Texte und Essays von Christian Semler

“Immer schon hat mich die Schatzbildnermentalität angeödet, dieses Glitzern in den Augen, wenn’s um Zahlen und Prozente geht. Und immer hat mir die Haltung des Barons von Wolzogen gefallen: Mit seinem letzten Geld mietete er ein Luftschiff und warf aus großer Höhe Handzettel ab. Auf ihnen stand zu lesen: „Ich grüße Berlin.“

Christian Semler (geb. 1938) – Jurist, Historiker, führender Kopf der 68er, Maoist, Solidarnosc-Unterstützer, Generalist und langjähriger Autor und Redakteur der taz – starb im Februar 2013. Kommende Woche erscheint das Buch “Kein Kommunismus ist auch keine Lösung” mit Texten und Essays von Christian Semler.

Der von Stefan Reinecke und Mathias Bröckers herausgegebene Band versammelt eine Auswahl seiner Texte über Politik, linke Geschichte, deutsche Szenen, Ostmitteleuropa, Stalin und Shakespeare. Mehr dazu hier

Raubritterburgen der Neuzeit

Anläßlich der Offshore-Leaks, die derzeit von verschiedenen internationalen Medien veröffentlicht werden, hier noch einmal ein Re-Post eines Beitrags aus dem November letzten Jahres einschließlich einer Buchempfehlung, das nunmehr aktueller denn je scheint – unter besonderer Berücksichtigung der am Ende des Texts verlinkten größten und kriminellsten Raubritterburg, die ja nicht in der Karibik oder der Südsee, sondern mitten in der britischen Hauptstadt liegt:

“Medienteam deckt Offshore-Geheimnisse auf”  lautet heute die Überschrift eines Telepolis-Artikels, der über eine Recherche des Guardians und der BBC auf den British Virgin Islands berichtet. Um Geheimnisse handelt es dabei aber nur insofern, als der Medienmainstream über dieses Steueroasen so gut wie nie berichtet und die Politik ganz offenbar unfähig ist, diesem Zweig der organisierten Kriminalität einen Riegel vorzuschieben.  In einem hervorragenden Buch hat Nicholas Shaxson 2011 diese Raubritterburgen der Neuzeit recherchiert: “Treasure Islands – Tax Havens and The Men Who Stole The World” , eine deutsche Ausgabe ist unter dem Titel “Schatzinseln: Wie Steueroasen die Demokratie untergraben” mittlerweile ebenfalls erhältlich. Wobei “Steueroasen” eigentlich ein viel zu lieblicher Titel für diese uneinnhembaren Festungen von Schwerkriminellen ist, deren größte und kriminellste übrigens nicht irgendwo in der Karibik liegt, sondern mitten in Europa, im Herzen der britischen Hauptstadt, es ist die City of London. Alles Gerede und alle Maßnahmen in Sachen “Finanzkrise” müssen definitv erfolglos bleiben und  sind nachgerade lächerlich, solange diese Raubritterburgen nicht gestürmt und ein für alle Mal geschlossen werden.”

Bewusstsein nach dem Tod ?

Ein Cartoon zeigt ein Zwillingspaar im Mutterleib. “Gibt es eigentlich ein Leben nach der Geburt?” fragt der eine, worauf der andere antwortet: “Man weiß nichts Genaues, es ist noch keiner zurückgekommen.” Diesen kleinen  Witz erzählt mein Freund Ralph Metzner in seinem jüngsten Buch, das demnächst auf deutsch erscheint ( “Der Lebenszyklus der Menschenseele” ) und in dem er unter anderem  die Erfahrungen der Geburt und des pränatalen Lebens, die unbewussten psychischen Prägungen der Empfängnis und  die Entscheidung der Seele für eine menschliche Wiedergeburt behandelt. Anhand der Pionierie der westlichen Welt, die in den vergangenen Jahrzehnten Zugänge zu Bereichen des Bewussteins erforschten, die zu den tiefsten spirituellen Mysterien gehören. Der oben zitierte Dialog in der Gebärmutter verweist auf unsere pränatale Existenz als Wasserwesen, die durch den als Todesangst empfundenen Horror der Geburt unterbrochen und in einer neuen Existenz nunmehr als Luft atmendes Wesen fortgesetzt wird. Dass mit dem Ende des Atmens, dem Stillstand des Herzens und der Blutzufuhr im Gehirn auch das Bewusstsein erlischt, gilt in der herrschenden Wissenschaft als definitive Tatsache. Zweifel daran, dass Bewusstein nur ein Nebenprodukt der Gehirnaktivität ist, wurden lange als metaphysische Spekulationen abgetan und in die Esoterikecke verbannt. Doch mittlerweile sind aufgrund der Fortschritte bei der Wiederbelebung von Patienten die Berichte über bewußte Erlebnisse nach dem klinischen Tod so zahlreich, das sie zum Gegenstand harter Empirie geworden sind. Zu den besten Büchern, die ich dazu in jüngster Zeit gelesen habe, zählt die Arbeit des niederländischen Kardiologen Piet van Lommel – “Endloses Bewußtsein” . In diesem Video spricht er über seine Erforschungen der Nahtoderfahrengen:

Was ist Bewusstsein?

Auf TED werden seit vielen Jahren Vorträge und Diskussionen aus Technologie, Entertainment und Design präsentiert. Unter dem Motto “Ideas Worth Spreading” werden Wissenschaftler, Querdenker, Innovatoren und Forscher aus diesen Bereichen eingeladen, um ihre Ideen vorzustellen und zu verbreiten – und schon oft habe ich mir dort äußerst interessante Vorträge angeschaut. Unlängst aber wurden zwei TED-Vorträge von der Videoseite verbannt, weil sie angeblich wissenschaftlichen  Standards nicht genügen, und sie stammen ausgerechnet von zwei Autoren, die ich sehr schätze: Graham Hancock und Rupert Sheldrake. Sheldrake, zu dem ich anläßlich des Erscheinenes seines jüngsten Buchs “Der Wissenschafts-Wahn”  hier zuletzt geschrieben hatte, wird vorgeworfen, dass er in seinem Vortrag die Konstanz der Lichgeschwindigkeit angezweifelt hätte;  und Graham Hancock wurde für die Behauptung abgestraft, dass zum Problem des Bewusstseins keine  wissenschaftliche Forschung stattfände. Das ist sicher falsch, ebenso wie es gute Gründe gibt, an Einsteins universellen Tempolimit der Lichtgeschwindigkeit festzuhalten – und dennoch liegen Sheldrake und Hancock völlig richtig mit ihrer Kritik und tun nichts anderes, als  aus den Erkentnissen ihrer Forschungs,- und Erfahrungsgebieten logische Konsequenzen zu ziehen.

Der Biologe Sheldrake hat in jahrzehntelanger Forschung empirische Belege für seine Hypothese gesammelt, dass  lebende Organismen über ein Kommunikations,- und Übertragungsfeld verfügen, das jenseits der klassischen, elektromagnetischen Felder funktioniert. Zwar gelten die von ihm postulierten “morphogenetischen Felder” noch als unbewiesen, gleichwohl können mit ihnen einige ungelöste Rätsel der Naturwissenschaft, wie etwa die Kristallbildung, äußerst elegant erklärt werden. Freilich um den Preis, dass dafür einige klassische Parameter, wie eben das Tempolimit der Lichtgeschwindigkeit, über Bord geworfen werden müßten. Nun ist die Lichtgeschwindigkeit ja keineswegs so eine ausgemachte Sache wie ihre Defintion als “Naturkonstante” behuaptet, wie die  schon in den 1920er Jahren entdecken rätselhaften – weil überlichtschnellen – Verschränkungen der Quantenwelt zeigten. Diese “spukhafte Fernwirkung” (Einstein) ist bis heute ein Mysterium und die von Sheldrake ins Spiel gebrachten Bewußssseinsfelder könnten dafür einen möglichen Erklärungsansatz bieten. Dass seine Thesen dazu vom Bannstrahl des szientifischen Mainstreams getroffen werden ist weder neu noch ungewöhnlich, denn sie rütteln an den Grundfesten des wissenschaftlichen Materialismus. Und dies ist wohl auch der Grund für die Verbannung der Thesen von Hancock aus der TED-Community- wegen seiner Zweifel daran, dass Bewusstsein nichts anderes als ein Nebenprodukt der Gehirntätigkeit und auschließlich in der dunkeln Kammer des Schädels stattfinden soll. Hancock hat eines der besten Bücher über das “Bewußtseinsmolekül” DMT (Dimethyltriptamin) geschrieben ( Supernatural: Meetings with the Ancient Teachers of Mankind ), den psychokativen Wirkstoff des Ayahuasca, des jahrtausende alten Sakraments der Amazonas-Indiander. Und wer die absolut erstaunliche DMT-Wirkung je erfahren hat, kann Hancock nur zustimmen, wenn er sagt, dass eine wissenschaftliche Bewusstseinsforschung den Namen nicht verdient, wenn sie diese Aspekte nicht berücksichtig. Dass Graham Hancock Journalist und Autor, aber kein Wissenschaftler ist, ändert nichts an der Berechtigung dieser Aussage, die im übrigen auch von Professor Benny Shanon ( The Antipodes Of The Mind: Charting the Phenomenology of the Ayahuasca Experience ) und seiner höchst soliden empirischen Untersuchung über die DMT-Wirkung gestützt wird. Aber auch Hancock rüttelt damit am Paradigma des Materialismus als über jeden Zweifel erhabene Welterklärung  – und wird deshalb vom selben Bannstrahl getroffen wir Sheldrake. Würden die akademischen Sesselpuper, die derlei veranlassen, sich aber mal wie Hancock in den Urwald aufmachen oder sich in ein psychonautisches Labor begeben, um das Phänomen DMT am eigenen Leibe zu erfahren, würden ihnen die Beschränktkeit, Einfältigkeit und Dumpfheit ihrer materialistischen Modelle schlagartig klar. Und sie müßten sie Abenteurer Hancock oder Pioniere wie Sheldrake eher zu Ehrendoktoren küren als sie aus dem Diskurs zur wichtigsten aller ungelösten wissenschaftlichen Fragen zu verbannen: Was ist Bewusstsein?

UPDATE: Nach den zahlreichen Protesten gegen die Zensurmaßnahme hat TED die beiden Videos wieder eingestellt.

Washingtons Papst?

Jorge Mario Bergoglio, neuerdings Papst Franziskus I., war in den 1970er Jahren Chef des Jesuitenordens in Argentinien – doch anders als katholische Amtsträger in Chile, die  1973 den von den USA inszenierten Putsch gegen den sozialdemokrtaischen Präsidenten Allende und das faschistische Militärregime protestierten, blieb es 1976 nach der von der CIA lancierten Machtergreifung einer Militärjunta in Argentinien  seitens der Kirche und Padre Bergoglio völlig ruhig.  Und nach den Belegen, die Michel Chossudovsky in seinem Beitrag “Washingtons Pope – Who is Pope Francis I ? Cardinal Jorge Mario Bergoglio and Argentina’s “Dirty War”   dokumentiert hat sich der derzeitige Papst dem Militärregime nicht nur qua Gebet in die innere Immigration entzogen, sondern den Säuberungsschwadronen der Junta auch aktiv zugearbeitet und mindestens zwei seiner “abtrünningen” Ordensbrüder bei den Militärs denunziert. Nicht gerade christlich im engeren Sinne, im weiteren aber durchaus normal, denn 1933 ff. lief es in Deutschland mit unseren christlichen Würdenträgern kaum anders und noch als der Naziterror vorbei war liess der Vatikan auf der Rattenlinie seine Protagonisten entkommen – nach Südamerika, wo sie wie Klaus Barbie, der “Schlächter von Lyon” gleich die nächsten faschischtischen Mörderbanden ausbilden konnten.

Immerhin nicht schlecht dass Jorge Mario Bergoglio als Franziskus auf das tuntige rote Schuhwerk und anderen päpstlichen Zinnober verzichtet. Würde er aber auf echte Franziskanerart mit der Armut wirklich ernst machen und den Hofstaat Vatikan samt seiner Schatztruhen und sämtlicher Intrigen wirklich ausmisten wäre ihm wahrscheinlich eine ebenso kurze Amtszeit beschieden wie seinem Vorvorgänger, der das auch schon versuchte und nach 33 Tagen tot im Bett aufgefunden wurde.

UPDATE: Einer der Betroffenen hat Papst Franziskus jetzt entlastet: mit seiner Entführung durch die Junta damalige Jesuitenchef nichts zun tun.

Phony Tony

Wer den Kriegsverbrecher Tony Blair in “Bürgerarrest” nimmt, bekommt eine Belohnung, viermal ist sie schon ausgezahlt worden – das ist doch mal eine schöne Meldung!  Denn wir erinnern uns: Phony Tony war der erste Staatsmann, der die Beweise, dass Osama Bin Laden  für 9/11 verantwortlich ist, gesehen hat und dies verkündete – und er bekundete vor dem Irak-Krieg, dass Saddam Husseins Massenvernichtungswaffen Europa “in 45 Minuten” erreichen können. Verlogener und vollmundiger als der “Pudel von George Bush” (der neuerdings Hunde malt!) hat kein Regierungschef für die Kriege in Afghanistan und Irak getrommelt – und auch wenn solche “Bürgerarreste” von den Bodyguards Blair schnell unterbunden werden, ist die symbolische Handlung nicht zu unterschätzen, den Mann immer wieder und überall  damit zu konrontieren, dass er ein Verbrecher ist, Man darf diese Typen nicht davon kommen lassen. Und so lange es kein Volksgefängnis gibt, in das solche korrupten “Volksvertreter” tatsächlich verfrachtet werden können, solange sie die Macht und die Medien haben, die ihre Untaten decken, solange muß man es ihnen wenigstens ins Gesicht sagen…

James Steele: America’s mystery man in Iraq

Das Pentagon schickte zwei hochrangige Kriegsveteranen in den Irak. Ihr Auftrag: den Aufbau von Foltergefängnissen durch die irakische Militärpolizei (Special Police Commandos, SPC) zu überwachen. Colonel James H. Coffman und Colonel James Steele erstatteten David Petraeus beziehungsweise Donald Rumsfeld direkt Bericht.
Nach  einer 15-monatigen Recherche enthüllten The Guardian und BBC ihre blutigen Tätigkeiten (“He’s doing a wonderfull job” Donald Rumsfeld) in einem Film.

 

Beppe Grillo: Unser Geld ist ein Witz

Bei Fefe lese ich gerade : Grillo holt sich Hilfe für seine Wirtschaftspolitik von Stiglitz und Fitoussi. Außerdem soll er im Kontakt mit Paul Krugman stehen, der bei der New York Times eine vielbeachtete Wirtschaftskolumne schreibt. Das sind alle drei Ökonomen mit Weltruf, damit kann man Grillos Programm nicht mehr als Spinnerei abtun. Joseph Stiglitz ist sogar Nobelpreisträger und bekannter Globalisierungskritiker, Jean-Paul Fitoussi hat mit Stiglitz zusammen eine Kommission in Frankreich geleitet. Sehr guter Schachzug, Herr Grillo!”

Grundsätzlich scheint der Politiker Grillo von Geld ohnehin schon mehr zu verstehen als etwa der Clown Peer Steinbrück, wie im folgenden Video (aus dem Jahr 1998) unschwer zu erkennen ist. Wenn die drei oben genannten Promis dem Komiker dabei helfen, damit tatsächlich ernst zu machen, wäre das ein Hammer.