Neujahrswünsche

Zum Neuen Jahr wünsche ich dir alles was Du dir auch wünschst” – der freundliche Gruss brachte mich gestern ein wenig ins Grübeln. Was wünsche ich mir eigentlich  – außer Gesundheit und Frieden auf Erden sowie natürlich Freude und Eierkuchen ? Also bisschen konkreter: Erstens, Zweitens, Drittens. Da fällt mir wieder der Witz ein, über den wir als testosterongesteuerte Teenies kicherten, von der Fee, die einem drei Wünsche freigibt aber so wunderschön ist, dass dem Mann einfach nichts einfällt, außer: “Ich hab nur einen Wunsch, aber den drei Mal.”  So einfach ist das 50 Jahre später nicht mehr, wenn man solche Wünsche vielleicht alle drei Wochen mal hat. OK, was dann, fragte die Fee – ein Haufen Geld ? Nö, bisschen mehr wär zwar schön, aber wenn schon Geld, dann alles, was an Gold, Geld und Zahlungsmitteln auf der Welt vorhanden ist. Wenn solche Maximalforderungen möglich sind, dann zweitens bitte eine Umverteilung von oben nach unten: die 9 Personen, denen die Häfte allen Geldes gehört dürfen nur 1 Million und ihr Haus behalten, so wird auch mit allen anderen Superreichen verfahren. Drittens will ich dann für eine Weile als Diktator eingesetzt werden um Gesetze zu erlassen, die das Verhältnis von Pflanzen, Tieren und Menschen auf diesem Planeten neu regeln und verhindern, dass der numehr auf Milliarden Schultern verteilte Reichtum destruktiv  verballert wird.

Die Fee hebt bedauernd die Schultern: “Diktator geht leider nicht mehr, da hatten wir in der Vergangeheit schon zu viele, die dachten sie hätten es drauf, die Menschheit zu retten…” OK, dann stattdessen “guter König”, aber die Fee schüttelt den Kopf. Gut, dann muss es erst Mal bei den beiden ersten Wünschen bleiben, gegen die meine schöne Zauberin offenbar nichts einzuwenden ist. Etwas Ähnliches gab es ja auch früher schon, wenn alle 49 Jahre ein Jubeljahr ausgerufen und alle Schulden gestrichen wurden, jetzt gibt es wie bei einer neuen Runde Monopoly auch noch frisches Kapital dazu. Die Milliarden ehemaliger Schuldsklaven wären frei, könnten über “Los” gehen und wieder mitspielen. Da muss man doch verhindern, dass sie über den Tisch gezogen werden, wie einst die Ossis, die sich mit ein bißchen Begrüßungsgeld abspeisen ließen statt vor dem Beitritt zum Westen ihr Volkseigentum erst Mal unter sich aufzuteilen. Und man muss verhindern, dass sie fortfahren, die Erde in eine giftige Müllhalde zu verwandeln – weil sie nichts anderes gelernt und keinen Respekt vor Pflanzen und Tieren mehr haben. Und weil sie sich als domestizierte Primaten für was Besseres  halten und sich “Krone der Schöpfung” nennen, werden sie freiwillig auch nichts dazu lernen. “Also ohne eine harte Hand, ohne ein bisschen Öko-Diktatur, kommen wir nicht aus, oder hast du eine bessere Idee ?”

Ich bin nicht für Ideen und Vorschläge zuständig, sondern für die Erfüllung deiner Wünsche, mein Lieber”, sagt die Fee und legt ihre Hand auf meine. Hui….vielleicht war der alte Witz doch nicht so blöd, auf jeden Fall viel einfacher als die Weltrettung. Ich brauche Bedenkzeit. “Überleg es dir gut. Wir haben Zeit”, sagt sie und streichelt meine Hand. Wie soll man da einen klaren Gedanken fassen. Jetzt lächelt sie auch noch, ihre Augen strahlen und sie sieht aus wie Anita Ekberg in “Dolce Vita”. “Wenn du so weiter machst ist mir alles egal…”, sage ich und fühle mich warm und wohlig. Und diese Augen, dieses Gesicht, diese Haut und wie gut sie riecht….hach. Da rüttelt irgendwas, an meiner Schulter: “Hey Alter, willste hier Sylvester verpennen, es ist 12 Uhr.” Man hält mir ein Glas Sekt unter die Nase. “Alles Gute im Neuen Jahr!” Äääh…ja, alles Gute! Kann man ja gefahrlos allen und jedem wünschen.  Aber was sind meine Wünsche? Drei hatte ich doch eben noch frei und nichts auf die Reihe gebracht. “Wir haben Zeit”, hatte sie gesagt. Ich hoffe sie kommt im Neuen Jahr noch mal vorbei….

Trump loben verboten!

Matt Tabibi hat im “Rolling Stone” einen sehr lesenswerten Kommentar geschrieben, der das infantile Trump-Bashing der “liberalen” Medien, das nach der Entscheidung Truppen aus Syrien und Afghanistan abzuziehen einen neuen Höhepunkt erreicht hat, auf den Punkt bringt :

“Trump’s decisions on Syria and Afghanistan will lay bare the real distinctions in American politics. Political power in this country is not divided between right and left, and not even between rich and poor. The real line is between a war party, and everyone else.”

Was immer “The Donald” während seiner Amtszeit oder in seinem Wahlkampf getrieben hat, welche falschen Gesetze und Entscheidungen er zu verantworten hat, und welche peinlichen Ausraster und Stillosigkeiten – nichts geht so ans Eingemachte wie “Truppenabzug”. Auch wenn es nur ein paar Tausend Soldaten sind, auch wenn das Ganze am Ende nur der weiteren Privatisierung des Kriegs dienen könnte, auch wenn es sich nur um einen symbolischen Akt zu Weihnachten handelt – statt Frieden auf Erden fordert das Establishment von (links-)liberal bis (neo-)konservativ mehr Krieg. Weil man die “Taliban” nicht gewinnen lassen und die “Kurden” nicht im Stich lassen und  den “Russen”  nicht in die Karten spielen und “Iran” nicht unterstützen darf, den “IS” besiegen muss usw. usf…..weil man also den desaströsen ungewinnbaren “Great War on Terror” der letzten 15 Jahre einfach weiter führen soll, ohne Plan, ohne Ziel – Hauptsache: permanenter Krieg.

Trump hat die Budgets des Pentagon, das schwarze Loch des militärisch-industriellen Komplexes,  genauso schwindelerregend gefüttert wie seine Vorgänger, er hat zwar noch keinen neuen Krieg begonnen aber auch keinen der von Bush und Obama übernommenen  beendet. Er sieht jetzt nur was sie kosten und was sie einbringen und versucht, die (blut-)roten Bilanzen ein wenig zu verbessern. Und damit auch ein Wahlkampfversprechen zu erfüllen, nicht mehr überall “Weltpolizist” spielen zu wollen – was ja ca. 99% der Weltbevölkerung begrüßen würde – zumal wenn die Beschützten zu wenig Schutzgeld in die Kassen der Nato einzahlen.  Dass Trump diesen Club nicht weiter fördern will, wird ihm von der Kriegspartei zwar als schweres außenpolitischen Versagen ausgelegt, tatsächlich aber kann man der Einschätzung Tabibis nur zustimmen:

“NATO? That’s an organization whose mission stopped making sense the moment the Soviet Union collapsed…..NATO persisted mainly as a PR mechanism for a) justifying continued obscene defense spending levels and b) giving a patina of internationalism to America’s essentially unilateral military adventures.”

That’s it – und es wird höchste Zeit, den Sinn und die Mission der Nato auch hierzulande ernsthaft auf den Prüfstand zu stellen. Und nicht sturheil an weiterer Aufrüstung festzuhalten, sondern an Abrüstungs,-Friedens,-und Handelsverträgen auf der Achse Paris-Berlin-Moskau-Peking zu arbeiten. Also an einer Politik in echtem europäischen Interesse und in der Perspektive einer künftig  ohnehin unausweichlichen multipolaren Welt mit Machtzentren in Asien, Amerika und Europa. Doch in Deutschland ist die Kriegspartei mindestens so groß wie in den USA, für das gesamte Parlament – abgesehen von einem kleinen Teil der Linken – ist die Nato so heilig wie für die Hindus die Kuh. Dass auch kaputte Uhren zwei Mal am Tag richtig gehen müsste man eigentlich auch einem unfähigen Präsidenten zugestehen, aber das lustvolle Abwatschen Trumps ist zu einem Ritual geworden, bei dem er entweder ein debiler Volltrottel oder ein diabolisches Schreckgepenst (oder beides) ist – aber niemals vernünftige Entscheidungen treffen kann. Trump loben bleibt verboten!

Frohes Fest!

Dieser Tage habe ich mich mal durch einige Musik geklickt, die von diversen “Experten” zum Song oder zur Band des Jahres gekürt wurden, aber konnte da nichts entdecken, was mich zum Weiterhören animiert hätte.  Hat vielleicht mit dem Alter zu tun, in jungen Jahren passierte  es ja dauernd, dass man eine unbekannte Musik , eine neue Band hörte und gleich drauf abfuhr, aber mittlerweile kommt so was, wenn überhaupt, nur noch alle paar Jahre mal vor.  Macht aber nichts, es gibt so viele gute alte Songs ohne jedes Verfallsdatum :

Besuch bei einer Landkommune Mitte der 70er, über dem Herd ein großer Stengel mit Hanfblüten: “Nimm nicht zu viel, ist starkes Zeug”. Ach, dachte ich,  was diese Landeier “stark” nennen und bröselte mir eine dicke Tüte. Nach ein paar Zügen legte ich mich auf’s Sofa, nahezu bewegungsunfähig…. aber dann lief dieses Stück und ich flog ab.

Verliebte haben oft “unser Lied”, bei mir war das vor 20 Jahren einmal “Nwahulwana” von Wazimbo – auch ohne Verliebtsein immer noch wunderbar…

Du immer mit deinem J.J.Cale, sagen mir Freunde oft. “Der macht doch immer nur dasselbe” – “Ja, aber immer wieder anders.” Deshalb höre ich ihn seit 1972 immer wieder, denn keiner hat diesen Groove… Und keine von den vielen Cover-Versionen seiner Songs kam je an das Original heran. Eine Ausnahme war in meinen Ohren nur Captain Beefheart mit JJ’s “Same Old Blues”

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Wenn das Narrativ stimmt, sind Fakten zweitrangig

Schon vor 16 Jahren gab es im “Spiegel” große Fake-Reportagen über das “Was 9//11 wirklich geschah” – Ein Kommentar, erschienen auf telepolis :

Der Skandal um die Fake-Reportagen im “Spiegel” kommt dem unterirdischen “Bild”-Lyriker Wagner vor, “als würde es von unten nach oben regnen. Nein schlimmer. Es ist, als hätten Paparazzi den Papst im Bordell erwischt.” Und er fügt hinzu: “Ich kannte Rudolf Augstein. Er hätte den Laden dicht gemacht.”

Ich kannte ihn zwar nicht, aber einige seiner leitenden Redakteure – und die wären, soviel ist sicher, als Verantwortliche oder Beteiligte einer solche Fälschungsserie sofort und reihenweise gefeuert worden. Und es wäre ein Verdikt von Rudolf ergangen, dass diese magazinigen, gefühligen Reportagen mit Human-Touch-Getue und Real-Life-Suggestionen, all diese “große Reportage”-Prosa mit ihren szenischen Textbausteinen aus dem Creative-Writing-Workshop, in einem “Nachrichtenmagazin” absolut nichts zu suchen haben. Sie haben ihre Berechtigung auf den Vergnügungsdampfern der Unterhaltungsindustrie, aber nicht in einem dem Journalismus verpflichteten Presseorgan mit dem Motto: “Sagen, was ist.”

Dass Spiegel-Artikel zu Augsteins Zeiten nur in Ausnahmefällen namentlich gekennzeichnet waren, hatte ja durchaus sein Gutes: Verhinderte Schriftsteller und Prosaisten konnten sich nicht spreizen, die berichteten Tatsachen, die Nachricht, stand im Vordergrund. Und die Qualität der Beiträge wurde nicht in Journalistenpreisen gemessen, sondern an dem, was sie politisch, juristisch oder sonst wie ins Rollen brachten.

Diese Zeiten sind lange vorbei und am wenigsten kann man das dem jetzt geächteten Jungstar am Reporterhimmel Claas Relotius vorwerfen, denn der phantasiebegabte Autor hat einfach nur geliefert, was seine Oberen verlangten und in ihren Spin passte. Keine Nachrichten, sondern Stimmungsbilder – und wenn die Stimmung stimmt, kommt es auf Fakten nicht mehr wirklich an. Wenn dann das, “was ist”, zum Beispiel die stinknormalen Trump-Wähler einer Kleinstadt in Minnesota, den gewünschten Spin nicht hergibt, dann erfindet der kreative Schreiber eben ein finsteres Nest waffentragender Dumpfbacken. Und wenn das Narrativ stimmt, sind die Fakten zweitrangig und der Schwurbel kommt prominent ins Blatt.

Als ich 2004 einmal in einer Fernsehsendung mit zwei “Spiegel”-Redakteuren über 9/11 diskutiert hatte und wir danach bei einem Kaffee noch plauderten, meinten sie, dass sie einiges in meinen Büchern ja auch richtig gut fänden – zuvor in der Sendung hatten sie mir “Verschwörungstheorien” und “schlechte Recherche” vorgeworfen – nur dass ich ihre Zeitschrift immer als “ehemaliges Nachrichtenmagazin” bezeichne, das würde ihnen überhaupt nicht gefallen. Diese Bezeichnung war mir einmal bei einem Vortrag rausgerutscht, als ich eine Spiegel-Story mit dem Titel “9/11 – Was wirklich geschah” kommentierte, und wie das so ist – wenn das Publikum lacht, nehmen wir den Gag ins Repertoire – zog diese Präzisierung der hochkarätigen Marke “Nachrichtenmagazin” dann als geflügeltes Wort seine Kreise. Zu erfahren, dass sich die “Spiegel”-Leute darüber ärgerten, war natürlich erfreulich.

Es war diese “9/11 – Was wirklich geschah”-Story – eine im Reportagestil von einem Dutzend Autoren montierte Geschichte der “wirklichen” Ereignisse – und ein Buch, das sie daraus gemacht hatten -, die ich im Oktober 2002 mit dem “Spiegel”-Redakteur Ulrich Fichtner im WDR-Radio diskutiert hatte. Nachdem Fichtner mein aus der WTC-Conspiracy-Serie auf Telepolis hervorgegangenes Buch (“Verschwörungen, Verschwörungstheorien und die Geheimnisse des 11.9.”, Verlag Zweitausendeins) im “Spiegel” als “Septemberlüge” von links mit der “Auschwitzlüge” von rechts verglichen hatte, lud uns Walter van Rossum zur Diskussion ins WDR-Funkhaus ein.

Als ich jetzt die selbstkritische Darstellung der Fälschungsserie im “Spiegel” las – verfasst von dem mittlerweile zum Vize-Chefredakteur aufgestiegenen Ulrich Fichtner erinnerte ich mich an diese Debatte. Und fand die Lektüre des Transskripts der Sendung überaus aufschlussreich.

Nicht nur medienhistorisch – der penetrante Generalverdacht von “Quellen aus dem Internet” -, sondern auch aktuell, denn es ist genau dieser Fake-Reportage-Stil, der Fichtner hier in Sachen 9/11 vorgehalten wird: die Real-Life-Suggestion, das so Tun als würde man “Terroristen” bei der Vorbereitung des Anschlags über die Schulter schauen, die ganze szenische Dramaturgie mit atmosphärischen Einsprengseln und der “Wir waren dabei und kennen die Wahrheit”-Gestus, der sich dann auch nicht scheut, diese Prosa-Melange unter dem Titel “9/11- Was wirklich geschah” als Dokument, als Nachricht, als Journalismus zu verkaufen.

Was dem kreativen Autor Roletius jetzt vorgeworfen wird, ist letztlich genau das, was seine Vorgesetzten und Ziehväter Ulrich Fichtner et. al. nach dem 11.9. September getrieben haben – mit dem einzigen Unterschied, dass sie sich Osama und die 19 Hijacker als Alleintäter nicht selbst ausgedacht, sondern vom Weißen Haus unhinterfragt übernommen und eine geile Story daraus gestrickt haben. Dass die wahren Fakten völlig unklar waren und entscheidende Fragen offen, war zweitrangig – das Narrativ stimmte und der Schwurbel kam auf die Titelseite.

Das Problem ist jetzt also gar nicht, dass ein aufgeweckter Newcomer dieses Prinzip durchschaut und sich trickreich zu Nutze gemacht hat, sondern dass man beim “Spiegel” anscheinend noch gar nicht gecheckt hat, wo das Problem eigentlich liegt. Nämlich in der Verabschiedung von der Übermittlung und Einordnung von Fakten, vom “Sagen, was ist” eines Nachrichtenmagazins – bei gleichzeitiger Hinwendung zu pseudojournalistischem Agendasetting und “Ausmalen, wie sich’s anfühlt”.

So sehr man sich beim “Spiegel” nun auch grämt – “Dieses Haus ist erschüttert. Uns ist das Schlimmste passiert, was einer Redaktion passieren kann. (…) Das beschämt uns. (…) Die meisten Kollegen reagieren erschüttert. Bei einigen fließen Tränen….” tropft es aus der jüngsten Ausgabe – helfen kann nur noch ein radikales Revirement im Sinne von Rudolf.


Hitlertagebuchgate beim “Spiegel”

Als ich 2004 einmal in einer Fernsehsendung mit zwei “Spiegel”-Redakteuren über 9/11 diskutiert hatte und wir danach bei einem Kaffee noch plauderten, meinten sie, dass sie einiges in meinen Büchern ja auch richtig gut fänden – zuvor in der Sendung hatten sie mir “Verschwörungstheorien” und “schlechte Recherche” vorgeworfen – nur dass ich ihre Zeitschrift immer als “ehemaliges Nachrichtenmagazin” bezeichne, das würde ihnen überhaupt nicht gefallen. Diese Bezeichnung war mir einmal bei einem Vortrag rausgerutscht, als ich eine Spiegel-Story mit dem Titel  “9/11 – Was wirklich geschah” kommentierte,  und wie das so ist – wenn das Publikum lacht, nehmen wir den Gag ins Repertoire –  zog diese Präzisierung der hochkarätigen Marke “Nachrichtenmagazin” dann als geflügtes Wort seine Kreise. Zu erfahren, dass sich die “Spiegel”-Leute darüber ärgerten, war natürlich erfreulich.

Es war  unter anderem auch diese Story – eine im Reportagestil von einem Dutzend Reportern montierte Geschichte der “wirklichen” Ereignisse –  und ein Buch, das sie daraus gemacht hatten, was ich 2002 mit dem “Spiegel”-Redakteur Ulrich Fichtner beim “Funkhausgespräch” im WDR-Radio diskutierte.Und weil das Internet (und meine Festplatte) nichts vergisst, habe ich das Transskript der Sendung gerade noch einmal hochgeladen:

Bröckers: Nein, Sie machen es sich zu einfach, weil Sie behaupten dauernd, der SPIEGEL recherchiert ordentlich und versucht, so wahrheitsgemäß wie möglich usw….
Fichtner: Der SPIEGEL tut sein Bestes, das ist das Problem. Der SPIEGEL tut sein Bestes und ich gebe ja zu, dass er keineswegs perfekt ist. Ich gebe zu, dass der SPIEGEL nicht in der Lage war, diese Vorgänge …
Bröckers: Sie haben völlig versagt. Seit dem 11. September findet kein investigativer Journalismus statt bei Ihnen. (Beifall)

Soweit ein kleiner Auszug aus dem langen Gespräch, das Walter van Rossum moderierte – und das mir heute morgen einfiel, als ich den Artikel von Ulrich Fichtner über die Fake-Reportagen des “Spiegel”-Reporters Claas Relotius las:  eine Selbstbezichtigung in eben diesem bescheuerten Reportagestil, mit dem der phantasiereiche Relotius die Redaktionen geleimt hatte. Bißchen sachlich, bißchen menschlich, mit “authentischen” Protagonisten, atmosphärischem Hintergrund, Zitaten, die als Teaser taugen und – ganz wichtig – mit Storys, die zum allgemeinen Spin passen. Das große Entsetzen, wie so etwas  die hochmögende Dokumentationsabteilung des “Spiegel” überwinden konnte, kann ich zwar nachvollziehen aber auch nicht  weiter ernst zu nehmen. Und ginge es wirklich darum, mit Pseudo-Journalismus und Fake-Reportagen aufzuräumen und Transparenz herzustellen, hätte ich für Ulrich Fichtner, mittlerweile Vize-Chefredakteur beim “Spiegel”, einen ziemlich heißen Tip, wie man die Leser nicht länger hinter die Fichte führt und aus dem “ehemaligen” wieder ein brauchbares Nachrichtenmagazin machen kann: fangt einfach bei  9/11 an!

Auch auf Rubikon erschienen.

Update: Ein schönes Beispiel für die Machart der Spiegel-Fakes: zwei Bewohner von Fergus Falls, einer Kleinstadt in Minnesota, deren Bürger “Sonntags für Trump beten”, zerpflücken den “Report” des preisgekrönten Journalisten Relotius.

Wird 9/11 endlich ermittelt?

Man mag es ja kaum glauben, doch nach mehr als 17 Jahren könnte  es jetzt eine ordentliche gerichtliche Untersuchung der Anschläge vom 11.September 2001 geben. Die Staatsanwaltschaft des “Southern Distric New York” hat eine Petition des “Lawyers Comittee for 9/11 Inquiry” angenommen. In dem 52-seitigem Antrag sind 57 Beweise angeführt, die nach dem Gesetz nun einer “Grand Jury” vorgelegt werden müssen, die darüber entscheidet, ob staatsanwaltliche Ermittlungen aufgenommen werden müssen. Die Petition und die Beweise beziehen sich nur auf den Einsturz der drei WTC-Türme und die Indizien, die auf eine kontrollierte Sprengung der Gebäude deuten. Viele davon – Gutachten, Zeugenaussagen, seismische Messungen – wurden in den vergangenen Jahren von Richard Gage und seiner Vereinigung von  über 3000 Architekten und Ingenieuren zusammengetragen. Im Vorstand des Kommitees, das die Petition eingebracht hat, ist Barbara Honegger – politische Analystin im Weissen Haus unter Ronald Reagan, später Whistleblowerin in Iran-Contra-Skandal (“October Surprise”) und eine 9/11-Truth-Aktivistin der ersten Stunde. Sie ist überzeugt, dass eine Jury, der diese Beweise vorgelegt werden, nicht anders kann, als staatsanwaltliche Ermittlungen anzuordnen. Noch aber sind die nächsten Schritte unklar, genauso wie die Frage, wie weit die Ermittlungen der Grand Jury und der Staatsanwaltschaft gehen, wenn klar wird, dass die eigene Regierung in das Verbrechen involviert ist. Unter einem Interview mit Gage und Honegger kommentierte ein User: “Arrest Larry Silverstein, Dick Cheney and Donald Rumsfeld for starters. Why these bastards haven’t been lynched has puzzled me for years” – würde die Gelbwesten-Revolte über den großen Teich expandieren und Robbespierre-artige Züge annehmen, könnte das ja möglicherweise so laufen. So aber wären wir schon mit einem halbwegs ordentlichen Gerichtsverfahren schon derart zufrieden, dass ich kaum dran glauben kann….

Bahnsteigkarten statt Gelbwesten?

Mein Fiat “Punto” kam unlängst ohne Beanstandungen durch den TÜV, nur eine fehlende Gelbweste wurde angemahnt. Die muss ich dringend besorgen – für das Auto, aber auch weil ich das Manifest der Gelbwesten gelesen habe. Anders als in den Medien kolportiert gehen die Forderungen der Bewegung weit über einen Stopp der Benzinpreiserhöhungen hinaus – der sechsmonatige Aufschub, den die Regierung jetzt verkündet hat, wird  die Proteste deshalb auch nicht stoppen.

“Abgeordnete Frankreichs, wir übermitteln Ihnen die Direktiven des Volkes, damit Sie diese in Gesetze umsetzen. Abgeordnete, verschaffen Sie unserer Stimme Gehör in der Nationalversammlung!” heißt es in dem von den Protestierenden an Parlament und Presse übermittelten Kommuniqué – und wie die Bewegung selbst sind auch ihre Forderungen nicht von Parteien oder NGOs gesteuert , sie kommen nicht von “links” oder “rechts”, sie kommen von unten. Und sind gerichtet gegen eine Regierung und ein Wirtschaftssystem, in dem  20% der Bevölkerung unter der Armutsgrenze leben und sich nicht einmal mehr ihre Lebensmittel leisten können.

Der als strahlender Hoffnungsträger gehypte Emmanuel Macron steht nach 18 Monaten Amtszeit so schlecht da wie kein französischer Präsident vor ihm und sein desolater Umgang mit den Protesten wird die Zustimmung weiter sinken lassen. Dass er sich hinsetzt und beginnt, die Direktiven der “Gelbwesten” abzuarbeiten ist bei einem Muster-Zögling der Finanzelite und des Rothschild-Konzerns schwer vorstellbar, denn es widerspricht den Direktiven derer, die ihn als Präsident aufgebaut haben. Weiter Aussitzen und Ignorieren kann Macron die Proteste aber auch nicht – mit der Ankündigung die von ihm abgeschaffte Vermögenssteuer  möglicherweise wieder einzuführen, deuteten sich heute schon weitere Zugeständnisse an. Die “Gelbwesten” zeigen also Wirkung, auch wenn sie in den Medien hierzulande nur als randalierende Gewalttäter gezeigt und ihre konkreten Forderungen kaum erwähnt werden. Sie sind in weiten Teilen 1:1 übertragbar und würden auch in Deutschland eine Mehrheit finden – da aber die Deutschen bevor sie revolutionäre Forderungen stellen bekanntlich immer eine Bahnsteigkarte lösen, ist damit nicht zu rechnen.

Schon warnen Linke und Transatl-Antifa vor brauner Unterwanderung der gelben Westen und dass man sich nicht mit ihnen soldiarisieren sollte – wär ja auch noch schöner, Demonstrieren ohne Bahnsteigkarte und Segen aus Brainwashington. Da war der Franzmann dem Teutonen ja schon immer voraus: wenn er die Faxen dicke hat,  haut er auf den Putz und geht auf die Barrikaden – und überwindet, wie man an den Forderungen des Kommuniqués sehen kann, die Gegensätze zwischen Parteien, Ideologien und Lagern. Wohin der Aufstand führt, ist noch nicht abzusehen; dass er von oben kleingemacht, diffamiert, gespalten werden soll,  ist erwartbar; dass er dennoch weiter geht, bis seine Forderungen abgearbeitet und auf den Weg gebracht sind, kann man nur wünschen.

Warum wir Frieden und Freundschaft mit Russland brauchen

Die Straße von Kerch ist seit der Antike der Seeweg der russischen Flüsse Don und Wolga, die das Schwarze Meer mit dem Baltikum verbinden. Seit der Abspaltung der Halbinsel Krim  2014 hat die etwa 5 Kilometer breite Wasserstraße auf beiden Seiten russische Küsten. Zur Klarstellung  der völkerechtlichen Debatte –  Annexion oder Sezession? –  hat Wolfgang Bittner gerade noch einmal eine kompetente Zusammenfassung geliefert. Da ich in dieser juristischen und politischen dieser Frage stark dazu neige, dass keine gewalttätige “Annexion” Russlands, sondern ein freiwilliger Übertritt der Krim-Bevölkerung stattgefunden hat,   kann ich in dem aktuellen Kerch-Zwischenfall auch keine “russische Aggression” erkennen, sondern die legitime Antwort auf eine unkrainische Provokation.
Dass das  von Präsident Poroschenko geforderte Kriegsrecht von seinem Parlament vorerst auf 30 Tage beschränkt wurde, wird derweil als immerhin sichtbare demokratische Errungenschaft des failed state Ukraine gefeiert. Die Wahlen in vier Monaten sind damit vorerst nicht verschoben und die stillose Tarnkleidung, in die sich der übergewichtige Oligarch bei Fototerminen zwängt, wird sein Umfragetief (7,8%) nicht nachhaltig liften. Und auch die Nato nicht zum “Eingreifen” bringen.  Seit dem Fake-Mord an einem Kreml-Kritiker, den Poroschenkos Geheimdienst im Frühjahr inszenierte, kann den Alarmismus seines Regimes ohnehin kaum jemand mehr wirklich ernst nehmen.

Frieden wird es in der Ukraine nur geben, wenn der status quo der Krim als Teil der russischen Föderation zumindest provisorisch anerkannt wird (wie einst  die DDR von der BRD) und den abtrünnigen Ost-Provinzen der Ukraine ein ebenso provisorischer Autonomie-Status zugesprochen wird. Dies bedeutet freilich, den von USA/Nato/EU betriebenen “regime change” und den geostrategischen Plan der Übernahme des russischen Stützpunkts Sebastopol und damit der Kontrolle über das Schwarze Meer als gescheitert zu akzeptieren. Ebenso wie  den Versuch, durch eine Assoziation mit der EU den zollfreien Handel und Wandel der Ukraine mit Russland abzuschneiden. Wer aus dem Bürgerkrieg in der Ukraine keinen globalen Konflikt machen will, muss meiner bescheidenen Meinung nach an  solchen Lösungen arbeiten, d.h. die Ukraine nicht als nationalistisch-faschistoide Bastion gegen ein “Reich des Bösen” im Osten aufbauen, sondern als prosperienden Brückenstaat zwischen Russland und der EU. 

Erfolgreiche Friedenspolitik, so haben wir von Willy Brandt und Egon Bahr gelernt, ist “Wandel durch Annäherung” – und darum geht es in dem Buch, das die Ehefrau des “Architekten der Ostpolitik”, Adelheid Bahr, im Oktober im Westendverlag herausgebracht hat. Dazu findet heute abend in Frankfurt ein Gespräch mit der Russland-Expertin Gabriele Krone-Schmalz und Willy Brandts ehemaligem Pressechef Albrecht Müller statt:  Warum wir Frieden und Freundschaft mit Russland brauchen

Wir sind (immer!) die Guten.

Unser Buch “Wir sind die Guten – Ansichten eines Putinverstehers oder: Wie uns die Medien manipulieren” war eines der meistgelesenen Bücher im Herbst 2014 und wochenlang in den Bestsellerlisten. Bis heute ist das Interesse an diesem Werk nicht abgerissen, was bei der üblichen Kurzlebigkeit aktueller politischer Sachbücher recht ungewöhnlich ist. Ein Grund dafür ist sicher, dass sich an der Einseitigkeit, mit der über den Ukraine-Konflikt und Russland berichtet wird, nicht nur wenig geändert hat, sondern weitere eklatante Beispiele für das unqualifizierte Russland-Bashing hinzugekommen sind, gegen das wir uns ironisch und provokativ als “Putinversteher” geoutet hatten. Auch bei dem Novichok-Skripal-Fake in England und dem “Russiagate”-Pipifax in den USA lieferten die Medien wieder den bekannten Schwarz/Weiß-Film, mit Putin als dem Ultrabösen.

Diese Rolle soll dem russischen Präsidenten jetzt auch bei dem jüngsten Zwischenfall in der Meeresenge von Kertsch zufallen, bei dem Russland drei ukrainische Militärschiffe festsetzte und die Besatzung verhaftete. Seit Russland in Rekordzeit zwischen der Krim und dem russischen Festland eine Brücke über diese Wasserstraße erstellt hat sind Durchfahrten nur noch mit Anmeldung möglich. Daran hatten sich auch  ukrainische Schiffe, die den Hafen Mariupol anlaufen wollten, bisher gehalten und konnten problemlos passieren. Jetzt aber wollte die Regierung in Kiew ein wenig provozieren und lies drei Militärschiffe unangemeldet aufkreuzen, um den russischen Bären zum Einschreiten zu zwingen und den Ultrabösen als skrupellosen Aggressor wieder ins Gespräch zu bringen. Das hat der amtierende Oligarch Poroschenko vier Monate vor den Wahlen in der Ukriane dringend nötig, in den Umfragen liegt er derzeit bei nur 7,8% Zustimmung. Vorsorglich hat er wegen des Zwischenfalls jetzt das Kriegsrecht ausgerufen, was die Möglichkeit gibt, die Wahlen zu verschieben.

Dass das Regime in Kiew die EU, die Nato und deutsche Kriegsschiffe zum Eingreifen auffordert, wird im Westen  auf taube Ohren stossen, dafür ist das Täuschungsmanöver einfach zu plump. Da in Porschenkos TV-Kanal sogar schon Pläne diskutiert wurden, die Kertsch-Brücke in die Luft zu sprengen, ist vollkomen klar, dass die russische Küstenwache mit Argusaugen darauf achtet, welche Schiffe die Brücke passieren dürfen. Zwar hat der PR-Stunt, perfekt getimed vor dem G20 Gipfel, dem Ultrabösen wieder einmal ein paar Negativschlagzeilen beschert, viel mehr wird für Poroschenko aus dem Zwischenfall nicht zu holen sein.