Die geheimen JFK-Akten (8): Eine Farce, ein Fiasko, ein Hohn

Es ist eine Farce, ein Fiasko, ein Hohn: 25 Jahre hatten Regierungen und Behörden der Vereinigten Staaten Zeit, sämtliche amtlichen Dokumente im Zusammenhang mit der Ermordung John F.Kennedys öffentlich zugänglich zu machen.  Doch was das National Archiv eine Stunde vor Ablauf der Frist am 26.Oktober auf seine Server hochlud, ist nur ein Bruchteil des Materials, das laut Gesetz zum Stichtag vollständig veröffentlich sein sollte. Darunter auch 3100 Dokumente – vor allem aus den Akten der CIA und des FBI – die bis dato noch kein Historiker zu Gesicht bekommen hat. Anders als die Medien über die Veröffentlichung berichten, nach denen nur ein kleiner Teil der JFK-Akten noch zurückgehalten wurde, ist es tatsächlich der größte Teil. Die ersten Forscher haben noch in der Nacht der Veröffentlichung durchgezählt und kamen gerade mal auf 52 Dokumente, die bisher tatsächlich geheim waren, der Rest der Veröffentlichung sind bereits bekannte Akten, die bisher nur redigiert und ohne Namensnennungen verfügbar waren.

Donald Trump hat den Geheimdiensten nun eine Frist von 180 Tagen gesetzt, die Nichtfreigabe der restlichen Dokumente zu begründen – wenn sie die “nationale Sicherheit” bedrohen oder Namen noch lebender Personen enthalten, bleiben sie weiter gesperrt. Historikern und Forschern bleibt dann  nur die Möglichkeit, im Namen des “Freedom of Information Act” vor Gericht zu klagen und diese Begründungen überprüfen zu lassen. Was sie bisher auch schon getan haben, und oft ohne Erfolg – wie etwa Jeff Morley, der seit mehr als zehn Jahren die Freigabe der “Operational Files” von George Joannides einklagt, einem leitenden CIA-Offizier, der eine Anti-Castro-Studentengruppe in Miami dirigierte. Diese fiel dadurch auf, dass sie schon wenige Stunden nach dem Attentat eine Pressekampagne startete, die Oswald als Kommunisten und Agenten Fidel Castros porträtierte. Da dieser in Dallas noch verhört wurde, öffentlich nichts über ihn bekannt und dies der erste “News”-Fetzen über den vermeintlichen Täter war, landete die Behauptung weltweit in den Medien und legte den ersten Grundstein für die offizielle Legende.

Welche Rolle die CIA bei dieser Medienkampagne spielte könnte die Akte Joannides zeigen – aber sie bleibt bisher weiter gesperrt. Ebenso wie die Akte von William Harvey, dem Attentats-Spezialisten der CIA, die von David Atlee Philipps, der mit Lee Harvey Oswald vor dem Attentat gesehen wurde oder von E.Howard Hunt, der auf dem Sterbebett vor einigen Jahren ein merkwürdiges Geständnis abgelegt hatte. Was 54 Jahre nach dem Attentat und lange nach dem Tod dieser CIA-Agenten noch so sicherheitsbedrohlich sein soll, dass es für die historische Forschung Tabu bleiben muss, erschließt sich dem gesunden Menschenverstand nicht. Auch das Argument, dass die Geheimdienste oder das FBI kein Interesse daran haben, sich mit Inkompetenz oder illegalen Aktivitäten bloßzustellen, sollte nach einem halben Jahrhundert längst verjährt sein.

Als Staatsanwalt Jim Garrison 1967 verdächtige CIA-Mitarbeiter aus dem Umfeld von Lee Harvey Oswald angeklagt hatte, brachte die CIA in einem berühmten Memo den Begriff “Verschwörungstheorie” als Diffamierung für jeglichen Zeifel an der Einzeltäterthese in Umlauf. Der bis dahin neutrale Begriff  wird zu einem Kampfbegriff der psychologischen Kriegsführung.  Und nichts anderes ist diese skandalöse und gesetzeswidrige Teilveröffentlichung der JFK-Akten: sie stiftet weitere Verwirrung statt Aufklärung und sie schürt Verdächtigungen, statt zur Wahrheitsfindung beizutragen. Sie füttert Verschwörungstheorien durch Veröffentlichung von Informations-Schippseln weiter an, statt sie durch vollständige Offenlegung zu beenden.
Wäre Lee Harvey Oswald tatsächlich der verwirrte Einzeltäter, als der er im Lexikon steht, wäre das ganze Tarnen und Täuschen schon seit über 50 Jahren unnötig gewesen. Dass zum Stichtag der gesetzlich vorgeschriebenen Offenlegung nur eine neue, gigantische Nebelkerze gezündet wurde,  räumt letzte Zweifel aus. Hier geht es um mehr als um einen einsamen Irren oder um Vertuschung von “Behördenversagen”, hier geht es um einen regime change von Innen: die Beseitigung eines Präsidenten, der den Vietnamkrieg beenden, den Kalten Krieg stoppen und die CIA in tausend Stücke zerschlagen wollte. Kein US-Präsident hat sich in den letzten 50 Jahren um eine Offenlegung der Akten und die Aufklärung des Mordes bemüht. Und auch Trump frißt den Geheimdiensten aus der Hand und hat die Lektion gelernt: Wer als Präsident aus der Reihe tanzt, dem blüht Dallas.

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Mehr zum Thema in der aktualisierten Neuauflage von “JFK – Staatsstreich in Amerika”

 

Die geheimen JFK-Akten (7): Cover Up geht in die Verlängerung

Dass in einem Rechtsstaat niemand über dem Gesetz stehen kann, ist auf dem Papier bekannt. In Wirklichkeit ist es ein frommer Wunsch, denn Regierungen und Geheimdienste müssen nur “Nationale Sicherheit!” rufen und schon sind Gesetze Makulatur. So auch der 1992 erlassene JFK-Records-Act, nach dem bis zum 26. Oktober 2017 alle behördlichen Akten im Zusammenhang mit dem Mord an John F.Kennedy veröffentlicht sein müssen. Doch das sind sie nicht. Zwar hat das National Archive zum Stichtag eine große Menge von Akten online verfügbar gemacht, doch tausende von Seiten bleiben weiterhin unter Verschluss. In einem Memorandum hat Präsident Trump – laut CNN “unhappy”, weil diese Restriktionen nicht “dem Geist des Gesetzes” entsprächen – den Geheimdiensten und dem FBI aber nun weitere 180 Tage eingeräumt, um ihre Begründungen für zurückgehaltene Dokumente zu überprüfen. Wenn sie dann weiter “nationale Sicherheit” rufen, wird auch weiter nichts veröffentlicht.

Laut Larry J. Sabato, Historiker der University Virgina, der Oswald für den einzigen Schützen hält und sich in der Nacht einen ersten Überblick über das “Durcheinander” des Rohmaterials gemacht hat, wird eine vernünftige Auswertung nicht nur viel Zeit brauchen, die meisten wichtigen Sachen – “the good stuff” – seien auch weiterhin unter Verschluss. Und werden es auch bleiben, es sei denn, Trump sieht das dann anders und ordnet die Publikation an. Was er auch jetzt schon hätte tun können. Dass er es sich in einem halben Jahr anders überlegt und  gegen das Votum der unsichtbaren “Intelligence”-Meister entscheidet, ist unwahrscheinlich.  Auch wenn Trump  am Samstag anderes twitterte

Das Cover Up geht also in die Verlängerung. Das Chaos ist komplett – und nichts Anderes war wohl auch beabsichtigt.Warum sonst hat man 25 Jahre gewartet, um genau eine Stunde vor Ablauf der Frist abertausende von Seiten zu publizieren ? Fiel es erst fünf Minuten vor Zwölf auf, dass die Veröffentlichung bestimmter Dokumente die “nationale Sicherheit” bedrohen, oder noch lebende Informanten bloßstellt ? Warum verkündet Trump zuerst “full disclosure” von 31.000 Akten und dann werden drei Tage später doch nur 28.000 veröffentlicht ? Eine solche Inszenierung dient nicht der Aufklärung, sondern der Verwirrung, nicht der Ermittlung eines ungeklärten Verbrechens, sondern der weiteren Vertuschung, nicht dem Ende von Verschwörungstheorien durch zweifelsfreie Fakten, sondern ihre Fortsetzung ad infinitum…

Die geheimen JFK-Akten (6): Fake-News vs. Fakten

(Update unten) Die auf über 110.000 Seiten geschätzten unveröffentlichten Akten im Zusammenhang mit dem Mord an John F.Kennedy, die laut Gesetz spätestens  am heutigen Stichtag zugänglich gemacht werden müssen, sind bisher (18.00 MEZ) auf der Website des National Archives noch nicht aufgetaucht. Aber in den USA ist noch kein Büroschluß, es könnte also noch etwas kommen. Auf den allerletzten Drücker, aber o.k. – das  Archiv hatte ja auch nur 25 Jahre Zeit. Was zeigt, wie wichtig es sämtlichen Präsidenten seitdem war, die wahren Hintergründe dieses Mords aufzuklären. Offenbar hatten sie die wichtigste Lektion gelernt: wer aus der Reihe tanzt als POTUS, dem blüht Dallas.
Jeff Morley hat einige Punkte zusammengefaßt, die man zu den anstehenden Veröffentlichungen wissen sollte. Auch in meinen vielen Postings zum Thema steht schon einiges darüber, was zu erwarten ist. Bevor die Unmengen von Files durchforstet sind, gilt das erste Interesse natürlich der Frage, welche Akten auch weiterhin zurückgehalten werden,  weil Trump den Einsprüchen der Geheimdiensten folgt, die “nationale Sicherheit” vorschützen.
Dass das  ehemalige Nachrichtenmagazin  gegen weitere Geheimhaltung nichts einzuwenden hat, weil : “…der Akten-Hype dürfte falsche Fährten eröffnen, die Verschwörungstheoretiker befeuern, das Vertrauen in den Staat weiter erodieren und Trumps parallele Schattenwelt stärken, in der Realität und Fiktion immer mehr im Fake-News-Dunst verschwimmen” –  wundert kaum. Wer wie der “Spiegel” wider besseres Wissen nach wie vor die Einzeltäterthese des Reichstagsbrands von 1933 hochhält, hat mit dem Märchen von Oswald und der magischen Kugel natürlich auch kein Problem. Genausowenig wie mit der Behauptung, dass nicht die Geheimhaltung, sondern die Veröffentlichung von Akten “Verschwörungstheoretiker befeuert”  und die Publikation von behördlichen Dokumenten, Protokollen, Unterlagen – von dokumentierten Fakten also – nicht zur Aufklärung, sondern zum “Fake-News-Dunst” beiträgt. Auch die FAZ befürchtet, dass die Veröffentlichung “den Verschwörungstheoretikern neue Nahrung liefern.”
Hallo “Qualitätsmedien” ! Seit wann habt ihr Angst vor Fakten, Akten und verstaubten Dokumenten ? Macht euch doch bitte gleich an die Arbeit, wenn das National Archiv in die Hufe kommt. Es könnte zwar sein, dass euer Märchenglaube und die dumpfe Copy-Paste-Fake-News-Produktion von einigen dieser Fakten erodiert wird…aber hey, dafür sind Journalisten doch eigentlich da. Wie ? Zuviel, können wir nicht schaffen? Okay, dann macht halt weiter Fake-News, es glaubt euch eh schon kaum noch ein  Schwein….

UPDATE 27.10.:  Wie schon erwartet bleiben etliche Dokumente auch weiter unter Verschluss, meldete das National Archive am Abend: “Based on requests from executive offices and agencies the President has allowed the temporary withholding of certain information that would harm national security, law enforcement, or foreign affairs.”

Die geheimen JFK-Akten(5): Wer nicht fragt bleibt weiter dumm

Den Rant von Markus Kompa über die Inkompetenz der heimischen Presse in Sachen JFK-Akten kann ich nur unterschreiben: “Das Attentat auf JFK ist seit 54 Jahren der Lackmus-Test für die Qualität und Unabhängigkeit politischer Berichterstattung. Der deutsche Rudeljournalismus versagte jedoch bereits im Ansatz. Was man im Blätterwald und im teuersten Rundfunksystem der Welt zum Kennedy-Attentat vernehmen konnte, löst Fremdscham aus. Durchweg halten es deutsche Qualitätsjournalisten für eine ausgemachte Sache, Oswald habe Kennedy erschossen, und wer das bezweifelt, sei ein Verschwörungstheoretiker…”
Dass man es besser machen kann, zeigen Veröffentlichungen im Ausland  – wie etwa hier im Independent und selbst das Schweizer Boulevardblatt Blick berichtet sachlicher als die hiesigen Flachpfeifen, die ohne jede eigenen Recherche nur bewährten Bullshit nachtröten.
Wäre es nach dieser Sorte Pseudojournalisten gegangen, wäre es zu einer Veröffentlichung dieser Akten niemals gekommen. Schon Oliver Stones Film “JFK”, der vor einem Vierteljahrhundert den “JFK Records Act” ins Rollen brachte – das Gesetz, nach dem sämtliche JFK-Akten in 25 Jahren frei gegeben werden müssen – basierte nicht auf Recherchen der selbsternannten “Qualitätsmedien”, sondern auf denen von unabhängigen Journalisten und Forschern – und so ist es bis heute geblieben.  Ernsthafte Recherchen und entsprechende Berichterstattung  zum JFK-Mord, zu 9/11 oder zu den illegalen Kriegen des US-Imperiums findet in deutschen Leitmedien nicht statt. Wieso ? Weshalb? Warum? “Wer nicht fragt bleibt dumm!” Und dumm bleiben schützt davor, Dinge zu erfahren, die nicht ins Bild passen. Wie etwa der seit mehr als einem halben Jahrhundert offiziell als Tatsache verkündete Bullshit, dass eine einzige “magische Kugel” JFK getötet und dem vor ihm sitzenden Gouverneur ein halbes Dutzend schwere Verletzungen beigebracht hat.
Dass sich für dieses Märchen in den 34.000 Dokumenten, die morgen zur Veröffentlichung anstehen, keinerlei Bestätigung finden wird, darauf kann man jede Wette  eingehen. Dass weitere Belege für die sehr viel realistischere Geschichtschreibung auftauchen, nach der John F. Kennedy zum Opfer eines Staatsstreichs wurde, scheint dagegen durchaus wahrscheinlich.

Die geheimen JFK-Akten (4): Trump will nichts mehr blockieren

Donald Trump hat getwittert, dass er alle Kennedy-Files freigeben wird – wobei das offizielle Statement des Weissen Hauses das notorische Hintertürchen ( “…unless agencies provide a compelling and clear national security or law enforcement justification otherwise.” ) natürlich offenließ.

Wie “überzeugend und klar” nationale Sicherheitsbedenken überhaupt noch sein können, wenn es sich um 54 Jahre alte Akten handelt, muss man ja ohnehin in Frage stellen. Jetzt dürfen wir wenigsten ein bißchen gespannt sein. Nicht, weil auf irgendeinem vergessenen Notizzettel eine „smoking gun“, ein unwiderlegbarer Beweis, gefunden wird.  Sondern weil sich unter diesen vielen tausend Seiten, deren Sichtung und Auswertung dauern wird, womöglich einige entscheidende Puzzlesteine befinden, die Lücken eines schon bestehenden, sehr deutlichen Bildes füllen. Nämlich dass Lee Harvey Oswald nicht der Todesschütze war, sondern wie er immer gesagt hat, “nur der Sündenbock”.
Da die Metadaten – Titel, Themen und Autoren – der freizugebenden Akten schon bekannt sind, weiß man bereits, was zu erwarten ist; so unter anderem eine Reihe sogenannter OPS-Files (Operational Files) zu vielen Akteuren, von denen in meinem Buch zum Thema ausführlich Rede ist, wie William Harvey, David Philips, George Joannides und E.Howard Hunt, der 2004 auf dem Sterbebett noch ein (falsches?) Bekenntnis abgelegt und Namen genannt hatte. Auch über die Aktivitäten von James Jesus Angelton – des paranoiden Chefs der Gegenspionage der CIA – könnte einiges ans Licht kommen. Dass Angelton den angeblichen JFK-Mörder Lee Harvey Oswald schon Jahre vor den Schüssen von Dallas zu Geheimdienstzwecken einsetzte,  hat Jeff Morley in seiner eben erschienen Biographie Angeltons schon dokumentiert. Allein dies sollte ausreichen, das Bild vom einsamen, verwirrten Einzeltäter zu revidieren.

Big Pharma Crime: Die Opioid-Epidemie

Im August schon hatte die US-Regierung wegen der Opioid-Epidemie den nationalen Notstand ausgerufen:  95 Millionen Amerikaner bekommen Opioide verschrieben, knapp 3 Millionen sind davon abhängig,  59.000 kamen vorletztes Jahr davon ums Leben. Jetzt mußte der von Donald Trump nominierte neue “Drogenzar” Tom Marino auf das Amt verzichten, nachdem ihm Spenden der Pharma-Industrie sowie eine Rolle bei der Gesetzesänderung 2016 nachgewiesen wurde, die den Zugriff der Drogenfahndung DEA auf verdächtige Großlieferungen erschwerte.

Wenn eine winzige Privatklinik irgendwo in der Provinz täglich über 100 Rezepte für eine 2-Monats-Ration “Oxycontin” ausschrieb, reichte für die DEA der Verdacht, um Lieferungen zu beschlagnahmen und Ermittlungen aufzunehmen. Nach dem unter Obama durchgewunkenen Gesetz muss sie nun zuvor Beweise dokumentieren, dass es sich dabei tatsächlich um kriminelle Verschreibungen handelt – und bei den aus dem ganzen Land anreisenden “Patienten” um Dealer, die den Stoff in ihren Heimatstädten dann weiterverkaufen.  Da dies nur mit riesigem Aufwand möglich ist hat das neue Gesetz der ohnehin schon grassierenden Epidemie weiteren Auftrieb gegegeben – und dass Trump nun außer dem Ausrufen des Notstands wirksam dagegen vorgeht, ist nicht erwarten. Warum ? Auf jeden Kongressabgeordneten kommen derzeit zwei Lobbyisten der Pharmaindustrie, Big Pharma ist der Industriezweig mit den meisten politischen Spenden, von 100 US-Senatoren stehen 97 auf der Empfängerliste der Drogenhersteller.

Opioide wie “Oxycontin” kamen erst 1996 auf den Markt, der Familienclan des Herstellers, Purdue Pharma – der zuvor Ohrenschmalz-Entferner herstellte – zählt mittlerweile zu den 16 reichsten Familien der USA. Der Trick,  mit dem aus während des 1. Weltkriegs in Deutschland erfundenen, morphin-ähnlichen Präparat ein Milliardengeschäft und die neue Todesdroge der USA werden konnte, werden konnte, war simpel: man verschaffte dem sofort wirkenden Stoff durch Beimischungen eine länger wirkende “retard”-Wirkung – und behauptete, dass so das Suchtpotential nahezu verschwinde. Den Rest tat dann eine massive Werbekampagne und “Oxy” wurde ein Hit.

Flashback 1896: eine kleine Chemiefabrik in Elberfeld am Rhein – die zuvor vor allem Farben herstellte – brachte ein Opioid auf den Markt, mit dem sie bald zu einem der weltgrößten Pharmaunternehmen wurde. “Heroin” hieß das Wundermittel der Firma Bayer, mit dem die aus dem deutsch-französischen Krieg als Morphinabhängige heimgekehrten Soldaten wieder zu Heroen gemacht werden sollten. Man hatte das Morphin durch Beimischungen ein wenig verändert – und behauptet, dass so das Suchtpotential nahezu verschwinde. Den Rest tat dann eine massive, weltweite Werbekampagne und “Heroin” wurde in einigen Ländern zum meistverkauften Arzneimittel, ein Hit!
An den Geschäftsmodellen hat sich in den letzten 100 Jahren also nichts geändert, genausowenig wie an dem Stoff, um den es geht, den seit der Antike als Schmerz,-und Schlafmittel bekannten Saft des Mohns: Opium. “Ich hab ein Arkanum und heiß’ es Laudanum” hatte Paracelsus einst seine Opiumtinktur gelobt, die mit ihm in die europäische Medizin einzog und bis Anfang des 20. Jahrhunderts für wenig Geld rezeptfrei in jeder Apotheke erhältlich war. Zu Epidemien und massenhaftem Sterben durch Überdosierung und Mißbrauch kam es in all den Jahrunderten allerdings nicht, die setzen erst ein, als mit patentierten Stoffen wie “Heroin” und anderen Opioiden quasi der Turbo gezündet wurde.
Vielleicht wäre es – bevor der nationale Notstand weitere zig-tausende Leichen produziert – durchaus angebracht, als Erste Hilfe das gute alte Laudanum wieder preisgünstig in die Drugstores zu bringen. Weil es kein Patent darauf gibt und keine großen Profite zu erwarten sind, stehen die Chancen dafür allerdings gering. Ein paar Leben liessen sich so immerhin retten. Und ein wenig Zeit gewinnen um die Ursachen dafür anzugehen, warum ein Drittel der Bevölkerung ihr Leben offenbar nur noch mit starken Schmerz,-und Schlafmitteln bewältigt und warum Ärzten und Pharma-Industrie keine andere Therapie einfällt, als sie davon  abhängig zu machen…

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Die geheimen JFK-Akten (3): Der Countdown läuft

Der Countdown läuft, am 26. Oktober müssen die letzten noch geheimen Akten zur Ermordung John F. Kennedys freigegeben werden. Es sei denn, die Geheimdienste behaupten, dass  bei bestimmten Akten das Interesse an “nationaler Sicherheit” höher sei als das an öffentlicher Information, dann können die Akten auf weitere Zeit unter Verschluss bleiben. Wegen dieses Hintertürchens ist es noch unklar, welche Files das National Archiv zum Stichtag wirklich freigibt.  Roger Stone, einer der Berater Donald Trumps und Autor eines Buchs, das Kennedys Vizepräsident L.B.Johnson als Mastermind des Anschlags sieht, behauptete letzte Woche verbindliche Informationen darüber zu haben, dass die CIA den Präsidenten dränge, bestimmte Akten zurückzuhalten.

Dass Trump einen Deal mit der CIA machen wird, scheint mir wahrscheinlicher als dass er auf die Abgeordneten und Senatoren beider Parteien hört, die eine vollständige Offenlegung fordern. Schon die bereits im Sommer vom National Archive online gestellten ersten Dokumente hatten interessante Puzzlesteine aufgedeckt und sehr viele weitere sind mit der nun fälligen Lieferung zu erwarten. Und zwar solche, die keineswegs die offizielle Geschichte des Einzelschützen Lee Harvey Oswald  bestätigen – oder gar den Zauber der einzigen magischen Kugel, die den Präsidenten tötete und dem vor ihm sitzenden Gouverneur ein halbes Dutzend Wunden beibgebracht haben soll – sondern  die These untermauern, die meinem Buch über den Fall den Titel gaben: “JFK-Staatsstreich in Amerika”.

Dass die CIA mit der Blockade der gesetzlich vorgeschriebenen Publikation weniger die “nationale Sicherheit” als ihren eigenen Ruf schützen will, liegt auf der Hand – und wäre Trump wirklich der “Sumpfaustrockner”, als der er sich im Wahlkampf angepriesen hat, könnte er mit einem Federstrich sämtliche JFK-Files freigeben und die sinistren Aktivitäten der unsichtbaren Meister in den Tiefen des Staats offenlegen. Deren übergriffige Schweinereien und Verbrechen sind – ähnlich wie im aktuellen Fall des Hollywood-Magnaten Weinstein – unter der Hand ohnehin seit Jahrzehnten bekannt. Ein Ende läßt sich aber nur erreichen, wenn sie aktenkundig und sanktioniert werden. Solange indessen die mörderischen Schweine, die JFK zur Strecke brachten, nicht zumindest in den Geschichtsbüchern auftauchen (weil es für Gerichtsakten wohl zu spät ist), solange lebt ihre Brut  weiter unter uns und setzt ihr Treiben unbehelligt fort.

Immerhin versucht die Universität Texas 54 Jahre danach in einem “mock trial”, den nie stattgefundenen Gerichtsprozess gegen Lee Oswald nachzustellen. Eröffnet von dem großartigen Donald-Impersonator Alec Baldwin – der sich im wirklichen Leben natürlich für die Freigabe der Akten ausspricht – soll die Mordanklage an zwei Tagen vor einer Jury verhandelt werden. Auch ohne Kenntnis der noch geheimen JFK-Files bin ich mir aufgrund der bisherigen Aktenlage sicher, was jeder halbwegs kompetente Strafverteidiger bei diesem Verfahren erreichen muss: Lee Harvey Oswald kann den Gerichstsaal als freier Mann verlassen…

Patridioten auf dem Planet der Affen

Die meisten domestizierten Primaten auf der Erde haben bekanntlich keine Ahnung davon, dass sie Primaten sind. Sie halten sich für etwas Besseres als den Rest des Planeten. Auch ihre Anführer, die Alpha-Männchen, halten sie keineswegs für typische Anführer von Primatenbanden. Selbst wenn sie ihr Verhalten schrecklich finden oder sogar davon entsetzt sind, können sie darin kein ganz normales Primatenverhalten erkennen.

Das Durchschnitts-Bewusstsein der domestizierten Primaten auf der Erde ist also beschränkt. Es zeichnet sich unter anderem dadurch aus, dass es sich eine weder lebende noch tote Katze, mit der Erwin Schrödinger einst die Konsequenzen der Quantenphysik erklärte, nicht vorstellen kann. Koexistierende Zwischenzustände zwischen Dasein und Nicht-Dasein – sei es von Katzen-Körpern oder von Atomteilchen – sind für den gemeinen Primaten-Verstand ein Unding. Und so kommt es, dass auch 80 Jahre nach ihrer Entdeckung die Quantenrealität kaum wahrgenommen wird. Das kann nicht überraschen. Nicht einmal die fast 500 Jahre alte Entdeckung des Kopernikus ist in die semantischen Schaltkreise der Primaten-Hirne eingegangen: bis heute reden sie davon, dass die Sonne “auf” – oder “unter”-geht. Wie tief diese Prägung ist, kann jede/r beim nächsten prächtigen Sonnenuntergang überprüfen: es dauert einige Minuten bis man sich klar gemacht hat und “spürt”, dass nicht die Sonne, sondern die Erde sich dreht.

Woran liegt es, dass unserem Bewusstsein auch nach einem halben Jahrtausend die kopernikanische Wende nicht implantiert ist? Es sind die zwei ältesten und am tiefsten geprägten Schaltkreise des Primaten-Hirns – sie sichern Bio-Überleben und emotional-territorialen Ansprüche – die den von Symbolen ( der Sprache) geprägten 3. Schaltkreis okkupieren. Dank dieses egozentrischen “Reptilien-Hirns” empfinden domestizierte Primaten emotionalen oder territorialen Statusverlust als Bedrohung. Jedes Alphamännchen kann den ganzen Primatenstamm hinter sich bringen, wenn es ihn überzeugt, dass es ein anderes Alphamännchen auf ihr Territorium abgesehen hat. Ist es gelungen, diesen “patriotischen” Schaltkreis anzuklicken und auch noch genügend Bio-Überlebensangst zu produzieren, handelt der Stamm nach Gedankensystemen, die einer rationalen Analyse keine fünf Minuten standhalten. Zwar werden die Anthropologen nicht müde, die vor etwa 11.000 Jahren entstandenen ersten Siedlungen der domestizierten Primaten als zivilisatorische Großleistung zu rühmen – bis kurz zuvor hatten die einzelnen Alpha-Männchen ihr Territorium noch mit Exkrementen abgesteckt und Eindringlinge mit diesen Grenzmarkierungen beworfen; doch wie wenig Zeit seitdem vergangen ist zeigen immer noch eingeprägten Redewendungen: Bis heute ziehen die domestizierten Primaten in den Krieg, um ihren Gegnern “die Scheiße aus dem Leib zu prügeln”. Ist die Operation erfolgreich (oder zeigt der Gegner „Schiss“ und unterwirft sich freiwillig), wird das Territorium neu abgesteckt. Auch wenn der Prozess der Zivilisation Technologien hervorbrachte, die die Scheißhaufen von einst durch Megatonnen-Bomben ersetzten, die grundlegende Struktur ist dieselbe geblieben. “Für Saddam, in Liebe” signierte Verteidigungsminister Dick Cheney im ersten Golfkrieg eine der Bomben auf Irak. Öffentlich müssen sich Primatenführer heutzutage etwas zurückhalten, mit einem “Du dreckiger Scheißer” riskierte ein Verteidigungsminister seinen Job, weshalb er seine Bömbchen dem Feind mit der ironischen Duftmarke “In Liebe” schickt. Diese Kulturleistung immerhin haben 50.000 Jahre Primatenevolution erbracht. Wäre da nicht die gesteigerte Tötungseffizienz der Mittel, man könnte fast von “Fortschritt” sprechen.

Mit der steigenden Zahl und Heterogenität der Bewohner gerät der Landgewinn starker Primatenbanden irgendwann an den kritischen Punkt, an dem Hierarchie und Hackordnung zu zerfasern drohen, Stabilität im Inneren lässt sich nur aufrecht erhalten über einen äußeren Feind, gegen den sich alle zusammenschließen müssen, weil er angeblich allen ans Eingemachte will.
An dieser Stelle humanoider Organisationsentwicklung nun schlägt die Stunde der „Nation“, des Primaten als Patrioten, der gegen eine angebliche Übermacht (die als “Barbaren”, “Hunnen”, “Achse des Bösen” etc. dämonisiert wird) seine Sicherheitszone auf das gesamte Territorium ausdehnt. Nicht das Bedürfnis nach Handel, Wandel und Kommunikation liegt dem Entstehen von Nationen zugrunde, sondern Paranoia. Wenn sie nur ausreichend Angst schüren gelingt es den Primatenführern im Handumdrehen, die Massen unter einer Hohlformel wie „Nation“ zu versammeln. Dass das Nationale als Kitt, als Integrationsklebstoff so hervorragend funktioniert, ändert indessen nichts daran, dass es im Kern hohl und leer ist. Es versammelt eine solche Vielfalt unterschiedlichster Interessengruppen, Lebensvorstellungen, politischer Auffassungen und regionaler Kulturen, dass jede Definition eines „typischen“ Nationalcharakters zum Scheitern verurteilt ist. Beziehungsweise zum Rückgriff auf Klischees und Stereotypen gezwungen, die keiner empirischen Überprüfung standhalten. Was auch für unscharfe Begriffe wie „Kulturnation“ gilt.

Wie wenig 250 Jahre Aufklärung, Rationalismus und Moderne an dieser archaischen Dumpfheit bis dato ändern konnten, zeigen die jüngsten Kriege der Großmacht USA ebenso wie all die kleineren Gemetzel, die sich aufgehetzte Primatenhorden überall auf der Welt liefern. Dass die höheren Schaltkreise des Primatenhirns in ihrer kurzen Geschichte wunderbare Erfindungen hervorgebracht haben und zu großartigen Leistungen fähig sind, kann niemand bestreiten; solange aber die Saurierabteilung ihres Gehirns jederzeit den ganzen Laden übernehmen kann, solange werden sich die Patridioten auf diesem Planet der Affen weiter gegenseitig die Scheiße aus dem Leib prügeln. Bis sie gelernt haben, gleichzeitig heimatverbunden zu bleiben und…. den Nationalismus in Folklore zu verwandeln. Und erkennen, dass die nostalgische Beschwörung des Nationalstaats als Hort der Einigkeit und der Wohlfahrt – gegen die kalte Luft der „Globalisierung“ und die übelwollenden Nachbarn/Russen/Chinesen/ Amis/Moslems/You name it – keine Lösung ist. Weil die eigentlichen Grenzen gar nicht zwischen Völkern und Nationen verlaufen, sondern immer zwischen Oben und Unten….

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Ausgelesen

Bevor ich auf der morgen beginnenden Buchmesse mal wieder nach Neuigkeiten Ausschau halte, hier Hinweise auf einige Bücher, die ich gerade mit Gewinn gelesen habe:

Vor 30 Jahren wurde Uwe Barschel kurz nach seinem Rücktritt als Ministerpräsident Schleswig-Holsteins tot in einer Badewanne des Genfer Hotels “Beau Rivage” gefunden. Patrik Baab, Fernsehjournalist aus Kiel, und Robert E. Harkavy, Politik-Professor aus den USA beleuchten in ihrem Buch “Im Spinnennetz der Geheimdienste” neben dem bis heute ungeklärten Tod Barschels auch zwei andere wahrscheinliche und ungeklärte Mordfälle aus dieser Zeit, den des schwedischen Ministerpräsidenten Olof Palme und des ehemaligen CIA-Chefs William Colby. Und kommen in allen drei Fällen zu dem Schluß: “Wir haben es mit gezielten Tötungen zu tun. Sie waren Teil einer großangelegten ‚Säuberungsaktion‘, bei der missliebige Zeugen aus dem Weg geräumt wurden, die der Spitze der Befehlskette hätten gefährlich werden können.“ Hintergrund sind die illegalen Waffengeschäfte, die als “Iran-Contra”-Affäre teilweise aufgedeckt und mit Hilfe Israels und Südafrikas  über die Häfen in Kiel und Rostock abgewickelt wurden. Und so sind in diese Säuberungsaktion nicht nur CIA und Mossad wie auch BND, Stasi sowie der iranische und der südafrikanische Geheimdienst verwickelt, sondern auch die  “Stay Behind”-Strukturen der Nato (Gladio). Patrick Baab und der Chefermittler der Staatsanwaltschaft im Fall Barschel haben das Buch am Wochenende in einer Pressekonferenz vorgestellt. Es kann einem auf diesen 384 gut dokumentierten Seiten vor lauter Schlapphüten manchmal etwas schwindelig werden, oder auch unheimlich, denn das “Spinnennetz”, das die Autoren offenlegen,  ist erschreckend und eine rechtsstaaliche Aufklärung nicht zu erwarten. Dafür steht für die sogenannten Rechtsstaaten zuviel auf dem Spiel….

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Als ich Ende der 80er Jahre über die Gaia-Theorie von James Lovelock und Lynn Margulis schreiben wollte, galt das Thema bei vielen Redakteuren als New-Age-Esoterik, auch wenn die beiden Autoren – ein Astrophysiker und eine Mikrobiologin –    mit spirituellen Hippiemythen eigentlich gar nichts am Hut hatten. Ihre Beschreibung der Biosphäre und der gesamten organischen und anorganischen Materie als ein großes, selbstorganisiertes System legte allerdings durchaus nahe, Analogien zu dem archaischen Glauben an eine allmächtige Erdgottheit, an “Mutter Erde”, zu ziehen.  Diese Nähe neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse zu vormodernem Wissen macht die Rede von “Gaia” – von der Erde als Gesamtsystem, als Organismus, als Lebewesen –  bis heute schwierig, und so ist auch Bruno Latour in “Kampf um Gaia – Acht Vorträge über das neue Klimaregime” auf vielen Seiten mit Distanzierungen beschäftigt, dass es sich bei Gaia definitiv nicht um eine Religion oder einen romantischen Mythos handelt, sondern um ein Faktum, in das wir Menschen nicht nur eingebunden sind, sondern so konkret eingreifen (Stichwort: Anthropozän), dass wir es endlich verstehen müssen. Dass der als Großdenker gefeierte Soziologe Latour so spät darauf kommt, wundert mich eigentlich, seine “Akteur-Netzwerk-Hypothese”, nach der wir uns die Welt nicht in Subjekt/Objekt getrennt denken sollen, sondern auch den von uns geschaffenen Dingen und Objekten einen aktiven Status, eine Wirkungsmacht, zusprechen und ein “Parlament der Dinge” schaffen müssen – diese Denkweise, eine Art systemischer Neo-Animismus, schien mir von Beginn an perfekt auf “Gaia” zu passen. Umso energischer jetzt sein Plädoyer, sie endlich ernt zu nehmen: “Sie ist das einzige Mittel, die MODERNEN in ihrer Gewißheit darüber, was sie sind, in welcher Epoche sie leben und auf welchem Boden sie sich befinden, zutiefst zu erschüttern und von ihnen zu verlangen, das sie endlich die Gegenwart ernst nehmen.”

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Zufällig aber äußerst passend hatte ich vor Latours Buch über Gaia Andreas Wulfs  Biographie eines Pioniers des ganzheitlichen, organischen Naturdenkens.„Die Erfindung der Natur“ hat die Historikern Andrea Wulf ihr Buch über die Abenteuer Alexanders von Humboldts genannt und wenn es einen genius loci dieser „Erfindung“ gab, dann  waren es Jena und Weimar und die Monate des Jahres 1797, in denen der Blick des auf’s Sammeln und Messen versessenen Humboldt („Freilich kann ich nicht existieren ohne zu experimentieren“) von Goethe für das große Ganze geschärft wird. „Holismus heißt jene Philosophie, für die die ganze Natur – physisch, organismisch und seelisch – eine lebendige Ganzheit bildet…“ hat Humboldt sein Weltbild später beschrieben, zu dem er durch die Goetheschen Naturansichten “gehoben” fühle. Wie 200 Jahre später Lovelock und Margulis wollten auch Goethe und Humboldt ihre Vorstellung nicht religiös-romantisch, sondern empirisch-wissenschaftlich verstanden wissen, doch wurde sie vom Zeitgeist der beginnenden Moderne überrollt: die Natur durch Zerlegung in Einzelteile zu erklären war einfach leichter als ihre Ganzheit zu erfassen. Doch darum können wir heute – siehe Latour oben – nicht mehr herumkommen.

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Von einem, der diese Ganzheit auf heute unkonventionelle Wiese entdeckte, indem er sich als Junge in die wilden Wälder verzog, weil er als deutscher Einwanderer in einem Kaff des amerikanischen Mittelwestens in den 1950er Jahren ein Außenseiter und komischer “Kraut” war, erzählt der Ethnobotaniker und Kulturanthropologe Wolf-Dieter Storl in seinem Lebensbericht.:“Mein amerikanischer Kulturschock – Eine Jugend unter Hillbillies, Blumenkindern und Rednecks.”  Seine Liebe zu einem Hillbillie-Mädchen brachte ihn mit der merkwürdigen Welt dieser “Hinterwäldler” zusammen, im “Summer of Love” und den wilden 60ern ist er mittendrin, er schreibt seine Doktorarbeit über eine spiritistische Gemeinde, in der er ein Haus gemietet hat, er heiratet, hat eine akademische Karriere in Aussicht – und steigt aus aus dem “amerikanischen Traum”.  Amerika “hat mich wie ein Drache verschluckt und wieder ausgespien. Ich bin dem american way of life durch die Lappen gegangen. Und da ich Amerika gut kenne – und die Menschen dort liebe – will ich meinen europäischen Zeitgenossen davon erzählen.” Dabei leuchtet Wolf-Dieter Storl mit ethnologischem, anthropologischem Blick die Winkel und Ecken so gekonnt aus, dass ich das Buch in einem Rutsch runtergelesen habe.

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Aus das eben erschienenen Buch “Die Antisemitenmacher” von Abi Melzer hatte ich hier im Blog schon hingewiesen. Jetzt sind dieselben in Aktion getreten, und haben eine Lesung des in Frankfurt ansässigen Autors untersagt: das Bürgerhaus Gallus hat einen Mietvertrag für eine Lesung aus diesem Buch storniert. Hintergrund sei, so die Frankfurter Rundschau, “ein Beschluss des Stadtparlaments, dem Antisemitismus in der Stadt keinen Raum zu geben”. Ja sauber – dass Melzers halbe Familie in Auschwitz umgekommen ist und er als Publizist und langjähriger Verleger von Judaika wohl weiß, was Judenhaß ist, ist wohl kein hinreichender Grund, um in der Bankemetropole zum Thema Antisemitismus zu lesen.  Jeder Art von  Rassismus in der Stadt “keinen Raum” zu geben, ist richtig und gut, stattdessen aber einen rasenden Philo-Zionismus Platz greifen zu lassen und jeder Kritik daran den Mund zu verbieten, darf aber keine Alternative sein.