Jacques Baud war Analyst für den Schweizer Strategischen Nachrichtendienst und leitete die Einrichtung für friedenserhaltende Operationen der Vereinten Nationen New York. Dort war er zuständig für die Bekämpfung der Proliferation von Kleinwaffen bei der NATO und beteiligt an den NATO-Missionen in der Ukraine. Baud ist schon lange mit den russisch-ukrainischen Konflikten vertraut und kennt die Donbass-Region aus seiner Arbeit als UN-Waffeninspektor. Anders als die militärisch ahnungslosen sogenannten “Experten”, mit denen die Großmedien das Publikum über das Kriegsgeschehen desinformiert, weiß Jacques Baud wovon er redet. Deshalb halte ich seine Lagebeurteilungen und Analysen für das Beste, was derzeit zu diesem Krieg publiziert wird und habe sie an dieser Stelle schon oft verlinkt und zitiert. Das geschieht heute wieder, denn soeben ist sein neues Buch (Putin-Herr des Geschehens?) im Westendverlag erschienen, aus dem wir im Folgenden das Vorwort veröffentlichen – mit dem Hinweis, dass es sich bei diesem Werk um ein “Must read!” für alle halten, die einen vernünftigen, objektiven Blick auf das Geschehen gewinnen und an einer friedlichen Lösung arbeiten wollen.
“In jedem Konflikt hängt die Lösung davon ab, wie er zu verstehen ist.
Die Gefahr bei tragischen Ereignissen besteht darin, dass wir sie emo-
tional dominiert betrachten und sie beurteilen, bevor wir sie analysiert
haben. Genau das haben wir bei der Ukraine-Krise getan. Wir haben
die Liebe zur Ukraine mit dem Hass auf Russland vermengt.
Wenn wir der Ukraine wirklich helfen wollten, hätten wir viel frü-
her gehandelt, um die Lösungen umzusetzen, für die wir uns einge-
setzt hatten. Das haben wir nicht getan.
Die erste Frage, die wir uns stellen müssen, lautet: Was genau sind
die Werte, die wir angeblich verteidigen? Unsere moderne europäische
Kultur orientiert sich an diesen Werten, die auf die Revolution der »Auf-
klärer« zurückgehen, wie Montesquieu, Voltaire, Rousseau, Descartes,
Diderot, die den Absolutismus bekämpft haben. Sie sagten nicht, dass
es keine »Guten« und »Bösen« mehr geben dürfe, sondern dass man
vielmehr auch die Art und Weise, wie Probleme behandelt werden, den
Parametern der Aufklärung unterwerfen müsse: Nicht mehr die gött-
liche Eingebung oder die Leidenschaft sollten die Entscheidung leiten,
sondern die Vernunft und die Analyse der Fakten. Und zwar aller Fak-
ten. Die, die uns gefallen, sowie die, die uns missfallen.
Aber das Erfassen von Fakten kann nur erfolgen, wenn man bereit
ist, Ansichten zuzuhören, die nicht die eigenen sind. Voltaire wird
dieser Satz zugeschrieben, der heute vergessen zu sein scheint:
»Ich stimme nicht mit dem überein, was Sie sagen, aber ich werde
bis zum Tod dafür kämpfen, dass Sie das Recht haben, es zu sagen.«
Aber genau das beherzigen wir nicht: Wir verbieten unbequeme Me-
dien, und Menschen, die im Zusammenhang mit dem Krieg in der
Ukraine eine andere Meinung haben, werden automatisch als »Putin-
Agenten« verurteilt.
Wer hat die Angriffe auf die Zivilbevölkerung im Donbass zwischen
2014 und 2022 verurteilt? Wer hat die berichteten Massaker an Zi-
vilisten im Donbass verurteilt? Wer hat unsere führenden Politiker
in Frankreich, Deutschland und der Ukraine verurteilt, die zugege-
ben haben, dass sie nie die Absicht hatten, das Minsker Abkommen,
das sie unterzeichnet hatten, umzusetzen? Wer hat das Gesetz von
2021 verurteilt, das ukrainischen Bürgern je nach ihrer ethnischen
Herkunft unterschiedliche Rechte einräumt und damit diese Rechte
nicht davon abhängig macht, was man tut, sondern davon, was man
ist? Wer verurteilte die Ermordung ukrainischer Friedensverhandler
durch ihre eigenen Sicherheitsdienste im Jahr 2022?
Die militärische Intervention war vielleicht nicht die beste Lösung,
aber was haben wir getan, um sie zu verhindern?
Wir leben in einer Gesellschaft, die urteilt, bevor sie etwas weiß.
Wir stützen die Kritik an unseren politischen Entscheidungsträ-
gern nicht auf die Weisheit ihrer Entscheidungen, sondern auf die
Geschwindigkeit, mit der sie diese getwittert haben. Das trifft nicht
nur auf Frankreich zu, auf das sich die meisten Fallbeispiele dieses
Buches beziehen. Eine Analyse der Medien in anderen europäischen
Ländern würde zu denselben oder zumindest sehr ähnlichen Ergeb-
nissen führen.
Wir haben gesagt, Russland sei schwach; es ist heute aber stärker
als vermutet. Wir haben gesagt, dass die Sanktionen es zusammen-
brechen lassen würden; seine Wirtschaft ist in besserem Zustand
als unsere. Wir haben gesagt, dass die Bevölkerung Wladimir Putin
ablehnen und gegen ihn rebellieren würde; aber sie unterstützt ihn.
Wir haben gesagt, dass Russland keine Raketen hat; es hat seitdem
gleichwohl Hunderte von Raketen abgeschossen. Wir sagten, es habe
keine Munition mehr; es schießt allerdings zehnmal so viel wie die
Ukraine. Wir sagten, die Ukrainer hätten keine Verluste; sie haben
jedoch zehnmal so viele Verluste wie die Russen. Indem wir alles ge-
winnen wollen, sind wir dabei, alles zu verlieren.
Langsam zeigen uns die Fakten, dass die westliche Rhetorik falsch
war. Sie hat die Ukraine nicht nur davon abgehalten, in einen Konflikt zu treten,
sondern sie verbietet uns darüber hinaus, ihn zu beenden.
Wir haben nicht auf das gehört, was die Ukrainer uns gesagt haben,
sondern nur auf die Propaganda ihrer Regierung und auf unsere eige-
nen Vorurteile.
Es ist einfach, mit dem Blut anderer Krieg zu führen. Daran hat sich
leider auch nichts geändert, seitdem die französische Original-Version
in der ersten Hälfte 2022 erschienen ist.
Es ist Zeit, unsere Vorurteile aufzugeben und zur Vernunft zu kom-
men. Es ist Zeit, sich zu verändern und zu den Fakten zurückzukeh-
ren. Unsere Aufgabe als Europäer ist es nicht, eine Seite zu unter-
stützen, sondern alles zu tun, damit das Töten aufhört. Es geht nicht
darum, wer »gut« oder »böse« ist, wer »gewinnt« oder »verliert«, son-
dern darum, einen Dialog zu eröffnen. Und genau um diese Thematiken
soll es in dem Buch gehen.
Hier eine Leseprobe mit dem genauen Inhaltsverzeichnis.
Bestellungen hier:
Jacques Baud: Putin – Herr des Geschehens? , Westendverlag 320 Seiten, 26,00 Euro
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Zuletzt erschienen:
Mathias Bröckers : Vom Ende der unipolaren Welt, Fifty-Fifty (Oktober 2022), 288 Seiten, 20 Euro
