“Das Internet ist nicht das, wofür ich es so lange gehalten habe”, schreibt Sascha Lobo in der heutigen Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. “Ich glaubte, es sei das perfekte Medium der Demokratie, der Emanzipation, der Selbstbefreiung. Der Spähskandal und der Kontrollwahn der Konzerne haben das alles geändert. Das Internet ist kaputt.” Auch wenn der Titel seines Artikels – “Die digitale Kränkung des Menschen” – vielleicht ein wenig dick aufgetragen ist, für einen wie Sascha Lobo, der mit Haut und Irokesenhaar den Netzaktivismus propagierte, mag die von Edward Snowden verursachte Desillusionierung tatsächlich einer schweren Kränkung gleichkommen. Andere, denen Computer und Netzwerke als militärische Erfindungen seit je und per se suspekt waren, fühlen sich von den NSA-Enthüllungen nicht gekränkt, sondern bestätigt – und wieder andere, die wie Jaron Lanier als “Hippie-Hacker” den aus Pentagon-Budgets finanzierten Technologien zivile, emanzipatorische Nutzungen abzuluchsen versuchten, warnen ebenfalls schon länger vor einem “kybernetischen Totalitarismus”.
Was ist passiert, dass globale Cyberspace-Propheten wie Lanier und heimische Web-Evangelisten wie Lobo von ihrer frohen Botschaft lossagen ? Als ich 1990 in San Francisco die “Cyberthon”-Konferenz besuchte und die Gelegenheit hatte, bei Jaron Lanier Datenbrillen und Datenhandschuhe auszuprobieren und in eine der ersten computergenerierten “virtuellen Realität” zu surfen, schrieb ich zwei Berichte über diese neue Technologien und die Philosophie ihrer Propagandisten. (The Electric Kool Aid Cyber Test und Digital Magic ) Bei aller Euphorie, die meinen Berichten über die Perspektiven der Vernetzung und der virtiuellen Realität anhaftete, gaben sie am Ende auch die Ambivalenz dieser Utopie zu bedenken:
Das Medium, mit dem wir uns zu Tode amüsieren können, ist auch ein unübertreffliches Werkzeug persönlicher Befreiung – diese Lektion gilt für das “medium to end all media” – die virtuelle Realität – in exponentiellem Maß. Repressiv eingesetzt führt sie geradewegs in die technologische Hölle, als individuelles Kommunikationswerkzeug dagegen kann sie Mauern zum Einsturz bringen: die Mauern der Wahrnehmung. Und damit nicht nur ungeahnte Reisefreiheiten eröffnen, sondern auch eine Pression beseitigen, die für das tödliche Beschleunigungsrennen der Moderne, welches Paul Virilio diagnostiziert, im Kern verantwortlich ist. Vielleicht kommt dieser Affe, der seit 5.000 Jahren Technologie ausspuckt, um die Trägheit seines Körpers abzulegen, erst zur Ruhe, wenn er sitzen bleiben kann – und gleichzeitig in Lichtgeschwindigkeit unterwegs ist. Dann, so die Vision der Cybernautik, könnte aus dem Affen doch noch ein Engel werden.
Fast ein Vierteljahrundert später ist zu konstatieren, dass der “Affe” dann doch noch weitaus die Überhand behalten hat und die avisierte Emanzipation und Selbstbestimmung weniger im Paradies als in der Hölle freiwilliger digitaler Knechtschaft zu landen droht. Dem Schlußseufzer in Sacha Lobos Artikel (“Das Internet ist kaputt, die Idee digitaler Vernetzung ist es nicht”) und der Titel von Jaron Laniers jüngstem Buch : “Wem gehört die Zukunft ? – Du bist nicht der Kunde der Internetkonzerne, du bist ihr Produkt.” deuten an, dass ein Ausweg as dem Dilemma nicht einfach zu finden sein wird – aber Jaron hat dazu schon einige vernünftige Ideen
Tritt man einen Schritt zurück um eine breitere historische Perspektive zu gewinnen, war der Krieg schon immer der Vater aller Dinge und noch jede technische Innovation zuerst in der Hand des Militärs. Und wenn man dem pointierten Diktum des Medienhistorikers Friedrich Kittler folgt ist die gesamte Unterhaltungsindustrie nichts anderes als ein “Mißbrauch von Heeresgerät”. Kultur wäre demnach durch den permanenten Versuch des zivilen Bürgers, den militärischen Gorillas ihre für Krieg, Observation, Kontrolle und Repression eingesetzten Gerätschaften zum Zwecke emanzipatorischer und demokratischer Nutzung zu entwenden. Das ist in Sachen elektronischer Kommunikation auch durchaus gelungen: auf das Telefon und auf Email will heute kaum noch jemand verzichten, ebensowenig wie auf Informationen aus dem Internet. Dass er als Nutzer dieser Einrichtungen von vorn bis hinten ausgespäht wird zeigt, dass die zivile Entwendung offensichtlich noch nicht weit genug gegangen ist: die Militär,-und Konzerngorillas sitzen nach wie vor an den Kontrollhebeln. Der Kampf geht weiter…
Zum Jahresauftakt hatte ich für das Bulletin von ENCOD – der “European Coalititon For Just and Effectiv Drug Policies” – einen 

