Seit heute ist “Vom Ende der unipolaren Welt” überall im Buchhandel erhältlich. In dem Gespräch, das ich mit Robert Stein über das Buch geführt habe, meinte er am Ende, er sei schon auf die Fortsetzung “Vom Anfang der multipolaren Welt” gespannt. Das bin ich auch, selbst wenn ich eine Fortsetzung des Buchs gar nicht vorhabe, doch diese Transformation ist unausweichlich. Wir stehen am Ende einer unipolaren Welt, in der Washington und Wall Street die Regeln der »regelbasierten internationalen Ordnung« bestimmen und mit Gewalt durchsetzen konnten. Und am Beginn einer multipolaren Ordnung, bei deren Regeln Moskau und Peking und mit ihnen nahezu der gesamte »globale Süden« ihr Wort mitreden werden. Die politischen Gezeiten und die globale Tektonik verschieben sich, das “amerikanische Jahrhundert” wird sich – wie die Zeitalter aller großen Imperien – wegen Überdehnung und Überheblichkeit aus der Weltgeschichte verabschieden: “Diese Entwicklung »zivilisiert« – mit Vernunft, Verhandlungen, Diplomatie – verlaufen zu lassen und nicht »barbarisch« – mit Raketen, Bomben, Krieg – ist die große Herausforderung unserer Tage. »Verstehen«, warum Putin Krieg in der Ukraine führt, hat nichts mit »Verehren« des Präsidenten oder akzeptieren der Invasion zu tun, ist aber Grundvoraussetzung, um das Gemetzel zu stoppen…” heißt es dazu im Nachwort.
Und wenn dann endlich verhandelt wird, über die unausweichliche Teilung der Ukraine, werden Moderatoren mit historischer Erfahrung mit geteilten Ländern, Mauerbau etc. gebraucht, Experten bei der (halbwegs) zivilisierten Organisation der Grenzen und Gräben im Kalten Krieg, der Spaltung zwischen den “Blöcken” : die Deutschen. Mit dem Ziel, dass es künftig an den (provisorischen) Grenzen zur Ostukraine so (vergleichsweise) unblutig verläuft wie 25 Jahre lang an den Grenzen zu Ostdeutschland. Verhandlungsort: Checkpoint Charlie, Berlin. Zugegeben ist eine solche Friedensmission mit Olaf “Kein Diktatfrieden Putins” Scholz und Annalala “Russland ruinieren” Baerbock derzeit undenkbar, aber ihr Kollege Habeck – der beste Wirtschaftsminister, den Russland je hatte – arbeitet derart zügig, dass ein Gesinnungswandel bald unvermeidlich wird.
Laut verschiedenen Berichten hat der russische Verteidigungsminister seinen westlichen Kollegen gegenüber in den letzten Tagen ernsthafte Besorgnis geäußert, dass die Ukraine eine nukleare dirty bomb einsetzen könnte, um sie Russland in die Schuhe zu schieben und eine Antwort der NATO zu provozieren. Dass solche False Flag Operationen zum Repertoire westlicher Kriegsführung gehören, war zuletzt im Syrien-Krieg zu erleben, als im letzten Moment verhindert wurde, dass ein nicht von der Assad-Regierung, sondern von den “moderaten Rebellen” selbst verübter Giftgas-Anschlag, zu einem Bombardement von Damaskus geführt hätte:
“Im August 2013 standen die Truppen der USA, Englands und Frankreichs kurz davor, mit Bombardements in den syrischen Konflikt einzugreifen, weil nach mehreren Giftgaseinsätzen, die der Assad-Regierung zugeschrieben wurden, laut Präsident Obama eine »rote Linie« überschritten war. Nachdem am 21. August in der Region Ghuta erneut mehrere hundert Zivilisten durch den Einsatz chemischer Waffen ums Leben gekommen waren, legte Präsident Obama den Termin des Bombenangriffs auf den 2. September fest, England verlegte ein U-Boot und Kampfflugzeuge nach Zypern, eine Staffel der französischen Luftwaffe wurde in Bereitschaft versetzt. Ohne Frage wäre es zu diesem Angriff auf Damaskus gekommen – der US-Präsident hatte ihn sogar schon öffentlich angekündigt. Dass er im letzten Moment abgewandt wurde, ist einem russischen Agenten zu verdanken, der dem britischen Geheimdienst MI6 ein Muster des in Ghuta verwendeten Giftgases zukommen ließ – samt eines vertrauenswürdigen Belegs, dass dieses nicht aus russischen Beständen stammte und daher auch nicht im Arsenal von Assad gewesen sein konnte. Nachdem die Chemiker des MI6 dies geprüft hatten, funkten sie eilig nach Washington: »Wir wurden reingelegt!«
Wie dies geschah, deckte Seymour Hersh in zwei investigativen Reportagen einige Monate später auf: Als eine klassische »False-Flag-Operation« hatten die »Rebellen« selbst das Giftgas eingesetzt. Die Kampfstoffe stammten aus der Türkei und waren auf der von der CIA eingerichteten »Rattenlinie« zur Versorgung der Aufständischen nach Syrien gebracht worden. Mit dem von der Türkei, Katar und Saudi-Arabien ausgeheckten Plot sollten die Großmächte in den Konflikt hineingezogen werden, was Russland verhinderte und danach einen Deal mit Assad aushandelte, sämtliche syrischen Chemiewaffen zu vernichten.”Bröckers/Schreyer: Wir sind immer die Guten, 2019, S.57
Dass jetzt erneut solche “Rattenlinien” genutzt werden, um an offiziellen Stellen und Kanälen vorbei den Konflikt zu eskalieren, ist nicht auszuschließen. Larry Johnson, der damals auf Seiten der CIA und des Militärgeheimdiensts mit dabei war, schreibt:
“Ich halte die Situation in der Ukraine für weitaus gefährlicher als das, was in Syrien passiert ist. Russlands nationale Sicherheit steht auf dem Spiel, und der Westen gerät in Panik angesichts der Aussicht, dass die Ukraine zur Unterwerfung gezwungen werden könnte. Zumindest tut Russland das Richtige – es warnt die betroffenen Länder präventiv, dass es weiß, was geplant ist, und dass es geeignete Maßnahmen ergreifen wird, um einen solchen Angriff abzuwehren, falls er stattfindet. Wir sitzen auf einem nuklearen Pulverfass. Beten Sie, dass sich kühlere Köpfe durchsetzen.”
Dass US-Verteidigungsminister Austin letzte Woche erstmals seit Mai (und am Sonntag gleich noch einmal) mit seinem direkten Counterpart Sergej Shoigu telefoniert hat, scheint da ein gutes Zeichen. Die höchsten Verantwortlichen im Pentagon und im Kreml wissen, dass sie auf einem Pulverfass sitzen und haben kein Interesse daran, dass auf konspirativen Rattenlinien von Hasardeuren daran gezündelt wird und werden das hoffentlich verhindern. Insofern sehe ich den nuklearen Hype aktuell eher gelassen – keine Seite kann die garantierte gegenseitige Vernichtung riskieren.
(wird fortgesetzt)
Alle bisher erschienen “Notizen” hier
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Soeben erschienen:
Mathias Bröckers : Vom Ende der unipolaren Welt , Fifty-Fifty (2022), 288 Seiten, 20 Euro
Der internationale Bestseller über die Geschichte und Hintergründe des Ukraine-Kriegs:











