“Keine taz mehr – ohne mich!” war 1991/92 der Titel einer Rettungsaktion und Veranstaltung im Tränenpalast, bei der ein taz-Fotograf (Paul Langrock) mich mit meinem Sohn abgelichtet hat. “5000 Abos mehr oder ist es Schluss!” lautete damals die Drohung an alle Fans unserer “alternativen Tageszeitung” und wie schon oft im Jahrzehnt zuvor war die Erpressung erfolgreich. Die kleine aber feine Wunderpflanze aus dem Wedding – dank des Darlehens eines reichen Erben 1989 in ein eigenes Verlagshaus im Berliner Zeitungsviertel umgezogen – konnte im deutschen Blätterwald weiter leben. Auch weil sie – dank Mauerfall plötzlich mit wertvollem Immobilienbesitz in Toplage – sogar für Banken kreditwürdig geworden war. Mit Rettungsaktionen musste aber auch in den folgenden Jahren immer wieder versucht werden, die stetig schrumpfende Zahl von Abonnements zu stoppen.
Jetzt hat die taz verkündet, die täglich gedruckte Ausgabe im kommenden Jahr einzustellen. Robert de Lapuente hat darüber mit mir für das Overton-Magazin gesprochen:
De Lapuente: Du bist Gründungsmitglied der taz; ihr wolltet damals eine »etwas andere« Zeitung zu Papier bringen – aber mit dem Papier wird es in einem Jahr aus sein. Die taz gab bekannt, ab Oktober 2025 wochentags nur noch digital zu erscheinen. Verspürst du Wehmut, wenn du das hörst?
Bröckers: Inhaltlich verspüre ich schon lange Wehmut mit dem, was aus der taz geworden ist. Während der Covid-Grippewelle hat sich das Blatt wie ein »Wachturm« der »Zeugen Coronas« gebärdet und vollkommen unkritisch Staats- und Pharma-Propaganda nachgebetet, so wie es im Ukraine-Russland-Konflikt seit Jahren sturheil im russophoben NATO-Sound daherkommt. Also so wie alle anderen Großmedien auch. Das »etwas andere« – der antimilitaristische, antikapitalistische, herrschaftskritische Geist – ist aus der taz weitgehend verschwunden. Dass sie jetzt wochentags nur noch digital erscheint ist kein Drama, sondern aus unternehmerischer Sicht absolut sinnvoll. Die Printausgabe kauft einfach keiner mehr – in Berlin sind es ich gerade noch 5.000 pro Tag, bei 4 Millionen Einwohnern. Da hatten wir mit der taz Anfang der Achtziger in Westberlin mit nur 1,5 Millionen Leuten schon mehr. Insofern hat die taz auf dem Zeitungsmarkt nach 40 Jahren massiv an Relevanz verloren. Das wird aber in der Redaktion wohl nicht weiter beklagt, man/frau hält sich weiter für wichtig, witzig und progressiv, ist aber kaum noch zu unterscheiden von den restlichen Tageszeitungen. Für die jungen Redakteure ist ein Job dort in der Regel nur der Durchlauferhitzer, um bei einem anderen, besser zahlenden Medium zu landen und die älteren haben sich gemütlich eingerichtet und sind stolz darauf, wenn sie mal in den Presseclub oder ARD-Talkshows eingeladen werden, wo sie dann Atomwaffen für Deutschland fordern dürfen.
De Lapuente: Die taz verkauft ihre Digitalisierung als großen Wurf. Sie kaschiert damit also etwas?
Bröckers: Ich bin ja 2009 noch einmal bei der Zeitung eingestiegen und habe als Berater des taz-Verlages, die Digitalisierung mit eingeleitet und taz.de und das e-paper mit konzipiert. Schon damals war sehr klar, dass gedruckte »Holzzeitungen« keine langfristige Zukunft mehr haben. Ich habe allerdings – nur halb im Scherz – gesagt, dass die taz wahrscheinlich die letzte Print-Tageszeitung in Deutschland sein würde, weil die gut betuchten Genossenschaftsmitglieder darauf bestehen und ihr Exemplar nach Hause geliefert haben wollen. Finanziell wird die taz von der Genossenschaft getragen und wenn genügend Mitglieder für ein Print-Exemplar wirklich tief in die Tasche greifen, könnte es dazu sogar kommen. Aber die Generation »Holzzeitung« stirbt definitiv aus, die taz macht mit der Digitalisierung nur einen Schritt, um den auch die Dickschiffe auf dem Markt nicht herumkommen werden. Das fällt ihr leichter, weil sie kleiner und wendiger ist und weniger von Anzeigeneinnahmen abhängig als die anderen Zeitungen. Diese werden gedruckt so lange überleben, solange Unternehmen weiter ganzseitige Anzeigen schalten und die Zwischenräume mit passenden Inhalten (»Nachrichten«) gefüllt werden können. Wenn Rheinmetall nach Bo(mb)russia Dortmund auch noch die taz sponsoren würde, könnte es die Druckausgabe noch lange geben. So aber kommt nur noch eine am Wochenende, die bis zum nächsten Samstag am Kiosk »haltbar« sein soll.
De Lapuente: Löst sie sich etwa auf und das sind die ersten Anzeichen?
Bröckers: Nein, an solch eine Transformation von Tages- zur Wochenzeitung haben wir schon damals gedacht, der Schritt kommt also nicht überraschend und ist auch kein Anzeichen für eine Auflösung. Finanziell steht die taz ziemlich gut da, mit zwei Immobilien – dem vermieteten alten und dem neuen Verlagshaus in bester Lage –, die in der kommenden großen Wirtschaftskrise noch Potential zum Gesundschrumpfen bieten. Dass man auch mit 50 Leuten aus einer Fabriketage im Wedding eine erfolgreiche Tageszeitung machen kann hat die taz 1979 ff. ja schon bewiesen.
De Lapuente: Papier ist teuer – Druckkosten auch. Du meintest aber im Vorgespräch, dass das nicht die Gründe sind. Was denn dann?
Bröckers: Steigende Papier- und Druckkosten spielen zwar auch eine Rolle, entscheidend aber sind die Vertriebskosten. Lastwagen und Trägerdienste bis in die hintersten Winkel der Republik werden immer teurer, gleichzeitig gehen die Abonnements stark zurück. Das bedeutet, dass die Vertriebskosten pro Exemplar stark ansteigen, wenn in einer ganzen Region nur noch ein paar Dutzend Zeitungen ausgeliefert werden. Die höchste, über sechsstellige Auflage aller Zeiten, hatte die Zeitung ja direkt nach der Wende für einige Monate mit der »Ost-taz«, die von dem noch laufenden DDR-Zeitungsvertrieb kostenlos ausgeliefert wurde. Jetzt droht ihr ein ähnliches Schicksal wie dem »Neuen Deutschland«, wo die alten Stammleser weggestorben und keine neuen nachgewachsen sind.
De Lapuente: Du hast schon eingangs erläutert, wie sich die taz inhaltlich verloren hat. Wann setzten denn diese Anpassungsdynamiken ein und aus der taz wurde eine stinknormale Zeitung, die vielleicht sogar noch konservativer ist, als manches konservative Blatt?
Bröckers: Das ging schon in den Neunzigerjahren los und ist wie bei den »Grünen« die schleichende Verwandlung vom Wachhund und Wadenbeißer zum Schoßhund der Herrschenden, vom Tiger zum Bettvorleger. In den Achtzigern hat Hermann Gremliza die taz gern als »Kinder-FAZ« verspottet, weil sie ihm nicht stramm genug auf sozialistischem Parteikurs war, mittlerweile ist sie eher die »Woke-FAZ«, Bellizismus mit Regenbogen und Stöckelschuhen, divers und all inklusive, es sei denn für Rechte oder Russen oder Impfgegner oder wer sonst gerade der aktuelle Buhmann im herrschenden Narrativ ist.
De Lapuente: Du sprichst von wenigen Abonnenten – ist diese Entwicklung nicht vielleicht auch die Folge aus NATO-Sound, Wokenkuckucksheim und der Selbstwahrnehmung als Prätorianergarde der Grünen?
Bröckers: Sicher. Als ein Regierungsblatt unter vielen ist eine Zeitung irrelevant. Relevant sind Informationen, die nicht in diesen Blättern stehen. Da hat die taz schon seit Langem sehr wenig zu bieten, was nicht auch in der FAZ, Süddeutschen oder sonst wo stehen könnte. Gerade eine fatale, parteienübergreifende Politik wie sie aktuell in Sachen Corona und Krieg läuft, böte für ein kritische, investigative, aufklärerische Tageszeitung – als welche die taz einst ja einmal angetreten ist – eigentlich große Chancen. Es ist schade, dass die taz – obwohl sie das Kapital dazu hätte – das nicht nutzen kann. Aber dazu müssten wahrscheinlich 80 Prozent der Redaktion ausgetauscht werden, was in einem selbstverwalteten Betrieb im Besitz einer Genossenschaft nur schwer machbar ist. Insofern ist zu erwarten, dass Dogmen und Ideologeme von den »Machenden« weiter als Monstranz getragen werden, journalistisch aber wenig dahinter ist und deshalb auch keine neuen Leser überzeugen kann.
De Lapuente: Mal ehrlich, Mathias – bist du noch einer der wenigen taz-Abonnenten?
Bröckers: Ich hatte nur einmal ein bezahltes Abo der taz, als es die Zeitung noch gar nicht gab und 1978 nach dem Tunix-Kongress der »Verein der Freunde der alternativen Tageszeitung« dazu aufrief, ein Vorab-Abonnement zu schalten. Als Mitarbeiter hatte ich die Zeitung dann all die Jahre gratis. Heute kommt ein Abo aus oben genannten Gründen leider nicht mehr in Frage, wenn ich im Rahmen der Schreibtischgymnastik mal wieder Kopfschütteln üben will, werde ich auf taz.de meistens sofort fündig.
Erschienen auf Overton
*
Wenn Sie die Arbeit an diesem Blog unterstützen wollen: kaufen, empfehlen, verschenken Sie meine Bücher. Vielen Dank!
Erschienen am 10. Juni 2024
Mathias Bröckers : Vom Ende der unipolaren Welt,
Fifty-Fifty (Oktober 2022), 288 Seiten, 20 Euro














