Erregungsbereitschaft und Schießbefehl

Ein guter Freund schrieb mir am vorletzten Wochenende: “Ich war am Donnerstag auf einer Veranstaltung zum Füchtlingsunterbringung am Tempelhofer Feld und war erschrocken über die Erregungsbereitschaft von Menschen, die sich für intellektuell halten. Die anwesenden Politiker wurden kaum argumentativ angegangen, sondern immer wieder höhnend, johlend, beleidigend an den Pranger gestellt. Unter aufbrandendem Beifall und im Scheinwerferlicht. Intelligente Polemik und gutes Kabarett ist etwas anderes…. Es wird gefährlich, wenn differenzierte Argumentationen und Politiker, die sich mit unpopulären Kleinsterfolgen und Kompromissen von Sitzung zu Sitzung schleppen, von großsichtigen Schreibtischtätern und skandierenden Straßendemonstranten ins mediale Abseits gedrängt werden.”

Dieser Stimmungsbericht  kommt nicht aus dem tiefbraunen Sachsen, sondern aus der direkten Nachbarschaft der grün-alternativen Hochburg Kreuzberg – und auch wenn die Besucher der Veranstaltung sicher nicht alle aus dem links-grünen Wählerspektrum stammten, ist die zitierte “Erregungsbereitschaft” aktuell doch ein  weit verbreitetes Symptom. Vor allem, wie mir scheint, bei älteren Männern und auch bei solchen, die man mal für intelektuell und  scharfsinnig hielt. Botho Strauss etwa, der sich in seiner uckermärkischen Klause zum “letzten Deutschen” stilisiert, Rüdiger Safranski, der sich  empört, mit Flüchtlingen “Deutschland zu fluten” oder Peter Sloterdijk, der den  “Souveränitätsverzicht” beklagt und sich von einer  Überrollung bedroht sieht.

Warum nutzen einst durchaus freie, kosmopolitische Geister auf ihre alten Tage die Freiheit des Denkens nicht, sondern rudern stattdessen  zurück in nationale völkische Enge, wie kommt es, dass saturierte und etablierte Intellektuelle sich in ihrer wohl geheizten Schreibstube plötzlich vor dem Islam fürchten und den Untergang des Abendlands schon vor der Tür sehen ? Spricht hier –  wie in den von Klaus Theweleit analysierten  Flut- und Fließmetaphern der Freikorpsliteratur und ihren  Vorstellungen von Bedrohung und Entmenschlichung – einmal mehr der Strom eines Unbewußten, der schon für die Konstitution des faschistischen Mannes prägend war ? Oder handelt es sich nur um ein Erregungs-Syndrom alter Säcke, die sich – zumal nach dem Sylvester-Hype um viril-aggressive “junge Männer” – ins präsenile Abseits gedrängt fühlen ?

Wenn schon gestandene Denker und Weltdeuter sich Fluten, Schwemmen, Wellen und  Ströme einbilden  – und implizit nach dem Retter rufen wenn sie “Merkel muß weg!” fordern – muß sich über prekäre Pegidisten, die  Flüchtlingsheime angreifen und einen starken Führer herbeisehnen, niemand mehr  wundern. Wie auch, wenn nicht einmal die Großdenker zu den eigentlichen Ursachen des Problems irgendetwas zu sagen haben, sondern sich nur darüber mokieren, dass hierzulande die Symptome nicht schnell genug beseitigt werden ?  Zu den Kriegen, die die Massenfluchten auslösten, hat man von den gelehrten Herrn jedenfalls keinen  empörten Widerspruch gehört. Wer aber über Bomben und Drohnen nicht sprechen will, sollte über die davor Fliehenden schweigen. Und wer die mit deutscher Unterstützung geführten Kriege für notwendig hält und stillschweigend billigt, der muss die Konsequenzen tragen. Wer Grenzen schließen will muß schießen – auf alles was sich bewegt, denn anders lassen sich Grenzen nicht schließen. Wer sich Flüchtlinge aussuchen will, muß Selektionsrampen eröffnen: die Guten in’s Töpfchen, die Schlechten ins Mittelmeer.

“Wer Menschheit sagt, will betrügen”  wandte einst der Staatstheoretiker und Nazi Carl Schmitt gegen die Behauptung einer universellen Ethik und allgemeiner Menschenrechte ein, der rechts-konservative Philosoph Arnold Gehlen kritisierte dann in den 1960ern die Existenz einer “Hypermoral” und eines “Humanitarismus”, der die Menschenliebe über den Erhalt ordnungsstiftender Institutionen stelle. Auf dieser Linie argumentieren jetzt auch die oben genannten Intellektuellen und auch ohne sich zu diesen Ahnherren explizit zu bekennen bleibt ihnen nichts anderes, als in deren hypertrophierte Trutzburgen – Nationalstaat und Volk – zurückzurudern. Als ob das Signum “Nation” oder “Volk” nicht ebenso zum Betrug und Missbrauch genutzt wurde , wie Missionen im Namen der “Menschheit” zum aktuellen Menschenrechts-Bellizismus  ausgeartet sind. Nicht die “Willkommens-Kultur” ist deshalb als Hypermoral zu kritisieren, sondern die hypermoralistische Perfidie, mit der “Menschenrechte” permanent vorgeschoben und missbraucht werden, um Macht,-und Geschäftsinteressen mit Krieg durchzusetzen. Solange sich gegen diese Politik keine Erregung breit macht, solange unter dem Fähnchen der universellen Gesinnungsethik  “Menschenrechte” mit Bomben verbreitet werden, solange können “Verantwortungsethiker” zu Hause nur an den Symptomen herumpfuschen. Dafür braucht es in der Konsequenz, da hat die AfD-Dame Storch durchaus recht,  den Schießbefehl an der Grenze.

(Dieser Beitrag ist auch auf Telepolis erschienen)

Wir brauchen dringend Obergrenzen!

Wir brauchen dringend Obergrenzen
Zum Beispiel für Exportlizenzen
Von all dem deutschen Kriegsgerät
Das weltweit Mord und Terror sät.

Ebenfalls für Obergrenzen
Sprechen landesweit Tendenzen
Dass Mieten gen unendlich gleiten
Ohne Deckelung beizeiten

Auf Rundfunk,- und TV-Frequenzen
Ist Höchstbedarf an Obergrenzen
Für Lücken, Lügen, Lobbyisten
Parteien, Kirchen, Pseudo-Christen

Auch für die Boni unserer Banker
Braucht’s einen soliden Anker
Die Krise hat jetzt Konsequenzen:
Beim Top-Gehalt gibt’s Obergrenzen.

Auch müssen Obergrenzen her
Für umweltschädlichen Verkehr
Statt Ausweitung der Blechlawine
Mehr Investment in die Schiene.

Die Zerstörung der Natur
Kann mit Obergrenzen nur
Für Müll und giftige Chemie
Beendet werden. Oder nie.

Was heißt wir brauchen dann in Gänze
Auch so was wie ne Obergrenze
Für Shopping, Wachstum und Konsum
Denn sonst bringen wir uns um

Nur beim Asyl ist es nicht schwer
Asyl mit Grenzen ist keins mehr.
Weil ein Asyl mit Obergrenzen
Leben gefährdet, Existenzen

Wer da nun fordert “Grenzen schließen!”
Mit dem Befehl sofort zu schießen
Unterschreitet allemal
Die Untergrenzen der Moral.

Chips oder Trips ?

Als ich eben den Nachruf auf Marvin Minsky las, einen der Pioniere der “Künstlichen Intelligenz”, der 88-jährig verstorben ist, erinnerte ich mich an einen denkwürdigen Abend, den ich mit ihm und einigen weiteren Referenten der “ars electronica” – William Gibson, Jaron Lannier, Bruce Sterling und Timothy Leary  – 1990 in einer Kneipe in Linz verbracht hatte. Und die Tage davor und danach auf einer interessanten Konferenz über virtuelle Welten. Minskys Vorhersagen zur KI und einem Interface von Computer und Gehirn hatte ich seitdem als unsinnig abgespeichert, und mich nur noch an den lustigen Streit erinnert, den er in der Kneipe mit Leary ausfocht: wer denn nun der verrücktere Professor sei – er, der zwecks Bewusstseinserweiterung eher auf  Maschinen/Computer (Chips) oder Leary, der eher auf Pilze/LSD (Trips) setzt.

Viel mehr als diese Anekdote kam mir nicht ins Gedächtnis über diese Konferenz vor mehr als einem Vierteljahrhundert, bis mir dämmnerte, dass ich dort auch länger mit Jaron Lannier gesprochen und einige Monate später in Kalifornien seine VR-Maschinen ausprobierte, und auch noch ein Gespräch mit William Gibson geführt und über all das einen längeren Artikel geschrieben hatte. Und siehe da: obwohl das Internet wie wir es kennen noch nicht vorhanden war, war die “taz” schon digital und hat (aus ihrer Ausgabe vom 18.9,1990) alles fein säuberlich im Archiv festgehalten. Hier also ein quasi archäologischer Report aus der Frühzeit des “Cyberspace”, mit dem dieser Begriff  wahrscheinlich zum ersten Mal überhaupt in der deutschen Tagespresse auftauchte:

Postsymbolische Kommunikation
Digitale Träume, virtuelle Welten, Cyberspace – auf dem Symposion der “ars electronica” in Linz wurde das Medium des 21. Jahrhunderts vorgestellt  

Technologie und Underground
Ein Gespräch mit dem Erfinder des kybernetischen Weltraums, William Gibson  

“Wir sind die Guten” als Taschenbuch

wsdg-coverIm Piper-Verlag erscheint  jetzt die Taschenbuchausgabe von “Wir sind die Guten” “, für die wir ein aktuelles  Vorwort geschrieben haben. Daraus hier ein Auszug:

“Dass wir uns im Herbst 2014 mit dem Untertitel dieses Buchs der Fraktion der „Putinversteher“ zuordneten, war nicht einer besonderen Sympathie für den russischen Präsidenten geschuldet, sondern geschah als ironische und provokative Antwort auf die propagandistische Diskreditierung dieses Begriffs. Ähnlich wie einst beim Erstarken der Frauenbewegung mit mackerhafter Attitüde als „Frauenversteher“ abgekanzelt wurde, wer die feministischen Argumente akzeptierte, so wurde im Zuge des Ukraine-Konflikts als „Putin-“ oder „Russland-Versteher“ abgemeiert, wer die Argumente und Ansichten der russischen Seite ernst nahm. Dieser dumpfen Einseitigkeit entgegen zu wirken, von der wir auch große Teile der etablierten Medien erfasst sahen, war der Anlass für dieses Buch. Und unser Outing als „Putinversteher“ die Antwort auf die Reduzierung dieses Konflikts auf den Kampf gegen einen gefährlichen, aggressiven, skrupellosen Mann – Wladimir Putin – und einen gegen dieses personifizierte Böse kämpfenden Westen, der nur hehre Ziele verfolgt. Gegen diese des-informierende, anti-aufklärerische Vereinfachung richtete sich unser Buch – mit Informationen und Hintergrundanalysen, die uns für eine objektive sachliche Beurteilung unverzichtbar schienen, von der allgemeinen Berichterstattung aber ignoriert oder ausgespart wurden. Dass diese Leerstelle tatsächlich existierte – auch wenn sich die etablierten Medien von ARD und ZDF abwärts bis heute keiner Schuld bewusst sind – bescherte „Wir sind die Guten“ den unerwarteten Erfolg von 20 Wochen in der Bestsellerliste und 10 Auflagen innerhalb eines Jahres. Und dies, obwohl sich diese etablierten Medien mit den Thesen und Analysen des Buchs kaum auseinandersetzten – wie es Stefan Niggemeier, Medienjournalist der FAZ, beklagte:

„Es stellt viele unbequeme Fragen, an die Rolle der Amerikaner und des Westens im Ukraine-Konflikt – vor allem aber auch an die Medien, die diese Rolle so wenig hinterfragen. (…) es hinterlässt umso mehr das Gefühl, dass es hier eine Leerstelle gibt in der Berichterstattung der etablierten Medien. Und dieses Gefühl wird dadurch verstärkt, dass es in eben jenen Medien keine große Auseinandersetzung gibt über das Buch. Dass es nicht als Anlass gesehen wird, sich mit den Fragen, die es aufwirft, auseinanderzusetzen – und sei es, sie nüchtern und klar zu beantworten und der Analyse zu widersprechen.”

Dass der Widerspruch gegen unsere Analysen entweder ausblieb, oder sehr oft unsachlich (am tollsten trieb es Reinhold Veser in der FAZ: “Volksverhetzung”! ) und unklar ausfiel – auf der Website zum Buch ( www.putinversteher.info ) haben wir viele Rezensionen dokumentiert und kommentiert – könnte als Beleg dafür betrachtet werden, dass unsere Argumente eben nicht so einfach zu widerlegen und damit vom Tisch zu wischen sind.”

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Wahnsinn mit Methode

nato_logo_nord_atlantische_terror_organisation_qpressDas “Council On Foreign Relations” (CFR), eine Denkfabrik, der man wahrlich keinen Anti-Amerikanismus nachsagen kann, hat neue Zahlen zum “Great War On Terror”(GWOT) veröffentlicht. Danach haben die USA im Jahr 2015 mehr als  23.000 Bomben über sechs muslimischen Ländern abgeworfen, davon allein 22.100 über Syrien und Irak. Während das Pentagon behauptet, dabei seien 25.000 IS-Kämpfer  getötet worden, gehen CIA und CFR, die ihre Zahl 2014 auf 30.000 schätzten, dass sie nach wie vor etwa 30.000 beträgt: “To summarize the anti-Islamic State bombing calculus: 30,000 – 25,000 = 30,000.”

Womit wir die in diesem Blog seit je und bis zum Gähnen wiederholte Feststellung (“Verschwörungstheorie!”) , dass Krieg gegen den Terror diesen nicht verhindert, sondern produziert und eben deshalb geführt wird, einmal mehr und live in action erleben. Er ist für den “militärisch-industriellen Komplex”, vor dem Präsident Eisenhower in seiner Abschiedsrede 1961 so eindringlich warnte, eine geradezu perfektes Perpetuum Mobile:  ein ungewinnbarer Krieg ohne definiertes Ziel und ohne Exit-Strategie, der seine Ursache immer wieder selbst erzeugt und sich so die nötige Energie – ein nie versiegendes Budget – verschafft. Als Generator dieser Energie fungieren Furcht und Schrecken der Bevölkerung, weshalb dem  Geheimdienst,- und Kriegsapparat noch eine “Kirche der Angst” zugeordnet ist, ein Medienapparat, der den Schrecken des Terrors multimedial inszeniert und die Alternativlosigkeit des “Kriegs gegen Terror” predigt.

Und so kommt es, dass der Wahnsinn von 23.000 Bomben auf sechs Länder, von denen keines die Vereinigten Staaten oder die Nato in irgendeiner Weise angegriffen hat, diesem Medienapparat allenfalls eine Kurzmeldung wert ist – und nicht, wie es sich für einen derart mörderischen Wahnsinn gehörte, wochenlang Schlagzeilen. Zumal die Folgen dieses Wahns nicht nur irgendwo weit weit weg zu spüren sind, sondern ihre Opfer bis nach Deutschland flüchten. Was zu Problemen führt, die landauf landab heiß debattiert werden – wohingegen die Ursachen und Auslöser dieser Probleme kein Thema sind. Sonst müßte dieser Bombenterror, an dem sich jetzt auch noch die Bundeswehr beteiligt, in die Hauptnachrichten, “Brennpunkte”, “Bild”-Titelseiten. Tut er aber nicht. Womit wir noch ein anderes Phänomen einmal mehr live und in action erleben: unsere Lückenpresse.

Brummbär R.I.P.

brummbär

“Ausgeflippt”, “abgefuckt”, “angetörnt”…. diese Worte gab es im Deutschen nicht, bis Bernd Brummbär Ende der 60er Jahre  in Frankfurt auftauchte. Zuvor war er einige Jahre als Pflastermaler, “Gammler” und Prä-Hippie durch Europa gezogen, schließlich in Kalifornien gelandet und hatte dort einige Freaks kennengelernt, deren Werke er in Form eines großen Stapels mitgebracht hatte: Underground-Comics. Jörg Schröder, der gerade dabei war, den auf Judaica spezialisierten Meltzer-Verlag auf politische und literarische Avantgarde (“März-Verlag”) umzukrempeln, veröffentlichte die Head-Comix  und Fritz the Cat  von Robert Crumb, herausgegeben und  übersetzt von Brummbär, der damit nicht nur für die Entdeckung dieser anarchischen und freizügigen Comics sorgte, sondern auch den Slang, das Idiom der kalifornischen Counterculture in Deutschland einführte. Und wie Crumbs auf Sex in allen Varianten geiler Kater  waren es bei Gilbert Sheltons Fabulous Fury Freak Brothers die Drogen (»Man kommt besser mit Gras über Zeiten ohne Geld als mit Geld über Zeiten ohne Gras!«), das Unerhörte, das das Establishment schockierte und die Protestgeneration zum Kichern brachte- und diese neuen Worte in ihren Alltag.

Zurück in Kalifornien arbeitete Brummbär als Illustrator, Filmaustsatter und Regisseur, bis er in 1980ern erneut zu einem Pionier wurde, dieses Mal im Bereich der digitalen Animation und Computergraphik. Er gestaltete Computerspiele  wie “Darkseed” (zusammen mit H.R.Giger), arbeitete mit Autoren wie Timothy Leary, John Lilly und William Gibson und produzierte Grafik und Spezialeffekte für viele Filme, wobei er sich, wie Wikipedia notiert, ” durch seinen psychedelischen, dissoziativen und halluzinogenen Stil auszeichnet.” In den phantastischen fraktalen 3-D-Landschaften, die er in seinen Videos (hier und hier) erschuf, sah Brummbär allerdings keine Fabrikationen, sondern ein Möglichkeit zu sehen, was tatsächlich da ist, er sei nur, sagte er in einem Interview, der Berichterstatter (“I’m reporting”).

Über seine  Zeit als “Gammler” in den frühen 60ern hat er in einem autobiographischen Buch berichtet, das Werner Pieper 2011 herausgebracht hat. 2003 erkrankte Brummbär an Krebs, kam aber wieder auf die Beine, referierte 2006 auf dem Kongress zum 100. Geburtstag des LSD-Entdeckers Albert Hofmann, und arbeitete weiter. Am Wochenende ist Brummbär in Los Angeles gestorben und hat sich dahin aufgemacht, wo er seinem verstorbenen Freund Tim Leary schon auf der Spur war: “Where in the Universe is Timothy Leary?”

Fischer im Recht

Dass Thomas Fischer mein “Kolumnist des Jahres” ist, hatte ich ja unlängst anläßlich seines Plädoyers für die Drogenlegalisierung hier schon mal angemerkt. Aber “Kolumnist” ist eigentlich noch eine Nummer zu klein, denn die im Januar 2015 gestartete “Zeit”-Serie “Fischer im Recht”, die der Senatsvorsitzende am Bundegerichtshof und Verfasser des “offiziellen” Kommentars zu deutschen Strafrecht scheinbar nebenbei und mit links schreibt, ist um Klassen besser als alles, was die offiziell bestallten und hochbezahlten “Qualitätsjournalisten” hierzulande abliefern. Weshalb Prof.Dr.Fischer ohne Frage der Titel “Journalist des Jahres” gebührt – was insofern paßt, als angesichts der zur “Lückenpresse” verkommenen der Medien die Rolle der  “vierten Gewalt” derzeit ja quasi vakant ist. Und jetzt zumindest eine Spitzenkraft der Judikative die Lücken füllt. Wobei ich  nach seiner jüngsten Kolumne zum Kölner Sylvesterkarneval  “Unser Sexmob”  dafür plädieren würde, einem Durchblicker wie Fischer am Besten auch noch die Legislative zu überlassen. Der Alarmismus und Aktivismus den die Politik nach den Vorfällen an den Tag legt deutet nämlich auch hier auf eine tragische Vakanz. Und das nicht erst seit Sylvester.

Man kann, schreibt Fischer,  “den Führern unserer großen deutschen Parteien einfach nur recht geben: Schluss mit der politisch motivierten Schonung von Ausländern! Knallharte Verfolgung nordamerikanischer Verbrecher, die das Gastrecht in Ramstein missbrauchen! Konsequente Ermittlung gegen ausländische Täter, die gegen Recht und Gesetz die Telekommunikation deutscher Frauen abhören! Sofortige Entlassung der Innen- und Justizminister, die es aus politischer Opportunität unterlassen haben, mit der ganzen Härte des Rechtsstaats gegen die Taten von Ausländern einzuschreiten, die von deutschem Boden aus menschenrechtswidrige Entführungen oder Folterungen organisierten, anordneten oder durchführten!
“Ich sage: Null Toleranz gegenüber kriminellen Ausländern!”, sprach Sigmar Gabriel. “Es geht darum, alle Möglichkeiten des internationalen Rechts auszuloten, um kriminelle Ausländer in ihre Heimat zurückzuschicken.”

Die ganze Kolumne unbedingt hier lesen

 

 

Lob der Deadline

we-wahrheit-Cover-120dpi-rgbEine segensreiche Einrichtung dieser Welt ist der Redaktionsschluß, auch Deadline genannt, obwohl niemand stirbt – außer dem Text, den man schreibt und der dann nicht wie geplant erscheinen kann.  Oder überhaupt nicht, wenn er für die Zeitung des nächsten Tages vorgesehen war. Deadlines setzen den Schreiber unter Druck, was aber (zumindest für mich) sein Gutes hat, weil ich sonst nie fertig würde. Das Denken und Schreiben gegen die Uhr zwingt zur Konzentration und Reduktion: aus der Suppe (des Recherchierten, Gefundenen, Gedachten) muß gleichsam ein Maggiwürfel werden. Ein Auschnitt der Welt, codiert durch kleine Mundgeräusche (Worte) die in Zeichen (Buchstaben) übersetzt sind, aus denen im Kopf des Lesers dann wieder ein Bild, ein Panorama dieses Auschnitts der Welt entsteht – und idealerweise all die Assoziationen, Zusammenhänge und Querverbindungen, die beim Reduktionsprozess des Textens eingedampft wurden,  “zwischen den Zeilen” erfahrbar bleiben. Alles nicht so einfach, aber letztlich auch nur ein Handwerk, das  dem Geübten dann auch meist leicht von der Hand geht.

Obwohl dieser Blog 2004 mal als “Writersblog” startete, hatte ich noch nie einen “writers block”, sofern damit gemeint ist, dass man weiß was man schreiben will aber keine oder nur die falschen Worte findet. Weiß man’s nicht hat es nichts mit dem Schreiben zu tun, sondern mit dem Wissen. Und weil das prinzipiell nie reicht und es dauernd noch Neues zu entdecken gibt, und Details und Feinheiten und ganz andere Sichtweisen und Perspektiven, wäre ich ohne Deadline verloren. Denn irgendwann muss das Suchen und Sammeln und Lernen und Entdecken aufhören und Text produziert werden, sonst wird das nie was. Und was es dann wird, ist immer eine Momentaufnahme: ok, jetzt ist genug gegraben, jetzt werden die  Nuggets ans Tageslicht gefördert und aufpoliert. In kleine Mundgeräusche, Worte, Buchstaben verwandelt und… verkauft. Von irgendwas muß der Stollenkumpel ja leben und nachdem ich mit dem Kollegen Sven Böttcher schon seit einigen Jahren im Bergwerk der Wahrheit rumbuddele, dachten wir, dass es jetzt an der Zeit wäre, die ganze Wahrheit über alles ans Tageslicht zu befördern.

Und zwar von A (wie Arbeit) bis Z (wie Zuwanderung), mit (fast) allem, was dazwischen relevant ist (also z:B. : Banken, Demokratie, Erderwärmung, Familie, Kapitalismus, Maschinen, Nationen, Netz, Ressourcen, Schulden, Verschwörungstheorien, Waffen…). Damit kommt man natürlich nie ans Ende, aber weil der Westend-Verlag dankenswerter eine Deadline gesetzt hat, ist jetzt Schicht im Schacht. Ein bißchen Politur und Korrektur müssen noch sein, aber wir können melden: Just Another Job Well Done. Wie gut entscheiden natürlich letztlich die werten Leserinnen und Leser, die in der Buchhandlung ihres Vertrauens das Werk jetzt schon vorbestellen können, um es am 17. März gleich zu lesen,  wir aber, soviel kann ich mit Sportskamerad Bötttcher sagen, haben auf jeden Fall “unser Bestes gegeben”. Sowohl mit den Eingeständnissen des fatalen Scheiterns unserer Generation, als auch mit der Suche nach Auswegen für die nach uns kommende. Es ist ein Buch für unsere Kinder und Enkel. “Erwachsene”, also Pfeifen in unserem Alter, mit denen kein Staat mehr zu machen ist, müssen es nicht lesen. Dürfen aber…

Die ganze Wahrheit über alles

Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern einen guten Rutsch ins neue Jahr und für 2016 Gesundheit, Freiheit und Glück. Hier als kleiner Sylvestergruss das Cover des nächsten Streichs, den ich mit meinem Kumpel Sven Böttcher (aka Christian C. Walther aka 50 % John S. Cooper) gerade angerichtet habe. Und der soeben (fast) fertig wurde und Mitte März im Westend-Verlag erscheint (mehr dazu in der Verlagsvorschau 2016). “Die ganze Wahrheit über alles” – drunter machen wir’s einfach nicht mehr….

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