“Eine notwendige, überfällige Provokation”

SWR2, das öffentlich-rechtliche Kulturradio für Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz, hat unser Buch heute rezensiert und meint:

“Das gut recherchierte und stilistisch elegante Buch ist zweifellos eine Provokation – allerdings eine notwendige, überfällige Provokation, die vielleicht dazu beiträgt, die hiesige Ukraine-Debatte zu öffnen und, auf längere Sicht, zu versachlichen.”

Der Rezensent Ulrich Teusch, der in seiner Besprechung insbesondere unsere Kritik an der Medienberichterstattung zur Ukraine lobt, ist selbst Preisträger des Roman-Herzog-Medienpreises 2013. Zur vollständigen Rezension hier.

Radio 1 hatte heute Morgen ein paar Fragen zum Erscheinen des Buchs, der Podcast ist hier.

„Wir sind immer die Guten“

“Ohne Frage haben sich auf dem Maidan absolut berechtigte Proteste gegen eine korrupte, kleptokratische Regierung artikuliert, aber diese Proteste wurden nicht nur von außen gefördert und finanziert – was vielleicht noch vertretbar wäre. Sie wurden auch „gehijackt“, von Scharfschützen, deren Massenmord bis heute nicht aufgeklärt ist, sowie von rechtsradikalen Milizen, die einen gewaltsamen Putsch herbeiführten. Das ist das klassische Muster der „regime changes“, wie sie die CIA seit Jahrzehnten überall auf der Welt inszeniert. Dabei geht es nie um Demokratie, sondern stets um ökonomische und militärische Interessen, den Austausch eines „unfreundlichen“ Regimes gegen ein „freundliches“, so wie jetzt bei dem Oligarchen-Wechsel in Kiew.”

Aus einem Interview mit der “Saarbrücker Zeitung”.

Lost in translation

»Wie wird die Welt regiert und in den Krieg geführt? Diplomaten belügen Journalisten und glauben es, wenn sie’s lesen,« notierte der Wiener Schriftsteller Karl Kraus, nachdem auf eine Falschmeldung der deutschen und österreichischen Presse über einen französischen Bombenabwurf auf Nürnberg Ende Juli 1914 unmittelbar die Kriegserklärung an Frankreich erfolgt war. Dieser fingierte Bericht war für ihn die Urlüge und das Paradebeispiel für die Manipulation der Massen in Kriegszeiten, die Kraus dazu führte, »den Journalismus und die intellektuelle Korruption, die von ihm ausgeht, mit ganzer Seelenkraft zu verabscheuen«. Als einer der Pioniere der Medienkritik hatte Kraus erkannt, dass die Medien die Wirklichkeit nicht abbilden, sondern erzeugen, dass Meinungen und Stimmungen nicht einfach entstehen, sondern gemacht werden: »Ich habe erlebt, wie Krieg gemacht wird, wie Bomben auf Nürnberg, die nie geworfen wurden, nur dadurch, dass sie gemeldet wurden, zum Platzen kommen.«

Das schrieb ich vor vier Wochen im Vorwort zu unserem Buch “Wir sind die Guten”, das am Montag offiziell erscheint. Genau 100 Jahre nach dieser Falschmeldung, die den ersten Weltkrieg eskalieren lies, scheint Karl Kraus aktueller denn je. Auch zu den Schlagzeilen von heute und gestern, die von FAZ bis taz und auf allen Kanälen von einer “russischen Invasion” berichten und in den Kommentaren die Empörung in neue schrille Höhen schrauben…. uuuaaah DIE RUSSEN KOMMEN….  um dann, wenn die Botschaft weltweit über alle Kanäle zwei Tage lang in der Wiederholungsschleife penetriert wurde, wie das Leitmedium “Tagesschau” kleinlaut zu twittern:

29.08.14 17:54-Bildschirmkopie

Kann ja mal passieren. Und wenn mit der New York Times die weltbeste Zeitung und mit Reuters die weltgrößte Agentur etwas behaupten, wird’s ja schon stimmen, und Übersetzungsfehler können mal vorkommen, klar. Was aber offenbar gar nicht mehr vorkommt, im Schurnalismus unserer Tage,  sind Recherche, Investigation und Nachforschungen. Geheimdienste, Politiker, PR-Agenturen belügen Journalisten und machen mit der medial erzeugten Realität Politik – was nur gelingt, weil keiner nachfragt, nachforscht, nachhakt. Die großen Agenturen und großen Zeitungen die großen Konzernen gehören orgeln ihre Propaganda in die Welt und eh den Fake jemand bemerkt sind schon wieder Millionen Gehirne mit der gewünschten Botschaft infiltriert. Und eh er im Kleingedruckten korrigiert und als Propagandalüge zum Thema wird, wird schon die nächste falsche Sau durchs Dorf getrieben. Dass einer der  Autoren der NYT-Story just derselbe ist, der einst mit Judy Miller der Welt ein paar Aluröhren als  Saddam Husseins “Massenvernichtungswaffen” verkaufte… Kann ja mal passieren, Übersetzungsfehler und so…

P.S.: Der Titel unseres Werks scheint sich schon einzuprägen: in einer Rezension des Kölner Stadtanzeigers des gestrigen Maybritt Illner Talks über Waffelieferungen, taucht Panzer-Ursel van der Leyen bereits als eine Art Phänotyp der “Guten” auf.

Update: reuters meldet (ohne jede Korrektur)  noch immer fröhlich weiter: Poroschenko – Russisches Militär hat mit Invasion begonnen

GWOT ist groß

In Sachen der IS-Miliz ist die im Imperium handelsübliche Einteilung in “Terroristen”/”Freiheitskämpfer” bzw. “Hurensöhne”/”unsere Hurensöhne”  bzw. “islamische Rebellen”/ “radikale Islamisten” gehörig durcheinander geraten. Einerseits wurde sie mit reichlich Millionen aus den Emiraten, Waffen und Ausrüstung aus Amerika und Training durch CIA und MI-6 fit gemacht, um in Syrien gegen Assad zu kämpfen, andererseits sind sie mit Kopf-ab-Videos und anderen Grausamkeiten zu den neuen Mega-Barbaren mutiert, deren scheußlicher Schrecken in den Medien mit Entsetzen zelebriert wird.  Die kurdische Befreiungsarmee PKK, bis dato vom Westen als terroristische Vereinigung eingestuft ist quasi über Nacht zum Alliierten geworden, den wir  mit Waffen versorgen, weil er gegen die ehemals unsrigen Hurensöhne kämpft, die jetzt nur noch vernichtungswürdige Hurensöhne sind. Zumindest wenn sie sich gegen kurdischen Ölgebiete wenden, die sich Exxon/Rockefeller gesichert haben, seitdem setzt Obama die Luftwaffe ein Wenn die IS-Irren dagegen  in Syrien Ölfelder besetzen und  Giftgas einsetzen, das der Nato-Partner Türkei geliefert hat um es dem Assad-Regime in die Schuhe zu schieben, ist das OK, in diesem Fall sind sie dann “unsere Hurensöhne”.

Angesichts dieser Unübersichtlichkeit ist es auch nicht einfach, das Foto der IS-Kämpfer zu interpretieren, das sie mit einem Banner des britischen Fußballclubs “Newcastle United” zeigt. Ist es gleichsam ein Stinkefinger, den sie per Flagge ihren britischen Ausbildern geben, weil sie jetzt ihre eigenen Wege gehen, oder ist es ein stolzes Signal, dass sie nach wie vor für die Interessen des anglo-amerikanischen Imperiums kämpfen und an der Zerstückelung und Balkanisierung des Iraks arbeiten. Zu letzterem scheint zu passen, dass es sich bei dem IS-Mann auf dem Enthauptungsvideo-Video laut “Guardian” um einen Briten handeln soll.

Forgetful-ISIS-jihadist-takes-wrong-flag-from-home

Dass das neue Super-Monster IS kein authentischer Verein ist, sondern seine Horrorshow an der langen Leine von Washington inszeniert wird, darauf deutet auch die merkwürdige Karriere IS-Chefs und selbsternannten Kalifen Bakr al-Baghdadi (BAB). Ein Foto von 2011 etwa  zeigt ihn (noch ohne kalifoiden Rauschebart) , wie er Anweisungen seines Meisters – Senator John McCain – entgegennimmt. Eine Verbindung, die der Osama-Nachfolger in der Rolle des Mega-Schurken bei seinen Predigten  am Handgelenk noch immer durchschimmern läßt: mit einer Mickey-Maus-Uhr. Abu-Bakr-al-Baghdadi-ridiculed-for-wearing-Disney-wristwatch

Der mit der Sharia nun keineswegs zu vereinbarende Disney-Klimbim hat den selbsternannten Herrscher über alle Gläubigen in der arabischen Welt schon zur Witzfigur werden lassen – die grausamen Morde seiner United-Fans aber sind echt. Aber sie sind offenbar auch eine Real-World Disneyshow, die ihre Kämpfer via Youtube und Google rekrutiert – mit mit “Zara”-Outdooor-Outfit, “Nike”-Sneakers,   “Toyota”-Pickups und nagelneuen Sturmgewehren. Aktivkräfte des Imperiums, die das notwendige Chaos stiften um den Globalen War On Terror (GWOT) am Leben zu halten und Waffen auch noch in Gebiete liefern zu können, in denen ohnehin schon ein absolutes Überangebot herrscht. Sowie – teile und herrsche – die Balkanisierung der Levante voran zu treiben.

US-Präsident Obama hat unlängst weitere 500 Milllionen zur Unterstützung “moderater” Rebellen für den Krieg in Syrien freigegeben – für die Verstärkung  der Ausbildungslager in der Türkei und in Jordanien, in denen schon die IS-Banden ihr Terrorhandwerk lernten. Dass diesen Labors wieder neue Horrorgestalten und Monster entschlüpfen kann nicht ausgeschlossen werden. BAB war vor seiner Karriere als Kalif längere Zeit in US-Gewahrsam, weshalb der Verdacht naheliegen könnte, dass er dort vom mittelmäßigen Prediger zum islamistischen Mega-Schurken umgeschult wurde. Einen direkten Beleg dafür gibt es nicht – genausowenig übrigens wie für die anhand von angeblichen Snowden-Dokumenten stammende Behauptung, er sei ein Mossad-Agent –  die Agenda des Kalifs freilich, der der halben Welt den heiligen Krieg erklärt hat, ist so durchgeknallt, dass sie eigentlich nur einem “Wag The Dog”-Labor enstprungen sein kann.

 

Die Guten und die Bösen

wsdg-coverTelepolis hat heute das erste Kapitel des neuen Buchs als Vorabdruck veröffentlicht:

Wladimir Putin ist Macho und Macher, Zar und Star, coole Sau und weiser Patriarch – der Alleskönner in der Champions League der Weltpolitik. Er angelt die dicksten Fische, reitet zu Pferd durch die Taiga, fliegt mit Kranichen im Ultraleichtflieger und steuert Düsenjets. Er betäubt den sibirischen Tiger mit einem gezielten Schuss, spielt Klavier, singt Fats Domino und kann Goethe rezitieren. Er ist sportgestählt und trägt den schwarzen Gürtel im Judo, ist Doktor der Rechtswissenschaft, Ex-Major des Geheimdiensts und Präsident des größten Flächenlands der Erde. Ohne Frage: ein Held.
Kaum ein Tag vergeht ohne Fototermine, deren Bilder diesen Mythos bis in den hintersten Winkel des russischen Riesenreichs transportieren. Solche Inszenierungen gehören überall in der Welt zum Alltag politischer PR, doch kaum einer aus der Riege internationaler Spitzenpolitiker kann es in Sachen Multitasking und Allroundtalent mit der Show dieses Supermanns aufnehmen – Putin ist Kult.

Selbst Kritiker dieser selbstreferentiellen Herrscherinszenierung bekennen: Der Kerl hat es irgendwie drauf. Den Draufgänger und Kämpfer ebenso wie den bedächtigen Vater, der Mütterchen Russland geschickt über die Klippen geleitet, den harten Hund ebenso wie den gewieften Schachspieler und Strategen. Und selbst für seine übelsten Scherze, die er unter der Hand und bei vermeintlich ausgeschaltetem Mikrofon macht – zum Beispiel über den ehemaligen israelischen Staatspräsident Mosche Katzav, der 2006 wegen Vergewaltigung vor Gericht stand: “Er ist ein toller Kerl. Hat zehn Frauen vergewaltigt. Das hätte ich von ihm nicht erwartet. Er hat uns in Erstaunen versetzt. Wir beneiden ihn alle.” –, erntet der Supermacker Putin in gewissen Kreisen noch Respekt.

Während im Westen derlei Attitüden und Inszenierungen in der Regel als Beleg für den Rückfall in absolutistische Herrschaftsformen gesehen werden, wird Präsident Putin in seiner dritten Amtszeit von der heimischen Bevölkerung höher geschätzt als je zuvor. Denn einer großen Mehrheit nicht nur der alten, sondern auch der jungen Russinnen und Russen, die wahrlich keine Sympathien für sein autokratisches System hegen, ist bewusst: Ihr Land wäre zerfallen und das Chaos größer geworden, hätte Putin nicht dem wilden Anarcho- Kapitalismus ein Ende gesetzt, bei dem nach dem Ende der Sowjetunion der Staat von der Privatwirtschaft übernommen und zur privaten Profitsicherung benutzt wurde.

Die Staatskassen waren bei Putins Amtsübernahme 1999 leer, die Auslandsschulden hatten sich bedrohlich angehäuft, der Staatsapparat funktionierte nicht mehr, das Sozialsystem war zusammengebrochen, die Kriminalität hatte beängstigende Formen angenommen, Clans und Oligarchen kämpften um die letzten verbliebenen Filetstücke einstigen Staatseigentums und islamistische Separatisten aus Tschetschenien trugen den Bombenterror bis nach Moskau. Kurz: Nach kaum acht Jahren lief die “Befreiung vom Kommunismus” für Russland auf eine unendliche Katastrophe hinaus. Es waren nicht Meinungsfreiheit und Pluralismus, nicht Zivilgesellschaft und Liberalität, die der Bevölkerung wichtig waren, es war das simple Überleben: die Auszahlung von Renten und Löhnen, die Gesundheitsversorgung, die Sicherheit auf der Straße durch ein Minimum an Recht und Ordnung.

Dass Putin zu diesem Zweck rabiate Mittel einsetzte – den demokratischen Pluralismus einschränkte, das Parlament entmündigte, die Oligarchen unter Kontrolle brachte, die Schlüsselindustrien wieder in Staatseigentum überführte und einen zentralistisches Präsidialsystem schuf –, wurde und wird von westlicher Seite gern als das Ende des postkommunistischen Aufbruchs in die “Freiheit” gesehen. Für die große Mehrheit der russischen Bevölkerung indessen war es das Ende des unter Gorbatschow und Jelzin entstandenen Chaos, das eine “Freiheit” gebracht hatte, die vor allem durch sozialen Niedergang gekennzeichnet war.

Diesen Raubtierkapitalismus, der über Russland hergefallen war wie ein Kannibale über einen Säugling, gebändigt und das wirtschaftlich wie sozial ruinierte Land wieder auf einen prosperierenden Weg gebracht zu haben – das ist die Leistung, für die Putin als “Retter Russlands” gewählt wurde und geliebt wird. Dass er dazu die Demokratie in eine “Demokratur” verbog, dass er Meinungs- und Pressefreiheit einschränkte, dass nicht nur das Parlament, sondern auch die Justiz durch eine Machtvertikale von oben “gelenkt” werden, dass er Privateigentum und Marktwirtschaft zwar rechtlich etablierte, sie aber in ein staatskapitalistisches Korsett drängte und querschießende Oligarchen beseitigte, dass er nationale, patriotische Elemente stets betont und den Wertekanon des Westens verspottet: All dies hat Putin in den westlichen Medien zu einer Unperson gemacht und den Kreml, kaum hatte er sein Image als Hort blutrünstiger kommunistischer Kader abgestreift, erneut zu einer Bastion des Bösen.

Für die meisten der 150 Millionen Russen stimmt dieses Bild jedoch nicht. Dass das System Putin Werte wie Meinungsfreiheit und Toleranz eher gering schätzt, ist in ihren Augen keineswegs so verwerflich, denn was unter dem Banner dieser Werte in den neunziger Jahren über das Land hereingebrochen war, haben die meisten in schlimmerer Erinnerung als die übelsten Entbehrungen der Sowjetzeit. Was half es, dass man sich ab 1991 mit einem Geschäft selbstständig machen konnte, wenn gleich nach der Eröffnung mafiöse Banden Schutzgeldforderungen stellten? Wem brachte die freie Auswahl luxuriöser Limousinen etwas, wenn Mercedes und BMW nur für Oligarchen und Gangster erschwinglich waren? Wem nützten das neue Werbefernsehen und sein überbordendes Warenangebot, wenn nicht einmal die minimale Rente regelmäßig eintraf?

Was den Bürgerinnen und Bürgern Russlands, die Jahrhunderte unter der Knute des Zaren und unter dem Diktat der Kommunisten gelebt hatten, nach der Wende seitens des vermeintlich “werteorientierten” Westens übergestülpt wurde, war Raubtierkapitalismus in Reinkultur. Unter der Flagge von Freiheit und Menschenrechten waren Gier und Gewalt eingezogen, statt eines bürgerlichen Rechtstaats ein archaisches, anarchisches Unrechtssystem, statt finanzieller Hilfen bei der Transformation des untergegangen Staats eine Horde internationaler Bankster und Spekulanten, die das Staatseigentum zu ihrer Beute machten. Selbst die italienische Cosa Nostra, die Späher in das neue kriminelle Eldorado Russland ausgesandt hatte, zog sich gleich wieder zurück: Die Russenmafia war den wahrlich nicht für Skrupel bekannten Italo-Mafiosi zu skrupellos.

Dass nach solchen Erfahrungen die “Wertegemeinschaft” des Westens bei den Russen keinen allzu hohen Stellenwert genießt, sollte niemanden wundern – ebenso wenig wie die Tatsache, dass diskriminierende Gesetze gegen Homosexuelle oder die Verurteilung von Pussy Riot in Russland mehrheitlich als Lappalie gesehen werden und nicht wie im Westen als eklatanter Bruch der Menschenrechte, der schon fast nach “humanitärer” Militärintervention schreit. Dass auch in Deutschland grölende Punk-Tussis verhaftet und bestraft würden, wenn sie im Kölner Dom aufträten, dass auch hier erst seit wenigen Jahrzehnten Schwule und Lesben nicht mehr kriminalisiert werden und dass etwa der TV-Auftritt eines bärtigen Travestie-Freaks wie Conchita Wurst noch vor wenigen Jahren zu einem breiten Aufschrei kultureller Empörung geführt hätte: All dies fällt bei der schulmeisterlichen Arroganz unter den Tisch, mit der der Westen russische Verstöße gegen seinen Wertekanon moniert und aufbläst.

So berechtigt Kritik an der aktuellen demokratischen Verfasstheit Russlands sein mag: Sobald diese Kritik zur Waffe eines Werteimperialismus gerät, der den zu “befreienden” Kolonien aufgezwungen oder gar als Teil der sogenannten Sicherheitspolitik zum “Menschenrechtsbellizismus” wird, entwertet sie sich selbst. Wer glaubt, dass es beim Krieg in Afghanistan um die Durchsetzung von Frauenrechten und Mädchenschulen geht, bei der Eroberung des Iraks um die Etablierung von Demokratie oder beim Krieg gegen Libyen um die Befreiung der Bevölkerung von einem irren Diktator, ist ein bedauernswertes Opfer der Propaganda, mit welcher der “werteorientierte” Westen seine imperialen Feldzüge verkauft – Feldzüge, bei denen es sich nicht um Humanität und Menschenfreundlichkeit, sondern immer um Macht- und Geschäftsinteressen dreht, wobei es in aller Regel um Rohstoffe und Ressourcen geht.

Und genau hier liegt der Kern des Konflikts des Westens mit Russland: Nicht Putins autokratische Regierungsführung oder homophoben Gesetze sind der Grund, warum er im Westen zur Unperson wurde – viele der Alliierten des Westens rangieren diesbezüglich weit unter dem Niveau Russlands –, sondern die Tatsache, dass er den immensen Ressourcenreichtum Russlands der fröhlichen Ausbeutung durch transnationale Konzerne entzogen und unter die Kontrolle des Staats gebracht hat. Und damit hat er sich auch wieder zu einem wichtigen Player im “Great Game” gemacht – dem seit Jahrhunderten währenden Kampf der großen Nationen um die Rohstoffe und Ressourcen dieser Erde.

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Das Buch können Sie im nächsten Buchladen oder hier bestellen, es wird Ende nächster Woche ausgeliefert.

Geografie ist Schicksal

wsdg-coverHeute treffen sich die Außenminister Russlands, der Ukraine, Frankreichs und Deutschlands in Berlin, um über ein Ende des Kriegs in der Ukraine zu sprechen. Vorausgegangen waren intensive diplomatische Gespräche, die andeuteten, dass sich “Old Europe” endlich darauf zu besinnt, eigenständige Politik im europäischen Interesse zu machen, statt weiter blind der  globalen “Full Spectrum Dominance” des anglo-amerikanischen Imperiums zu folgen. Über diesen leisen Hoffnungsschimmer haben wir am Ende des neuen Buchs, das derzeit im Druck ist und am 1. September erscheint, geschrieben:

 

 

 

“Es scheint, dass man in Paris und Berlin erkannt hat, wie dringend es für den Erhalt des Friedens ist, eigenständige Politik zu machen, die nicht den Interessen des Imperiums, sondern denen Frankreichs, Deutschlands und Europas folgt. Das kann ein wenig Hoffnung machen – nicht dass die Großmannssucht des amerikanischen Patienten von einem auf den anderen Tag verschwindet, aber darauf, dass ihr beharrlicher denn je Widerstand geleistet wird. Vielleicht besinnt sich Old Europe auf die Napoleon zugeschriebene Weisheit »Geografie ist Schicksal«: die unverrückbare Nachbarschaft mit Russland und die unverzichtbare Notwendigkeit nachbarschaftlicher Beziehungen, die nicht immer konfliktfrei, aber in jedem Fall friedlich verlaufen müssen. Nato-Raketen vor der russischen Haustür sind hierfür der völlig falsche Weg. Statt an weiterer Konfrontation und Aufrüstung muss an einer genuin europäischen Sicherheitsarchitektur unter Einbeziehung Russlands gearbeitet werden, die Abrüstung und Annäherung ermöglicht. Es muss zusammenwachsen, was zusammengehört – nicht nur geografisch, nicht nur weil Russen und Prussen in grauer Vorzeit mal ein Stamm waren, bevor aus ihnen “Russia” und “Borussia” (Preußen) wurden, sondern weil Frieden im Europa des 21. Jahrhunderts nur bewahrt werden kann, wenn sich Deutschland und Russland vertragen. Freundschaften, so zeigten die NSA-Affäre und der Fall amerikanischer Spionage beim Bundesnachrichtendienst, müssen einiges aushalten können. Diese Fälle zeigen schließlich auch, dass die Vereinigten Staaten Deutschland nach wie vor als ihr Territorium betrachten, auf dem sie selbstverständlich schalten und walten können, ohne sich an die geltende Verfassung zu halten. Wo derart neokoloniales Gebaren hingenommen werden kann, ohne die Freundschaft ernsthaft zu gefährden, darf es kein Hindernis für eine Kooperation mit Russland bedeuten, dass Putins autoritäre Modernisierung nicht den Standards der westlichen Zivilgesellschaft und des Gender-Mainstreamings entspricht.”

Sender Gleiwitz läßt grüßen

Trucks-of-Russian-humanitarian-convoy-ar-2-Das Rätsel um  23 russische “Militärtransporter”, die von zwei britischen Journalisten halluziniert wurden, als sie die Grenze zur Ukraine überschritten, ist geklärt: der Zoll fand beim Öffnen der Transporter 23 kleinere Lastwagen, die wiederum 23 noch kleinere Lastwagen enthielten, die wiederum…. da die Durchzählung dieses bedrohlichen “Konvois” noch andauert ist verständlich, dass die Auswertung der Fahrtenschreiber und die Klärung wer für den Transport verantwortlich ist, sich noch hinzieht. Während das Regime in Kiew  schon mal bekannt gegeben hat, dass der geisterhafte “Militärkonvoi”  von der ukrainischen Armee zwischenzeitlich auf magische Weise zerstört wurde.

Dass die Nachricht über den mysteriösen “Einmarsch” der Russen in die Ukraine   – den der Nato-Kasper Rasmussen natürlich sofort “bestätigte” – von Großbritannien in die Welt gesetzt wurde, paßt: dort werden die Black Boxes des MH-17 Flugs untersucht, von denen man seit Wochen nichts mehr gehört hat. Was ja kein Zufall ist. Da mußte jetzt – MI-6 ick hör dir trappsen – schnell was her, um das Momentum im Putin-Bashing hochzuhalten…. und wenn dann ein Reporter irgendwelche Lastwagen sieht kann man daraus schnell mal eine “Invasion” zimmern und weltweit “Alarm” rufen:  “Sender Gleiwitz” läßt grüßen.

Nachdem mit der Nicht-Aufklärung des MH-17-Absturzes der Glaubwürdigkeits-GAU des Westens perfekt ist, wird jetzt offenbar völlig ungeniert gelogen, die bewußt geschürte Hysterie droht dabei ins vollkommen Irrationale zu kippen. Dass das Marionetten-Regime in Kiew  mit schweren Waffen seine eigene Bevölkerung bombardiert wird dabei schon als derart normal hingenommen, dass in Europa keiner mehr dagegen protestiert – es handelt sich bei diesen Menschen eben um “Terroristen” und bei der Millionenstadt Donezk um eine “Rebellenhochburg”, wie uns die Großmedien seit Wochen predigen.

Heute kam die Nachricht, das Peter Scholl-Latour gestorben ist. Was er im  März in einem Interview seinen Journalisten-Kollegen ins Stammbuch geschrieben hat gehört in jedem Redaktionsraum an die Wand:

“Wenn Sie sich einmal anschauen, wie einseitig die hiesigen Medien, von TAZ bis Welt, über die Ereignisse in der Ukraine berichten, dann kann man wirklich von einer Desinformation im großen Stil berichten, flankiert von den technischen Möglichkeiten des digitalen Zeitalters, dann kann man nur feststellen, die Globalisierung hat in der Medienwelt zu einer betrüblichen Provinzialisierung geführt. Ähnliches fand und findet ja bezüglich Syrien und anderen Krisenherden statt.Ich frage mich, was sich die EU von einer Annäherung der Ukraine erhofft. In Brüssel sollte man sich besser auf eine Konzentration und Konsolidierung ausrichten, statt die Ausweitung nach Osten voranzutreiben. Schon mit der Aufnahme Rumäniens und Bulgariens haben sich die Kommissare in Brüssel übernommen. Käme nun noch die Republik von Kiew hinzu, wo von den Tataren die Wurzeln des heutigen Russlands gelegt wurden und die Bekehrung zum Christentum stattfand, dann würde das aufgeblähte Territorium der fragilen Europäischen Union bis rund dreihundert Kilometer an jenes Schlachtfeld heranrücken, das unter dem Namen Stalingrad berühmt wurde. Haben die Deutschen jedes Gespür für die Tragik der eigenen Geschichte verloren? ”