der Biologie und Evolutionsforschung zuwiderliefen. Diese Lehrmeinung – dass sich die Vielfalt der Lebewesen auf diesem Planeten durch zufällige genetische Mutationen entwickelte, von denen sich dann die Fittesten im Kampf ums Dasein durchgesetzt haben – steht zwar noch heute in jedem Schulbuch, erschüttert wurde sie aber schon von Sagans Arbeit mit dem kühnen Titel „Über den Ursprung sich durch Mitose teilender Zellen“ („Origin of Mitosing Cells“). Kühn war das angesichts des Darwin-Klassikers „Über den Ursprung der Arten“, denn da alle Spezies aus Zellen bestehen, machte sich hier jemand anheischig, an den wirklichen Ursprung des Lebens zurückzugehen, in die Zeit vor 1,6 Milliarden Jahren. Und „revolutionär“ war die These, die die Autorin aufstellte, dass sich nämlich mehrzellige Lebewesen – die Vorfahren aller Pilze, Pflanzen und Tiere – nicht aufgrund von Mutationen und Selektionen entwickelt haben, sondern durch Kooperation und Symbiose.
Auf Kooperation aus Kreisen der Evolutionsbiologie konnte eine Wissenschaftlerin mit einer solchen These jedenfalls nicht setzen – nicht nur, weil sie unbekannt und weiblich war, sondern vor allem, weil sie an einem grundlegenden Paradigma des Darwinismus rüttelte: dem Kampf ums Dasein als einzigem Motor der Evolution. Doch die orthodoxe Fachwissenschaft hatte ihre Rechnung ohne diese Kämpferin gemacht, die nach ihrem zweiten Ehemann jetzt Lynn Margulis hieß und nicht nur zwei weitere Kinder bekam, sondern auch unermüdlich weiter forschte und Bestätigung über Bestätigung für ihre These fand. So zählt die „serielle primäre Endo-Symbiontentheorie“ zwar heute zum Standardwissen der Biologie, die Revolution aber, die die 2011 verstorbene Lynn Margulis im Sinn hatte, ist noch lange nicht am Ziel.
Auf Augenhöhe mit Darwin
„Endo-“ heißt „innen“ und die in der Biologie schon lange bekannten Formen des Zusammenlebens verschiedener Lebewesen ins Innere der Zelle zu verlegen – und zwar nicht als Ausnahme, sondern als Regel (seriell), nicht zufällig in irgendwelchen Nischen entstehend, sondern ursprünglich (primär) – das war das Neuartige an Margulis’ Theorie. Schon in den 1920-er Jahren hatten russische Geo- und Mikrobiologen in dieser Richtung geforscht, jetzt aber konnte mittels Gen-Analysen sehr viel genauer ermittelt werden, wie vor 1000 Millionen Jahren aus den ersten Einzellern und Bakterien mehrzellige Lebewesen entstanden. Margulis konnte zeigen, dass die kleinen Organe der Zellen – die Mitochondrien der atmenden Tiere und die Chloroplasten der Photosynthese treibenden Pflanzen – einst freilebende Bakterien waren, die von Einzellern nicht „gefressen“, sondern „eingebaut“ wurden. Die Bakterien behielten ihre eigene DNA, gaben nur kleine Teile davon an die Wirtszellen ab – und fortan entwickelten sich die beiden eigenständigen Lebewesen in dieser Endosymbiose.
Dass diese Entdeckung und die darauf aufbauende Endo-Symbiontentheorie nicht nur auf Augenhöhe mit der Theorie von Wallace und Darwin über die Entstehung der Arten lag, sondern deren grundlegenden „Motoren“ der Mutation und Selektion mit der Symbiose einen noch grundlegenderen Antrieb voranstellte, war zwar ein massiver Angriff auf das herrschende darwinistische Paradigma, aber auch ein Glücksfall. Denn etwa zur selben Zeit, als Lynn Margulis damit an die Öffentlichkeit trat und vom akademischen Establishment scharfen Gegenwind bekam, hatte die NASA einige Forscher beauftragt, ernsthaft über die Möglichkeiten von Leben auf anderen Planeten nachzudenken. Einer von ihnen war der britische Astrophysiker und Erfinder James Lovelock, dessen Electron Capture Detector (ECD) es ermöglichte, die atmosphärische Gaschemie des Planeten zu messen. Über die Frage, warum etwa die Atmosphäre von Mars und Venus ganz aus CO2 und nur aus Spuren anderer Gase besteht, die der Erde aber aus einem komplexen Gemisch von CO2, Sauerstoff und weiteren Gasen, grübelten er und seine Kollegen seit Jahren. Wie kann eine größtenteils von Wasser bedeckte Steinkugel ständig dieses wohltemperierte, subtile Gemisch unverträglicher Gase, das wir zum Atmen brauchen, aufrechterhalten? Wie verhindert sie ein Umkippen in das tödliche Kohlendioxid-Einerlei ihrer Nachbarn Mars und Venus? Die Antwort kam, als James Lovelock 1970 mit Lynn Margulis „die erste Biologin traf, die ein Gefühl für den Organismus hatte. Danach hörte ein Bakterium auf, für mich nur eine Membrantasche zu sein, die einige Gene und proteingesteuerte Mechanismen enthält, um sich selbst reproduzieren zu können, und nicht mehr. (…) Lynn eröffnete mir die Welt der natürlichen Mikroorganismen.“
Kein Mythos, sondern strenge Naturwissenschaft: Gaia
Lynn Margulis (1938-2011)
Damit hatte er das Steuerungs- und Rückkopplungssystem der Atmosphäre gefunden, und mit Lynn Margulis entwickelte er jetzt die Hypothese, dass es sich bei der Erde mit ihrer Biosphäre und Atmosphäre um ein sich selbst regulierendes Gesamtsystem handelte. Lovelocks Nachbar im südenglischen Cornwall, der Literaturnobelpreisträger William Golding, schlug dafür den Namen „Gaia“ vor. Als Lovelock und Margulis mit der „großen“ Gaia-Theorie Mitte der 1970-er Jahre an die Öffentlichkeit traten, ernteten sie von der Gemeinde der Wissenschaftler noch mehr Hohn und Spott als zuvor Margulis mit ihrer „kleinen“ Endosymbiose. Selbst Wohlmeinende mochten Gaia allenfalls als eine schöne Metapher, nicht aber als beweisbares Modell gelten lassen, und Kritiker taten es von vornherein als Anti-Wissenschaft ab.
Noch 1991, als Lovelocks „Biographie unseres Planeten“ auf Deutsch erschien, schrieb die Frankfurter Allgemeine Zeitung:
„Um sich mit diesem Gedankengebilde anzufreunden, muss man radikal sein – radikal unbeleckt.“
Wobei die Unbeleckt- und Unbelesenheit eher auf den Rezensenten zurückfiel als auf die beiden Forscher, die on the edge ihrer jeweiligen Disziplinen arbeiteten und zwei sehr entfernte wissenschaftliche Welten – die planetarische, atmosphärische Gas-Chemie am Himmel und die Biologie der Mikroben und Bakterien am Boden – miteinander vereint hatten. Und eine neue, geo-physiologische Perspektive auf die Frage, was die Erde und Atmosphäre eigentlich sind: nämlich keine Fertigprodukte, sondern biologische Konstruktionen, an deren Stabilität seit 3,5 Milliarden Jahren gebaut wird, von den Mikroorganismen.
In Der symbiotische Planet erzählt Lynn Margulis zwei Geschichten: ihren persönlichen Weg als Wissenschaftlerin durch die Bildungsinstitutionen und das Ringen um die Anerkennung ihrer revolutionären Theorie – sowie die Geschichte der Evolution des Lebens auf unserem Planeten in seiner „ganzen symbiogenetischen Pracht“. So lernen wir nicht nur eine außergewöhnliche Forscherin kennen, die die Tunnelexistenz von Wissenschaftlern möglichst vermied („Ich zog die Gesellschaft von Babys, Schlamm, Bäumen, Fossilien, Hundewelpen und Mikroorganismen der normalen Welt der Erwachsenen vor“), sondern auch eine andere Biologie, die gegen eine Wissenschaft vom Leben antritt, in der die Lebewesen nur noch in der physikalischen Wahrheit von Molekulargenetik, Proteinen und Enzymen aufgehen. Gleichzeitig hat Lynn Margulis aber immer gegen eine mythisch-religiöse Verbrämung von Gaia plädiert:
„Ich kann es nicht nachdrücklich genug betonen: Gaia ist kein einzelnes Lebewesen. Meine Gaia ist keine unscharfe, malerische Vorstellung von einer Mutter Erde, die uns ernährt. Die Gaia-Hypothese ist strenge Naturwissenschaft.“
Das ist sie, wie man in diesem Buch herausfinden kann, in der Tat – und das bleibt sie auch, wenn Lynn Margulis sich als „Anti-Darwinstin“ bezeichnet, was ihr in Amerika Beifall von der falschen Seite, nämlich von den „Kreationisten“, einbrachte. Doch die Evolutionslehre à la Margulis braucht keinen lieben Gott als intelligenten Designer des Lebens, sie hat Mikroben und Bakterien. Sie braucht auch keine magisch mit Bewusstsein aufgeladenen Moleküle wie die „egoistischen Gene“, die einer der Hauptwidersacher ihrer Theorie, der Neo-Darwinist Richard Dawkins, erfunden hat – sie hat die Symbiogenese, in der sich die Lebewesen nicht egoistisch im Kampf, sondern kooperativ in Win-Win-Situationen entwickeln. Sie bezweifelt nicht die Darwinsche Lehre, sie hält sie nur für unvollständig und in ihren neo-darwinistischen Auswüchsen für ungeeignet, die Evolution des Lebens zu erklären. Und sie hat mit „Gaia“ den Denkrahmen geschaffen, der angesichts der Klimaerwärmung notwendiger denn je ist, um den Erhalt des Lebens auf diesem Planeten zu sichern. Dafür gilt es mit Lynn Margulis im Schlamm zu wühlen und das Wimmeln der Wesen in den Blick zu nehmen. Denn am Ende, so Peter Berz in seinem Nachwort zu diesem Buch, „werden uns wohl nur die Einzeller aus dem Schlamassel holen“.
Der Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK) fordert die Legalisierung von Cannabis und eine „komplette Entkriminalisierung von Cannabis-Konsumenten“. Das Verbot, so der BDK-Vorsitzende André Schulz, sei „historisch betrachtet willkürlich erfolgt und bis heute weder intelligent noch zielführend“. Statt strafrechtlicher Repression, die Menschen stigmatisiert und kriminelle Karrieren fördert, gebe es bessere Methoden der Drogenpolitik, die auch einen wirksamen Kinder- und Jugendschutz gewährleisten.
Was ist denn da passiert? Hat die Kripo an der Spitze ihres Verbands einen Vertreter der akzeptierenden, schadensmindernden Drogenarbeit eingesetzt? Sicher nicht – doch dass deren Argumente jetzt endlich auch bei der Polizei angekommen sind, ist ein wichtiges Zeichen.
Von den mehr als 300.000 Strafverfahren, die von der Polizei vorletztes Jahr im Zusammenhang mit Betäubungsmitteln eingeleitet wurden, betrafen über 180.000 Cannabisdelikte und von diesen wiederum der Großteil (76 Prozent) nicht Schmuggler und Verkäufer, sondern Konsumenten. Dass diese sinnlose Jagd auf Kiffer nichts mit wirksamer Kriminalitätsbekämpfung zu tun hat, hat man jetzt offenbar auch bei der Polizei eingesehen.
Was den Straßenverkehr angeht, müsse für Cannabis dasselbe gelten wie für Alkohol; hier gebe es allerdings, so der BDK-Chef, „noch einige Unsicherheiten und Gesetzeslücken“. Darauf hatte unlängst auch schon der Deutsche Verkehrsgerichtstag hingewiesen und den Gesetzgeber aufgefordert, diese Unklarheiten zu beseitigen.
Vor allem scheint hier der derzeitig gültige Grenzwert bei Blutproben von einem Nanogramm (ng) THC problematisch zu sein, da diese Menge gar nicht spürbar ist und von „Rausch“ eigentlich keine Rede sein kann. In den USA gilt man bei bis zu fünf ng THC im Blut noch als fahrtüchtig, in der Schweiz darf man mit drei ng THC sogar noch Bahnen und Busse lenken. Nicht nur im Strafrecht, auch im Verwaltungs- und Verkehrsrecht sind die aktuellen Regelungen in Deutschland auf dem Stand der 80er Jahre und „weder intelligent noch zielführend.“
Mit Robert Parry ist Ende Januar einer der besten und letzten unabhängigen Journalisten der Vereinigten Staaten gestorben. In den 80er Jahren, als Ronald Reagan und sein Vize George Bush Todesschwadronen und Terrormilizen in lateinamerikanischen Ländern unterstützten, war er einer der wenigen Reporter, der diese Art von Außenpolitik als das beschrieb was sie war: mörderisch und kriminell. Für die Nachrichtenagentur AP und das Magazin „Newsweek“ berichtete er von der Front dieser illegalen Kriege – nicht als „emebededes“ Propaganda-Organ, sondern als echter Journalist. Ein Glücksfall, denn sonst wäre 1986 der Absturz eines amerikanischen Transportflugzeugs über dem nicaraguanischen Dschungel samt seiner Kokain-Landung wohl eher im Sande verlaufen. So aber brachten Robert Parrys Reportagen ins Rollen, was als „Iran-Contra-Skandal“ bekannt geworden und mittlerweile in die Geschichtsbücher eingegangen ist: als dokumentiertes Beispiel für Terrorismus, Waffen,- und Drogenhandel im Namen des Staats.
Kurz gefasst wurden in diesem Fall direkt aus dem Weißen Haus, dirigiert von Bushs Adjutant Oliver North, illegal Waffen an den Iran verkauft und der „Contra“-Miliz der Import von Kokain in die USA gestattet, um mit den Profiten aus diesen Geschäften einen Krieg gegen die linksgerichtete nicaraguanische Regierung zu finanzieren. Robert Parrys Berichte sorgten dafür, dass der US-Kongress einen Untersuchungsausschuss startete, der zwar am Ende nur ein paar Bauernopfer kostete, aber dennoch einige Enthüllungen zeitigte, die sehr hilfreich sind. Wenn man verstehen will, wie der „Krieg gegen Drogen“ und der „Krieg gegen Terror“ eigentlich funktionieren und warum sie nicht für weniger, sondern für mehr Drogen und mehr Terror sorgen.
Der Chefpilot der Iran-Contra-Flotte, Barry Seal, hatte wöchentlich bis zu 1.500 Kilo Kokain in die USA gebracht, im Auftrag und unter Aufsicht der CIA, ausgestattet mit modernstem Gerät der US-Armee zur Überlistung der Radarüberwachung. Als dies ruchbar wurde und der Kongress einen Untersuchungsausschuss einberief, kosteten schon die Voruntersuchungen, wie Robert Parry damals schrieb, den Leiter des Ausschusses John Kerry „fast seine Karriere“. Dass er später noch Außenminister wurde und Karriere machte – wie auch die wegen Mitwisserschaft und Vertuschung verurteilten hochrangigen Beamten, Exverteidigungsminister Caspar Weinberger, Sicherheitsberater Robert McFarlane und Admiral John Pointdexter, die von Bush senior bald begnadigt wurden – zeigt schon, dass auch diese Untersuchung nur an der Oberfläche kratzte und die Strukturen dieses Netzwerks organisierter Kriminalität nicht beseitigte. Doch immerhin verdanken wir ihr ein Dokument, das zwar nicht in den Geschichtsbüchern steht, wo die „Iran-Contra“-Geschäfte wenn überhaupt als kleine „Affäre“ vorkommt, das aber die Machenschaften des „tiefen Staats“ völlig unverblümt benennt und rechtfertigt. Es handelt sich um die Aussage des CIA-Chefs William Casey, der auf die Frage ob seine Behörde den massenhaften Import von Kokain, der die Crack-Epidemie in Amerika auslöste, tatsächlich gebilligt habe, zu Protokoll gab:
„Meine Aktionen mögen als kriminell angesehen werden, weil sie zahllose Amerikaner zur Drogenabhängigkeit verdammen. Das ist mir egal. Jeder Krieg produziert Opfer. Grundsätzlich ist ein Krieg um so kürzer, je gewalttätiger er ist. Meine Wahl war, entweder einem andauernden Guerillaaufstand des Kalten Kriegs in Lateinamerika zuzuschauen oder die verfügbaren Mittel zu nutzen, um einen gewalttätigen Krieg von kurzer Dauer für die Demokratie zu finanzieren und zu führen. Ich stehe zu meinen Entscheidungen. Das Werkzeug ist Kokain. Der Trick ist zu verstehen, dass die Drogenkonsumenten die Freiheit der Wahl haben. Sie wählten die Droge. Und ich entschied, ihre Gewohnheit zu benutzen, um die Demokratie zu finanzieren, an der sich alle Amerikaner erfreuen. Und um diese Amerikaner vor der kommunistischen Bedrohung zu schützen, die an unsere Hintertür in Lateinamerika klopft. Um dies zu ändern muss der Drogenkonsument seinen gesellschaftlichen Beitrag leisten.“
Soweit der O-Ton des CIA-Chefs vom 9. Dezember 1986. Und wer sich fragt, warum Amerika heute von einer Opioid- und Heroin-Epidemie in erschreckendem Ausmaß geplagt ist und ob dies etwas damit zu tun hat, dass Afghanistan seit dem Einmarsch der US-Armee zum größten Opiumproduzenten der Welt aufgestiegen ist, muss für eine Antwort eigentlich nur diese Akten studieren. Wobei die Frage, warum diese grausamen Geschäfte seit Jahrzehnten ungestört weiterlaufen, auch recht einfach zu beantworten ist: Journalisten vom Schlage Robert Parry sind eine aussterbende Art. Sein Kollege Garry Webb, der die „dunkle Allianz“ staatlicher und mafioser Strukturen vom Iran-Contra-Import zur Crack-Epidemie weiter verfolgte, verlor seinen Job als Chefreporter der „Mercury News“ und kam später mit zwei Kopfschüssen aber offiziell durch Selbstmord ums Leben. Robert Parry wurde 68 und starb an Krebs – die Website Consortium News, die er in den letzten Jahren aufgebaut hat, soll weitergeführt werden, in seinem Geiste: unabhängig, unerschrocken, unbeugsam. So wie echter Journalismus zu sein hat.
Kommende Woche wird nach mehr als 20 Jahren wieder ein Buch der Mikrobiologin Lynn Margulis (1938-2011) auf Deutsch erscheinen, die ich für eine der wichtigsten Wissenschaftlerinnen unserer Zeit halte. Ihre Entdeckung, dass sich Leben auf diesem Planeten nicht im “Kampf ums Dasein” entwickelt hat, sondern durch Symbiosen von Einzellern und Bakterien, hat das darwinistische Paradigma von Mutation und Selektion als einzige “Motoren” der Evolution erschüttert. Ihre erste Arbeit mit Beweisen für diese These wurde 1966 von 12 Fachverlagen als zu “revolutionär” abgelehnt. Eine ausführliche Rezension erscheint hier demnächst. Jetzt aber schon einmal der Hinweis auf eine TV-Sendung, in der Lynn Margulis und ihre revolutionäre Symbioseforschung ein Thema sein wird, am kommenden Donnerstag um 21 Uhr auf 3sat: Die Macht des Miteinander – Symbiosen sind die Voraussetzung für Biodiversität
Lynn Margulis: Der symbiotische Planet oder Wie die Evolution wirklich verlief 208 Seiten, 20,00 Euro, erscheint am 9.2. im Westend-Verlag
Vergangene Woche hat der Bundestag die Einsetzung eines Antisemitismusbeauftragten beschlossen. Dieser soll künftig ressortübergreifende Maßnahmen der Bundesregierung zur Bekämpfung von Antisemitismus koordinieren und für aktuelle und historische Formen des Antisemitismus sensibilisieren.
So sieht es ein gemeinsamer Antrag von Union, SPD, FDP und Grünen vor, der die Notwendigkeit eines solchen Beauftragten unter anderem mit der Gefahr eines durch Zuwanderung erstarkenden Antisemitismus begründet. Neben der neuen Stelle werden weitere Maßnahmen vorgeschlagen, etwa Ausländer, die zu antisemitischem Hass aufrufen, bevorzugt abzuschieben. Auch die AfD-Fraktion hat dem Antrag zugestimmt, die „Linke“ hat sich aus Protest enthalten, weil sie bei der Ausarbeitung des Antrags nicht beteiligt worden ist. Die Union hatte darauf gedrängt, „extreme“ Parteien bei der Abfassung auszuschließen und damit das nicht nach einer „Lex AfD“ aussah durfte auch die Linke, die den Antrag mitgetragen hätte, nicht dabei sein.
In welchem Ministerium die neu geschaffene Stelle angesiedelt wird ist noch unklar, ebenso wie die Person, die sie besetzen wird. Davon wird natürlich abhängen, was ein Bundesbeauftragter in dieser Position bewirken kann. Aufrufe zu rassistischem Hass und Gewalt fallen ja auch jetzt schon unter das Strafrecht, ebenso wie die öffentliche Leugnung des Holocausts; auch bisher schon können verurteilte Straftäter ohne deutsche Staatsbürgerschaft leichter abgeschoben werden als ihre gesetzestreuen Landsleute. Was der neue Funktionsträger da zusätzlich tun soll und welche „Maßnahmen“ ergriffen werden sollen, um den Judenhass einzudämmen, ist ebenfalls noch offen – und auch wenn es grundsätzlich gut ist, wenn eine Regierung einen Posten schafft, der gegen Antisemitismus vorgehen will, ist die einstimmige Resolution des Parlaments nur klassische Symbolpolitik. Wie auch das selbst gemalte Israel-Fähnchen, das im letzten Jahr bei einer Demo am Brandenburger Tor von einigen Jugendliche angezündet wurde und das jetzt sämtliche Medien-Veröffentlichungen zu dem neuen Bundesbeauftragten begleitet.
Soll dieser jetzt etwa dafür sorgen, dass das Verbrennen von Fahnen strafbar wird ? Dass die vermutlich palästinensischen Demonstranten nach Donald Trumps Provokation, die US-Botschaft nach Jerusalem zu verlegen, vor dem Brandenburger Tor ein Israel-Fähnchen verbrannten, war und ist nichts Illegales. Das Verbrennen von Fahnen ist in Deutschland erlaubt. Nur bei der heimischen Flagge, die als Staatssymbol unter besonderem Schutz vor Verunglimpfung steht, macht das Gesetz eine Ausnahme. Ansonsten dürfen alle Fahnen der Welt – sofern sie nicht an offiziellen Gebäuden, Botschaften oder dergleichen hängen – nach Belieben abgefackelt werden. Auch dies ist ein symbolisches Ritual, das von politischen Demonstranten ebenso gerne durchgeführt wird wie von Fußballfans.
Dass Fahnen verfassungswidriger Organisationen, allen voran die Symbole des Dritten Reichs, in Deutschland nicht geduldet werden, ist nachvollziehbar und vernünftig, das rituelle Verbrennen von Flaggen aber sollte um des liberalen Rechtsstaats willen weiter erlaubt bleiben – auch wenn es sich um die israelische Flagge handelt.
Zumal zum 1. Januar 2018 gerade der Paragraph 103 des Strafgesetzbuchs gestrichen wurde, der die „Beleidigung von Organen und Vertretern ausländischer Staaten“ unter Strafe stellte. Anlass für die Abschaffung des unzeitgemäßen Paragraphen war die Klage des türkischen Präsidenten Erdogan, der sich von einem obszönen Gedicht des ZDF-Kabarettisten Böhmermann beleidigt fühlte. Auf Vertreter ausländischer Staaten darf also laut Gesetz aus allen satirischen Rohren gefeuert werden – auch wenn es sich um den israelischen Präsidenten handelt.
Oder müsste ein Schmähgedicht, das Bibi Nethanjahu irgendwelchen Ziegenficker-Schweinkram anhängt, jetzt vom Antisemitismusbeauftragten geahndet werden ? Oder der nächste Auftritt Roger Waters’ von Pink Floyd, weil sich der für die BDS-Kampagne, den Boykott israelischer Produkte, einsetzt ? Wo hört notwendige Kritik an der völkerrechtswidrigen Besatzungspolitik Israels auf und fängt einzudämmender Antisemitismus an ? Ist es okay, die jüngsten israelischen Gesetze zur Eheschließung zwischen jüdischen und arabischen Partnern als „rassistisch“ zu bezeichnen, oder ist das schon Judenhass ? Wenn das Existenzrecht Israels aus nachvollziehbaren Gründen zur Staatsräson Deutschlands gehört, ist es dann antisemitisch, auf den Landesgrenzen dieser Existenz zu bestehen und die Einhaltung des Völkerrechts zu fordern ?
Ein Bundesbeauftragter, der mehr tun will als mit ernstem Gesicht Phrasen zu verlautbaren, hat einen langen Fragenkatalog abzuarbeiten. Notwendig wäre das in der Tat, denn der Dissens (und der Hass) ist auf diesem Feld extrem – dumpfer Antisemitismus in der uralten Tradition der Verfolgung jüdischer Minderheiten auf der einen Seite, und auf der anderen ein rasender Philosemitismus, der mit Blindheit für die aktuelle Apartheid gegenüber der palästinensischen Minderheit geschlagen ist. Dazu eine rechts-zionistische Regierung in Israel, die jede Kritik von außen grundsätzlich als Antisemitismus deklariert.
Auch – natürlich – die Verwendung von Begriffen wie „Apartheid“, selbst wenn die Diskriminierung von Nicht-Juden in den besetzten Gebieten damit ziemlich genau beschrieben ist. Wer da als Bundesbeauftragter nicht als verlängerter Arm einer der Kriegsparteien wirken und weiter Öl ins Feuer gießen will, sondern die Konflikte entspannen und die Toleranz fördern möchte, muss zuallererst für eine saubere Klärung der Begriffe sorgen.
Über die Hanfpioniere Brandenburgs – die Genossenschaft “Hanffaser Uckermarck” – hatte ich im letzten Sommer ausführlich berichtet, jetzt hat KenFM sie im Rahmen der Reihe “Die Macher” besucht und ein ausführliches Interview mit dem Gründer Rainer Nowotny geführt. Nicht nur weil es um meine Lieblingspflanze geht möchte ich dieses Porträt nachdrücklich empfehlen. Außer den einzigartigen Eigenschaften des Hanfs, aus dem die Hanfgenossen in der Prenzlauer Hanffabrik vor allem Dämmmaterial und Baustoffe gewinnen, kommen auch die Hintergründe zur Sprache, die neben einer Energiewende auch eine Rohstoffwende unausweichlich machen. Und damit den nachwachsenden Universalrohstoff Nr.1 auf diesem Planeten: Hanf.
Dass die Entkriminalisierung des Heil,-und Genussmittels Hanf überfällig ist und mit dem größten US-Bundesstaat Kalifornien 2018 jetzt so weit vorangeschritten ist , dass ein globaler Domino-Effekt nicht mehr sehr weit sein kann, ist erfreulich. Doch eine fröhlich und legal kiffende Weltbevölkerung hilft wenig bis nichts, wenn die Lebensgrundlagen der Erde immer weiter ruiniert, die Wälder abgeholzt, die Böden und Gewässer mit Pestiziden verseucht werden und die letzten fossilen Reserven nur noch mit Krieg und Terror ausgebeutet werden können. Deshalb ist die kleine Hanfgenossenschaften ein Musterbetrieb, von dem es künftig sehr viele geben muss, wenn wir unseren Nachkommen diese Erde nicht als vergiftete Kloake hinterlassen wollen.
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