Herr Bröckers, bis heute sind die Ereignisse in Kiew vor fünf Jahren, die zum Sturz der Regierung führten, und vor allem die Gewalttaten mit Todesopfern nicht vollständig aufgeklärt. Wie kann das sein?
Es liegt nicht im Interesse des Westens und der jetzt in Kiew amtierenden Regierung, das aufzuklären. Die vorherrschende Erzählung ist ja, dass die Scharfschützen von dem damaligen Präsidenten Janukowitsch engagiert waren und später, dass die russische Armee in die Ostukraine einmarschiert ist. Wenn also dieser Fall aufklärt würde, könnte die ganze Erzählung ein Stück ins Wanken geraten. Deshalb lässt man das lieber in dieser Grauzone. Dasselbe gilt für den Abschuss des Flugzeugs MH17.
Und der Westen macht auch keinen Druck, das aufzuklären?
Der Westen macht auch keinen Druck, weil ja der Regierungswechsel in der Ukraine vom Westen propagiert, protegiert und letztlich initiiert wurde. Ohne die Unterstützung von außen hätte das ja so nicht funktioniert.
Nun gibt es bis heute zwei Narrative zu dem, was da vor fünf Jahren geschehen ist: Putsch oder Regierungswechsel. Im westlichen Narrativ scheint der Zweck die Mittel zu heiligen. Da die Intention der „Revolution der Würde“ edel war: gegen Korruption, für Europa, usw., sind ein paar hemdsärmelige Putschmethoden anscheinend tolerierbar?
Ja, so ist das in Kiew gelaufen und so läuft es jetzt auch gerade in Venezuela. Darum heißt auch die Neuauflage unseres Buches „Wir sind immer die Guten“. Egal, was wir, der Westen, tun, unsere Aktionen sind gut, da sie der Demokratie und Freiheit gewidmet sind. Dass wir dabei Gesetze brechen und Schlimmeres tun, das zählt nicht. Da wird schon mit doppelten Standards gemessen.
Doppelte Standards gibt es beim Thema Russland und Ukraine überall: in den Medien und in der Politik.
Der Auslöser für dieses Buch war ein Gespräch mit einem alten Onkel von mir, der inzwischen leider verstorben ist. Der sagte am Kaffeetisch zu mir: „Sag mal, Matthias, was hältst du eigentlich von dem Konflikt in der Ukraine? Ich kann ja gar nicht mehr die Tagesschau gucken, da wird ja nur noch zum Krieg getrommelt. Ich geh jetzt ins Internet, wenn ich mich informieren will.“ Und das sagt mir ein CDU-naher, katholischer, gutbürgerlicher, älterer Herr. Und der traut der Tagesschau nicht mehr. Da dachte ich mir, so etwas hat es noch nicht gegeben, dass so ein tiefer Graben zwischen der öffentlichen und der veröffentlichen Meinung herrscht. Diese Kluft war eben durch die Ukraineberichterstattung vor fünf Jahren sehr groß geworden. Das war für mich der Anlass, das Buch zu schrieben. Und, dass das so ein Erfolg wurde, obwohl es in den sogenannten Leitmedien als Kremlpropaganda deklariert wurde, zeigt genau diese Kluft. In Umfragen sagen ja auch 84 Prozent, wir sollten uns besser mit Russland stellen. Und die transatlantischen Medien wundern sich, woher das kommt, obwohl sie doch seit Jahren das Gegenteil schreiben. Die Leute kaufen es ihnen aber nicht mehr ab. Es gab ja jetzt gerade so ein „Framing-Papier“ — man soll jetzt nicht mehr öffentlich-rechtliche Medien, sondern „Gemeinwohl-Medien“ und so einen Quatsch sagen. Wenn diese Medien wirklich dem Gemeinwohl dienen würden, dann müssten sie solche Umfragen doch ernst nehmen.
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Das Buch ist ab sofort im Buchhandel und kann online hier bestellt werden.
Mathias Bröckers, Paul Schreyer: Wir sind immer die Guten – Ansichten eines Putinverstehers oder wie der der kalte Krieg neu entfacht wird”, Westendverlag, 224 Seiten, 18 Euro







