Alles über Dulles

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David Talbots beeindruckende Biographie über Allen Dulles (“Das Schachbrett des Teufels”)hatte ich schon dringend zur Lektüre empfohlen. Wer sich dazu noch nicht durchringen kann und noch ein wenig mehr darüber wissen will, wie und warum die Geschichte des 20. Jahrhunderts von diesem Wall-Street-Anwalt und CIA-Chef entscheidend beeinflusst wurde: Markus Kompa hat ein ausführliches Interview mit David Talbot über sein Buch geführt.

Auch James Corbett beschäftigt sich in seinem jüngsten Report “Meet Allen Dulles – Fascist Spymaster” mit dem Spionagechef und seinem Bruder und Außenminister John Foster Dulles, die die Politik der USA nicht im Sinne des Volkes, sondern stets im Sinne ihrer Konzern-Klienten führten. Und die mit diesem Familienbetrieb auf den Punkt brachten, was Benito Mussolini einst über sein Regierungssystem sagte: „Der Faschismus sollte Korporatismus heißen, weil er die perfekte Verschmelzung der Macht von Regierung und Konzernen ist.“

Wer sich fragt, was solche historischen Enthüllungen über Verbrecher und Verbrechen im Namen des Staats für die heutige Zeit bedeuten, kann sich über die aktuelle Fortsetzung dieser Politik in einem ausführlichen  Essay informieren: “Deep Politics -Institutionalized Corruption at the Top and the Corporate Assault on Democracy” (pdf), bzw. braucht sich eigentlich auch nur die grotesken Geheimverhandlungen über TTIP anzuschauen. Oder den aktuellen Putsch in Brasilien; oder die aktuellen Gesetzesbrüche des Bundesnachrichtendiensts, den Allen Dulles einst mit dem Nazi-General Reinhard Gehlen als Gründungsdirektor ausstattete.  Oder 9/11 und die Folgen…

(“Gloriosa Victoria” ist der Titel des Wandgemäldes, das  Diego Rivera 1954 malte, nachdem die Dulles Brüder für ihren Klienten “United Fruit” einen Putsch in Guatemala durchgeführt hatten, weil der gewählte Präsident Jacobo Arbenz eine Land,-und Bodenreform durchführen wollte. Es zeigt den eingesetzten Diktator Castillo Armas, der  sich bei John Foster Dulles und der Bombe mit Eisenhower-Gesicht bedankt. Hinter ihm sein Bruder und Einflüsterer Allen. Der Autor Stephen Kinzer enteckte es – eingerollt – im Keller eines russischen Museums – und schlug seinen Ankauf vor. Für den Dulles Airport in Washington D.C.)

Troubadour

Vor 40 Jahren, im September 1976, erschien “Troubadour” von J.J.Cale. Schon seine vorherigen LPs “Naturally” und “Okie Okie” hatten  in unserer Wohngemeinschaft zum akustischen Ambiente gehört. Auch auf Casette on the road war JJ der perfekte Begleiter und wenn ich auf Nachtschicht im Taxi ein bisschen müde wurde, drehte ich das Fenster auf, schob Call me the Breeze ein und gab wieder fröhlich Gas. Dann kam “Troubadour” heraus und wurde zur meist gehörten Platte meines Lebens. Und ähnlich wie “Breeze” auf “Naturally” gab es auch hier wieder so ein kurzes,  einfaches Stück, das mit seinem fliegenden, flimmernden Groove einen geradezu magischen Drive entwickelt: Travelin’ Light. Viele, auch “Gitarrengötter” wie Clapton oder Knopfler, haben sich an diesem speziellen Sound ihres Inspirators J.J.Cale versucht, wirklich hingekriegt hat ihn keiner. Denn Cale war nicht nur ein großer Gitarrist und Songwriter, sondern auch ein genialer Arrangeur. Im Nachruf auf den im Juli 2013 verstorbenenMeister (mit vielen Links hier) schrieb ich : “Etwas aus seinem umfangreichen Gesamtwerk herauszuheben fällt schwer – für Banausen klang er eh langweilig und immer gleich und Afficionados konnten in jedem seiner Stücke Feinheiten hören die eben nur the one and only JJ so hinbekam.” Hier als Beweis pars pro toto das zweite Stück von “Troubadour”, das 2010 für die Astronauten des Atlantis Space Shuttle und International Space Station zum Aufwecken vor ihrem Spacewalk gespielt wurde. Nicht nur wegen des leichten Gepäcks eine gute Wahl des NASA-DJs:

Das Schachbrett des Teufels

Talbot-DullesVor einigen Jahren wurde ich eingeladen, in der Kunsthalle Bonn bei der Veranstaltung  “Hinter den Spiegeln – Zur Kultur des Spiels und der Schönheit des tiefen Denkens” einen Vortrag zum Thema “Schach und Paranoia” zu halten. Das nahm ich gerne an, denn es ging  dabei um einen der großen Helden meiner Jugend, Bobby Fisher, und um die Tatsache, dass Skepsis gegenüber dem Offensichtlichen, permanenter Verdacht und Unglaube gegenüber der Realität auf dem Brett und Hypothesen über mögliche Fallen, Hinterhalte und Verschwörungen zu den Kernkompetenzen des Schachspielers gehören. Und dass es wohl kein Zufall ist, dass die vielleicht größten Jung-Genies der gesamten Schachgeschichte, Bobby Fisher und sein Lieblingsspieler Paul Morphy (1832-1884), im späteren Leben krankhaftem Verfolgungswahn anheim fielen.

An diese dunkle Seite des Schachs, den autistischen, soziopathischen, paranoiden Schatten, mußte ich denken, als ich jetzt zum zweiten Mal die Lebensgeschichte eines Mannes las, der auch ein begeisterter Schachspieler war, dem aber ein Brett nicht ausreichte, sondern der die ganze Welt als Spielfeld betrachtete: Allen Dulles, der Vater der CIA, Anwalt der Wall Street und Meister der verdeckten Operationen, der mit seinen Zügen das 20. Jahrhundert so massiv beeinflusste wie kaum ein anderer Player auf der Bühne der Macht. David Talbot hat mit dem soeben auf Deutsch erschienenen Buch “Das Schachbrett des Teufels – Die CIA, Allen Dulles und der Aufstieg Amerikas heimlicher Regierung”, nicht nur die defintive Biographie des legendären Spionagechefs geschrieben, sondern darüber hinaus eine  Chronographie der geheimen Machtpolitik des 20. Jahrhunderts. Von den Verhandlungen in Versailles, in die Allen und sein Bruder John Foster eingebunden waren, über die Nazi-Zeit und den 2. Weltkrieg, in der sie für die US-Investitionen in Deutschland zuständig waren, und im Kalten Krieg, in dem Allen als CIA-Chef und sein Bruder als Außenminister die Außenpolitik der USA  als Privatangelegenheit der Dulles-Familie und ihrer Konzernbosse betrieben. Und während der große John Foster auf der Kanzel salbungsvoll von “Demokratie” und “Freiheit” predigte, inszenierte der kleine Allen hinter der Bühne die politischen Morde, Terroranschläge und “regime changes”, die zur Verbeitung dieser “Werte” erwünscht waren – von Guatemala bis Iran,  von Puerto Rico bis Frankreich, von Kuba bis Italien.

Dieser distinguierte Pfeifenraucher und Schachspieler im Tweedanzug bewegte sich auf jedem Parkett mit gewinnender Freundlichkeit und schien insofern als das Gegenteil eines Soziopathen, doch es gab nichts und niemanden, den er nicht für seine Zwecke instrumentalisierte. Hinter der Maske des “Gentleman” Allen Dulles steckte ein nahezu empathieloses, gefühlskaltes Wesen, das andere Menschen ohne mit der Wimper zu zucken in den Tod schickte, wenn es ihm “nützlich” schien. “Useful” war sein Lieblingswort, bekundeten seine Frau und seine Geliebte, die für ihn auch nichts anderes waren als eben dies. So wie die hohen Nazis, mit denen er in seinem Büro in Bern schon während des Kriegs lieber an einer anti-kommunistischen Nachkriegsordnung strickte, statt die Nachrichten über die Judenvernichtung nach Washington durchzugeben; so wie Hitlers Top-Spion Reinhard Gehlen, der zum Aufbau der CIA und danach des BND äußerst “nützlich” war, so wie die anderen Nazis vom Kaliber Klaus Barbie, die er über die “Rattenlinie” entkommen  und in Südamerika einsetzten lies. Und der die Invasion in der Schweinebucht zum Sturz Fidel Castros bewusst mit drittklassigem Personal ausstattete, um sie scheitern zu lassen und den gerade ins Amt gekommen Präsidenten Kennedy zum militärischen Eingreifen zu zwingen. Als JFK dies verweigerte und Dulles dann als CIA-Chef feuerte, unterschrieb er sein Todesurteil. Dass der dunkle Prinz des Kalten Kriegs weiter die Fäden ziehen und auch vor einem Staatsstreich in Amerika nicht zurückschreckte, diese Infamie des teuflischen Schachspielers Allen Dulles hatte JFK nicht auf der Rechnung.

Wie schon “Brothers”, David Talbots Buch über die ermordeten Kennedy-Brüder, ist auch sein Werk über Allen Dulles nicht nur hervorragend recherchiert und dokumentiert, sondern auch überaus spannend geschrieben. Und erzählt mit dem Porträt eines sich über jedem Recht und aller Moral wähnenden Machtpolitikers auch eine verborgene Geschichte des 20 Jahrhunderts, wie sie die von “Siegern” wie Allen Dulles notorisch geschönten Geschichtsbücher noch nicht kennen. Den shouts, claims und Werbesprüchen auf Buchumschlägen  ist ja nur selten zu trauen, der auf der Rückseite diese Buchs aber trifft zu 100 Prozent zu: “Der beste Spionagethriller des Jahres ist keine Fiktion!”

David Talbot:Das Schachbrett des Teufels – Die CIA, Allen Dulles und der Aufstieg Amerikas heimlicher Regierung, Westend-Verlag, 608 Seiten, 28,00 Euro

Burkarneval forever!

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Die Angst vor dem Weiblichen, vor der Anziehungskraft des weiblichen Körpers, führte mit dem Aufkommen des Patriarchats vor einigen tausend Jahren dazu, dass die Männer die Frauen zwangen, sich zu verhüllen und zu verstecken. Dass Perikles, der “Vater” der athenischen Demokratie, sich mit seiner Frau Aspasia bei öffentlichen Anlässen zeigte, galt als Skandal und wie die alten Griechen hielten es auch viele nachfolgende Völker und Religionen und halten es bis heute, nämlich die Frauen unter Kontrolle. Mit Verhaltens,-und Kleidungsvorschriften, mit Separation von einer allein Männern vorbehaltenen Welt. Notwendig wurde diese Unterdrückung, um die Umstellung von der weiblichen auf die männliche Erbschaftslinie durchzusetzen, wozu die Vaterschaft sichergestellt werden muss. Im »Husband« (engl. Ehemann) klingt heute noch an, dass der Mann  zuvor bestenfalls »ans Haus gebunden« war, ansonsten aber bloß ein durchaus austauschbarer Spermienlieferant  und keineswegs Chef im Ring oder Herr im Haus. Das wurde unter patriarchalen Bedingungen anders, von  nun an mußte die Frau vor anderen  potentiellen und potenten “Lieferanten” verborgen und verhüllt werden. Um die Vaterschaft zu sichern und die Frau unter Kontrolle zu bekommen,wurde sie wegsperrt, ihrer Freiheitsrechte beraubt und reduziert auf die Funktion eines wertvollen Nutztiers.

Der Reformer Mohammed »befreite« die Frauen dann im 6. Jahrhundert nach Christus zumindest insoweit, dass sie ihren Ehemann im Falle seines Todes beerben konnten und nicht mehr selbst zusammen mit Kühen und Kamelen als Nutztier vererbt oder – wie in Indien – einfach verbrannt wurden. Womit wir den Islambegründer zwar nicht als frühen Feministen, aber durchaus schon auf dem Weg zu einer Gleichberechtigung sehen, der dann aber erst über 1000 Jahre später, mit dem Zeitalter der europäischen Aufklärung eingeschlagen, im 20. Jahrhundert rechtlich und politisch festgeschrieben wird und zu Beginn des 21. Jahrhunderts nur in wenigen Ländern der Welt halbwegs realisiert ist. Über die Burka, die orientalische Ganzkörperverschleierung, gibts es derzeit eine heftige Diskussion, rein symbol-politisch, denn de facto laufen in ganz Deutschland höchstens ein paar Dutzend  Frauen derart vermummt durch die Gegend. Gerade weil es nur ein Symbol ist und in der Realität keine Rolle spielt, braucht es ein gesetzliches Verbot, findet nun der FAZ-Herausgeber Kohler, alles andere würde als “Zurückweichen” der Politik wahrgenommen.

Also mit Burka-Bussgeld “klare Kante” zeigen, selbst wenn es keinem nützt und sowieso keine Rolle spielt ? Nur um “dem Moslem” mal zu zeigen, was im christlichen Abendland ne Harke ist ? Das klingt  nach Dumpf-Populismus, unterste Schublade. Deutet aber insofern in die richtige Richtung, als es wirklich neue Gesetze braucht, um Probleme wie dieses zu lösen, Gesetze, die nicht nur “dem Moslem”, sondern auch “dem Christen”, “dem Hindu”, “dem Juden” und allen Anhängern anderer religiöser Kulte zeigen, was im säkularen 21. Jahrhundert ne Harke ist. Nämlich die strikte Trennung von Staat und Religion, wobei Letztere sich den Gesetzen des Ersteren unterzuordnen hat – und nicht umgekehrt. Der Staat darf nicht länger als Erfüllungsgehilfe bestimmter Religionen fungieren und sie über Zwangsabgaben finanzieren, sondern hat nur die Glaubens,-und Religionsfreiheit zu garantieren, als reine Privatangelegenheit. Wenn der Rechtsstaat erlaubt, mit Sonnebrille, Mundschutz und Hoodie herumzulaufen, sind selbstverständlich auch Burkas oder andere Vollverschleierungen legal, wenn er das eine auf Demos wg. Vermummungsverbot auschließt müssen auch Burka-Trägerinnen auf ihre Demonstrationsrecht verzichten. Nämliches gilt an Behördenschaltern, an staatlichen Schulen usw., wo “amtliche” Dienstkleidung vorgeschrieben ist.  Ansonsten gilt: solange die Kostümierung niemand anderen gefährdet möge jeder nach seiner Fasson glücklich werden. Da hat sich der säkulare Rechtsstaat nicht einzumischen, egal ob das Kostüm aus religiösen oder karnevalistischen Gründen getragen wird.

(Foto: Saudi-Emojis, Postillon)

Bommi Baumanns finale Pointe

Heute ist der ehemalige “Haschrebell” und Aktivist der “Bewegung 2. Juni” zu Grab getragen worden. Sein alter Freund Günter Langer hat auf Telepolis über “Bommi Baumanns finale Pointe” sehr schön geschrieben.
Hier erzählt Bommi über den V-Mann “S-Bahn-Peter” Urbach, der die eher auf Spaßguerilla getrimmten Kommunarden und Studenten mit Waffen und Bomben ausstattete und wie auch die spätere RAF von Geheimdienstlern scharf gemacht und bewaffnet wurde. Von Leuten, deren Treiben dem deutschen Verfassungsschutz zwar bekannt war, die aber nicht von ihm gesteuert wurden. Sie waren Teil der übergeordneten “Gladio”-Struktur, die jenseits von Recht und Staat operierte.

SNAFU USA

Screen-Shot-2016-02-25-at-10.00.07-AM-1024x741Dieser Tage  saß ich mit einem New Yorker Paar, beide langjährige Journalisten, zum Mittagessen und sie erzählten von einem Familientreffen unlängst, bei dem sowohl gestandene Republikaner als auch Demokraten-Wähler anwesend waren – aber keiner hätte gewußt, was er denn wählen soll. Was nun ja auch kein Wunder ist, wenn die eine Partei Pest und die andere Cholera als Kandidat nominiert. Deshalb rechnen die beiden, dass die Zahlen der Protestwähler, die die aussichtslosen Kandidaten der Grünen oder Libertären wählen, stark zunehmen werden. Was aber auch nix ändert. Zudem seien viele Wahlmaschinen eh  manipuliert. Also “Situation Normal All Fucked Up”.

Sie fragten mich dann, was ich von dem überall aufkommenden Nationalismus halten würde.  In Europa und für  Deutschland halte ich das für keine gute Idee, hatten wir hier schon, aber für Amerika wäre ein strikter Nationalismus, der den Rest der Welt einfach mal eine Weile in Ruhe läßt, eigentlich  hervorragend. Wir lachten – aber ich denke da ist was dran, weshalb mir in diesem Kasperltheater der Springteufel Trump, der die Militärausgaben und den Nato-Zirkus runterfahren will, außenpolitisch sogar lieber wäre als die notorisch kriegsgeile Wallstreet-Hexe Hillary. Schon haben 50 prominente Republikaner unter Leitung des bekannten Doku-Fiction-Autors Philip Zelikow – Chefautor des offiziellen 9/11-Untersuchungsberichts – in einem offenen Brief bekundet, dass sie auf keinen Fall Trump wählen. Krieg ist nun mal Krieg  und muss einfach sein,  da sind die Neocons, die CIA  und ihre Freunde, die uns den Afghanistan/Irak/Syrien/Libyen-Krieg brachten, natürlich ganz bei Hillary. Wie auch die gesamten liberalen Medien, die dafür sogar eine uralte Waffe ausgepackt haben, die früher stets von rechts gegen jeden politischen Kandidaten gezückt wurde, der etwas links von stockkonservativ stand: von Moskau bezahlter Kreml-Agent!  Waren es früher stets Liberale und Linke, denen die Rolle als “fünfte Kolonne” des Kremls zugeschrieben wurde, ist es jetzt der rechte Multi-Milliardär Trump. SNAFU wohin man schaut.

Dass “die Russen” den Server der Demokratischen Partei gehackt und Clintons emails geleakt haben, ist zwar nicht mehr als ein Gerücht, aber von der “New York Times” abwärts eine ganz große story: der Iwan manipuliert die Wahlen, Trump ist Putins Pudel und das Einzige was dagegen hilft ist Hitlary, die schließlich als erste  in Wladimir dem Schrecklichen den nächsten “Hitler” erkannt hat. Kein Thema dagegen ist, dass die geleakten emails klar beweisen, wie die Parteispitze den eigentlichen Kandidaten der demokratischen Wähler, Bernie Sanders, behinderte und mobbte, um Killary durchzusetzen. Schöne Demokraten sind mir das. Dass mehr als ein Drittel aller Bernie-Fans Clinton nicht wählen wollen, könnte sich auf ihr Wahlergebnis massiver auswirken als der Zulauf von ein paar Neocons zu ihrem Lager. Dass die Umfragen derzeit Clinton klar vorne sehen, könnte nämlich täuschen. Der Grund: weil sich The Donald mit seinen irren Sprüchen unmöglich gemacht hat bekennen sich jetzt viele der Befragten nicht zu ihm, wählen ihn am Ende aber doch. Der Stimmung im Lande nach, meinten meine New Yorker Besucher, könnte eine Überraschung wie der Brexit durchaus ins Haus stehen. Ein Wahlsieg von Trump wäre dann SNAFU im Quadrat.

Vom Nachtisch geträumt

9305Mein langjähriger taz-Kollege Arno Widmann ist 70 Jahre alt geworden und im “Perlentaucher”  haben ihm viele Freunde und Kolleginnen gratuliert. Den schönsten Geburtstagsartikel hat Gabriele Goettle geschrieben, denn sie hat an die “Dichtertaz” im Jahr 1987 erinnert, die  für Arno (und auch für mich) wohl die drei tollsten Arbeitstage darstellten, die wir je in einer Redaktion verbrachten. Er ging später zur “Vogue”, dann zur “Zeit” und zur “Frankfurter Rundschau” und schreibt jetzt seit vielen Jahren im Wochenend-Feuilleton der “Berliner Zeitung”,  ich arbeitete für “Die Woche”, die “Zeit” und viele Radio-Redaktionen, doch so ein Ding wie diese “Dichtertaz” hat keiner von uns je wieder gedreht. Arno war bei der taz damals für das “Magazin” zuständig, schrieb regelmäßig Buch-Rezensionen unter dem Titel “Vom Nachttisch geräumt” und träumte als Nichttrinker, Nichtraucher und Süßigkeiten-Freak vom Nachtisch; ich betreute die “Kultur” und wie jedes Jahr stand zur Buchmesse eine Sonderausgabe an: Besprechungen, Vorabdrucke, Essays zu den Neuerscheinungen des “Bücherherrrbsts” (M.Reich-Ranicki). Feuilleton-Business as usual eben, aber nicht in diesem Jahr, denn wir hatten eine Idee: wir verlegen die Buchmesse in die taz-Redaktion und lassen die Literaten drei Tage die Zeitung machen. Arno fuhr mit Garbiele Goettle zu ihrem guten Freund Hans Magnus Enzensberger nach München: wenn wir diesen “Dichterfürst” für die Idee gewinnen, war die Überlegung, machen alle anderen auch mit. Und so kam es dann auch: für  drei Tage konnten wir die Creme der deutschen und europäischen Literatur, darunter zwei spätere Nobelpreisträgerinnen, in  unserer abgerockten Fabriketage im Berliner Wedding versammeln und ins kalte Wasser der Tageszeitungsproduktion werfen. Außer der Technik waren von der Redaktion nur Arno und ich anwesend, um dieses Freischwimmexperiment der Feingeister  zu koordinieren. Wie wir das damals machten, hatte ich nach fast 30 Jahren fast schon wieder vergessen. Und als ich es jetzt in Gabrieles Erinnerungen wieder las, wünsche ich mir diese großartigen Tage noch einmal zurück, und auch die taz, die wir damals  jeden Tag machten – den freien Geist, das wilde Denken, die Lust am Widerspruch und den Mut zum Eigensinn. Denn es kann ja wohl nicht sein, dass diese Qualitäten nur noch ein paar alten Herren obliegen – und die Jungen machen einfach nur  noch “irgendwas mit Medien”….