Beim ehemaligen Nachrichtenmagazin hageln wegen des infamen Titels der jüngsten Ausgabe offenbar massenhaft Proteste und Abbestellungen, das Internet-Forum auf SpOn hat man deswegen schnell wieder ausgeschaltet – und gestern eine Rechtfertigung ins Netz gestellt. Dass die Opfer des Flugzeugabsturzes für eine neue Eskalations-Stufe des Russland-Bashings instrumentalisiert werden, finden man beim “Spiegel” durchaus in Ordnung, denn:
“Niemand im Westen zweifelt noch ernsthaft daran, dass das Flugzeug mit einem Buk-Luftabwehrsystem abgeschossen wurde, das die Separatisten höchstwahrscheinlich aus Russland erhalten haben. Einer ihrer Anführer hat selbst zugegeben, dass sie über ein solches System verfügten, und die Indizienkette ist eindeutig.”
Wie in einer Nußschale haben wir in diesem Satz die Ingredienzien zusammen, aus denen in Kriegszeiten Propagandalügen gebastelt werden. Fakt ist:
– der Absturz der MH-17 ist nach wie vor nicht aufgeklärt. Außer den überprüfbaren Radar,- und Satellitenbildern, die der russische Generalstab veröffentlicht hat, sind keine forensisch verwertbaren Daten (Radar,- und Funk der ukrainischen Luftüberwachung, US- Satellitenbilder, Auswertung der Flugschreiber) bekannt.
– dass die Maschine von einem Buk-System abgeschossen wurde ist bis dato aufgrund fehlender Auswertung der Flugschreiber und Wrackteile nicht bewiesen. “Buk”-Raketenwerfer sind ein komplexes System, das von untrainierten Milizien nicht einfach mal nebenbei eingesetzt werden kann – hier wird es in einem östereichischen Luftfahrtmagazin von einem Fachmann erklärt. Die Möglichkeit, dass andere Geschosse für den Absturz verantwortlich waren, kann zur Zeit ebenfalls nicht ausgeschlossen werden. Laut dem ehemaligen DDR-Flakoffizier und Dozenten an der Militärakademie Bernd Biedermann gerät eine unter 20.000 Meter fliegende Maschine beim Treffer durch eine Flak-Rakete sofort in Brand, was bei der MH-17 nicht der Fall war
– dass die Separatisten über ein Buk-Sytem verfügten und es “höchstwahrscheinlich” von Russland erhalten haben, ist eine Spekulation, für die es ebenfalls noch keinen Beweis gibt. Wegen der Charakteristik der Buk-Systeme – ein stark “leuchtendes” Radar, das die Radardetektoren anderer Flugzeuge sofort erkennen und – sofern sie bewaffnet sind – mit einer Rakete eliminieren können, werden drei oder vier solcher Systeme synchron an verschienden Orten eingesetzt. Die Separatisten hätten also mehr als ein System und eine ganze Truppe Spezialisten gebraucht – aber selbst wenn sie nur eines verwendeten, müsste dieses und der Abschuss einer Rakete auf Satellitenfotos der USA zu sehen sein
– dass “einer ihrer Anführer” selbst zugegeben hätte, dass sie über ein solches System verfügen ist schon seit Tagen als Lügengeschichte entlarvt, wie der von Agentur Reuters Interviewte anhand eines Videomitschnitts beweisen konnte, hatte er so etwas nie gesagt.
Der “Spiegel” aber behauptet zu diesen ungeklärten Zusammenhängen und offenen Fragen: “die Indizienkette ist eindeutig.” Und nimmt sich wegen dieser selbst zurechtgelogenen Eindeutigkeit dann das Recht, die Opfer des Unglücks für seine Politik der Konfrontation benutzen, sie auf das Cover zu knallen und ihren Tod “Putin” in die Schuhe zu schieben. Das ist Gossen-Journalismus a la bonheur – doch diesen hetzerischen Dreck dann auch noch zu verteidigen und die berechtigte Kritik des Publikums auszusperren, statt sich bei ihm zu entschuldigen und Besserung zu geloben, ist kaum noch zu unterbieten.
Als ich 2003 bei “Spiegel”-TV mit zwei Redakteuren über meine Bücher zu den unaufgeklärten 9/11-Anschlägen diskutiert hatte – denen sie in der Sendung “Verschwörungstheorie”, “schlechte Recherche” “Spekulation” etc. vorgeworfen hatten – sprachen wir danach in der Kantine noch länger über verschiedene Aspektedes Falls und sie fragten mich, warum ich das Kapitel über die mangelnden Flugkünsten der “Hijacker” nicht dem “Spiegel” angeboten hätte. “Wenn ihr das gedruckt hättet,”, sagte ich, “hättet ihr doch alles andere was ihr zu 9/11 verzapft habt in die Tonne treten müssen.” Worauf sie “och, naja” nichts antworteten aber dann meinten, dass ich doch ihre scharfe Kritik in der Sendung eben nicht übel und persönlich nehmen soll und dass meine Bücher ja schon ganz gut geschrieben seien… nur eins fänden sie gar nicht gut: “Dass Sie den “Spiegel” immer “das ehemalige Nachrichtenmagazin” nennen.” Das war mir bei einem Vortrag im Jahr zuvor mal spontan rausgerutscht, weil die Bezeichnung “Nachrichtenmagzin” für die Wiedergabe der ganzen 9/11-Märchen einfach nicht mehr passend war. Es gab einen Lacher, wurde wiederholt und hat sich mittlerweile weitläufig eingebürgert. Nach dem infamen Titel in dieser Woche scheint mit” EhNaMag” aber zu niedlich und ehrenwert… es braucht eindeutig schärfere Sanktionen!
UPDATE: “Bild-Blog” hat bei der Chefredaktion nachgefragt, wo sie die Bilder her haben und ob ihr das Einverständnis der Angehörigen für den Abdruck vorlag. Die braucht’s nicht, findet der “Spiegel”:
“Wir halten die Optik für angemessen, denn es handelt sich um Opfer der ruchlosen Machtpolitik des russischen Präsidenten Putin. Dies rechtfertigt nicht nur eine so starke, emotionale Optik, es macht sie geradezu notwendig – und zwar im Interesse der Opfer und ihrer Angehörigen.”
Wenn das kein ruchloser Journalismus ist, der nicht nur starke emotionale Empörung rechtfertigt, sondern schärfere Sanktionen notwendig macht…. was dann?