Kaum ist man mal ne Woche offline, läuft der e-Briefkasten schon über, mit Nachrichten vom “größten Leak der Geschichte” – Panama ist überall. Doch kaum dass man mit Janoschs Bär “Oh wie schön ist Panama” brummen will, kommt bei der ersten Durchsicht der News ein heftiger Lachanfall: Putin! Zwar kommt Wladimir der Schreckliche in den 2,6 Terrabyte Daten persönlich gar nicht vor, was freilich nur und einmal mehr seine Clerverness demonstriert: verschlagen wie der Kreml-Herrscher nun mal ist, benutzt er Strohmänner. Raffiniert ! Weder David Cameron noch Hillary Clinton noch dieser Dödel von Islandpremier sind darauf gekommen. Während Letzterer gleich zurückgetreten, sitzen die beiden Ersteren derlei Peanuts aber locker aus, auch ein paar FIFA-Nasen, die Schoko-Marionette Poroschenko oder der saudische Salafisten-König haben nichts zu befürchten, was man nicht eh schon wüßte: dass sie korrupt sind.
Okay – das Consortium of Investigative Journalists (ICIJ) hat angekündigt, dass die Enthüllungen noch eine Weile weiter gehen. Putins Pressprecher hatte bereits vor zwei Wochen darauf hingewiesen, dass eine internationale Medienkampagne gegen das Umfeld des Präsidenten in Vorbereitung sei – und angesichts des Umfelds des ICIJ und der Finanzierung der Recherche durch US-Stiftungen liegt der Verdacht durchaus nahe, dass hier neben investigativem Journalismus auch konzertierte Propaganda am Werke sein könnte. Aber nicht, weil bisher keine Amerikaner aktenkundig geworden sind – die können seit je gleich zu Hause in Delaware einen Briefkasten mieten und müssen nicht in ihren Hinterhof nach Panama ausweichen. Der steht auf der Liste der Schattenfinanzplätze derzeit nur auf dem 13. Platz, solange nicht die “Cayman Papers”, die “Hongkong Papers” und die Papiere der Mutter aller Finanzoasen, der City of London Corporation geleakt sind, solange kann die Liste der Betroffenen nur unvollständig bleiben. Und doch ist selbst ein derartiger limititierter “hangout” eindeutig besser als gar keiner, denn er macht er die Spitze eines Eisbergs sichtbar, dessen Existenz lange bekannt ist – und der ebenso lange totgeschwiegen und umschifft wird. Weshalb in der soeben erschienen ganzen Wahrheit über alles über “Steuern und Steueroasen” unter anderem zu lesen ist:
»Steueroasen« sind fast schon ein zu idyllisches Wort für diese Rückzugsorte, die wie einst die Burgen der Raubritter oder die Schatzinseln der Piraten für die Geplünderten und Beraubten uneinnehmbar sind. Und es sind nicht mehr erfolgreiche Zahnärzte oder Besserverdienende, kleine Millionäre wie Uli Hoeneß oder Alice Schwarzer, die ein bisschen Schwarzgeld am Finanzamt vorbei offshore parken, in der Schweiz oder in der Karibik – es sind die Großkonzerne, Multimilliardäre und korrupten Oligarchen, die hier den Wohlstand ihrer Nationen privat bunkern.
»Die Beträge, die in solche Standorte geflossen sind, stiegen von elf Milliarden US-Dollar im Jahr 1968 über 385 Milliarden US-Dollar 1978 und sechs Billionen US-Dollar 1998 auf 21 Billionen US-Dollar im Jahr 2010. Nach konservativen Schätzungen hat die Verlagerung von Geldvermögen von 1968 bis heute somit um das 2000-Fache zugenommen. Nahezu alle großen Konzerne verfügen über Offshore-Zweigunternehmen, mehr als die Hälfte des Welthandels fließt durch diese Steueroasen, fast alle hochvermögenden Privatpersonen besitzen Offshore-Konten, die ihnen steuerliche ›Gestaltungsmöglichkeiten‹ eröffnen.« So summiert John Urry, einer der wenigen Soziologen, die dieses gigantische Schattenreich der globalen Ökonomie erforschen, das Problem ( John Urry, Grenzenloser Profit. Wirtschaft in der Grauzone, 2015).
Dass “Panama” nun dazu führt, die Schattenfinanzplätzen zu durchleuchten, die Oasen trocken zu legen und die Raubritterburgen zu schleifen, mag ein frommer Wunsch sein – ist aber durchaus möglich. Die Ökonomen Thomas Piketty und Gabriel Zucman haben einen Aktionsplan dafür vorgelegt (Gabriel Zucman, Steueroasen. Wo der Wohlstand der Nationen versteckt wird, 2014). Sie fordern ein internationales Finanzkataster, das die Besitzverhältnisse von Wertpapieren eindeutig registriert. Standorte, die sich weigern, dieser Registrierungspflicht nachzukommen, werden so lange mit Strafzöllen auf ihre Transaktionen belegt werden, bis sich ihre Geheimnistuerei nicht mehr rechnet. In Frankreich brauchte es einst eine blutige Revolution, um Adel und Klerus zu Steuerzahlungen zu zwingen, um dem heutigen Finanzadel an die Brieftasche und an den Briefkasten zu gehn, braucht es hingegen nur ein paar Daumenschrauben…




