
Auch zum zweiten Jahrestag des Scharfschützen-Massakers auf dem Maidan in Kiew ist das Blutbad, dem über 100 Demonstranten und Polizisten zum Opfer fielen, nicht nur nicht aufgeklärt, der amtierende ukrainische Generalstaatsanwalt bestreitet sogar die Anwesenheit anonymer Todeschützen auf und in den umgebenden Häusern – darunter ein “gekapertes” Hotelzimmer des ZDF, das die Schützen sogar filmte – weshalb mit weiteren Ermittlungen auch nicht zu rechnen ist. Die Tatsache, dass es sich bei diesen Massenerschiessungen um das Ereignis handelt, das zum Regierungsumsturz in der Ukraine führte und in der Folge zu den Aufständen in den Ostprovinzen des Landes und zur Abspaltung der Krim – auch diese eminente historische Bedeutung macht es ziemlich unwahrscheinlich, dass eine rechtsstaalichen Kriterien entsprechende Untersuchung des Verbrechens jemals stattfinden wird. (UPDATE: in einem gerade in der Ukraine anlaufenden Dokumentarfilm berichtet einer der Schützen, dass er zwei Polizisten mit einem Schuß “ins Genick” tötete – ohne juristische Konsequenzen)
Ähnliches scheint für den Mord an den Insassen des Fluges MH-17 zu gelten, wo die im letzten Beitrag zitierte Aussage des niederländischen Geheimdienstchefs (“Nur die Ukraine hatte ein BUK-System”) erwartungsgemäß keine Erwähnung in den Großmedien fand. Auch der Angriff auf das Flugzeug und der Tod von 300 Menschen hatte “historische” Bedeutung, weil er der Auslöser für die Sanktionen gegen Russland war. Und daran soll nicht gerütteltet werden, weshalb unpassende Informationen nicht in die Wiederholungsschleifen der Medien kommen und damit nicht in den Rang einer anerkannten Tatsache. Wenn weder die Russen noch die von ihnen unterstützten “Rebellen” der Ost-Ukraine etwas mit dem Absturz zu tun hatten, und wenn die Todesschützen auf den Maidan-Dächern nicht im Auftrag der Janukowitsch-Regierung feuerten, sondern rechtsradikale Söldner waren, würde sich die große Geschichte vom “demokratischen” Umsturz auf der einen und “aggressiven” Russen auf der anderen Seite als haltlos erweisen. Und das darf nicht sein. Warum ? Pepe Escobar hat es dieser Tage auf den Punkt gebracht:
“The industrial-military complex needs a powerful, «imperial» enemy; towel heads in Afghan caves or a fake «Caliphate» are a joke. Eurasian integration – Russia / China / Iran allying with Germany – must be prevented at all costs.”
That’s it. Ein paar wilde Wickelmützen in Höhlen und ein Möchtegern-Wüstenstaat taugen nicht wirklich zum Großfeind, der eine gigantische Aufrüstung vom Baltikum bis nach Nordafrika rechtfertigt, die Legende eines mega-gefährlichen “Reich des Bösen” mit hitler-artigem Herrscher ist unabdingbar um mehr “Sicherheit” zu verkaufen. Und so kommt es zu der grotesken Dämonisierung des russischen Präsidenten – “Putin will die Weltmacht!” gab der transatlantische Bauchredner Joschka Fischer 2014 den Kammerton vor – die zwar kein Mensch mit einem IQ über Zimmertemperatur ernst nehmen kann, die aber dank permanenter Wiederholung als Tatsache implementiert wird. Um zu verhindern, dass das “Herzland”, wie es der britische Geostratege Mackinder 1904 benannte, zusammenwächst und Westeuropa mit Asien verbindet, was auch Mackinders geostrategischer Nachfolger Brezinski fürchtet wie der Teufel das Weihwasser.Weil eine von Paris über Berlin und Moskau nach Peking kooperierende Achse für das US-Imperium als “einzige Weltmacht” ebenso unkontrollierbar wäre wie damals für das britsche Empire.
Deshalb wurde schon 1953 Stalins Angebot eines wiedervereinigten aber militärisch neutralen Deutschlands abgelehnt und die BRD zum Frontstaat im Kalten Krieg aufgerüstet, und folgerichtig dann seit den 1990ern auch alle Angebote Gorbatschows, Jelzins und Putins nach einem “gemeinsamen Haus” Europa und eines Friedenspakts von Lissabon bis Waldiwostok ignoriert. Und stattdessen die NATO immer weiter nach Osten vorgeschoben und was im Wege stamd – wie Jugoslawien – überfallen und beseitigt. Bis die russischstämmige Bevölkerung des Donbass-Gebiets, das einst von Lenin der Ukraine zugeschlagen wurde, sowie die Bewohner der Krim, die Chrustschow der Ukraine 1954 “geschenkt” hatte, rebellierten. Gegen den nach dem Maidan-Massaker verfassungswidrig zustande gekommenen Regierungsumsturz in Kiew, der dem Land seitdem denn auch keine Demokratisierung oder mehr Rechtsstaatlichkeit gebracht hat, sondern weiter wachsende Korruption und Bürgerkrieg. Zwei Jahre nach dem Umsturz ist das Land nicht auf dem Weg nach Europa sondern am Abgrund zum “failed state”….
Dass der Internationale Währungsfond (IWF) seine noch im Falle Griechenland eisernen und auf ewig unverrückbaren Kreditregeln in Sachen Ukraine jetzt über Nacht geändert hat, hat den Kalten Krieg auch auf den Finanzsektor ausgedehnt – und wie der Ökonom und Historiker Michael Hudson darlegt – die Welt nunmehr in zwei Hälften geteilt: den U.S. Dollar orbit, “and countries that the U.S. cannot control and whose officials are not on the U.S. payroll.”
Die Konstellation im geopolitischen Ring: In der blauen Ecke der militärisch-finanz-industrielle Riese (USA + NATO+WallStreet+ City of London) und in der roten Ecke der Wirtschafts,- Bevölkerungs,- und Rohstoffriese (China +Russland+Indien + der Rest der Welt). Da beide Seiten über nukleare Overkill-Kapazitäten verfügen besteht keine unmittelbare Gefahr, dass die Riesen direkt aufeinander losgehen. Die Ziele aber scheinen klar: die Blauen wollen globale “Full Spectrum Dominance” , die Roten eine multipolare Welt. Und darum geht es auch in den Stellvertreterkriegen in der Ukraine und im Nahen Osten, deren Opfer nicht für “Demokratie” und “Freiheit” sterben, sondern weil sie zufällig vor der russischen Haustür wohnen, wo die Blauen ihre Raketen aufstellen möchten, oder zufällig in Syrien, durch das die Roten und die Blauen Pipelines zum Mittelmeer bauen wollen… (Update dazu: Robert F.Kennedy: Ein Krieg aus energiepolitischen Gründen)