Der Astrophysiker Stephen Hawking ist gestorben. Er gehörte, so heißt es in den Nachrufen, “zu den größten Wissenschaftlern aller Zeiten”. Schon 1988 als sein Buch “Eine kurze Geschichte der Zeit” international die Bestseller-Charts anführte, wurde der an der Muskelkrankheit ALS leidende Cambridge-Professor als “Jahrundertgenie im Rollstuhl” gefeiert. Mir schien der Hype damals suspekt und ich fand Hawkings Aussagen, dass die Chance groß sei, bis zum Ende des Jahrtausends die “Weltformel” zu finden, etwas vollmundig – und schrieb zwei Seiten in der taz darüber. (“Universum Endlosschleife”, Teil 1 und Teil 2.) Tatsächlich ist die “Great Unified Theory” (GUT), die die sich widersprechenden Aussagen der Relativitätstheorie und der Quantenmechanik vereinigt, bis heute nicht gefunden.
Auschließlich die bekannten Naturgesetze sollen in Hawkings Universum gelten und die noch zu findende Formel alle Unklarheiten einschließlich Gott beseitigen. Doch um das zu erreichen, bleibt ihm nichts anderes übrig, als für den Zusammenfall des Weltalls eben diese Naturgesetze außer Kraft zu setzen: in der Singularität des Schwarzen Lochs, die das Universum periodisch recycelt. Der Plan, dem Detektiv Hawking im Auftrag der Agentur Kritischer Rationalismus hinterherhechelt, dürfte also allem Anschein nach so aussehen: ” § l) Die Naturgesetze gelten immer §2)Wenn die Naturgesetze nicht gelten siehe § 1).”
Nun wäre es ja keine unsympathische Vorstellung, daß sich das Universum irgendwann als kosmischer Bürowitz offenbart. Wenn es aber anders aussehen sollte, ist auf jeden Fall der Lacher künftiger Kosmologen garantiert, die sich wundern, daß man anno 1988 tatsächlich glaubte, auf diesem Niveau die „Rätsel der Existenz” zu lösen; daß man unsichtbare Schwarze Löcher im Kosmos untersuchte und die Schwarzen Löcher im naturwissenschaftlichen Denkgebäude auf der Erde gar nicht weiter beachtete. Zum Beispiel die nach hinten losgegangene „Weltformel”, die John Bell 1964 fand, als er Einsteins Einwände gegen die Quantenmechanik mathematisch untermauern wollte: „Bells Theorem” (das nicht falsch sein kann, ohne daß die gesamte Mathematik hinfällig wird) beweist, daß jedes Teil des Universums in Kontakt mit jedem anderen Teil steht, und daß dieser Kontakt unmittelbar hergestellt wird, die Kommunikation ist schneller als Licht. Doch dessen Tempolimit ist das einzige, was in Einsteins Relativität absolut eingehalten werden muß. Nicht weniger rätselhaft und bedeutsam für unsere Existenz sind die Tatsachen, daß im Quantenbereich nicht jeder Wirkung eine Ursache vorausgeht (Kausalitätsproblem) und daß der Beobachter nur sieht, was er sehen will (Realitätsproblem). Es ist vielleicht ungerecht, neben dem großartigen Weltraum-Panorama, daß Stephen Hawking in diesem Buch entfaltet, von ihm zu verlangen, sich gefälligst auch um den Dreck vor der Haustür zu kümmern. Wer aber die saubere Weltformel verspricht, müßte diese irdischen Störenfriede eigentlich mit links entsorgen. „Eine kurze Geschichte der Zeit” ist ein überaus anregendes, lesenswertes Buch, sein Autor trotz mancher Eitelkeit mit genügend britischem Humor ausgestattet, um sich nicht immer ernst zu nehmen und zudem ein guter Schreiber, der seinen hoch abstrakten Stoff mühelos und anschaulich entfaltet. Eine Great Unified Theory jedoch ist nicht in Sicht—und so muß letztlich auch für Hawkings neue Weltformel das alte Verdikt gelten: GUT gemeint ist das Gegenteil von GUT.” (taz ,9.9.1988)
Stephen Hawking wurde in seinen folgenden Büchern was die großen Ansagen betrifft ein wenig kleinlauter und trat in den letzten Jahren oft als Warner vor vorschnellen technologischen und wissenschaftlichen Entwicklungen hervor. Jetzt, wo sein Geist statt der Astrophysik den Weltraum der Seele erkundet, wird er aus dem Staunen nicht mehr herauskommen….
„Ich will weiter nichts, als die Aufmerksamkeit auf einige interessante Vorgänge richten, die rings um uns stattfinden in einer Welt, in der wir uns ein wenig zu eitel für privilegierte Wesen halten“.
Der belgische Dramatiker, Dichter und Philosoph Maurice Maeterlinck (1862-1949) erhielt 1911 den Nobelpreis der Literatur und gilt als einer der wichtigsten Vertreter des Symbolismus. Aber auch seine Sachbücher, wie “Das Leben der Bienen”, wurden weltweit zu Bestsellern. Jetzt ist sein 1907 erstmals erschienener Essay “Die Intelligenz der Blumen” in einer schönen Neuausgabe im Westend Verlag herausgekommen, zu der ich ein Nachwort über den Autor geschrieben habe. Hier ein Auszug daraus:
“Dieser Maurice Maeterlinck war somit mehr als ein poetischer Propagandist des Irrationalen und Spirituellen – er war ein klarer Kopf und stand mit beiden Füßen auf der Erde „Woher“, fragte sich der Wiener Kaffeehauspoet Peter Altenberg, „nimmt der gottbegnadete Dichter Maeterlinck nur diese dem Irdischen so süß entrückten Gestalten…Gestalten, die gleichsam auf besseren Sternen wohnen als unsere alte Erde ist und im Leben des Tages ein Mysterium bilden von überschwänglichen, zartheitskranken Seelen ?!? An welchen Quellen der Natur trank der Dichter? Wo entdeckte er die Kräfte, die zugleich vom sicheren Boden des Alltags und zugleich aus den Geheimnissen der Allwelt kamen ? Nun las ich sein Buch „Das Leben der Bienen“. Hier war die Quelle! Im Bienenstaate, in diesem irdisch Geheimnisvollsten…lernte es der Dichter – Bienenzüchter während 20 Jahren – die Menschen, losgelöst vom Tagesgeschehen, in antizipierten Entwicklungsstadien der Seele erfassen, die gleichsam bereits außerhalb des Irdischen sich befinden und wohin außer der wissende Blick Gottes nur der ahnende Blick des Dichters zu dringen vermag.“
Maeterlincks Buch über den Bienenstaat als Blaupause der menschlichen Gesellschaft erschien 1901 (eine Neuauflage liegt seit 2013 im Unionsverlag vor). Seine genaue Kenntnis und Beobachtung verbunden mit der sensiblen und poetischen Sprachkunst des Autors machten aus diesem Werk weltweit einen Bestseller, über 250.000 Exemplare wurden verkauft. Mit der Erzählung verborgener Zusammenhänge aus dem Gemeinschaftsleben der Honigbiene lehrte dieses Buch nicht exakte Wissenschaft, sondern das Staunen vor der »unbegreiflichen Organisation der geringsten Lebensakte«. Ähnlich wie der legendäre Insektenforscher Jean-Henri Fabre (1823-1915), der sich den Objekten seines Interesse weniger mit Mikroskop und auf dem Seziertisch näherte, sondern allein durch die Beobachtung ihres Verhaltens, ist auch Maeterlinck ein teilnehmender und mitfühlender Beobachter. Als Fabre, der über Jahrzehnte Wespennester auf einer Brache in Südfrankreich beobachtet hatte, einmal gefragt wurde, ob er eigentlich an Gott glaube, antwortete er: „Was heißt glauben, ich sehe ihn jeden Tag.“
In solcher Demut vor dem Wunder der Natur, das sich demjenigen offenbart, der nur genau genug hinschaut – es kommt einem der Chemiker und Entdecker des LSD, Albert Hofmann, in den Sinn, der sagte: „Wer als Naturwissenschaftler kein Mystiker wird, ist kein richtiger Naturwissenschaftler“ – in solchem ehrfürchtigen Staunen vor der „unbegreiflichen Organisation der geringsten Lebensakte“ schließt sich auch für den Poeten Maurice Maeterlinck der Kreis. Nicht mehr in Symbolen und Metaphern, sondern in der Wirklichkeit lebendiger Tatsachen. Sei es der Bienen, oder der Ameisen, über die er ebenfalls ein Buch schrieb, oder der Blumen, deren einzigartiges, faszinierendes Verhalten, das „Auflehnen gegen ihr Schicksal“ für ihn keine andere Zuschreibung als „Intelligenz“ zuließ. Immobil und „an die Scholle gekettet“ müssen sie „weit größere Schwierigkeiten“ überwinden als Tiere und Menschen und greifen deshalb „zu Listen und Kombinationen, zu einem Mechanismus und zu Fallen, die unter dem Gesichtspunkt der Mechanik, der Ballistik, des Fluges, der Beobachtung von Insekten u.a.m. den Erfindungen und Kenntnissen der Menschen oft vorausgewesen sind.“
Schon die Beobachtung der Bienen hatte ihn dazu gebracht, nicht eher abwertend von „Instinkt“, sondern von „Intelligenz“ zu sprechen, wenn nicht bei der einzelnen Biene dann im „Geist des Bienenstocks“ als „eine verhüllte Gewalt von überlegener Weisheit.“ Von der Lyrik und vom symbolistischen Drama kommend landet Maeterlinck bei seinen Naturbeobachtungen wieder bei dem großen „Mysterium“ – doch nun nicht mehr melancholisch, fatalistisch und schicksalsverhangen, sondern optimistisch und euphorisch angesichts der Energie und der Dynamik, mit dem selbst das kleinste Unkraut sich immer wieder auf’s Neue seinen Platz in der Welt schafft.
„Ich will weiter nichts, als die Aufmerksamkeit auf einige interessante Vorgänge richten, die rings um uns stattfinden in einer Welt, in der wir uns ein wenig zu eitel für privilegierte Wesen halten“, heißt es in „Die Intelligenz der Blumen“, das 1907 erscheint. Wo in seinen Dichtungen noch schwer und betäubend die Dekadenz des Fin de Siécle duftete, da blüht jetzt staunend und freudig das Leben und zwischen den Zeilen seiner subtilen und genauen Beobachtungen schwingt sich Maeterlincks poetische Prosa zum hymnischen Lobpreis der Schöpfung auf. Er „schreibt mit der Vorstellungskraft eines Schlafwandlers und dem Geist eines träumenden Visionärs, aber immer mit der Präzision eines großen Künstlers“, hieß es in der Preisrede für den Nobelpreis 1911, zu dessen Verleihung sich der öffentlichkeitsscheue Autor krank gemeldet hatte. Er blieb lieber auf seinem Sommersitz in der Normandie, einer ehemaligen Benediktinerabtei, in die er aus der Pariser Hektik mit seiner Lebensgefährtin, der Opersängerin Georgette Leblanc gezogen war. Sie hatten sich 1896 kennengelernt und mit dieser Liebe fällt dann – wenig überraschend – auch Maeterlincks Wende vom „nervenymbolischen“ Fatalismus zur lebensbejahenden Naturdynamik zusammen. Er imkert, er radelt, er arbeitet in seinem Garten und schreibt, täglich zwei Stunden, nicht nur über Tiere und Pflanzen, sondern auch einen Essay über eine seiner weiteren Leidenschaften: ein „Lob des Boxens“. (…)”
Ein Comeback, eine wunderbare Wiederkehr, ja eine Wiedergeburt ist anzuzeigen: Zwille ist wieder da. Er spielt die Hauptrolle in Gerhard Seyfrieds gleichnamigen Comicalbum, dem ersten seit 20 Jahren, und ist wie auch sein Kumpel McÖko in dieser Zeit gar nicht gealtert. Und das ist das Problem, denn das Sozialamt hat die Stütze für Comicfiguren ersatzlos gestrichen, weil diese nicht altern. Und als ihre Bude im letzten besetzten Haus Kreuzbergs geräumt wird sitzen sie mal wieder auf der Straße. Sie kommen dann erstmal bei ihrem Hanf-Freund Herby Hempel unter…. so geht die Geschichte los, die ich aber hier nicht weiter erzählen und verraten will. Auch den Künstler, der uns auf seinen feinen Strich und Witz so lange hat warten lassen, muss ich hier nicht weiter loben, denn das habe ich im Nachwort zu diesem Buch getan. Dort werden neben dem Komplott der GNA (“Graphic Novel Authority”) gegen “Fumetti Seyfretti” auch noch einige weitere Geheimnisse aus dem schwarzen Imperium enthüllt, die nur von hartnäckigen Verschwörungstheoretikern für abgedrehte Fake News gehalten werden können. Denn Seyfried ist bei aller Komik vor allem ein hervorragender Dokumentarist: “Wenn Archäologen der Zukunft einst nach Spuren der APO-Zeit fahnden, wird Seyfrieds Werk den Spiegel der Typen, Tussis und Parolen liefern”, schrieb die taz 1998 zu seinem letzten Comic.
Einen Beweis für diese realistische, dokumentaristische Qualität entdeckte ich erst jetzt, beim Blättern des ersten druckfrischen “Zwille”-Exemplars: den Musterkoffer! Den gab’s nämlich wirklich. Ein Freund hatte Seyfried und mich zum Kaffee eingeladen, weil einer seiner Bekannten und Fan von Comics und Hanfbüchern uns unbedingt kennenlernen wollte. Das Vergnügen war dann gegenseitig, denn als er seinen unverdächtigen Koffer öffnete, befanden sich darin nicht nur ein Dutzend feinster Haschischsorten aus aller Herren Länder, sondern nach Umklappen des Mittelteils noch einmal dasselbe in Marihuana. Und als der freundliche Mensch dann sagte, dass wir uns gern und reichlich bedienen könnten, als Dank für die witzigen Comics und die schlauen Bücher – da müssen wir ziemlich genau so geguckt haben wie die beiden Figuren jetzt im Comic. Und auch der Rest des Abends verlief glaube ich ziemlich so wie abgebildet….
Seit ich vor ein paar Tagen die Rede des russischen Präsidenten Putin zur Lage der Nation las, schlafe ich noch ein bißchen besser als ohnehin. Nicht weil Wahlkampfreden egal von wem generell einschläfernd wirken, sondern weil ich mich sicherer fühle. Der Grund heißt “Kinzhal”, die über 10 Mach schnelle Rakete, die Putin im Video vorstellte und gegen die jedes Luftabwehrsystem machtlos ist – besonders die Billionen teuren Flugzeugträger und Kriegsschiffe der US-Navy, deren strategischer Wert über Nacht gleichsam auf Null gesunken ist. Gegen kleine, wehrlose Nationen hat diese Armada noch ein gewisses Drohpotential, bei Paraden und Regatten mögen die bis an die Zähne bewaffneten Dickschiffe noch Eindruck schinden – für “Kinzhal” aber bietet sie künftig auf den Weltmeeren ein ebenso dankbares Ziel wie lahme Enten auf dem Teich für die Flinte des Jägers. Mit einer Reichweite von 2000 Kilometern und wegen einer Plasma-Ummantelung vom Radar kaum zu erfassen ist diese konventionelle Rakete (die gleichwohl nuklear bestückt werden kann) Russlands High Speed-Antwort auf den Ausstieg der USA aus dem ABM-Vertrag 2001 und der von Bush und Obama betriebenen Aufrüstung:
This is a complete game changer geopolitically, strategically, operationally, tactically and psychologically. It was known for some time now that Russian Navy was already deploying a revolutionary M=8 capable 3M22 Zircon anti-shipping missile. As impressive and virtually uninterceptable by any air defenses the Zircon is, the Kinzhal is simply shocking in its capabilities. This, most likely based on the famed Iskander airframe, M=10+ capable, highly maneuverable, aero-ballistic missile with a range of 2000 kilometers, carried by MiG-31BMs, just rewrote the book on naval warfare. It made large surface fleets and combatants obsolete. No, you are not misreading it. No air-defense or anti-missile system in the world today…. is capable of doing anything about it, and, most likely, it will take decades to find the antidote. More specifically, no modern or perspective air-defense system deployed today by any NATO fleet can intercept even a single missile with such characteristics. A salvo of 5-6 such missiles guarantees the destruction of any Carrier Battle Group or any other surface group, for that matter–all this without use of nuclear munitions.
Als Anti-Militarist und Waffengegner nagt in mir ein bisschen schlechtes Gewissen, dass ich solche Meldungen eher positiv und irgendwie erleichtert aufnehme und als Gewinn für die globale Sicherheit verbuche. Schließlich handelt es sich bei “Kinzhal” um ein fürchterliches Mordwerkzeug. Dass aber die zig-fache Überlegenheit der US-und Nato-Armeen von ihrem auserkorenen Erzfeind, der seit 15 Jahren vergeblich für Verständigung, Abrüstung und einen neuen ABM-Vertrag geworben hat, dank dieser unbesiegbaren Waffe jetzt schwer verwundbar geworden ist, stellt ein Gleichgewicht des Schreckens her und trägt deshalb zu meiner gefühlten Sicherheit bei.
Statt den Verteidigungshaushalt zu verdoppeln, wie es die Groko plant, und die Bundeswehr mit Gerätschaften aufzurüsten, die “Kinzhal” im Ernstfall umgehend plattmacht, sollte man lieber zur Rückkehr an den Verhandlungstisch drängen. Da es nach Ansicht von Fachleuten noch Jahre oder gar Jahrzehnte dauern wird, bis “Anti-Ballistic Missiles” der neuen Superrakete hinterherkommen, kann die außen,-und verteidigungspolitische Parole nur lauten: Don’t mess around with Ivan!
Wie nennt man das, was die SPD-Mitglieder mit ihrem Votum für die GroKo gemacht haben ? Selbstmord aus Angst vor dem Tod könnte passen. Die SPD sei mit dieser Abstimmung “weiter zusammengewachsen” verkündete Parteichef Olaf Scholz und würde den “Prozess der Erneuerung” fortsetzen. Vor Neuwahlen und einer Neuaufaufstellung fürchtete sich die Partei aber offensichtlich wie der Teufel vor dem Weihwasser und flüchtet lieber mit dem alten Personal auf weitere vier Jahre in Merkels Küchenkabinett.
“Wie rasch altern doch die Leute in der SPD –! Wenn sie dreißig sind, sind sie vierzig; wenn sie vierzig sind, sind sie fünfzig, und im Handumdrehn ist der Realpolitiker fertig,” schrieb Kurt Tucholsky 1932 in der “Weltbühne”. Damals hatten die Realpolitiker der SPD für Hindenburg als Reichskanzler plädiert und die Einwände ihres linken Flügels und der Kommunisten – “Wer Hindenburg wählt, wählt Hitler” – vom Tisch gewischt. Und kaum hatte man sich in der Nachkriegszeit wieder halbwegs aufgestellt mußte der Nachfolger Tucholskys auf dem Chefposten “Berliner Schnauze” – Wolfgang Neuss – 1965 konstatieren: “Wenn man nicht haargenau wie die CDU denkt, fliegt man glatt aus der SPD.” Neuss wurde damals aus der Partei geworfen, weil er im Wahlkampf für die SPD dazu aufrief, die Zweitstimme der Deutschen Friedens Union zu geben, die für Abrüstung und Deeskalation des Kalten Kriegs eintrat.
Das wurde der in der SPD nicht geduldet – und wird es auch heute nicht: der GroKo-Vertrag sieht denn auch eine Vedoppelung des Rüstungsetats vor. Statt 37 Milliarden im Jahr sollen für die Bundeswehr jetzt 70 Milliarden ausgegeben werden. Da wundert es dann auch nicht, dass für Arme und Rentner, für Bildung und Gesundheit – einst Kernkompetenzen der Sozialdemokratie – kein Geld da ist. Niemand weiß mehr, wofür die SPD noch steht – und niemand weiß mehr, wogegen sie eigentlich antritt. Die Großskandale der Großbanken in der Finanzkrise, der Großbetrug der Großkonzerne im Dieselskandal…Ereignisse, bei denen eine sozialdemokratische Volkspartei ihre klassische Klientel da unten gegen die Raubtiere da oben verteidigen und damit hätte punkten könnte, gibt es wahrlich genug. Aber eine solche Volkspartei existiert nicht mehr, seit die SPD vor 20 Jahren auf den neoliberalen Zug aufsprang.
So hat es die Partei geschafft, in den letzten 20 Jahren die Zahl ihrer Wählerstimmen zu halbieren – und arbeitet jetzt unter Merkels “marktkonformer Demokratie” weiter an ihrem Abstieg. Es ist die Wiederkehr des immer Gleichen: wer nicht genauso denkt wie die CDU hat in der SPD einfach nichts zu suchen.
Es ist jetzt 25 Jahre her, dass ein Buch erschien und etwas erreichte, was nur die wenigsten Bücher schaffen: es löste tatsächlich ein, was sein Titel behauptete, nämlich: „Die Wiederentdeckung der Nutzpflanze Hanf“. Die Ur-Fassung des Werks war mir einige Jahre zuvor in einer Fotokopie auf den Schreibtisch geflattert, sie stammte von Jack Herer und hatte den Titel „The Emperor Wears No Clothes – Hemp and the Marihuana Conspiracy“, also „Des Kaisers Neue Kleider – Hanf und die Marihuana-Verschwörung“. Dass der Kaiser – die Hanf-Prohibition- nackt war, zeigte das Buch, indem es sämtliche Argumente widerlegte, die für das Verbot angeführt wurden und werden; und es dokumentiert die politischen und ökonomischen Hintergründe, die überhaupt dazu geführt hatten, dass eine der ältesten und wertvollsten Nutz,-und Heilpflanzen der Menschheit derart in Acht und Bann geschlagen werden konnte. Die deutsche Ausgabe war nicht nur mehr als doppelt so umfangreich wie das US-Original, wir hatten auch noch ein wissenschaftliches Gutachten über die hervorragenden Eigenschaften des Rohstoffs Hanfs hinzugefügt und das Ganze – quod erat demonstrandum – auf Hanfpapier gedruckt. Das Buch wurde aus dem Stand ein Bestseller, mehr als 50.000 Exemplare wurden allein in den ersten sechs Monaten verkauft, mittlerweile liegt es in der 43. Auflage vor.
Aber das ist wohl immer noch nicht genug, um die Folgen der erfolgreichsten Desinformations-Kampagne aller Zeiten, die vom “Mörderkraut” Marihuana, endlich zu beseitigen. Dass 25 Jahre nach diesem Buch letzte Woche im deutschen Bundestag über eine Reform der Cannabisgesetze debattiert wurde und für die Entkriminalisierung allenfalls eine eine theoretische Mehrheit besteht – sich praktisch also kaum etwas tun wird – ist ein Armutszeugnis schlechthin. Und man fragte sich, wieviele Daten, Fakten, Belege und Beweise dafür, dass die Politik der Hanf-Verbote auf totaler Desinformation beruht, eigentlich noch auf den Tisch kommen müssen bis der Prohibitions-Irrsinn ein Ende hat.
In den USA, wo er einst begann, wehren sich immer mehr Bundesstaaten mit Volksabstimmungen dagegen, mit Kalifornien hat jetzt auch der bevölkerungsreichste Staat Cannabis für Erwachsene freigegeben; schon bisher war Hanf dort mit 8,5 Milliarden $ Jahresumsatz die lukrativste Agrarpflanze, mit der Legalisierung dieses Geschäfts erwartet der Staat nun 1,5 Milliarden direkte Steuereinnahmen.
Vor der kalifornischen Abstimmung über “Medical Marihuana” 1996 hatte ich einige Tage mit Jack Herer an seinem Infostand in Los Angeles Flugblätter verteilt, damals hielten viele die Informationen über die einzigartigen medizinischen Qualitäten des Hanfs noch für Unsinn; heute gibt es kaum einen natürlichen Stoff der pharmazeutisch intensiver erforscht wird als Cannabinoide. In den gesamten USA stellt die neue Hanfbranche mit 170.000 Jobs schon mehr Arbeitsplätze als der alte Kohlebergbau. Kluge Leute wie der Dekan der Düsseldorfer Universität würden einen solchen Aufschwung gern auch in Deutschland initiieren, aber die Politik steht notorisch auf der Bremse.
Nicht einmal die alte “Kumpel”-Partei SPD versteht, dass Hanf die neue Kohle ist – der grüne Universalrohstoff schlechthin. Und letztlich wird selbst die bierselige CSU umlernen müssen: aus Colorado, wo Cannabis seit fünf Jahren legal gehandelt wird, meldet die Skiregion Aspen, dass 2017 der Umsatz mit Marihuana erstmals größer war als der mit Alkohol. Weg vom krank und aggressiv machenden Alkoholismus, hin zum gesundheitlich und sozial weniger gefährlichen Marihuana – der Trend müßte jeden Gesundheitsminister erfreuen, dem es wirklich um schadensminimierenden Drogenkonsum geht. Bei dem für die kommende GroKo von Merkel gekürten Jens Spahn, einem ehemaligen Pharmalobbyisten, dürfte allerdings das Gegenteil der Fall sein. Als Begründung an der Hanf-Prohibition festzuhalten wiederholte er 2016 ein halbes Dutzend längst widerlegter Argumente und setzte als Höhepunkt hinzu: “Und überhaupt: Jesus hat damals schließlich Wasser in Wein verwandelt und nicht trockenes Gras in schwarzen Afghanen.”
In einem Land, wo man mit derlei Schwachsinn Gesundheitsminister werden kann, ist die Politik auf einem schwer zu unterbietenden Tiefpunkt angelangt….
Wie schon die amerikanischen Demokraten sind jetzt auch die deutschen Sozialdemokraten von russischen Trollbrigaden bedroht. Aktuell im Visier der Behörden: Die Wilde Dreizehn. Hier mit Jim Knopf und Lukas dem Lokomotivführer (4. und 5. v.l.) .
(Mit Update) Bevor wir zum Drama der SPD kommen, ein Disclaimer: ich war da mal Mitglied! Willy Brandt stand zum ersten Mal zur Wahl und ich vor der Verhandlung zur Anerkennung der Kriegsdienstverweigerung. Dabei handelte es sich um eine gerichtsähnliche Befragung, bei der eine Kommission die pazifistischen Motive des Verweigerers überprüfen wollte. Mit Fragen wie: „Stellen Sie sich vor, sie gehen mit ihrer Freundin im Wald spazieren und es kommen zwei Russen mit einer Waffe aus dem Gebüsch und drohen mit Gewalt. Würden Sie dann nicht auch zur Waffe greifen?“ Mit solchen Fangfragen wurde versucht, den Kandidaten in die Enge zu treiben, um seinen Antrag dann abzuweisen und ihn zur Bundeswehr zu schicken. Ich fand das unwürdig und unverschämt, und war begeistert, dass im Wahlprogramm der SPD die Abschaffung dieser Verhandlungen gefordert wurde. Eine einfache Erklärung des Wehrpflichtigen, statt Ausbildung an der Waffe Zivildienst zu leisten, sollte künftig reichen. Darum trat ich in die Partei ein, demonstrierte gegen den Alt-Nazi Kiesinger, der für die CDU kandidierte, und machte als Erstwähler mein Kreuzchen für die SPD.
Doch kaum war Willy gewählt und die erste SPD-Regierung der Bundesrepublik im Amt, wurde ein gewisser Schorsch Leber Verteidigungsminister und verkündete, dass man zu wenig Soldaten habe und Kriegsdienstverweigerer sich auch weiterhin diesen Befragungen stellen müssten. Da zerriss ich mein Parteibuch und schickte es mit einem bösen Brief an die Geschäftsstelle zurück.
Den bekannten Spruch der Linken: „Wer hat uns verraten, Sozialdemokraten!“ kannte ich damals noch nicht, sonst hätte ich ihn darunter geschrieben, denn ich fühlte mich persönlich verraten von dieser Partei. Das ist lange her, aber gelernt ist gelernt, und seitdem kann mich bei der SPD nichts mehr erschüttern, sie ist einfach die Umfallerpartei schlechthin. Und wenn sie so weitermacht bald nur noch einstellig bei den Wahlergebnissen.
Doch als ich letzte Woche die Umfrage mit 16% für die Sozialdemokraten schon mit „selber schuld“ quittieren wollte, ereilte mich eine Meldung der „Tagesschau“, dass jemand anderes an diesem Niedergang der SPD schuld ist: die Russen!
„Ein Russe namens „Juri“ aus St. Petersburg“, so meldet Deutschlands führende Nachrichtensendung, soll dem Juso-Vorsitzenden Kühnert „Unterstützung bei der Kampagne gegen die Neuauflage der Großen Koalition angeboten haben. Kühnert habe diese Hilfe gerne angenommen, so der angebliche Informant.“
Mal abgesehen davon, dass es jetzt nicht mehr lange dauern kann, bis ein Mann namens Hase, der angeblich von nichts weiß, als angeblicher Informant der „Tagesschau“ auftaucht, ist nun aber wenigstens klar, wer für das Drama bei den Sozen verantwortlich ist: nicht die Schulzes, Gabriels, Nahles, sondern der Gottseibeiuns Putin, der jetzt auch die SPD unterwandert und destabilisiert.
So wie er es ja schon in Amerika getan hat, als er Donald Trump auf den Thron hievte. Das hat jetzt nach neun Monaten akribischer Recherchen der Ermittlungsausschuss unter dem ehemaligen FBI-Chef Mueller aufgezeigt, und 13 Russen angeklagt. Der Kopf der Wilden Dreizehn, ein reicher Gastronom, der auch „Putins Koch“ genannt wird, soll eine „Verschwörung“ zur Einmischung in den US-Wahlkampf finanziert haben, mit dem Ziel Hillary Clinton zu kritisieren und Bernie Sanders und Trump zu unterstützen. Dieser „Informationskrieg“, so der stellvertretende Justizminister Rod Rosenstein, hätte allerdings „den Ausgang der Wahl nicht beeinflusst“.
Wie bitte? Ein russischer Koch wird angeklagt, weil er Geld sammelte, um in den Social Media Anti-Clinton-Werbung für Sanders und Trump zu machen, was aber den Ausgang der Wahl gar nicht beeinflusst hat. Wahnsinn! – hätten wir noch Karneval käme an diesem Punkt der Büttenrede ein Tusch, wären wir in einer Seifenoper, käme die Lachmaschine vom Band – wir sind aber in der großen Politik und dürfen nicht lachen. Denn die Anklageschrift, so teilt das ehemalige Nachrichtenmagazin mit, „ist ein einmaliges Dokument: Erstmals erhält die Öffentlichkeit einen präzisen und detaillierten Einblick in den geheimen Wahlkampf russischer Agenten in den USA zwischen 2014 und 2016.“
Wow! Präzise und detailliert kann man da nachlesen, wie die Wilde 13 doch tatsächlich Twitter- und Facebook-Accounts unter falschem Namen eröffnet und Anti-Hillary-Botschaften gepostet hat – und sogar „über hundert Amerikaner“ kontaktiert haben soll. Und das mitten im Wahlkampf, dessen Ausgang davon aber nicht tangiert wurde. Wahnsinn, diese russischen Agenten!
Großspurig angekündigte und kläglich gescheiterte Vorhaben werden ja gern als Tiger bezeichnet, die als Bettvorleger enden. Aber das wäre in diesem Fall übertrieben. Nicht der Tiger, der in 9 Monaten Großermittlung auf allen Kanälen täglich „Russiagate“ fauchte, sondern der Bettvorleger. Dass er von der „Tagesschau“ jetzt schon mal prophylaktisch der SPD untergeschoben wird, falls mit der GroKo was schiefgeht, ist beruhigend. Wie bei Hillary in Amerika können auch bei den Schulzens und Scholzens nur russische Trolle schuld am Niedergang der Sozialdemokraten sein. Gegen die Wilde Dreizehn ist einfach kein Kraut gewachsen….
Update: “Juri aus St.Petersburg”, der es als Troll bis in die “Tagesschau” schaffte, ist entarnt: er stammt aus der Redaktion der “Titanic” und meldete sich als Informant per email zuerst bei “Bild”, die sogleich einen Aufmacher daraus bastelte. Fake oder Nicht-Fake ist nicht mehr Frage, wenn etwas gleich doppelt in die Kampagne passt (gegen Jusos, gegen Russland) kommt’s auf die Titelseite und von da in alle Wiederholungsschleifen, bis in Dr. Gniffkes “Tagesschau”.
Nicht-wissenschaftlichen Leserinnen und Lesern ein Buch über die „serielle primäre Endo-Symbiontentheorie“ zu empfehlen, mag auf den ersten Blick merkwürdig erscheinen. Die meisten werden davon noch nie gehört haben und können nur raten, dass es wohl irgendetwas mit „Symbiose“ – dem Zusammenleben ungleichartiger Lebewesen – zu tun haben könnte. Das hat es, und ist damit hoffentlich schon ein Stück näher in das Spektrum eines gesellschaftspolitisch interessanten Themas gerückt. Wenn wir hinzufügen, dass die erste wissenschaftliche Arbeit zu diesem Thema von zwölf wissenschaftlichen Verlagen wegen ihres „revolutionären Inhalts“ abgelehnt wurde, könnte bei kritischen Geistern schon ein wenig Interesse geweckt sein, Bedeutung und Hintergründe dieser merkwürdigen Unwort-Theorie kennenzulernen. Und wenn wir dann noch behaupten, dass hier Darwins Evolutionstheorie von Mutation und Selektion im Kampf ums Dasein als Halbwahrheit enttarnt wird, ist die Neugierde hoffentlich da.
Dass 1966 die erste große Forschungsarbeit der 28-jährigen Lynn Sagan – verheiratet mit dem bekannten Astronomen Carl Sagan und Mutter zweier Kinder – von einem Dutzend Fachverlagen abgelehnt worden war, hatte damit zu tun, dass ihre Entdeckungen der herrschenden Lehrmeinung der Biologie und Evolutionsforschung zuwiderliefen. Diese Lehrmeinung – dass sich die Vielfalt der Lebewesen auf diesem Planeten durch zufällige genetische Mutationen entwickelte, von denen sich dann die Fittesten im Kampf ums Dasein durchgesetzt haben – steht zwar noch heute in jedem Schulbuch, erschüttert wurde sie aber schon von Sagans Arbeit mit dem kühnen Titel „Über den Ursprung sich durch Mitose teilender Zellen“ („Origin of Mitosing Cells“). Kühn war das angesichts des Darwin-Klassikers „Über den Ursprung der Arten“, denn da alle Spezies aus Zellen bestehen, machte sich hier jemand anheischig, an den wirklichen Ursprung des Lebens zurückzugehen, in die Zeit vor 1,6 Milliarden Jahren. Und „revolutionär“ war die These, die die Autorin aufstellte, dass sich nämlich mehrzellige Lebewesen – die Vorfahren aller Pilze, Pflanzen und Tiere – nicht aufgrund von Mutationen und Selektionen entwickelt haben, sondern durch Kooperation und Symbiose.
Auf Kooperation aus Kreisen der Evolutionsbiologie konnte eine Wissenschaftlerin mit einer solchen These jedenfalls nicht setzen – nicht nur, weil sie unbekannt und weiblich war, sondern vor allem, weil sie an einem grundlegenden Paradigma des Darwinismus rüttelte: dem Kampf ums Dasein als einzigem Motor der Evolution. Doch die orthodoxe Fachwissenschaft hatte ihre Rechnung ohne diese Kämpferin gemacht, die nach ihrem zweiten Ehemann jetzt Lynn Margulis hieß und nicht nur zwei weitere Kinder bekam, sondern auch unermüdlich weiter forschte und Bestätigung über Bestätigung für ihre These fand. So zählt die „serielle primäre Endo-Symbiontentheorie“ zwar heute zum Standardwissen der Biologie, die Revolution aber, die die 2011 verstorbene Lynn Margulis im Sinn hatte, ist noch lange nicht am Ziel.
Auf Augenhöhe mit Darwin
„Endo-“ heißt „innen“ und die in der Biologie schon lange bekannten Formen des Zusammenlebens verschiedener Lebewesen ins Innere der Zelle zu verlegen – und zwar nicht als Ausnahme, sondern als Regel (seriell), nicht zufällig in irgendwelchen Nischen entstehend, sondern ursprünglich (primär) – das war das Neuartige an Margulis’ Theorie. Schon in den 1920-er Jahren hatten russische Geo- und Mikrobiologen in dieser Richtung geforscht, jetzt aber konnte mittels Gen-Analysen sehr viel genauer ermittelt werden, wie vor 1000 Millionen Jahren aus den ersten Einzellern und Bakterien mehrzellige Lebewesen entstanden. Margulis konnte zeigen, dass die kleinen Organe der Zellen – die Mitochondrien der atmenden Tiere und die Chloroplasten der Photosynthese treibenden Pflanzen – einst freilebende Bakterien waren, die von Einzellern nicht „gefressen“, sondern „eingebaut“ wurden. Die Bakterien behielten ihre eigene DNA, gaben nur kleine Teile davon an die Wirtszellen ab – und fortan entwickelten sich die beiden eigenständigen Lebewesen in dieser Endosymbiose.
Dass diese Entdeckung und die darauf aufbauende Endo-Symbiontentheorie nicht nur auf Augenhöhe mit der Theorie von Wallace und Darwin über die Entstehung der Arten lag, sondern deren grundlegenden „Motoren“ der Mutation und Selektion mit der Symbiose einen noch grundlegenderen Antrieb voranstellte, war zwar ein massiver Angriff auf das herrschende darwinistische Paradigma, aber auch ein Glücksfall. Denn etwa zur selben Zeit, als Lynn Margulis damit an die Öffentlichkeit trat und vom akademischen Establishment scharfen Gegenwind bekam, hatte die NASA einige Forscher beauftragt, ernsthaft über die Möglichkeiten von Leben auf anderen Planeten nachzudenken. Einer von ihnen war der britische Astrophysiker und Erfinder James Lovelock, dessen Electron Capture Detector (ECD) es ermöglichte, die atmosphärische Gaschemie des Planeten zu messen. Über die Frage, warum etwa die Atmosphäre von Mars und Venus ganz aus CO2 und nur aus Spuren anderer Gase besteht, die der Erde aber aus einem komplexen Gemisch von CO2, Sauerstoff und weiteren Gasen, grübelten er und seine Kollegen seit Jahren. Wie kann eine größtenteils von Wasser bedeckte Steinkugel ständig dieses wohltemperierte, subtile Gemisch unverträglicher Gase, das wir zum Atmen brauchen, aufrechterhalten? Wie verhindert sie ein Umkippen in das tödliche Kohlendioxid-Einerlei ihrer Nachbarn Mars und Venus? Die Antwort kam, als James Lovelock 1970 mit Lynn Margulis „die erste Biologin traf, die ein Gefühl für den Organismus hatte. Danach hörte ein Bakterium auf, für mich nur eine Membrantasche zu sein, die einige Gene und proteingesteuerte Mechanismen enthält, um sich selbst reproduzieren zu können, und nicht mehr. (…) Lynn eröffnete mir die Welt der natürlichen Mikroorganismen.“
Kein Mythos, sondern strenge Naturwissenschaft: Gaia
Lynn Margulis (1938-2011)
Damit hatte er das Steuerungs- und Rückkopplungssystem der Atmosphäre gefunden, und mit Lynn Margulis entwickelte er jetzt die Hypothese, dass es sich bei der Erde mit ihrer Biosphäre und Atmosphäre um ein sich selbst regulierendes Gesamtsystem handelte. Lovelocks Nachbar im südenglischen Cornwall, der Literaturnobelpreisträger William Golding, schlug dafür den Namen „Gaia“ vor. Als Lovelock und Margulis mit der „großen“ Gaia-Theorie Mitte der 1970-er Jahre an die Öffentlichkeit traten, ernteten sie von der Gemeinde der Wissenschaftler noch mehr Hohn und Spott als zuvor Margulis mit ihrer „kleinen“ Endosymbiose. Selbst Wohlmeinende mochten Gaia allenfalls als eine schöne Metapher, nicht aber als beweisbares Modell gelten lassen, und Kritiker taten es von vornherein als Anti-Wissenschaft ab.
Noch 1991, als Lovelocks „Biographie unseres Planeten“ auf Deutsch erschien, schrieb die Frankfurter Allgemeine Zeitung:
„Um sich mit diesem Gedankengebilde anzufreunden, muss man radikal sein – radikal unbeleckt.“
Wobei die Unbeleckt- und Unbelesenheit eher auf den Rezensenten zurückfiel als auf die beiden Forscher, die on the edge ihrer jeweiligen Disziplinen arbeiteten und zwei sehr entfernte wissenschaftliche Welten – die planetarische, atmosphärische Gas-Chemie am Himmel und die Biologie der Mikroben und Bakterien am Boden – miteinander vereint hatten. Und eine neue, geo-physiologische Perspektive auf die Frage, was die Erde und Atmosphäre eigentlich sind: nämlich keine Fertigprodukte, sondern biologische Konstruktionen, an deren Stabilität seit 3,5 Milliarden Jahren gebaut wird, von den Mikroorganismen.
In Der symbiotische Planet erzählt Lynn Margulis zwei Geschichten: ihren persönlichen Weg als Wissenschaftlerin durch die Bildungsinstitutionen und das Ringen um die Anerkennung ihrer revolutionären Theorie – sowie die Geschichte der Evolution des Lebens auf unserem Planeten in seiner „ganzen symbiogenetischen Pracht“. So lernen wir nicht nur eine außergewöhnliche Forscherin kennen, die die Tunnelexistenz von Wissenschaftlern möglichst vermied („Ich zog die Gesellschaft von Babys, Schlamm, Bäumen, Fossilien, Hundewelpen und Mikroorganismen der normalen Welt der Erwachsenen vor“), sondern auch eine andere Biologie, die gegen eine Wissenschaft vom Leben antritt, in der die Lebewesen nur noch in der physikalischen Wahrheit von Molekulargenetik, Proteinen und Enzymen aufgehen. Gleichzeitig hat Lynn Margulis aber immer gegen eine mythisch-religiöse Verbrämung von Gaia plädiert:
„Ich kann es nicht nachdrücklich genug betonen: Gaia ist kein einzelnes Lebewesen. Meine Gaia ist keine unscharfe, malerische Vorstellung von einer Mutter Erde, die uns ernährt. Die Gaia-Hypothese ist strenge Naturwissenschaft.“
Das ist sie, wie man in diesem Buch herausfinden kann, in der Tat – und das bleibt sie auch, wenn Lynn Margulis sich als „Anti-Darwinstin“ bezeichnet, was ihr in Amerika Beifall von der falschen Seite, nämlich von den „Kreationisten“, einbrachte. Doch die Evolutionslehre à la Margulis braucht keinen lieben Gott als intelligenten Designer des Lebens, sie hat Mikroben und Bakterien. Sie braucht auch keine magisch mit Bewusstsein aufgeladenen Moleküle wie die „egoistischen Gene“, die einer der Hauptwidersacher ihrer Theorie, der Neo-Darwinist Richard Dawkins, erfunden hat – sie hat die Symbiogenese, in der sich die Lebewesen nicht egoistisch im Kampf, sondern kooperativ in Win-Win-Situationen entwickeln. Sie bezweifelt nicht die Darwinsche Lehre, sie hält sie nur für unvollständig und in ihren neo-darwinistischen Auswüchsen für ungeeignet, die Evolution des Lebens zu erklären. Und sie hat mit „Gaia“ den Denkrahmen geschaffen, der angesichts der Klimaerwärmung notwendiger denn je ist, um den Erhalt des Lebens auf diesem Planeten zu sichern. Dafür gilt es mit Lynn Margulis im Schlamm zu wühlen und das Wimmeln der Wesen in den Blick zu nehmen. Denn am Ende, so Peter Berz in seinem Nachwort zu diesem Buch, „werden uns wohl nur die Einzeller aus dem Schlamassel holen“.
Der Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK) fordert die Legalisierung von Cannabis und eine „komplette Entkriminalisierung von Cannabis-Konsumenten“. Das Verbot, so der BDK-Vorsitzende André Schulz, sei „historisch betrachtet willkürlich erfolgt und bis heute weder intelligent noch zielführend“. Statt strafrechtlicher Repression, die Menschen stigmatisiert und kriminelle Karrieren fördert, gebe es bessere Methoden der Drogenpolitik, die auch einen wirksamen Kinder- und Jugendschutz gewährleisten.
Was ist denn da passiert? Hat die Kripo an der Spitze ihres Verbands einen Vertreter der akzeptierenden, schadensmindernden Drogenarbeit eingesetzt? Sicher nicht – doch dass deren Argumente jetzt endlich auch bei der Polizei angekommen sind, ist ein wichtiges Zeichen.
Von den mehr als 300.000 Strafverfahren, die von der Polizei vorletztes Jahr im Zusammenhang mit Betäubungsmitteln eingeleitet wurden, betrafen über 180.000 Cannabisdelikte und von diesen wiederum der Großteil (76 Prozent) nicht Schmuggler und Verkäufer, sondern Konsumenten. Dass diese sinnlose Jagd auf Kiffer nichts mit wirksamer Kriminalitätsbekämpfung zu tun hat, hat man jetzt offenbar auch bei der Polizei eingesehen.
Was den Straßenverkehr angeht, müsse für Cannabis dasselbe gelten wie für Alkohol; hier gebe es allerdings, so der BDK-Chef, „noch einige Unsicherheiten und Gesetzeslücken“. Darauf hatte unlängst auch schon der Deutsche Verkehrsgerichtstag hingewiesen und den Gesetzgeber aufgefordert, diese Unklarheiten zu beseitigen.
Vor allem scheint hier der derzeitig gültige Grenzwert bei Blutproben von einem Nanogramm (ng) THC problematisch zu sein, da diese Menge gar nicht spürbar ist und von „Rausch“ eigentlich keine Rede sein kann. In den USA gilt man bei bis zu fünf ng THC im Blut noch als fahrtüchtig, in der Schweiz darf man mit drei ng THC sogar noch Bahnen und Busse lenken. Nicht nur im Strafrecht, auch im Verwaltungs- und Verkehrsrecht sind die aktuellen Regelungen in Deutschland auf dem Stand der 80er Jahre und „weder intelligent noch zielführend.“
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