“Für die Welt ist Trump besser, für Amerika nicht” – meint Eva Schweitzer. Sie pendelt seit langem zwischen New York und Berlin und kennt sich aus, in der Weltgeschichte und in Amerika. Ihr Buch über die Tea-Party ist stark aktualisiert jetzt wieder erschienen (“Die Trump Party – Der weiße Wahn”), und das paßt, denn Trump ist, obwohl für die Republikaner unterwegs, ein klassisches Produkt dieser Protestbewegung von rechts. Dass er ein ziemlicher Trottel ist, sollte kein Hinderungsgrund sein die Wahl zu gewinnen, auch Ronald Reagan und George W. waren ja weitgehend unbedarfte Schauspieler. Müsste ich heute den Ausgang der Wahl wetten, würde ich auf Trump setzen.
Die Putin/Trump-Verschwörung
Den “National Enquirer” habe ich bei Besuchen in den USA immer gern mal gekauft, wenn er mir an der Supermarktkasse mit irgendeiner mega-schrillen Headline ins Auge fiel – und wurde selten enttäuscht. Nicht nur was die Dichte von sensationsheischendem Bullshit betrifft, sondern auch im Aberwitz der noch sensationelleren Topstories. Jetzt aber hat die Mutter aller Käseblättter Konkurrenz bekommen und das von unerwarteter Seite: die “Washington Post”, seit Watergate quasi mit dem Mutterkreuz des Investigativjournalismus ausgestattet, dümpelt neuerdings noch unter “National Enquirer”-Niveau. Am 12. September setzte die WaPo die Story in die Welt, dass die am Vortag bei einer 9/11-Gedenkfeier zusammengeklappte Hillary Clinton Opfer eines Giftanschlags gewesen sein könnte. Einziger Beleg für den Leitartikel war der Tweet eines Pathologen, der meinte,man solle eine toxikologische Untersuchung machen, denn Mr. Trump und Mr. Putin sei alles zuzutrauen. Die “Post” fügte dann noch raunend hinzu, dass auch der Ex-KGB-Agent Litvinenko merkwürdig zu Tode gekommen sei und solche Morde schließlich nie “ohne Putins direkte Zustimmung” geschähen. Und that’s it – fertig ist die Verschwörungstheorie.
Wie kommt es nun, dass eine einstige “Qualitätszeitung” derart ungeniert derart dumpfen Desinformationsmüll in die Welt setzt ? Wayne Madsen hat nur eine Erklärung dafür:
“The aim of the neoconservative war hawks who are embedded in Clinton’s campaign, as well as the Central Intelligence Agency-linked Post, is clear. President Putin is being set up by the neocons as the next Saddam Hussein, Muammar Qaddafi, and Bashar al Assad. Meanwhile, Trump is being portrayed as a modern-day Alger Hiss who owes ultimate loyalty to the Kremlin. It should be pointed out that Jeff Bezos, the owner of the Post, has a $600 million contract with the CIA to provide cloud computing services for the CIA. The deal makes The Washington Post, via interlocking close corporate links, a de facto CIA contractor.”
Operation Mockingbird – ick hör dir trapsen. Und doch ist man immer wieder überrascht, wie plump das alles läuft. “The CIA is smart, but it is not so smart, if something works they do it over and over again” schrieb mir unlängst ein Kollege aus den USA. Die Nummer, unliebsame Politiker als Agenten des Kreml zu denunzieren, ist seit den 50er Jahren einstudiert und wird schlicht wieder aufgekocht. Allein: es scheint nicht zu helfen. Trump lag in den Umfragen weit zurück und steht jetzt nahezu gleichauf mit Clinton, in manchen “swing states” sogar schon vor ihr und selbst 19,5 % der afro-amerikanischen Wähler unterstützen ihn. Auch wenn die liberalen Medien es noch nicht wahrhaben wollen: es droht mit The Donald im November eine ähnliche Überraschung wie mit dem Brexit: SNAFU USA.
Zumal weitere finstre Agenten der Putin/Trump-Verschwörung am Werke sind: Wikileaks hat gerade Dokumente geleakt, wieviel man der Partei spenden mußte, um als Botschafter oder Staatssekretär bei der Obama-Regierung ein Pöstchen zu bekommen. Und Hollywood-Legende Oliver Stone hat mit seinem neuen Film einen weiteren Helden auf die Agenda gesetzt, der natürlich auch vom Kreml gesteuert ist: Edward Snowden. Während der “Guardian”, die “New York Times” und Glen Greenwalds ” The Intercept” zur Begnadigung des Whistleblowers aufrufen, fordert die “Washington Post” weiter die strafrechtliche Verfolgung ihres eigenen Informanten. Konsequent für ein de facto CIA-Vertragsunternehmen, aber auch ein historischer Tiefpunkt für ein Presseorgan: für die Veröffentlichung der Dokumente, deren Überbringer sie jetzt wie Chelsey Manning im Knast sehen will, hatte sich die “Post” mit dem Pulitzerpreis 2013 auszeichnen lassen.
Our 9/11
In August this year I received a note requesting advice on a new project. As the project in question was rather unique in scope – dealing as it did with founding a new religious order or church – the signatories of the note requested that I preserve their anonymity should I decide to report on their activities. Doing so would be quite welcome, though, “to gain first insights into the potential reach of such a project.” The note continued: “Now that almost 15 years have passed and the crimes of September 11, 2001, have yet to be prosecuted or the true perpetrators and instigators of the crime identified and named, investigations that deserve that name cannot be expected to happen for decades yet. As understandable and as legitimate as it may be to continue demanding the truth about 9/11 and for a decent crime investigation into the gruesome mass murder that happened on that day, it is unfortunately just as illusory and unrealistic to expect the demands to be met in real life. Given that the official legends promulgated by governments and media alike are thus going to continue to stand as truths, realpolitik tells us that rational arguments are no longer any use against them. Wherever legends have become official “true history” and have been declared state creeds on which governments base their power politics, rational critique has become obsolete.
It is for these reasons that we propose to found a new creed that states clearly its unshakable belief in the official stories of 9/11 and which celebrates the miraculous promotion of these myths to the ranks of solidly governmentally verified truths. As this involves in part violations of the laws of nature and statistics as well as those of logic or common sense, we have decided on a working title of “Church of Free Fall” for our project. We are working to achieve official recognition as a religious order for the “C. o. F. F.”. The C.o.F.F. – despite originating as a secular “knowledge community” -has its very own founding myths and miracles that are in no way inferior to those of established churches, as its Credo as attached below amply demonstrates. The Credo has been adopted officially by the International Section of the preliminary C.o.F.F. Episcopate, to serve as a firm foundation of the religious community. Further extensions of the Credo, including additional fundamental beliefs, dogmas, and rituals, are currently under development. The C.o.F.F. Credo bows to a realpolitik of war, observation, and “security” that has arisen from the dust and ashes of the WTC towers. The C.o.F.F. replaces strength-by-refusal with the joy of affirmation, celebrates the insanity of reality as well as the truly just Great War on Terror. Instead of fighting its enemies, the C.o.F.F. embraces its enemy in a stranglehold. You are welcome to publish our manifest.” Which I will do forthwith:
We trust in the one suitcase of 200
Which got left at the gate
And which revealed all the proof
We might ever have needed:
Teaching videos on how to fly a Boeing plane,
Instructions for airplane hijackers,
A Hamburg, Germany, registration form,
A diploma granted by the Technical University of Hamburg,
And the Final Will and Testament of Mohammed Atta,
The “Leader” of the hijackers.
We believe
That that man wished to carry his testament
With him onto his suicide mission,
Just in case his deadly flight
Failed to end in an enormous ball of fire.
Or because he figured
His testament naturally indestructible,
Just like the passport of his fellow hijacker Al Sugami
That was discovered unscathed next to the WTC.
We believe
That two airplanes are able to
Bring down three skyscrapers
The first time ever in the history of construction
That steel framed skyscrapers became
Pulverized by burgeoning fires alone,
While a plastic-and-paper passport
Is able to survive the inferno unscathed.
Gaby Weber im Gespräch
Auf Gaby Webers Dokumentation über den Fake der offiziellen Adolf Eichmann-Story, hatte ich letztes Jahr schon hingewiesen (Alte Nazis, neue Faschisten und der War On Drugs); jetzt gibt es einen weiteren Film von ihr – “Krater für den Frieden” – zu den Geschichtsfälschungen um die Atomdeals zwischen Deutschland, Israel und Argentinien und die illegalen Atomtests der USA, die nicht nur ein gigantisches Erdbeben auslösten, sondern auch die Friedensverhandlungen mit der Sowjetunion 1960 sabotierten und den Kalten Krieg weiter anheizten. Nach jahrzehntelangen Recherchen in zahlreichen internationalen Archiven und jahrelangen Klagen zur Freigabe von Akten des Bundesnachrichtendiensts zeigt Gaby Webers Arbeit klar, dass die Geschichtsbücher nicht nur in Sachen Eichmann und seiner heldenhaften Gefangenahme umgeschrieben werden müssen. Ken Jebsen hat die Kollegin der guten alten “Mudracker”-Schule des Journalismus interviewt:
9/11 Unser
(This post is also available in English) Im August dieses Jahres erhielt ich ein Schreiben mit der Bitte um Rat bei einem Projekt. Da es sich um ein recht ungewöhnliches Vorhaben handelte – die Gründung einer Glaubensgemeinschaft bzw. Kirche -, baten die Unterzeichner darum, ihre Anonymität zu bewahren, falls ich über die Idee berichten würde. Dies aber sei durchaus erwünscht, “um erste Erfahrungen über die mögliche Akzeptanz zu gewinnen”. Weiter heißt es in dem Schreiben:
“Nachdem nun schon fast 15 Jahre vergangen sind, ohne dass die Verbrechen des 11. September 2001 aufgeklärt und die wahren Täter und Hintermänner ermittelt sind, ist eine solche Aufklärung auch in den kommenden Jahrzehnten nicht zu erwarten. So verständlich und legitim es sein mag, die Wahrheit über 9/11 und eine ordentliche Untersuchung des Massenmordes zu fordern, so illusorisch und unrealistisch ist es leider auch, eine tatsächliche Umsetzung dieser Forderung zu erwarten. Da die offizielle, von Regierungen und Medien verbreitete Legende also weiter Bestand haben wird, macht es aus realpolitischen Gründen wenig Sinn, dagegen weiter argumentativ vorzugehen. Wo Legenden als Realgeschichte etabliert und zur Staatsräson erkoren werden, um auf dieser Basis Machtpolitik zu exerzieren, hat kritische Vernunft ausgedient.
Deshalb wollen wir eine Glaubensgemeinschaft gründen, die sich klar und unzweideutig zur offiziellen 9/11-Geschichte bekennt und die Promotion dieser wunderbaren Ereignisse in den Status soliden, staatlich geprüften Wissens feiert. Weil dabei sowohl die Naturgesetze, wie auch die der Wahrscheinlichkeit, der Logik und des gesunden Menschenverstands teilweise in Frage gestellt werden, haben wir uns (vorläufig) für den Namen “Church Of Free Fall” (C.O.F.F.) entschieden und streben mittelfristig die Zulassung als offizielle Religionsgemeinschaft an.
Dass die C.O.F.F. als eigentlich säkulare “Wissensgemeinschaft” dabei auf Gründungsmythen und Wunder verweisen kann, die hinter denen der etablierten Kirchen kaum zurückstehen, zeigt unser Glaubensbekenntnis im Anhang. Es wurde von der internationalen Sektion des vorläufigen C.O.F.F.-Episkopats erlassen und soll als Grundlage der Gemeinschaft dienen. An weiteren Glaubensgrundsätzen, Dogmen sowie an kultischen Ritualen wird derzeit noch gearbeitet.
Mit dem C.O.F.F.-Bekenntnis ( PDF hier)tragen wir der Realpolitik Rechnung, wie sie auf Basis der pulverisierten WTC-Türme in Sachen Krieg, Überwachung und “Sicherheit” selbstverständlich geworden ist. Statt Kraft durch Nörgeln bezieht die C.O.F.F. Freude durch Affirmation, sie feiert den Wahnsinn der Realität und den gerechten Great War On Terror. Statt sie zu bekämpfen liebt C.O.F.F. die Feinde einfach an die Wand.
Sie können unser Manifest gerne veröffentlichen.”
Was hiermit geschieht: Weiter bei telepolis
UPDATE: Nachdem das C.O.F.F. Glaubensbekenntnis bei telepolis schon scharenweise Proselyten akquiriert und auch der Westend Verlag das “9/11 Unser” freudig veröffentlicht hat (“Holy Shit!”) erreichen uns erste Betrittswünsche, die wir an die Gründungs-Mütter, und -Väter der COFF weiterreichen. Ebenso wie den Vorschlag für eine Hymne, die in der Tat gute Chancen haben sollte, in den Kanon der COFF-Gesänge aufgenommen zu werden: Nach einer alten Weise von Bruder Tom Petty, mit neuem Text und dem bekannten glückseligen Refrain: Free Fallin’ !
UPDATE 2: Nachdem hier weitere Vorschläge für das COFF-Gesangbuch einlaufen sollen diese am Feiertag der geneigten Gemeinde nicht vorenthalten werden – ebenfalls nach einer alten Weise, mit denen die Brüder Gibb seinerzeit die Tanzböden zum Glühen brachten. Nunmehr neu interpretiert von den Free Bees:
Vergessene Fakten
Zum 15. Jahrestag hat Paul Schreyer noch einmal einige “vergessene Fakten” sehr gut zusammengefasst. Wem dies noch nicht ausreicht, um Zweifel an der offiziellen Legende zu hegen, sei auf unser vor fünf Jahren erschienenes Buch “11.9. -Zehn Jahre danach” verwiesen. Unter jedem Kapitel dort werden die bei einer Neu-Untersuchung zu verhörenden Zeugen und freizugebenden Dokumente benannt und jeder dieser “Beweisanträge” würde in einem halbwegs rechtsstaatlichen Verfahren zu einer Wiederaufnahme der Ermittlungen führen. Wie zum Beispiel die nunmehr auch in einem renommierten physikalischen Fachmagazin präsentierten Hinweise auf eine kontrollierte Sprengung der Türme, über die der “stern” diese Woche einigermaßen sachlich berichtete. In unserem Buch sind die drei Türme und die begründeten Zweifel an der offiziellen “Pfannkuchentheorie” ihrer Pulverisierung nur zwei von 38 Plädoyers für eine Neu-Untersuchung der Anschläge – und bei weitem nicht die Wichtigsten. Denn wie bei der Aufklärung jedes Verbrechens ist nicht die Frage nach dem “Wie”, sondern die nach dem “Wer”, nach den Tätern, die alles entscheidende. Dass nicht einmal die genaue Identität der 19 als Alleintäter beschuldigten “Hijacker”ermittelt wurde, ist schon in meinen Büchern aus den Jahren 2002 und 2004 dokumentiert, – hier das “Fakten.Fälschungen…” damals auf CD beiliegende Video, das Freund Daniel Hopsicker nach seinen Recherchen in Florida über “Mohamed Attas Flying Circus” – ebenso wie die Verbindungen und Kontakte, die diverse Geheimdienste mit den Hijackern hatten. Und genau hier würde jeder ordentliche Staatsanwalt seine Ermittlungen ansetzen: wer genau sind die Täter, wer hat sie möglicherweise beauftragt und bezahlt – also genau da, wo die 9/11 Commission kollektiv weggeschaut hat. Die Finanzierung der Anschläge, heißt es im 9/11-Report, sei “von geringer praktischer Bedeutung”. Alles klar !?
Das Königreich der Sprache
Ende August erschien “The Kingdom of Speech” von Tom Wolfe, von jeher bzw. seit “Electric Cool Aid Acid Test” einer meines Lieblings -Schreiber/Reporter/Erzähler und als ich in der Ankündigung sah, dass es sich a) um non-fiction und b) um Darwins Evolutionstheorie und Chomkys Universalgrammatik handelt, musste ich das Werk sofort bestellen und lesen. Weil ich a) Wolfes Romane zwar meistens gut fand, seine Reportagen aber immer vom Feinsten und mich b) schon viel mit Darwin und seinen mißratenen neo-darwinistischen Jüngern befasst habe sowie in den 70ern fünf Jahre Linguistik studiert und Chomsky quasi als studentische Muttermilch inhaliert hatte. Also die Theorie einer im Gehirn quasi fest verdrahten Einrichtung, die dem Menschen, anders als den Affen und anderen Verwandeten, den Spracherwerb ermöglicht. Je nach dem, mit welchen Daten (Worten) die Maschine gefüttert wird, kann ihre Software (“generative Transformationsgrammatik”), nach bestimmten formalen Regeln Sätze bilden. So entsteht aus einer begrenzten Anzahl Worte und einer begrenzten Anzahl Regeln eine prinzipiell unendliche Sprache. Darwin hatte das Entstehen der Sprache noch als Imitation des Vogelgesangs gedeutet, Chomskys Theorie eines in allen menschlichen Gehirnen befindlichen Sprachorgans wurde dann ab den 1950er Jahren zum herrschenden linguistischen Paradigma. Gefunden, in neuronalen Strukturen geortet oder sonst irgendwo (“Ich denke sowieso mit dem Knie” J.Beuys) lokalisiert wurde dieser geheimnissvolle grammatikalische Bio- Computer freilich bis heute nicht. Genausowenig wie der magische Mechanismus der “natürlichen Selektion”, der im Zentrum der Evolutionstheorie steht und sich wegen seines sehr allmählichen Ablaufs der Beobachtung entzieht. Wolfe erzählt, wie Darwin und die ehrenwerte Royal Society diese Idee von dem armen Feldforscher und “Fliegenfänger” Alfred Wallace abkupferten, der das erste Papier dazu aus dem fernen Malaysia eingesandt hatte, wie sie ihn danach nolens-volens als Ko-Pionier umgarnten und sich wieder entzweiten, als Wallace darauf beharrte, dass damit das eigentlich Menschliche, nämlich die Sprache, ja noch nicht gar nicht erklärt sei.
Insofern gab es in der Tat keinen Anlass aus der Evolutionstheorie eine umfassende “Theorie für Alles” zu machen, was dann aber genauso geschah, wie später mit der Theorie der Universalgrammatik von Noam Chomsky, die fortan als linguistisches Evangelium galt. Bis ein weiterer “Fliegenfänger” – der vom Missionar zum Anthropologen zum Ethno-Linguisten mutierte Daniel Everett – eine einzigartige Entdeckung machte: ein von der Außenwelt völlig unberührtes Volk, die Pirahã im Amazonasdschungel Brasiliens, mit einer Sprache, die sich von allen bekannten Sprachen unterschied. Sie kannten weder Zahlen noch Singular und Plural oder Vergangenheit und Zukunft, geschweige denn beherrschten sie die Rekursion, das Allerheiligste des Chomksyismus, nämlich die Fähigkeit, ad infinitum Nebensätze zu bilden. “Die schöne Frau, die mich heute früh an der Bushaltestelle so strahlend anlächelte,als ich von dem Buch aufsah, in dem Maurice Maeterlinck über die Intelligenz der Blumen schrieb, dass…” – so etwas können die Pirahas nicht. Sie haben keinerlei Werkzeuge, außer Pfeil und Bogen, keine Götter und Kulte, keine Hierarchien oder Anführer – sie leben nur in der Gegenwart und haben eine entsprechende Sprache entwickelt. Everett erlernte sie in zwei Jahren, lebte fünf weitere Jahre bei diesem Volk und stellte fest; Sprache scheint nicht auf einer eingebauten Apparatur zu beruhen, sondern ist ein kulturelles Werkzeug, das von Menschen entsprechend ihrer Umgebung entwickelt wird.
Wie die Chomskyianer und der Meister selbst auf diesen Angriff ihrer Großtheorie durch einen Giftpfeil vom Amazonas reagierten, der mit sauberer Empirie und praktischer Feldforschung munitioniert das Paradigma der Linguistik erschütterte – dieser Lektion ist der zweite Teil von Wolfes Essay gewidmet und auch hier geht es wie bei Darwin/Wallace um das Drama Establishment vs. Außenseiter, Zitadelle der Wissenschaft vs. praktische Forschung, autoritative Ideologie vs. subversive Fakten. Klar, dass Wolfe seine spitze Feder eher Letzteren leiht – auch mit 85 schreibt er noch derart frisch, fröhlich und frei, dass diese 170 Seiten wie im Flug vergehen – und klar auch, dass er mit seinem Anti-Darwin und Anti-Chomsky-Approach weder Kreationisten, noch Evangelikalen oder anderen Dumpfbacken das Wort redet. Sondern nur deutlich macht, dass weder die Evolutionstheorie noch die Universalgrammatik das Wunder erklären können, das uns erst zu Menschen macht: die Sprache.
Journalismus oder Propaganda
“Journalismus oder Propaganda – Wenn Recherche zum Risiko wird” – Ken Jebsen im Gespräch mit Frieder Wagner, Aktham Suliman, Jochen Scholz und Walter van Rossum:
Alles über Dulles
David Talbots beeindruckende Biographie über Allen Dulles (“Das Schachbrett des Teufels”)hatte ich schon dringend zur Lektüre empfohlen. Wer sich dazu noch nicht durchringen kann und noch ein wenig mehr darüber wissen will, wie und warum die Geschichte des 20. Jahrhunderts von diesem Wall-Street-Anwalt und CIA-Chef entscheidend beeinflusst wurde: Markus Kompa hat ein ausführliches Interview mit David Talbot über sein Buch geführt.
Auch James Corbett beschäftigt sich in seinem jüngsten Report “Meet Allen Dulles – Fascist Spymaster” mit dem Spionagechef und seinem Bruder und Außenminister John Foster Dulles, die die Politik der USA nicht im Sinne des Volkes, sondern stets im Sinne ihrer Konzern-Klienten führten. Und die mit diesem Familienbetrieb auf den Punkt brachten, was Benito Mussolini einst über sein Regierungssystem sagte: „Der Faschismus sollte Korporatismus heißen, weil er die perfekte Verschmelzung der Macht von Regierung und Konzernen ist.“
Wer sich fragt, was solche historischen Enthüllungen über Verbrecher und Verbrechen im Namen des Staats für die heutige Zeit bedeuten, kann sich über die aktuelle Fortsetzung dieser Politik in einem ausführlichen Essay informieren: “Deep Politics -Institutionalized Corruption at the Top and the Corporate Assault on Democracy” (pdf), bzw. braucht sich eigentlich auch nur die grotesken Geheimverhandlungen über TTIP anzuschauen. Oder den aktuellen Putsch in Brasilien; oder die aktuellen Gesetzesbrüche des Bundesnachrichtendiensts, den Allen Dulles einst mit dem Nazi-General Reinhard Gehlen als Gründungsdirektor ausstattete. Oder 9/11 und die Folgen…
(“Gloriosa Victoria” ist der Titel des Wandgemäldes, das Diego Rivera 1954 malte, nachdem die Dulles Brüder für ihren Klienten “United Fruit” einen Putsch in Guatemala durchgeführt hatten, weil der gewählte Präsident Jacobo Arbenz eine Land,-und Bodenreform durchführen wollte. Es zeigt den eingesetzten Diktator Castillo Armas, der sich bei John Foster Dulles und der Bombe mit Eisenhower-Gesicht bedankt. Hinter ihm sein Bruder und Einflüsterer Allen. Der Autor Stephen Kinzer enteckte es – eingerollt – im Keller eines russischen Museums – und schlug seinen Ankauf vor. Für den Dulles Airport in Washington D.C.)

