Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Aber mindestens so viele haben wir schon auf diesem Blog darüber verloren, dass es mit dem Industriestandort Deutschland vorbei ist, wenn er sich von billiger Energie aus Russland abschneidet. Zwar behauptet der Minister für De-Industrialisierung, Robert Habeck, dass die “Speicher gefüllt” wären und wir “über den Winter” kommen würden, was möglicherweise auch so kommen könnte. Aber im Frühjahr wird es ja nicht besser, und im dann kommenden Winter genauso wenig wie im Jahr darauf und in absehbarer Zukunft. Schon müssen die ersten Betriebe schließen – kleine Bäckereien ebenso wie große Aluminiumhütten – weil astronomische Energiekosten die Produktion unrentabel machen. Und weil seit Freitag auch “Nordstream 1” wegen einer weiteren defekten Turbine dicht ist, wird es jetzt richtig finster. Schon im März hatte BASF – der größte Chemistandort in Europa -angekündigt, dass bei einem Ausfall von russischen Gas die Produktion eingestellt werden muss und der Verlust von 100.000 Arbeitsplätzen droht (Notizen *12). Noch ein paar “Entlastungspakete” und ein bisschen Trinkgeld für Rentner und Studenten können Kriegskanzler Olaf dann nicht mehr helfen. Wenn nichts nachkommt sind die Speicher in zwei Monaten leer, weil das, was statt Russengas angeschippert werden soll (aus USA, Norwegen, Katar), bei Weitem nicht ausreicht.
Und spätestens dann wird die Regierung vor der entscheidenden Frage stehen: Kniefall in Moskau, samt Entschuldigung für die verfehlte Sanktions,- und Kriegsbeteiligung und der Bitte um Belieferung via Nordstream 1 & 2 – oder den Industriestandort Deutschland, d.h. die “Wirtschaftslokomotive” der EU, an die Wand fahren. Also entweder mit Habeck in “dienender Führungsrolle” und Annalena “Egal was meine deutschen Wähler denken” Baerbock für die USA und ihren permanenten Krieg, oder auf den Spuren von Willy Brandt und Egon Bahr für einen “Wandel durch Annäherung” und Frieden mit Russland. Eine solche Initiative könnte das absehbare Debakel vielleicht noch abwenden und erhielte wohl auch Unterstützung aus weiteren EU-Ländern, doch die Scholz-Regierung hat sich mit ihrem Sanktionsimus und Bellizismus in eine Sackgasse manöveriert. An deren Ende aber nicht der versprochene Wendekreis kommt – “nur noch ein kurzes Stück, ein bisschen Sparen, weniger Duschen mehr Waschlappen, dann starten wir wieder durch…” – sondern der Crash. Das Ende des Geschäftsmodells Deutschland, mit billiger Energie aus Russland hochwertige Produkte für die ganze Welt herzustellen.
Vorgestern noch Export-Weltmeister, gestern noch viertgrößte globale Wirtschaftsmacht, heute erstmals mit negativer Handelsbilanz, und morgen vom Weltmarkt abgehängte Kolonie des niedergehenden US-Imperiums. So schaut´s aus, wenn Gas aus ist. Und billiges Öl boykottiert wird. Und nachhaltige, erneuerbare Energie erst einen Bruchteil des aktuellen Bedarfs decken und erst in 20-30 Jahren fossile Energieträger ersetzen kann. Und sich Deutschland und Europa von den USA in einen Krieg treiben lassen, der weder militärisch noch wirtschaftlich gewonnen werden kann, weil er von grundlegend falschen Voraussetzungen ausgegangen ist. Nämlich erstens, dass die russische Wirtschaft etwa auf dem Niveau von Italien liegt und Sanktionen in kürzester Zeit zum ökonomischen Zusammenbruch und einem Regierungswechsel führen; und zweitens, dass die von der NATO zur größten europäischen Landstreitmacht hochgerüstete und ausgebildete ukrainische Armee die Donbass-Region und die Krim militärisch erobern könnte. Tatsächlich aber hat sie nicht einmal gegen die zahlenmäßig unterlegegen Truppen der “Speziellen Militäroperation” ein Chance und wird von der russischen Artilleriewalze systematisch zermürbt und zermahlen. Dazu hier ein Interview mit dem Schweizer Militärexperten Jacques Baud – über die irreführende Darstellung in den Medien und das westliche Unverständnis der russischen Kriegsführung.
Eine Strategie, die von falschen Grundannahmen ausgeht, kann logischerweise nicht erfolgreich sein…wobei wir hier schon häufiger angemerkt haben, dass es nicht darum geht Kriege “zu gewinnen”, sondern sie permanent zu führen – weshalb die USA was die Ukraine betrifft auch gar kein Kriegsziel haben. Außer: “Russland schwächen” (Verteidigungsminister Austin) – wobei erstens völlig unklar ist, wie weit diese “Schwächung” – mit Fernziel “regime change” – gehen soll; und zweitens nach sechs Monaten deutlich geworden ist, dass es weder wirtschaftlich noch militärisch funktioniert, dass nicht Russland sondern Europa ruiniert wird und dass Zigtausende Ukrainer als Kanonenfutter ums Leben kommen. Also höchste Zeit, die Strategie zu überdenken und auszusteigen, zumindest für diejenigen, die außer den tragisch dahin geopferten Ukrainern als große Verlierer in diesem Spiel feststehen: Deutschland und Europa. Aber das Denken hat man in der Ampel-Regierung mittlerweile ganz offensichtlich eingestellt, was jetzt Vizekanzler und Wirtschaftsminister Habeck bei Maischberger live demonstrierte und offenbarte, dass dem immer noch beliebtesten Minister Deutschlands die wichtigste Eigenschaft eines Politikers – die “Inkompetenzkompesationskompetenz” (Odo von Marquard) – mittlerweile vollkommen abgeht. Sein schwachsinniges Gestammel konnte seine Unfähigkeit nicht überdecken, sondern stellte sie bloß. Bei diesem Führungspersonal fällt einem tatsächlich nur noch Reinhard Mey ein:
“Der Steuermann lügt, der Kapitän ist betrunken
Und der Maschinist in dumpfe Lethargie versunken
Die Mannschaft, lauter meineidige Halunken
Der Funker zu feig um SOS zu funken
Klabautermann führt das Narrenschiff
Volle Fahrt voraus und Kurs aufs Riff.”
(wird fortgesetzt)
Die bisher erschienen “Notizen” hier
Das Buch über die Geschichte und Hintergründe des Ukraine-Kriegs:
Mathias Bröckers/Paul Schreyer: Wir sind IMMER die Guten – Ansichten eines Putinverstehers oder wie der kalte Krieg neu entfacht wird, Westend Verlag (2019)










