Edathy, NSU & NSA

Florian Rötzer beleuchtet einige Hintergründe des Falls Edathy – und die Rolle des aktuellen Staastsekretärs und ehemaligen Vize des Verfassungsschutzes, Klaus-Dieter Fritsche (CSU), der sich von Edathy als Leiter des NSU-Untersuchungsauschusses (zu Recht) in die Mangel genommen fühlte.

Edathy war für Polizei und Verfassungsschutz als Vorsitzender des NSU-Untersuchungsausschusses unbequem gewesen und hatte sich dort Meriten erworben, weswegen eigentlich als sicher galt, dass er in einer etwaigen Koalition einen Posten erhalten würde. Im Untersuchungsausschuss war klar geworden, dass Fritsche als ehemaliger Vizepräsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz “das Gefahrenpotenzial des NSU dramatisch verkannt” habe, wie die Süddeutsche am 18. Oktober 2012 berichtete.

Merkel hat sich Fritsche trotzdem ins Kanzleramt geholt, der sich vor dem Ausschuss beklagte, als sei nichts vorgefallen, dass “beißende Kritik, Hohn und Spott über einen ganzen Berufszweig von Polizisten und Verfassungsschützern niedergeht”. Dass den Politikern Unterlagen nicht oder stark eingeschwärzt vorgelegt wurden, findet er ganz in Ordnung, das habe nichts mit mangelnder Kooperationsbereitschaft zu tun, sondern sei Sache der Staatsanwaltschaft. Überhaupt: “Das Staatswohl ist wichtiger als parlamentarische Aufklärung.” Oder: “Es gilt der Grundsatz: Kenntnis nur wenn nötig.”Edathy sprach damals sarkastisch von einer “interessanten Rechtsauffassung” und sagte: “Es gibt Grenzen dessen, was man hier hinnehmen muss.” Dass die Sicherheitsbehörden einen Fehler gemacht hätten, weil sie eine rechtsextremistische Terrorgruppe ausschloss, kam Fritsche nicht über die Lippen.

Offenbar fand Fritsche im Fall Edathy Ende Oktober 2013, dass hier Kenntnis nötig war, also Friedrich zu informieren, der wiederum angeblich nicht die Kanzlerin, die Fritsche ins Bundeskanzleramt aufnahm, sondern nur den SPD-Chef Gabriel informierte. Offenbar wollte man im Geheimen verhindern, dass aus Edathy etwas wird. Heute wird so getan, als habe man verhindern wollen, dass dieser womöglich von einem wichtigen Regierungs- oder Fraktionsposten hätte zurücktreten müsse, wenn Ermittlungen eingeleitet worden wären. Aber es sind schon mehr Minister zurückgetreten oder es haben Abgeordnete ihr Mandat niedergelegt, ohne dass Regierungen deswegen in eine Krise gekommen wären, besonders wenn es sich um ein rein persönliches Fehlverhalten handelt.

Außerdem hatte Edathy sich vehement für einen NSA-Untersuchungsauschuss ausgesprochen, was Fritsche ebenfalls erheblich gegen den Strich ging (und geht). Als Verfassungsschutz die NSU-Morde nicht nur nicht verhindert, sondern über diverse V-Männer und Zahlungen gar noch gefördert zu haben, sowie gegen die gesetzeswidrige Bespitzelung der Bevölkerung durch die NSA nicht nur nichts unternommen, sondern sich freundschaftlich daran beteiligt zu haben – diese durch parlamentarische Untersuchungen sich abzeichnenden Konturen eines desaströsen Geheimdienstversagens, scheinen ausreichend Motive zu liefern, dem Ex-VS-Vize und jetzigen Geheimdienstkoordinator im Kanzleramt eine zentrale Rolle beim Abschuß des unbequemen Edathy zuzuweisen. Beziehungsweise – denn die Daten des kanadischen Servers von denen Edathy seine Schmuddelbildchen bezogen hatte waren schon seit 2012 bekannt !!! – dafür zu sorgen, dass die parlamentarische Aufklärung unter Leitung von Edathy nicht mehr als eben die Konturen dieses Versagens herausbringt und es letztlich bei  ein paar pseudo-radikalen aufklärerischen Forderungen Edathys bleibt, den man seit 2012 in der Hand hatte. Um im Herbst 2013 mit ein paar diskreten Hinweisen an die SPD dafür zu sorgen, dass dieser keinen einflußreichen Posten in der GroKo bekommt. Dass Fritsche, einst Staatssekretär und Strippenzieher in Friedrichs Innenminsterium, damit nun auch seinen ehemaligen Chef und CSU-Genossen zu Fall brachte, ist ein (dem perfiden Oppermann geschuldeter)  Treppenwitz der Geschichte, die freilich längst nicht aufgeklärt ist. Und wohl auch nicht aufgeklärt werden kann, solange neben ein paar legalen Sexbildchen nicht auch die Rolle der Geheimdienste und der Staatsanwaltschaft  ins Visier kommt.

Wer hat ihn verraten – Sozialdemokraten!

Es fällt ja durchaus schwer, den Rücktritt von Hans-Peter “Supergrundrecht Sicherheit” Friedrich zu bedauern, aber in Ordnung ist die Sache dennoch nicht.  Einmal mehr scheint hier eine zentrale Säule des Rechtsstaats – die Unschuldsvermutung – massiv verletzt zu worden zu sein, und statt die daran Schuldigen zu bestrafen, wird allein aufgrund eines Verdachts (“Geheimnisverrat”) ein Bauernopfer zelebriert. Ob und wie Friedrich sich eines solchen Vergehens tatsächlich schuldig gemacht hat, wird ungeklärt bleiben – Minister weg, Augen zu und weiter. Dass die Staatsanwälte und/oder Polizisten, die die Vorermittlungen wegen Kinderpornographie gegen den SPD’ler Edathy an die Medien geleakt haben, zur Rechenschaft gezogen werden, ist derzeit ebenso unwahrscheinlich wie Maßnahmen gegen den vermutlichen Chef-Intriganten der gesamten Affäre, den SPD-Fraktionschef Oppermann, der den Fall  an die Öffentlichkeit brachte.

Dass Thomas Oppermann nur so weit zu trauen sei, wie man seine Waschmaschine werfen kann, war mir in der Vergangenheit von Journalisten und Parlamentarieren schon häufiger zugetragen worden. Hans-Peter Friedrich hatte davon offenbar noch nichts gehört und wurde so zum Opfer einer Affäre, bei der ihn Oppermann rücksichtslos ins offene Messer laufen lies. Wie viele Dramen –  und die Rechtsbrüche sind in diesem Fall ohne Frage dramatisch – birgt jedoch auch dieses Aspekte einer Komödie: ein CSU-Grande muß zurücktreten, weil er die SPD-Bosse vor einem möglicherweise kriminellen Perversen in ihren Reihen gewarnt hat.

Der Innenpolitiker Sebastian Edathy galt als sozialdemokratischer “Führungsnachwuchs” und war bei den Personaldebattten während der Koalistionsbildung im letzten Herbst ein SPD-Kandidat für den Posten des Justizministers. Zu diesem Zeitpunkt begannen die staatsanwaltlichen Vorermittlungen gegen Edathy wegen des Online-Kaufs pornographischer Bilder in Kanada – ein Verfahren, das wegen seiner politischen Brisanz auch dem obersten Dienstherrn der Ermittlungsbehörden, dem damaligen Innenminster Friedrich, zur Kenntnis gebracht wird. Um  den Schaden eines  wegen Kinderporno angeklagten Justizministers von einer künftigen Koalitionsregierung abzuhalten macht Friedrich der SPD-Führung davon vertraulich Mitteilung, die Edathy als Kanidaten dann auch sofort fallen läßt und Heiko Maas  aus dem Köcher zieht. Und somit allen Grund hätte, dem CSU-Minister für die diskrete Amtshilfe dankbar zu sein und ihrerseits Diskretion zu wahren und den Mund zu halten. Doch genau das tat Oppermann nicht, als die Ermittlungen gegen Edathy jetzt in den Medien bekannt wurden – wohl wissend, dass ihm als Abgeordneten und Nicht-Amtsträger ein Geheimnisverrat nicht vorgeworfen werden kann, einem Minister wie Friedrich aber sehr wohl. Rechtlich mag Oppermann damit auf der sicheren Seite sein – menschlich und moralisch aber ist sein Verrat sehr viel verachtenswerter als das was Friedrich getan hat. Denn unabhängig davon, ob es sich bei Edathys Wichsvorlagen um legale Sexbildchen kleiner Jungs mit hängenden Schwänzen oder um illegalen Porno mit erigierten Penissen handelt – wirklich ministrabel ist ein Fan von derlei Freizeitvergnügen nicht. Und dass er als  lautstarker Fürsprecher der Datenvorratsspeicherung  – dabei ganz einig mit Hans-Peter “DateNSAmmlung ? EhreNSAche !” Friedrich – diesen Spaß mit seiner eigenen Kreditkarte bezahlte, läßt zudem an seiner Intelligenz zweifeln. Insofern ist sicher kein Schaden enstanden, ihn von einem Ministeramt fernzuhalten, wofür Friedrich diskret und kollegial gesorgt hat. Die SPD freilich scheint ihrem alten Ruf als “Verräterpartei” eine weitere, unangenehme Facette hinzuzufügen.

JFK & 9/11

JFK-POSTER-2013-NEWKaum jemand seit Jahrzehnten hat die Hintergründe des Mords an John F. Kennedy so akribisch recherchiert wie Prof. Peter Dale Scott – sowie seit nunmehr über 13 Jahren die der Anschläge des 11. September 2001. Beide Fälle sind, obwohl “offiziell” untersucht und abgeschlossen, ungeklärt – und sie weisen erstaunliche Parallelen auf. In zwei seiner Vorträgen, die Lars Schall jetzt übersetzt hat – “JFK & 9/11 – Gewonnene Einsichten aus dem Studium beider Vorgänge”  – werden diese strukturellen Ähnlichkeiten sehr deutlich :

“Mein Fazit versucht nicht, einzelne Täter zu identifizieren, es versucht einen systemischen Prozess von Täuschungsereignissen zu identifizieren und zu definieren. Noch weniger möchte ich implizieren, dass die Szenarien von 11/22 und 9/11 von einer Meister-Verschwörungstheorie, die im Tresor von jemandem liegt, bezogen und entstaubt wurden. Was ich beschreibe, wie ich eingangs sagte, ist eine vorhersehbare Soziodynamik, die auftritt, wenn die Führer eines expansiven quasi-demokratischen Staats überzeugt sind, dass es einen Bedarf für den Krieg gibt, eine Notwendigkeit, von der sie wissen, dass ihre Bevölkerungen sie nicht verstehen.Bei der Diskussion von 11/22 und 9/11 fehlen uns die Beweise, um diese Ereignisse enggefasst der US-Regierung, dem Pentagon, der CIA, Army Intelligence Reserve oder anderen spezifischen Behörden zulasten zu legen. Es ist aber meine Überzeugung, dass wir sie der amerikanischen Kriegsmaschine anlasten können. In diesem Sinne glaube ich, können wir jedes Ereignis, das JFK-Attentat und die Anschläge vom 11. September, als “einen Inside-Job” beschreiben.”

 

Bye Bye Big Bang

12.02.14 20:31-BildschirmkopieWas die Geschichte des Universums betrifft, habe ich es seit je eher mit Kosmologen wie Fred Hoyle oder Halton Arp gehalten, als mit dem Standardmodell der Urknall-Theorie, das von diesen beiden Top-Wissenschaftlern zeitlebens kritisiert wurde. Ihre Einwände und die Belege für diese Ablehnung wurden jedoch vom Mainstream der Astrophysik stets als “Spinnerei” oder gar als “Verschwörungstheorie” abgetan und marginalisiert. Doch wie das gut belegte “Verschwörungstheorien” so an sich haben – sie werden zuerst lächerlich gemacht, dann bekämpft und am Ende heißt es, sie seien doch selbstverständlich und gar nichts Neues. Dieses letzte Stadium scheint jetzt die Kritik am Urknall  langsam zu erreichen – wie man  an dieser aktuellen BBC-Dokumentation zu der Frage “Was war vor dem Urknall?” gut sehen kann.

In einigen Artikeln und den Büchern “Das sogenannte Übernatürliche” (1998) und  “Cogito Ergo Bumm” (2007) habe ich über den notwendigen Abschied von der durchgeknallten Urknalltheorie schon öfter geschrieben, im Folgenden  – aus letzterem – “Bye Bye Big Bang”:

“Wenn sich schon herausgestellt hat, dass die Schwarzen Löcher weder schwarz noch Löcher sind, dann sollte es uns eigentlich nicht überraschen, dass auch der Urknall, mit dem das Universum begann, ein Fehlschlag war. Alles deutet vielmehr darauf hin, dass der Big Bang weder »big« noch ein »bang« war. Weil aber die Idee eines Big Bang für unsere wissenschaftlichen Institutionen ebenso fundamental ist wie zu Zeiten Galileis die Vorstellung von der Erde als Mittelpunkt des Universums, sträuben sich die astrophysikalischen Gralshüter gegen die Aufgabe liebgewordener Glaubenssätze und verweigern – ihres Weltbilds und der Forschungs- und Fördermittel willen – den Blick durch das Fernglas. Vor allem den durch das Teleskop des Astronomen Halton Arp, dessen Beobachtungen das Urknall-Modell des Universums widerlegen. In den USA, wo er seit den sechziger Jahren forschte, wollte man von seinen ketzerischen Erkenntnissen nichts wissen und reduzierte die Teleskopzeiten des Professors so massiv, dass er nach Deutschland auswanderte und im Max-Planck-Institut heimisch wurde.

Als schlagender Beweis für die Richtigkeit der Urknallhypothese galt bisher die so genannte »Rotlichtverschiebung«, nach der sich observierte Lichtstrahlen um so stärker ins Rötliche verschieben, je weiter sich die Strahlungsquelle entfernt. Da seit dem Big Bang vor 15 Milliarden Jahren alles auseinander stiebt und die Astronomen deshalb von einem expandierenden Universum ausgehen, gelten die Himmelskörper mit der stärksten Rotlichtverschiebung als die ältesten. Mit  Halton Arp nun istdiese Verwendung des Rotlichts als Geschwindigkeits- und Entfernungsmesser erschüttert worden: Er entdeckte »uralte« Quasare mit einer hohen Rotverschiebung, die sich eigentlich schon jenseits des sichtbaren Universums befinden müssten, in nächster Nähe zu sehr jungen, schwach rötlichen Galaxien. Ein Ding der Unmöglichkeit.

“Seeing Red” lautet der doppeldeutige Titel eines Buchs, das er 1998 darüber veröffentlichte – nicht nur hatte er als einer der führenden Beobachtungsastronomen etwas Rotes da entdeckt, wo es nicht sein dürfte, auch das wissenschaftliche Establishment sah rot, denn mit diesen Bildern war ihrer liebgewordenen Urknalltheorie der Boden entzogen. Deshalb verweigert die Mehrheit der Wissenschaftler lieber den Blick durch Haltons Teleskop – oder sie übt sich, angesichts der Evidenz, im wortreichen Wegerklären. Und so gilt Halton Arp als »widerlegt« und der Big Bang samt expandierendem Universum weiterhin als unangefochtenes Standardmodell. In Wirklichkeit verlief aber alles ganz anders – und ohne hier jetzt in kosmogonische und kosmologische Details einzusteigen, können wir zumindest eines sicher feststellen: Am Anfang war Murphys Gesetz, und schon beim Big Bang ist deshalb alles schiefgegangen. Möglicherweise hat es nicht einmal geknallt oder es waren viele kleine Mini-Bangs statt einem großen Wumm, weshalb jetzt eben nicht alles schön gleichmäßig auseinander, sondern ziemlich durcheinander fliegt und sich uralte Quasare in Teenager-Galaxien tummeln.

Wie auch immer, die Kulturhistoriker der Zukunft werden uns einst in eine Reihe stellen mit den Naturvölkern, die ihre Kosmologien und Welterklärungen aus der sie umgebenden Umwelt schöpften – um im Zeitalter des Explosionsmotors, des Automobils und der Atombombe dann eine phantastische Ur-Explosion zu erfinden und haarklein zu »beweisen« … Zugegeben fällt es schwer, dem guten alten Big Bang »Bye-bye« zu sagen, ohne gleich in großes »Hallo« für ein neues, besseres Modell auszubrechen. Diskreditierte Weltbilder sterben langsam, selbst wenn sie, wie der Big Bang, der Logik eigentlich Hohn sprechen. Denn wenn alles in einem großen Knall entstanden sein soll, müssten ja zuvor schon die physikalischen Gesetze, nach denen es knallt, existiert haben. Ohne Knallgesetz keine Explosion. Wer also weiter an den Big Bang glaubt, muss auch an das Knallgesetz glauben – und bewegt sich damit, was die Kuriosität seines Glaubensmodells betrifft, durchaus auf dem Niveau der Kreationisten, die annehmen, der liebe Gott hätte die Erde am 18. Januar 4777 v.Chr. um 16 Uhr geschaffen. Wobei der Vorteil dieses Modells immerhin darin besteht, dass ein solcher Schöpfungsakt halbwegs geräuschlos vonstatten gegangen sein dürfte..”

Nachtrag: Auch die oben verlinkte, sehenswerte BBC-Doku hat sich vom Urknall-Paradigma noch nicht verabschiedet. Die Tatsache aber, dass überhaupt darüber nachgedacht wird, dass der Urknall eben nicht der Anfang von allem war, sondern “davor” irgendetwas gewesen sein muss, scheint schon mal ein Fortschritt. Insgesamt ist die Beschäftgigung mit dieser Frage ein dickes Brett und ich würde nie behaupten, es durchbohrt zu haben. “Gefühlt” scheint mir aber ein Universum, dass einfach schon immer da war (Fred Hoyles “Steady State”-Theorie) und sich ständig erneuert und dabei ausdehnt (die in der Doku angesprochene “ewige Inflation”) sehr viel naheliegender als ein Knall, mit dem alles anfängt. Als einer der ersten Kosmologen der Geschichte, Gautama Budhha, einmal von einem Schüler gefragt wurde, was das kürzeste Zeitereignis sei, anwortete er, dass dieses während eines Wimperschlags 26.884.578.303.147- mal stattfindet (ich finde die genaue, ellenlange Zahl, die von ihm genannt wird gerade nicht, diese hier nur als Platzhalter  und “Hausnummer”)… und jedesmal ( also in billionenfachen “Mini Bangs” jeden Augenblick) wird das Universum neu geschaffen.

Die Airforce des kleinen Mannes

Wenn die Feststellung des Soziologen Mike Davis  – Die Autobombe ist die AirForce des kleinen Mannes – richtig ist, wären die “Selbstmordbomber” so etwas wie die Fußtruppen und solch ein Angriff das letzte Mittel, mit dem der “kleine Mann” gegen eine militärische Übermacht in den Krieg ziehen kann. Selbstmordattentate sind insofern eine klassische Guerilla/Partisanen-Strategie und haben nichts mit religiösem Fanatismus  oder Wahnsinn zu tun, auch wenn uns das die Medien derzeit anhand von “islamistischen” Selbstmordombern immer wieder so verkaufen. Und doch kann man sich die Schadenfreude nicht verkneifen, wenn die Zeitung meldet, das ein Selbstmordbomber-Trainer sich und seine Klasse versehentlich in die Luft jagte:  “Suicide Bomb Trainer in Iraq Accidentally Blows Up His Class” – zumal dieses Ereignis aus der Serie “Wenn Comics wahr werden” stammt, wie dieser mindestens zehn Jahre alte Cartoon zeigt, an den ich mich bei dieser Nachricht erinnerte  und der sich in den Tiefen des WWW dann tatsächlich  noch wiederfand:

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Peter Gente R.I.P.

10.02.14 21:32-BildschirmkopiePeter Gente, Mitgründer von “Merve”, ist 77-jährig in Thailand gestorben. Nicht nur als Macher des vielleicht wichtigsten Theorie-Verlags,  auch als höchst sympathischer Kopf und Vermittler wilden Denkens war Peter ein wichtiger Mensch in meinem Leben – und für meine Arbeit im Feuilleton der neu gegründeten taz. Auf den Merve-Parties in der Schöneberger Fabriketage traf man Geister und Künstler, die wir dann auch gerne “für lau” in der kleinen “tageszeitung” publizierten – bevor sie später weltberühmt wurden. Ruhm und Geld interessierten ihn (und seine Gefährtin Heidi Paris) wenig, ökonomisch war Merve immert prekär – und realisierte dennoch und ohne Rücksicht auf Verluste aufwändige Übersetzungen und Publikationen. Wie etwa 1992 “Tausend Plateaus” von Deleuze/Guattari, mit dessen begeisterter Rezension für Deutschlandfunk und Zeitung ich Peter etwas zurückgeben konnte – für die Sachen von Foucault, Baudrillard Virilio et. al., die er immer wieder rübergeschoben hatte. Dass er diesen Text als den besten bezeichnete, der über dieses Buch geschrieben wurde, empfand ich als Lob von allerhöchster Stelle. Bevor Peter 2007 den Verlag in jüngere Hände übergab und seinen Alterswohnsitz nach Thailand verlegte – wo er in Frieden ruhen möge – führten  wir unser letztes Gespräch:

taz: Das erste Buch von Peter Gente, das mir als Student 1973/74 in die Hände fiel, war eine Anthologie, vom Fischer-Verlag und nicht von Merve verlegt.

Peter Gente: Ja, das war “Marxismus, Psychoanalyse, Sexpol”, 1970 erschienen. Der erste Band hatte vor allem die Sachen von Wilhelm Reich, und der zweite versammelte dann die neueren Texten von Peter Brückner oder Herbert Marcuse.

In dieser Zeit habt ihr auch das Verlagskollektiv gegründet und die Erweiterung des klassischen Marxismus gewissermaßen zum Programm gemacht.

Wir waren eine Berliner Wohngemeinschaft und politisch eher am Pariser Mai 68 und an der Bewegung in Frankreich insgesamt orientiert, die ja etwas anders verlief als hier. Nämlich weniger dogmatisch und weniger auf Studenten fixiert. In Frankreich und vor allem auch in Italien waren die Arbeiter viel stärker integriert. Und da guckten wir hin, denn uns ging es immer um neue Lebens- und Verkehrsformen. Deshalb haben wir dann auch im Verlag die Trennung von Hand- und Kopfarbeit aufgehoben. Jeder musste drucken lernen. Auch meine Partnerin Heidi Paris musste, nachdem wir uns 1975 kennengelernt hatten, noch drucken lernen.

Mit dem Bruch, den der deutsche Herbst 1977 darstellte, änderte sich dann auch der Verlagsname in “Merve”; mit “Internationale Marxistische Diskussion” war es vorbei.

Ja, die war gegessen. Wir hatten es ja nicht so mit den Terroristen. Spontis und Leute wie Fritz Teufel waren uns näher als Typen wie Horst Mahler.

In dieser Zeit habt ihr Theoretiker entdeckt, die in Deutschland noch niemand kannte – Foucault, Baudrillard, Deleuze, Guattari – und die mit Begriffen und einer Sprache operierten, bei denen die Leser erst mal nicht durchblickten. Mir ging es jedenfalls so.

Wir blickten auch nicht durch. Wir hatten ja etwas ganz anderes gelernt – Marxismus, kritische Theorie -, und diese Autoren setzten das zwar irgendwie fort, doch sie lösten sich auch davon und setzten andere Bezugsrahmen. Marx und Freud oder die Familie ließen sie, wie Deleuze/Guattaris im “Anti-Ödipus”, hinter sich, und das interessierte uns.

Es wurden ganz neue Begrifflichkeiten entwickelt. “Rhizom”, “Wunschmaschine” …

… und das Monster “Deterritorialisierung”.

Oh ja. Ich erinnere mich noch an die bösen Kommentare der Redaktionskollegen, wenn ich Anfang der 80er-Jahre auf der Kulturseite der taz mal wieder einen Vorabdruck von euch gebracht hatte.

Das war eben viele Jahre bevor die großen Verlage und das Feuilleton das alles entdeckten. Als ein alter Freund von uns, Dietrich Kuhlbrodt aus Hamburg, einmal dem Kulturchef der Frankfurter Rundschau, Wolfram Schütte, mit dem Baudrillard-Band “Kool Killer” unterm Arm begegnete, wurde der ganz blass und sauer: “So was liest du?” Fünf Jahre später war die Rundschau dann ganz stolz, wenn sie einen Baudrillard oder Virilio drucken konnte. Aber anfangs galt das für die klassischen Linken als “neuer Irrationalismus”, und Kritiker wie Lothar Baier oder Manfred Frank warfen uns vor, dass wir Begriffe wie Diskurs benutzen. Heute sind die völlig selbstverständlich – bis hin zur CDU und Merkel. Schön fand ich, dass Dietmar Dath in seinem Nachruf auf Heidi Paris in der FAZ schrieb, dass Merve dieses Wort eingeführt hätte und uns eigentlich das Copyright für Diskurs gebührte.

Als aus der “Internationalen Marxistischen Diskussion” der “Internationale Merve Diskurs” wurde – seid ihr da mit diesem neuen Denken einfach ins kalte Wasser gesprungen ?

Was man nicht verstand, hat uns erst mal fasziniert – und der Wahnsinn, den Foucault und Deleuze/Guattari beschrieben, der lag in der Luft, die Wirklichkeit war ja auch nicht mehr so ganz klar. Deshalb konnten wir mit diesen Theorien auch arbeiten, als das Kollektiv langsam den Bach runterging und man selber am Durchdrehen war. Foucault und Deleuze waren da einfach nahe liegend und haben uns auf Trab gebracht, auch weil sie immer irgendwo handlungsorientiert waren. “Du musst theoretisch nicht zu Adam und Eva zurück, fang an, geh mitten rein, und je mehr du dich damit beschäftigst, desto besser findest du dich zurecht”, sagte Deleuze immer. Das haben wir versucht.

Mit viel Erfolg, wenn man auf die fast dreihundert Merve-Bände schaut – und doch habt ihr euch auch immer an eine andere Deleuze-Parole gehalten: an das Minoritärwerden, an ein Schreiben, das wie eine Maus sein Loch buddelt. Die intellektuelle Kapazität, die bei Merve versammelt ist, überragt fast jeden Großverlag – aber ihr seid seit 30 Jahren auf derselben Fabriketage geblieben und habt einfach weiter eure kleinen Bücher gemacht.

Wir konnten das alles nur machen, weil wir arm waren. So hochkarätige Figuren haben als Autoren nur zwei Möglichkeiten: Entweder verkaufen sie sich ganz teuer – oder sie verschenken ihre Texte. Wir haben sie umsonst gekriegt, zumindest am Anfang – und auch noch, als alle hinter Foucault her waren und er von seiner dreibändigen Geschichte über “Sexualität und Wahnsinn” in den USA 200.000 Stück verkauft hat.

Neben solchen theoretischen Texten habt ihr viele Bücher zu Kunst und Musik gemacht, von den “Genialen Dilletanten” über “Tödliche Doris” bis hin zu Martin Kippenberger und Thomas Kapielski. Wie kam es zu dieser Mischung?

Als Heidi und ich uns kennenlernten, gingen wir fast jeden Abend in den “Dschungel” oder ins “Risiko” – wir kannten diese Leute aus der Musikszene, bevor die richtig Musik machten. Erst zehn Jahre später machten wir zum Beispiel mit Blixa Bargeld und den Einstürzenden Neubauten ein Buch. Als wir den Kippenberger machten, kannte den noch kein Mensch. Die Bücher entstanden also aus unserem Umfeld. Wir arbeiteten den ganzen Tag an diesen anstrengenden Theoriebüchern, und wenn wir dann abends um elf Uhr unter der Decke hingen und unser Verständnishorizont endgültig überschritten war, gingen wir in den “Dschungel”, um wieder runterzukommen. Wir hatten aber keine Berater, die uns dringend irgendwelche Titel empfahlen, die sind immer auf unserem eigenen Mist gewachsen. Wir haben gesammelt, Interviews, Zeitungsausschnitte, einfach Material, und irgendwann ist dann daraus ein Buch entstanden.

Die meisten Merve-Bücher werden heute in Museumsshops und Kunstbuchhandlungen verkauft. Was war in den bisher 37 Jahren der Verlagsgeschichte der am meisten verkaufte Band?

Der Renner ist nach wie vor “Rhizom” von Deleuze/Guattari. Vor zwei Jahren war er noch unserer meistverkauftes Buch überhaupt, obwohl schon vor 25 Jahren erschienen. Und auf Platz zwei sind ihre “Tausend Plateau”.

Das war 1992 das erste Hardcover der Merve-Bibliothek und ein großes Risiko.

Ja, aber es ist gut gelaufen, und es läuft auch immer noch gut. Durch Negri/Hardts “Empire” gab es noch mal einen Nachklapp. “Empire” wurde zwar rauf- und runtergelobt, aber es steht leider gar nichts drin. Leider, weil wir vor über 30 Jahren die Ersten waren, die Negri außerhalb Italiens publiziert haben. Später landete er dann bei Thomas Schmid von Wagenbach.

Der gerade als Chefredakteur bei Springers Welt gelandet ist.

Ja, das ist toll. Ende der 70er war er noch schwer linksdogmatisch und warf Merve vor, dass wir immer heiße Kartoffeln aus dem Feuer holen und Moden kreieren und uns dann nicht mehr damit beschäftigen würden.

Man sieht, wo das endet. Hier stehen die Umzugskisten gepackt. Dein Archiv wurde vom Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe aufgekauft und sichert zumindest eine Rente.

Die allerdings in Deutschland nicht reichen würde. Deshalb ziehe ich Mitte Februar nach Thailand. Nach 50 Jahren Berlin und 37 Jahren Verlag habe ich alles, was hier lief, in vollen Zügen genossen – Kunst, Kultur, Musik, die ganze Szene. Was zurzeit läuft, ödet mich ein bisschen an. Ich bin sehr verwöhnt, vor allem durch die einmalig schöne Zeit mit Heidi, die anstrengend und schwierig war, aber die zu etwas führte, den Büchern, die unser Leben waren. Als Heidi mit ihrer Schizophrenie nicht mehr klarkam und sich das Leben genommen hat, konnte ich keinen Neuanfang mehr machen. Ich musste eine Nachfolge organisieren. Wenn es den Verlag weiter geben sollte, musste ich raus, den Absprung finden. Das ist gelungen und ich bin, wenn ich die dreihundert Bücher hier sehe, zufrieden. Ich glaube, ich hab’ mein Ding gemacht.

Blend-a-med + Al-Qaida = Zahnpastaterror

terror_zahnpastaDass der “War On Terror”, ebenso wie der “War On Drugs”,  primär dem Geschäft ihrer Veranstalter dient und nicht dem Schutz der Bevölkerung vor Terroristen oder gefährlichen Drogen, diese Erkenntnis ist nichts wirklich Neues für halbwegs ausgeschlafene Zeitgenossen. Dass Medienleute und Politiker entweder nicht zu dieser Gruppe zählen, oder eben dafür bezahlt werden, ohne jede Hemmung die Propaganda dieser absurden Kriege zu verbreiten, ist ebenfalls keine Neuigkeit.  Gestern morgen aber prustete ich fast die köstliche Mischung aus Brötchten, Butter, Bio-Ei und Kaffee wieder auf den Frühstückstisch, als im Radio eine Warnung vor Zahnpasta-Terroristen durchgegeben wurde. Nicht in einer Satire,-oder Unterhaltungssendung, sondern in den Hauptnachrichten. Auf Flügen zur Olympiade nach Russland könnten, laut einer Warnung des US-Heimatschutzministeriums, Terroristen Sprengstoffe in Zahnpastatuben schmuggeln, betroffen seien “vermutlich” nur Direktflüge aus Europa – so lautete in etwa die Meldung, der dann der Nachsatz folgte: “Konkrete Hinweise” auf derartige Anschläge gäbe es nicht.

Da fragt man sich, welche voll verschlafenenen Redakteure bzw. gut bezahlten Propagandaoffiziere derart idiotische Meldungen in die Wiederholungsschleifen der ARD-Nachrichten und des gesamten Medienzirkus bringen können, ohne dass irgendwer nachfragt, ob die Redaktionen eigentlich noch alle Zahnbürsten im Schrank haben. Und was sie sich dabei denken, Millionen von Zuhörern und Leserinnen mit Meldungen zu bombardieren, bei denen das “vermutlich” und “keine konkreten Hinweise”  garantiert überhört werden ,”Zahnpasta” und “Terrorgefahr” aber garantiert hängenbleiben.  Um  nichts anderes als um diese Botschaft gehts.

Lasset uns also beten:
NSA unser, die du bist im Himmel mit deinen Drohnen.
Geheiligt werde deine Überwachung aller Leitungen und Funkwellen.
Dein Polizeistaat komme, wie im Himmel so auf Erden.
Unsere tägliche Terrorwarnung gib uns heute, und vergib uns unsere Arglosigkeit,
wie auch wir vergeben, dass die Kirche der Angst mit derartigem Schwachsinn unsere Hirne kontaminiert.
Und suche uns nicht in der Unterführung, sondern an den Sicherheitskontrollen der Flughäfen,
wo wir schon den dressierten Affen machen und Shampoo und Trinkwasser abgeben – und bald auch die Zahnpasta.
Und führe uns nicht in die Blend-a-med-lose Karies, sondern erlöse uns von den Al-Qaida-Wickelmützen.
Denn dein ist das Reich und die Macht und der Krieg gegen den Terror in Ewigkeit.

 

P.S.: Die “verrückte Dora”, die abgebildete Nuklear-Zahncreme “Doramad”  war von 1940-45 tatsächlich auf dem Markt.

Profiteure der Prohibition

Die FAZ berichtete am Montag  ebenso sachlich wie ausführlich aus dem “Land des Lächelns”, dem US-Budensstaat Colorade einen Monat nach der Legalisierung von Cannabis, in der Schweiz läßt die “Eidgenössische Kommission für Drogenfragen” (EKDF) ein neues Regulierungskonzept ausarbeiten, ein solches Uruguay hat als erster Nationalstaat der Welt bereits schon beschlossen, der Deutsche Hanfverband gewinnt bei einem Mainstream-TV-Sender  eine Castingshow und eine Million Euro für den Kampf gegen die Hanf-Prohibition…. nach Jahrzehnten der Tabuisierung scheint der Bann, mit dem der böse Zauberer Harry Anslinger  die Hanfpflanze vor mehr als  70 Jahren belegte, langsam aber sicher zu brechen.

Anslinger war natürlich kein Zauberer, sondern nur ein tüchtiger Bürokrat und der erste “Drogenzar” der USA,  doch die Anti-Hanf-Kampagne, die er mit Hilfe des Pressemagnaten Hearst und Geld des Chemiekonzerns Dupont entfachte, hatte ohne Frage magische Qualität und muß zu den erfolgreichsten Desinformations,- und Propaganda-Operationen aller Zeiten gezählt werden.  Sie spukt bis heute in vielen Köpfen herum – und wie zu Anlingers Zeiten finden die Behörden noch immer willige Experten und Gutachter, die ihnen die Richtigkeit der Prohibtion “wissenschaftlich” bestätigen.  Und der große Fleischtopf des einst von  Harry Anslinger auf den Weg gebrachte  International Narcotics Controllboard (INCB) bei den “Vereinten Nationen”,  an dem sich heute Bürokraten aus aller Welt laben, sorgt dafür, dass Offizielle in jedem Land der Welt den Anfang vom Ende der Hanfverbote “mit großer Sorge” o.ä.  kommentieren und kritisieren. Die Drogenverfolgung ist ihr Business und Hanf, solange er auf dem Index steht und die meist konsumierte illegale Substanz weltweit ist, eine Säule ihres Geschäfts. Und so will das INCB ganz im Geiste seines manischen Gründervaters Anslinger die Hanf-Prohibtion nicht einmal für medizinische Zwecke aufgehoben wissen.

Auch wenn die Herren der INCB-Zentrale in Wien also wohl die letzten sein werden, die die weiße Fahne für ein Ende des Drogenkriegs hissen – umhin kommen werden sie über kurz oder lang nicht. Selbiges gilt auch für die hiesigen Politiker und Bürokraten, die zwar noch einige Jahre mit gezogener Hanfbremse weiter fahren und die Prohibition als “alternativlos” erklären können, doch die schon erwiesenen und künftig noch deutlicher absehbaren Erfolge von Entkriminalisierung und Regulierung des Markts machen die Alternativen zunehmend unübersehbar und unleugbar. Die wissenschaftlichen Experten für Recht und Ordnung in Deutschland – die Strafrechtsprofosseren – haben das schon erkannt und einen dringenden Appell an die Bundesregierung verfasst, das geltende Betäubungsmittelgesetz zu reformieren. Die GroKo aus CDU, CSU und SPD hat indessen keinerlei Reformpläne in ihren Koalitionsvereinbarungen und so steht zu erwarten, dass für die gescheiterte Drogenpolitik nur ein dumpfes “Weiter so!” und keinerlei Besserung in Sicht ist.

Es sei denn, ein mutiger Jurist vom Schlage eines Wolfgang Nescovic, der sich als Berufungsrichter des Lübecker Landgerichts Anfang der 90er Jahre weigerte, weiter nach den wissenschaftlich widerlegten Grundlagen des Betäubungsmittelgesetzes Urteile zu fällen und das BtmG auf den Prüfstand des Bundesverfassungsgerichts brachte, bringt 20 Jahre nach diesem “Haschisch-Urteil” die höchsten Richter erneut dazu, die Angemessenheit strafrechtlicher Bestimmungen in Sachen Cannabis erneut zu überprüfen. Anders als mit einem energischen Wink aus Karlsruhe wird das Zentralkommitee der GroKo-Einheitspartei nur schwer zu bewegen sein, von der gescheiterten Politik des Verbietens, Verfolgens und Verhaftens Abstand zu nehmen.

“Sicherlich ist Marihuana eher harmlos. Aber die Sache war ein Beispiel dafür, dass ein Verbot die Autorität des Staates stärkt”, bekundete Harry Anslinger am Ende seiner Karriere, nachdem schon aktenkundig geworden war, dass 95 % der “zweifelsfreien Quellen”, die er für die nationale und internationale Durchsetzung der Hanf-Prohibition angeführt hatte,  aus Boulevardzeitungen stammte. Auf einem Niveau, von dem sich die Verbotspolitik bis heute kaum entfernt hat, was recht einfach erkennen ist, wenn man etwa die (voodoo-)wissenschaflichen Weisheiten des Prof. Dr. Rainer Thomasius, einem als “Experten” immer wieder gehörten Prohibitionisten, überprüft: “Die Einstiegsdrogentheorie ist zwar nicht belegt. Aber widerlegt ist sie auch nicht.” Was für die Jungfrauengeburt natürlich ebenso gilt wie für kleine grüne Männchen vom Mars…

Die eigentlichen Profiteure des “war on drugs” sind freilich nicht solche stets vorhandenen professoralen Mietmäuler, sondern eher die auf untenstehendem Cartoon abgebildeten Herrschaften. Sowie eher kleine Fische wie der Discounter Lidl, der dieser Tage die Fachbücher für den Indoor-Anbau aus seinem Online-Shop zurückzog, als das Angebot ruchbar wurde. Ebenso erschrocken reagierte der Elektrokonzern Philips, nachdem ihm ein TV-Bericht vorgworfen hatte, mit seinem “Greenpower”-LED-Lampen illegale Cannabiszüchter zu beliefern  – worauf das Unternehmen bekundete, dass man Endkunden in der Cannabiszucht nicht beliefere,  und die „Greenpower“-Lampen im Philips-Prospekt zum „City Farming“ ausschließlich zur wachstumsfördenden „Tageslichtverlängerung“ bei der Erdbeer-, Gurken- und Tomatenzucht beworben werden.

Nun kann ein Lampenhersteller genausowenig kontrollieren, ob unter seinen Lampen Gurken oder Marihuana wachsen, wie ein Messerproduzent, ob sein Produkt zum Mittagessen oder zum Mord verwendet wird. Warum also ein solcher gigotter und schreckhafter Alarm um Lampen, unter denen auch Gurken wachsen, oder um Bücher, die in jedem Buchladen erhältlich sind ?  Es scheinen dies noch immer Nachwirkungen Anslinger-Ära zu sein – und es wird Zeit, diesen Bann endlich zu brechen. Und den großen und kleinen Profteuren der Prohibition das Handwerk zu legen. Denn wenn der Anbau zum Eigenbedarf legal wird, braucht es weder spezielle Bücher noch besondere Lampen: Sonne, Erde, Wasser und ein Hanfkorn im Blumenkasten reichen dann völlig aus.

 

31.01.14 15:53-Bildschirmkopie