Für ein säkulares, ganzes Syrien

“Ist er so perfide..oder sind wir so dumm?” fragt  Bernd Ulrich in der  “Zeit” in Sachen Putin und verspricht, “die  neue geopolitische Lage illusionslos in den Blick zu nehmen.” Ergebnis und Siegerehrung:

„Offenbar hat der Westen in den falschen Kriegen der Ära Bush seine Entschlossenheit, seinen Heroismus, seine Opferbereitschaft weitgehend aufgebraucht; jetzt, da die Lage im Mittleren Osten kritischer ist als je zuvor, hat er infolgedessen kaum noch mentale und moralische Ressourcen, um der Lage Herr zu werden – ohne sich das jedoch eingestehen zu wollen.“

“Falsch” waren die Kriege gegen Afghanistan und Irak, weil es dort keine echte Opposition gab, die der Westen hätte unterstützen können, richtig dagegen die Kriege im Kosovo, Libyen und Syrien, weil hier Menschrechte verletzt und Diktatoren beseitigt werden. Diesen konfusen Menschenrechtsbellizismus hatte der Leitartikler der Zeit 2011 bereits in Buchform dargelegt, um zu begründen “Wofür Deutschland Krieg führen darf. Und muss.”  Nach dem mittlerweile als False-Flag-Operation enttarnten angeblichen Giftgaseinsätzen Assads rief er dann energisch zu den Waffen: “Ein Militäreinsatz nützt den Menschen in Syrien mehr als keiner”. Dass sich die Bundeswehr mittlerweile daran beteiligt, den Menschen in Syrien “zu nützen” reicht aber nicht, weshalb den unvorbereiteten Leserinnen und Lesern mit einer Salve Laptop-Bomber-Prosa die Augen geöffnet werden müssen: es fehlt ihnen, dem “Westen”, also uns allen, einfach nur ein wenig Heroismus und ein bißchen Opferbereitschaft – und schon könnte man den weder perfiden noch dämonischen sondern nur geschickten Feldherrn Putin ausmanövrieren.

Um dann mit wunderbarem “regime change” einen  demokratischen Wandel wie im Kosovo und Libyen auch in Damaskus herbeizuführen… nein, das schreibt Kamerad Ulrich natürlich nicht, denn es ist ja gerade das Chaos, das diese in seiner Konnotation “richtigen” Kriege hinterlassen haben,  welches  für den “mentalen und moralischen” Ressourcenverbrauch verantwortlich ist. Wer mental noch halbwegs beisammen ist kann weder für den Mafiastaat Kosovo noch für das von islamistischen Milizien terrorisierte Libyen irgendeine moralische Begründung finden – und wird einen Teufel tun sich entschlossen und heroisch in die Fortsetzung dieses mörderischen Wahnsinns zu stürzen. Da zu mehr Heldentum und Opferbereitschaft aufzurufen ist nicht nur dumm und perfide, sondern zynisch und verantwortlungslos.

Gottlob sind die entscheidenden Player in diesem Krieg entschieden besonnener als die Volkssturmtrommler  und russophoben Wortverdreher der hiesigen “Qualitätspresse” –  wie man der Pressekonferenz  der Minister Kerry und Lawrow sehr  gut entnehmen kann:
” Wir versuchen jetzt alles, was in der Macht der Diplomatie steht, um diesen Konflikt auf eine Weise zu Ende zu bringen, der in einem vereinten, nicht-konfessionellen, die Minderheiten schützenden, säkularen, ganzen Staat endet.”
Diese Worte des amerikanischen Außenministers könnten bestätigen, was Thierry Meissan in seiner Analyse vermutet: “Das Treffen der Internationalen Gruppe zur Unterstützung Syriens scheint zu bedeuten, dass das Weiße Haus wieder das Heft in die Hand nimmt auf Kosten der „Neokonservativen“ und der „liberalen Falken“…. Es scheint, dass das Weiße Haus die Absicht, Syrien zu zerstückeln, aufgegeben hat und mit dem Kreml übereingekommen ist, das französisch-britische Vorhaben der Errichtung eines Pseudo-Kurdistan im Nord-Osten des Landes zu verhindern.”

Deutlich pessimistischer schätzte – vor der Münchner Konferenz –  der Saker die Lage ein: “Die letzten Meldungen legen meiner Meinung nach nahe, dass das Weiße Haus entschieden hat, die Türkei und Saudi-Arabien in Syrien einfallen zu lassen.”  Heute melden die Nachrichten, dass Sultan Erdogan von der türkischen Seite der Grenze weiter nach Syrien feuern läßt.  “Russia Insider” vermutet dahinter allerdings nur einen Bluff, weil weder Türken noch Saudis ohne ein Okay Washingtons  in Syrien einmarschieren. Wenn die Wünsche einer Landnahme durch den  Groß-Osmanen Erdogan und der  Etablierung einer salafistischen Region in Syrien/Irak  durch die Kopf-ab-Saudis von der Agenda der USA tatsächlich gestrichen sind, wenn also die Vereinbarungen von Genf umgesetzt und jetzt alle bewaffneten Islamisten auf syrischem Boden bekämpft werden, ist der Spuk des “islamischen Staats” schnell beendet. Dass mittlerweile auch der apostolische Vikar des Papstes in Aleppo das russisch-syrische Vorgehen begrüsst, sollte allen Verteidigern des christlichen Abendlands jedenfalls mehr zu denken geben als das hysterische Putin-Bashing der hiesigen “Lückenpresse”….

Unsicherheitskonferenz

In München ist mal wieder Unsicherheitskonferenz und das ehemalige Nachrichtenmagazin (“Stoppt Putin jetzt!”)  schon im Vorfeld  in Hochform: “Der Westen verhandelt, Russland bombt, Syrer sterben”   Dass der “Westen” gar nicht verhandelt, weil seine Kampftruppen die Genfer Verhandlungen verlassen haben, dass außer Russland (seit drei Monaten)  auch der “Westen” (seit drei Jahren) “bombt” und seitdem in Syrien massenhaft gestorben wird – geschenkt. Soviel Komplexität lässt sich in einer Überschrift ja auch nicht rüberbringen, zumal online, kurze Aufmersamkeitsschwelle und so, also kurz und knackig das Narrativ, die Botschaft channeln: der Westen bombt nicht, sondern verhandelt (gut!), Russland verhandelt nicht sondern bombt (böse!) und deshalb sterben Syrer (schlimm!). Man darf die Leserinnen und Leser schließlich nicht verunsichern. Wir sind immer die Guten, Fakten sind zweitrangig.

Doch im Krieg, wie im Fussball, gilt: “Wichtig ist auf’m Platz” – und auf den Battlefields in Syrien hat sich jüngster Zeit einiges verändert.  Die Kampftruppen des Westens (Al Qaida/ Al Nusra) wurden zu Tausenden aus ihren Stützpunkten vertrieben, Aleppo, die zweitgrößte Stadt, die sie noch halten, ist von der regulären syrischen Armee umzingelt und der freie Korridor, über den die Kampftruppen und der IS  aus der Türkei versorgt werden, wird immer enger. Damit droht der Plan des Westens im Great Game – ein dreigeteiltes Syrien – zu scheitern, und ein paar saudische Söldner, die das Kopf-ab-Königshaus als Bodentruppe zu senden “gedroht” hat, werden daran nichts ändern. Ebensowenig wie Sultan Erdogan, der sich ein Stück Syrien schnappen will und deshalb  versucht, USA und NATO noch massiver in den Konflikt hineinzuziehen.

Unterdessen hat der russische Aussenminister seinem US-Kollegen offenbar klar gemacht, wie es  realpolitisch jetzt weiter laufen muss, wenn der “Islamische Staat” beseitigt und ein permanenter Krieg verhindert werden soll:  der Knotenpunkt Aleppo wird von westlich unterstützten Kampftruppen befreit und die Jihad-Autobahn in die Türkei dicht gemacht. Dann steht einer Eroberung von Raqqa, der “Hauptstadt” des selbsternannten Kalifats, nichts mehr im Wege.  Leute die sich “auf’m Platz” auskennen, wie der Ex-Bundeswehrgeneral Kujat, loben  diese Strategie wohl  nicht zufällig: es scheint die einzige, die ein schnelles Ende des Kriegs verspricht. Dass damit das ohnehin schon nahezu verstummte westliche Mantra “Assad muss weg” erledigt wäre, und dieser bei Neuwahlen in  Syrien wenn nicht persönlich dann mit seiner Partei an der Macht bleiben könnte – das ist die Kröte, die es zu schlucken gilt, wenn es einen schnellen Frieden und eine Rückkehrmöglichkeit für die Flüchtlinge geben soll. Dass sich die westlichen Kandidaten dieser “Dschungelprüfung” in München stellen ist leider nicht zu erwarten.

Nationen und Nationalismus

27.01.16 21:03-BildschirmkopieOoops, mit dem letzten Stimmungsbericht  über die allgemeine Erregungsbereitschaft habe ich  etwas getroffen, obwohl ich überhaupt nicht gezielt hatte. In  einigen mails und Kommentaren auf Telepolis  stößt meine Kritik an Kategorien wie “Nation” oder “Volk” auf Widerspruch oder Unverständnis. Hier zur weiteren Erläuterung zum Thema “Nationen und Nationalismus” ein kleiner Auszug aus dem im März erscheinenden Buch:

“(…) Dass das Nationale als Kitt, als Integrationsklebstoff so hervorragend funktioniert, ändert indessen nichts daran, dass es im Kern hohl und leer ist. Es versammelt eine solche Vielfalt unterschiedlichster Interessengruppen, Lebensvorstellungen, politischer Auffassungen und regionaler Kulturen, dass jede Definition eines „typischen“ Nationalcharakters zum Scheitern verurteilt ist. Beziehungsweise zum Rückgriff auf Klischees und Stereotypen gezwungen, die keiner empirischen Überprüfung standhalten. Was auch für unscharfe Begriffe wie „Kulturnation“ gilt.(1)

Die heutigen Nationalstaaten verdanken ihr Territorium nicht dem Willen ihrer Bewohner, eine Sprach- und Kulturgemeinschaft zu bilden, sondern Eroberungen, Gebietsverlusten, Hochzeiten oder Erbfolgen. Weshalb am Ende von dem ganzen Popanz „Nation“ nur ein bunter Wimpel bleibt, eine Fahne, die zum Heiligtum erklärt und deren „Beleidigung“ unter Strafe gestellt wird.

So sehr die heimatliche Verbundenheit mit einer Herkunftsregion, ihrer Landschaft und Lebensart, ihren kulturellen und kulinarischen Gewohnheiten, eine positive Identifikation ermöglicht, so wenig an echten Identifikationsmöglichkeiten hat eine Nation zu bieten. Deshalb ist der Nationalismus stets angewiesen auf die Überhöhung eines imaginierten „Eigenen“ – inklusive heiliger Symbole und Beschwörung einer ruhmreichen Vergangenheit – bei gleichzeitiger Abwertung und Ausgrenzung des „Anderen“..

Mit der Deklaration von zivilisierten „Kulturvölkern“ und minderwertigen „Wilden“ oder arischen „Übermenschen“ und lebensunwerten „Untermenschen“ hat dieser Nationalismus in den letzten Jahrhunderten auf mörderische Art gewütet – und die „Allgemeine Deklaration der Menschenrechte“ nach dem letzten großen Schlachten des 2. Weltkrieg hat seitdem allenfalls eine dünne Membran Völkerverständigung geschaffen, nicht aber eine allgemeine Abkehr von nationalistischem Denken und Handeln. So ist auch in Europa der Nationalismus in Form von rechtsnationalen Parteien überall wieder auf dem Vormarsch, der mit der Schaffung einer übernationalen Gemeinschaft, der Europäischen Union, eigentlich längst überwunden sein sollte. Und doch wird die nostalgische Beschwörung des Nationalstaats als Hort der Einigkeit und der Wohlfahrt – gegen die kalte Luft der „Globalisierung“ und die übelwollenden Nachbarn/Russen/Chinesen/ Amis/Moslems/You name it – weiter erfolgreich als Krisenbewältigungsstrategie verkauft. Und so einmal mehr darüber hinweggetäuscht, dass die eigentlichen Grenzen nicht zwischen Völkern und Nationen verlaufen, sondern zwischen Oben und Unten. (-> Verteilung). (…)
(1) Selbst überragende Geister wie Immanuel Kant schreckten in Sachen „Nationalcharakter“ nicht vor Klischees zurück: „Wenn die Araber gleichsam die Spanier des Orients sind, so sind die Perser die Franzosen von Asien.“ ( „Beobachtungen über das Gefühle des Schönen und Erhabenen“, S. 252) und argumentieren auf ähnlichen Niveau wie Karl May: „Der Türke an sich ist bieder und ehrlich.“ („Von Bagdad nach Stambul“, S. 5). Über solche Stereotypen kommen auch neuere Behauptungen eines „Nationalcharakters“ nicht hinaus. Was typisch ist und was Menschen unterscheidet, sind regionale Eigenschaften, Traditionen, Dialekte – und da ist der Bayer am Alpenrand näher an östereichischer oder schweizerischer Kultur als an der von Friesen oder Brandenburgern. Ein gesamtdeutscher „Typ“ oder „Charakter“ existiert nicht. Es gibt das Rechtsgebiet „Bundesrepublik Deutschland“, zu dem sich die verschiedenen Länder zusammengeschlossen haben, ein Grundgesetz und ein Fähnchen. Sowie die Fußball-Nationalmannschaft, mit Boateng, Kedira, Özil …”

Auszug aus: Sven Böttcher/Mathias Bröckers: Die ganze Wahrheit über alles, Westendverlag, März 2106

Erregungsbereitschaft und Schießbefehl

Ein guter Freund schrieb mir am vorletzten Wochenende: “Ich war am Donnerstag auf einer Veranstaltung zum Füchtlingsunterbringung am Tempelhofer Feld und war erschrocken über die Erregungsbereitschaft von Menschen, die sich für intellektuell halten. Die anwesenden Politiker wurden kaum argumentativ angegangen, sondern immer wieder höhnend, johlend, beleidigend an den Pranger gestellt. Unter aufbrandendem Beifall und im Scheinwerferlicht. Intelligente Polemik und gutes Kabarett ist etwas anderes…. Es wird gefährlich, wenn differenzierte Argumentationen und Politiker, die sich mit unpopulären Kleinsterfolgen und Kompromissen von Sitzung zu Sitzung schleppen, von großsichtigen Schreibtischtätern und skandierenden Straßendemonstranten ins mediale Abseits gedrängt werden.”

Dieser Stimmungsbericht  kommt nicht aus dem tiefbraunen Sachsen, sondern aus der direkten Nachbarschaft der grün-alternativen Hochburg Kreuzberg – und auch wenn die Besucher der Veranstaltung sicher nicht alle aus dem links-grünen Wählerspektrum stammten, ist die zitierte “Erregungsbereitschaft” aktuell doch ein  weit verbreitetes Symptom. Vor allem, wie mir scheint, bei älteren Männern und auch bei solchen, die man mal für intelektuell und  scharfsinnig hielt. Botho Strauss etwa, der sich in seiner uckermärkischen Klause zum “letzten Deutschen” stilisiert, Rüdiger Safranski, der sich  empört, mit Flüchtlingen “Deutschland zu fluten” oder Peter Sloterdijk, der den  “Souveränitätsverzicht” beklagt und sich von einer  Überrollung bedroht sieht.

Warum nutzen einst durchaus freie, kosmopolitische Geister auf ihre alten Tage die Freiheit des Denkens nicht, sondern rudern stattdessen  zurück in nationale völkische Enge, wie kommt es, dass saturierte und etablierte Intellektuelle sich in ihrer wohl geheizten Schreibstube plötzlich vor dem Islam fürchten und den Untergang des Abendlands schon vor der Tür sehen ? Spricht hier –  wie in den von Klaus Theweleit analysierten  Flut- und Fließmetaphern der Freikorpsliteratur und ihren  Vorstellungen von Bedrohung und Entmenschlichung – einmal mehr der Strom eines Unbewußten, der schon für die Konstitution des faschistischen Mannes prägend war ? Oder handelt es sich nur um ein Erregungs-Syndrom alter Säcke, die sich – zumal nach dem Sylvester-Hype um viril-aggressive “junge Männer” – ins präsenile Abseits gedrängt fühlen ?

Wenn schon gestandene Denker und Weltdeuter sich Fluten, Schwemmen, Wellen und  Ströme einbilden  – und implizit nach dem Retter rufen wenn sie “Merkel muß weg!” fordern – muß sich über prekäre Pegidisten, die  Flüchtlingsheime angreifen und einen starken Führer herbeisehnen, niemand mehr  wundern. Wie auch, wenn nicht einmal die Großdenker zu den eigentlichen Ursachen des Problems irgendetwas zu sagen haben, sondern sich nur darüber mokieren, dass hierzulande die Symptome nicht schnell genug beseitigt werden ?  Zu den Kriegen, die die Massenfluchten auslösten, hat man von den gelehrten Herrn jedenfalls keinen  empörten Widerspruch gehört. Wer aber über Bomben und Drohnen nicht sprechen will, sollte über die davor Fliehenden schweigen. Und wer die mit deutscher Unterstützung geführten Kriege für notwendig hält und stillschweigend billigt, der muss die Konsequenzen tragen. Wer Grenzen schließen will muß schießen – auf alles was sich bewegt, denn anders lassen sich Grenzen nicht schließen. Wer sich Flüchtlinge aussuchen will, muß Selektionsrampen eröffnen: die Guten in’s Töpfchen, die Schlechten ins Mittelmeer.

“Wer Menschheit sagt, will betrügen”  wandte einst der Staatstheoretiker und Nazi Carl Schmitt gegen die Behauptung einer universellen Ethik und allgemeiner Menschenrechte ein, der rechts-konservative Philosoph Arnold Gehlen kritisierte dann in den 1960ern die Existenz einer “Hypermoral” und eines “Humanitarismus”, der die Menschenliebe über den Erhalt ordnungsstiftender Institutionen stelle. Auf dieser Linie argumentieren jetzt auch die oben genannten Intellektuellen und auch ohne sich zu diesen Ahnherren explizit zu bekennen bleibt ihnen nichts anderes, als in deren hypertrophierte Trutzburgen – Nationalstaat und Volk – zurückzurudern. Als ob das Signum “Nation” oder “Volk” nicht ebenso zum Betrug und Missbrauch genutzt wurde , wie Missionen im Namen der “Menschheit” zum aktuellen Menschenrechts-Bellizismus  ausgeartet sind. Nicht die “Willkommens-Kultur” ist deshalb als Hypermoral zu kritisieren, sondern die hypermoralistische Perfidie, mit der “Menschenrechte” permanent vorgeschoben und missbraucht werden, um Macht,-und Geschäftsinteressen mit Krieg durchzusetzen. Solange sich gegen diese Politik keine Erregung breit macht, solange unter dem Fähnchen der universellen Gesinnungsethik  “Menschenrechte” mit Bomben verbreitet werden, solange können “Verantwortungsethiker” zu Hause nur an den Symptomen herumpfuschen. Dafür braucht es in der Konsequenz, da hat die AfD-Dame Storch durchaus recht,  den Schießbefehl an der Grenze.

(Dieser Beitrag ist auch auf Telepolis erschienen)

Wir brauchen dringend Obergrenzen!

Wir brauchen dringend Obergrenzen
Zum Beispiel für Exportlizenzen
Von all dem deutschen Kriegsgerät
Das weltweit Mord und Terror sät.

Ebenfalls für Obergrenzen
Sprechen landesweit Tendenzen
Dass Mieten gen unendlich gleiten
Ohne Deckelung beizeiten

Auf Rundfunk,- und TV-Frequenzen
Ist Höchstbedarf an Obergrenzen
Für Lücken, Lügen, Lobbyisten
Parteien, Kirchen, Pseudo-Christen

Auch für die Boni unserer Banker
Braucht’s einen soliden Anker
Die Krise hat jetzt Konsequenzen:
Beim Top-Gehalt gibt’s Obergrenzen.

Auch müssen Obergrenzen her
Für umweltschädlichen Verkehr
Statt Ausweitung der Blechlawine
Mehr Investment in die Schiene.

Die Zerstörung der Natur
Kann mit Obergrenzen nur
Für Müll und giftige Chemie
Beendet werden. Oder nie.

Was heißt wir brauchen dann in Gänze
Auch so was wie ne Obergrenze
Für Shopping, Wachstum und Konsum
Denn sonst bringen wir uns um

Nur beim Asyl ist es nicht schwer
Asyl mit Grenzen ist keins mehr.
Weil ein Asyl mit Obergrenzen
Leben gefährdet, Existenzen

Wer da nun fordert “Grenzen schließen!”
Mit dem Befehl sofort zu schießen
Unterschreitet allemal
Die Untergrenzen der Moral.

Chips oder Trips ?

Als ich eben den Nachruf auf Marvin Minsky las, einen der Pioniere der “Künstlichen Intelligenz”, der 88-jährig verstorben ist, erinnerte ich mich an einen denkwürdigen Abend, den ich mit ihm und einigen weiteren Referenten der “ars electronica” – William Gibson, Jaron Lannier, Bruce Sterling und Timothy Leary  – 1990 in einer Kneipe in Linz verbracht hatte. Und die Tage davor und danach auf einer interessanten Konferenz über virtuelle Welten. Minskys Vorhersagen zur KI und einem Interface von Computer und Gehirn hatte ich seitdem als unsinnig abgespeichert, und mich nur noch an den lustigen Streit erinnert, den er in der Kneipe mit Leary ausfocht: wer denn nun der verrücktere Professor sei – er, der zwecks Bewusstseinserweiterung eher auf  Maschinen/Computer (Chips) oder Leary, der eher auf Pilze/LSD (Trips) setzt.

Viel mehr als diese Anekdote kam mir nicht ins Gedächtnis über diese Konferenz vor mehr als einem Vierteljahrhundert, bis mir dämmnerte, dass ich dort auch länger mit Jaron Lannier gesprochen und einige Monate später in Kalifornien seine VR-Maschinen ausprobierte, und auch noch ein Gespräch mit William Gibson geführt und über all das einen längeren Artikel geschrieben hatte. Und siehe da: obwohl das Internet wie wir es kennen noch nicht vorhanden war, war die “taz” schon digital und hat (aus ihrer Ausgabe vom 18.9,1990) alles fein säuberlich im Archiv festgehalten. Hier also ein quasi archäologischer Report aus der Frühzeit des “Cyberspace”, mit dem dieser Begriff  wahrscheinlich zum ersten Mal überhaupt in der deutschen Tagespresse auftauchte:

Postsymbolische Kommunikation
Digitale Träume, virtuelle Welten, Cyberspace – auf dem Symposion der “ars electronica” in Linz wurde das Medium des 21. Jahrhunderts vorgestellt  

Technologie und Underground
Ein Gespräch mit dem Erfinder des kybernetischen Weltraums, William Gibson  

“Wir sind die Guten” als Taschenbuch

wsdg-coverIm Piper-Verlag erscheint  jetzt die Taschenbuchausgabe von “Wir sind die Guten” “, für die wir ein aktuelles  Vorwort geschrieben haben. Daraus hier ein Auszug:

“Dass wir uns im Herbst 2014 mit dem Untertitel dieses Buchs der Fraktion der „Putinversteher“ zuordneten, war nicht einer besonderen Sympathie für den russischen Präsidenten geschuldet, sondern geschah als ironische und provokative Antwort auf die propagandistische Diskreditierung dieses Begriffs. Ähnlich wie einst beim Erstarken der Frauenbewegung mit mackerhafter Attitüde als „Frauenversteher“ abgekanzelt wurde, wer die feministischen Argumente akzeptierte, so wurde im Zuge des Ukraine-Konflikts als „Putin-“ oder „Russland-Versteher“ abgemeiert, wer die Argumente und Ansichten der russischen Seite ernst nahm. Dieser dumpfen Einseitigkeit entgegen zu wirken, von der wir auch große Teile der etablierten Medien erfasst sahen, war der Anlass für dieses Buch. Und unser Outing als „Putinversteher“ die Antwort auf die Reduzierung dieses Konflikts auf den Kampf gegen einen gefährlichen, aggressiven, skrupellosen Mann – Wladimir Putin – und einen gegen dieses personifizierte Böse kämpfenden Westen, der nur hehre Ziele verfolgt. Gegen diese des-informierende, anti-aufklärerische Vereinfachung richtete sich unser Buch – mit Informationen und Hintergrundanalysen, die uns für eine objektive sachliche Beurteilung unverzichtbar schienen, von der allgemeinen Berichterstattung aber ignoriert oder ausgespart wurden. Dass diese Leerstelle tatsächlich existierte – auch wenn sich die etablierten Medien von ARD und ZDF abwärts bis heute keiner Schuld bewusst sind – bescherte „Wir sind die Guten“ den unerwarteten Erfolg von 20 Wochen in der Bestsellerliste und 10 Auflagen innerhalb eines Jahres. Und dies, obwohl sich diese etablierten Medien mit den Thesen und Analysen des Buchs kaum auseinandersetzten – wie es Stefan Niggemeier, Medienjournalist der FAZ, beklagte:

„Es stellt viele unbequeme Fragen, an die Rolle der Amerikaner und des Westens im Ukraine-Konflikt – vor allem aber auch an die Medien, die diese Rolle so wenig hinterfragen. (…) es hinterlässt umso mehr das Gefühl, dass es hier eine Leerstelle gibt in der Berichterstattung der etablierten Medien. Und dieses Gefühl wird dadurch verstärkt, dass es in eben jenen Medien keine große Auseinandersetzung gibt über das Buch. Dass es nicht als Anlass gesehen wird, sich mit den Fragen, die es aufwirft, auseinanderzusetzen – und sei es, sie nüchtern und klar zu beantworten und der Analyse zu widersprechen.”

Dass der Widerspruch gegen unsere Analysen entweder ausblieb, oder sehr oft unsachlich (am tollsten trieb es Reinhold Veser in der FAZ: “Volksverhetzung”! ) und unklar ausfiel – auf der Website zum Buch ( www.putinversteher.info ) haben wir viele Rezensionen dokumentiert und kommentiert – könnte als Beleg dafür betrachtet werden, dass unsere Argumente eben nicht so einfach zu widerlegen und damit vom Tisch zu wischen sind.”

(…)Continue reading →

Wahnsinn mit Methode

nato_logo_nord_atlantische_terror_organisation_qpressDas “Council On Foreign Relations” (CFR), eine Denkfabrik, der man wahrlich keinen Anti-Amerikanismus nachsagen kann, hat neue Zahlen zum “Great War On Terror”(GWOT) veröffentlicht. Danach haben die USA im Jahr 2015 mehr als  23.000 Bomben über sechs muslimischen Ländern abgeworfen, davon allein 22.100 über Syrien und Irak. Während das Pentagon behauptet, dabei seien 25.000 IS-Kämpfer  getötet worden, gehen CIA und CFR, die ihre Zahl 2014 auf 30.000 schätzten, dass sie nach wie vor etwa 30.000 beträgt: “To summarize the anti-Islamic State bombing calculus: 30,000 – 25,000 = 30,000.”

Womit wir die in diesem Blog seit je und bis zum Gähnen wiederholte Feststellung (“Verschwörungstheorie!”) , dass Krieg gegen den Terror diesen nicht verhindert, sondern produziert und eben deshalb geführt wird, einmal mehr und live in action erleben. Er ist für den “militärisch-industriellen Komplex”, vor dem Präsident Eisenhower in seiner Abschiedsrede 1961 so eindringlich warnte, eine geradezu perfektes Perpetuum Mobile:  ein ungewinnbarer Krieg ohne definiertes Ziel und ohne Exit-Strategie, der seine Ursache immer wieder selbst erzeugt und sich so die nötige Energie – ein nie versiegendes Budget – verschafft. Als Generator dieser Energie fungieren Furcht und Schrecken der Bevölkerung, weshalb dem  Geheimdienst,- und Kriegsapparat noch eine “Kirche der Angst” zugeordnet ist, ein Medienapparat, der den Schrecken des Terrors multimedial inszeniert und die Alternativlosigkeit des “Kriegs gegen Terror” predigt.

Und so kommt es, dass der Wahnsinn von 23.000 Bomben auf sechs Länder, von denen keines die Vereinigten Staaten oder die Nato in irgendeiner Weise angegriffen hat, diesem Medienapparat allenfalls eine Kurzmeldung wert ist – und nicht, wie es sich für einen derart mörderischen Wahnsinn gehörte, wochenlang Schlagzeilen. Zumal die Folgen dieses Wahns nicht nur irgendwo weit weit weg zu spüren sind, sondern ihre Opfer bis nach Deutschland flüchten. Was zu Problemen führt, die landauf landab heiß debattiert werden – wohingegen die Ursachen und Auslöser dieser Probleme kein Thema sind. Sonst müßte dieser Bombenterror, an dem sich jetzt auch noch die Bundeswehr beteiligt, in die Hauptnachrichten, “Brennpunkte”, “Bild”-Titelseiten. Tut er aber nicht. Womit wir noch ein anderes Phänomen einmal mehr live und in action erleben: unsere Lückenpresse.