Russland: Eskalation im Medienkino

Am 16.5. werde ich beim telepolis-Salon in München diese Eskalation diskutieren. Hier die Einladung der telepolis-Redaktion:

“Wir haben ein Wahrheitsproblem mit Russland. Es bringt sogar den Zweifel zum Durchdrehen. Die gute alte westliche “Schule des Zweifels” als Methode zur Wahrheitsfindung hilft nicht mehr viel, wenn der Zweifel selbst als Teufel der russischen Destabilisierungsmethode ausgemacht wird.

Die russische Propaganda beruhe ganz zentral darauf, Unsicherheiten zu säen und Gewissheiten zu untergraben, wird gewarnt. So gesehen spielt jede Forderung nach eindeutigen Beweisen für die Verantwortung Russlands bei Giftattacken in London oder bei Chemiewaffenangriffen des Verbündeten Syriens der russischen Propaganda in die Hände. Ein Dilemma. Wer trägt den Vorteil davon?

Es gibt kein zweites Land, dem sich die westliche Medienktivität derart engagiert zuwendet. Und man kann nicht behaupten, dass es dabei objektiv zugeht. Keinem anderen Land werden solche raffinierten Superschurkenfähigkeiten zugesprochen wie Russland.

Wenn sich der Verdacht gegen Russland wendet, so bekommt er ein großes Spielfeld. Wer westliche Zeitungen liest, erfährt, dass vom Kreml aus Befehle für Sabotage an der Demokratie und an Menschenrechten in die ganze Welt hinausgehen und nicht zuletzt, dass im Kalkül Russlands die syrische Zivilbevölkerung weit weniger zählt, als dass der “Schlächter seines Volkes”, der Folter-Tyrann Baschar al-Assad, an der Macht bleibt.

List und Tücke made in Russia machen diesen Planeten gefährlich, ist der gängige Schluss aus unzähligen Berichten und Kommentaren seit der Ukraine- und Krimkrise 2014. Seitdem wird gerne und oft von der “russischen Gefahr” gesprochen, Eklärungen braucht es dann nicht mehr viel. Bereits Grundschüler sind davon überzeugt, dass Putin die malaysische Passagiermaschine mit der Flugnummer MH17 abgeschossen hat. Der Nato-Stab und die deutsche Verteidigungsministerin von der Leyen warnen seit dem Krim-Referendum im März 2014 verstärkt vor den verdeckten Operationen Russlands, seiner aggressiven hybriden Kriegsführung.

Sich zu Russland zu positionieren, ist eine Herausforderung in einer schwierigen Gegenwart, die verlangt, über alles im Bild zu sein bei stetiger Veränderung. Anders als im Film oder Geschichtsbüchern ist nicht klar, welchen Ausgang die Konflikte nehmen, wie sie einzuschätzen sind, ob es nur um verbale Muskelspiele geht, um bloßes “Politiktheater”, oder ob es sich um vorbereitende Kriegspropaganda handelt. Dass der dritte Weltkrieg immer häufiger in den Diskussionen vorkommt, ist Zeichen kommunikativ eskalierender Zeiten.

Als Bösewicht wird oft Putin plakatiert, als Chef eines neo-totalitären repressiven Regimes in Russland und Vorreiter einer ganzen Reihe von strong men, die neue Attraktivität gewonnen haben – ein simples Bild, das aber zu funktionieren scheint und auch Artikeln unterliegt, die an kritische Leser (“Seien Sie anspruchsvoll!”) gerichtet sind.

Russland ist wieder Weltmacht und die Medien, die uns das meiste von dem beibringen, was wir dann fast ausschließlich von der Realität wissen, haben sich in der überwiegenden Mehrheit auf ein Bild geeinigt, das im Putinschen Russland eine (Kriegs-)Gefahr sieht.

Welche Haltung wollen wir einnehmen, wenn wir über Russland reden? Immun sein gegen Manipulationen des Großkonsens und auf jeden Fall klüger sein als der Mainstream, der eine anti-russische Schlagseite hat? Zugleich aber auch menschenfreundlicher als die eingefleischten Putin-Fans, die noch jedes autoritäre Durchgreifen in Russland und jeden Bombenangriff in Syrien zur Notwendigkeit erklären?

Der wieder belebte Kalte Krieg findet in den Medien eine wichtige Bühne. Der Kampf geht um die Deutungshoheit. Wer hat die Macht, uns seine “Story” als die glaubhaftere zu erzählen, wie stellt er das an? Was ist neu am Info-War zwischen dem Westen und Russland knapp 30 Jahre nach dem “Ende der alten Kalte-Kriegs-Geschichte”? Hat das Fiktive mit den neuen Medienmöglichkeiten jetzt größere Überzeugungskraft? Können wir aus dem Propaganda-Schlagabtausch etwas lernen?

Beim Telepolis-Salon sollen die erwähnten Fragen bis auf Weiteres geklärt werden. Dafür sorgen die kompetenten Gäste, die zum Gespräch mit Florian Rötzer und Thomas Pany eingeladen sind: der Doyen aller Verschwörungstheorien-Experten in Deutschland, Mathias Bröckers, Autor des Buches “Wir sind die Guten. Ansichten eines Putinverstehers oder wie uns die Medien manipulieren”, und Michael Meyen, Professor am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung an der LMU München und Mitglied des Netzwerks Kritische Kommunikationswissenschaft.

Glanzpunkte findet der Abend wie immer durch die Arbeit der Künstlergruppe Prismen mit ihren eindrucksvollen Videos.”

Wir laden ein zum nächsten Telepolis-Salon “Russland – Eskalation im Medienkino” mit den Gästen Mathias Bröckers und Prof. Dr. Michael Meyen im Münchener Lovelace in der Kardinal-Faulhaber-Str. 1 am 16. Mai um 19 Uhr. Eintritt: 5 EUR, ermäßigt 3 EUR

McMedien beenden Giftgas-Wochen

Wie geht’s eigentlich den Skripals ? Und wie war das denn jetzt mit den Chemiewaffen in Douma ? Die Giftgaswochen bei McMedien sind offenbar beendet. Aus heiterem Himmel und mit internationalen PR-Fanfaren gestartet wie “Los Wochos” bei McDoof ist der Nothing-Burger “Novichok” jetzt still und heimlich vom “Breaking News”-Menu verschwunden.  Und auch von den “White Helmet”-Stuntmen in Douma ist nach dem prächtigen Tomahawk-Feuerwerk gar nichts mehr zu hören. Aber gab es da nicht einen perfiden Giftgas-Angriff der “aggressiven Russen” auf das Vereinigte Königreich und eine grausame Untat des “animal” Assad, der seine eigenen Kinder vergast ? Gab es nicht über Wochen ein gigantisches Bohei auf allen Kanälen mit der eine “Ab 5 Uhr 45 wird zurückgeschossen!”-Stimmung geschürt wurde ? Mußte Mutti Merkel ihren Nato-Callboy Heiko nicht zurückpfeifen, der mit Donald und Macrönchen gern ein wenig mit geballert hätte, um als toughes Kerlchen da zu stehen ? Ja – und jetzt ? Werden die angeblichen Schwerverbrechen, die als Begründung für das Bombardement dienten, weiter aufgeklärt ?  Nein.  In England werden in Sachen Skripal   seltsame Medienkorrekturen vorgenommen, die deutsche Regierung verweigert  der Linkspartei die Einsicht in den vollständigen Bericht der Chemiewaffenkontrollbehörde OPWC und die internationalen McMedien-Outlets ignorieren konsequent die von Russland in Den Haag präsentierten syrischen Zeugen aus dem Krankenhaus in Douma, die auf dem Propaganda-Filmchen der “White Helmets” als Giftgasopfer auftauchten und allesamt berichten, dass es gar keinen Chemiewaffeneinsatz gab. Weshalb wohl auch in dem vollständigen OPWC-Bericht, den die deutsche Regierung offenbar auf Druck der Briten geheimhält, schlicht und ergreifend nichts zu finden sein wird, was die Anschuldigungen gegen Russland und Assad bestätigen könnte.
Unterdessen hat der stets gut informierte Ex-Diplomat  Craig Murray auf eine weitere Nachrichtenblockade hingewiesen: die Tatsache, dass der Agentenführer Pablo Miller aus den Nachrichten verschwunden ist, der Sergey Skripal einst in Russland zum Überlaufen zum MI-6 anheuerte und auch in England weiter in Kontakt mit ihm  sowie mit dem privaten “Orbis”-Geheimdienst stand. Also mit jenem Laden des (Ex-?)MI-6 Mannes Christopher Steele , aus dem das  haltlose “Golden Shower”-Dossier stammt, mit dem die Clinton-Kampagne den Kandidaten Trump zu Fall bringen wollte. Dass der Russland-Kenner Skripal bei der Zusammenstellung dieses Dossiers geholfen hat und nach dem Auffliegen des Fakes ein unsicherer Kandidat war, den man zum Schweigen bringen wollte – diesen möglichen Hintergrund für einen Inside-Job hatten wir hier schon Anfang April ventiliert. Und es scheint, dass diese konspirologische Spekulation (einmal mehr) näher an der Wahrheit liegt als die offiziellen Verlautbarungen, die von den McMedien-Outlets kolportiert werden. Dass diese die haarsträubenden Ungereimheiten über die angeblichen Gifteinsätze in Salisbury und Douma unter einem Mantel des Schweigens begraben, statt zu recherchieren, richtig zu stellen und für Transparenz zu sorgen, hat Methode. Wo kämen wir denn hin, wenn man bei McMedien statt mit Junk-News mit vollwertigem Journalismus gefüttert würde. Dann müssten die Verantwortlichen für illegale Kriegseinsätze zur Verantwortung gezogen werden und das geht nun mal gar nicht…

Der Wolf ist da

Als ich vor einigen Monaten das Buch von Wolf-Dieter Storl las  – “Mein amerikanischer Kulturschock – Meine Jugend unter Hillbillies, Blumenkindern und Rednecks” – wollte ich hier gleich etwas darüber schreiben. Ich kenne und schätze Wolf und seine ethnobotanischen und anthropologischen Arbeiten seit vielen Jahren, aber seine überaus spannende Lebensgeschichte kannte ich nicht. Am vergangenen Wochenende traf ich ihn auf einer Hanf-Konferenz in Zürich und versprach ihm, bald etwas über sein Buch zu schreiben, das mir so gut gefallen hat. Aber jetzt kann ich mir die Arbeit sparen, denn es gibt etwas viel Besseres: Ken Jebsen hat Wolf auf seinem Aussiedlerhof im Allgäu besucht und  ein sehr ausführliches Gespräch mit ihm geführt. Und hier erzählt er in seiner unnachahmlichen Art all das, was ich ansonsten umständlich hätte beschreiben müssen. Nehmt euch Zeit und schaut es an!

 

 

Tune in, turn on, start up?

Microdosing: 75 Jahre nach seiner Entdeckung und 50 Jahre nach dem Verbot wird LSD in winziger Dosierung als “Denkwerkzeug” und Arbeitsdroge wiederentdeckt

Am 16. April 1943 kam Dr. Albert Hofmann, dem Leiter der Naturstoff-Abteilung der Sandoz-Werke in Basel, während seiner Frühstückspause die Idee, eines der Alkaloid-Derivate des Mutterkorn-Pilzes noch einmal genauer anzuschauen, die er fünf Jahre zuvor isoliert hatte. Damals war er auf der Suche nach einem Wirkstoff für die Geburtshilfe, dem der auf Getreide lebende und schon in der mittelalterlichen Medizin erwähnte Pilz seinen Namen verdankt und das Medikament, das unter dem Namen “Methergin” bis heute in allen Kreißsälen in Verwendung ist.

Im Frühjahr 1943 nun, gerade von einem 3-monatigen Militärdienst an der italienischen Grenze an seinen Arbeitsplatz zurückgekehrt, war er auf der Suche nach einer kreislauf-stimulierenden Substanz und stellte das Lysergsäure-Di-Äthylamid (LSD) noch einmal her. Dabei muss er auf eine ihm selbst unerklärliche Weise mit der Substanz in Kontakt gekommen sein und spürte kurz darauf eine merkwürdige Benommenheit, sodass er sein Labor verließ und nach Hause ging.

“Zu Hause legte ich mich nieder und versank in einen nicht unangenehmen, rauschartigen Zustand, der sich durch eine äußerst angeregte Fantasie kennzeichnete. Im Dämmerzustand bei geschlossenen Augen (das Tageslicht empfand ich als unangenehm grell) drangen ununterbrochen phantastische Bilder von außerordentlicher Plastizität und mit intensivem, kaleidoskopartigem Farbenspiel auf mich ein. Nach etwa zwei Stunden verflüchtigte sich dieser Zustand.”

So heißt es in Albert Hofmanns Protokoll über den ersten Selbstversuch, dem er drei Tage später im Labor einen weiteren folgen lies und 250 Mikrogramm der Substanz einnahm, die bis dahin als kleinste wirksame Dosis geltende Menge bei pharmakologischen Versuchen. Kurz darauf spürt er eine merkwürdige Benommenheit – “Beginnender Schwindel, Angstgefühl, Sehstörungen, Lähmungen, Lachreiz” – und fährt mit dem Fahrrad nach Hause. Er ahnt zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass er gerade die stärkste bewusstseinsverändernde Substanz überhaupt entdeckt hatte und glaubte, zu Hause angekommen, dass er wahnsinnig geworden sei.

Seine Wahrnehmung der äußeren Realität war völlig verändert und bei geschlossenen Augen zeigten sich farbige Bilder und Strukturen. Der herbeigerufene Arzt konnte keinerlei lebensbedrohliche Symptome feststellen, doch das Gesicht seiner Nachbarin, die ihm Milch zur Entgiftung vorbeibrachte, erschien ihm wie das einer schrecklichen Hexe. Als er nach einiger Zeit ruhiger wurde und sich sein Zustand langsam normalisierte kam er aus dem Staunen nicht mehr heraus:

Alles strahlte in einer Intensität und Prägnanz, wie er sie nie wahrgenommen hatte, Geräusche verwandelten sich in Farben und Formen. Der Schrecken wich und “machte Gefühlen des Glücks und der Dankbarkeit Platz”, wie Hofmann in seinem Protokoll schreibt. Er hatte den ersten “Horrortrip” der Geschichte überlebt und nach dem “Methergin” zur physischen Hilfe bei der Geburt eine Art psychischen Geburtshelfer gefunden. Während der eine die Gebärmutter kontrahierte und dem Kind in die äußere Welt half erweiterte der andere das Bewusstsein und ermöglichte als “Teleskop in den Weltraum der Seele” (Stan Grof) Einsichten in die innere Welt.

Von 1948 bis zum internationalen Verbot des LSD im Jahr 1966 wurde die Substanz unter dem Namen “Delysid” von Sandoz hergestellt und weltweit von Ärzten, Psychiatern und Psychotherapeuten eingesetzt. In der “Sandoz Collection”, die mittlerweile an der Universität Bern gelagert wird, sind über 4500 Berichte über die Verwendung von LSD als Medikament in der therapeutischen Praxis und Forschung versammelt.

“Zur seelischen Auflockerung bei analytischer Psychotherapie, besonders bei Angst- und Zwangsneurosen sowie zur experimentellen Untersuchung über das Wesen der Psychosen,” vermerkte der Beipackzettel, zusammen mit der Empfehlung an die Ärzte, das neuartige Medikament vor der Abgabe an ihre Patienten erst einmal selbst zu nehmen. Als kleinste wirksame Dosis wurden 50 Mikrogramm angegeben, ein Fünftel dessen, was Albert Hofmann vor seinem ersten Trip genommen hatte.

Und so findet sich in diesen Berichten von Ärzten und Forschern nur sehr wenig über “Horrortrips”, aber sehr viel über die erstaunlichen “seelischen Auflockerungen”, die vorbereitete und in ansprechender Umgebung begleitete Klienten erlebten. Auch bei deutlich höheren Dosierungen wie Hofmann sie bei seinem ersten gezielten Selbstversuch eingenommen hatte ließen sich Panik und Angstzustände durch entsprechende therapeutische Begleitung vermeiden.

Timothy Leary entwickelte an der Harvard-Universität zu Beginn der 1960er die These von “Set” und “Setting”, die besagt, dass die Wirkung von LSD neben der Dosis ganz entscheidend von dem aktuellen seelischen Zustand des “Reisenden” und einer entspannten, vertrauten Umgebung abhängig ist. Als Evangelist der LSD-Erfahrung betonte Leary zwar stets diese wichtigen Grundvoraussetzungen und in seiner berühmten Parole “tune in, turn on, drop out” steht das Einstimmen nicht zufällig vor dem Antörnen und dem Herausfallen aus den gewohnten Rastern der Wahrnehmung und des Denkens.

Doch Learys euphorische Popularisierung der damals noch legalen Droge sorgte dann nicht nur für seinen Rausschmiss aus Harvard, sondern 1966 auch für das internationale Verbot von LSD. Und damit auch für das Ende der therapeutischen Verwendung sowie der wissenschaftlichen Forschung insgesamt.

Verschiedene Geheimdienste, die wie die CIA in ihrem berüchtigten MK Ultra-Programm seit den 50er Jahren mit der Substanz experimentiert hatten – um sie als “Wahrheitsdroge” beim Verhör gefangener Spione, zur Gehirnwäsche sowie als chemische Waffe einzusetzen, um feindliche Armeen kampfunfähig zu machen -, gaben diese Versuche dann ebenso auf wie das Militär. Der Grund war nicht die Grausamkeit, andere Menschen ohne ihr Wissen in extreme Verwirrung zu versetzen, sondern eher die Tatsache, dass sich die Wirkung nicht vorhersagen und das Verhalten der Probanden nicht wirklich kontrollieren ließ, wie hier auf einem Video des britischen Militärs von 1964 schön zu sehen ist.

Einhergehend mit dem Verbot und dem Abtauchen der Produktion und des Konsums in den Untergrund der Hippiebewegung und der Gegenkultur dominierten in den Publikationen über LSD fortan Horror, Wahnsinn und Psychose, eine Panikmache, die Tim Leary zu dem bis heute zutreffenden Bonmot veranlasste: “LSD erzeugt Angst und Paranoia vor allem bei denen, die es nie genommen haben.” Bei denen, die es genommen hatten – seien es die zigtausend Klienten mit ärztlicher Aufsicht oder die Millionen mit ihren Freunden – war freilich meist das genaue Gegenteil der Fall: neue Einsichten in ihr Selbst förderten Mut und Selbstbewusstsein.

Der Psychiater Oskar Janinger, der in seiner Praxis in Los Angeles Ende der 1950er Jahren zahlreiche Künstler und Kreative mit LSD therapierte, führte diesen Effekt “auf eine Verschiebung des fundamentalen Referenzrahmens der Wahrnehmung” zurück, die “zu einer profunden seelischen Erschütterung und zu erstaunlichen Einsichten führen, in die Natur der Realität und darüber, wie unsere persönliche Existenz geformt ist.”

Als sein berühmtester Patient, der Schauspieler Cary Grant, in einem Interview bekundete: “Ich mag eigentlich keine Drogen, aber LSD hat mir sehr gut getan. Ich finde, alle Politiker sollten LSD nehmen”, konnte Dr. Janinger sich vor Anfragen kaum noch retten. Allerdings nicht von Politikern, die den unkonventionellen Stoff denn auch bald auf ihre konventionelle Art – mit dem Strafrecht – aus der Welt zu schaffen suchten.

Auch der Psychologe Jim Fadiman musste nach dem Verbot 1966 seine Experimente zur Problemlösung mit Ingenieuren und Wissenschaftlern abbrechen, die er auf LSD schwierige physikalische und technische Probleme lösen lies – und begann vier Jahrzehnte später, die zuerst aus dem Silicon Valley kommenden Nachrichten über den Konsum von LSD in winziger Dosierung (10-20 Mikrogramm) zu erforschen, deren Nutzer über ihre Steigerung von Konzentration, Produktivität und guter Laune berichteten.

Wissenschaftliche Studien über diese “Microdosing” genannte Konsumform und die Frage ob und wie solche Kleinstmengen der Substanz überhaupt wirken, liegen noch nicht vor, dafür aber zahlreiche und überwiegend äußerst positive anekdotische Berichte von Nutzern, die mit einer solchen Mini-Dosis ihrer Arbeit nachgehen. Der neue Trend des Microdosing war auch ein Thema auf dem Symposion, das zum 75. Jahrestag der Entdeckung am 19. April in Basel stattfand. Schon Albert Hofmann hatte festgestellt, dass er mit kleinen Dosierungen “besser denken” könne und Francis Crick, der Entdecker der DNA-Doppelhelix hatte darüber berichtet, dass er kleine Mengen LSD zum Nachdenken verwendete; dass er allerdings so auf die Idee der Doppelspirale DNA-Moleküls gekommen sei, wie es die Daily Mail nach seinem Tod 2004 berichtete, ist umstritten.

Unbestreitbar high war allerdings ein weiterer mit dem Nobelpreis gekürter Genforscher, Kary Mullis, der 1983 die Polymerase Kettenraktion (PCR) entdeckte, die als wichtigstes Werkzeug der genetischen Medizin gilt. Das Wochenende vor der Entdeckung verbrachte er mit LSD auf seiner einsamen Hütte bei Mendocino, wo ihn im Wald ein “leuchtendes Kannichen” angesprochen hätte.

An die Details dieser merkwürdigen Begegnung konnte Mullins sich nicht mehr erinnern, seine Erinnerung setzte erst Stunden später auf dem Rückweg zur Hütte wieder ein. Als er auf der Heimfahrt im Auto darüber nachdachte, sei ihm dann die PCR-Idee gekommen, die er im Labor sogleich umsetzte, schreibt Mullis in seiner Autobiographie mit dem schönen Titel “Dancing naked in the mindfield”.

Dass Kaninchen möglicherweise leuchten und mit einem “sprechen” können, wenn man die Antennen der Wahrnehmung mit einer kräftigen Dosis LSD verstärkt und nackt im Bewusstseinsfeld tanzt , klingt für Acid-Heads nicht sonderlich überraschend; dass man aber in einem solchen Zustand komplexe bio-chemische Probleme löst, ist äußerst unwahrscheinlich. Naheliegend ist deshalb, dass Kary Mullis sein “Heureka!”-Erlebnis hatte, als er nach einem starken Trip am nächsten Morgen noch ein wenig “mikrodosiert” war.

Dass es bei einer nachlassenden, ausklingenden LSD-Wirkung und dem Wiedereintreten der “normalen” Wahrnehmung zu Phasen kommen kann, bei der man mit dem Gegenstand seiner Beschäftigung oder Betrachtung – einem Partner, einem Werkzeug, einem Instrument, einer Maschine – gleichsam verschmilzt, ist ein sehr bekanntes und oft beschriebenes Phänomen. Dies deutet darauf hin, dass es sich auch bei den Berichten über die wunderbaren Wirkungen von Mini-Dosierungen nicht nur um Medien-Hype, Mythen oder Placebo-Effekte handelt. Was dabei allerdings im Gehirn vor sich geht bedarf noch weiterer Erforschung.

Als beim Abendessen mit einigen Referenten des Jubiläums-Symposions das Thema auf Microdosing kam, warf ich die steile These in den Raum, dass LSD nicht entdeckt worden sei, damit CEOs und Start-Upper ihre blöden Bilanzen und Businesspläne damit optimieren. Und dass dieses Selbstoptimierungs-, Effizienz- und Produktiviäts-Doping nicht auf Erweiterung, sondern auf Vertunnelung des Bewusstseins hinausläuft.

Dem stimmten die meisten zwar zu, wendeten aber ein, dass der “Microdosing”-Trend dazu beitragen könnte, dass LSD und andere psychoaktive Substanzen wieder Eingang in den Arzneimittelkatalog finden und Ärzten und Therapeuten wieder zur Verfügung steht. Dass es dort besser aufgehoben wäre als im Strafgesetzbuch ist sicher, doch ebenso sicher ist ein von Pharmakonzernen vermarktetes “Gehirndoping” auch keine wünschenswerte Alternative.

Erschienen auf telepolis

Zum 100. Geburtstag Albert Hofmanns 2006 haben Roger Liggenstorfer und ich eine Sammlung seiner letzten Essays herausgegeben: ” AlbertHofmann und die Entdeckung des LSD – Auf dem Weg nach Eleusis”.

Kruzifix! Bayern wieder mit Balkensepp

„Kruzifix! Bayern ohne Balkensepp“ hatte die taz am 11. August 1995 getitelt, als ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts ergangen war, nach dem ein Kreuz in Schulzimmern staatlicher Schulen gegen die im Grundgesetz festgelegte Trennung von Staat und Kirche verstößt. Ein Elternpaar hatte gegen die dekorative Indoktrination bayerischer Klassenzimmer geklagt und Recht bekommen. Die Aufregung war damals groß – Mitglieder der bayerischen Regierung riefen auf, das Urteil des höchsten Gerichts einfach zu ignorieren und die taz fing sich einige Strafanzeigen ein, die freilich von den Gerichten abschlägig beschieden wurden. Auf Antrag der Deutschen Bischofskonferenz sprach der Presserat der Zeitung aber eine „Missbilligung“ aus und befand, dass „Balkensepp“ ebenso wie die gut bayerische Bezeichnung „Lattengustl“, die in dem zugehörigen Artikel verwendet wurde, die Gefühle von Christen verletzten könne. Da das Selbstkontrollorgan der Printmedien aber keine juristische Instanz ist, blieb die Schlagzeile ohne strafrechtliche Folgen. Wie auch schon einige Jahre zuvor ein metallenes Kruzifix, das die „Titanic“ mit der Überschrift: „Ich war eine Dose“ versehen hatte. Auch den Absturz einer „polnischen Flugente“, wie ihn der Kolumnist Wiglaf Droste zum Tod des viel gereisten Papsts Karol Woijtyla meldete, waren wie Balkensepp und Lattengustl nicht justiziabel – weil nicht in der Lage „den öffentlichen Frieden zu stören.“ Nur dann greift der Paragraph 166 des Strafgesetzbuchs, der die Beschimpfung von Bekenntnissen, Religionen und Kirchen mit bis zu drei Jahren Freiheitsstrafe ahndet.

Es reicht also nicht, wenn sich Frömmler jedweder Provenienz einfach nur beleidigt fühlen: schärfste Satire, grobe Witze und  Verächtlichmachung sind auch weiterhin erlaubt. Zu derart geschärften Waffen zu greifen gebietet jetzt der Kruzifix-Vorstoß des bayerischen Ministerpräsidenten Söder, der par ordre de mufti verfügt hat, alle Behörden des Landes mit einem Balkensepp auszustatten: „Im Eingangsbereich eines jeden Dienstgebäudes im Freistaat ist als Ausdruck der geschichtlichen und kulturellen Prägung Bayerns deutlich wahrnehmbar ein Kreuz als sichtbares Bekenntnis zu den Grundwerten der Rechts- und Gesellschaftsordnung in Bayern und Deutschland anzubringen.“ heißt es in der Verordnung, die am 1. Juni in Kraft tritt.

Ob künftig auch der FC Bayern in der Kabine ein Kreuz aufhängen und bei Auswärtsspielen ein selbiges mitzuführen hat, war von Söders Büro noch nicht in Erfahrung zu bringen. Wenn dies aber der Fall ist – nach dem absehbaren Ausscheiden aus der Champions-League ist alles möglich! – wird der Söder Markus den Lattengustl sicher persönlich aufhängen, wie er es in seiner Staatskanzlei im Blitzlichtgewitter der Fotografen schon höchst selbst getan hat. “Das Kreuz ist das grundlegende Symbol der kulturellen Identität christlich-abendländischer Prägung”, so Söder, und dass künftig keine Kfz-Zulassungsstelle, kein städtisches Hallenbad und schon gar keine Ausländerbehörde ohne einen Balkensepp im Eingangsbereich davon kommt, dafür würde sich der Erlöser der Bajuwaren und Retter der abendländischen Identität notfalls selber kreuzigen lassen. Was aber leider nicht zu befürchten ist, denn dass das Verfassungsgericht die Zwangs-Kruzifizierung wieder in die Tonne treten wird wo sie hingehört, das ist so sicher wie das Amen in der Kirche.

Auch als Podcast auf KenFM

Giftgaswochen bei McMedien – Ein Interview

Wenn Journalisten „gegen ein Volk oder bestimmte Volksgruppen hetzen oder zum Krieg treiben, muss das Strafgesetzbuch greifen“, sagt Autor Mathias Bröckers im Interview mit den NachDenkSeiten. „Die Art und Weise, wie Russland im Fall Skripal an den Pranger gestellt und beschuldigt wurde, ohne dass bis heute irgendein Beweis vorliegt, steht da meines Erachtens schon scharf an der Grenze zum Illegalen“, so Bröckers. Ein Interview unter anderem über die „Giftgaswochen bei McMedien“ und die zu befürchtende Berichterstattung zur Fussball-WM in Russland. Das Interview führte Marcus Klöckner.

Herr Bröckers, auf Ihrem Blog schreiben Sie gerade: Der Westen will Krieg. Auch die NachDenkSeiten verweisen immer wieder auf das Verhalten und die Manipulationen und Lügen in der aktuellen Politik. Sie beobachten die politischen Entwicklungen schon seit langem. Ist die Lage wirklich so schlimm?

Wenn man Trumps martialische Kriegserklärung auf Twitter – “Get ready, Russia” – liest und die Meldungen, dass amerikanische Flugzeugträger Richtung syrische Küste unterwegs sind, kann einem schon Angst und Bange werden, denn hier prallen zwei atomare Supermächte direkt aufeinander. Auch Großbritannien und Frankreich rasseln mit dem Säbel gegen Russland wie lange nicht mehr und Deutschland wollte sich, zumindest nach den ersten Aussagen seines neuen Außenministers, ebenfalls an möglichen militärischen Konfrontationen beteiligen. Da musste der Minister unseres Äußersten aber mittlerweile auf Anweisung seiner Chefin zurückrudern. Mir scheint die Lage sehr gefährlich. Denn die aktuelle Eskalation entwickelte sich ja nicht zufällig, sondern wurde mit der Giftgas-Affäre um den Agenten Skripal und seine Tochter und den angeblichen erneuten Gaseinsätzen in Syrien gezielt herbeigeführt.

Mittlerweile sprechen viele davon, dass die Lage noch schlimmer ist als zur Zeit des Kalten Krieges.

In der heißesten Phase des Kalten Kriegs, während der Kuba-Krise im Oktober 1962, saß mit John F. Kennedy ein besonnener Präsident im Weißen Haus, der hinter dem Rücken seiner Generäle und Geheimdienste über einen geheimen “Back Channel” mit dem Sowjet-Führer Chruschtschow korrespondierte und so die Bombardierung und Invasion Kubas – die seine sämtlichen “Joint Chiefs” und die CIA vorschlugen – verhinderte. Zum Glück für Amerika und die Menschheit, denn die Sowjets hatten – was die Amerikaner nicht wussten – ihre auf Kuba stationierten Raketen mit Nuklearsprengköpfen ausgerüstet. Ein einzige auf eine Metropole der Ostküste hätte gereicht um ein Desaster und einen nuklearen Weltkrieg auszulösen. Heute regiert mit Trump das genaue Gegenteil eines besonnenen Staatsführers und es scheint eher so, als ob die Generäle ihren Präsidenten von Kurzschlusshandlungen abhalten müssen als umgekehrt. Insofern ist die Lage durchaus brisanter als damals.

Was halten Sie von der Berichterstattung hierzulande?
Friedensjournalismus oder Kriegstreiberei?

Journalisten müssen sich nicht für Abrüstung und Frieden einsetzen, ihr Job ist, so umfassend und objektiv zu berichten wie möglich. Wenn sie gegen ein Volk oder bestimmte Volksgruppen hetzen oder zum Krieg treiben, muss das Strafgesetzbuch greifen. Die Art und Weise, wie Russland im Fall Skripal an den Pranger gestellt und beschuldigt wurde, ohne dass bis heute irgendein Beweis vorliegt, steht da meines Erachtens schon scharf an der Grenze zum Illegalen. Das sieht im Übrigen auch der Merkel-Vertraute und promovierte Jurist Norbert Röttgen so, wenn er behauptet es sei ” wirklich Unsinn”, die “Unschuldsvermutung auf die internationale Ebene zu übertragen.” Soviel Ignoranz gegenüber dem Völkerrecht und internationalem Rechtsverständnis muss man erst mal haben – aber solche Hemmungslosigkeit entspricht durchaus dem Tenor, in dem die Leitmedien in Sachen Giftgas berichteten. Wie die NachDenkSeiten und andere dokumentiert haben, wurden Fake News am laufenden Band produziert – wo “in dubio pro reo”, also im Zweifel für den Angeklagten, als Unsinn gilt, geht eben auch jede journalistische Sorgfaltspflicht über Bord.

Wie kommt es zu diesem Journalismus? Es ist ja nicht so, dass die Redaktionen nicht wüssten, wie man sauber arbeitet.

Es ist Rudelverhalten. Wenn ein paar Leitwölfe losheulen kläfft die Meute einfach mit. Es sind ja nur noch eine Handvoll internationaler Konzerne, unter denen die großen Nachrichtenagenturen, Sender und Zeitungen operieren und die geben den Kammerton vor. Was da dann aus dem Ticker kommt gilt grundsätzlich als “seriös” und wird nachgebetet, selbst wenn es sich dabei – wie in dem geleakten Papier, mit dem die britische Regierung im Fall Skripal die EU-Außenminister von einer Diplomaten-Ausweisung überzeugten – überhaupt nicht um solide Informationen handelt, sondern um eine lupenreine Verschwörungstheorie. Eine Kette aus Indizien, Vermutungen, Behauptungen und Verdächtigungen, aber nicht die Spur eines Beweises für die Herkunft der Tatwaffe und gar die des Täters. Dass ein solches nur aus Behauptungen bestehendes Sündenregister für einen Urteilsspruch ausreicht und eine große diplomatische Krise heraufzubeschwören kann, ist erschreckend.

Um zu zeigen, wie “Fake News” und “Verschwörungstheorien” funktionieren, wenn sie von höchster Stelle verlautbart und von den McMedien-Outlets konzertiert verbreitet werden, bieten die sechs geleakten Power-Point-Folien samt ihrer politischen Folgen einen hervorragenden Anschauungsunterricht. Und wer nicht glauben will, dass mit dreisten Unterstellungen so einfach Politik gemacht wird, der konnte sich von der “Zeit” belehren lassen: “Es braucht keine eindeutigen Beweise!”

Erstaunlich in einem einst für den liberalen Rechtsstaat stehenden Blatt, aber wenn’s gegen den Richtigen geht, sind rechtsstaatliche Normen offenbar zweitrangig.

Was bedeutet das denn für die Mediennutzer?

Nichts Gutes. Und mit Räuberpistolen wie der Skripal-Nummer, bei der letztlich zwei Meerschweinchen und ein verendeter Kater als einzige Toten zu beklagen sind, verspielen Medien und Politik das ohnehin schon stark angeknackste Vertrauen immer weiter. Nicht weil soziale Medien oder russische Trolle dazwischen funken, sondern weil von oben systematisch desinformiert und gelogen wird. Da sich die Muster dabei aber wiederholen, merken das immer mehr Leute. Die “Giftgaswochen bei McMedien” wie ich die an “Los Wochos” bei McDoof erinnernde Kampagne genannt habe, sind da einmal mehr eine deutliche Lektion. Nachdem in England aus der Skripal Geschichte keine Funken mehr zu schlagen waren, wird termingerecht ein angeblicher Giftgaseinsatz in Syrien gemeldet.

Und von den britischen “White Helmets” mit Kinderbildern untermalt und der syrischen Armee in die Schuhe geschoben – was einmal mehr die Verlautbarung von allgemeinem Entsetzen über das “Animal Assad” (Trump) und dann weitere Bombenangriffe ermöglicht. Ob und von wem Gas eingesetzt wurde, ist ungeklärt, auch hier reichen Behauptungen, Vermutungen, Beschuldigungen – Fake News. Wie beim “Hufeisenplan” vor dem Angriff auf Jugoslawien, wie bei dem Angriff auf den Irak, auf Libyen. Nach den jüngsten Bombardements hat Russland nun Konsequenzen angekündigt und man kann nur hoffen, dass die Russen vernünftig bleiben und nicht etwa auf die Idee kommen, ein US-Kriegsschiff im Mittelmeer zu versenken.

Stichwort Fußballweltmeisterschaft in Russland und Medienberichterstattung. Was sind Ihre Erwartungen oder: Befürchtungen?

Rein sportlich sollte das deutsche Team mindestens ins Halbfinale kommen. Wenn ein paar Politiker einen Besuch der WM betont auffällig boykottieren wollen, stört das weder die Spieler noch die Fans, im Gegenteil. Selbst wenn der Trump-Verschnitt im britischen Außenamt, Boris Johnson, der die WM mit der Olympiade 1936 verglichen hat, seine Kicker zum Boykott zwingen könnte, wäre das kein großer Schaden, denn England hat außer dem Titel durch ein Fake-Tor 1966 bei einer WM noch nie was gerissen. Dann könnten Italien oder Holland nachrücken, die für mich als Fan bei so einem Turnier eigentlich dazugehören.

Zu befürchten ist nun, dass man sich auf Nervengift in mindestens jeder zweiten Reportage einstellen muss. Denn natürlich sollen die Zuschauer von unseren Öffentlich-Rechtlichen Kanälen bei all dem schönen Fußball ja auch über die “Hintergründe” im Gastgeberland informiert werden – und da eignen sich die 20 Millionen Russen, die von Hitlers Armeen im 2. Weltkrieg ermordet wurden natürlich weniger als ein pensionierter Doppel-Agent, der “wahrscheinlich”, “ganz bestimmt”, “ziemlich sicher” von Adolfs aktuellem Nachfolger ganz persönlich um die Ecke gebracht werden sollte.

Beim Confed-Cup im letzten Jahr war das Russen-Bashing einiger Reporter und Kommentatoren manchmal schon sehr penetrant, da scheint nach den aktuellen Zuspitzungen noch heiße Luft nach oben. Dass sich die Spieler danach in einem offenen Brief bei ihren Gastgebern und dem russischen Publikum für den herzlichen Empfang und die perfekte Organisation bedankten, zeigt, dass es auch anders geht. Und gäbe es statt transatlantischer Scharfmacherei in Deutschland noch eine friedensfördernde Ostpolitik, könnten solche Sportereignisse auch diplomatisch genutzt werden. Doch Bundeswehr und Nato wollen aufrüsten, da ist ein Großfeind einfach unverzichtbar.

 

Atemlos in Douma

Robert Fisk in Douma, Foto: The Independent

Der legendäre Nah-Ost-Reporter Robert Fisk,  in Großbritannien als Auslandskorrespondent des Jahres mehrfach ausgezeichnet, ist auf eigene Faust nach Douma gereist, um die Wahrheit über den angeblichen Giftgasanschlag herauszufinden. Er suchte das unteriridsche Krankenhaus auf, aus dem die Videos von Kindern mit Sauerstoffmasken stammten, die von den “White Helmets” als Beleg für einen Chemiewaffenangriff in die Welt gesetzt wurden. Als erster Journalist überhaupt sprach Fisk mit dem Leiter der Klinik, Dr. Rahaibani:

“I was with my family in the basement of my home three hundred metres from here on the night but all the doctors know what happened. There was a lot of shelling [by government forces] and aircraft were always over Douma at night – but on this night, there was wind and huge dust clouds began to come into the basements and cellars where people lived. People began to arrive here suffering from hypoxia, oxygen loss. Then someone at the door, a “White Helmet”, shouted “Gas!”, and a panic began. People started throwing water over each other. Yes, the video was filmed here, it is genuine, but what you see are people suffering from hypoxia – not gas poisoning.”

Also: Aufgrund starker Winde wehten in der Nacht zum 8. April aus den Trümmern der seit langem bombardierten Stadt Staubwolken in die Keller und Unterstände der Bevölkerung und die Menschen kamen zur Klinik, weil sie an Atemnot litten. Nicht an Gasvergiftung. Bis ein “White Helmet” an der Tür “Gas” schrie und eine Panik auslöste, sodass die Patienten sich mit Wasser übergossen. Diese Bilder zusammen mit der Behauptung, es handele sich um Giftgasopfer, wurden dann von den McMedien-Outlets weltweit verbreitet und dienten Trump, May und Macron als Begründung für den Bombenangriffe vom Wochenende.
Es scheint, als könnten wir der bekannten Kategorie der “False Flag”- Operation eine neue Art, die “Fake False Flag”, hinzufügen, was immerhin den Vorteil hat, dass niemand wirklich vergiftet werden muss, um anderen einen Gifteinsatz in die Schuhe zu schieben. Im Zeitalter der Fake News reicht das völlig aus, weil ohnehin niemand mehr recherchiert und die journalistischen Laptop-Bomber zum Angriff blasen wenn es befohlen wird.  Jetzt dürfen wir gespannt sein, wie sie aus der sicheren Deckung ihres Schreibtischs auf diese Enthüllungen reagieren und “Experten” aus geheizten Amtsstuben und luxuriösen Think-Tanks auffahren, um diese Vor-Ort-Recherchen zu widerlegen. Die Giftgas-Wochen bei McMedien gehen in eine neue Runde….

Auch auf Rubikon erschienen

Rote Linien

Cartoon: Steve Bell, Guardian

Als „Déjà-vu“ werden Situationen bezeichnet, von denen man glaubt, sie genau so schon einmal erlebt zu haben. Und ein solches Erlebnis konnte man am vergangenen Wochenende haben, als die Nachrichten von den Bombenangriffen auf Syrien eintrafen. Blenden wir kurz fünf Jahre zurück:

Im August 2013 stehen die Truppen der USA, Englands und Frankreichs kurz davor, mit Bombardements in den syrischen Konflikt einzugreifen, weil nach mehreren Giftgaseinsätzen, die der Assad-Regierung zugeschrieben wurden, laut Präsident Obama eine »rote Linie« überschritten war. Nachdem am 21. August in der Stadt Ghuta erneut mehrere hundert Zivilisten durch den Einsatz chemischer Waffen ums Leben gekommen waren, setzte Obama den Termin des Bombenangriffs auf den 2. September fest, England verlegte ein U-Boot und Kampfflugzeuge nach Zypern, eine Staffel der französische Luftwaffe wurde in Bereitschaft versetzt. Ohne Frage wäre es zu diesem Angriff auf Damaskus gekommen – der US-Präsident hatte ihn sogar schon öffentlich angekündigt. Dass er im letzten Moment abgewendet wurde, verdankte sich einem russischen Agenten, der dem britischen Geheimdienst MI-6 ein Muster des in Ghuta verwendeten Giftgases zukommen ließ – samt eines vertrauenswürdigen Belegs, dass dieses nicht aus russischen Beständen stammte und daher auch nicht im Arsenal von Assad gewesen sein konnte. Nachdem die Chemiker des MI-6 dies geprüft hatten, funkten sie eilig nach Washington: »Wir wurden reingelegt!«

Wie dies geschah, deckte der investigative Reporter Seymour Hersh dann einige Monate später auf: In einer klassischen »False-Flag-Operation« hatten die »Rebellen« selbst das Giftgas eingesetzt. Die Kampfstoffe stammten aus der Türkei und waren auf der von der CIA eingerichteten »Rattenlinie« zur Versorgung der Aufständischen nach Syrien gebracht worden. Mit dem von der Türkei, Katar und Saudi-Arabien ausgeheckten Plot sollten die Großmächte in den Konflikt hineingezogen werden, was Russland verhinderte und danach einen Deal mit Assad aushandelte, sämtliche syrischen Chemiewaffen zu vernichten – was unter Aufsicht der zuständigen UN-Kommissionen auch geschah.

Doch das Auffliegen der Geschichte und die Beweise, dass 2013 nicht der »Schlächter« Assad Chemiewaffen einsetzte, sondern die vom Westen eingeschleusten islamistischen Söldner, änderte rein gar nichts – und im Frühjahr 2018 kommt es zum „Déjà-vu“, und wieder ist dauernd von „roten Linien“ die Rede:

  • am 4.März werden Sergey und Julia Skripal in England angeblich mit einem Nervengift angegriffen
  • am 6. März macht Englands Außenminister Johnson Russland dafür verantwortlich
  • am 7. März kommt der saudische Kronprinz Bin Salman zu einem offiziellen Besuch nach London
  • am 13. März berichtet der russische Generalstab, dass aus Syrien Geheimdiensterkenntnisse über die Vorbereitungen zu einem Chemiewaffen-Anschlag vorliegen, die eine Begründung für Bombenangriffe auf Damaskus liefern sollen
  • am 19. März ist der saudische Kronprinz Bin Salman auf Staatsbesuch in Washington
  • am 8. April trifft Bin Salman zu einem offiziellen Besuch in Paris ein
  • am 9. April behauptet die von den Saudis finanzierte Dschihadisten-Truppe „Jaish al Islam“ und ihre von England finanzierte Sanitäter-Truppe, die “White Helmets“, dass in ihrer Enklave in Duma ein Chemiewaffenangriff der syrischen Armee stattgefunden habe.
  • am 11. April bekundet Saudi Arabien Unterstützung für einen Angriff auf Syrien. Trump twittert vom „Animal Assad“
  • am 12. April trifft eine Delegation der internationalen Chemiewaffenkontrollbehörde, der untersuchen soll, ob ein Giftgasangriff in Duma stattgefunden hat. Doch noch bevor sie ihre Untersuchung aufnehmen kann wird Syrien
  • am 14. April mit über 100 amerikanischen, britischen und französischen Raketen bombardiert.

Die deutsche Regierung stellt sich – wie 2013 – auf die Seite der Angreifer, Angela Merkel begrüßte, dass sie „Verantwortung“ übernommen hätten. Verantwortung für was, fragt man sich – denn dieser Angriff ohne Rechtsgrundlage und ohne UN-Mandat war nichts anderes als ein völkerrechtswidriges Kriegsverbrechen. DAS ist die rote Linie, die mit diesem Angriff überschritten wurde – wie schon im Irak, wie schon in Libyen und fast überall, wo der US-Hegemon seit Jahrzehnten seine Bomben abwirft… oder wie in Vietnam vor 50 Jahren flächendeckend Chemiewaffen einsetzt, oder sie an den noch verbündeten Saddam Hussein lieferte, der sie gegen den Iran nutzte. »Rote Linien«, so können wir nach dem letzten Wochenende lernen, gelten immer nur für eine Seite: Wir, die Guten, dürfen alles, weil wir für »Freiheit« und »Menschenrechte« unterwegs sind. Wir bekämpfen den Terror“, wir beseitigen »Diktatoren« und sind ganz strikt und humanitär natürlich gegen „Giftgas“. Sofern wir es nicht gerade selbst einsetzen…

Auch als Podcast auf KenFM

Der Westen will Krieg

“Diese Blechköpfe haben einen großen Vorteil. Wenn wir auf sie hören und tun, was sie wollen, ist hinterher niemand von uns mehr am Leben, um ihnen zu sagen, dass sie falsch lagen”, sagte John F. Kennedy zu seinem Berater O’Donell, als sie im Oktober 1962 eine Sitzung mit dem Generalstab verliessen, in der sich die Militärs und fast alle seiner Kabinettsmitglieder außer John McNamara und Robert Kennedy für einen sofortigen Angriff auf Kuba ausgesprochen hatten. Um einen Krieg zu verhindern, sah JFK nur noch die Möglichkeit, eine letzte Opiton zu nutzen, von denen weder die Militärs noch die Geheimdienste und sein Kabinett zu dieser Zeit wussten: seinen geheimen »Back Channel« mit dem Partei- und Regierungschef auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs, den Kontakt mit Nikita Chruschtschow.

Vermittelt über seinen Bruder und einen in Washington stationierten russischen Journalisten hatte Kennedy kurz zuvor einen Briefwechsel mit dem Kremlchef begonnen, und dieser erst 1993 im Rahmen des Freedom Of Information Act an die Öffentlichkeit gekommene Austausch wirft ein faszinierendes Licht nicht nur auf die aktuelle Krise im Oktober 1962, sondern auch auf die Rolle, die Persönlichkeiten an den Schaltstellen der Macht in entscheidenden Momenten spielen können. Denn auch Chruschtschow fühlte sich umringt von säbelrasselnden Generälen, die von politischen und diplomatischen Problemlösungen wenig und von massiven militärischen Aktionen umso mehr hielten. So sahen sich beide Staatsmänner genötigt, diskret hinter dem Rücken ihrer Beraterstäbe direkte Verhandlungen miteinander aufzunehmen. Zu welcher Katastrophe es ohne diese beiden um Frieden bemühten Führer im Herbst 1962 hätte kommen können, wurde erst 40 Jahre später bei einer historischen Konferenz in Havanna wirklich klar, als die teilnehmenden ehemaligen Mitglieder der Kennedy-Regierung erfuhren, dass damals nicht nur 12000 russische Truppen auf Kuba stationiert waren, wie die CIA angenommen hatte, sondern insgesamt 40000 – und diese nicht nur mit Mittelstreckenraketen, sondern auch mit nuklearen Sprengköpfen ausgerüstet waren. »Robert McNamara fiel fast vom Stuhl«, schreibt Arthur Schlesinger über diese Konferenz, »als der damalige Chef des Kontingents der Roten Armee auf Kuba das plötzlich enthüllte. … Damit hätten wir niemals gerechnet.«

Diese Szene – aus meinem Buch “JFK-Staatsstreich in Amerika” – fiel mir ein, als ich eben Donald Trumps Kriegserklärung las – und fast alle Hoffnung fahren lassen musste, dass sich ein Krieg  noch vermeiden läßt. Der Westen will unbedingt Krieg und wird ihn bekommen. Die Optionen der Angreifer listet der russisch-amerikanische Militäranalyst The Saker wie folgt:

1) A repeat of last year’s attack on the Syrian Air Force base in Shayrat. That would be by far the best option and that would allow the Neocons a face-saving, even if entirely symbolic, “look how tough we are” option. They might as well strike the same T4 base the Israelis did a few days ago, just with more missiles. And, just to make this look all very “democratic” they might ask the French, Brits or Israelis to participate in that attack.

2) It is too late, militarily speaking, to try to reverse the situation on the ground, but hitting more Syrian Air Force bases, communication nodes, air defenses, etc. is definitely an option. Following such an attack, the US allies on the ground (the “good” and the “bad” terrorists) would go on the offensive and the Syrians and their allies would struggle to “plug the holes” thus created. That would not fundamentally change the outcome, but would prolong the chaos and associated bloodbath.

3) Attack the Iranians. This is a grand favorite with the Israelis and the Neocons, but it is also a much riskier option because if the attack is successful, the Iranians would have a huge number of potential US targets to chose from to retaliate, as would Hezbollah. Still, that would placate the Iran-haters, at least temporarily, and it would allow Trump to show how “tough” and “great” a guy he is.

4) A full scale attack on the Syrian military and on the government (including Presidential facilities). We are talking about hundreds of cruise missiles in the first wave. Targets would include not only purely military targets (ammo dumps, troop concentrations, etc.) but also the “regime support infrastructure”, i.e. civilians and that which makes civilian life possible: power plants, water purification, communications, bridges, roads, ports, schools and hospitals (“camouflaged regime objectives”) etc. Basically, that is what the US/EU/NATO did to Serbia and what the Israelis have done many times to Lebanon: murder as many civilians as possible to make them pay for supporting the “Animal Assad”. A time honored Anglo and Jewish tradition, by the way.

5) A deliberate attack on Russian and Iranian positions in Syria to “punish” them for supporting “Animal Assad’s” chemical attacks.

Of course, a combination of the options above are possible. Roughly speaking options 1, 2 and 3 might (conditional) remain manageable. Only option 1 is (relatively) safe. Options 4 and 5 are absolutely insane and are likely to result in an extremely dangerous escalation.

Wir werden sehen – falls wir noch da sind, wenn die beiden atomaren Supermächte wirklich aneinander geraten. Dass der Geduldsfaden des einzigen noch  vernünftigen Staatsmanns in diesem Konflikt – Wladimir Putin – nicht reißt, kann man nur hoffen. Denn wenn er die lahmen Enten der US-Flotte, die Marsch auf die syrische Küste genommen haben, mit  seinen neuartigen Hyperschallwaffen in Nullkommanix versenkt, ist die Hölle los: “But just in case, you may want to grab your popcorn… and if you live near a military installation, you may not need a microwave.”