„Wir müssen uns damit auseinandersetzen, mit Misinformation, Infiltrierung und Verunsicherung“, sprach Medusa Merkel auf der Münchener Unsicherheitskonferenz. Sie sei zutiefst besorgt über die „Verunsicherbarkeit unserer Gesellschaften.“ Der Grund für diese tiefe Sorge, nicht nur bei der Kanzlerin sondern vor allem beim großen transatlantischen Bruder: der Iwan kann Internet und sät diabolische Zweifel. Auf dem von Brainwashington sauber durchgepflügten Informationsacker wuchert das Unkraut des Unglaubens, nicht nur der linke und rechte Rand sind vom Virus der Skepsis erfasst, die Epidemie hat sich in die Mitte der Gesellschaft ausgebreitet. Auch in Bereichen, die bis dato von genmanipuliertem PR-Dünger derart druchdrungen waren, dass sie immun gegen jede Art von “Verunsicherbarkeit” schienen. Und jetzt das: fast zwei Drittel der Deutschen fühlen sich in Sachen Russland/Ukraine schlecht oder nur einseitig informiert. Aber nicht, weil sie von “Feindsendern” wie rt oder irgendwelchen Blogs verunsichert wurden, sondern schlicht weil sie ARD, ZDF, RTL etc. konsumieren oder Zeitung lesen. Und den Schwarz/Weiß-Film, der ihnen da auf allen Kanälen entgegenschwallt, nicht für die Realität halten und als Inszenierung durchschauen, was “Tageschau” und “heute” ihnen als Realität anbieten.
Diese “Misinformation” ist es, die auch gestandenen ARD-Veteranen wie Christoph Fröder oder Gabriele Krone-Schmalz die Haare zu Berge stehen läßt – und nicht irgendwelche “Feindpropaganda”, die im Rahmen “hybrider Kriegsführung” im”Informationskrieg“ in die die Herzen und Hirne des Publikums infiltriert wird. Auch viel gelesene Blogs wie die Propagandaschau, die Tag für Tag dokumentieren, wie in den gebührenfinanzierten Nachrichtenmanufakturen getrickst und getäuscht wird, sind für die allgemeine Verunsicherung nicht verantwortlich, sie liefern nur die Diagnose ihrer Ursachen: das Verschwinden grundlegender journalistischer Standards, die investigative Inssuffizienz von bis zur Halskrause “embeddedeten” Reportern, die Propagandatöne, die die Berichtserstattung allüberall durchdringen, die Permanzenz und Penetranz des “Wir sind die Guten” und Putin und Russland die allein Schuldigen und Bösen.Dieses Schattenspiel haben die Leute durchschaut, nicht nur in Sachen Ukraine lassen sie sich kein X für ein U vormachen sondern auch kein geheimes T-TIP für einen fairen und offenen Vertrag. Nicht weil anti-amerikanische, vom Kreml bezahlte Trolle ihnen das einflüstern, vielmehr trauen sie den Verlautbarungen der Regierenden und ihrer Lautsprecher in den Großmedien – den Mythen über die Ukraine – nicht mehr, weil sie noch über einen halbwegs gesunden Menschenverstand verfügen.
Dass “Lügenpresse” kürzlich zum “Unwort des Jahres” gekürt wurde und nunmehr eine Renaissance erlebt – nach einer ersten Blüte vor der deutschen Revolution 1849, einem Höhepunkt vor dem 1. Weltkrieg und einem weiteren Peak 1933 ff. (wie diese aus Google Books generierte Wortzählung sehr schön zeigt) – scheint da kein Zufall. Zum einen hat der im Zuge der Pegida-Proteste wieder hochgekommene Begriff wie jede pauschale Diffamierungsbvokabel den Negativ-Status als “Unwort” tatsächlich verdient, zum anderen fällt die Renaissance des Begriffs wieder in eine Zeit, in der wie in den Vorkriegszeiten des vorigen Jahrhundert massiv Feinbilder geschaffen und aufgebaut werden – und die Presse eben noch ein bißchen mehr lügt als sie es ohnehin tut. Aber – und das macht den Unterschied zu den “Lügenpresse”-Vorwürfen von anno dunnemals – auch schneller dabei erwischt und an den Internet-Pranger gestellt werden kann, wenn sie tatsächlich lügt.
Anders als noch im alten Indonesien (oder war’s Nepal ?), wo es Wahrsagern gesetzlich verboten war, die Unwahrheit zu sagen, beinhaltet in modernen Demokratien die “Freiheit der Presse” eben auch die Freiheit zu lügen. Und weil dem so ist, gilt für die Öffentlichkeit die Freiheit zu zweifeln. Und anders als im Mittealter oder in heutigen “Gottestaaten”, wo jeder Zweifel an der ex cathedra verkündeten Wahrheit eine Sünde ist, gilt er im aufgeklärten Abendland mit Descartes´Diktum vom Zweifel als Anfang der Weisheit ( “Dubium sapientiae initium”), als Grundlage jeder rationalen Erkenntnis. Als Mutter der Vernunft ist der Zweifel sozusagen erste Bürgerpflicht. Wohin es führt, wenn sich die Bevölkerung in blindem Glauben von oben verkündeten Wahrheiten hingibt, haben die mörderischen Verwüstungen der beiden letzten Weltkriege gezeigt. Vor dem Mord stand immer das Wort, die Parolen jener, die dazu aufriefen, sich hinter einer Fahne und einer Worthülse (Ehre/Führer/Volk/Vaterland) zu versammeln und zuzuschlagen. Ohne Wenn und Aber und ohne jeden Zweifel.
Zu derlei glaubensfestem Eifer ruft jetzt auch ein Aufsatz in der FAZ auf, in dem Reinhard Mohr den “Zweifel als Propagandawaffe” entlarvt und jede Art von Mißtrauen gegenüber der Wahrhaftigkeit und Güte des Washingtoner Imperiums als Produkt putinscher Propaganda. Nun zeichneten sich die Aufsätze Mohrs schon in den 80er Jahren dadurch aus, dass sie über mangelnde Gedankentiefe durch verschwurbelten Formulierungskitsch hinwegtäuschten, weshalb ich sie auch nie druckte, wenn er sie beim Feuilleton der taz einreichte. Wie sehr die “schußfeste Einfalt” (Titanic), das Vakuum zwischen den Mohrschen Ohren, seitdem noch zugenommen hat, kann jeder anhand des oben verlinkten Artikels überprüfen. Hier nur eine Perle, die auch ein wohlmeinender Redakteur seinem Mietmaul eigentlich nicht durchgehen lassen sollte weil sie einer unfreiwilligen Selbstkarrikatur gleichkommt – des Autors als Worthülsenfabrikant, der in routinierter Attitüde im geistigen Niemandsland seine Pirouetten dreht.
“Wenn sich der antiwestliche Rundum-Zweifel als routinierte Attitüde erst einmal etabliert hat, beginnt das Denken, das sich selbst nicht ernst nimmt, zur leeren, beliebig verwendbaren Hülse zu werden. Das so entstehende geistige Niemandsland passt hervorragend zu den Erfindungen der russischen Propaganda, die versucht, den Platz einzunehmen, den die intellektuelle Selbstaufgabe im Westen hinterlässt.”
Aber auch mit solchen Pfeifen müssen wir als Verteidiger der Lügenpressefreiheit leben. Wir lieben sie einfach an die Wand.