Die Russiagate Hysterie

Sie können es einfach nicht lassen, als ob sie von einer Seuche, einem Fluch, einem Zauber befallen wären, wie die White Walker in “Game of Thrones” marschieren die Russiagater als eiskalte Krieger sturheil voran. Da mag auch auf 400 Seiten Mueller-Report kein einziger Beweis für irgendwelche Manipulationen der US-Wahl zu finden sein und nichts über Absprachen zwischen Trump und Russland oder gar mit dem Ultrabösen persönlich, da mögen sich hunderte, tausende “Breaking News” der letzten zwei Jahre als Fakes und haltlose Verschwörungstheorien herausgestellt haben – es ficht die Propaganda-Truppen des “Nachtkönigs” nicht an. Vergessen wir “medling” und “collusion”, Russiagate war nur ein Vorspiel, der eigentliche Plot kommt erst noch, denn der Ultraböse interessiert sich eigentlich gar nicht für irgendwelche Wahlen: Putin will die Weltmacht! Nicht erst seit Henry Luce den Zapruder-Film über die Schüsse auf John F.Kennedy kaufte und mehr als zehn Jahre unter Verschluss hielt, ist das “Time”-Magazin zuverlässiges Organ der CIA und des gesamten  MICCIMATT-Komplexes – und gibt mit diesem Cover die neue Marschroute gegen das Reich des Ultrabösen vor. Mit einer martialischen Grafik welche, würde sie statt Putin etwa Netanjahu zeigen, sogleich entrüstete Proteste sämtlicher Antisemitismus-Beauftragten zur Folge hätte; und die zugleich in bester 50er-Jahre CDU-Tradition perfekt in den neuen kalten Krieg passt, wo Antirussismus-Beauftragte nicht zu befürchten sind.

Wer sich die Gruselstory über den Ultrabösen, der sich mit einer Reihe finsterer Schurkenstaaten ein Imperium zimmert, gegeben hat, sollte im Anschluss ein Dokument zur Kenntnis nehmen, um die Glaubwürdigkeit von Geschichten wie diesen und Organen wie “Time”, “New York Times”, Washington Post” etc. zu testen. In einer braven Fleissarbeit hat die russische Botschaft in Washington die wichtigsten Fake-News der vergangenen drei Jahre – mit hunderten von Links – zusammengestellt und diagnostiziert einen massiven Fall von Russophobie: THE RUSSIAGATE HYSTERIA:A CASE OF SEVERE RUSSOPHOBIA(PDF). Für alle, die “irgendwas mit Medien” studieren oder sich für den tragischen Zustand der einstigen “vierten Gewalt” interessieren, ist die Dokumentation eine Fundgrube und ein Fallbeispiel par excellénce.

Kleine Lebenskunde

Zum Frühjahrsbeginn empfiehlt der Westendverlag diese kleine Buchreihe, die von mir betreut, bevorwortet und nun mit dem Goethe-Büchlein auch bestückt wurde. Unbedingt dazu gehört auch noch “Der symbiotische Planet” von Lynn Margulis,  das im letzten Jahr neu erschienene Grundlagenwerk einer post-darwinistischen, anti-neodarwinistischen Naturwissenschaft.

Der heute nahezu unbekannte Maurice Maeterlinck war um die vorletzte Jahrhundertwende ein weltberühmter Autor, seine Stücke wurden auf internationalen Bühnen gespielt, seine Bücher waren Bestseller, 1911 erhielt der den Literatur-Nobelpreis. Er „schreibt mit der Vorstellungskraft eines Schlafwandlers und dem Geist eines träumenden Visionärs, aber immer mit der Präzision eines großen Künstlers“, hieß es in der Preisrede, zu dessen Verleihung sich der öffentlichkeitsscheue Autor krank gemeldet hatte. Sein wunderbarer Essay über “Die Intelligenz der Blumen” erschien erstmals 1907: “Ich will weiter nichts, als die Aufmerksamkeit auf einige interessante Vorgänge richten, die rings um uns stattfinden in einer Welt, in der wir uns ein wenig zu eitel für privilegierte Wesen halten“.

Durchaus einer ähnlichen Intention folgte auch Helmut Salzinger (1935-1993) mit seinem letzten Buch “Der Gärtner im Dschungel”. Er “war Literaturkritiker der „Zeit“ und Schriftsteller (“Swinging Benjamin”, „Rockpower – Wie musikalisch ist die Revolution ?“ ), Pionier und „Übervater der deutschen Pop-Kritik“ (Deutschlandfunk) und einer der ersten, die im Zuge der Hippie,-und Alternativbewegung aufs Land zogen, um sich fortan möglichst biologisch aus dem eigenen Garten zu ernähren. Das ging –  wie bei einem Stadtmenschen und Intellektuellen kaum anders zu erwarten – ziemlich schief. Doch „Der Gärtner im Dschungel“, ein Jahr vor Salzingers Tod erschienen, erzählt nicht nur die Geschichte dieses Scheiterns, sondern auch den daraus resultierenden Erkenntnisgewinn:  aus dem Herrn und Meister der Natur wird eine Mitkreatur, die den Wesen um sich herum beim Wachsen zuschaut….” heißt es im Vorwort, das hier zu lesen ist. Ebenso wie ein kleiner Auszug über “Das allgemeine Frühlingsgetue und -geturtel”

Nicht nur Pflanzen, auch “Die lustige Tierwelt und ihre ernste Erforschung” ist ein wichtiges lebenskundliches Thema und Helmut Höges gleichnamiges Werk ist ein Tierbuch der besonderen Art. Ein Kompendium (von Ameise bis Zitteraal) das noch in den unscheinbarsten Tierchen äußerst überraschende Eigenschaften entdeckt.Dass die moderne Wissenschaft glaubt, Erkenntnisse über die Natur nur aus Erforschungen im Labor und der Gene ziehen zu können, hält Höge für einen gefährlichen Irrweg. Für ihn ist es der enge Kontakt zu Tieren und Pflanzen, die uns ihrem eigentlichen Wesen näher bringt – und damit auch den eigentlichen Erkenntnissen über das Leben und die Natur überhaupt.

Goethe nannte eine solche Forschung “zarte Empirie” und um diese Methode geht es unter vielem anderen in “Newtons Gespenst und Goethes Polaroid” zu dem  hier auf dem Blog schon einiges zu lesen war. Das Zitat auf dem Rückumschlag ist zwar von Geothe, trifft aber auf alle vier Titel dieser kleinen Lebenskunde zu: “Die Wissenschaft hilft uns vor allem, dass sie das Staunen, zum dem wir berufen sind, einigermaßen erleichtere.”

 

Debunking All The Assange Smears

Die wunderbare Caitlin Johnson hat auf ihrem Blog alle Dreckskübel identifiziert und widerlegt, die über Julian Assange ausgekippt wurden und werden – und die allesamt über die faschistoide Niedertracht hinwegtäuschen sollen, mit der das US-Imperium und seine britischen Handlanger gegen unliebsame Journalisten und die Pressfreiheit vorgehen. Es ist ein langes Stück, denn auch die Liste der Diffamierungen und Denunziationen ist lang, mit denen der wichtigste Journalist unserer Zeit zum Schweigen gebracht werden soll. Wer das nicht zulassen will, muss sich die Zeit zum Lesen nehmen…

Russiagate gekreuzigt – Gläubige geschockt

Offiziere einer militärischen “Cyber-Einheit” des russischen Geheimdiensts GRU, “Unit 26165” sollen sich Ende Mai 2016 Zugang in das Computernetzwerk des “Democratic National Congress”(DNC) verschafft haben: “During these connections, Unit 26165 officers appear to have stolen thousands of emails and attachments, which were later released by Wikileaks in July 2016.” So steht es auf Seite 40/41 des nunmehr veröffentlichten Mueller-Reports, mit dem die krudeste Verschwörungstheorie der letzten Jahre – Russiagate – pünktlich zum Karfreitag öffentlich und offziell gekreuzigt wurde. Nach zwei Jahren Ermittlung, 2800 Vorladungen, 500 Durchsuchungen und 25 Millionen Dollar Kosten konnte kein Beweis dafür gefunden werden,  dass Donald Trump und seine Helfer in irgendeiner Weise mit Russland  konspiriert haben.

Für alle Gläubigen ist das ein schwerer Schock,  noch schlimmer aber trifft es all die großen Verschwörungstheoretiker und Prediger, die von ihren TV-und Medienkanzeln Tag für Tag verkündet haben, dass Donald als Agent des Satans und nur mit Hilfe des ultrabösen Putin auf den Thron gelangt sei. Wer soll ihnen jetzt noch ein Wort glauben, all diesen falschen Propheten, die mit jeder ihrer Breaking Fake News das nun aber definitiv nahende Ende von Trump vorhergesagt haben  ? Der hat mittlerweile bessere Zustimmungsraten als seine Vorgänger, was kein Wunder ist, denn er hat mit seinen ständigen Twitter-Gewittern gegen die “Fake News Media” Recht behalten, ebenso wie mit dem Vorwurf einer “Hexenjagd” gegen ihn, zu der sich die Medien mit Kreisen der Polizei, der Politik und der Geheimdienste zusammengeschlossen haben. Diese Vorwürfe sind keine Verschwörungstheorien und auch keine “alternativen” Fakten, sondern unbestreitbare Tatsachen. Aber diese anzuerkennen fällt den o.g. Predigern und Propangadisten verständlicherweise schwer- als vor drei Wochen der erste zusammenfassende Bericht des Justizministeriums über das Null-Ergebnis der Mueller-Dämmerung herauskam, entflammten alle Hoffnungen, dass sich das “wahre Russiagate” noch offenbaren würde, wenn die kompletten 400 Seiten des Mueller-Evangeliums veröffentlicht sind und die ganze unerhörte Einmischung Russlands in die hochheilige Institution der demokratischen Wahlen sichtbar wird.
Und jetzt das: “…appear to have stolen thousands of emails …”. Es “scheint” also, dass “Offiziere” einer ominösen “Unit 26165” tausende emails gestohlen haben – aber haben sie das auch, oder scheint es nur so ? Wenn etwas nach zwei Jahren forensischer Ermittlung immer noch “scheint”, heißt das auf Amtsdeutsch dass es keine Beweise dafür gibt, sondern nur einen Verdacht und Indizien – das Ganze also nach wie vor kein Faktum, sondern nichts anderes als eine unbewiesene Verschwörungstheorie ist. Aber kein Problem für die Russiagater beim “Spiegel”:

“Detailliert beschreibt Mueller, wie Russland über Social Media und auch mit Hilfe von Agenten in den USA eine Anti-Clinton-Kampagne steuerte. Zudem wird präzise beschrieben, wie Hacker des russischen Militärgeheimdienstes GRU die E-Mails von Clinton-Mitarbeitern aus dem Hauptquartier der Demokraten stahlen – und sie dann über eigene Websites und mithilfe der Enthüllungsplattform WikiLeaks öffentlich machten.”

“Detailliert” hatten wir über die Lachnummer der russischen Social Media-Kampagne unter dem Titel “Putins Koch und die Wilde Dreizehn” schon vor einem Jahr berichtet und “präzise” wird im Mueller-Report nur berichtet, dass es so “scheint”, als ob irgendwelche Russen emails gestohlen hätten. Irgendeinen Beweis dafür, dass Wikileaks die email über russische Kanäle erhalten hat – was Julian Assange wiederholt abgestritten hat – enthält der Report natürlich nicht. Aber ich werde einen Teufel tun und da jetzt noch weiter lesen. Dafür ist das Wetter viel zu schön – und wie ich die Prediger und Propheten und ihren Holy- Fake-News-Shit kenne, wird die Russiagate-Leiche spätestens Ostern wieder auferstehen. Frohes Fest!

Ab auf die Couch!

“Wie gestört ist die Gesellschaft ?”, fragt Ken Jebsen und es antworten Gunther Moll (Kinderpsychiater und Kommunalpolitiker), Birgit Assel (Diplom-Sozialpädagogin und Trauma-Expertin), Franz Ruppert (Professor für Psychologie), Hans-Joachim Maaz (Psychiater und Psychoanalytiker). Kluge Menschen,  interessantes Gespräch. (Und einmal mehr ein Beleg, dass der “Bildungsauftrag” des Fernsehens mittlerweile  eher von crowdfinanzierte Kanälen wie KenFM wahrgenommen wird als von den gebührenfinanzierten TV-Beamten und öffentlich-rechtlichen Gehirnwäschern…)

Die Goethe-Verschwörung

„Warum jetzt Goethe ?“, wurde ich zu meinem neuen Buch schon öfters gefragt, und meine erste Antwort darauf ist: Ich hab in den letzten fünfundzwanzig Jahren immer nur in den Kloaken der Politik herumgebuddelt und mich an politischen Morden, verdeckten Operationen, Verschwörungen und Fake-News abgearbeitet – jetzt wollte ich mich endlich mal dem Wahren, Guten, Schönen widmen. Als ich vor einem Jahr die Absicht kundtat, einen längeren Essay zu Goethes Fragment über die Natur zu schreiben, das am Anfang seiner lebenslangen naturwissenschaftlichen Forschungen steht, meinte mein Sohn: „Nenn das Buch einfach Die Goethe-Verschwörung, da gehen gleich 20.000 weg. Verschwörungsmäßig bist du doch ne Top-Marke, da nehmen die Fans sogar einen alten Hut wie Goethe in Kauf.“ Verkaufstechnisch hat der Junior da vielleicht sogar Recht, aber es ging mir um genau diesen „alten Hut“ und darum zu zeigen, dass der mit seinen Ansichten und seiner Haltung zur Natur und zur Wissenschaft nach zweihundert Jahren wieder zeitgemäß ist. Und dass seine Forschungen und Erkenntnisse absolut edgy und trendy sind, wenn es darum geht, eine neue Wissenschaft vom Leben zu definieren.

Und was soll „Newtons Gespenst“? Als Newton sein berühmtes optisches Experiment durchführte, bei dem er durch ein Loch im Fensterladen weißes Licht durch ein Prisma fallen ließ und an der Wand gegenüber dann Farben sah, benannte er diese Erscheinung „spectre“, dem englischen Wort für „Gespenst, Phantom, Erscheinung“. Seine heutige Bedeutung als Spektrum von Farben oder in Begriffen wie „Spektralanalyse“ erhielt das damalige „Gespenst“ erst durch Newtons Entdeckung und seine Theorie, dass sämtliche Farben im Licht enthalten sind. Als Goethe nun 1790, mehr als achtzig Jahre nach dem Erscheinen von Newtons Opticks, durch ein Prisma an eine weiße Wand schaut, die weiß bleibt und nur an den Rändern, wo Schatten ins Spiel kommen, Farben erscheinen, kommt ihm schlagartig der Gedanke, dass die ganze Newton’sche Theorie falsch sein muss. Die dunklen Farben stecken nicht allein im weißen Licht, sondern entstehen erst aus der Polarität von Licht und Schatten – um diese Wahrheit zu beweisen, forschte Goethe dann vier Jahrzehnte lang und publizierte über tausend Seiten seiner „Farbenlehre“.

Von seinen Zeitgenossen und der Nachwelt oft als amateurhafte Spinnerei eines ansonsten genialen Kopfs abgetan, steht es im Farbenstreit Goethe vs. Newton mittlerweile aber mindestens unentschieden – beide hatten ebenso Recht wie Unrecht. Womit wir bei „Goethes Polaroid“ wären. Als der Harvard-Physiker Dr. Edwin Land, der die Sofortbildkamera erfunden hatte, bei seinen Versuchen mit Farbbildern nämlich mit Newtons Theorie nicht weiterkam, forschte er mit Goethes Methoden weiter – und entwickelte nicht nur die Polaroid-Farbfotografie, sondern auch eine neue Theorie des Farbsehens.

Es war keine Verschwörung, es war schlichte Ignoranz, dass die wissenschaftlichen Erkenntnisse Goethes fast zweihundert Jahre lang als amateurhafter Unsinn angesehen wurden. Und das gilt nicht nur für das Licht, das Sehen und die Farben, sondern auch für die vielen anderen Bereiche der Natur, mit denen er sich beschäftigte und intuitiv forschend vieles vorwegnahm, was die „harte“ Wissenschaft erst zweihundert Jahre später entdeckte. Dass dies alles schon in dem kleinen aphoristischen Fragment über die Natur enthalten ist – und nicht nur in der Vergangenheit viele Menschen inspirierte, sondern für eine enkeltaugliche Zukunft auf diesem Planeten von größter Bedeutung ist – darum geht es in “Newtons Gespenst und Goethes Polaroid.”

Lasst hundert Wikileaks blühen!

„Was machen eigentlich “New York Times”, “Guardian” und “Spiegel” ? Da wird ihr Informant Julian Assange in Haft  genommen, da werden seiner Plattform Wikileaks die Server abgeklemmt und die Bank-und Kreditkartenkonten gesperrt – da wird also ein ein Medium, ein Organ der Presse, massiv und ohne rechtliche Grundlage seiner finanziellen und publizistischen Mittel beraubt, und die Großmedien, die eben noch mit Wikileaks-Informationen Auflage und Kasse gemacht haben, sagen dazu: Nichts ! ?

Wenn irgendwo auf der “Achse des Bösen” ein westlicher Journalist in die Bredouille gerät, lassen Editorials nicht lange auf sich warten,  die  “Pressefreiheit”,  “Menschenrechte”, “Demokratie” mit scharfen Worten anmahnen; Chefredakteure lassen ihre Beziehungen zur Regierung spielen, Außenminister protestieren, Botschafter werden einbestellt, öffentlicher und politischer Druck wird aufgebaut. Was indessen Wikileaks betrifft blasen die Herolde der Pressefreiheit derzeit nicht einmal ein laues Lüftchen – dass die NewYork Times-Besitzer persönlich protestiert hätten, dass der “Guardian” die britische Öffentlichkeit gegen die skandalöse Inhaftierung mobilisiert oder der “Spiegel” androht, seine Visa-und Mastercard-Konten zu kündigen, wenn diese Firmen Wikileaks weiterhin ausschließen… wenn dergleichen in den letzten Tagen geschehen wäre, hätte man davon gehört und gelesen. Es ist nicht geschehen und es ist zu vermuten, dass die vermeintlichen Flaggschiffe der ‘freien Presse’ auch künftig gegen die Unterdrückung von Wikileaks  nichts weiter einzuwenden haben;  von “Quellen,- und Informantenschutz” – immer gern betont wenn’s um die verfassungsmäßigen Rechte der Presse geht –  ist bei Julian Assange, der wichtigsten  “Quelle”  für NYT, Spiegel & Co. seit Jahren,  plötzlich keine Rede mehr und das  Wort  “Zensur” nehmen die Edelfedern unserer “Leitmedien” offenbar nur in den Mund,  wenn  sie in China oder Iran stattfindet.

Dass der Presse diskrete Informationen zum Zwecke der Veröffentlichung zugespielt werden ist nicht nur so selbstverständlich und so alt wie das gesamte Zeitungsgewerbe, in der heutigen Zeit gehört es sogar zu den Pflichten der Medien  als kontrollierende ‘vierte Säule’ der Verfassung, sich solche Informationen zu verschaffen. Nichts anderes hat Wikileaks in der Vergangenheit getan, wie jedes andere Presseorgan auch hat es sich Informationen verschafft, ihre Echtheit überprüft und sie veröffentlicht. Freilich  nicht, um damit Geschäfte zu machen, sondern um sie der Public Domain zuzuführen, d.h. frei und öffentlich zugänglich zu machen.“

Soweit ein Kommentar zum Fall Julian Assange – er stammt vom 13. Dezember 2010 und ist nach der erneuten Verhaftung des Wikileaks-Gründers aktueller denn je. Und die schulterzuckende Niedertracht der Leitmedien ist in diesen fast zehn Jahren noch widerwärtiger geworden. In einem Zwischenbericht hielt ich 2017 dazu fest:

Um den Vorwurf zu entkräften, das Vorgehen der Behörden verstoße gegen den Verfassungsgrundsatz der Pressefreiheit, behauptet CIA-Direktor Pompeo, Julian Assange sei kein Journalist und Wikileaks kein Medium, sondern ein “feindlicher Geheimdienst”.  Richtig daran ist, dass Assange kein Fake-Journalist ist, der wie die oben genannten Großmedien von der CIA fabrizierte Fake-News verbreitet und dass Wikileaks nicht unter der Kontrolle eines Medienkonzerns steht – und gerade deshalb heute das verkörpert, was eine freie Presse als vierte Gewalt im Staat zu leisten hat: die Kontrolle der Macht. Diese unabdingbare Funktion als demokratischer Wachhund ist der Grund, warum die Pressefreiheit essentielles Verfassungsgut aller Rechtsstaaten ist – nicht weil die Schoßhündchen, Arschkriecher,  PRe$$titutes und Hofschreiber ein besonders schützenswerte Art wären, sondern weil eine Demokratie ohne Wachhunde, Wadenbeißer und Whistleblower nicht funktionieren kann und diese deshalb unter besonderen Schutz gestellt werden. Wenn unliebsame Journalisten einfach zu “feindlichen Geheimdiensten” umdefiniert werden können ist die Pressefreiheit definitiv tot.“

Mit der Verschleppung von Julian Assange aus seinem Asyl, das ein korrupter Präsident für nichtig erklärte, nachdem ihm das Imperium einen Kredit von 4,2 Milliarden Dollar gewährt hatte, haben wir einem Beerdigungszug beigewohnt, der nunmehr jeden Journalisten treffen kann, der die Verbrechen des Imperiums aufdeckt.

Der Philosoph Slavoj Žižek schrieb dazu an vergangenen Wochenende:

Assange hat sich selbst als Spion des Volkes bezeichnet: Er späht nicht im Auftrag der Mächtigen die Menschen aus, er bespitzelt die Mächtigen im Auftrag der Menschen. Deshalb können auch nur wir, das Volk, ihm helfen. Es liegt an uns, Druck auszuüben, wir können mobilisieren, um seine Zwangslage zu verbessern.“(…) Wikileaks ist nur der Anfang, und unser Motto sollte ein maoistisches sein: Lasst hundert Wikileaks erblühen. Die Panik und die Wut, mit der unsere Machthaber und jene, die unser digitales Gemeingut verwalten, auf Assange reagiert haben, ist nur Beweis dafür, dass er, mit dem, was er tat, einen Nerv getroffen hat. In diesem Kampf wird es nicht wenige Schläge unter die Gürtellinie geben – unsere Seite wird beschuldigt werden, mit dem Feind zusammenzuarbeiten (so wie man Assange unterstellte, er arbeite im Auftrag Putins), aber wir sollten uns daran gewöhnen und lernen, gleich noch einmal so hart zurückzuschlagen, gnadenlos eine Seite gegen die andere auszuspielen, mit dem Ziel, sie alle zur Strecke zu bringen.“

Julian Assange hat das Imperium gezwungen, die ohnehin bröckelnde Fassade von Demokratie, Freiheit und Menschenrecht gänzlich fallen zu lassen und die blutrünstigen Klauen kolonialer, imperialistischer Macht offen zu zeigen. Es muss alles dafür getan werden, dass er ihnen nicht ausgeliefert wird.

Auch als Podcast auf KenFM

Alles unter Kontrolle

“Bei der Festnahme von Wikileaks-Gründer Julian Assange spielte die britische Polizei eine „tragende“ Rolle. Was nun? Außerdem: NATO-Pressesprecher Klaus Kleber kündigt im ZDF das nächste große Ding an – Krieg gegen Russland. Nach der Pleite in Sachen Russiagate schlägt Donald Trump jetzt gegen den Tiefen Staat zurück. Und: Passwort oder Beugehaft – neue Gesetze ebnen den Weg zum Polizei- und Überwachungsstaat. Über all dies und mehr sprechen die Journalisten Robert Fleischer, Dirk Pohlmann und Mathias Bröckers in der neuesten Ausgabe #23 des Dritten Jahrtausends!”

 

Free Julian!

Julian Assange wurde heute morgen in der ecuadoriansichen Botschaft verhaftet und einem Richter vorgeführt – wegen eines Verstosses gegen Bewährungsauflagen von 2012 und eines Auslieferungsantrags der Vereinigten Staaten. (Hier der Twitter-Thread eines BBC-Journalisten über die Anhörung) Die USA werfen  dem Wikileaks-Gründer Spionage vor, die Verhandlung über den Auslieferungsantrag soll am 2. Mai stattfinden – und sollten die britischen Richter diesem Antrag folgen, wäre ein folgenreicher Präzedenzfall geschaffen: kein Journalist – und nichts anderes war und ist Julian Assange – kann mehr vor den Klauen des Imperiums sicher sein, wenn er unerwünschte Nachrichten veröffentlicht. Egal welcher Nationialität er ist, gleich wo er lebt und welche Gesetze dort herrschen – wer die schmutzigen Geheimnisse und brutalen Verbrechen des Imperiums öffentlich macht, wird gejagt und zur Strecke gebracht. Und wer sich nicht wie Edward Snowden rechtzeitig nach Russland absetzen kann, dem drohen wenn nicht Folter und  Guantanamo, dann 35 Jahre Knast wie Chelsea Manning. Willkommen im MICIMATT-Komplex der “westlichen Wertegemeinschaft”, dem Reich der Pressefreiheit und des Rechtsstaats.

Julian Assange hat keine Verbrechen begangen, er hat die Welt über begangene Verbrechen in Kenntnis gesetzt. Eben deshalb hat der damalige Präsident Ecuadors ihm das Asyl gewährt, wo ihn sein korrupter Nachfolger jetzt verraten hat –  für einen IMF-Kredit von 4 Milliarden, der letzten Monat zugesagt wurde. Wenn die Richter, die über das Schicksal des wichtigsten Journalisten unserer Zeit  entscheiden, noch einen Rest von Anstand und Würde haben, setzen sie ihn nach Verhängung einer Geldstrafe wegen des Kautionsverstoßes auf freien Fuß und lassen ihn in ein Land seiner Wahl ausreisen.  Falls die Richter aber auch diese Reste des alt-ehrwürdigen britischen Rechtsstaats abschütteln und sich als “America’s bitch” der politischen Opportunität beugen, wie die Assange-Unterstützerin Pamela Anderson befürchtet, dann bliebe nur noch ein Aufstand der Medien gegen die Verhaftung und Auslieferung ihres hervorragendsten investigativen Kollegen. Da habe ich leider – siehe MICIMATT – wenig Hoffung. Einen spekulativen Silberstreifen am dunklen Horizont fand ich bei einer Facebook-Freundin: Das Trump-Regime könnte Julian nach einer Auslieferung mit Samthandschuhen anfassen, weil seine Aussage, dass er die geleakten emails des DNC von dessen (später ermordeten) Mitarbeiter Seth Rich und nicht über “russische Hacker” erhalten hat, sehr nützlich wäre – der ganze Russiagate-Fake wäre definitiv erledigt und das Clinton/Obama/Deep State-gate stünde weit offen für Trumps Revanche und Wiederwahl… Mmmhhh? Verlassen würde ich mich darauf nicht, deshalb kann die Parole jetzt nur lauten, es gar nicht dazu kommen zu lassen: Free Julian!