Notizen vom Ende der unipolaren Welt – 57

Seit heute ist “Vom Ende der unipolaren Welt” überall im Buchhandel erhältlich. In dem Gespräch, das ich mit Robert Stein über das Buch geführt habe, meinte er am Ende, er sei schon auf die Fortsetzung “Vom Anfang der multipolaren Welt” gespannt. Das bin ich auch, selbst wenn ich eine Fortsetzung des Buchs gar nicht vorhabe, doch diese Transformation ist unausweichlich. Wir stehen am Ende einer unipolaren Welt, in der Washington und Wall Street die Regeln der »regelbasierten internationalen Ordnung« bestimmen und mit Gewalt durchsetzen konnten. Und am Beginn einer multipolaren Ordnung, bei deren Regeln Moskau und Peking und mit ihnen nahezu der gesamte »globale Süden« ihr Wort mitreden werden. Die politischen Gezeiten und die globale Tektonik verschieben sich, das “amerikanische Jahrhundert” wird sich – wie die Zeitalter aller großen Imperien – wegen Überdehnung und Überheblichkeit aus der Weltgeschichte verabschieden: “Diese Entwicklung »zivilisiert« – mit Vernunft, Verhandlungen, Diplomatie – verlaufen zu lassen und nicht »barbarisch« – mit Raketen, Bomben, Krieg – ist die große Herausforderung unserer Tage. »Verstehen«, warum Putin Krieg in der Ukraine führt, hat nichts mit »Verehren« des Präsidenten oder akzeptieren der Invasion zu tun, ist aber Grundvoraussetzung, um das Gemetzel zu stoppen…” heißt es dazu im Nachwort.
Und wenn dann endlich verhandelt wird, über die unausweichliche Teilung der Ukraine, werden Moderatoren mit historischer Erfahrung mit geteilten Ländern, Mauerbau etc. gebraucht, Experten bei der (halbwegs) zivilisierten Organisation der Grenzen und Gräben im Kalten Krieg, der Spaltung zwischen den “Blöcken” : die Deutschen. Mit dem Ziel, dass es künftig an den (provisorischen) Grenzen zur Ostukraine so (vergleichsweise) unblutig verläuft wie 25 Jahre lang an den Grenzen zu Ostdeutschland. Verhandlungsort: Checkpoint Charlie, Berlin. Zugegeben ist eine solche Friedensmission mit Olaf “Kein Diktatfrieden Putins” Scholz und Annalala “Russland ruinieren” Baerbock derzeit  undenkbar, aber ihr Kollege Habeck – der beste Wirtschaftsminister, den Russland je hatte – arbeitet derart zügig, dass ein Gesinnungswandel bald unvermeidlich wird.

Laut verschiedenen Berichten hat der russische Verteidigungsminister seinen westlichen Kollegen gegenüber in den letzten Tagen ernsthafte Besorgnis geäußert, dass die Ukraine eine nukleare dirty bomb einsetzen könnte, um sie Russland in die Schuhe zu schieben und eine Antwort der NATO zu provozieren. Dass solche False Flag Operationen  zum Repertoire westlicher Kriegsführung gehören, war zuletzt im Syrien-Krieg zu erleben, als im letzten Moment verhindert wurde, dass ein nicht von der Assad-Regierung, sondern von den “moderaten Rebellen” selbst verübter Giftgas-Anschlag, zu einem Bombardement von Damaskus geführt hätte:

“Im August 2013 standen die Truppen der USA, Englands und Frankreichs kurz davor, mit Bombardements in den syrischen Konflikt einzugreifen, weil nach mehreren Giftgaseinsätzen, die der Assad-Regierung zugeschrieben wurden, laut Präsident Obama eine »rote Linie« überschritten war. Nachdem am 21. August in der Region Ghuta erneut mehrere hundert Zivilisten durch den Einsatz chemischer Waffen ums Leben gekommen waren, legte Präsident Obama den Termin des Bombenangriffs auf den 2. September fest, England verlegte ein U-Boot und Kampfflugzeuge nach Zypern, eine Staffel der französischen Luftwaffe wurde in Bereitschaft versetzt. Ohne Frage wäre es zu diesem Angriff auf Damaskus gekommen – der US-Präsident hatte ihn sogar schon öffentlich angekündigt. Dass er im letzten Moment abgewandt wurde, ist einem russischen Agenten zu verdanken, der dem britischen Geheimdienst MI6 ein Muster des in Ghuta verwendeten Giftgases zukommen ließ – samt eines vertrauenswürdigen Belegs, dass dieses nicht aus russischen Beständen stammte und daher auch nicht im Arsenal von Assad gewesen sein konnte. Nachdem die Chemiker des MI6 dies geprüft hatten, funkten sie eilig nach Washington: »Wir wurden reingelegt!«
Wie dies geschah, deckte Seymour Hersh in zwei investigativen Reportagen einige Monate später auf: Als eine klassische »False-Flag-Operation« hatten die »Rebellen« selbst das Giftgas eingesetzt. Die Kampfstoffe stammten aus der Türkei und waren auf der von der CIA eingerichteten »Rattenlinie« zur Versorgung der Aufständischen nach Syrien gebracht worden. Mit dem von der Türkei, Katar und Saudi-Arabien ausgeheckten Plot sollten die Großmächte in den Konflikt hineingezogen werden, was Russland verhinderte und danach einen Deal mit Assad aushandelte, sämtliche syrischen Chemiewaffen zu vernichten.”

Bröckers/Schreyer: Wir sind immer die Guten, 2019, S.57

Dass jetzt erneut solche “Rattenlinien” genutzt werden, um an offiziellen Stellen und Kanälen vorbei den Konflikt zu eskalieren, ist nicht auszuschließen. Larry Johnson, der damals auf Seiten der CIA und des Militärgeheimdiensts mit dabei war, schreibt:

“Ich halte die Situation in der Ukraine für weitaus gefährlicher als das, was in Syrien passiert ist. Russlands nationale Sicherheit steht auf dem Spiel, und der Westen gerät in Panik angesichts der Aussicht, dass die Ukraine zur Unterwerfung gezwungen werden könnte. Zumindest tut Russland das Richtige – es warnt die betroffenen Länder präventiv, dass es weiß, was geplant ist, und dass es geeignete Maßnahmen ergreifen wird, um einen solchen Angriff abzuwehren, falls er stattfindet. Wir sitzen auf einem nuklearen Pulverfass. Beten Sie, dass sich kühlere Köpfe durchsetzen.”

Dass US-Verteidigungsminister Austin letzte Woche erstmals seit Mai (und am Sonntag gleich noch einmal) mit seinem direkten Counterpart Sergej Shoigu telefoniert hat, scheint da ein gutes Zeichen. Die höchsten Verantwortlichen im Pentagon und im Kreml wissen, dass sie auf einem Pulverfass sitzen und haben kein Interesse daran, dass auf konspirativen Rattenlinien von Hasardeuren  daran gezündelt wird und werden das hoffentlich verhindern. Insofern sehe ich den nuklearen Hype aktuell eher gelassen – keine Seite kann die garantierte gegenseitige Vernichtung riskieren.

(wird fortgesetzt)

Alle bisher erschienen “Notizen” hier

Wenn Sie die Arbeit an diesem Blog unterstützen wollen: kaufen, empfehlen, verschenken Sie meine Bücher. Vielen Dank!

Soeben erschienen:
Mathias Bröckers : Vom Ende der unipolaren Welt , ‎ Fifty-Fifty (2022),  288 Seiten, 20 Euro

 

 

 

 



Der internationale Bestseller über die Geschichte und Hintergründe des Ukraine-Kriegs:

Mathias Bröckers/Paul Schreyer: Wir sind IMMER die Guten – Ansichten eines Putinverstehers oder wie der kalte Krieg neu entfacht wird, Westend Verlag (2019)

 

 

Materialermüdung

Es ist mal wieder Buchmesse, doch der Trend zum Zweitbuch, so die über Umsatzrückgänge klagenden Verlage, scheint zu stocken. Umso wichtiger, alle Lesefähigen auf lesenswerten Stoff aufmerksam zu machen. Hier deshalb mein Hinweis auf den besten Roman der Saison.

Als junger Student hatte ich mir 1974 aus der Scheune eines Bauern für 300 Mark einen Mercedes 180 D gekauft und mit Hilfe von Freunden fahrbereit gemacht. Der Wagen war  20 Jahre alt, hatte 160.000 Kilometer auf dem Buckel und noch ein paar Monate TÜV. Aber mit dem Stoffschiebedach und den vier Lautsprechern, die wir eingebaut hatten –  Casettenrecorder im Handschuhfach –  ein Traumauto. Bevor ich damit dann das erste Mal auf große Fahrt nach Berlin inklusive Transit durch die DDR ging und es keine erfreuliche Aussicht war, bei einer Panne im Osten von einem anderen Transitreisenden zwangsabgeschleppt zu werden, redete ich dem Auto bei der Abfahrt gut zu und tätschelte das Armaturenbrett. Ich weiß nicht mehr, ob ich ihm dann auch einen Liter frisches Öl oder eine andere Belohnung für brave Dienste versprochen habe, aber mit dem Auto zu reden wie zu einem treuen Hund wurde zu einer Gewohnheit.
Nicht nur auf den über 50.000 Kilometern, die ich mit dem 180er noch absolvierte, sondern auch bei seinem Nachfolger mit „Heckflosse“ – und auch noch bei einigen anderen Geräten. Zum Beispiel dem ersten Nadeldrucker, der Mitte der 80er ins Haus kam, brav ratterte wie ein Diesel und ganze Bücher ausdruckte – aber nur, wenn ich daneben sitzen blieb. Schnell mal in die Küche einen Kaffee trinken, um dem Sägewerk-Sound zu entkommen, war eine Garantie für „Error“ und Papierstau. Die Anwesenheit im Zimmer aber genügte, ohne weiteres Zutun spulte der Drucker Seite um Seite ab.
Als ich dann einige Jahre später über diese Kontakte und „Gespräche“ mit sprachlosen Dingen, Geräten oder Zimmerpflanzen einen Artikel im „Zeit“-Magazin schrieb, kam ein ganzer Berg von Leserbriefen, die von ähnlichen Erfahrungen berichteten und überzeugt waren, dass bei aller Unerklärlichkeit irgendetwas dran sein muss an diesen mentalen Kontakten mit (scheinbar) unbelebter Materie. Und auch ich bilde mir immer noch ein, dass mein emphatischer Zuspruch die unvermeidlichen Materialermüdung des betagten 180ers zwar nicht verhinderte, aber doch hinauszögerte.
Diese Geschichten fielen mir jetzt wieder ein, als ich den Roman „Materialermüdung“ von Dietrich Brüggemann las, in dem es aber nicht um derartigen Neo-Animismus geht, sondern um Materialermüdung in einem sehr viel umfassenderen Sinne. Dergestalt dass sich am Ende sogar die ganze Materie auflöst und der Berliner Fernsehturm zusammenstürzt.
Vorher aber geschieht so Einiges: „Als Jacob und Maya von Jacobs Vater aus seinem Garten herausgeworfen werden, ahnen sie noch nicht, dass dies der Anfang vom Ende ist – vom Ende ihrer Beziehung, aber auch vom Ende der Welt. Gemeinsam mit ihrem Freund Moses navigieren sie einen Herbst lang durch die Untiefen eines Lebens zwischen Kulturszene, Social Media, künstlicher Intelligenz und postmoderner Ellbogengesellschaft. Doch spätestens, als Moses sich auf Twitter anmeldet, um dort seine verschollene Schwester zu suchen, wird deutlich, dass das Leben der drei Freunde sich mehr verändern wird, als sie es ahnen. Denn die geplante Obsoleszenz, aufgrund derer heute jedes Gerät nach vier Jahren den Geist aufgibt, hat schleichend die ganze Welt befallen, und eine große Materialermüdung breitet sich aus.“

Soweit der Klappentext, der mich neugierig machte. In den Leserbriefen damals hatten auch einige von der Erfahrung berichtet, dass Geräte in ihrem Haushalt oft in Serie kaputt gehen, als ob sie sich untereinander „absprechen“. Aber auch darum geht es hier nicht, obwohl gegen Ende hin so einiges kaputt geht, weil der unsympathische Vater, der einen verschwörungstheoretischen „Sokrates“- Report herausgibt, letztlich Recht behält: ein Experiment im Teilchenbeschleuniger CERN sorgt dafür, dass die Materie zerfällt. Langsam aber sicher, genauso wie das Material und der Zusammenhalt des Theaterkollektivs und seinem Projekt zum Thema Obsolenz oder die Fake-Identität von Moses. Der verdankt seine Existenz einem One-Night-Stand der Mutter mit einem Türken, seinen Vornamen ihrem philosemitischen Holocaust-Tick und den Nachnamen Goldberg seinem biodeutschen Vater aus Gießen, der schwer krebskrank und nicht mehr sicher ist, ob die Töchter Rachel und Hannah wirklich von ihm stammen. Nicht nur die Materie, auch der Stoff, der Beziehungen, Familien, Liebe und Träume zusammenhält, ermüdet und zerfällt in diesem Roman, der trotz all dem was da in die Binsen geht, so gar nicht depressiv und apokalyptisch stimmt. Auch wenn mehr Katastrophe als in „Materialermüdung“ kaum geht. Selten wurde der Weltuntergang so leichtfüßig und witzig erzählt, wie in diesem Road-Movie aus der hippen Berliner Kulturszene, deren „woke“ und „diverse“ Bubble sich als genauso beknackt und zunehmend dysfunktional erweist wie die sie umgebenden Geräte.
Ich gratulierte dem Autor per email zu seinem tollen Roman, nachdem ich auf den ersten 100 Seiten schon mehrfach laut lachen musste und unbedingt weiterlesen wollte – was mir bei zeitgenössischer Prosa, die ich als Literatur-Redakteur über viele Jahre regelmäßig las, äußerst selten passierte. Das meiste, was in Wettbewerben und Verlagsprogrammen an Debüts auftauchte, wanderte in die Ablage „kalter Kafka“ und nachdem ich es mir mit Günter Grass verscherzt hatte, weil ich seinen Roman „Die Rättin“ als „gescheiterten Tierversuch“ kritisiert hatte, gab ich das Rezensionshandwerk auf. Wenn nicht mal gestandene Nobelpreisträger Kritik aushalten, darf man Jungliteraten und Debütantinnen doch kein Leid antun und ihre Texte in die Tonne treten, sondern kann nur schweigen – oder loben.
Als ich weitere 100 Seiten gelesen hatte war klar, dass hier der seltene Fall eines Debutromans vorliegt, der nicht beschwiegen werden, sondern nur und in hohen Tönen gelobt werden muss. Nicht nur weil ich immer wieder lachen musste und Dietrich Brüggemann einfach gut schreiben kann, sondern weil dem Autor – von Hause aus Filmmacher und Musiker – hier eine sehr vielschichtige Kombination und Komposition gelungen ist: ein Katastrophenfilm, in einer Liebes und Beziehungsgeschichte, in einer Satire auf todernste Wokeness-Lappalien , in einer Kritik der Frankenstein-Gefahren unkontrollierter Wissenschaft und der Ununterscheidbarkeit  von Faktencheckern und Verschwörungstheoretikern,  in einem  „Sittenbild“ (hätte man ganz früher gesagt)  der Berliner Generation Y  in der Post-Postmoderne. Mit einem „Wow!“ und dem Ziehen meines nicht vorhandene Hutes klappte ich das Buch nach 490 Seiten zu.
Aber ich hatte etwas vergessen, die „Süddeutsche“ (26.9.22) klärte auf:
„Zu alldem muss man dann wissen, dass der Autor Brüggemann 2021 maßgeblich hinter der Aktion #allesdichtmachen stand. Schauspieler, Regisseure und andere Künstler kritisierten damals in kleinen Videos die Corona-Schutzmaßnahmen, indem sie ironisch noch härtere Einschränkungen forderten.“
Muss man zur „Blechtrommel“ wissen, dass Grass für die SPD getrommelt hat, oder zum „Prozess“, dass Kafka Versicherungsangestellter war?
„Der Autor ist natürlich nicht mit seinen Figuren zu verwechseln, aber wegen dieser Vorgeschichte schwebt über dem Roman nun trotzdem der ständige Verdacht, dass hier im Plauderton eines hippen Berliner Gesellschaftskritikromans (…) Schwurbeltheorien verbreitet werden sollen.“

Auf den Verdacht, dass im  „Prozess“ Versicherungspolicen verbreitet werden sollen und in der „Blechtrommel“  Sozialismus, bin ich nie gekommen, aber bei der „Vorgeschichte“ der Autoren und auch wenn man sie nicht mit ihren Figuren verwechseln sollte, ist ein „Verdacht“ natürlich nicht auszuschließen.
Was „Schwurbeltheorien“ betrifft finden sich in diesem Roman allerdings schon deshalb keine, weil er vor der Pandemie spielt, in der dieser Begriff zwecks Säuberung des Meinungskorridors erst erfunden wurde. Auch der fiktive „Sokrates“-Report und die fatalen Materieexperimente im CERN Teilchenbeschleuniger, die zentral für den Plot sind, spielen nur im Hintergrund eine Rolle. Was den Rezensenten stört, ist nicht, was die Figuren sagen oder tun, sondern die Haltung des Autors, weshalb er in die Geschichte eine „Ideologieebene“ hinein liest und in der Überschrift bekundet: „Nehmt euch in acht vor der Wissenschaft!“ 
Nun gut – so kann man auch „Faust“ oder „Frankenstein“ als ideologisch fragwürdig verdächtigen und Goethe oder Mary Shelley in die „Querdenker“-Schublade verbannen. Hat vor 200 Jahren kein Rezensent getan, aber es wäre an der Zeit, hier mal genauer zu schauen. Ob Skepsis, Zweifel, Kritik an „der Wissenschaft“ noch erlaubt sein können,   wo diese doch gerade die Wahrheit – und nichts als die Wahrheit –  über die Killereigenschaften des Virus und die Effizienz der Impfung herausgefunden hat?  Sind die Experimente eines Dr. Faust oder Dr. Frankenstein einer sensitiven, post-pandemischen Lektüre noch zumutbar? Und wenn ja, kommt es auf diese Figuren und ihre Geschichten an, oder auf die Haltung des Autors, der sie erzählt ? Ich denke, wir sollten uns besser vor einer solchen Literaturkritik in Acht nehmen, als vor „der Wissenschaft“.  Und was das „Schwurbeln“ und die Theorien betrifft, dass die letzten Geheimnisse des Universums und der Materie tatsächlich in den Teilchenbeschleunigern des CERN gelüftet werden: Gerade wird von dort gemeldet, dass die Fortsetzung der Experimente gefährdet ist. Nicht wegen der vielfältigen Zweifel an ihrem Sinn, und auch nicht wegen drohender Materialermüdung, sondern wegen der Energiekosten. Nehmt euch in acht vor der Sanktionspolitik!

Dietrich Brüggemann: Materialermüdung, Edition W, , Frankfurt  2022, 490 Seiten, 25 Euro

Notizen vom Ende der unipolaren Welt – 56

So gelassen, wie die Bundesregierung mit Terroranschlägen auf deutsche Infrastruktur umgeht, hat es den Anschein, dass man wie einst einst Merkel gegen das “Abhören” nunmehr auch gegen das “Pipelinesprengen unter Freunden” einfach nichts machen kann. Und nicht einmal sagen darf, ob und wie man gedenkt, den Anschlag zu ermitteln und den Tätern auf die Spur zu kommen. Man sei, so erfuhr Sahra Wagenknecht auf eine kleine Anfrage, „nach sorgfältiger Abwägung zu dem Schluss gekommen, dass weitere Auskünfte aus Gründen des Staatswohls nicht – auch nicht in eingestufter Form – erteilt werden können.“

Schön mal wieder von ihm  hören, dem guten alten “Staatswohl”, dem es gesundheitlich  ja ziemlich gut zu gehen scheint, wenn es den Verlust wichtiger Versorgungsadern so locker hinnehmen kann. Und es seiner Gesundheit sogar für zuträglich hält, sich um mögliche Ursachen keinen Gedanken zu machen oder Auskünfte zu geben. Staaten, denen von Terroristen wichtige Versorgungseinrichtungen zerstört werden, würden normalerweise Zeter und Mordio schreien und alle Fahndungsregister ziehen, um die Täter hinter Schloss und Riegel zu bringen. Und ihre Bürger, für deren Sicherheit und Infrastruktur der Staat verantwortlich ist,  regelmäßig auf dem Laufenden halten – über den Stand der Ermittlungen und der Planungen, solche Terrorattacken künftig zu verhindern:  Task-Force, Sonderstäbe, Untersuchungsausschüsse, das ganze Programm. Wie so etwas aussieht, wenn ein Staat alles in  Bewegung setzt, um einen Terroranschlag aufzuklären, kann man an den an detaillierten Erkenntnissen sehen, die russische Ermittler innerhalb kurzer Zeit über den Tathergang und die Täter der Attacke auf die Krim-Brücke  gewonnen und veröffentlicht haben .  Auch wenn sich noch nicht beurteilen lässt, wie “gerichtsfest” die vorgelegten Beweise sind, gewinnt man zweifellos den Eindruck: so geht Anti-Terror-Ermittlung und Polizeiarbeit. Während hierzulande unter Berufung auf die  „Third-Party-Rule“ für die internationale Zusammenarbeit der Geheimdienste entspanntes Nichtstun und verordnetes Aussitzen herrscht. Und nicht einmal Abgeordnete und die parlamentarische Geheimdienstkontrolle erfahren dürfen, ob und wie die Regierung den Anschlag aufzuklären gedenkt.

Die Schweden waren als direkte Anrainer zuerst am Tatort, wollen aber “unter Freunden” nicht verraten, was ihre Taucher dort möglicherweise ans Spuren gefunden haben. Dass es der Ausweis eines russischen Matrosen war, ist immerhin ausgeschlossen, denn das wäre sofort gemeldet worden. Die deutsche Bundespolizei ist nach knapp zwei Wochen dann auch mal gemütlich zur Besichtigung des Tatorts aufgebrochen, was dann immerhin eine Eilmeldung der “Tagessschau” wert war – allerdings nur, weil man  keine passende Tauchausrüstung dabei hatte und unverrichteter Dinge wieder abzog. Auch Profis können ja mal vergessen, dass die Ostsee 70 Meter tief ist und wenn sie es für das “Staatswohl” tun, um so besser…

Es fragt sich allerdings,  um welchen Staat und sein Wohl und Wehe es hier eigentlich geht. Nehmen wir mal an, die amerikanischen “Freunde”, denen deutsche Energieversorgung aus Russland seit über 50 Jahren ein Dorn im Auge ist – siehe dazu “Der unverziehene Strang nach Osten” (Spiegel, 12/1982)  – haben ihre  britischen, polnischen und skandinavischen Vasallen angespitzt, die Nordstream-Pipelines zu sprengen. Die deutschen Dienste lässt man bei dieser Operation außen vor, erinnert sie dann aber an ihr Schweigegebot und lässt sie auch nicht selbst ermitteln. Weshalb mit der Berufung der Bundesregierung auf das “Staatswohl” auch nicht der deutschen Staat gemeint  sein kann, sondern nur das Wohl der “Third Parties”, der “Freunde” in den USA und ihre Vasallen. Dass die Attacken auf die Nordstream-Pipeline, ähnlich wie 2014 die auf den Flug MH-17 über der Ukraine (oder wie 9/11), nicht wirklich ermittelt und aufgeklärt werden, sondern “auf dem weiten Feld der Spekulationen, Schuldzuweisungen und Verschwörungstheorien versumpfen” , hatte ich hier  (Notizen *52)  schon angemerkt. Genau so scheint es zu laufen. Und es sollte sich niemand wundern, wenn in ein paar Wochen dann “Bellingcat” oder andere “Faktenchecker” in Propagandadiensten mit einer Super-Recherche die Unterwasser-Smoking-Gun aufdecken, die dann doch auf Täter  aus dem “Umfeld Putins” verweist…

Unterdessen beklagt die US-Journalistin Ann Applebaum, Gattin des polnischen Ex-Ministers, der sich für den Nordstream-Anschlag mit “Thank You, USA” bedankte, dass man aus Deutschland keine Panzer an Kiew liefert, weil man sich einen Sieg der Ukraine einfach nicht vorstellen will: “Wie wird es Europa verändern, wie wird es Russland verändern, wie wird es das Gleichgewicht der Kräfte verändern? Ich glaube, dass die Situation mit den Panzern genau damit zusammenhängt.” Sie glaubt bei ihrem Talk im “Progressiven Zentrum” auch noch ganz viel anderes, hat aber entweder keinen Schimmer, dass nach aktuell 5876 zerstörten Panzern der ukrainischen Armee ein paar hundert mehr keine Rolle mehr spielen, oder will für ihre Auftraggeber im Militärisch-Industruellen-Komplex einfach nur diese wunderbare Abwrackprämie beibehalten, für die auf ukrainischer Steppe derzeit von den Russen gesorgt wird. Dass es nach der General-Strategie des Pentagon – “unterbreche niemals den Geldfluß!” – aber noch ein ganze Weile so weiterergeht, ist nicht zu erwarten, denn nicht den Russen, sondern dem Westen gehen die Waffen aus. 
Da kann auch die kriegslüsternste Propaganda aus “Progressiven Zentren” nicht helfen, in denen die neokonservative Rechte und  die woke Linke Hand in Hand in den “Woke War III” marschieren. Erstere sind was den Bellizismus betrifft in Wort und Schrift zwar stets ganz vorne mit dabei, haben aber wenn es um realen Krieg geht bisher jeden verloren, den sie angezettelt haben; letzere sind was Krieg betrifft theoretisch und praktisch völlig ahnunglos, wollen aber vom Kindertisch aus “in dienender Führungsrolle” (R.Habeck) vorne mit dabei sein, beim “Sieg in der Ukraine”. Den wird es indessen nicht geben und spätestens wenn General Winter das Regiment übernimmt wird das auch diese Neocon-Grüne-Querfront merken und hoffentlich vom Hof gejagt. Ihrem semi-debilen Führer Joe Biden blüht das schon bei den Halbzeit-Wahlen Anfang November….

Alle bisher erschienen “Notizen” hier

Am 20. Oktober 2002 erscheint:
Mathias Bröckers : Vom Ende der unipolaren Welt , ‎ Fifty-Fifty (2022),  288 Seiten, 20 Euro

 

 

 

 



Das Buch über die Geschichte und Hintergründe des Ukraine-Kriegs:

Mathias Bröckers/Paul Schreyer: Wir sind IMMER die Guten – Ansichten eines Putinverstehers oder wie der kalte Krieg neu entfacht wird, Westend Verlag (2019)

 

 

 

 

 

 

 

 

Notizen vom Ende der unipolaren Welt – 55

Auch wenn das Regime in Kiew nichts Besseres zu tun hatte, als den Terroranschlag auf die Krim-Brücke mit einer Briefmarke feiern zu lassen, gehen wir nicht davon aus, dass die russische Post jetzt mit einer Serie zerstörter Gebäude in Kiew kontert, zumal nach den massiven Raketenangriffen auf zahlreiche Einrichtungen der Energieversorgung und Infrastruktur überall im Land dafür schon ein Sammelalbum notwendig wäre.
Außerdem wissen die Russen, dass Kriege nicht mit Propaganda und Lügen gewonnen werden, sondern “on the ground”. Angriffe auf ukrainische “Kontrollzentren” hatte Putin schon seit Monaten mehrfach angedroht, wenn die Attacken auf die Donbass-Region nicht gestoppt werden. Überrascht sein konnten davon jetzt nur “Informationskrieger”, die ihrer eigenen Propaganda auf den Leim gegangen sind und glauben, dass Russland “die Raketen ausgehen” und “Putins Niederlage” kurz bevorsteht.
Stattdessen scheint jetzt eher das Gegenteil der Fall, wenn die von überall gemeldeten Stromausfälle sich fortsetzen, könnte bald die ganze Ukraine still stehen, weil mit dem Stromnetz auch Bahn, Kommunikation, Wasserpumpen etc.pp. ausfallen. Bisher hatte Russland bei seiner “Speziellen Militäroperation” kaum Infrastruktur angegriffen, aber damit ist es seit dem Montagmorgen vorbei.

Bei meinen Prognosen vom Beginn der Invasion, dass sie wegen der Überlegenheit der russischen Streitkräfte nur wenige Monate dauern wird, war ich davon ausgegangen, dass von Anfang an mit derartigem “Shock &Awe”-Raketenhagel im amerikanischen Stil vorgegangen wird. Eine langsame, “schonende” SMO, wie sie Russland dann durchführte, konnte ich mir nicht vorstellen, aber die Absicht – so wenig Zerstörung wie möglich, so viel Druck auf den Gegner wie nötig, und die Tür für Verhandlungen immer offen halten – wurde dann klar. Wie auch die Tatsache, dass Verhandlungen nicht von Zelensky selbst, sondern von seinen westlichen Geldgebern und Ausrüstern verhindert wurden. Noch im April und Mai wäre es möglich gewesen, die Ukraine in ihren seit 1991 existierenden Grenzen zu erhalten, abzüglich der Krim und inklusive von vier Regionen mit einem Autonomiestatus a lá “Minsk 2”. Weil aber der Krim-Hafen Sebastopol und Kontrolle über das Schwarze Meer in Washington und London auf der To-Do-Liste stehen, war solch ein Friedensschluss unmöglich.
Seine euro-atlantischen Bosse machten dem Ex-Komiker deshalb Geld- und Waffen-Angebote, die er nicht ablehnen konnte. Und jetzt ausbaden muss, weil der eurasische Boss die Faxen dicke hat und ihm mächtig aufs Dach gibt. während seine NATOstan-Kumpels, außer schwerer Empörung und heftiger Anfeuerung bis zum letzten Ukrainer zu kämpfen, nichts zu bieten haben. Apropos: Was macht eigentlich die sagenhafte US-Luftabwehr wenn man sie mal braucht?
Mit den Attacken auf strategische Energieknotenpunkte und Infrastruktur beginnt die dritte Phase der russischen “Militäroperation”. Die nicht nur ein neues Gesicht hat – “Shock`n Awe” – sondern auch einen humorlosen Geschäftsführer, vor dem nicht nur Ex-Komiker besser in Deckung gehen sollten, wie Pepe Escobar empfiehlt:

Das Gesicht von Russlands Shock’n Awe ist der neue russische Befehlshaber der Luft- und Raumfahrtstreitkräfte, Armeegeneral Sergej Surowikin: der neue Oberbefehlshaber der nun völlig zentralisierten SMO….Surowikin ist weithin geachtet – und gefürchtet: Sein Spitzname ist “General Armageddon”. Andere nennen ihn “Kannibale”. Surowikin ist seit 2017 Befehlshaber der russischen Luft- und Raumfahrtkräfte, wurde für seine unnachgiebige Führung der Militäroperation in Syrien mit dem Titel “Held Russlands” ausgezeichnet und hatte in den 1990er Jahren Erfahrung vor Ort in Tschetschenien. Surovikin ist nun der Dr. Shock’n Awe mit vollem Freibrief…
Der MI-6 hat, relativ gesehen, einige gut platzierte Maulwürfe in Moskau. Die Briten hatten den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Zelenskij und den Generalstab gewarnt, dass die Russen am Montag einen “Warnschlag” durchführen würden. Was dann geschah, war kein “Warnschlag”, sondern eine massive Offensive mit über 100 Marschflugkörpern, die “aus der Luft, zu Wasser und zu Lande”, wie Putin bemerkte, gegen ukrainische “Energie-, militärische Kommando- und Kommunikationseinrichtungen” eingesetzt wurden.
Der MI6 erklärte außerdem, “der nächste Schritt” werde die vollständige Zerstörung der ukrainischen Energieinfrastruktur sein. Das ist kein “nächster Schritt”: Er findet bereits statt. In fünf Regionen, darunter Lwiw und Kharkow, ist die Stromversorgung vollständig ausgefallen, und in fünf weiteren, darunter Kiew, kommt es zu ernsthaften Unterbrechungen. Über 60 Prozent der ukrainischen Stromnetze sind bereits ausgefallen. Über 75 Prozent des Internetverkehrs sind unterbrochen. Elon Musks netzzentrierte Kriegsführung Starlink wurde vom Verteidigungsministerium “abgeschaltet”.

Shock’n Awe wird wahrscheinlich in drei Stufen ablaufen.
Erstens: Überlastung des ukrainischen Luftabwehrsystems (bereits im Gange).
Zweitens: Sturz der Ukraine in das finstere Mittelalter (bereits im Gange).
Drittens: Zerstörung aller wichtigen Militäreinrichtungen (die nächste Welle).

Die Ukraine steht kurz davor, in den nächsten Tagen in fast völlige Dunkelheit zu versinken. Politisch gesehen eröffnet sich damit ein völlig neues Spielfeld. In Anbetracht von Moskaus Markenzeichen, der “strategischen Zweideutigkeit”, könnte es sich um eine Art Neuauflage von Desert Storm handeln (massive Luftangriffe zur Vorbereitung einer Bodenoffensive); oder, was wahrscheinlicher ist, um einen “Anreiz”, die NATO zu Verhandlungen zu zwingen; oder einfach nur um eine unerbittliche, systematische Raketenoffensive, gemischt mit elektronischer Kriegsführung, um Kiews Fähigkeit, Krieg zu führen, endgültig zu zerstören. Oder es könnte alles zusammen sein.

Die entscheidende Frage ist, wie ein gedemütigtes westliches Imperium den Einsatz erhöhen kann, ohne gleich zum Atomkrieg überzugehen. Moskau hat zu lange eine bewundernswerte Zurückhaltung an den Tag gelegt. Niemand sollte vergessen, dass die Ukraine im eigentlichen Great Game – der Frage, wie das Entstehen einer multipolaren Welt koordiniert werden kann – nur ein Nebenschauplatz ist. Aber jetzt sollten die Nebendarsteller besser in Deckung gehen, denn “General Armageddon” ist auf dem Vormarsch.”

Pepe Escobar: Terror on Crimea Bridge forces Russia to unleash Shock’n Awe

Außer der Idee, “möglichst schnell” noch ein paar mehr Luftabwehr- Einheiten anzuliefern, sowie die Empörungsrhetorik weiter hochzufahren, ist dem kollektiven Westen noch nicht allzu viel eingefallen, wie sich das Narrativ vom Sieg “auf dem Schlachtfeld” (EU-Feldherr Borrell) noch halten lässt. Und wie man nach den hasserfüllten und aggressiven Tiraden gegen Russland jetzt wieder in kommunikative, diplomatische Gewässer zurückrudern kann. Wobei Ex-Präsident Medwedew am Montag auf Telegram seine “persönlichen Meinung” kundtat, dass zuvor “die vollständige Zerschlagung des politischen Regimes der Ukraine” ansteht, was bedeutet, dass Zelensky als Friedenspartner nicht mehr in Frage kommt. Sein Regime gilt  nach den Terrorattacken auf das AKW Saporischschja, Nordstream und die Krim-Brücke als nicht mehr verhandlungsfähig und rangiert in Moskau jetzt auf dem Niveau von ISIS und Al Qaida. Mit denen hatte General Surowikin schon in Syrien kurzen Prozess gemacht. Gestern früh, bevor die Hölle über Kiew losbrach,  wurde er mit dem Satz zitiert: “For the enemies of Russia, the morning does not start with coffee.”

Heute früh gilt dasselbe, überall im Land werden Energieknotenpunkte und strategische Einrichtungen getroffen. “Aber zum Glück sind Russland ja schon im  März die Raketen ausgegangen”, wird auf russischen Blogs gewitzelt, “die können nicht von uns sein!” Sind sie aber, und Dr. Shock`n Awe versteht keinen Spaß.  Vor 23 Jahren galt für die “Wertedemokratien” des Westens das Bombardement von Städten als Türöffner für den Frieden: “A massive bombig attack opens the door to peace”, titelte das “Time”-Magazin. Dass auch “General Armageddon” diese Tür knacken kann, ist ziemlich sicher. Aber es muss nicht 72 Tage dauern wie seinerzeit die NATO-Raketen auf  Jugoslawien. Deshalb muss JETZT geredet werden. Nicht empört und hysterisch, sondern ruhig und vernünftig – über Frieden.
(wird fortgesetzt)

Alle bisher erschienen “Notizen” hier
Das Buch über die Geschichte und Hintergründe des Ukraine-Kriegs:

Mathias Bröckers/Paul Schreyer: Wir sind IMMER die Guten – Ansichten eines Putinverstehers oder wie der kalte Krieg neu entfacht wird, Westend Verlag (2019)

 

 

 

 

 

Notizen vom Ende der unipolaren Welt – 54

Ob eine Überdosis des berüchtigten kolumbianischen Marschierpulvers die Ursache war, wissen wir nicht. Doch eine gefährliche Überdosis Größenwahn muss auf jeden Fall diagnostiziert werden, wenn der in Kiew regierende Ex-Komiker Zelensky jetzt “präventiv” einen atomaren  NATO-Angriff auf Russland fordert – um einen russischen Atomschlag auf die Ukraine unmöglich zu machen. Warum die NATO jetzt noch Russland bombardieren und eine globale atomare Vernichtung provozieren soll, wo ihre Proxy-Armee im Nordosten und Süden der Ukraine doch gerade derart erfolgreich ist, dass “Putins Niederlage” – wenn man CNN, ARD, Spiegel etc. folgt – quasi schon fest steht, erschließt sich nicht. Jedenfalls nicht logisch, weshalb wir andere Hilfsmittel vermuten, die zu derart wahnsinnigen, aberwitzigen Forderungen führen. Andererseits ist klar, dass die allseits verbreiteten Sieges,-und Triumphmeldungen der Zelensky-Truppe nicht viel mehr als heiße Luft sind und ihre Tage gezählt, wenn nach der russischen Teilmobilisierung die Kräfte der “Special Military Operation” demnächst verdreifacht werden. Mit kaum mehr als 150.000 Mann haben die Russen bisher über 20% des Landes unter Kontrolle gebracht – gegen eine doppelt so starke und mit Milliarden vom Westen aufgerüstete ukrainische Armee. Anders als in Syrien 2017, wo 5.000 russisch Helfer, 25 SU-Fighterjets und die S-400-Luftabwehr reichten, um die “moderaten Terroristen” bzw. ihre US-NATO-Chefs an den Verhandlungstisch zu bringen, reichte eine so “schlanke” Operation aber in der Ukraine nicht. Der als “Friedenspräsident” gewählte Ex-Komiker durfte nicht verhandeln, sondern wurde aus London und Washington  weiter in den Krieg getrieben. Einen Krieg, in dem Moskau nicht mehr Kiew gegenübersteht, sondern der NATO, die die Ukraine nur als Schlachtfeld und ihre Soldaten als Kanonenfutter benutzt. Es geht nicht und ging seit 2014 nie um eine friedliche Wiedervereinigung des Landes, es geht darum “Russland zu schwächen.”

Und was halluziniert der “Stürmer”-Spiegel: “Der Kremlchef steht mit dem Rücken zur Wand: Seine Armee verliert auf breiter Front und er muss um seine Macht fürchten. Vielleicht ist seine Drohung mit einem Nuklearangriff nur ein Bluff?” – Sie ist kein Bluff, weil Putin noch nie mit einem Nuklearschlag gedroht hat – vielmehr waren das schon im Februar der französische Außenminister – mit seinem Hinweis, man verfüge schließlich über Nuklearwaffen – und die neue britische Premieuse Liz Truss, die bekundete, dass sie (Steve Bell hat es für den Guardian festgehalten) selbstverständlich  auch den “roten Knopf” drücken wird. Putin hingegen  ist in seiner Rede zur Teilmobilisierung  am 21.9. genau darauf eingegangen:

“Sie haben sogar zur nuklearen Erpressung gegriffen. Ich beziehe mich nicht nur auf den vom Westen geförderten Beschuss des Kernkraftwerks Saporoshje, der die Gefahr einer nuklearen Katastrophe birgt, sondern auch auf die Äußerungen einiger hochrangiger Vertreter der führenden NATO-Länder über die Möglichkeit und Zulässigkeit des Einsatzes von Massenvernichtungswaffen – Kernwaffen – gegen Russland.
Ich möchte diejenigen, die solche Äußerungen in Bezug auf Russland machen, daran erinnern, dass auch unser Land über verschiedene Arten von Waffen verfügt, und einige von ihnen sind moderner als die Waffen der NATO-Länder. Im Falle einer Bedrohung der territorialen Integrität unseres Landes und zur Verteidigung Russlands und unseres Volkes werden wir mit Sicherheit von allen uns zur Verfügung stehenden Waffensystemen Gebrauch machen. Dies ist kein Bluff. Die Bürger Russlands können sicher sein, dass die territoriale Integrität unseres Vaterlandes, unsere Unabhängigkeit und unsere Freiheit – ich wiederhole – mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln verteidigt werden. Und diejenigen, die versuchen, uns mit Atomwaffen zu erpressen, sollten wissen, dass sich die Wetterfahne drehen und auf sie zeigen kann.”

Das ist keine Drohung mit einem Nuklearangriff, sondern eine Warnung, dass Russland sich verteidigen kann und wird. Mit dem Hinweis auf die “modernernen”, d.h. die hypersonischen Waffen, die konventionell bestückt jederzeit das Weisse Haus, Downing Street 10 oder das Kanzleramt in Schutt und Asche legen können, weil sie selbst mit einer  Stunde Vorwarnzeit – die Putin dem Zivilpersonal fairerweise einräumen dürfte –  nicht zu verteidigen sind. Wenn die Quartiere des T-Shirt-Kriegsherrn in Kiew und seiner NATOstan-Berater alsbald ohne Vorwarnung eliminiert werden, sollte sich aber niemand wundern. Ein nukleares “Armageddon” wie es die Wandermumie In Chief Joe Biden befürchtet, ist von russischer Seite aus überhaupt nicht nötig. Was soll also die Panik vor einer nicht vorhandenen und nie abgegebenen Drohung. “Könnte es sich um die Vorbereitung eines Zwischenfalls unter falscher Flagge handeln, bei dem eine US-amerikanische oder britische Atombombe in der Ukraine eingesetzt wird, um dann Russland die Schuld dafür zu geben, als Vorwand für ein umfassendes militärisches Engagement in der Ukraine?” fragt Bernhard bei MoonOfAlabama.
Ich glaube nicht, dass die “Angelsachsen” soweit gehen. Zumindest ihre Militärs wissen, dass sie in einem großen Krieg mit Russland sehr schlechte Karten haben und pfeifen ihre Oberfalken regelmäßig zurück. Sie wissen auch, dass die Gewinne von einigen Kilometern Steppe und ein paar leeren Dörfern keine Niederlage “auf breiter Front” bedeuten, wie ihre Propaganda-Schreiber halluzinieren, und Putin, mit einer Zustimmungsrate Ende September  von 82 %,  zu Hause keineswegs “mit dem Rücken zur Wand” steht. Und im Pentagon weiß man auch, dass Putins Ansage im Juli – “dass wir  – im Großen und Ganzen – noch gar nicht richtig angefangen haben” – kein hohler Spruch war, sondern dass die russischen Streitkräfte noch weitaus mehr auffahren können als in den ersten Monaten der “Militäroperation”. Und dass die unter großen Verlusten errungenen taktischen Geländegewinne der “Gegenoffensive” nur für PR-Triumphe im Informationskrieg taugen, strategisch aber am Ausgang der Schlacht nichts ändern, sondern eher  – wie Ex-Oberst Doug McGregor im Interview mit Aaron Maté sagt – “den Russen in die Hände spielen”. McGregor hat im Irak-Krieg Panzer-Divisionen kommandiert und kann die Lage “on the ground” realistisch beurteilen – wie wohl auch seine derzeit amtierenden Kollegen im Pentagon. Denen seit gestern dämmert, dass die Russen jetzt langsam “richtig anfangen”: die ukrainischen Truppen meldeten den Ausfall ihrer satelliten-gestützten “Starlink”-Kommunikation. Dass Elon Musk neuerdings auf Waffenstillstand und Verhandlungen drängt ist insofern nicht uneigennützig – wenn Russland ernst macht mit dem Satelliten-Jammer Tirada 2 ist Schluss mit GPS und Funkverkehr und wenn die Laserwaffe Peresvet zum Einsatz kommt, wäre Musks Satelliten-Flotte auf einen Schlag blind und zerstört. Wo mit den Attacken auf zivile Infrastruktur wie Nordstream oder wie jetzt auf die Kerch-Brücke zur Krim die Kriegsführung zunehmend “toxisch” wird, sind auch die Daten-und Kommunikations-“Pipelines” im Weltraum ein potentielles Ziel. Wobei  – dumm gelaufen für NATOstan –  die Russen nicht nur bei den hyperschnellen Raketen, sondern auch im “electronic warfare” ziemlich vorne liegen. Auch das wissen die verantwortlichen Militärs in den USA und wollen deshalb mehr als einen permanenten Kleinkrieg in der Ukraine nicht zulassen – notfalls bis zum letzten Krad-Melder, der auf freier Steppe dran glauben muss…

Und doch, bei aller Atomkriegsgefahr und Kuba-Krise reloaded, wie hier schon im Januar in der Hoffnung auf einen existierenden “Back-Channel” thematisiert, wächst mit Hölderlin zu sprechen “das Rettende auch”. Und das ist vielleicht beste Nachricht seit Monaten: “There is a new START !”.  Die USA und Russland stehen davor, das START-Abkommen zur Inspektion und Begrenzung von Nuklearwaffen wieder aufzunehmen. Dass hinter den Kulissen der medialen Panikmache vernünftig geredet wird und dabei sicher nicht nur Sprengköpfe und Inspektionen ein Thema sind, sondern auch der aktuelle Konflikt und mögliche Lösungen, stimmt bei aller Unsicherheit dann doch einigermaßen beruhigend…

(wird fortgesetzt)

Alle bisher erschienen “Notizen” hier
Das Buch über die Geschichte und Hintergründe des Ukraine-Kriegs:

Mathias Bröckers/Paul Schreyer: Wir sind IMMER die Guten – Ansichten eines Putinverstehers oder wie der kalte Krieg neu entfacht wird, Westend Verlag (2019)

 

 

 

Coming soon:

Das Buch zum Blog…das Blog als Buch, wie auch immer, die “Notizen” sind in der Druckerei und werden bald auch Schwarz auf Weiß vorliegen. Der offizielle Erscheinungstermin ist der 24. Oktober, Vorbestellungen nehmen die Buchkomplizen und die lokale Buchhandlung eures Vertrauens gerne entgegen. Weil vor und nach den hier  erschienenen Beiträgen auch Unveröffentlichtes steht, hat das Buch auch den regelmäßigen Besuchern dieser Seite noch ein wenig Neues zu bieten.
Auf dem Briefpapier meines verstorbenen Kollegen Hans-Georg Behr, der sich wie ich als freier Autor durchs Leben geschlagen hat, stand unter seinem Namen das Motto “Nimmt Geld für gute Worte”. In diesem Sinne hoffe ich, das möglichst viele Gratis-Leserinnen und -Leser meiner Worte diesem Hinweis folgend ein wenig Geld in die Hand nehmen und das Buch kaufen. Oder besser gleich zwei oder drei zum Weitergeben, denn der erbärmliche Zustand des aktuellen Journalismus hat tatsächlich dazu geführt, dass viele Zeitgenossen vom Ende der unipolaren Welt, der us-amerikanischen “Full Spectrum Dominance” und der Globalisierung wie sie sie kannten, noch gar nichts mitgekriegt haben.

Mathias Bröckers : Vom Ende der unipolaren Welt , ‎ Fifty-Fifty, Frankfurt 2022, 288 Seiten, 20 Euro
ISBN ‏ : ‎ 3946778372

Notizen vom Ende der unipolaren Welt – 53

Im April 2022 und noch einmal im  August hätte der Ukrainekrieg beendet sein können. Schon im Frühjahr waren der ukrainischen Armee die meisten ihrer sowjetischen Waffen ausgegangen und bei den von der Türkei moderierten Treffen waren die Vertreter aus Kiew und Moskau nahe an einem Kompromiss. Nach dem Scheitern dieser Verhandlungen gab es im August einen weitere Runde und Hoffnungen auf einen Waffenstillstand und vorläufige Friedensvereinbarungen, die aber schnell wieder zunichte gemacht wurden. Auch wenn die Frage,  warum die Kriegsparteien zu keiner Einigung kamen, sicher mehr als eine mono-kausale Antwort erfordert, war ein entscheidender Grund der Besuch, den Präsident Zelensky bekam, als seine Unterhändler auf Einladung von “Sultan” Erdogan mit den Russen verhandelten: Boris Johnson war aus London angereist und hatte seinen Freund Wolodomyr zur Brust genommen. Und schon war Schluss mit Verhandlungen und Kompromisslösungen.
Im Juni und noch im August – als BoJo als Premier schon abserviert war – folgten zwei weitere “Überraschungsbesuche” und der als Friedenspräsident angetretene und gewählte  Zelensky war wieder auf Linie und  in Hau-Drauf-Stimmung. Wenn man sagt, dass der Ex-Komiker im Präsidentenamt ein “Getriebener” ist,  muss das keine Anspielung  auf die Doping-Gerüchte um Zelensky sein, sondern eher ein Verweis auf den Antreiber, der ihn weiter in diesen Krieg hetzt.

Es ist also kein Zufall, wenn Putin in seiner Rede  zum “Beitritt” der vier Oblaste (Text auf englisch, z.Zt. keine deutsche Transkription auffindbar, ist bei historischen Reden mittlerweile unwichtig, wir haben ja “Experten” ,”Analysten” und Schurnalisten, UPDATE: Anti-Spiegel hat den Wortlaut  auf deutsch) auf die Hintermänner der Nordstream-Sabotage als “Angel-Sachsen” verweist: die Briten geben auf westlicher Seite den Spielführer und folgen dabei wie seit 120 Jahren der  Mackinder-Strategie: Frieden, Handel und Wandel im “Herzland” – Osteuropa in Verbindung mit Asien – um jeden Preis zu verhindern. Im  20. Jahrhundert ist das mit zwei Weltkriegen gelungen und derzeit tun sie mit dem großen Bruder in Amerika alles dafür,  auch im 21. Jahrhundert mit einem weiteren Weltkrieg auf europäischem Boden erneut klare Verhältnisse zu schaffen und einen eisernen Vorhang hochzuziehen, der Deutschland und Europa von Russland und Asien abschneidet.

Mit der Nordstream-Sprengung wurde jetzt unübersehbares Zeichen gesetzt, das den ökonomischen Schnitt besiegelt: das Geschäftsmodell Deutschlands, mit preiswerten Rohstoffen aus Russland global konkurrenzfähige Produkte zu exportieren, ist am Ende. Für Italien, Frankreich und andere EU-Staaten sieht es nicht besser aus, während sich für die USA, so Außenminister Blinken, “ungeheure Möglichkeiten” ergeben. Auch wenn Washington den Anschlag “verurteilt” klingt das doch  wie die Genugtuung eines Mafia-Bosses, der mit einem Coup der Konkurrenz auf dem Weltmarkt erfolgreich der Saft abgedreht hat.
Dass “Old Europe”, allen voran die deutsche Regierung, das ohne große Aufregung hinnimmt, kann eigentlich nur damit zu haben, dass man dort den Schuss nicht hören will und noch immer nicht gecheckt hat, dass man auf dem geopolitischen Schachbrett  gerade  geopfert wird.  Und sich Henry Kissingers  Ansage (aus dem verlorenen Vietnam-Krieg) – “To be an enemy of America can be dangerous, but to be a friend is fatal.” –  im Ukraine-Krieg jetzt wiederholt, der militärisch nicht gewonnen werden kann und dessen Fortsetzung für Deutschland eine Dekade brutalen  ökonomischen  Abstiegs bedeutet, die auch EU und Euro in ihrer heutigen Form kaum überleben werden. Willkommen in der US-Kolonie BRD, die nach dem ökonomischen Suizid auch auf Souveränität, Außenpolitik und eigene Währung verzichtet, sich aber wie Puerto Rico künftig “Freistaat” nennen darf (-; .

Dass Russland auf die Zerstörung seiner Pipelines nicht mit einem Gegenschlag und auch nicht mit martialischer Rhetorik reagierte, sondern “nur” eine akribische Aufklärung und Ermittlung  der genauen Täterschaft ankündigte, könnte – wie John Helmer vermutet – damit zu tun haben, das man von einer “Oktober Überraschung” Wind bekommen hat:

“Das bedeutet, dass die russische Regierung abwartet und verzögert. Vorerst wird es keine Vergeltungsmaßnahmen geben. Der Grund dafür ist, dass russische Offizielle die Biden-Administration verdächtigen, kurz vor dem Wahltag am 8. November eine “Oktober-Überraschung” vorzubereiten: einen Angriff auf die inländische US-Infrastruktur – zum Beispiel die Stromnetze -, der als russische Vergeltungsmaßnahme gemeldet wird, die es nicht gibt.
Die Angriffe auf Nord Stream waren eine Militäroperation der USA, Polens, Dänemarks und Schwedens, mit zusätzlicher NATO-Luftüberwachungsunterstützung von Stützpunkten in Italien aus. Politisch gesehen waren sie ein Angriff auf Deutschland, aber der deutsche Bundeskanzler Olaf Scholz hat noch nicht öffentlich gesagt, was er im Voraus wusste und was er jetzt weiß.”

…und wenn er überhaupt etwas weiß, wird er den Teufel tun und einen Ton verraten. Genauso wenig wie sein Vize Habeck, der ohnehin in “dienender Führungsrolle” für die USA tätig ist und nicht für die Interessen seines Landes. Was im Übrigen auch für fast alle seine EU-Kollegen gilt, die ihre Länder mit den Sanktionen in den Ruin und ihren Kontinent an die Schwelle eines Weltkriegs treiben. Weil sie mit Russland umspringen wie mit einem der wehrlosen Länder, die sie in den letzten Jahrzehnten überfallen haben. Zusammen mit den “Angelsachsen”, von denen Mark Twain 1906 schrieb: “Die Engländer und die Amerikaner sind Diebe, Wegelagerer und Piraten, und wir sind stolz darauf, zu dieser Kombination zu gehören.” Es war sein Kommentar auf eine Festrede im “Ends of The Earth Club” in New York, bei der führende Geschäftsleute und Intelektuelle den Redner “zwei Minuten lang” beklatschten, nachdem er bekundet hatte: “Wir sind von angelsächsischer Rasse, und wenn der Angelsachse etwas will, nimmt er es sich einfach.” Twain setzte hinzu: “Von allen anwesenden Engländern und Amerikanern hatte nicht einer den Anstand, aufzustehen und zu sagen, er schäme sich, ein Angelsachse zu sein, und er schäme sich auch, ein Mitglied der menschlichen Rasse zu sein, da diese unter der Präsenz des angelsächsischen Makels leiden müsse.”

Dass diese “Wegelagerer” 116 Jahre später dafür gesorgt haben, eine Versorgungsader Europas zu sprengen, um die kontinentalen Vasallen an der Kandare zu halten, daran kann wenig Zweifel bestehen. Und auch wenn Putin die Autobiographie von Mark Twain wohl nicht gelesen hat, liegt seine Anklage der “Angelsachsen” und  der “neo-kolonialen” Aktivitäten des “kollektiven Westens” ganz auf dessen Linie.  Und so steht statt einem Friedensvertrag von Lissabon bis Wladiwostok, wie ihn Gorbatschow (und auch noch Putin bei seinem Amtstritt)  erreichen wollte, jetzt ein Krieg gegen Russland auf der angelsächsichen Agenda…und man fragt sich, warum sich in Deutschland, Frankreich, Italien noch niemand schämt, da weiter mitzumachen und sich in diesem Krieg zuerst “entheizen” und wenn`s ernst wird dann auch “verheizen” zu lassen. Aber noch immer scheinen die Regierenden ihrer eigenen Propaganda zu glauben, feiern 20 Kilometer Landgewinn auf 1000 Kilometer Front als “Wende”, “Durchbruch” und “Putins Niederlage” und sehen darüber hinweg,  dass  die jüngste “Offensive”  in drei Tagen schon über 2000 ukrainische Soldaten das Leben gekostet hat. Anfang September in der Gegend um Kharkov waren mehr es drei Mal soviel und Jacques Baud – Ex-Oberst des Schweizer Militärgeheimdiensts  und UN-Waffeninspekteur – kann in diesen im Propagandakrieg  triumphalistisch  gefeierten “Erfolgen” realistisch nichts anderes als “Pyrrhus-Siege” erkennen. So sieht es auch Scott Ritter – Ex-US-Marines-Geheimdienst und ebenfalls Ex-UN-Waffeninspekteur – der auf das Dilemma verweist, in  das die NATO durch die Referenden und die Annexion  gebracht wurde: dass man keinen direkten Kriege gegen Russland führt ist jetzt nicht mehr möglich, weil Russland das Schlachtfeld auf sein eigenes Territorium verlegt hat:
“In einigen Jahren, wenn die Geschichte des Konflikts endgültig geschrieben ist, wird die Entscheidung von Präsident Putin, die russischen Reserven zu mobilisieren und gleichzeitig das Territorium der Süd- und Ostukraine in die Russische Föderation einzugliedern, als eines der wichtigsten Beispiele der modernen Geschichte dienen, wie man einen Gegner “auf die Hörner eines Dilemmas” treibt. Die effektive Neutralisierung der NATO durch diese Aktion wird höchstwahrscheinlich als Wendepunkt in diesem Konflikt betrachtet werden, der angesichts eines unvermeidlichen russischen Sieges das Schicksal der Ukraine besiegelt hat.”

(wird fortgesetzt)

Alle bisher erschienen “Notizen” hier
Das Buch über die Geschichte und Hintergründe des Ukraine-Kriegs:

Mathias Bröckers/Paul Schreyer: Wir sind IMMER die Guten – Ansichten eines Putinverstehers oder wie der kalte Krieg neu entfacht wird, Westend Verlag (2019)

 

 

 

Notizen vom Ende der unipolaren Welt – 52

“Abhören unter Freunden – das geht gar nicht” meinte Angela Merkel 2013, als bekannt wurde, dass ihr Handy aus den USA angezapft wird, räumte später dann aber ein, dass sie dieses Ausspähen dann eher als “nachrangig” betrachtet habe. Interessant dürfte jetzt werden, wie Kanzler Olaf Scholz und Frau von der Leyen es mit dem  “Pipelinesprengen unter Freunden” sehen: geht das, oder geht das gar nicht, oder sieht man es eher als nachrangig. Klar ist, dass Anschläge auf europäische Infrastruktur  kriminell sind und entsprechend ermittelt werden müssen. Da ein solcher Anschlag  sicher nicht von ein paar Hobby-Tauchern bewerkstelligt werden kann ist auch ziemlich klar, dass es sich um einen Akt des Staatsterrorismus handelt. Was  sogleich die Frage aufwirft: wo sind eigentlich Bundeswehr und  NATO wenn man sie mal braucht? Bzw. wozu sind sie zu gebrauchen, wenn sie von solchen Anschlägen überrascht werden und rein gar nichts mitkriegt haben, trotz aller Unterwassermikrofone und Überwachung der Ostsee ? Oder hat man was mitgekriegt und ist auf Anweisung ihres obersten Dienstherrn Joe Biden zum Schweigen verdonnert ? Der hatte ja gegenüber Olaf Scholz im Februar schon angekündigt, dass man für dein Ende von Nordstream schon sorgen werden. Das ist jetzt geschehen und ich gehe davon aus, dass die Täterschaft des Anschlags trotz vollmundiger Ankündigungen  nicht ermittelt und unbekannt bleiben wird, weil ähnlich wie bei dem bis heute ungeklärten Anschlag auf den Flug  MH17 über der Ukraine 2014 vorhandene Radar-und-Überwachungsdaten nicht freigegeben werden. Und so das weite Feld für Spekulationen, Schuldzuweisungen und Verschwörungstheorien versumpfen…
Dass sich der ehemalige polnische Außenminister gleich  mit einem Foto des Gasaustritts und “Thank you, USA” zu Wort meldet könnte zum Beispiel ein  geschicktes PR-Manöver sein, um davon abzulenken, das Polen hinter dem Anschlag steckt, das schon einmal den  Bau von NS 2, ziemlich genau an derselben Stelle attackiert hatte. So jedenfalls sieht es der Veteran der Moskau-Korrespondenten  John Helmer:

“Die Militäroperation am Montagabend, bei der Munition verschossen wurde, um Löcher in die Nord Stream I- und Nord Stream II-Pipelines auf dem Grund der Ostsee in der Nähe der Insel Bornholm zu sprengen, wurde von der polnischen Marine und Spezialkräften durchgeführt. Sie wurden von dänischen und schwedischen Militärs unterstützt, mit nachrichtendienstlicher und technischer Unterstützung der USA geplant und koordiniert und vom polnischen Premierminister Mateusz Morawiecki genehmigt.

Die Operation ist eine Wiederholung der Bornholm-Bash-Operation vom April 2021, bei der versucht wurde, russische Schiffe, die Gasleitungen verlegten, zu sabotieren, was jedoch mit einem schmachvollen Rückzug der polnischen Streitkräfte endete. Dies war ein direkter Angriff auf Russland. Diesmal zielt der Angriff auf die Deutschen, insbesondere auf die Wirtschafts- und Gewerkschaftslobby und die ostdeutschen Wähler, mit einem Plan, Moskau für die Probleme verantwortlich zu machen, die sie bereits haben – und für die Probleme, die mit dem Winter kommen werden.”

Ich empfehle Helmers Artikel zu lesen – hier oder auf seiner Website. Mehr als halbwegs fundierte Vermutungen kann man derzeit nicht anstellen. Völlig unfundiert hingegen spekuliert  der Bundeswehr-Kommandeur Giss im Interview mit der “Tagesschau” davon, dass es ….. Trommelwirbel… Fanfare…. “bei der russischen Marine Drohnen gibt – oder auch Kleinst-U-Boote -, die man für solche Zwecke nutzen könnte.” So was aber auch, diese Russen schon wieder, typisch,  beschießen ja auch schon seit Wochen ihr eigenes Atomkraftwerk, klar, dass sie dann auch ihre Pipelines zerstören. Denn auch wenn sie überhaupt kein Motiv dafür haben,  besitzen sie doch Kleinst-U-Boote und Drohnen,  wie im Übrigen auch die Bundeswehr und viele andere NATO-Staaten einschließlich der USA – aber das vergisst Herr Giss und fügt stattdessen hinzu: “Ich möchte auch nicht ausschließen, dass man vielleicht schon im Vorfeld beim Bau der Pipeline bestimmte Maßnahmen getroffen hat, um ein solches Ereignis auszulösen.”  Ja klar, es könnte auch sein, dass die Russen die ganze Röhre überhaupt nur gebaut haben, um sie danach in die Luft zu jagen, das kann man bei diesen unberechenbaren Halb-Asiaten nicht 100-prozentig ausschließen! Und möchten das auch nicht tun  und erwähnen es sicherheitshalber in der Tagesschau. Denn niemand sonst kann als Verdächtiger für diesen Terroranschlag in Frage kommen –  außer der im Grunde seines Herzens auto-destruktive Russe.

Als habilitierter Diplom-Konspirologe konnte ich mir bis vor Kurzem nicht vorstellen, dass sogenannte Nachrichtensendungen verschwörungstheoretisch auf ein derart unterirdisches  Niveau fallen, doch mittlerweile gehen selbst die absurdesten Gerüchte über Russland in der “Tagesschau” als Nachrichten durch. Ohne Nachfrage, ohne Wimpenrzucken und allen Ernstes wird jeder Logik, jedem Sinn  und Verstand zum Trotz eine bizarre  Hyperrealität konstruiert, in der hinter jedem Ungemach der ultraböse Putin steckt – und diese Geschichte wird 24/7 in immer neuen Varianten wiederholt. Sie mögen noch so bizarr und  faktenfrei sein, irgendwas bleibt immer hängen und verankert im kollektiven Bewusstsein die gewünschte Mentalität: “Die Russen sind unsere Unglück!”
Aus dem Linguistik-Studium erinnere ich noch, dass wir dort einmal politische Reden und Artikel auf den Gebrauch bestimmter Vokabeln und Metaphern und ihren Gehalt an fiktionalen, emotionalen und suggestiven Elementen untersuchten. Ohne Computer war das damals noch  Lese,-und Kopfarbeit. Würde man heute den Output der westlichen Großmedien auf ihre anti-russische Diktion und Tendenz schnell mal maschinell analysieren, wäre  schon 2016  – mit den fiktiven “Russiagate”-Vorwürfen gegen Donald Trump –  ein massiver Anstieg zu verzeichnen und 2022 würde auf der nach oben offenen Russophobie-Skala eine unfassbare Steilkurve himmelwärts zeigen.  Die Übrigens genauso aussieht  wie die Preiskurve meiner (aktuell vervierfachten) Gasrechnung.

Aber zum Glück – siehe oben –  gibt`s schon touristische Angebote für einen warmen Winterurlaub. Echte Sparfüchse stellen zu Hause die Heizung ab, streichen  die Entlastungszuschläge ein, überwintern im geheizten Sibiren und verdienen noch daran. Kleiner Scherz, aber wahrscheinlich  rechnet sich das mittlerweile sogar – und scheint auch sicherheitstechnisch durchaus sinnvoll. Dass die Bundeswehr in Sachen Landesicherheit und Verteidigung essentieller Infrastruktur nicht einmal die Küsten vor ihrer Haustür unter Kontrolle hat, hat der Anschlag deutlich bewiesen. Wenn sie zur Aufklärung und Ermittlung der Täterschaft jetzt nichts anderes beitragen kann, als groteske Unterstellungen russischer Selbst-Sabotage, ist sie entweder völlig ahnungslos – was mehr als peinlich wäre, denn Kapitän zur See Giss betont im oben verlinkten Tagesschau-Interview stolz die  deutsche “Führungsrolle” bei der Überwachung der Ostsee –  oder sie spielt als Komplize und Vasall in einem größeren Spiel mit, bei dem sie selbst dann nichts zu melden hat, wenn es sich gegen das Wohl ihres eigenen Landes richtet…

(wird fortgesetzt)
Um “Nordstream Null” ging es auch gestern im 3. Jahrtausend

Alle bisher erschienen “Notizen” hier
Das Buch über die Geschichte und Hintergründe des Ukraine-Kriegs:

Mathias Bröckers/Paul Schreyer: Wir sind IMMER die Guten – Ansichten eines Putinverstehers oder wie der kalte Krieg neu entfacht wird, Westend Verlag (2019)