Frohes Fest!

Dieser Tage habe ich mich mal durch einige Musik geklickt, die von diversen “Experten” zum Song oder zur Band des Jahres gekürt wurden, aber konnte da nichts entdecken, was mich zum Weiterhören animiert hätte.  Hat vielleicht mit dem Alter zu tun, in jungen Jahren passierte  es ja dauernd, dass man eine unbekannte Musik , eine neue Band hörte und gleich drauf abfuhr, aber mittlerweile kommt so was, wenn überhaupt, nur noch alle paar Jahre mal vor.  Macht aber nichts, es gibt so viele gute alte Songs ohne jedes Verfallsdatum :

Besuch bei einer Landkommune Mitte der 70er, über dem Herd ein großer Stengel mit Hanfblüten: “Nimm nicht zu viel, ist starkes Zeug”. Ach, dachte ich,  was diese Landeier “stark” nennen und bröselte mir eine dicke Tüte. Nach ein paar Zügen legte ich mich auf’s Sofa, nahezu bewegungsunfähig…. aber dann lief dieses Stück und ich flog ab.

Verliebte haben oft “unser Lied”, bei mir war das vor 20 Jahren einmal “Nwahulwana” von Wazimbo – auch ohne Verliebtsein immer noch wunderbar…

Du immer mit deinem J.J.Cale, sagen mir Freunde oft. “Der macht doch immer nur dasselbe” – “Ja, aber immer wieder anders.” Deshalb höre ich ihn seit 1972 immer wieder, denn keiner hat diesen Groove… Und keine von den vielen Cover-Versionen seiner Songs kam je an das Original heran. Eine Ausnahme war in meinen Ohren nur Captain Beefheart mit JJ’s “Same Old Blues”

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Wenn das Narrativ stimmt, sind Fakten zweitrangig

Schon vor 16 Jahren gab es im “Spiegel” große Fake-Reportagen über das “Was 9//11 wirklich geschah” – Ein Kommentar, erschienen auf telepolis :

Der Skandal um die Fake-Reportagen im “Spiegel” kommt dem unterirdischen “Bild”-Lyriker Wagner vor, “als würde es von unten nach oben regnen. Nein schlimmer. Es ist, als hätten Paparazzi den Papst im Bordell erwischt.” Und er fügt hinzu: “Ich kannte Rudolf Augstein. Er hätte den Laden dicht gemacht.”

Ich kannte ihn zwar nicht, aber einige seiner leitenden Redakteure – und die wären, soviel ist sicher, als Verantwortliche oder Beteiligte einer solche Fälschungsserie sofort und reihenweise gefeuert worden. Und es wäre ein Verdikt von Rudolf ergangen, dass diese magazinigen, gefühligen Reportagen mit Human-Touch-Getue und Real-Life-Suggestionen, all diese “große Reportage”-Prosa mit ihren szenischen Textbausteinen aus dem Creative-Writing-Workshop, in einem “Nachrichtenmagazin” absolut nichts zu suchen haben. Sie haben ihre Berechtigung auf den Vergnügungsdampfern der Unterhaltungsindustrie, aber nicht in einem dem Journalismus verpflichteten Presseorgan mit dem Motto: “Sagen, was ist.”

Dass Spiegel-Artikel zu Augsteins Zeiten nur in Ausnahmefällen namentlich gekennzeichnet waren, hatte ja durchaus sein Gutes: Verhinderte Schriftsteller und Prosaisten konnten sich nicht spreizen, die berichteten Tatsachen, die Nachricht, stand im Vordergrund. Und die Qualität der Beiträge wurde nicht in Journalistenpreisen gemessen, sondern an dem, was sie politisch, juristisch oder sonst wie ins Rollen brachten.

Diese Zeiten sind lange vorbei und am wenigsten kann man das dem jetzt geächteten Jungstar am Reporterhimmel Claas Relotius vorwerfen, denn der phantasiebegabte Autor hat einfach nur geliefert, was seine Oberen verlangten und in ihren Spin passte. Keine Nachrichten, sondern Stimmungsbilder – und wenn die Stimmung stimmt, kommt es auf Fakten nicht mehr wirklich an. Wenn dann das, “was ist”, zum Beispiel die stinknormalen Trump-Wähler einer Kleinstadt in Minnesota, den gewünschten Spin nicht hergibt, dann erfindet der kreative Schreiber eben ein finsteres Nest waffentragender Dumpfbacken. Und wenn das Narrativ stimmt, sind die Fakten zweitrangig und der Schwurbel kommt prominent ins Blatt.

Als ich 2004 einmal in einer Fernsehsendung mit zwei “Spiegel”-Redakteuren über 9/11 diskutiert hatte und wir danach bei einem Kaffee noch plauderten, meinten sie, dass sie einiges in meinen Büchern ja auch richtig gut fänden – zuvor in der Sendung hatten sie mir “Verschwörungstheorien” und “schlechte Recherche” vorgeworfen – nur dass ich ihre Zeitschrift immer als “ehemaliges Nachrichtenmagazin” bezeichne, das würde ihnen überhaupt nicht gefallen. Diese Bezeichnung war mir einmal bei einem Vortrag rausgerutscht, als ich eine Spiegel-Story mit dem Titel “9/11 – Was wirklich geschah” kommentierte, und wie das so ist – wenn das Publikum lacht, nehmen wir den Gag ins Repertoire – zog diese Präzisierung der hochkarätigen Marke “Nachrichtenmagazin” dann als geflügeltes Wort seine Kreise. Zu erfahren, dass sich die “Spiegel”-Leute darüber ärgerten, war natürlich erfreulich.

Es war diese “9/11 – Was wirklich geschah”-Story – eine im Reportagestil von einem Dutzend Autoren montierte Geschichte der “wirklichen” Ereignisse – und ein Buch, das sie daraus gemacht hatten -, die ich im Oktober 2002 mit dem “Spiegel”-Redakteur Ulrich Fichtner im WDR-Radio diskutiert hatte. Nachdem Fichtner mein aus der WTC-Conspiracy-Serie auf Telepolis hervorgegangenes Buch (“Verschwörungen, Verschwörungstheorien und die Geheimnisse des 11.9.”, Verlag Zweitausendeins) im “Spiegel” als “Septemberlüge” von links mit der “Auschwitzlüge” von rechts verglichen hatte, lud uns Walter van Rossum zur Diskussion ins WDR-Funkhaus ein.

Als ich jetzt die selbstkritische Darstellung der Fälschungsserie im “Spiegel” las – verfasst von dem mittlerweile zum Vize-Chefredakteur aufgestiegenen Ulrich Fichtner erinnerte ich mich an diese Debatte. Und fand die Lektüre des Transskripts der Sendung überaus aufschlussreich.

Nicht nur medienhistorisch – der penetrante Generalverdacht von “Quellen aus dem Internet” -, sondern auch aktuell, denn es ist genau dieser Fake-Reportage-Stil, der Fichtner hier in Sachen 9/11 vorgehalten wird: die Real-Life-Suggestion, das so Tun als würde man “Terroristen” bei der Vorbereitung des Anschlags über die Schulter schauen, die ganze szenische Dramaturgie mit atmosphärischen Einsprengseln und der “Wir waren dabei und kennen die Wahrheit”-Gestus, der sich dann auch nicht scheut, diese Prosa-Melange unter dem Titel “9/11- Was wirklich geschah” als Dokument, als Nachricht, als Journalismus zu verkaufen.

Was dem kreativen Autor Roletius jetzt vorgeworfen wird, ist letztlich genau das, was seine Vorgesetzten und Ziehväter Ulrich Fichtner et. al. nach dem 11.9. September getrieben haben – mit dem einzigen Unterschied, dass sie sich Osama und die 19 Hijacker als Alleintäter nicht selbst ausgedacht, sondern vom Weißen Haus unhinterfragt übernommen und eine geile Story daraus gestrickt haben. Dass die wahren Fakten völlig unklar waren und entscheidende Fragen offen, war zweitrangig – das Narrativ stimmte und der Schwurbel kam auf die Titelseite.

Das Problem ist jetzt also gar nicht, dass ein aufgeweckter Newcomer dieses Prinzip durchschaut und sich trickreich zu Nutze gemacht hat, sondern dass man beim “Spiegel” anscheinend noch gar nicht gecheckt hat, wo das Problem eigentlich liegt. Nämlich in der Verabschiedung von der Übermittlung und Einordnung von Fakten, vom “Sagen, was ist” eines Nachrichtenmagazins – bei gleichzeitiger Hinwendung zu pseudojournalistischem Agendasetting und “Ausmalen, wie sich’s anfühlt”.

So sehr man sich beim “Spiegel” nun auch grämt – “Dieses Haus ist erschüttert. Uns ist das Schlimmste passiert, was einer Redaktion passieren kann. (…) Das beschämt uns. (…) Die meisten Kollegen reagieren erschüttert. Bei einigen fließen Tränen….” tropft es aus der jüngsten Ausgabe – helfen kann nur noch ein radikales Revirement im Sinne von Rudolf.


Hitlertagebuchgate beim “Spiegel”

Als ich 2004 einmal in einer Fernsehsendung mit zwei “Spiegel”-Redakteuren über 9/11 diskutiert hatte und wir danach bei einem Kaffee noch plauderten, meinten sie, dass sie einiges in meinen Büchern ja auch richtig gut fänden – zuvor in der Sendung hatten sie mir “Verschwörungstheorien” und “schlechte Recherche” vorgeworfen – nur dass ich ihre Zeitschrift immer als “ehemaliges Nachrichtenmagazin” bezeichne, das würde ihnen überhaupt nicht gefallen. Diese Bezeichnung war mir einmal bei einem Vortrag rausgerutscht, als ich eine Spiegel-Story mit dem Titel  “9/11 – Was wirklich geschah” kommentierte,  und wie das so ist – wenn das Publikum lacht, nehmen wir den Gag ins Repertoire –  zog diese Präzisierung der hochkarätigen Marke “Nachrichtenmagazin” dann als geflügtes Wort seine Kreise. Zu erfahren, dass sich die “Spiegel”-Leute darüber ärgerten, war natürlich erfreulich.

Es war  unter anderem auch diese Story – eine im Reportagestil von einem Dutzend Reportern montierte Geschichte der “wirklichen” Ereignisse –  und ein Buch, das sie daraus gemacht hatten, was ich 2002 mit dem “Spiegel”-Redakteur Ulrich Fichtner beim “Funkhausgespräch” im WDR-Radio diskutierte.Und weil das Internet (und meine Festplatte) nichts vergisst, habe ich das Transskript der Sendung gerade noch einmal hochgeladen:

Bröckers: Nein, Sie machen es sich zu einfach, weil Sie behaupten dauernd, der SPIEGEL recherchiert ordentlich und versucht, so wahrheitsgemäß wie möglich usw….
Fichtner: Der SPIEGEL tut sein Bestes, das ist das Problem. Der SPIEGEL tut sein Bestes und ich gebe ja zu, dass er keineswegs perfekt ist. Ich gebe zu, dass der SPIEGEL nicht in der Lage war, diese Vorgänge …
Bröckers: Sie haben völlig versagt. Seit dem 11. September findet kein investigativer Journalismus statt bei Ihnen. (Beifall)

Soweit ein kleiner Auszug aus dem langen Gespräch, das Walter van Rossum moderierte – und das mir heute morgen einfiel, als ich den Artikel von Ulrich Fichtner über die Fake-Reportagen des “Spiegel”-Reporters Claas Relotius las:  eine Selbstbezichtigung in eben diesem bescheuerten Reportagestil, mit dem der phantasiereiche Relotius die Redaktionen geleimt hatte. Bißchen sachlich, bißchen menschlich, mit “authentischen” Protagonisten, atmosphärischem Hintergrund, Zitaten, die als Teaser taugen und – ganz wichtig – mit Storys, die zum allgemeinen Spin passen. Das große Entsetzen, wie so etwas  die hochmögende Dokumentationsabteilung des “Spiegel” überwinden konnte, kann ich zwar nachvollziehen aber auch nicht  weiter ernst zu nehmen. Und ginge es wirklich darum, mit Pseudo-Journalismus und Fake-Reportagen aufzuräumen und Transparenz herzustellen, hätte ich für Ulrich Fichtner, mittlerweile Vize-Chefredakteur beim “Spiegel”, einen ziemlich heißen Tip, wie man die Leser nicht länger hinter die Fichte führt und aus dem “ehemaligen” wieder ein brauchbares Nachrichtenmagazin machen kann: fangt einfach bei  9/11 an!

Auch auf Rubikon erschienen.

Update: Ein schönes Beispiel für die Machart der Spiegel-Fakes: zwei Bewohner von Fergus Falls, einer Kleinstadt in Minnesota, deren Bürger “Sonntags für Trump beten”, zerpflücken den “Report” des preisgekrönten Journalisten Relotius.

Wird 9/11 endlich ermittelt?

Man mag es ja kaum glauben, doch nach mehr als 17 Jahren könnte  es jetzt eine ordentliche gerichtliche Untersuchung der Anschläge vom 11.September 2001 geben. Die Staatsanwaltschaft des “Southern Distric New York” hat eine Petition des “Lawyers Comittee for 9/11 Inquiry” angenommen. In dem 52-seitigem Antrag sind 57 Beweise angeführt, die nach dem Gesetz nun einer “Grand Jury” vorgelegt werden müssen, die darüber entscheidet, ob staatsanwaltliche Ermittlungen aufgenommen werden müssen. Die Petition und die Beweise beziehen sich nur auf den Einsturz der drei WTC-Türme und die Indizien, die auf eine kontrollierte Sprengung der Gebäude deuten. Viele davon – Gutachten, Zeugenaussagen, seismische Messungen – wurden in den vergangenen Jahren von Richard Gage und seiner Vereinigung von  über 3000 Architekten und Ingenieuren zusammengetragen. Im Vorstand des Kommitees, das die Petition eingebracht hat, ist Barbara Honegger – politische Analystin im Weissen Haus unter Ronald Reagan, später Whistleblowerin in Iran-Contra-Skandal (“October Surprise”) und eine 9/11-Truth-Aktivistin der ersten Stunde. Sie ist überzeugt, dass eine Jury, der diese Beweise vorgelegt werden, nicht anders kann, als staatsanwaltliche Ermittlungen anzuordnen. Noch aber sind die nächsten Schritte unklar, genauso wie die Frage, wie weit die Ermittlungen der Grand Jury und der Staatsanwaltschaft gehen, wenn klar wird, dass die eigene Regierung in das Verbrechen involviert ist. Unter einem Interview mit Gage und Honegger kommentierte ein User: “Arrest Larry Silverstein, Dick Cheney and Donald Rumsfeld for starters. Why these bastards haven’t been lynched has puzzled me for years” – würde die Gelbwesten-Revolte über den großen Teich expandieren und Robbespierre-artige Züge annehmen, könnte das ja möglicherweise so laufen. So aber wären wir schon mit einem halbwegs ordentlichen Gerichtsverfahren schon derart zufrieden, dass ich kaum dran glauben kann….

Bahnsteigkarten statt Gelbwesten?

Mein Fiat “Punto” kam unlängst ohne Beanstandungen durch den TÜV, nur eine fehlende Gelbweste wurde angemahnt. Die muss ich dringend besorgen – für das Auto, aber auch weil ich das Manifest der Gelbwesten gelesen habe. Anders als in den Medien kolportiert gehen die Forderungen der Bewegung weit über einen Stopp der Benzinpreiserhöhungen hinaus – der sechsmonatige Aufschub, den die Regierung jetzt verkündet hat, wird  die Proteste deshalb auch nicht stoppen.

“Abgeordnete Frankreichs, wir übermitteln Ihnen die Direktiven des Volkes, damit Sie diese in Gesetze umsetzen. Abgeordnete, verschaffen Sie unserer Stimme Gehör in der Nationalversammlung!” heißt es in dem von den Protestierenden an Parlament und Presse übermittelten Kommuniqué – und wie die Bewegung selbst sind auch ihre Forderungen nicht von Parteien oder NGOs gesteuert , sie kommen nicht von “links” oder “rechts”, sie kommen von unten. Und sind gerichtet gegen eine Regierung und ein Wirtschaftssystem, in dem  20% der Bevölkerung unter der Armutsgrenze leben und sich nicht einmal mehr ihre Lebensmittel leisten können.

Der als strahlender Hoffnungsträger gehypte Emmanuel Macron steht nach 18 Monaten Amtszeit so schlecht da wie kein französischer Präsident vor ihm und sein desolater Umgang mit den Protesten wird die Zustimmung weiter sinken lassen. Dass er sich hinsetzt und beginnt, die Direktiven der “Gelbwesten” abzuarbeiten ist bei einem Muster-Zögling der Finanzelite und des Rothschild-Konzerns schwer vorstellbar, denn es widerspricht den Direktiven derer, die ihn als Präsident aufgebaut haben. Weiter Aussitzen und Ignorieren kann Macron die Proteste aber auch nicht – mit der Ankündigung die von ihm abgeschaffte Vermögenssteuer  möglicherweise wieder einzuführen, deuteten sich heute schon weitere Zugeständnisse an. Die “Gelbwesten” zeigen also Wirkung, auch wenn sie in den Medien hierzulande nur als randalierende Gewalttäter gezeigt und ihre konkreten Forderungen kaum erwähnt werden. Sie sind in weiten Teilen 1:1 übertragbar und würden auch in Deutschland eine Mehrheit finden – da aber die Deutschen bevor sie revolutionäre Forderungen stellen bekanntlich immer eine Bahnsteigkarte lösen, ist damit nicht zu rechnen.

Schon warnen Linke und Transatl-Antifa vor brauner Unterwanderung der gelben Westen und dass man sich nicht mit ihnen soldiarisieren sollte – wär ja auch noch schöner, Demonstrieren ohne Bahnsteigkarte und Segen aus Brainwashington. Da war der Franzmann dem Teutonen ja schon immer voraus: wenn er die Faxen dicke hat,  haut er auf den Putz und geht auf die Barrikaden – und überwindet, wie man an den Forderungen des Kommuniqués sehen kann, die Gegensätze zwischen Parteien, Ideologien und Lagern. Wohin der Aufstand führt, ist noch nicht abzusehen; dass er von oben kleingemacht, diffamiert, gespalten werden soll,  ist erwartbar; dass er dennoch weiter geht, bis seine Forderungen abgearbeitet und auf den Weg gebracht sind, kann man nur wünschen.

Warum wir Frieden und Freundschaft mit Russland brauchen

Die Straße von Kerch ist seit der Antike der Seeweg der russischen Flüsse Don und Wolga, die das Schwarze Meer mit dem Baltikum verbinden. Seit der Abspaltung der Halbinsel Krim  2014 hat die etwa 5 Kilometer breite Wasserstraße auf beiden Seiten russische Küsten. Zur Klarstellung  der völkerechtlichen Debatte –  Annexion oder Sezession? –  hat Wolfgang Bittner gerade noch einmal eine kompetente Zusammenfassung geliefert. Da ich in dieser juristischen und politischen dieser Frage stark dazu neige, dass keine gewalttätige “Annexion” Russlands, sondern ein freiwilliger Übertritt der Krim-Bevölkerung stattgefunden hat,   kann ich in dem aktuellen Kerch-Zwischenfall auch keine “russische Aggression” erkennen, sondern die legitime Antwort auf eine unkrainische Provokation.
Dass das  von Präsident Poroschenko geforderte Kriegsrecht von seinem Parlament vorerst auf 30 Tage beschränkt wurde, wird derweil als immerhin sichtbare demokratische Errungenschaft des failed state Ukraine gefeiert. Die Wahlen in vier Monaten sind damit vorerst nicht verschoben und die stillose Tarnkleidung, in die sich der übergewichtige Oligarch bei Fototerminen zwängt, wird sein Umfragetief (7,8%) nicht nachhaltig liften. Und auch die Nato nicht zum “Eingreifen” bringen.  Seit dem Fake-Mord an einem Kreml-Kritiker, den Poroschenkos Geheimdienst im Frühjahr inszenierte, kann den Alarmismus seines Regimes ohnehin kaum jemand mehr wirklich ernst nehmen.

Frieden wird es in der Ukraine nur geben, wenn der status quo der Krim als Teil der russischen Föderation zumindest provisorisch anerkannt wird (wie einst  die DDR von der BRD) und den abtrünnigen Ost-Provinzen der Ukraine ein ebenso provisorischer Autonomie-Status zugesprochen wird. Dies bedeutet freilich, den von USA/Nato/EU betriebenen “regime change” und den geostrategischen Plan der Übernahme des russischen Stützpunkts Sebastopol und damit der Kontrolle über das Schwarze Meer als gescheitert zu akzeptieren. Ebenso wie  den Versuch, durch eine Assoziation mit der EU den zollfreien Handel und Wandel der Ukraine mit Russland abzuschneiden. Wer aus dem Bürgerkrieg in der Ukraine keinen globalen Konflikt machen will, muss meiner bescheidenen Meinung nach an  solchen Lösungen arbeiten, d.h. die Ukraine nicht als nationalistisch-faschistoide Bastion gegen ein “Reich des Bösen” im Osten aufbauen, sondern als prosperienden Brückenstaat zwischen Russland und der EU. 

Erfolgreiche Friedenspolitik, so haben wir von Willy Brandt und Egon Bahr gelernt, ist “Wandel durch Annäherung” – und darum geht es in dem Buch, das die Ehefrau des “Architekten der Ostpolitik”, Adelheid Bahr, im Oktober im Westendverlag herausgebracht hat. Dazu findet heute abend in Frankfurt ein Gespräch mit der Russland-Expertin Gabriele Krone-Schmalz und Willy Brandts ehemaligem Pressechef Albrecht Müller statt:  Warum wir Frieden und Freundschaft mit Russland brauchen

Wir sind (immer!) die Guten.

Unser Buch “Wir sind die Guten – Ansichten eines Putinverstehers oder: Wie uns die Medien manipulieren” war eines der meistgelesenen Bücher im Herbst 2014 und wochenlang in den Bestsellerlisten. Bis heute ist das Interesse an diesem Werk nicht abgerissen, was bei der üblichen Kurzlebigkeit aktueller politischer Sachbücher recht ungewöhnlich ist. Ein Grund dafür ist sicher, dass sich an der Einseitigkeit, mit der über den Ukraine-Konflikt und Russland berichtet wird, nicht nur wenig geändert hat, sondern weitere eklatante Beispiele für das unqualifizierte Russland-Bashing hinzugekommen sind, gegen das wir uns ironisch und provokativ als “Putinversteher” geoutet hatten. Auch bei dem Novichok-Skripal-Fake in England und dem “Russiagate”-Pipifax in den USA lieferten die Medien wieder den bekannten Schwarz/Weiß-Film, mit Putin als dem Ultrabösen.

Diese Rolle soll dem russischen Präsidenten jetzt auch bei dem jüngsten Zwischenfall in der Meeresenge von Kertsch zufallen, bei dem Russland drei ukrainische Militärschiffe festsetzte und die Besatzung verhaftete. Seit Russland in Rekordzeit zwischen der Krim und dem russischen Festland eine Brücke über diese Wasserstraße erstellt hat sind Durchfahrten nur noch mit Anmeldung möglich. Daran hatten sich auch  ukrainische Schiffe, die den Hafen Mariupol anlaufen wollten, bisher gehalten und konnten problemlos passieren. Jetzt aber wollte die Regierung in Kiew ein wenig provozieren und lies drei Militärschiffe unangemeldet aufkreuzen, um den russischen Bären zum Einschreiten zu zwingen und den Ultrabösen als skrupellosen Aggressor wieder ins Gespräch zu bringen. Das hat der amtierende Oligarch Poroschenko vier Monate vor den Wahlen in der Ukriane dringend nötig, in den Umfragen liegt er derzeit bei nur 7,8% Zustimmung. Vorsorglich hat er wegen des Zwischenfalls jetzt das Kriegsrecht ausgerufen, was die Möglichkeit gibt, die Wahlen zu verschieben.

Dass das Regime in Kiew die EU, die Nato und deutsche Kriegsschiffe zum Eingreifen auffordert, wird im Westen  auf taube Ohren stossen, dafür ist das Täuschungsmanöver einfach zu plump. Da in Porschenkos TV-Kanal sogar schon Pläne diskutiert wurden, die Kertsch-Brücke in die Luft zu sprengen, ist vollkomen klar, dass die russische Küstenwache mit Argusaugen darauf achtet, welche Schiffe die Brücke passieren dürfen. Zwar hat der PR-Stunt, perfekt getimed vor dem G20 Gipfel, dem Ultrabösen wieder einmal ein paar Negativschlagzeilen beschert, viel mehr wird für Poroschenko aus dem Zwischenfall nicht zu holen sein.

Auf dem Weg in die Kleptokratie

Dass wir in einer Plutokratie leben, die hinter einer demokratischen Fassade von wenigen Ultra-Reichen regiert wird, ist zwar keine neue Erkenntnis, wird aber dieser Tage mal wieder sehr deutlich. Die Aufdeckung des “Cum-Ex”-Betrugs, bei dem den Steuerzahlern über 30 Milliarden Euro gestohlen wurden, spielt allenfalls in Kurzmeldungen ein Rolle, wenn aber der Kandidat für den CDU-Vorsitz, F.Merz, den Furz lässt, dass das Asylrecht geändert werden müsste, ist das ein Thema für alle Titelseiten und Talkshows.

Der von den Großmedien eher achselzuckend durchgewunkene “Cum -Ex”-Betrug zeigt, wie unser plutokratisches System  mittlerweile dabei ist, seiner Degenerationsform – der Kleptokratie -zuzustreben. Die Ultra-Reichen regieren nicht nur nach ihrem Gusto, sondern stehlen und betrügen auch immer ungenierter. Und es scheint, dass mit dem Banken-Bailout in  der Finanzkrise 2008 nun alle Hemmschwellen gerisssen sind, wer “to big to fail” ist eben eben auch”to big to jail”…

“Auf dem Weg in Kleptokratie” hatte Paul Schreyer unlängst eine Rezension des Bestsellers von “Mr. Dax” Dirk Müller (“Machtbeben”) überschrieben. Müller ist ein unabhängiger Kopf, der über seine Website ein großes Publikum erreicht und politisch gern Klartext redet.  So auch über die Tatsache, dass wir von zunehmend kleptokratischen Plutokraten regiert werden. Das hört man in diesen Kreisen natürlich nicht gern, schon bei den alten Griechen versuchten die Ultra-Reichen, wenn sie die Demokratie mal wieder beseitigt hatten, pro forma gewisse Elemente beizubehalten, weil sie nicht als nackte, nur an privatem Profit interessierte Tyrannen dastehen wollten. Sie finanzierten sogar Theaterstücke, in denen sie als Geldgeier und Ausbeuter verspottet wurden, Kommödiendichter die dabei zu weit gingen wurden allerdings dann schnell in die Verbannung expediert. Klartext war schon damals unerwünscht, zumal wenn er viele Menschen erreichte. Und dass er es noch heute ist, zeigt aktuell ein erbärmlicher Rufmordversuch der “Süddeutschen Zeitung”, die einen 28-jährigen Jung-Schurnalisten schickte, Dirk Müller in die Pfanne zu hauen. Der Versuch ging zwar nach hinten los, aber wie das so ist: man muss einfach nur viel Dreck werfen, irgendwas bleibt schon hängen.

( Wer sich wundert, dass eine doch eigentlich ehrenwerte und liberale Zeitung wie die SZ derart unterirdisch operiert – mich wundert es nicht. Als im Frühjahr 2002 mein erstes Buch über die 9/11-Anschläge erschien und davon in zwei Wochen schon über 20.000 Exemplare verkauft waren, wollte der Verlag Zweitausendeins in einigen großen Tages,-und Wochenzeitungen ganzseitige Anzeigen schalten.  In diesen hatten wir die lange Reihe von offenen Fragen und Ungereimtheiten der offziellen Ermittlungen aufgelistet, die im Buch dokumentiert sind. Weil  ganzseitige Anzeigen ziemlich viel Geld kosten, druckten die Zeitungen (FAZ,taz, Zeit, Frankfurter Rundschau) sie dankbar ab. Nur die “Süddeutsche” wollte nicht, beziehungsweise nur, wenn sie von Anwaltskosten bei einer möglichen Klage freigestellt wird. Das hätten wir zwar ohne jedes Kostenrisiko unterschreiben können, weil in der Anzeige nur Fragen gestellt und Fakten zitiert wurden, verzichteten dann aber. Einer Zeitung, die derart ängstlich vor den Plutokraten kriecht, muss man ja nun auch wirklich kein Anzeigengeld zukommen lassen…)


Die dunkle Seite von Amazon

Auf die kleine Amazon-Polemik meines Bruders Johannes Bröckers hatte ich hier schon kurz hingewiesen, die Frankfurter Rundschau hat jetzt ein ausführliches Gespräch mit ihm geführt.

Sie haben sich für Ihr Buch „Schnauze, Alexa“ intensiv mit Amazon und dessen Gründer Jeff Bezos befasst. Sie legen dar, wie Bezos seinen Laden zum Marktführer gemacht hat, wie Zehntausende kleiner Händler ruiniert oder geschluckt werden, wie Amazon Gewinne kleinrechnet, bis das Unternehmen in Europa eine Steuerrückzahlung von 15 Millionen Euro bekommt. Angesichts der Wucht, mit der Amazon den Onlinehandel umgekrempelt hat, können ein paar Konsumverweigerer ja wohl nicht viel ausrichten… 
Amazon ist ja nicht der einzige smarte Laden im Internet. Aber Amazon ist ein gutes Beispiel, weil Jeff Bezos so marktradikal vorgeht. Da kann man alles ablesen, was ein Unternehmen an Schaden anrichten kann. Für diesen vermeintlichen Komfort, der uns da verkauft wird, bezahlen wir nicht nur mit unseren Daten, sondern mit unseren individuellen Persönlichkeitsrechten. Und wenn ich das ein bisschen weiter nach vorne spiele, dann wird mir Angst und Bange,.. 

Warum das?
Am Beispiel China kann man schon ablesen, was da kommen könnte. Der chinesische Staat will ja sein Bürgerbewertungssystem Citizen Scoring einführen. Und für die Verarbeitung der Daten nutzt er dann Alibaba, das chinesische Pendant zu Amazon. Problematisch ist dabei nicht nur, dass die Bürger mit einem Bonussystem klassifiziert werden, etwa 500 Millionen Chinesen machen ja sowieso schon mit bei Alipay und was Alibaba noch so an Dienstleistungen bietet. Bedrückend ist, dass Finanzgeschäft, Konsumwelt und Staat quasi schon ein Konstrukt sind. Wenn du kein Geld hast oder der Staat findet, du darfst aus bestimmten Gründen nicht mehr mitmachen, dann heißt es: Ein Klick und du bist draußen. Eine grauenhafte Vorstellung.

Das komplette Interview hier

“Schnauze Alexa!” ist im Westendverlag erschienen, 96 Seiten, 7,50 Euro