Pandemie von kleinen und großen Parasiten

In meiner Eigenschaft als  konspirologischer Forscher habe ich in den letzten Wochen viele Hinweise bekommen, dass es sich bei  dem Virus „SarCov-2“ nicht um eine natürliche Mutation, sondern um eine Biowaffe handelt. Den eher vagen Indizien dazu bin ich aber nicht weiter nachgegangen, auch wenn es nicht auszuschließen und den üblichen Verdächtigen ein solcher Anschlag zuzutrauen wäre, geben die Fakten dazu wenig her – außer eben Anlass zu Spekulationen. Dass eine wenige Wochen vor dem ersten Ausbruch durchgeführte Simulation namens „Event 201“ – finanziert von der Bill Gates Stiftung – eine globale Corona-Epidemie durchspielte und 65 Millionen Tote voraussagte  – und dies das Vorspiel für den geplanten und inszenierten realen Ausbruch gewesen sein soll, ist mir als Beweis für eine globale Großverschwörung  zu dünn. Es sei denn wir glauben an einen sinistren Dr. No, der von seiner geheimen Insel dieses Virus freigesetzt hat, um die Weltbevölkerung zu reduzieren, die Börsen und die Weltwirtschaft zu crashen und die Weltherrschaft zu übernehmen, denn seinen geheimen Impfstoff bekommen nur diejenigen, die sich ihm unterwerfen. Abgesehen von einem solchen James-Bond-artigen Megaschurken wüsste ich aber niemanden, den ich aktuell zum Verursacher und Sündenbock der Seuche machen könnte. Sie scheint den globalen Kapitalismus sehr viel härter zu treffen als den menschlichen Organismus, was die üblichen Verdächtigen („Finanzelite“, „Militärisch Industrieller Komplex“) als Täter eher ausschließt. Dass die christliche Heilige Corona die Patronin des Geldes und der Schatzsucher ist, mag Zufall sein – die Bekämpfung des Namesvetters der Märtyrerin hat an der Wall Street jedenfalls schon mehr Kapital vernichtet als der letzte große Crash im Jahr 1987. Und dieser Crash war erst der Anfang, denn was der „lockdown“ ganzer Nationen, die weltweiten Quarantäne-Verordnungen und Reisebeschränkungen ökonomisch noch alles anrichten, ist kaum abzusehen. Und wenn die Corona-Krise die  Blase von 200 Billionen an Derivaten platzen lässt, dann schlägt ein Finanz-Meteorit von apokalyptischen Ausmaß ein. Dagegen sind die allgemeinen Hamsterkäufe von Klopapier, die Panik auf der Keramik, wirklich ein Fliegenschiss…

Tendenziell um einen solchen handelt es sich freilich auch bei der ganzen aktuellen Corona-Epidemie, die nach Ansicht von Dr. Wolfgang Wodarg – Lungenfacharzt und Seuchenexperte, ehem. Bundestagsabgeordneter – sogar noch milder verläuft als die üblichen Grippe-Epidemien im Winter. Er beruft sich dabei auf die Letalitätsrate von Erkrankungen, die europaweit erfasst wird und bis Anfang März niedrigere Todesraten ausweist als im Vorjahr. Würde nicht seit kurzem nach dem neuen SarCov-2 Virus gesucht wäre diese Pandemie nach seinen Aussagen gar nicht weiter aufgefallen. Die überfüllten Krankenhäuser in Italien sprechen allerdings eine anderen Sprache und hätten auch ohne Corona Aufsehen erregt.

Mir kommt dieses ganze Ereignis vor wie ein subversiver Wink von Gaia, dem physiologischen System der Erde. Politik und Staaten schalten weltweit in den Krisenmodus und kaum sind ein paar hundert Menschen an der Grippe gestorben werden ganze Länder gesperrt, Massenveranstaltungen abgesagt, die große Wirtschaftskrise droht. Zwar haben die meisten von Corona Befallenen nur einen Schnupfen, die Todesrate freilich wird von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) mit 3,5 % angegeben, obwohl die Gesamtzahl der Infizierten gar nicht bekannt ist Dass laut WHO jährlich 5 Millionen Menschen an Luftverschmutzung sterben ist hingegen nirgendwo ein Grund, in den Krisenmodus zu schalten und drastische Maßnahmen gegen diese Gefahren einzuleiten. In China, wo „Corona 19“ zuerst ausbrach und die Luftverschmutzung ein großes Problem darstellt, zeigt sich unterdessen auf den Satellitenbildern erstmals seit Jahren wieder blauer Himmel – die Megamaschine der Industrie und des Konsums ist ins Stocken geraten und schon atmet die Erde auf: ein winziger Parasit zwingt das riesige parasitäre System menschlicher Wirtschaft in die Knie.

Als  Nicht-Lebewesen haben Viren und ihre Informationen ganz entscheidend zur Entwicklung höherer Lebewesen beigetragen. Als frei umherschweifende Informationseinheiten und Meister der Mutationen gehören sie seit 3,5 Milliarden Jahren dazu und sind ebenso unverzichtbar wie die Bakterien. Das erste Biomolekül – die Ribonukleinsäure (RNA) – wurde von seinen Entdeckern „viroid“ genannt, weshalb es keine haltlose Spekulation ist, die Viren als den Ursprung des Lebens und der Evolution anzusehen.Sie sind, wie die Virenforscherin Karin Mölling ihr Buch genannt hat, eine  „Supermacht des Lebens.

Nur weil in unserem Körper ein ganzes Arsenal von Viren steckt, verfügt er über die nötigen Informationen, sich gegen schädliche Eindringlinge zu verteidigen, aber für ein neuartiges Virus wie „Sar-CoV-2“ hält das Immunsystem noch keine Anti-Körper bereit, die das Andocken an menschliche Zellen verhindern. Für Kinder und junge Menschen ist „SarCoV-2“ aber offenbar kein Problem, sie können den Eindringling aufnehmen, ohne dass sich Symptome zeigen – der Wink von Gaia wäre insofern auch an Gruß an Greta: Corona rafft bevorzugt alte Männer (wie den Autor dieser Zeilen) dahin! Das ist zwar tragisch, aber irgendwie auch bezeichnend, denn sie sind es, die für die Krise des Planeten in erster Linie verantwortlich sind und wäre es eine himmlische  Plage – wie die aufgrund des Klimawandels aktuell so extremen Heuschreckenplagen in Afrika – könnte man zynisch sagen, dass von Corona durchaus die Richtigen davon getroffen werden. Wer jetzt Grenzen passieren will, muss sich das Fieber messen lassen und wer welches hat, wird in Quarantäne gesteckt. Aber fiebersenkende Maßnahmen helfen nicht, wenn Lunge, Herz und die anderen Organe weiter geschädigt werden. Das gilt für den von „Corona 19“ befallenen menschlichen Organismus und es gilt für den von homo sapiens befallenen Planeten. Beide können nur heilen, wenn aus den Parasiten Symbionten werden.

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Buchvorstellung: Newtons Gespenst und Goethes Polaroid

“Vom Vater hab ich die Statur, des Lebens ernstes Führen/vom Mütterchen die Frohnatur und Lust zu Fabulieren” – so genetisch wie bei Goethe liegt es bei mir irgendwie auch. Und mein vor vier Jahren gestorbenes Mütterchen Elisabeth, das morgen ihren 93. Geburtstag gefeiert hätte,  wäre höchst erfreut gewesen über dieses Buch. “Schreib’ doch nicht immer so schlimme Sachen, du bist doch gar nicht so,  es gibt doch auch so viel Lustiges und Schönes auf der Welt,” hatte sie mich bei meinen Besuchen oft gemahnt. Aber des “Lebens ernstes Führen” und die schlimmen Sachen in  der Welt hielten mich lange davon ab. Bis ich mal wieder, vielleicht zum hundertsten Mal, meinen Lieblingstext von Goethe – das “Fragment über die Natur” – las und endlich der Frage auf den Grund gehen wollte, warum diese Einsichten und Ausblicke mich jedes Mal wieder so begeistern. Und wie es kommt, dass sie auch nach fast 250 Jahren nicht nur zeitgemäß, sondern zukunftsweisend sind.

Morgen Abend um 19:00 stelle ich das Buch bei der  Goethe-Gesellschaft Bergisch Gladbach vor

Newtons Gespenst und Goethes Polaroid, Westendverlag, 128 Seiten, 15 Euro

Keine taz mehr…

Eigentlich wollte ich einen “polnischen Abgang” machen und nur mit ein paar Leuten aus der 6. Etage kurz auf meine Pensionierung anstossen, aber sie haben mir dann einen Strich durch die Rechnung  und eine Abschiedsparty gemacht: mit Essen und Überraschungsgästen und Reden und Geschenken und Bildern aus 40 Jahren taz-Kollektiv. Auch dieses hier von Paul Langroc aus dem Winter 91/92 (mit meinem Sohn)  als ich die Redaktion nach 12 Jahren verlies um fortan nicht mehr die Texte anderer zu redigieren, sondern selbst mehr zu schreiben.

Als Kalle Ruch, der im Dezember pensionierte Geschäftsführer, mich im Winter 2006 dann fragte, ob ich nicht Zeit und Lust hätte, die Webseite taz.de in Schwung zu bringen, sagte ich zu: für ein Jahr. Dass daraus dann 14 Jahre werden sollten, in denen ich beratend und aktiv an der “digitalen Transformation” des Zeitungsverlags mitarbeitete, war nicht geplant, aber durch die schnelle technische Entwicklung stellten sich jedes Jahr neue Fragen, die angegangen werden mussten und mein Jahresvertrag verlängerte sich stillschweigend weiter. Zwar standen mir bei der Lektüre der Zeitung die kaum noch vorhandenen Haare immer öfter zu Berge und hätte ich noch in der Redaktion gearbeitet wären Ärger und Magengeschwüre kaum ausgeblieben – in den Abteilungen des Verlags aber brauchte ich nicht über Krieg und Frieden diskutieren und die Arbeit machte Spass. Jetzt aber ist es genug. Mit der großen Buch-Dokumentation 40 Jahre taz, die wir im letzten Jahr gestemmt haben, habe ich im Hause noch ein voluminöses Andenken hinterlassen –  in dem am Ende die Hoffnung geäußert wird, dass die taz die Unabhängigkeit und die  ökonomischen Freiheiten, die ihr das Genossenschaftsmodell gewährt, doch endlich wirklich nutzen möge.

Was wir, in den 1980ern, darunter verstanden, hat Helmut Höge schön beschrieben in der gestrigen Ausgabe , die mit weiteren Überraschungen gespickt war, dazu noch eine Hommage von Jan Feddersen im Hausblog – sowie zwei Zeichnungen meiner Lieblings-Cartoonisten, Seyfried und Tom …und am Abend das schöne Fest. Ich war und bin gerührt und verlasse das Projekt, dem ich seit dem Tunix-Kongreß 1978 verbunden bin, mit einem lachenden Auge:

“Jemand musste Julian A. verleumdet haben …”

Der kafkaeske Schauprozess gegen den Wikileaks-Gründer

Einen Tag früher als erwartet sind am Donnerstag die Anhörungen zur Auslieferung Julian Assange an die USA zu Ende gegangen. Der letzte Tag endete im Streit darüber, ob der Wikileaks-Gründer dem Verfahren im Glaskasten oder auf der Bank mit seinen Anwälten folgen darf. Die vorsitzende Richterin am Woolwich Court, Vanessa Baraitser, hatte den Antrag abgelehnt. Ein außerhalb der für schwer gewalttätige Angeklagte vorgesehenen Panzerglas-Box sitzender Julian Assange stelle, so die Richterin, eine “Gefahr für die Öffentlichkeit” dar.

Derartige Einlassungen sind längst nicht die einzigen Schikanen, denen sich Assange in diesem Prozess ausgesetzt sieht, für den das Prädikat “kafkaesk” sehr angemessen scheint – was die Öffentlichkeit allerdings kaum erfahren würde, denn um einen der sage und schreibe 16 Plätze im Zuschauerraum muss man so früh aufstehen wie Craig Murray. Der ehemalige Diplomat und Botschafter hatte sich jeweils morgens um 6 Uhr angestellt, um einen der Plätze zu bekommen – vor allem seinen Reportagen über die vier Verhandlungstage verdankt sich das Wissen über das an Kafka gemahnende Schauspiel dieses Prozesses.

Dass jeder Angeklagte das Recht auf Verteidigung und auf die Vertraulichkeit der Kommunikation mit seinem Verteidiger hat, ist ein grundlegendes Element der Rechtsordnung. Wenn einem Angeklagten eine solche Vertraulichkeit nicht gewährt wird, kann von einem fairen Strafverfahren keine Rede mehr sein. Schon gar nicht, wenn die gesamte Kommunikation eines Angeklagten mit seinen Verteidigern abgehört und diese Aufzeichnungen an die Partei des Klägers weiter gereicht werden. Wie genau das im Fall Julian Assange geschehen ist, wird derzeit von einem spanischen Gericht untersucht, gegen der Gründer der Firma “Undercover Global”, die Assange in der ecuadorianischen Botschaft ausspioniert und die Daten an die CIA weitergeleitet haben soll (Britisches Gericht blockiert Zeugenaussage von Assange). Finanziert wurde die Aktion, bei der die Gespräche Assanges mit seinen Verteidigern aufgezeichnet wurden, von dem Großspender Donald Trumps und Casino-Milliardär Sheldon Adelson.

Dies wurde von der Verteidigung Assanges am ersten Tag Anhörung vorgebracht – als eines der Argumente, warum eine Auslieferung des Wikileaks-Gründer abzulehnen ist. Diese ist ausgeschlossen, wenn der Mandant vor dem Gericht, das seine Auslieferung verlangt, kein rechtsstaatliches Verfahren erwarten kann – wovon ausgegangen werden sollte, wenn schon im Vorfeld gegen grundlegende Prinzipien wie die Vertraulichkeit der Verteidigergespräche eklatant verstoßen wurde.

Nicht belegte Behauptungen

Ebenfalls ausgeschlossen wäre eine Auslieferung, wenn das Begehren politisch motiviert ist. Hierfür brachten die Verteidiger Belege vor, die unter anderem zeigen, wie der ehemalige US-Botschafter in Deutschland, Richard Grenell, den Trump gerade zum Chef der Geheimdienste ernannt hat, für seinen Chef die Strippen zog, um Julian Assange das Asyl in der ecuadorianischen Botschaft zu entziehen. Der Vertreter der USA führte vor dem Gericht eine Behauptung an, die eigentlich schon 2014 von einer Untersuchung des Pentagon selbst widerlegt worden ist, dass nämlich durch die Veröffentlichungen von Wikileaks das Leben unbeteiligter Personen gefährdet worden sei.

In dem Verfahren gegen Chelsea Manning musste der mit der Untersuchung beauftragte Pentagon-General eingestehen, dass man “kein spezifisches Beispiel” für eine solche Gefährdung oder einen Todesfall nennen könne. In London konnte der US-Ankläger nun auch keine konkreten Personen nennen, die aufgrund von Wikileaks-Publikationen wirklich Schaden genommen hätten. Wo aber kein Schaden ist, ist auch keine Klage und ein Gericht, das eine faire Abwägung zwischen dem Nutzen der “Tat” (der Veröffentlichung von Kriegsverbrechen) und dem in diesem Fall äußerst unspezifischen Schaden zu treffen hat, käme um eine Abweisung der Klage wohl kaum herum.

Womit wir bei dem politischen Schaden wären, den Wikileaks zum Beispiel mit der Veröffentlichung des “Collateral Murder”-Videos oder der Emails des “Democratic National Congress” (DNC), die den Betrug des Clinton-Teams an Bernie Sanders offenbarten, ohne Frage angerichtet hat. Am Image der Weltmacht USA und dem der Kandidatin Clinton, was wiederum zu den politischen Motiven führt, den Wikileaks-Gründer als “Staatsfeind Nr. 1” zu verfolgen und ihn als Nicht-Journalisten zu deklarieren. Dazu führte der US-Ankläger Lewis vor dem Gericht ins Feld, dass “Guardian”, “New York Times” und andere ehemalige Partner von Wikileaks sich von Assange distanziert hätten, weil er die diplomatischen Kabel des US-Außenministeriums unredigiert, ohne geschwärzte Namen ins Netz gestellt hätte.

Diese Behauptung wurde am dritten Tag der Anhörung dann von einem Zeugen der Verteidigung, dem ARD-Journalisten John Goetz widerlegt, der damals für den “Spiegel” mit Wikileaks zusammengearbeitet hatte und klarstellte, dass das Passwort für den Zugang zu den Dokumenten von zwei “Guardian”-Journalisten zuerst in einem Buch veröffentlicht worden war und die diplomatischen Depeschen schon auf diversen Servern kopiert waren, bevor Wikileaks sie dann auch veröffentlichte. Und dass Assange beim US-Außenministerium sofort angerufen und gewarnt hatte, nachdem er von der Publikation des Passworts erfahren hatte.

“Wagt es nicht, jetzt kalte Füße zu kriegen”

Am dritten Tag der Anhörung ging es dann im Wesentlichen um die Frage, ob das britische Auslieferungsgesetz von 2003 oder der 2007 geschlossene Auslieferungsvertrag zwischen USA und UK Anwendung findet. In diesem Vertrag ist in Absatz 4.1. ausdrücklich ausgeschlossen, dass politische Vergehen zu einer Auslieferung führen dürfen. Der Vertreter der USA und auch die Richterin argumentierten nun, dass in diesem Fall aber das britische Gesetz von 2003 in dem “political offense” als Hinderungsgrund nicht erwähnt wird, gelten müsse. Für eine Auslieferung in die USA soll also der entsprechende bilaterale Vertrag ignoriert und das heimische Gesetz angewendet werden?

Das wäre eine weitere kafkaeske Pointe wie sie tragischerweise schon in dem Verfahren wegen des schwedischen Auslieferungsantrags stattfand, als der Richter am Supreme Court die französische Übersetzung des europäischen Auslieferungsgesetzes heranzog, um die Gültigkeit des Antrags zu entscheiden. Dieser war nur von der Staatsanwaltschaft, nicht aber von einem schwedischen Gericht ausgestellt worden und Assanges Anwälte hatten durch drei Instanzen vergeblich argumentiert, dass ein gültiger Antrag von einer “judicial authority” (einem Gericht) und nicht von einem Staatsanwalt kommen muss. In der französischen Übersetzung, wo von “autorité judicial” die Rede ist, seien Staatsanwälte aber eingeschlossen, hatte der Richter dann argumentiert und dem Antrag stattgegeben. Erst dieser absurde juristische Winkelzug, der klar machte, dass es hier nicht um ein ordentliches rechtsstaatliches Verfahren, sondern um einen politischen Prozess geht, veranlasste Julian Assange dann zu seiner Flucht in das Asyl der ecuadorianische Botschaft. Wie die Anhörungen vergangene Woche zeigten, drohen ihm seitens der britischen Justiz noch weitere solche Winkelzüge.

“Jemand musste Josef K. verleumdet haben…” – wie Kafkas Roman begann auch die Verfolgung des Julian A. mit einer Verleumdung. Der Sonderberichterstatter des UN-Hochkommisariats für Menschenrechte, Nils Melzer, hat mit seinen Recherchen dokumentiert, wie aus der Anfrage von zwei schwedischen Frauen bei der Polizei, ob und wie man Assange zu einem Aids-Test veranlassen könne, über Nacht von der Polizei eine Anzeige wegen Vergewaltigung gemacht und an die Boulevardpresse durchgestochen wurde. Mit dieser fingierten Diffamierung nahm 2010 die Schmierenkampagne und die fragwürdige juristische Verfolgung des Wikileaks-Chefs ihren Lauf, die ihn im April 2019 dann in das Hochsicherheitsgefängnis Belmarsh brachte (“Präzedenzfall für ein repressives Vorgehen gegen investigative Journalisten”).

Dreimal waren die dubiosen schwedischen Ermittlungen eingestellt und wieder aufgenommen worden. “Wagt es nicht, jetzt kalte Füße zu kriegen”, hatten die britischen Justizbehörden per email die schwedischen Kollegen ermahnt, als diese eine Einstellung des Ermittlungsverfahrens signalisierten. Verhaltensweisen wie diese veranlassten den UN-Beauftragten Nils Melzer dann dazu, von einer “Verschwörung” zu sprechen, mit der die Behörden von drei Ländern (Schweden, USA, UK) versucht hätten, Assange ins Gefängnis zu bringen. Nils Melzers akribischen Recherchen haben nun dazu geführt, dass sein mit zwei Ärzten im Mai 2019 erstelltes Gutachten über die “psychologische Folter”, der Assange im ausgesetzt sei, zumindest von einigen Journalisten und Politikern ernst genommen wird, sodass in den letzten Wochen erstmals seit zehn Jahren halbwegs sachlich und nicht mehr diffamatorisch über den Fall berichtet worden ist.

Die unerhörten Schikanen, denen Julian Assange aber nach wie vor ausgesetzt ist – “Gestern wurde mein Mandant 11 mal mit Handschellen gefesselt, zwei mal nackt durchsucht, in fünf verschiedene Wartezellen gesteckt und seine Papiere wurden ihm weggenommen”, berichtete sein Anwalt Edward Fitzgerald am zweiten Tag – sind aber nach wie vor kein Thema für die Mainstream-Medien.

Dass die Weltmacht USA und ihre offenbar nur auf dem Papier der Rechtsstaatlichkeit verpflichteten Vasallen derart inquisitorisch gegen einen einzelnen Journalisten vorgehen, während die Whistleblowerin Chelsea Manning nach wie vor in Beugehaft genommen wird, weil sie keine Aussagen gegen Assange vor einem geheimen Militärgericht machen will – zeigt deutlich, dass 2020 das Mittelalter mit seinen Ketzerprozessen und Scheiterhaufen noch nicht vorbei ist. Auch wenn die US-Ankläger Assange “nur” für 175 Jahre nach Guantanamo verfrachten wollen.

So viel zum Fortschritt und zur Rechtsstaatlichkeit im “Werte”-Westen. Das Verfahren wird am 18.Mai fortgesetzt, bis dahin wird Julian Assange nach Angaben seiner Anwältin Jennifer Robinson wohl im Gefängnis bleiben.

Auf Telepolis erschienen

Auch als Podcast auf KenFM

Kein Schaden durch Wikileaks

(Mit Updates, unten) Dass jeder Angeklagte das Recht auf Verteidigung und auf die Vertraulichkeit der Kommunikation mit seinem Verteidiger hat, ist ein grundlegendes Element der Rechtsordnung. Wenn einem Angeklagten eine solche Vertraulichkeit nicht gewährt wird, kann von einem fairen Strafverfahren keine Rede mehr sein. Schon gar nicht, wenn die gesamte Kommunikation eines Angeklagten mit seinen Verteidigern abgehört und diese Aufzeichnungen an die Partei des Klägers weiter gereicht werden. Wie genau das im Fall Julian Assange geschehen ist,  das wird derzeit von einem spanischen Gericht untersucht, gegen der Gründer der Firma “Undercover Global , die Assange in der ecuadorianischen Botschaft ausspioniert und die Daten an die CIA weitergeleitet haben soll. Finanziert wurde die Aktion, bei der die  Gespräche Assanges mit seinen Verteidigern aufgezeichnet wurden, von dem  Großspender Donald Trumps und Casino-Milliardär Sheldon Adelson. Dies wurde von der Verteidigung Assanges bei der ersten Anhörung vor dem Woolwich Court in London am Montag vorgebracht – als eines der Argumente, warum eine Auslieferung des Wikileaks-Gründer abzulehnen ist. Diese ist ausgeschloßen, wenn der Mandant vor dem Gericht, das seine Auslieferung verlangt, kein rechtsstaaliches Verfahren erwarten kann – wovon  ausgegangen werden muss, wenn schon im Vorfeld gegen grundlegende Prinzipien wie die Vertraulichkeit der Verteidigergespräche eklatant verstoßen wurde. Ebenfalls ausgeschlossen wäre eine Auslieferung nach geltendem internationalen Recht, wenn das Begehren weniger straferechtlich sondern politisch motiviert ist. Hierfür brachten die Verteidiger Belege vor, die zeigen, wie der ehemalige US-Botschafter in Deutschland, Richard Grenell, den Trump jetzt zum Chef der Geheimdienste machen möchte, für seinen Chef die Strippen zog, um Julian Assange das Asyl in der ecuadorianischen Botschaft zu entziehen.

Der Vertreter der USA führte vor dem Gericht eine Behauptung an, die eigentlich schon 2014 von einer Untersuchung des Pentagon selbst widerlegt worden ist, dass nämlich durch die Veröffentlichungen von Wikileaks das Leben unbeteiligter Personen gefährdet worden sei. In dem Verfahren gegen Chelsea Manning musste der mit der Untersuchung beauftragte Pentagon-General eingestehen, dass man “kein spezifisches Beispiel” für eine solche Gefährung oder einen Todesfall nennen könne. In London konnte der US-Anwalt nun auch keine konkreten Namen nennen, die aufgrund von  Wikileaks-Publikationen wirklich Schaden genommen hätten. Wo aber kein Schaden ist, ist auch keine Klage, lautet ein alter forensicher Grundsatz und ein Gericht, das eine faire Abwägung zwischem dem Nutzen der “Tat” (der Veröffentlichung von Kriegsverbrechen) und dem in diesem Fall äußerst un-spezifischen Schaden zu treffen hat, käme um eine Abweisung der Klage wohl kaum herum.

Womit wir bei dem politischen Schaden wären, den Wikileaks mit der Veröffentlichung des “Colateral Murder” Videos oder der emails des “Democratic National Congress” (DNC), die den Betrug des Clinton-Teams an Bernie Sanders offenbarten, ohne Frage angerichtet hat – am Image der Weltmacht USA und dem der Kandidatin Hillary Clinton – und damit wieder bei den politischen Motiven, Julian Assange als “Staatsfeind Nr. 1” zu verfolgen und ihn als Nicht-Journalisten zu deklarieren. Bis Ende der Woche werden die Anhörungen vor Gericht noch fortgesetzt, dann  geht es erst im Mai weiter – bis dahin muß Julian Assange nach Angaben seiner Anwältin wohl im Gefängnis bleiben.

Und die Schikanen hören nicht auf. Am zweiten Verhandlungstag beschwerte sich sein Anwalt Edward Fitzgerald: “Yesterday my client was handcuffed 11 times, searched naked twice, put in five separate holding cells and had his papers taken from him – my concern is that this needless treatment limits his ability to participate.”

Craig Murray hat einen der 16 (!!) Zuschauerplätze und berichtet vom Tag zwei der Anhörungen.

UPDATE: Hier der zusammenfassende Bericht vom 3. Verhandlungstag und der unbedingt lesenswerte Report von Craig Murray

Gute Zusammenfassung der ersten beiden Prozeßtage bei Martin Sonneborn

Craig Murray zum 4. Verhandlungstag

PS: Am Donnerstag 27.2. spreche ich bei den Genusskomplizen in Frankfurt zum Fall Assange, am Sonntag, 1.3., im Kulturzentrum in Esslingen

“Don’t Kill The Messenger!”

Jetzt hat auch das renommierte medizinische Wissenschaftsmagazin “The Lancet” Partei im Fall des Wikileaks-Gründers ergriffen und eine Petition von mehr als 100 Ärzten veröffentlicht, die ein Ende der Folter und medizinischen Vernachlässigung von Julian Assange fordern.  Wie auch die späten Reaktionen der Großmedien auf den Bericht des UN-Folterbeauftragten Nils Melzer, der bereits im Mai 2019 Alarm schlug, kommt auch diese Intervention von medizinischer Seite reichlich spät, aber immerhin noch rechtzeitig, um zum Beginn des Auslieferungsverfahrens am 24. Februar mehr Aufmerksamkeit herzustellen – für die seit 10 Jahren unrechtmäßige Verfolgung von Julian Assange und die psychologische Folter, der er durch die  britischen Behörden ausgesetzt ist. Dass sich erst jetzt Ärzte, Politiker und Persönlichkeiten jeder politischen Coleur, wie in dem in der FAZ erschienenen Aufruf Anfang Februar, für seine Freilassung einsetzen, hat mit einem Großversagen der Großmedien zu tun, die  seit Jahren in Sachen Assange  auf Recherche und Journalismus verzichtet und  stattdessen die Diffamierungskampagne vorangetrieben hatten, die eine unheilige Dreifaltigkeit von Staaten (USA, Schweden, England) initiiert hatte. Erst jetzt, so scheint es, haben ein paar Journalisten es für nötig befunden, sich diesen Fall und  die illegale und skandalöse Verfolgung des Wikileaks-Gründers überhaupt einmal genauer anzuschauen.
Dass Regierungen und Staaten kein Interesse an einer radikalen Transparenz ihrer Macht haben, wie sie die Plattform Wikileaks geschaffen hat, und sie deshalb am liebsten mundtot machen wollen, mag nachvollziehbar sein. Dass aber der Wachhund der Demokratie, die “freie” Presse, als Schoßhund der Macht dabei mitspielt und die inquisitorische Verfolgung  eines Presseorgans über zehn Jahre nicht nur geduldet, sondern mit Diffamierung und Dämonisierung aktiv mitbetrieben hat – das ist der eigentliche Skandal.

“Wenn die “vierte Gewalt” von Macht-und Wirtschaftsinteressen korrumpiert ist und ihrem demokratischen Wächteramt nicht mehr nachkommt, ist eine fünfte Gewalt nötiger denn je: Wikileaks!” – das schrieb ich im Dezember 2010, als der erste interbationale Haftbefehl gegen Julian Assange ergangen war:

“Was machen eigentlich New York Times, Guardian und Spiegel? Da wird ihr Informant Julian Assange wegen einer windigen Anzeige international zur Fahndung ausgeschrieben und in Haft genommen, da werden seiner Plattform Wikileaks die Server abgeklemmt und die Bank- und Kreditkartenkonten gesperrt – da wird also ein Medium, ein Organ der Presse, massiv und ohne rechtliche Grundlage seiner finanziellen und publizistischen Mittel beraubt, und die Großmedien, die eben noch mit Wikileaks-Informationen Auflage und Kasse gemacht haben, sagen dazu: Nichts!?”

Die strafrechtliche Anzeige und das Auslieferungsersuchen  aus Schweden waren nicht nur “windig”, wie schon damals erkennbar war, sondern wie spätestens nach den Recherchen des UN-Folterbauftragen und Strafrechtsprofessors Nils Melzer klar geworden ist, substanzlos und illegal. Das Protokoll einer Anfrage bei der schwedischen Polizei, ob man jemanden zu einem Aids-Test zwingen könne, wurde über Nacht zu einem Protokoll der Anzeige einer Vergewaltigung umgeschrieben und an das Boulevardblatt “Expressen” durchgestochen – von der Polizei, im Auftrag der Staatsanwaltschaft. So – und nicht aufgrund eines tatsächlichen sexuellen Übergriffs – kam die ganze Tragödie und in die unrechtsmäßige Verfolgung Julian Assanges ins Rollen. Und als das bei den schwedischen Behörden nach zwei Jahren jemandem auffiel und nach England, wo  das Gerichtsverfahren über die Auslieferung Assanges nach Schweden lief, gemeldet wurde, dass man das Verfahren einstellen wolle, kam von der britischen Justiz eine eindeutige email: “Wagt es nicht, jetzt kalte Füße zu bekommen!”

Dass es fast zehn Jahre dauerte, bis dieser Skandal thmatisiert wird, dass zuerst ein Beauftragter des UN-Hochkommisariats für Menschenrechte kommen mußte, bis jemand diesen Fall ordentlich recherchiert und anprnagert, dass die Großmedien und ihre pseudo-investigativen Abteilungen sich blind und taub stellten, obwohl hier das Grundrecht der Pressefreiheit systematisch mit Füßen getreten wird, dass Politik und Justiz von mindestens drei sogenannten Rechststaaten bei dieser Scharade mitspielen können, ohne zur Verantwortung gezogen zu werden – dass konte nur geschehen, weil der Wachhund der Denokratie zum Schoßhund mutiert ist und seinem Wächteramt nicht mehr nachkommt. Eben deshalb braucht es Institutionen wie Wikileaks und eben deshalb muss Julian Assange sofort aus der Haft entlassen und entschädigt werden.

Termininweis: Am kommenden Donnerstag, 20. Februar, spreche ich im “Aktionsradius” in Wien mit Hannes Hofbauer über den Fall.

Cryptoleaks

Cryptoleaks – die neue Mega-Enthüllung über 130 vom BND und der CIA abgehörte Staaten ist weder neu noch geleaked noch mega. Zu welchem Zweck wird diese Story jetzt lanciert? Außerdem: Es gibt endlich gute Nachrichten über Julian Assange. Während Klimalobbyisten in Deutschland und Australien versuchen, den Klimawandel wegzureden, zeigt dieser in anderen Ländern bereits jetzt verheerende Auswirkungen. Und: Alles außer Bernie Sanders – Wie die US-Demokraten ihren erfolgreichsten Kandidaten sabotieren. Über all das und mehr sprechen die Journalisten Robert Fleischer, Dirk Pohlmann und Mathias Bröckers in Ausgabe #39 des 3. Jahrtausends! Alle Links zur Sendung auf exomagazin.tv

 

Julian Assange aus der Haft entlassen!

Eine Petition zur Freilassung von Julian Assange ist heute in der FAZ und im Freitag erschienen – gezeichnet von mehr als 100 Personen aus  Politik, Kultur, Medien und Wissenschaft. Von Günter Wallraff, der den Aufruf initiiert hat, wurde die Petition heute auch in der Bundespresskonferenz vorgestellt. Gestern brachte das ZDF in den “heute”-Nachrichten endlich  einmal einen journalistischen Beitrag zu diesem Fall. Hier der Text des Aufrufs:

“Wir sind in großer Sorge um das Leben des Journalisten und Wikileaks-Gründers Julian Assange, der in kritischem Gesundheitszustand seit über einem halben Jahr im britischen Hochsicherheitsgefängnis Belmarsh in Auslieferungshaft sitzt. Wir unterstützen die Forderung des Sonderberichterstatters der Vereinten Nationen zum Thema Folter, Nils Melzer, nach einer umgehenden Freilassung von Julian Assange, aus medizinischen sowie aus rechtsstaatlichen Gründen.

Von 2012 bis 2019 erhielt Julian Assange in der Botschaft Ecuadors politisches Asyl vor einer drohenden Auslieferung an die USA, wurde jedoch bald auch dort systematisch überwacht, isoliert und drangsaliert. Der UN-Sonderberichterstatter hatte den inhaftierten WikiLeaks-Gründer am 9. Mai 2019 mit einem Ärzteteam in Belmarsh besucht und anschließend berichtet, dieser zeige „alle Symptome, welche typisch sind für Opfer langdauernder psychischer Folter“.

Ein halbes Jahr später warnte Melzer, die britische Regierung habe seinen Appell ignoriert und stattdessen „für die Rechte und die Integrität von Herrn Assange nur Verachtung gezeigt“. Dieser werde weiterhin unter unnötig belastenden Bedingungen isoliert und überwacht, welche für eine reine Auslieferungshaft nicht gerechtfertigt sind und ihn sogar in Lebensgefahr bringen könnten.

So müsse Julian Assange ohne jeden stichhaltigen Grund 22 bis 23 Stunden am Tag alleine in seiner Zelle verbringen. Jeder normale menschliche Kontakt zu anderen Gefangenen werde strikt unterbunden und seine Prozessvorbereitung systematisch untergraben. In einem offenen Brief forderten mehr als 60 Ärzte Assange ins Universitätskrankenhaus zu verlegen, da sein Gesundheitszustand mittlerweile als lebensbedrohlich einzuschätzen sei.

Julian Assange ist heute ausschließlich zum Zwecke einer Fluchtverhinderung im Zusammenhang mit dem anhängigen Verfahren zur Auslieferung an die USA inhaftiert, wo er für die Enthüllung von Kriegsverbrechen wegen „Spionage“ angeklagt und mit 175 Jahren Einzelhaft bedroht ist.

Es ist offensichtlich, dass Julian Assange unter den gegenwärtigen Haftbedingungen weder genesen, noch sich auf sein Auslieferungsverfahren vorbereiten kann, welches am 24. Februar 2020 beginnen soll. Beides stellen schwere Verstöße gegen menschenrechtliche und rechtsstaatliche Grundprinzipien dar, verunmöglichen ein faires Verfahren und setzen Julian Assange erheblichen Leiden und gesundheitlichen Risiken aus.

Wir erinnern die deutschen Medien daran, dass Assange einer der ihren und die Verteidigung der Pressefreiheit eine Grundfrage der Demokratie ist.

Ungeachtet der Vorwürfe, die Assange gemacht werden, rufen wir Großbritannien aus den genannten menschenrechtlichen und medizinischen Gründen dringend dazu auf, Julian Assange umgehend aus der Haft zu entlassen, damit er unter fachärztlicher Aufsicht genesen und seine Grundrechte ungehindert ausüben kann.

Wir rufen auch die Bundesregierung dazu auf, sich bei der britischen Regierung in diesem Sinne einzusetzen.

Dieser Aufruf erscheint heute als ganzseitige Anzeigen in der FAZ und im Freitag und wurde von mehr als 100 Personen des öffentlichen Lebens aus Politik, Kultur, Medien und Wissenschaft unterzeichnet, u.a. Gerhart Baum, Katharina Barley, Jürgen Becker, Nora Bossong, Mathias Bröckers, Frank Castorf, Sevim Dagdelen, Daniela Dahn, Sigmar Gabriel, Peter Gauweiler, Gregor Gysi, Heike Hänsel, Markus J. Karsten, Wolfgang Kubicki, Remo Largo, Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, Michael Lüders, Martin Mosebach, Wolfgang Neskovic, Claus Peymann, Volker Pispers, Christine Prayon, Richard David Precht, Volker Schlöndorff, Georg Schramm, Michael Sontheimer, Wolfgang Thierse, Jürgen Trittin, Günter Wallraff u.v.m.

«Vor unseren Augen kreiert sich ein mörderisches System»

Eine konstruierte Vergewaltigung und manipulierte Beweise in Schweden, Druck von Grossbritannien, das Verfahren nicht einzustellen, befangene Richter, Inhaftierung, psychologische Folter – und bald die Auslieferung an die USA mit Aussicht auf 175 Jahre Haft, weil er Kriegsverbrechen aufdeckte:  Das Schweizer Magazin Republik hat mit dem UN-Sonderberichterstatter für Folter, Nils Melzer, über die brisanten Erkenntnisse seiner Untersuchung im Fall Julian Assange gesprochen:

Nils Melzer, warum befasst sich der Uno-Sonder­berichterstatter für Folter mit Julian Assange?
Das hat mich das Auswärtige Amt in Berlin kürzlich auch gefragt: Ist das wirklich Ihr Kernmandat? Ist Assange ein Folteropfer?

Was haben Sie geantwortet?
Der Fall berührt mein Mandat in dreifacher Hinsicht. Erstens: Der Mann hat Beweise für systematische Folter veröffentlicht. Statt der Folterer wird nun aber er verfolgt. Zweitens wird er selber so misshandelt, dass er heute selbst Symptome von psychologischer Folter aufzeigt. Und drittens soll er ausgeliefert werden an einen Staat, der Menschen wie ihn unter Haft­bedingungen hält, die von Amnesty International als Folter bezeichnet werden. Zusammengefasst: Julian Assange hat Folter aufgedeckt, er wurde selber gefoltert und könnte in den USA zu Tode gefoltert werden. Und so etwas soll nicht in meinen Zuständigkeits­bereich fallen? Zudem ist der Fall von emblematischer Bedeutung, er ist für jeden Bürger in einem demokratischen Staat von Bedeutung.

Warum haben Sie sich denn nicht viel früher mit dem Fall befasst?
Stellen Sie sich einen dunklen Raum vor. Plötzlich richtet einer das Licht auf den Elefanten im Raum, auf Kriegs­verbrecher, auf Korruption. Assange ist der Mann mit dem Schein­werfer. Die Regierungen sind einen Moment lang schockiert. Dann drehen sie mit den Vergewaltigungs­vorwürfen den Lichtkegel um. Ein Klassiker in der Manipulation der öffentlichen Meinung. Der Elefant steht wieder im Dunkeln, hinter dem Spotlight. Stattdessen steht jetzt Assange im Fokus, und wir sprechen darüber, ob er in der Botschaft Rollbrett fährt, ob er seine Katze richtig füttert. Wir wissen plötzlich alle, dass er ein Vergewaltiger ist, ein Hacker, Spion und Narzisst. Und die von ihm enthüllten Missstände und Kriegs­verbrechen verblassen im Dunkeln. So ist es auch mir ergangen. Trotz meiner Berufs­erfahrung, die mich zur Vorsicht mahnen sollte.

Das ganze, äußerst lesenswerte Gespräch hier