Notizen vom Ende der unipolaren Welt – 56

So gelassen, wie die Bundesregierung mit Terroranschlägen auf deutsche Infrastruktur umgeht, hat es den Anschein, dass man wie einst einst Merkel gegen das “Abhören” nunmehr auch gegen das “Pipelinesprengen unter Freunden” einfach nichts machen kann. Und nicht einmal sagen darf, ob und wie man gedenkt, den Anschlag zu ermitteln und den Tätern auf die Spur zu kommen. Man sei, so erfuhr Sahra Wagenknecht auf eine kleine Anfrage, „nach sorgfältiger Abwägung zu dem Schluss gekommen, dass weitere Auskünfte aus Gründen des Staatswohls nicht – auch nicht in eingestufter Form – erteilt werden können.“

Schön mal wieder von ihm  hören, dem guten alten “Staatswohl”, dem es gesundheitlich  ja ziemlich gut zu gehen scheint, wenn es den Verlust wichtiger Versorgungsadern so locker hinnehmen kann. Und es seiner Gesundheit sogar für zuträglich hält, sich um mögliche Ursachen keinen Gedanken zu machen oder Auskünfte zu geben. Staaten, denen von Terroristen wichtige Versorgungseinrichtungen zerstört werden, würden normalerweise Zeter und Mordio schreien und alle Fahndungsregister ziehen, um die Täter hinter Schloss und Riegel zu bringen. Und ihre Bürger, für deren Sicherheit und Infrastruktur der Staat verantwortlich ist,  regelmäßig auf dem Laufenden halten – über den Stand der Ermittlungen und der Planungen, solche Terrorattacken künftig zu verhindern:  Task-Force, Sonderstäbe, Untersuchungsausschüsse, das ganze Programm. Wie so etwas aussieht, wenn ein Staat alles in  Bewegung setzt, um einen Terroranschlag aufzuklären, kann man an den an detaillierten Erkenntnissen sehen, die russische Ermittler innerhalb kurzer Zeit über den Tathergang und die Täter der Attacke auf die Krim-Brücke  gewonnen und veröffentlicht haben .  Auch wenn sich noch nicht beurteilen lässt, wie “gerichtsfest” die vorgelegten Beweise sind, gewinnt man zweifellos den Eindruck: so geht Anti-Terror-Ermittlung und Polizeiarbeit. Während hierzulande unter Berufung auf die  „Third-Party-Rule“ für die internationale Zusammenarbeit der Geheimdienste entspanntes Nichtstun und verordnetes Aussitzen herrscht. Und nicht einmal Abgeordnete und die parlamentarische Geheimdienstkontrolle erfahren dürfen, ob und wie die Regierung den Anschlag aufzuklären gedenkt.

Die Schweden waren als direkte Anrainer zuerst am Tatort, wollen aber “unter Freunden” nicht verraten, was ihre Taucher dort möglicherweise ans Spuren gefunden haben. Dass es der Ausweis eines russischen Matrosen war, ist immerhin ausgeschlossen, denn das wäre sofort gemeldet worden. Die deutsche Bundespolizei ist nach knapp zwei Wochen dann auch mal gemütlich zur Besichtigung des Tatorts aufgebrochen, was dann immerhin eine Eilmeldung der “Tagessschau” wert war – allerdings nur, weil man  keine passende Tauchausrüstung dabei hatte und unverrichteter Dinge wieder abzog. Auch Profis können ja mal vergessen, dass die Ostsee 70 Meter tief ist und wenn sie es für das “Staatswohl” tun, um so besser…

Es fragt sich allerdings,  um welchen Staat und sein Wohl und Wehe es hier eigentlich geht. Nehmen wir mal an, die amerikanischen “Freunde”, denen deutsche Energieversorgung aus Russland seit über 50 Jahren ein Dorn im Auge ist – siehe dazu “Der unverziehene Strang nach Osten” (Spiegel, 12/1982)  – haben ihre  britischen, polnischen und skandinavischen Vasallen angespitzt, die Nordstream-Pipelines zu sprengen. Die deutschen Dienste lässt man bei dieser Operation außen vor, erinnert sie dann aber an ihr Schweigegebot und lässt sie auch nicht selbst ermitteln. Weshalb mit der Berufung der Bundesregierung auf das “Staatswohl” auch nicht der deutschen Staat gemeint  sein kann, sondern nur das Wohl der “Third Parties”, der “Freunde” in den USA und ihre Vasallen. Dass die Attacken auf die Nordstream-Pipeline, ähnlich wie 2014 die auf den Flug MH-17 über der Ukraine (oder wie 9/11), nicht wirklich ermittelt und aufgeklärt werden, sondern “auf dem weiten Feld der Spekulationen, Schuldzuweisungen und Verschwörungstheorien versumpfen” , hatte ich hier  (Notizen *52)  schon angemerkt. Genau so scheint es zu laufen. Und es sollte sich niemand wundern, wenn in ein paar Wochen dann “Bellingcat” oder andere “Faktenchecker” in Propagandadiensten mit einer Super-Recherche die Unterwasser-Smoking-Gun aufdecken, die dann doch auf Täter  aus dem “Umfeld Putins” verweist…

Unterdessen beklagt die US-Journalistin Ann Applebaum, Gattin des polnischen Ex-Ministers, der sich für den Nordstream-Anschlag mit “Thank You, USA” bedankte, dass man aus Deutschland keine Panzer an Kiew liefert, weil man sich einen Sieg der Ukraine einfach nicht vorstellen will: “Wie wird es Europa verändern, wie wird es Russland verändern, wie wird es das Gleichgewicht der Kräfte verändern? Ich glaube, dass die Situation mit den Panzern genau damit zusammenhängt.” Sie glaubt bei ihrem Talk im “Progressiven Zentrum” auch noch ganz viel anderes, hat aber entweder keinen Schimmer, dass nach aktuell 5876 zerstörten Panzern der ukrainischen Armee ein paar hundert mehr keine Rolle mehr spielen, oder will für ihre Auftraggeber im Militärisch-Industruellen-Komplex einfach nur diese wunderbare Abwrackprämie beibehalten, für die auf ukrainischer Steppe derzeit von den Russen gesorgt wird. Dass es nach der General-Strategie des Pentagon – “unterbreche niemals den Geldfluß!” – aber noch ein ganze Weile so weiterergeht, ist nicht zu erwarten, denn nicht den Russen, sondern dem Westen gehen die Waffen aus. 
Da kann auch die kriegslüsternste Propaganda aus “Progressiven Zentren” nicht helfen, in denen die neokonservative Rechte und  die woke Linke Hand in Hand in den “Woke War III” marschieren. Erstere sind was den Bellizismus betrifft in Wort und Schrift zwar stets ganz vorne mit dabei, haben aber wenn es um realen Krieg geht bisher jeden verloren, den sie angezettelt haben; letzere sind was Krieg betrifft theoretisch und praktisch völlig ahnunglos, wollen aber vom Kindertisch aus “in dienender Führungsrolle” (R.Habeck) vorne mit dabei sein, beim “Sieg in der Ukraine”. Den wird es indessen nicht geben und spätestens wenn General Winter das Regiment übernimmt wird das auch diese Neocon-Grüne-Querfront merken und hoffentlich vom Hof gejagt. Ihrem semi-debilen Führer Joe Biden blüht das schon bei den Halbzeit-Wahlen Anfang November….

Alle bisher erschienen “Notizen” hier

Am 20. Oktober 2002 erscheint:
Mathias Bröckers : Vom Ende der unipolaren Welt , ‎ Fifty-Fifty (2022),  288 Seiten, 20 Euro

 

 

 

 



Das Buch über die Geschichte und Hintergründe des Ukraine-Kriegs:

Mathias Bröckers/Paul Schreyer: Wir sind IMMER die Guten – Ansichten eines Putinverstehers oder wie der kalte Krieg neu entfacht wird, Westend Verlag (2019)

 

 

 

 

 

 

 

 

Notizen vom Ende der unipolaren Welt – 55

Auch wenn das Regime in Kiew nichts Besseres zu tun hatte, als den Terroranschlag auf die Krim-Brücke mit einer Briefmarke feiern zu lassen, gehen wir nicht davon aus, dass die russische Post jetzt mit einer Serie zerstörter Gebäude in Kiew kontert, zumal nach den massiven Raketenangriffen auf zahlreiche Einrichtungen der Energieversorgung und Infrastruktur überall im Land dafür schon ein Sammelalbum notwendig wäre.
Außerdem wissen die Russen, dass Kriege nicht mit Propaganda und Lügen gewonnen werden, sondern “on the ground”. Angriffe auf ukrainische “Kontrollzentren” hatte Putin schon seit Monaten mehrfach angedroht, wenn die Attacken auf die Donbass-Region nicht gestoppt werden. Überrascht sein konnten davon jetzt nur “Informationskrieger”, die ihrer eigenen Propaganda auf den Leim gegangen sind und glauben, dass Russland “die Raketen ausgehen” und “Putins Niederlage” kurz bevorsteht.
Stattdessen scheint jetzt eher das Gegenteil der Fall, wenn die von überall gemeldeten Stromausfälle sich fortsetzen, könnte bald die ganze Ukraine still stehen, weil mit dem Stromnetz auch Bahn, Kommunikation, Wasserpumpen etc.pp. ausfallen. Bisher hatte Russland bei seiner “Speziellen Militäroperation” kaum Infrastruktur angegriffen, aber damit ist es seit dem Montagmorgen vorbei.

Bei meinen Prognosen vom Beginn der Invasion, dass sie wegen der Überlegenheit der russischen Streitkräfte nur wenige Monate dauern wird, war ich davon ausgegangen, dass von Anfang an mit derartigem “Shock &Awe”-Raketenhagel im amerikanischen Stil vorgegangen wird. Eine langsame, “schonende” SMO, wie sie Russland dann durchführte, konnte ich mir nicht vorstellen, aber die Absicht – so wenig Zerstörung wie möglich, so viel Druck auf den Gegner wie nötig, und die Tür für Verhandlungen immer offen halten – wurde dann klar. Wie auch die Tatsache, dass Verhandlungen nicht von Zelensky selbst, sondern von seinen westlichen Geldgebern und Ausrüstern verhindert wurden. Noch im April und Mai wäre es möglich gewesen, die Ukraine in ihren seit 1991 existierenden Grenzen zu erhalten, abzüglich der Krim und inklusive von vier Regionen mit einem Autonomiestatus a lá “Minsk 2”. Weil aber der Krim-Hafen Sebastopol und Kontrolle über das Schwarze Meer in Washington und London auf der To-Do-Liste stehen, war solch ein Friedensschluss unmöglich.
Seine euro-atlantischen Bosse machten dem Ex-Komiker deshalb Geld- und Waffen-Angebote, die er nicht ablehnen konnte. Und jetzt ausbaden muss, weil der eurasische Boss die Faxen dicke hat und ihm mächtig aufs Dach gibt. während seine NATOstan-Kumpels, außer schwerer Empörung und heftiger Anfeuerung bis zum letzten Ukrainer zu kämpfen, nichts zu bieten haben. Apropos: Was macht eigentlich die sagenhafte US-Luftabwehr wenn man sie mal braucht?
Mit den Attacken auf strategische Energieknotenpunkte und Infrastruktur beginnt die dritte Phase der russischen “Militäroperation”. Die nicht nur ein neues Gesicht hat – “Shock`n Awe” – sondern auch einen humorlosen Geschäftsführer, vor dem nicht nur Ex-Komiker besser in Deckung gehen sollten, wie Pepe Escobar empfiehlt:

Das Gesicht von Russlands Shock’n Awe ist der neue russische Befehlshaber der Luft- und Raumfahrtstreitkräfte, Armeegeneral Sergej Surowikin: der neue Oberbefehlshaber der nun völlig zentralisierten SMO….Surowikin ist weithin geachtet – und gefürchtet: Sein Spitzname ist “General Armageddon”. Andere nennen ihn “Kannibale”. Surowikin ist seit 2017 Befehlshaber der russischen Luft- und Raumfahrtkräfte, wurde für seine unnachgiebige Führung der Militäroperation in Syrien mit dem Titel “Held Russlands” ausgezeichnet und hatte in den 1990er Jahren Erfahrung vor Ort in Tschetschenien. Surovikin ist nun der Dr. Shock’n Awe mit vollem Freibrief…
Der MI-6 hat, relativ gesehen, einige gut platzierte Maulwürfe in Moskau. Die Briten hatten den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Zelenskij und den Generalstab gewarnt, dass die Russen am Montag einen “Warnschlag” durchführen würden. Was dann geschah, war kein “Warnschlag”, sondern eine massive Offensive mit über 100 Marschflugkörpern, die “aus der Luft, zu Wasser und zu Lande”, wie Putin bemerkte, gegen ukrainische “Energie-, militärische Kommando- und Kommunikationseinrichtungen” eingesetzt wurden.
Der MI6 erklärte außerdem, “der nächste Schritt” werde die vollständige Zerstörung der ukrainischen Energieinfrastruktur sein. Das ist kein “nächster Schritt”: Er findet bereits statt. In fünf Regionen, darunter Lwiw und Kharkow, ist die Stromversorgung vollständig ausgefallen, und in fünf weiteren, darunter Kiew, kommt es zu ernsthaften Unterbrechungen. Über 60 Prozent der ukrainischen Stromnetze sind bereits ausgefallen. Über 75 Prozent des Internetverkehrs sind unterbrochen. Elon Musks netzzentrierte Kriegsführung Starlink wurde vom Verteidigungsministerium “abgeschaltet”.

Shock’n Awe wird wahrscheinlich in drei Stufen ablaufen.
Erstens: Überlastung des ukrainischen Luftabwehrsystems (bereits im Gange).
Zweitens: Sturz der Ukraine in das finstere Mittelalter (bereits im Gange).
Drittens: Zerstörung aller wichtigen Militäreinrichtungen (die nächste Welle).

Die Ukraine steht kurz davor, in den nächsten Tagen in fast völlige Dunkelheit zu versinken. Politisch gesehen eröffnet sich damit ein völlig neues Spielfeld. In Anbetracht von Moskaus Markenzeichen, der “strategischen Zweideutigkeit”, könnte es sich um eine Art Neuauflage von Desert Storm handeln (massive Luftangriffe zur Vorbereitung einer Bodenoffensive); oder, was wahrscheinlicher ist, um einen “Anreiz”, die NATO zu Verhandlungen zu zwingen; oder einfach nur um eine unerbittliche, systematische Raketenoffensive, gemischt mit elektronischer Kriegsführung, um Kiews Fähigkeit, Krieg zu führen, endgültig zu zerstören. Oder es könnte alles zusammen sein.

Die entscheidende Frage ist, wie ein gedemütigtes westliches Imperium den Einsatz erhöhen kann, ohne gleich zum Atomkrieg überzugehen. Moskau hat zu lange eine bewundernswerte Zurückhaltung an den Tag gelegt. Niemand sollte vergessen, dass die Ukraine im eigentlichen Great Game – der Frage, wie das Entstehen einer multipolaren Welt koordiniert werden kann – nur ein Nebenschauplatz ist. Aber jetzt sollten die Nebendarsteller besser in Deckung gehen, denn “General Armageddon” ist auf dem Vormarsch.”

Pepe Escobar: Terror on Crimea Bridge forces Russia to unleash Shock’n Awe

Außer der Idee, “möglichst schnell” noch ein paar mehr Luftabwehr- Einheiten anzuliefern, sowie die Empörungsrhetorik weiter hochzufahren, ist dem kollektiven Westen noch nicht allzu viel eingefallen, wie sich das Narrativ vom Sieg “auf dem Schlachtfeld” (EU-Feldherr Borrell) noch halten lässt. Und wie man nach den hasserfüllten und aggressiven Tiraden gegen Russland jetzt wieder in kommunikative, diplomatische Gewässer zurückrudern kann. Wobei Ex-Präsident Medwedew am Montag auf Telegram seine “persönlichen Meinung” kundtat, dass zuvor “die vollständige Zerschlagung des politischen Regimes der Ukraine” ansteht, was bedeutet, dass Zelensky als Friedenspartner nicht mehr in Frage kommt. Sein Regime gilt  nach den Terrorattacken auf das AKW Saporischschja, Nordstream und die Krim-Brücke als nicht mehr verhandlungsfähig und rangiert in Moskau jetzt auf dem Niveau von ISIS und Al Qaida. Mit denen hatte General Surowikin schon in Syrien kurzen Prozess gemacht. Gestern früh, bevor die Hölle über Kiew losbrach,  wurde er mit dem Satz zitiert: “For the enemies of Russia, the morning does not start with coffee.”

Heute früh gilt dasselbe, überall im Land werden Energieknotenpunkte und strategische Einrichtungen getroffen. “Aber zum Glück sind Russland ja schon im  März die Raketen ausgegangen”, wird auf russischen Blogs gewitzelt, “die können nicht von uns sein!” Sind sie aber, und Dr. Shock`n Awe versteht keinen Spaß.  Vor 23 Jahren galt für die “Wertedemokratien” des Westens das Bombardement von Städten als Türöffner für den Frieden: “A massive bombig attack opens the door to peace”, titelte das “Time”-Magazin. Dass auch “General Armageddon” diese Tür knacken kann, ist ziemlich sicher. Aber es muss nicht 72 Tage dauern wie seinerzeit die NATO-Raketen auf  Jugoslawien. Deshalb muss JETZT geredet werden. Nicht empört und hysterisch, sondern ruhig und vernünftig – über Frieden.
(wird fortgesetzt)

Alle bisher erschienen “Notizen” hier
Das Buch über die Geschichte und Hintergründe des Ukraine-Kriegs:

Mathias Bröckers/Paul Schreyer: Wir sind IMMER die Guten – Ansichten eines Putinverstehers oder wie der kalte Krieg neu entfacht wird, Westend Verlag (2019)

 

 

 

 

 

Notizen vom Ende der unipolaren Welt – 54

Ob eine Überdosis des berüchtigten kolumbianischen Marschierpulvers die Ursache war, wissen wir nicht. Doch eine gefährliche Überdosis Größenwahn muss auf jeden Fall diagnostiziert werden, wenn der in Kiew regierende Ex-Komiker Zelensky jetzt “präventiv” einen atomaren  NATO-Angriff auf Russland fordert – um einen russischen Atomschlag auf die Ukraine unmöglich zu machen. Warum die NATO jetzt noch Russland bombardieren und eine globale atomare Vernichtung provozieren soll, wo ihre Proxy-Armee im Nordosten und Süden der Ukraine doch gerade derart erfolgreich ist, dass “Putins Niederlage” – wenn man CNN, ARD, Spiegel etc. folgt – quasi schon fest steht, erschließt sich nicht. Jedenfalls nicht logisch, weshalb wir andere Hilfsmittel vermuten, die zu derart wahnsinnigen, aberwitzigen Forderungen führen. Andererseits ist klar, dass die allseits verbreiteten Sieges,-und Triumphmeldungen der Zelensky-Truppe nicht viel mehr als heiße Luft sind und ihre Tage gezählt, wenn nach der russischen Teilmobilisierung die Kräfte der “Special Military Operation” demnächst verdreifacht werden. Mit kaum mehr als 150.000 Mann haben die Russen bisher über 20% des Landes unter Kontrolle gebracht – gegen eine doppelt so starke und mit Milliarden vom Westen aufgerüstete ukrainische Armee. Anders als in Syrien 2017, wo 5.000 russisch Helfer, 25 SU-Fighterjets und die S-400-Luftabwehr reichten, um die “moderaten Terroristen” bzw. ihre US-NATO-Chefs an den Verhandlungstisch zu bringen, reichte eine so “schlanke” Operation aber in der Ukraine nicht. Der als “Friedenspräsident” gewählte Ex-Komiker durfte nicht verhandeln, sondern wurde aus London und Washington  weiter in den Krieg getrieben. Einen Krieg, in dem Moskau nicht mehr Kiew gegenübersteht, sondern der NATO, die die Ukraine nur als Schlachtfeld und ihre Soldaten als Kanonenfutter benutzt. Es geht nicht und ging seit 2014 nie um eine friedliche Wiedervereinigung des Landes, es geht darum “Russland zu schwächen.”

Und was halluziniert der “Stürmer”-Spiegel: “Der Kremlchef steht mit dem Rücken zur Wand: Seine Armee verliert auf breiter Front und er muss um seine Macht fürchten. Vielleicht ist seine Drohung mit einem Nuklearangriff nur ein Bluff?” – Sie ist kein Bluff, weil Putin noch nie mit einem Nuklearschlag gedroht hat – vielmehr waren das schon im Februar der französische Außenminister – mit seinem Hinweis, man verfüge schließlich über Nuklearwaffen – und die neue britische Premieuse Liz Truss, die bekundete, dass sie (Steve Bell hat es für den Guardian festgehalten) selbstverständlich  auch den “roten Knopf” drücken wird. Putin hingegen  ist in seiner Rede zur Teilmobilisierung  am 21.9. genau darauf eingegangen:

“Sie haben sogar zur nuklearen Erpressung gegriffen. Ich beziehe mich nicht nur auf den vom Westen geförderten Beschuss des Kernkraftwerks Saporoshje, der die Gefahr einer nuklearen Katastrophe birgt, sondern auch auf die Äußerungen einiger hochrangiger Vertreter der führenden NATO-Länder über die Möglichkeit und Zulässigkeit des Einsatzes von Massenvernichtungswaffen – Kernwaffen – gegen Russland.
Ich möchte diejenigen, die solche Äußerungen in Bezug auf Russland machen, daran erinnern, dass auch unser Land über verschiedene Arten von Waffen verfügt, und einige von ihnen sind moderner als die Waffen der NATO-Länder. Im Falle einer Bedrohung der territorialen Integrität unseres Landes und zur Verteidigung Russlands und unseres Volkes werden wir mit Sicherheit von allen uns zur Verfügung stehenden Waffensystemen Gebrauch machen. Dies ist kein Bluff. Die Bürger Russlands können sicher sein, dass die territoriale Integrität unseres Vaterlandes, unsere Unabhängigkeit und unsere Freiheit – ich wiederhole – mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln verteidigt werden. Und diejenigen, die versuchen, uns mit Atomwaffen zu erpressen, sollten wissen, dass sich die Wetterfahne drehen und auf sie zeigen kann.”

Das ist keine Drohung mit einem Nuklearangriff, sondern eine Warnung, dass Russland sich verteidigen kann und wird. Mit dem Hinweis auf die “modernernen”, d.h. die hypersonischen Waffen, die konventionell bestückt jederzeit das Weisse Haus, Downing Street 10 oder das Kanzleramt in Schutt und Asche legen können, weil sie selbst mit einer  Stunde Vorwarnzeit – die Putin dem Zivilpersonal fairerweise einräumen dürfte –  nicht zu verteidigen sind. Wenn die Quartiere des T-Shirt-Kriegsherrn in Kiew und seiner NATOstan-Berater alsbald ohne Vorwarnung eliminiert werden, sollte sich aber niemand wundern. Ein nukleares “Armageddon” wie es die Wandermumie In Chief Joe Biden befürchtet, ist von russischer Seite aus überhaupt nicht nötig. Was soll also die Panik vor einer nicht vorhandenen und nie abgegebenen Drohung. “Könnte es sich um die Vorbereitung eines Zwischenfalls unter falscher Flagge handeln, bei dem eine US-amerikanische oder britische Atombombe in der Ukraine eingesetzt wird, um dann Russland die Schuld dafür zu geben, als Vorwand für ein umfassendes militärisches Engagement in der Ukraine?” fragt Bernhard bei MoonOfAlabama.
Ich glaube nicht, dass die “Angelsachsen” soweit gehen. Zumindest ihre Militärs wissen, dass sie in einem großen Krieg mit Russland sehr schlechte Karten haben und pfeifen ihre Oberfalken regelmäßig zurück. Sie wissen auch, dass die Gewinne von einigen Kilometern Steppe und ein paar leeren Dörfern keine Niederlage “auf breiter Front” bedeuten, wie ihre Propaganda-Schreiber halluzinieren, und Putin, mit einer Zustimmungsrate Ende September  von 82 %,  zu Hause keineswegs “mit dem Rücken zur Wand” steht. Und im Pentagon weiß man auch, dass Putins Ansage im Juli – “dass wir  – im Großen und Ganzen – noch gar nicht richtig angefangen haben” – kein hohler Spruch war, sondern dass die russischen Streitkräfte noch weitaus mehr auffahren können als in den ersten Monaten der “Militäroperation”. Und dass die unter großen Verlusten errungenen taktischen Geländegewinne der “Gegenoffensive” nur für PR-Triumphe im Informationskrieg taugen, strategisch aber am Ausgang der Schlacht nichts ändern, sondern eher  – wie Ex-Oberst Doug McGregor im Interview mit Aaron Maté sagt – “den Russen in die Hände spielen”. McGregor hat im Irak-Krieg Panzer-Divisionen kommandiert und kann die Lage “on the ground” realistisch beurteilen – wie wohl auch seine derzeit amtierenden Kollegen im Pentagon. Denen seit gestern dämmert, dass die Russen jetzt langsam “richtig anfangen”: die ukrainischen Truppen meldeten den Ausfall ihrer satelliten-gestützten “Starlink”-Kommunikation. Dass Elon Musk neuerdings auf Waffenstillstand und Verhandlungen drängt ist insofern nicht uneigennützig – wenn Russland ernst macht mit dem Satelliten-Jammer Tirada 2 ist Schluss mit GPS und Funkverkehr und wenn die Laserwaffe Peresvet zum Einsatz kommt, wäre Musks Satelliten-Flotte auf einen Schlag blind und zerstört. Wo mit den Attacken auf zivile Infrastruktur wie Nordstream oder wie jetzt auf die Kerch-Brücke zur Krim die Kriegsführung zunehmend “toxisch” wird, sind auch die Daten-und Kommunikations-“Pipelines” im Weltraum ein potentielles Ziel. Wobei  – dumm gelaufen für NATOstan –  die Russen nicht nur bei den hyperschnellen Raketen, sondern auch im “electronic warfare” ziemlich vorne liegen. Auch das wissen die verantwortlichen Militärs in den USA und wollen deshalb mehr als einen permanenten Kleinkrieg in der Ukraine nicht zulassen – notfalls bis zum letzten Krad-Melder, der auf freier Steppe dran glauben muss…

Und doch, bei aller Atomkriegsgefahr und Kuba-Krise reloaded, wie hier schon im Januar in der Hoffnung auf einen existierenden “Back-Channel” thematisiert, wächst mit Hölderlin zu sprechen “das Rettende auch”. Und das ist vielleicht beste Nachricht seit Monaten: “There is a new START !”.  Die USA und Russland stehen davor, das START-Abkommen zur Inspektion und Begrenzung von Nuklearwaffen wieder aufzunehmen. Dass hinter den Kulissen der medialen Panikmache vernünftig geredet wird und dabei sicher nicht nur Sprengköpfe und Inspektionen ein Thema sind, sondern auch der aktuelle Konflikt und mögliche Lösungen, stimmt bei aller Unsicherheit dann doch einigermaßen beruhigend…

(wird fortgesetzt)

Alle bisher erschienen “Notizen” hier
Das Buch über die Geschichte und Hintergründe des Ukraine-Kriegs:

Mathias Bröckers/Paul Schreyer: Wir sind IMMER die Guten – Ansichten eines Putinverstehers oder wie der kalte Krieg neu entfacht wird, Westend Verlag (2019)

 

 

 

Coming soon:

Das Buch zum Blog…das Blog als Buch, wie auch immer, die “Notizen” sind in der Druckerei und werden bald auch Schwarz auf Weiß vorliegen. Der offizielle Erscheinungstermin ist der 24. Oktober, Vorbestellungen nehmen die Buchkomplizen und die lokale Buchhandlung eures Vertrauens gerne entgegen. Weil vor und nach den hier  erschienenen Beiträgen auch Unveröffentlichtes steht, hat das Buch auch den regelmäßigen Besuchern dieser Seite noch ein wenig Neues zu bieten.
Auf dem Briefpapier meines verstorbenen Kollegen Hans-Georg Behr, der sich wie ich als freier Autor durchs Leben geschlagen hat, stand unter seinem Namen das Motto “Nimmt Geld für gute Worte”. In diesem Sinne hoffe ich, das möglichst viele Gratis-Leserinnen und -Leser meiner Worte diesem Hinweis folgend ein wenig Geld in die Hand nehmen und das Buch kaufen. Oder besser gleich zwei oder drei zum Weitergeben, denn der erbärmliche Zustand des aktuellen Journalismus hat tatsächlich dazu geführt, dass viele Zeitgenossen vom Ende der unipolaren Welt, der us-amerikanischen “Full Spectrum Dominance” und der Globalisierung wie sie sie kannten, noch gar nichts mitgekriegt haben.

Mathias Bröckers : Vom Ende der unipolaren Welt , ‎ Fifty-Fifty, Frankfurt 2022, 288 Seiten, 20 Euro
ISBN ‏ : ‎ 3946778372

Notizen vom Ende der unipolaren Welt – 53

Im April 2022 und noch einmal im  August hätte der Ukrainekrieg beendet sein können. Schon im Frühjahr waren der ukrainischen Armee die meisten ihrer sowjetischen Waffen ausgegangen und bei den von der Türkei moderierten Treffen waren die Vertreter aus Kiew und Moskau nahe an einem Kompromiss. Nach dem Scheitern dieser Verhandlungen gab es im August einen weitere Runde und Hoffnungen auf einen Waffenstillstand und vorläufige Friedensvereinbarungen, die aber schnell wieder zunichte gemacht wurden. Auch wenn die Frage,  warum die Kriegsparteien zu keiner Einigung kamen, sicher mehr als eine mono-kausale Antwort erfordert, war ein entscheidender Grund der Besuch, den Präsident Zelensky bekam, als seine Unterhändler auf Einladung von “Sultan” Erdogan mit den Russen verhandelten: Boris Johnson war aus London angereist und hatte seinen Freund Wolodomyr zur Brust genommen. Und schon war Schluss mit Verhandlungen und Kompromisslösungen.
Im Juni und noch im August – als BoJo als Premier schon abserviert war – folgten zwei weitere “Überraschungsbesuche” und der als Friedenspräsident angetretene und gewählte  Zelensky war wieder auf Linie und  in Hau-Drauf-Stimmung. Wenn man sagt, dass der Ex-Komiker im Präsidentenamt ein “Getriebener” ist,  muss das keine Anspielung  auf die Doping-Gerüchte um Zelensky sein, sondern eher ein Verweis auf den Antreiber, der ihn weiter in diesen Krieg hetzt.

Es ist also kein Zufall, wenn Putin in seiner Rede  zum “Beitritt” der vier Oblaste (Text auf englisch, z.Zt. keine deutsche Transkription auffindbar, ist bei historischen Reden mittlerweile unwichtig, wir haben ja “Experten” ,”Analysten” und Schurnalisten, UPDATE: Anti-Spiegel hat den Wortlaut  auf deutsch) auf die Hintermänner der Nordstream-Sabotage als “Angel-Sachsen” verweist: die Briten geben auf westlicher Seite den Spielführer und folgen dabei wie seit 120 Jahren der  Mackinder-Strategie: Frieden, Handel und Wandel im “Herzland” – Osteuropa in Verbindung mit Asien – um jeden Preis zu verhindern. Im  20. Jahrhundert ist das mit zwei Weltkriegen gelungen und derzeit tun sie mit dem großen Bruder in Amerika alles dafür,  auch im 21. Jahrhundert mit einem weiteren Weltkrieg auf europäischem Boden erneut klare Verhältnisse zu schaffen und einen eisernen Vorhang hochzuziehen, der Deutschland und Europa von Russland und Asien abschneidet.

Mit der Nordstream-Sprengung wurde jetzt unübersehbares Zeichen gesetzt, das den ökonomischen Schnitt besiegelt: das Geschäftsmodell Deutschlands, mit preiswerten Rohstoffen aus Russland global konkurrenzfähige Produkte zu exportieren, ist am Ende. Für Italien, Frankreich und andere EU-Staaten sieht es nicht besser aus, während sich für die USA, so Außenminister Blinken, “ungeheure Möglichkeiten” ergeben. Auch wenn Washington den Anschlag “verurteilt” klingt das doch  wie die Genugtuung eines Mafia-Bosses, der mit einem Coup der Konkurrenz auf dem Weltmarkt erfolgreich der Saft abgedreht hat.
Dass “Old Europe”, allen voran die deutsche Regierung, das ohne große Aufregung hinnimmt, kann eigentlich nur damit zu haben, dass man dort den Schuss nicht hören will und noch immer nicht gecheckt hat, dass man auf dem geopolitischen Schachbrett  gerade  geopfert wird.  Und sich Henry Kissingers  Ansage (aus dem verlorenen Vietnam-Krieg) – “To be an enemy of America can be dangerous, but to be a friend is fatal.” –  im Ukraine-Krieg jetzt wiederholt, der militärisch nicht gewonnen werden kann und dessen Fortsetzung für Deutschland eine Dekade brutalen  ökonomischen  Abstiegs bedeutet, die auch EU und Euro in ihrer heutigen Form kaum überleben werden. Willkommen in der US-Kolonie BRD, die nach dem ökonomischen Suizid auch auf Souveränität, Außenpolitik und eigene Währung verzichtet, sich aber wie Puerto Rico künftig “Freistaat” nennen darf (-; .

Dass Russland auf die Zerstörung seiner Pipelines nicht mit einem Gegenschlag und auch nicht mit martialischer Rhetorik reagierte, sondern “nur” eine akribische Aufklärung und Ermittlung  der genauen Täterschaft ankündigte, könnte – wie John Helmer vermutet – damit zu tun haben, das man von einer “Oktober Überraschung” Wind bekommen hat:

“Das bedeutet, dass die russische Regierung abwartet und verzögert. Vorerst wird es keine Vergeltungsmaßnahmen geben. Der Grund dafür ist, dass russische Offizielle die Biden-Administration verdächtigen, kurz vor dem Wahltag am 8. November eine “Oktober-Überraschung” vorzubereiten: einen Angriff auf die inländische US-Infrastruktur – zum Beispiel die Stromnetze -, der als russische Vergeltungsmaßnahme gemeldet wird, die es nicht gibt.
Die Angriffe auf Nord Stream waren eine Militäroperation der USA, Polens, Dänemarks und Schwedens, mit zusätzlicher NATO-Luftüberwachungsunterstützung von Stützpunkten in Italien aus. Politisch gesehen waren sie ein Angriff auf Deutschland, aber der deutsche Bundeskanzler Olaf Scholz hat noch nicht öffentlich gesagt, was er im Voraus wusste und was er jetzt weiß.”

…und wenn er überhaupt etwas weiß, wird er den Teufel tun und einen Ton verraten. Genauso wenig wie sein Vize Habeck, der ohnehin in “dienender Führungsrolle” für die USA tätig ist und nicht für die Interessen seines Landes. Was im Übrigen auch für fast alle seine EU-Kollegen gilt, die ihre Länder mit den Sanktionen in den Ruin und ihren Kontinent an die Schwelle eines Weltkriegs treiben. Weil sie mit Russland umspringen wie mit einem der wehrlosen Länder, die sie in den letzten Jahrzehnten überfallen haben. Zusammen mit den “Angelsachsen”, von denen Mark Twain 1906 schrieb: “Die Engländer und die Amerikaner sind Diebe, Wegelagerer und Piraten, und wir sind stolz darauf, zu dieser Kombination zu gehören.” Es war sein Kommentar auf eine Festrede im “Ends of The Earth Club” in New York, bei der führende Geschäftsleute und Intelektuelle den Redner “zwei Minuten lang” beklatschten, nachdem er bekundet hatte: “Wir sind von angelsächsischer Rasse, und wenn der Angelsachse etwas will, nimmt er es sich einfach.” Twain setzte hinzu: “Von allen anwesenden Engländern und Amerikanern hatte nicht einer den Anstand, aufzustehen und zu sagen, er schäme sich, ein Angelsachse zu sein, und er schäme sich auch, ein Mitglied der menschlichen Rasse zu sein, da diese unter der Präsenz des angelsächsischen Makels leiden müsse.”

Dass diese “Wegelagerer” 116 Jahre später dafür gesorgt haben, eine Versorgungsader Europas zu sprengen, um die kontinentalen Vasallen an der Kandare zu halten, daran kann wenig Zweifel bestehen. Und auch wenn Putin die Autobiographie von Mark Twain wohl nicht gelesen hat, liegt seine Anklage der “Angelsachsen” und  der “neo-kolonialen” Aktivitäten des “kollektiven Westens” ganz auf dessen Linie.  Und so steht statt einem Friedensvertrag von Lissabon bis Wladiwostok, wie ihn Gorbatschow (und auch noch Putin bei seinem Amtstritt)  erreichen wollte, jetzt ein Krieg gegen Russland auf der angelsächsichen Agenda…und man fragt sich, warum sich in Deutschland, Frankreich, Italien noch niemand schämt, da weiter mitzumachen und sich in diesem Krieg zuerst “entheizen” und wenn`s ernst wird dann auch “verheizen” zu lassen. Aber noch immer scheinen die Regierenden ihrer eigenen Propaganda zu glauben, feiern 20 Kilometer Landgewinn auf 1000 Kilometer Front als “Wende”, “Durchbruch” und “Putins Niederlage” und sehen darüber hinweg,  dass  die jüngste “Offensive”  in drei Tagen schon über 2000 ukrainische Soldaten das Leben gekostet hat. Anfang September in der Gegend um Kharkov waren mehr es drei Mal soviel und Jacques Baud – Ex-Oberst des Schweizer Militärgeheimdiensts  und UN-Waffeninspekteur – kann in diesen im Propagandakrieg  triumphalistisch  gefeierten “Erfolgen” realistisch nichts anderes als “Pyrrhus-Siege” erkennen. So sieht es auch Scott Ritter – Ex-US-Marines-Geheimdienst und ebenfalls Ex-UN-Waffeninspekteur – der auf das Dilemma verweist, in  das die NATO durch die Referenden und die Annexion  gebracht wurde: dass man keinen direkten Kriege gegen Russland führt ist jetzt nicht mehr möglich, weil Russland das Schlachtfeld auf sein eigenes Territorium verlegt hat:
“In einigen Jahren, wenn die Geschichte des Konflikts endgültig geschrieben ist, wird die Entscheidung von Präsident Putin, die russischen Reserven zu mobilisieren und gleichzeitig das Territorium der Süd- und Ostukraine in die Russische Föderation einzugliedern, als eines der wichtigsten Beispiele der modernen Geschichte dienen, wie man einen Gegner “auf die Hörner eines Dilemmas” treibt. Die effektive Neutralisierung der NATO durch diese Aktion wird höchstwahrscheinlich als Wendepunkt in diesem Konflikt betrachtet werden, der angesichts eines unvermeidlichen russischen Sieges das Schicksal der Ukraine besiegelt hat.”

(wird fortgesetzt)

Alle bisher erschienen “Notizen” hier
Das Buch über die Geschichte und Hintergründe des Ukraine-Kriegs:

Mathias Bröckers/Paul Schreyer: Wir sind IMMER die Guten – Ansichten eines Putinverstehers oder wie der kalte Krieg neu entfacht wird, Westend Verlag (2019)

 

 

 

Notizen vom Ende der unipolaren Welt – 52

“Abhören unter Freunden – das geht gar nicht” meinte Angela Merkel 2013, als bekannt wurde, dass ihr Handy aus den USA angezapft wird, räumte später dann aber ein, dass sie dieses Ausspähen dann eher als “nachrangig” betrachtet habe. Interessant dürfte jetzt werden, wie Kanzler Olaf Scholz und Frau von der Leyen es mit dem  “Pipelinesprengen unter Freunden” sehen: geht das, oder geht das gar nicht, oder sieht man es eher als nachrangig. Klar ist, dass Anschläge auf europäische Infrastruktur  kriminell sind und entsprechend ermittelt werden müssen. Da ein solcher Anschlag  sicher nicht von ein paar Hobby-Tauchern bewerkstelligt werden kann ist auch ziemlich klar, dass es sich um einen Akt des Staatsterrorismus handelt. Was  sogleich die Frage aufwirft: wo sind eigentlich Bundeswehr und  NATO wenn man sie mal braucht? Bzw. wozu sind sie zu gebrauchen, wenn sie von solchen Anschlägen überrascht werden und rein gar nichts mitkriegt haben, trotz aller Unterwassermikrofone und Überwachung der Ostsee ? Oder hat man was mitgekriegt und ist auf Anweisung ihres obersten Dienstherrn Joe Biden zum Schweigen verdonnert ? Der hatte ja gegenüber Olaf Scholz im Februar schon angekündigt, dass man für dein Ende von Nordstream schon sorgen werden. Das ist jetzt geschehen und ich gehe davon aus, dass die Täterschaft des Anschlags trotz vollmundiger Ankündigungen  nicht ermittelt und unbekannt bleiben wird, weil ähnlich wie bei dem bis heute ungeklärten Anschlag auf den Flug  MH17 über der Ukraine 2014 vorhandene Radar-und-Überwachungsdaten nicht freigegeben werden. Und so das weite Feld für Spekulationen, Schuldzuweisungen und Verschwörungstheorien versumpfen…
Dass sich der ehemalige polnische Außenminister gleich  mit einem Foto des Gasaustritts und “Thank you, USA” zu Wort meldet könnte zum Beispiel ein  geschicktes PR-Manöver sein, um davon abzulenken, das Polen hinter dem Anschlag steckt, das schon einmal den  Bau von NS 2, ziemlich genau an derselben Stelle attackiert hatte. So jedenfalls sieht es der Veteran der Moskau-Korrespondenten  John Helmer:

“Die Militäroperation am Montagabend, bei der Munition verschossen wurde, um Löcher in die Nord Stream I- und Nord Stream II-Pipelines auf dem Grund der Ostsee in der Nähe der Insel Bornholm zu sprengen, wurde von der polnischen Marine und Spezialkräften durchgeführt. Sie wurden von dänischen und schwedischen Militärs unterstützt, mit nachrichtendienstlicher und technischer Unterstützung der USA geplant und koordiniert und vom polnischen Premierminister Mateusz Morawiecki genehmigt.

Die Operation ist eine Wiederholung der Bornholm-Bash-Operation vom April 2021, bei der versucht wurde, russische Schiffe, die Gasleitungen verlegten, zu sabotieren, was jedoch mit einem schmachvollen Rückzug der polnischen Streitkräfte endete. Dies war ein direkter Angriff auf Russland. Diesmal zielt der Angriff auf die Deutschen, insbesondere auf die Wirtschafts- und Gewerkschaftslobby und die ostdeutschen Wähler, mit einem Plan, Moskau für die Probleme verantwortlich zu machen, die sie bereits haben – und für die Probleme, die mit dem Winter kommen werden.”

Ich empfehle Helmers Artikel zu lesen – hier oder auf seiner Website. Mehr als halbwegs fundierte Vermutungen kann man derzeit nicht anstellen. Völlig unfundiert hingegen spekuliert  der Bundeswehr-Kommandeur Giss im Interview mit der “Tagesschau” davon, dass es ….. Trommelwirbel… Fanfare…. “bei der russischen Marine Drohnen gibt – oder auch Kleinst-U-Boote -, die man für solche Zwecke nutzen könnte.” So was aber auch, diese Russen schon wieder, typisch,  beschießen ja auch schon seit Wochen ihr eigenes Atomkraftwerk, klar, dass sie dann auch ihre Pipelines zerstören. Denn auch wenn sie überhaupt kein Motiv dafür haben,  besitzen sie doch Kleinst-U-Boote und Drohnen,  wie im Übrigen auch die Bundeswehr und viele andere NATO-Staaten einschließlich der USA – aber das vergisst Herr Giss und fügt stattdessen hinzu: “Ich möchte auch nicht ausschließen, dass man vielleicht schon im Vorfeld beim Bau der Pipeline bestimmte Maßnahmen getroffen hat, um ein solches Ereignis auszulösen.”  Ja klar, es könnte auch sein, dass die Russen die ganze Röhre überhaupt nur gebaut haben, um sie danach in die Luft zu jagen, das kann man bei diesen unberechenbaren Halb-Asiaten nicht 100-prozentig ausschließen! Und möchten das auch nicht tun  und erwähnen es sicherheitshalber in der Tagesschau. Denn niemand sonst kann als Verdächtiger für diesen Terroranschlag in Frage kommen –  außer der im Grunde seines Herzens auto-destruktive Russe.

Als habilitierter Diplom-Konspirologe konnte ich mir bis vor Kurzem nicht vorstellen, dass sogenannte Nachrichtensendungen verschwörungstheoretisch auf ein derart unterirdisches  Niveau fallen, doch mittlerweile gehen selbst die absurdesten Gerüchte über Russland in der “Tagesschau” als Nachrichten durch. Ohne Nachfrage, ohne Wimpenrzucken und allen Ernstes wird jeder Logik, jedem Sinn  und Verstand zum Trotz eine bizarre  Hyperrealität konstruiert, in der hinter jedem Ungemach der ultraböse Putin steckt – und diese Geschichte wird 24/7 in immer neuen Varianten wiederholt. Sie mögen noch so bizarr und  faktenfrei sein, irgendwas bleibt immer hängen und verankert im kollektiven Bewusstsein die gewünschte Mentalität: “Die Russen sind unsere Unglück!”
Aus dem Linguistik-Studium erinnere ich noch, dass wir dort einmal politische Reden und Artikel auf den Gebrauch bestimmter Vokabeln und Metaphern und ihren Gehalt an fiktionalen, emotionalen und suggestiven Elementen untersuchten. Ohne Computer war das damals noch  Lese,-und Kopfarbeit. Würde man heute den Output der westlichen Großmedien auf ihre anti-russische Diktion und Tendenz schnell mal maschinell analysieren, wäre  schon 2016  – mit den fiktiven “Russiagate”-Vorwürfen gegen Donald Trump –  ein massiver Anstieg zu verzeichnen und 2022 würde auf der nach oben offenen Russophobie-Skala eine unfassbare Steilkurve himmelwärts zeigen.  Die Übrigens genauso aussieht  wie die Preiskurve meiner (aktuell vervierfachten) Gasrechnung.

Aber zum Glück – siehe oben –  gibt`s schon touristische Angebote für einen warmen Winterurlaub. Echte Sparfüchse stellen zu Hause die Heizung ab, streichen  die Entlastungszuschläge ein, überwintern im geheizten Sibiren und verdienen noch daran. Kleiner Scherz, aber wahrscheinlich  rechnet sich das mittlerweile sogar – und scheint auch sicherheitstechnisch durchaus sinnvoll. Dass die Bundeswehr in Sachen Landesicherheit und Verteidigung essentieller Infrastruktur nicht einmal die Küsten vor ihrer Haustür unter Kontrolle hat, hat der Anschlag deutlich bewiesen. Wenn sie zur Aufklärung und Ermittlung der Täterschaft jetzt nichts anderes beitragen kann, als groteske Unterstellungen russischer Selbst-Sabotage, ist sie entweder völlig ahnungslos – was mehr als peinlich wäre, denn Kapitän zur See Giss betont im oben verlinkten Tagesschau-Interview stolz die  deutsche “Führungsrolle” bei der Überwachung der Ostsee –  oder sie spielt als Komplize und Vasall in einem größeren Spiel mit, bei dem sie selbst dann nichts zu melden hat, wenn es sich gegen das Wohl ihres eigenen Landes richtet…

(wird fortgesetzt)
Um “Nordstream Null” ging es auch gestern im 3. Jahrtausend

Alle bisher erschienen “Notizen” hier
Das Buch über die Geschichte und Hintergründe des Ukraine-Kriegs:

Mathias Bröckers/Paul Schreyer: Wir sind IMMER die Guten – Ansichten eines Putinverstehers oder wie der kalte Krieg neu entfacht wird, Westend Verlag (2019)

 

 

 

 

3.JT #83: Nord Stream Null

Anschlag auf drei Gaspipelines – wer hat Nord Stream 1 und 2 gesprengt? Und was bedeutet das für Europa? Außerdem: Die Ukraine schließt einen Atomkrieg nicht mehr aus. Und was machen die Deutschen? Sie kümmern sich lieber um den Infektionsschutz und um Impfstoffe, von denen keiner weiß, ob sie überhaupt helfen. Und was gibt’s Neues von Julian Assange? Über all das und mehr berichten Robert Fleischer, Dirk Pohlmann und Mathias Bröckers in Ausgabe #83 des 3. Jahrtausends.

Notizen vom Ende der unipolaren Welt – 51

Dmitry Medwedew, einst als Präsident fast so etwas wie ein Darling der Westpresse, weil scheinbar mit offenem Ohr für neoliberale Avancen ausgestattet, ist als Vize des Sicherheitsrats im Kreml mittlerweile so etwas wie der Mann für`s außenpolitisch Grobe. Anders als der stets deutliche aber zurückhaltende Putin und der allzeit verbindliche Lawrow nimmt Medwedew vor allem auf Telegram kein  Blatt vor den Mund. Hier ein  Stück von rt.com, automatisch übersetzt, weil in Deutschland zensiert und nur über VPN erreichbar:

Auf “Telegram” vom Donnerstag betonte Medwedew, dass die für den 23. bis 27. September geplanten Referenden auf jeden Fall stattfinden würden und “die Donbass-Republiken und andere Gebiete in Russland aufgenommen würden”. Der ehemalige Präsident erklärte weiter, dass das russische Militär die Verteidigung aller eingegliederten Gebiete “erheblich verstärken” werde. Er fügte hinzu, dass Russland zur Verteidigung seiner Gebiete “nicht nur seine Mobilisierungskapazitäten, sondern auch alle russischen Waffen, einschließlich strategischer Atomwaffen” einsetzen könne. Ohne Namen zu nennen, warnte Medwedew, dass “pensionierte Idioten mit Generalsstreifen” nicht versuchen sollten, Moskau einzuschüchtern, indem sie behaupten, dass die NATO die Krim angreifen könnte, eine Halbinsel, die 2014 nach einem Putsch in Kiew mit überwältigender Mehrheit für die Vereinigung mit Russland gestimmt hatte. “Hyperschallraketen werden Ziele in Europa und den USA mit Sicherheit viel schneller treffen”, warnte er und fügte hinzu, dass “das westliche Establishment und die NATO-Bürger verstehen müssen, dass Russland seinen eigenen Weg gewählt hat” und es “keinen Weg zurück gibt”.

Am Mittwoch erklärte Ben Hodges, ehemaliger Befehlshaber der US-Armee in Europa, dass Washington die russische Schwarzmeerflotte, die auf der Krim stationiert ist, oder ihre Stützpunkte auf der Halbinsel zerstören könnte, falls Moskau in der Ukraine auf Atomwaffen zurückgreift. Er wies darauf hin, dass es “sehr unwahrscheinlich” sei, dass der russische Präsident Wladimir Putin den Einsatz von Atomwaffen anordnen würde.
Letzte Woche beschuldigte Medwedew westliche “Schwachköpfe” aus “dummen Denkfabriken”, ihre Länder mit ihrem hybriden Krieg gegen Moskau auf den Weg in ein nukleares Armageddon zu führen. Er warnte auch, dass das “hemmungslose Aufpumpen des Kiewer Regimes mit den gefährlichsten Waffentypen” Russland dazu veranlassen könnte, seinen militärischen Feldzug auf die nächste Stufe zu stellen.

Medwedews Hinweis auf den hypersonischen Vorsprung des russischen Militärs wird von den hiesigen Sofa-Generälen und ihren Propaganda-Kompanien wohl einmal mehr als Aufschneiderei abgetan…schließlich hat die Chefin von Stupidistan, U. von der Leyen, mitgeteilt, dass die Russen für den Krieg schon “Chips aus Spülmaschinen und Kühlschränken” einsetzen müssen, “weil sie keine Halbleiter mehr haben”. Da ist ja wohl klar, dass der niederträchtige Putin jetzt “am Ende” ist, sich “verkalkuliert” hat und seine “Niederlage” ausgemachte Sache, wenn nur noch ein paar Leopard-Panzer und geile Raketen geliefert werden. Schon fliehen ja junge Menschen massenweise aus Russland weil sie die Einberufung fürchten, weiß der “Stürmer”-Spiegel,  da werden also bald auch die Soldaten ausgehen, so wie schon im März die Raketen, und die seitdem am Boden liegende Wirtschaft wird endgültig ruiniert, der Rubel wird auf Null fallen und der “Diktator” samt seien Mannen aus dem Kreml verjagt…

Was westliche Politiker und Medienschaffende derzeit an Hyperrealität halluzinieren und simulieren – nachdem Putin angekündigt hat, 300.000 Reservisten zur Verstärkung der “Militäroperation” in der Ukraine einzusetzen, das sind 1,2 % von 25 Millionen militärischer Reserve – hat mit der Wirklichkeit am Boden wenig zu tun. Was eigentlich nicht wundert, denn es kommt wieder von denselben, die uns schon Irak, Libyen, Afghanistan  als Mogelpackung verkauft haben – und  nach 20 Jahren “Stabilierungseinsatz” (so hieß die “Spezielle Militäroperation” der Bundeswehr in Afghanistan ) selbiges nunmehr in der Ukraine verhökern müssen. Wieder mit gar schröcklichen Bildern und Geschichten über einen abgrundtief bösen Feind und die tapferen weißen Ritter, die ihn bekämpfen um die Welt zu retten. Also  Brunnen bauen, Mädchenschulen errichten, Hunger bekämpfen, “Freiheit” und “Werte” verteidigen etc.pp. während der Feind das genaue Gegenteil im Sinn hat. Aber nicht mehr lange, denn der Endsieg steht mehr oder weniger kurz bevor. Die Fakten am Boden stören bei dieser eindeutigen Erzählung. Dass es hier nicht um eine manichäische Schlacht zwischen  Gut und Böse, Wahr und Falsch, Freiheit und Unterdrückung geht, sondern um einen seit acht Jahre währenden Bürgerkrieg, in den der Nachbar jetzt eingegriffen hat, geht in nuklearem Kriegsgetöse unter. Ebenso wie die Tatsache, dass dieser lokale Bürgerkrieg von den USA und ihren NATO-Gehilfen angefeuert und gepusht worden ist, um den großen Krieg, der jetzt herrscht, herauf zu beschwören – um “Russland zu schwächen” und den Endgegner China angehen zu können.

Diese Hintergründe müssen ebenso ausgeblendet bleiben wie die Vorgeschichte des Bürgerkriegs, – all das spielt nur dem Feind in die Hände und erfüllt fast schon den Tatbestand der“Wehrkraftzersetzung”.  Fatal, wo doch unser Führer Olaf Scholz gerade schon den Endsieg  verkündet hat: “Russland wird diesen Krieg nicht gewinnen!” Woher er diese Zuversicht nimmt, ist zwar unklar, doch Zweifel gelten in der hyperrealen Welt der Scholzens und von der Leyens, wo die Russen schon mit der Hand abwaschen und warmen Wodka trinken müssen, als Verrat. Wie auch jede Kritik an den astronomischen Energiekosten, dank denen die einst stolzen Industriestaaten Europas gerade mit Vollgas an die Wand gefahren werden. Nicht weil Russland in der Ukraine Krieg führt, sondern weil es die EU-Sanktionsritter von der traurigen Gestalt so beschlossen haben, und lieber teures Gas bei den Kopf-ab-Wickelmützen am arabischen Golf zu kaufen als billiges beim Russen. Und dann auch noch wie Olaf der Tollkühne zu behaupten, damit sei “die Winter-Energiekrise gelöst”.  Dabei hat der Exodus von energie-intensiven Industriebetrieben gerade erst begonnen und sie wandern  dort hin, von wo der ökonomische Suizid Europas befohlen wurde:  in die USA. Ist natürlich reiner Zufall und keineswegs die Falle, die den europäischen Schlafwandlern gestellt wurde, denen weiter suggeriert wird, dass sie mit mehr Waffen den Krieg gewinnen, wenn sie nur über diesen Winter kommen. Doch im nächsten Frühjahr,  und im nächsten Winter, und in den übernächsten wird es ja nicht besser, ohne billige Rohstoffe aus dem Osten ist Europa auf den Weltmärkten nicht mehr konkurrenzfähig. Aber kein Verantwortlicher will aufwachen und Olaf Scholz wähnt sich in “kanzler kompakt” immer noch bei den Guten, weil man schließlich ja auch was gegen den Welthunger getan und “Lösungen” auf den Weg gebracht hätte. Das “Joint Coordination Center” der UN, in dem Russland, Ukraine und Türkei seit Ende Juli die Ausfuhr von Mais und Weizen über das Schwarze Meer organisieren und mit dem Deutschland und die EU nichts zu tun haben, kann er eigentlich nicht gemeint haben – und falls doch, ist auch das eine hyperreale Erzählung, die mit der Wirklichkeit nichts zu tun hat: Von den 2,7 Millionen Tonnen Lebensmitteln, die bis zum 12.September aus der Ukraine verschifft wurden, landeten laut JCC  nur 3% in wirklich bedürftigen Ländern Afrikas, 72 % hingegen in Ländern mit hohem und mittleren Einkommen, vor allem und Europa. Also: Welthunger-Business as usual – Brot für die Welt, die Wurst bleibt hier! –  aber jetzt mit den Russen als Buhmann.
Dass die nun auch noch “Scheinreferenden” durchführen hat unterdessen zu schwerer “Scheinaufregung” geführt,  denn dass die Menschen im Osten und Süden der Ukraine auch bei einem idealen, nicht unter Kriegsbedingungen stattfindenden Referendum mehrheitlich keinesfalls für das Regime in Kiew stimmen würden, ist eigentlich ziemlich klar. Nicht nur, weil es sie seit acht Jahren beschießen lässt, sondern auch weil die Wahlergebnisse der letzten beiden Jahrzehnte schon immer deutlich “pro-russisch” ausfielen (Klick auf die Karte vergrößert).   Weshalb  das Ergebnis der Referenden nur eine Formsache ist, wie auch schon 2014 bei der Abstimmung auf der Krim – zumal die Regierung in Kiew seit acht Jahren nichts  für ihre  russlandfreundliche und russischsprachige Bevölkerung getan, sondern sie mit Raketen und Verfolgung malträtiert hat. Gesetzt den Fall, dass morgen alle Waffen in der Ukraine schweigen und die Regionen im Süden und Osten unter UN-Aufsicht  entscheiden könnten, ob sie aus Kiew oder aus Moskau regiert werden möchten – wie würde ein solches Referendum ausgehen? Sie würden es wahrscheinlich nicht, oder nur auf Umwegen, erfahren – denn Journalisten, die die Wahl vor Ort beobachten, um Bericht zu erstatten, würden als “Putin-Propagandisten” sofort exkommuniziert. Und wenn sie, wie Patrick Baab, auch noch Professor sind, gleich auch noch ihre Stelle verlieren.   Wer den aktuellen kriegstreiberischen Output unserer Journaille zur Kenntnis nimmt, versteht aber umgehend, warum Journalisten nicht mehr weiter beigebracht werden muss, dass zur Auslandsbericherstattung Recherchen vor Ort unverzichtbar sind und in Konfliktfällen immer beide Parteien zu Wort kommen müssen.

 (wird fortgesetzt)

Alle bisher erschienen “Notizen” hier
Das Buch über die Geschichte und Hintergründe des Ukraine-Kriegs:

Mathias Bröckers/Paul Schreyer: Wir sind IMMER die Guten – Ansichten eines Putinverstehers oder wie der kalte Krieg neu entfacht wird, Westend Verlag (2019)

 

 

 

 

 

 

 

 

Notizen vom Ende der unipolaren Welt – 50

Während in den russisch kontrollierten Gebieten der Ukraine Referenden über den Beitritt zu Russland durchgeführt  werden, hat Wladimir Putin am Mittwoch eine Teilmobilisierung der Streitkräfte verkündet.  Da absehbar ist, dass die etwa 15 Millionen Bewohner im Osten und Süden des Landes mehrheitlich nicht für einen Verbleib unter der Regierung in Kiew abstimmen werden, wird dieses Votum vom “kollektiven Westen” nicht anerkannt und der Beschuss dieser Regionen fortgesetzt werden. Wenn Moskau den Beitrittsersuchen dann nachkommt,  kann aus der “Speziellen Militäroperation” leicht ein offizieller Krieg werden, weil jeder Angriff auf die “Volksrepubliken” dann ein direkter Angriff auf Russland und seine Grenzen wird. Das russische Verteidigungsministerium will jetzt 300.000 ehemalige Berufssoldaten “nach und nach” einberufen, “ein Mähdrescher mit extrabreitem Einzug”, so Minister Schoigu laut TASS, sei aber “nicht vorgesehen”. Unterdessen drohte die die ukrainische Vizepremierministerin Irina Wereschtschuk, dass die Teilnahme an den Referenden mit einer Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren geahndet wird und forderte die Bewohner auf, diese Regionen zu verlassen. Da am Dienstag mitten in Donezk 13 Zivilisten von westlichen  Rakten zerstückelt wurden, werden sie das aber sicher nicht in westliche Richtung tun. Dass die “Scheinreferenden und Mobilisierung” ein “Zeichen der Schwäche” Russlands seien wird derweil aus Berlin und anderen westlichen Regierungssitzen betont: „Das alles kann man sich nur erklären vor dem Hintergrund der Tatsache, dass der russische Angriff auf die Ukraine nicht erfolgreich verlaufen ist“, so ein Sprecher von Olaf Scholz. Das ist er bisher sicher nicht, wobei es schon darauf ankommt, wie “Erfolg” definiert wird.

Erstmals seit Beginn der “Militäroperation” hat der russische Verteidigungsminister konkrete Zahlen über die Verluste genannt – danach seien 5.937 seiner Soldaten bisher ums Leben gekommen. Die Verluste der ukrainischen Seite bezifferte Shoigu auf 61.207.  Auch wenn diese Angaben im Nebel des Kriegs nicht überprüfbar sind, scheinen sie mir halbwegs realistisch. Zumal wenn man sie in Relation damit setzt, dass Russland bisher nur 10-15% seiner Streitkräfte gegen eine personell überlegene ukrainische Truppe eingesetzt hat, die von der NATO zur größten Landstreitmacht Europas hochgerüstet worden ist. Sie wollten Krieg und auch nicht auf Putins letzte Ansage vom 7. Juli –  hören“ – ….jeder sollte wissen, dass wir  – im Großen und Ganzen – noch gar nicht richtig angefangen haben.”– und jetzt bekommen sie ihn.

Und man kann allen Brüdern und Schwestern in NATOstan nur noch zurufen: zieht euch warm an! Und das nicht nur, weil Gaspreise und Heizkosten sich weiter vervielfachen und die ganze Ökonomie an die Wand gefahren wird, sondern weil ihr sogenanntens “Verteidigungsbündnis” schon mit seinen Kriegen gegen Jugoslawien, Irak, Libyen, Syrien, Afghanistan weder Sicherheit noch Frieden, sondern nur Zerstörung, Chaos und Krieg in Permanenz verbreiten konnte. Dass es sich dabei um weitgehend wehrlose Nationen handelte, von denen für NATOstan keinerlei Gefahr ausging, macht die blutige “Erfolgsbilanz” dieser Truppe noch unansehnlicher. Und niemand sollte darauf setzen, dass diese Gurkentruppe, nach den Debakeln gegen dritt,-und viertklassige Amateurclubs, jetzt gegen die Profis eines mehrfachen Champions-League-Siegers ( über PSG Napoleon 1812, und SS Hitler 1945) militärisch  irgendetwas reißen könnte.

Dass Russland jetzt  300.000 (von insgesamt 25 Millionen Reservisten)  als zusätzliche Kräfte in der Ukraine einsetzt, war nach der “Gegenoffensive” der letzten zwei Wochen ein erwartbarer Schritt, der die Kämpfe an der 1000 Kilometer langen Front nun deutlich intensivieren wird.  An den bisher weitgehend mit den Milizen der “Volksrepubliken” besetzten Grenzen im Donbass wird jetzt die russische Armee präsent sein. Für die eingebunkerten ukrainischen Truppen kann das nur  unangenehm werden – Russland wird ernst machen, denn anders als der semi-debile Joe Biden und sein durchgeknallter Präsidentendarsteller Zelensky ist Putin kein Schwätzer. Und NATOstan hat keine weiteren Trümpfe im Ärmeln, als neben ukrainischem Kanonenfutter weiteres Material in die Schlacht zu werfen und verschrotten zu lassen – wie gestern 28 Exemplare der Wunderrakete “HIMAR” und den 5202. Panzer.  Werden ein paar mehr davon jetzt aber wirklich zum “Game Changer”  und die Schlacht entscheiden ?  Selbstverständlich nicht. Sie werden sie nur verlängern und weitere 100.000 Tote und Verwundete kosten. Die Rüstungslobbyistin Strack-Zimmermann trommelt indessen weiter für schwere Waffenlieferungen: “Wenn wir den russischen Präsidenten Putin nicht stoppen, und zwar politisch und militärisch, wird er als Nächstes in die Westukraine gehen und irgendwann ist das Baltikum dran. Jetzt ist Schluss.” Dass man sich in Russland auf diese Ansage der FDP-Vampirette dreimal bekreuzigt und dem Befehl folgt ist freilich nicht zu erwarten.

“Das Glück ist immer auf der Seite der großen Bataillone” – die vom Preußenkönig Friedrich II. überlieferte französische Redensart muss im 21. Jahrhundert umformuliert werden. Nachdem The (Real) Revolution in Military Affairs stattgefunden hat, so das gleichnamige Buch von Andrei Martyanov (2019), ist das Kriegsglück jetzt auf der Seite der »hypersonischen Waffen«: Präzisions-Raketen, die aufgrund ihrer extremen Geschwindigkeit von keinem Luftabwehrsystem abgefangen werden können und ihr Ziel aus tausenden Kilometern Entfernung auf den Meter genau treffen. Da nur Russland (und demnächst auch China) über solche Waffen verfügt – und ganz abgesehen davon, dass diese Raketen auch mit Nuklearsprengköpfen ausgestattet sein können – sind USA und NATO in jeder direkten militärischen Auseinandersetzung unterlegen. Auch ihre vielfach größeren Bataillone können da nicht helfen. Selbst ein massiver nuklearer »Erstschlag« auf Moskau und Sankt Petersburg kann eine durchschlagende Antwort auf Washington, New York oder London nicht verhindern – gegenseitige Vernichtung ist garantiert. Oder besser: war garantiert. Denn die überlegenen Luftverteidigungs-Systemen (S-400 / S-500) können den russischen Luftraum für ballistische Raketen schließen und den »Erstschlag« wahrscheinlich abfangen. Doch auf den russischen Gegenschlag gibt es im Westen keine Verteidigung. Deshalb wird  NATOstan in der Ukraine militärisch nicht direkt eingreifen, sondern weiter “bis zum letzten Ukrainer” kämpfen lassen. Wenn NATO-Sprecher Stoltenberg behauptet, dass Russland einen nuklearen Konflikt “nicht gewinnen” könne, ist das nicht mehr als ein Pfeifen im Walde.

(wird fortgesetzt)

Alle bisher erschienen “Notizen” hier
Das Buch über die Geschichte und Hintergründe des Ukraine-Kriegs:

Mathias Bröckers/Paul Schreyer: Wir sind IMMER die Guten – Ansichten eines Putinverstehers oder wie der kalte Krieg neu entfacht wird, Westend Verlag (2019)