“Unglaubliche Härten”

Warum die Idee, mit Sanktionen “Russland ruinieren” (A.Baerbock) zu wollen ein selbstmörderischer Irrsinn ist, weil Deutschland ohne billige Energie aus dem Osten keine konkurrenzfähiger Industriestandort mehr ist, habe ich den “Notizen vom Ende der unipolaren Welt” hier seit 2,5 Jahren immer wieder begründet, und z.B. im Mai 2022 gefragt:
“Gibt`s schon einen Morgenthau-Plan 2.0, wie man Deutschland in einen Agrarstaat umwandelt ? Wenn nicht, sollte die Regierung ihn bei ihren Overlords in Washington dringend anfordern, denn mit Auto, -Maschinen, – Chemie-Industrie etc. geht dann bald nichts mehr.”
Ein Kollege gab mir damals den Rat, doch nicht von “De-Industrialisierung” zu reden, weil es sich dabei um ein “AfD-Narrativ” handeln würde, was sein mag, aber auch nichts daran ändert, dass ein solcher Niedergang absehbar war und den Tatsachen auch entspricht, wie der nebenstehende Global Manufacturing Index der JP Morgan Bank deutlich zeigt.
“Russland braucht Europa nicht, aber Europa braucht Russland” hatte ich geschrieben und dass nicht die Russen und auch nicht die Amerikaner, sondern die Europäer die großen Verlierer eines Kriegs mit Russland sind. Doch nach wie vor existiert offenbar keine Idee, wie man aus der Falle, die das US-Imperium seinen Vasallen gestellt hat, heraus kommt. Und wenn man als Super-Vasall  die wichtigsten Instrumente einer prosperierenden Wirtschaft – Energie und Rohstoffe – nicht mehr zur Hand hat, bleibt dem De-Industrialisierungsminister in “dienender Führungsrolle” (R.Habeck) als Plan B nur noch eins: salutieren!
Was das Militärische betrifft, waren die NATOstan-Chefs bei ihrem Gipfeltreffen ziemlich zufrieden, dass es ihrem großen Führer Joe Biden gelang, seine Rede ohne debiles Gestammel nahezu fehlerfrei vom Teleprompter abzulesen. Dass der Text, den seine Pfleger dort reingeschrieben hatten, mit der Realität an der Front absolut nichts zu tun hat – “Die Ukraine kann und wird Putin stoppen!” – hinderte die Versammelten nicht, ihm begeistert zuzustimmen. Noch sind ja ein paar letzte Ukrainer da, um sie zu verheizen – aber nicht mehr lange. Aktuell werden täglich etwa 2.000 getötet oder verwundet. Es wird also sicher nicht reichen mit dem “Menschenmaterial” bis November, wenn die Wandermumie Joe gegen den Clownkönig Donald kandidiert und wiedergewählt werden will. Auch die NATOstan-Vasallen haben keinen Plan B und salutieren, selbst wenn die gemeinen Russen ihnen eine “Wunderwaffe” nach der anderen kaputt machen, wollen sie weiter kämpfen lassen – bis auch der ukrainische Volkssturm aus Frührentnern und Jugendlichen dahin geopfert ist. Dann müsste NATOstan große Mengen eigener Soldaten schicken, die es aber auch nicht besser können als die ukrainischen Truppen. Im Gegenteil, denn sie haben – außer wehrlose Nationen zu bombardieren – noch nie einen echten Krieg geführt. Wer von einer Sandalentruppe mit Kalaschnikows aus Afghanistan verjagt wird und gegen die Wüstenkämpfer der  Huthis im Roten Meer  mit seinem Flagschiff “USS Eisenhower”  abdrehen muss, sollte gegen einen wirklich wehrhaften Gegner nicht antreten, wenn ihm sein Leben lieb ist. 
Wann sich Vasallen eines niedergehenden Imperiums zuletzt von einem dementen Gaga-Imperator so willig und freudig zur Kasse bitten und zur Schlachtbank führen ließen, wäre ein historische Untersuchung wert, um die Frage zu klären wie man sie derart  blind, blöde und gefügig machen kann, dass das funktioniert – und sich die “Germans to the front!” rufen lassen, als “Zwerg auf Steroiden”.  Zusammen mit den anderen Giftzwergen und Großmäulern in NATOstan, die sich einbilden, es gegen Russland besser zu können als Napoleon und Adolf  und auch noch im Mittleren Osten und im Westpazifik gegen China mitmischen zu müssen. Also überall da, wo dem Imperium die Felle wegschwimmen. Mit nationaler Sicherheit und Landesverteidigung hat das alles nichts mehr zu tun, es ist der Kampf um die globale, unipolare Herrschaft des US-Imperiums. Dass Deutschland und Europa – abgehängt vom Handel mit Eurasien  –   keine andere Zukunft bevorsteht, als zu de-industrialisierten Kolonien zu werden, wenn nicht gar – bei weiterer Eskalation – zum Schlachtfeld eines Weltkriegs, diese Einsicht scheint den Horizont der bellizistischen Giftzwerge in NATOstan zu übersteigen. Sie glauben immer noch, dass ihnen der große Onkel aus Amerika im Ernstfall zur Hilfe kommen könnte, aber das kann er nicht.
Wie auch immer…es geht abwärts, mit dem Westen und NATostan. Das sieht auch der Kollaps-Experte meines Vertrauens, Dmitry Orlov in seiner aktuellen Analyse so:

Danke!!!

Besser geht Geburtstag nicht: Julian Assange ist  endlich in Freiheit in Australien und zu Hause ist ein neues “Baby” im Körbchen. Mehr kann man sich einfach nicht wünschen. Das Overton-Magazin hat ein Kapitel aus dem neuen Buch abgedruckt,  und für die  taz-Blogs hat Wolfgang Koch eine schöne Rezension geschrieben.  Vielen Dank für die vielen guten Wünsche, die mich auf allen möglichen Wegen erreicht haben – ich bin gerührt, begeistert, glücklich.

Julian Assange ist endlich frei!

Julian Assange ist endlich frei und auf dem Heimweg nach Australien, nach über neun Jahren Gefangenschaft zuerst in der ecuadorianischen Botschaft in London und dann über fünf Jahre im Hochsicherheitsgefängnis Belmarsh. In einem juristischen Deal mit dem US Justizministerium soll er sich in einem Anklagepunkt schuldig bekennen, der mit den fünf Jahren Belmarsh “abgesessen” ist. Wirklich sauber ist dieser Deal zwar nicht, denn Julian Assange hat sich in keinem einzigen Punkt schuldig gemacht, weil er aber sein Leben rettet ein riesiger Grund zur Freude. Seine Frau Stella Assange hat sich in einem Video für die weltweite Unterstützung bedankt:


Es scheint, dass die Regierung Biden vor Beginn der heißen Phase des Wahlkampfs diesen Dorn im Fleische loswerden wollte, denn solange diese Anklage schwebte und der wichtigste Journalist unserer Tage gefangen ist, konnte von “Demokratie” und “Pressefreiheit” ernsthaft keine Rede sein. Ich habe vor fünf Jahren mit einem Buch (Dont_kill_the_messenger!) auf den Skandal der Verfolgung Julians aufmerksam gemacht und wir haben den Fall in jeder der bisher 105 Sendungen des 3. Jahrtausend angesprochen. Dass der Wikileaks-Gründer jetzt in Freiheit ist, verdankt sich sicher nicht nur, aber auch diesen steten Tropfen, mit denen wir und Kollegen in vielen anderen Ländern den monströsen Stein von 175 Jahren Kerker ausgehöhlt haben – während Großmedien und Politik durch die Bank gute Miene zu diesem bösen Spiel machten. Wenn Julian Assange seine schwer angeschlagene Gesundheit kuriert hat wird er sich, glaube ich, nicht mit einem millionenschweren Buch,-und Filmdeal über seine abenteuerliche Geschichte in Pension begeben, sondern da weiter machen wo er gezwungener Maßen aufhören musste. Und als Publizist und Journalist wieder ein wichtiger Faktor werden in der westlichen Welt – gegen Kriege und Korruption und für die Freiheit der Rede und Presse.

European Crash Test

 
Die Europawahl ist gelaufen und jetzt wird alles anders – nicht! Denn Deutschland steht vor dem Abgrund, meint der Chef der Börse. Außerdem: Die ungeschwärzten RKI-Akten zeigen das ganze Ausmaß der staatlichen Willkür. Im Gaza-Streifen geht das Massaker ungestört weiter, aber in unseren Medien erfahren wir darüber genauso wenig wie über die Eskalation im Ukraine Krieg. Und es gibt wieder was zu gewinnen. All das und noch viel mehr besprechen Robert Fleischer, Dirk Pohlmann und Mathias Bröckers im 3. Jahrtausend #105.


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Wenn Sie die Arbeit an diesem Blog unterstützen wollen: kaufen, empfehlen, verschenken Sie meine Bücher. Vielen Dank!

Erschienen am 10. Juni 2024

 

 

 

 

 

 



Mathias Bröckers: Inspiration – Konspiration – Evolution. Gesammelte Berichte aus dem Überall, Fifty-Fifty (Juni 2024), 464 Seiten, 30 Euro

 

 

 

Mathias Bröckers : Vom Ende der unipolaren Welt, ‎ Fifty-Fifty (Oktober 2022),  288 Seiten, 20 Euro

Berichte aus dem Überall (2)

Mit Roberto de Lapuente im Gespräch über das neue Buch, das zeigt, dass ich dem Rat meiner Mutter “nicht immer so schlimme Sachen zu schreiben” trotz allem gefolgt bin. Zuvor fragt mich Roberto aber über die Taten und Untaten meines Lebens aus, die taz,  mein Leben als Diplom- Verschwörungstheoretiker und ob ich gelacht hätte, als mein “Porsche” auf der Autobahn mit rauchendem Motor stehen geblieben sei – was ich verneinte. Es war nämlich ein “Jaguar” und die Motorreparatur so teuer, dass ich ihn an einen Bastler verschenkt habe. Ansonsten keine Korrekturen an diesem Gespräch, das wir im Mai in Berlin – im Anschluss an einen Talk zum Ukrainekrieg – geführt haben.
Inspiration-Konspiration -Evolution ist jetzt überall im Buchhandel und bei den Buchkomplizen erhältlich.

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Erschienen am 10. Juni 2024

 

 

 

 

 

 



Mathias Bröckers: Inspiration – Konspiration – Evolution. Gesammelte Berichte aus dem Überall, Fifty-Fifty (Juni 2024), 464 Seiten, 30 Euro

 

 

 

Mathias Bröckers : Vom Ende der unipolaren Welt, ‎ Fifty-Fifty (Oktober 2022),  288 Seiten, 20 Euro

Berichte aus dem Überall (1)

In dieser Woche erscheint “Inspiration – Konspiration -Evolution” – ein dickes Buch (464 Seiten), für das ich hier auf dem Blog in nächster Zeit ein wenig Werbung machen will. Aber wie ?  Die Liste von Stichworten und Themen (hier)  war schon mal ein Anfang, heute geht es weiter mit einigen Ausschnitten aus den versammelten Essays – über die “Bio-Konspiration” , die konspirative Kooperation zweier Supermoleküle, die den fortpflanzungsfähigen Einzeller und damit Leben auf der Erde möglich machte. Und  auch schon ein Grundprinzip der lebendigen Erde, dem selbstregulierenden System “Gaia”, festlegte: Alle Parasiten streben danach, Symbionten zu werden.  Darum geht es im 2. Kapitel des Buchs, aus dem der kurze Auszug stammt. Gefolgt von “Eleusis – Die Geburt der Metaphysik aus dem Geist des Mutterkorns” und Platons berühmten Höhlengleichnis, das wie seine Philosophie ohne seine in Eleusis gewonnene  psychedelische Erfahrung  nicht wirklich verstanden werden kann.

 

Die Bio-Konspiration

“Am Anfang war die Verschwörung . Einzelne Moleküle schlossen sich zu Gruppen zusammen, um die Ressourcen des Planeten besser auszubeuten . Wann genau sich die ersten Kohlenstoffverbindungen dazu entschlossen, wie sie dabei vorgingen und wie lange es dauerte, bis sie erfolgreich waren, kann die Wissenschaft bisher nicht vollständig rekonstruieren – sicher ist nur, dass vor etwa 3,5 Milliarden Jahren das Ergebnis dieser molekularen Verschwörung erscheint: fortpflanzungsfähige Einzeller … Bakterien … Leben! Und sicher scheint auch, dass es dabei konspirativ zuging .

Conspirare heißt wörtlich »zusammen atmen«, doch zum Zeitpunkt dieser ersten biochemischen Aktivitäten existierte in der globalen Atmosphäre noch gar kein Sauerstoff. Spiritus bedeutet aber nicht nur Hauch und Atem, sondern auch Geist, und ein solcher scheint – konspirativ – schon vor dem Entstehen von Sauerstoff anwesend gewesen zu sein: in Gestalt einer Topagentin namens RNA, die zusammen mit der ihr bald folgenden Kollegin DNA als Mastermind jener Verschwörung gelten muss, die den Planeten Erde nun heimsucht . Wo immer RNA und ihre Partnerin DNA ihren Ursprung haben, ob sie als Eigengewächs oder als außerirdische Eroberer zu bezeichnen sind: Mit dem Auftauchen dieser beiden Supermoleküle beginnt eine neue Geschichte auf der Erde, die Verschwörung des Lebens .

Nun sind diese beiden Topagentinnen keine Lebewesen, sondern chemische Verbindungen, und solchen eine Verschwörungsabsicht – also einen Plan und damit Intelligenz – zuzusprechen, scheint gewagt . Und doch deutet aus heutiger Sicht alles auf eine Konspiration hin . Die RNA-Eroberer lassen jedenfalls in den folgenden vier Milliarden Jahren keinen Zweifel an ihrer Absicht . Jeden Quadratzentimeter der toten Erde und der Wasseroberfläche besiedeln sie mit dem, was wir Leben nennen: Bakterien, Mikroorganismen, Pilze, Pflanzen, Tiere und schließlich Menschen . Die bis vor Kurzem noch weit verbreitete Meinung, dass es sich bei diesem Prozess um eine Kette reiner Zufälle handelte, gesteuert von den bekannten Naturgesetzen und zufälligen Veränderungen (Mutationen), die sich dann als vorteilhaft durchsetzen, wird von der neueren Evolutionsbiologie ernsthaft infrage gestellt.

Wie ist aber nun Leben entstanden? Freeman Dyson nimmt an, dass es zu einer »Symbiose« zwischen der RNA und einem »Proteinwesen« gekommen ist – wobei für eine Säureverbindung wie RNA (Ribo-Nukleinsäure) und eine ebenfalls leblose Eiweißverbindung der Begriff »Symbiose« nicht ganz korrekt ist . Es ist ja noch gar kein »Bios«, kein Leben, vorhanden, das sich zusammentun könnte . Konspiration scheint uns deshalb hier den besseren Begriff zu liefern: Zwei Einheiten, die RNA-Agentin und das »Proteinwesen«, sprechen sich ab, um in einer feindlichen Umgebung zu überleben . Und wie jede richtige Verschwörung hat auch die chemische Konspiration, die selbst reproduzierende, stoffwechselnde Lebewesen hervorbringt, ihr Geheimnis . Bis heute ist es aller Gen- und Biotechnik zum Trotz nicht gelungen, die Kluft zwischen Chemie und Biologie, den Übergang von toten Kohlenstoffverbindungen zu lebendigen Zellen, zu schließen . Wie das Säuremolekül und die Eiweißverbindung sich – hinter dem Rücken aller anderen Verbindungen – zur Kooperation verabredeten, ist unbekannt. (…)

Verschwörungen, so scheint es unter dieser naturgeschichtlichen Perspektive, sind eine evolutionäre Norm, ein Verhaltens- muster, das allen gesellschaftsfähigen Gruppen – also eben nicht nur Trickbetrügern, Geheimdiensten oder ganzen Staatengemeinschaften – eigen ist . Vielleicht ist das der Grund, warum das Thema Konspiration noch nicht ins rechte Licht der Wissenschaft gerückt ist und bis heute keine allgemeine Theorie der Verschwörung existiert .”

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“Alle Parasiten streben danach, zu Symbionten zu werden”

“Nahezu in der gesamten Menschheitsgeschichte war der Geist der Natur ebenso selbstverständlich wie die Vorstellung, dass Mutter Erde lebendig sei und ihre Kinder sich ihren Regeln und Rhythmen anpassen müssen . Eine Verbundenheit, die erst in den letzten 500 Jahren mehr und mehr vergessen wurde – und viel- leicht macht es die Erinnerung an dieses alte Menschheits-Wissen, dass uns die Aussage »Die Erde lebt!«, bei aller Unvorstellbarkeit, so merkwürdig banal und selbstverständlich vorkommt. Und wir dieser alten Selbstverständlichkeit unbewusst dadurch nachkommen, dass wir die ganze Erde neuerdings überall – und noch auf der erdfeindlichsten Plastik-Verpackung – als Symbol verwenden . Ohne dabei zu realisieren, dass mit ihrem vermehrten Auftauchen als Symbol ihr Verschwinden in der Wirklichkeit einhergeht . Doch was heißt verschwinden? Wenn die Erde ein Lebewesen ist, dann werden wir Menschen, als Läuse im Gaia-Pelz, sie weder zum Verschwinden bringen, noch werden wir sie »retten« können . James Lovelock schreibt:

»Gaia ist weder die gütige, allesverzeihende Mutter noch eine zarte zerbrechliche Jungfrau, die einer brutalen Menschheit hilflos ausgeliefert ist. Vielmehr ist sie streng und hart. Denen, die die Regeln einhalten, verschafft sie eine stets warme, angenehme Welt; unbarmherzig aber vernichtet sie jene, die zu weit gehen. Ihr unbewusstes Ziel ist ein Planet, der für das Leben bereit ist. Stehen die Menschen diesem Ziel im Weg, werden sie mit der gleichen Mitleidslosigkeit eliminiert, mit der das Elektronengehirn einer atomaren Rakete sein Ziel ansteuert.«

So wenig wir der Natur ein Ende setzen können, so wenig können wir sie bewahren – was wir retten können, ist nur unsere eigene Haut – und die einiger liebenswerter Verwandter . Indem wir das Grundgesetz Gaias befolgen, das gleichzeitig die erste Regel der Selbstregulierung der Biosphäre darstellt: Alle Parasiten streben danach, zu Symbionten zu werden .

Eine Pilzart namens Glomus, ein Parasit wie du und ich, sah sich vor 240 Millionen Jahren zu einer evolutionären Wende gezwungen . Bis dahin hatten sich die Pilze auf den Wurzeln von Bäumen eingenistet, dort den Saft abgesaugt und dank dieser Prachtnahrung prächtig verbreitet . Doch irgendwann begannen die Bäume trockener zu werden, das Futter floss weniger reichlich und zwang die Glomus-Gesellschaft zum Nachdenken . Da Pilze kein Gehirn haben, verlief dieses »Denken« auf unbekannte Weise, und auch die Umwelt-Konferenz, die die Glomusse daraufhin einberief, können wir nur vermuten . Für den dort gefassten Beschluss aber, dass nämlich der Baum ein Lebewesen ist, gibt es eindeutige Indizien . Denn die Glomus-Pilze zogen fortan auf der Baumwurzel einen Stock tiefer, ins Erdreich . Dort filterten sie die Nährstoffe aus dem Boden und führten sie fein sortiert und vorbereitet den Bäumen zu, die dank dieses room service wieder kräftig aufblühten . Seitdem haben auch die Pilze wieder ein wunderbares Auskommen .

Wir sind die Erde . Und indem das Bewusstsein von Gaia in uns Wurzeln schlägt, beginnen tiefe psychologische Veränderungen stattzufinden . Wir werden die Beziehung Mensch–Erde nicht heilen können, wenn wir uns nicht gleichzeitig selbst heilen . Indem wir uns den Prozessen der Erde zuwenden . Durch ihre Gurus – vollendete Lehrmeister wie der Pilz Glomus – erzählt Gaia von den essentiellen Mustern des Lebens . Wir brauchen nur hinzuschauen und zuzuhören . Alles hängt von uns selbst ab.”

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Das Licht in Platons Höhle

In seinem Höhlengleichnis berichtet Platon, wie wir uns die Erkenntnis der Welt vorzustellen haben: Wir sind in einer Höhle gefesselt und können nur in eine Richtung blicken; ein rückwärtiges Feuer wirft Licht, vor dem einige Gaukler Gegenstände vorbeitragen, die als Schatten an die Wand geworfen werden . Da wir nur diese Schatten wahrnehmen, halten wir sie für die einzige, »wahrhaft wirkliche« Realität . Was würde nun passieren, wenn einer der Gefesselten sich befreit und gezwungen würde, sich sofort umzudrehen und in das Licht zu schauen? Zuerst wäre er geblendet, doch dann könnte er die Gegenstände des Schattenspiels erkennen – und würde sie nicht verstehen. Noch größer wären sein Augenschmerz und sein wütendes Unverständnis, wenn man ihn aus der Höhle ans Tageslicht zerrte, doch nach einer Weile der Gewöhnung konnte er die Sonne, die Jahreszeiten, die Welt vollständig erkennen .

So weit ist diese Geschichte als Beispiel für den platonischen Idealismus gelesen worden, den Aufstieg ins Reich der Ideen, von deren Klarheit die Materie nur ein schattenhaftes Abbild darstellt . Der Münsteraner Philosoph Hans Blumenberg, der den »Höhlenausgängen« Platons 1989 auf über 800 Seiten in einer wunderbaren, gelehrten Studie nachgegangen ist, kann deshalb schon seine Eingangsfrage: »Wie hat Platon sich entschließen können, von seiner Höhle zu sprechen, wie hat er sie erfinden können?«, nicht richtig beantworten, weil er zwar »das sprichwörtliche Licht von Eleusis« kennt, aber nichts weiß von dem psychedelischen Erlebnis, bei dem Platon im fensterlosen Höhlensaal des Demeter-Heiligtums die Realität dieses Lichts erfahren hat . Nicht in Form eines Schattenspiels, einer Sinnestäuschung oder gar einer Peepshow, sondern als authentische, »wahrhaft wirkliche« Erleuchtung . Über diese Erfahrung hat er nie geschrieben, auch nicht in seinem letzten, autobiografischen Brief, und dies auch begründet:

»Von mir selbst wenigstens gibt es keine Schrift über diese Gegenstände, noch dürfte eine erscheinen; lässt es sich doch in keiner Weise wie andere Kenntnisse in Worte fassen, sondern indem es, vermöge der langen Beschäftigung mit dem Gegenstand und dem Sichhineinleben, wie ein durch einen abspringenden Funken plötzlich entzündetes Licht in der Seele sich erzeugt und dann von selbst Nahrung erhält.«

Das Eigentliche kann nur selbst, direkt erfahren werden, im »Sichhineinleben« – wo Logos und Mythos verschmelzen, versagt das Medium der Schrift . Dass Platons Schweigen über das Geheimnis der Höhle freilich auch noch andere als nur medientechnische, methodologische Gründe hatte, zeigt der Schluss des Gleichnisses. Den aus der Höhle Befreiten überkommt nämlich Mitleid mit seinen gefesselten Genossen und er überlegt, hinabzusteigen und sie aus ihrer misslichen Lage zu befreien . Doch an dieser Stelle lässt Platon den Sokrates, der die Höhlen-Geschichte erzählt, eine Warnung anfügen: Bei diesem Befreiungs- versuch würde er sich, vom Dunkel wieder geblendet, »zum Gespött machen und sich nachsagen lassen, er käme von seinem Aufstieg mit geblendeten Augen zurück und es könne sich nicht lohnen, sich an diesem Aufstieg zu versuchen«. Bei dieser Schwierigkeit des Erleuchteten, seine neu gewonnenen Wahrheiten zu vermitteln, bleibt Platon jedoch nicht stehen: »Wollte er nun Hand anlegen, andere zu befreien und hinaufzuführen, würden sie dann, sofern sie sich seiner bemächtigen könnten, ihn nicht wirklich töten?«
(…)
Der Hinweis von Alfred N . Whitehead, dass die gesamte abendländische Philosophie eigentlich nichts anderes sei »als eine Reihe von Fußnoten zu Platon«, kann an dieser Stelle um eine Pointe erweitert werden, nämlich dass die von Platon hinterlassene Philosophie ihrerseits nichts anderes als eine Reihe von Fußnoten zur eleusischen Erfahrung darstellt.

Auszüge aus Mathias Bröckers: “Inspiration – Konspiration – Evolution. Gesammelte Berichte aus dem Überall”, Fifty-Fifty (Juni 2024), 464 Seiten, 30 Euro

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Mathias Bröckers: Inspiration – Konspiration – Evolution. Gesammelte Berichte aus dem Überall, Fifty-Fifty (Juni 2024), 464 Seiten, 30 Euro

 

 

 

Mathias Bröckers : Vom Ende der unipolaren Welt, ‎ Fifty-Fifty (Oktober 2022),  288 Seiten, 20 Euro