“There’s No Business Like Shoah Business”

Dieses Bonmot hörte ich zum ersten Mal bei einem Gespräch mit dem israelischen Dramatiker Jehoschua Sobol, den ich 1984 traf, als sein Stück “Ghetto” in Berlin inszeniert wurde. Darin geht es um die Konfrontation zwischen linken und rechten Juden im Ghetto Vilnius (bzw. im aktuellen Israel), und nach dem Interview sprach ich ihn noch auf einige weitere  Werke zum Thema Antisemtismus und der Shoah an. Und Sobol sagte so etwas wie “Oh, that is not my thing, you know,  that’s Shoah-Business”. Ich runzelte zuerst die Stirn, weil ich Show-Business verstanden hatte, aber dann fiel der Groschen. Wir lachten und sprachen dann noch über die künstlerischen Möglichkeiten, die ideologische Instrumentalisierung des Holocaust zu überwinden,  und den rechten, militaristischen Zionismus zugunsten eines demokratischen, zivilen Israel.

Dass zuviel “Shoah-Business” in der Tat zu völliger Betriebsblindheit führt, demonstrierte unlängst Götz Aly, als er Kritikern der 45 Milliarden – “Stiftung” des Facebook-Gründers Mark Zuckerberg Antisemitismus vorwarf, obwohl sie in ihren Artikel irgendein Judentum des sich selbst als areligiös bezeichnenden Zuckerberg mit keinem Wort erwähnen. Doch schon die Hinweise, dass der sich als globaler Wohltäter gerierende Jungmilliardär nicht allein aus philantropischen, sondern aus steuersparenden Gründen handelt – und sein Geschäftsmodell des Datensammelns  nicht mit wahrer Menschenliebe zusammenpasst – wertet Aly  als antisemtisch und vergleicht sie mit Hitlers “Mein Kampf”. Das ist zwar absolut gaga, zeigte aber Wirkung, weil der Historiker Aly einige Bücher über  Nationalsozialismus und Judenhass geschrieben hat und als renommierte Autoriät gilt. Der  angegriffene SpOn-Kolumnist Sachsa Lobo zog denn auch sofort den Irokesen ein, konzedierte in einem langen Blogbeitrag, dass Alys  Unfug “nicht völlig aus der Luft gegriffen sei”,  versprach, künftig “im Kontext des Antisemitismus noch intensiver auf meine Wortwahl und meine Begriffswelten” zu  achten und gelobte  sein nachweisliches “Engagement gegen Antisemitismus” noch zu steigern.

Doch weder an der Wortwahl noch an den “Begriffswelten” in Lobos Kolumne ist irgendetwas falsch oder schief, genausowenig wie in dem Artikel des FAZ-Redakteurs Michael Hanfeld, den Feuilletonchef Jürgen Kaube jetzt in einem offenen Brief an Götz Aly verteidigt hat –  und diesen auf die  “böse Pointe Ihrer vermeintlichen Entlarvung moderner Antisemiten” verweist: “Nur für Sie, nicht für die von Ihnen Angegriffenen, ist Mark Zuckerberg ein Jude.” In der Tat. Das ist die oben angesprochene Betriebsblindheit, von der Götz Aly nach Jahrzehnten im Shoa-Business ganz offensichtlich befallen ist. Und Juden und Opfer sieht, wo gar keine sind, was dazu führt, dass die zugehörigen “Antisemiten” und “Täter” dann erfunden werden müssen. Gegen solche phantasiebegabten Einbildungen ist ja nichts einzuwenden, in die Zeitung schreiben sollte man sie aber nicht, denn die Denunziation als “antisemitisch” kommt für einen Journalisten in Deutschland der Höchststrafe gleich.

Dass Kollege Aly nicht zimperlich ist, wenn es ans Austeilen geht, ist mir aus den “taz”-Redaktionskonferenzen der 80er noch gut in Erinnerung, ebenso wie seine provokante Oberlehrer-Attitüde, die offenbar immer noch so viel Wirkung zeigt, dass gestandene Kolumnisten sich vor Schreck ins Büßer-Eckchen verziehen –  statt  auf Aly-Unsinn schlicht mit dem Götz-Zitat zu antworten, wie es angemessen wäre.   Auch wenn sich der alte Provokateur Aly jetzt vermutlich ins Fäustchen lacht angesichts dieser Reaktionen, zeigen sie doch nur, wie traurig absurd der Diskurs über Jüdisches mittlerweile in Deutschland geworden ist.

Dass Antisemitismus nicht verurteilenswerter ist als jede Form von Rassismus und Fremdenhass, dass Juden weder historisch noch aktuell die einzigen sind, die solchen Diskriminierungen zum Opfer fielen und sehr wohl (sei es in Gaza, sei es was die Geschäftsmoral betrifft) auch “Täter” sein können – solche rationalen Selbstverständlichkeiten fallen schlicht unter den Tisch, wenn jener  rasende Philosemitimus weiter um sich greift, wie ihn “Antideutsche” oder Broder,  Jutta Ditfurth und nun auch Götz Aly praktizieren. Wenn  die geschäftlichen Aktivitäten eines Milliardärs Zuckerberg oder  Bankiers Rothschild oder von wem auch immer wegen ihrer religiösen Herkunft nicht kritisiert werden können, wenn man Machenschaften der  “Finanzeliten” oder “Federal Reserve” nicht benennen kann, ohne mit “Hitler” gleichgesetzt zu werden, dann läuft etwas gehörig schief mit der  historischen Verantwortung Deutschlands bei der Bekämpfung von Antisemitismus. Scheindebatten über scheinbare Judenfeinde, “Shoah-Business” mit Hitler,- und Holocaust-Keulen, helfen nämlich nicht gegen den  real existierendem Rassismus und Judenhass,  sie machen ihn  mit ihren  Alles Antisemiten außer Mutti ! – Unterstellungen qua Inflationierung nur unsichtbar.

Dieser Beitrag ist auch auf Telepolis erschienen

Krieg in Pipelineistan

history

Eine gewisse Erfahrung, ohne Sinn und Verstand in aussichtslose Kriege zu ziehen, kann man Deutschland ja nicht absprechen. Insofern hat die blitzkriegartig durchgepeitschte Beteiligung am Syrien-Krieg etwas typisch Deutsches. Für das Imperium in Washington indessen, das sich in Sachen Krieg seit Jahrzehnten darauf verlegt hat, wehrlose Länder von oben zu bombardieren und auf dem Boden Chaos zu hinterlassen (“Mission accomplished!”), ist der Syrien-Krieg  mittlerweile eher untypisch, weil Russland dem Herrscher Assad zu Hilfe geeilt ist und die Söldner-Truppen des Imperiums (IS, Al Nusra, Al Qaida) und ihre zentrale Versorgungslinie in die Türkei attackiert. Mit soviel Erfolg, dass der anglo-amerikanische Plan, mithilfe der wahabitischen Kopf-Ab-Milizien den regime change in Damaskus zu erzwingen, Syriens Öl und Pipeline-Zugänge zum Mittelmeer unter Kontrolle zu bekommen und dem Iran auf die Pelle zu rücken, zu scheitern droht. Sowohl die Türkei als auch Israel versprechen sich von der Beseitigung Assads Landgewinne – Sultan Erdogan will sein ottomanisches Reich bis in den Irak ausdehnen und ein autonomes Kurdistan verhindern, Israel die schon seit 1967 besetzten Golan-Höhen erst recht nicht mehr räumen, seit dort jüngst Milliarden Barrel Öl entdeckt wurden.

Seit Assad 2009 die projektierte Katar/Saudi-Arabien-Pipeline absagte und sich für eine Iran-Irak-Syrien-Pipeline entschied, mit der die EU übers Mittelmeer versorgt werden kann, mutierte er in Windeseile vom sympathischen Augenarzt zum üblen Diktator. Nun wäre es für die Öl,-und Gas-Bedürftigen Europäer, die nach dem Willen des Imperiums ihre Abhängigkeit von russischen Lieferungen reduzieren sollen,  völlig egal, ob ihr Gas aus Katar oder Iran stammt. Nicht aber Onkel Sam: nach der Einigung im Atomstreit und der Aufhebung der Sanktionen gegen Teheran wäre der Iran mit dieser Pipeline dick im Geschäft. Und das ist das Problem, wie Pepe Escobar messerscharf analysiert:

Yet, from the point of view of Washington, a geostrategic problem lingered: how to break the Tehran-Damascus alliance. And ultimately, how to break the Tehran-Moscow alliance.

The «Assad must go» obsession in Washington is a multi-headed hydra. It includes breaking a Russia-Iran-Iraq-Syria alliance (now very much in effect as the «4+1» alliance, including Hezbollah, actively fighting all strands of Salafi Jihadism in Syria). But it also includes isolating energy coordination among them, to the benefit of the Gulf petrodollar clients/vassals linked to US energy giants.

Thus Washington’s strategy so far of injecting the proverbial Empire of Chaos logic into Syria; feeding the flames of internal chaos, a pre-planed op by the CIA, Saudi Arabia and Qatar, with the endgame being regime change in Damascus.

An Iran-Iraq-Syria pipeline is unacceptable in the Beltway not only because US vassals lose, but most of all because in currency war terms it would bypass the petrodollar. Iranian gas from South Pars would be traded in an alternative basket of currencies.

Wer als Regierender aus dem Petrodollar ausschert,  wie Sadam Hussein und Gadaffi , hat bekanntlich keine allzu lange Halbwertzeit mehr in Pipelineistan. Aber anders als bei diesen beiden nahezu wehrlosen Gegnern sind jetzt “4+1” (Russland, Syrien, Irak, Iran + Hisbollah) schon im Spiel und im Hintergrund hat China seine Solidarität  mit dem russischen Einsatz bekundet. Das ist nicht mehr die Konstellation eines Bürgerkriegs, sondern für einen veritablen Weltkrieg der Atommächte.  Paul Craig Roberts – Ökonom, einst Staatsekretär unter Reagan – sieht das kommen:

“Washington und die Leichtgläubigkeit seiner europäischen Vasallen haben die Menschheit in eine sehr gefährliche Lage gebracht, da die einzigen Wahlmöglichkeiten für Russland und China darin bestehen, entweder Amerikas Vasallen zu werden oder sich auf den Krieg vorzubereiten.” … Es besteht kein Zweifel, dass Washington die Welt dem Armageddon entgegentreibt, und Europa ist der Wegbereiter. Washingtons gekaufte und bezahlte Marionetten in Deutschland, Frankreich und im Vereinigten Königreich sind entweder dumm, gleichgültig oder zu kraftlos, um Washingtons Griff zu entkommen. Wenn Russland Europa nicht aufwecken kann, dann ist Krieg vorprogrammiert.”

Die Terrormaschine

MattWuerker-Politico

 

Mit dem “Krieg gegen den Terror” hat sich der Tiefenstaat – die Verbindung staatlicher Organe mit dem militärisch-industriellen Komplex – eine Art Perpetuum Mobile erschaffen, einen Krieg ohne definiertes Ziel und ohne Exit-Strategie, der seine Ursache immer wieder selbst erzeugt und sich so die nötige Energie – ein nie versiegendes Budget – verschafft. Als Generator dieser Energie fungieren Furcht und Schrecken der Bevölkerung, weshalb dem  Geheimdienst,- und Kriegsapparat noch eine “Kirche der Angst” zugeordnet ist, die den Schrecken des Terrors multimedial inszeniert und die Alternativlosigkeit des “Kriegs gegen Terror” predigt. Fragen nach dem Sinn, dem Zweck, der Strategie , dem Ziel sind dann überflüssig: “Ziel ist der Krieg gegen den Terror”. Und der ist selbsterklärend. Er braucht auch kein UN-Mandat und was das deutsche Grundgesetz über Angriffskriege sagt ist ja schon bis zum Hindukusch dehnbar und reicht dann natürlich auch bis nach Syrien/Irak. Kann man im Bundestag schnell abnicken… “Sicherheit”, “Freiheit verteidigen”, “Solidarität mit Frankreich” und natürlich “GEGEN DEN TERROR”. Da geht dann alles… ohne Plan, ohne Sinn, ohne Verstand, aber wir sind automatisch die Guten, weil gegen den Terror….

In “Wir sind die Guten” hatte ich im Kapitel “Wer sind die Guten?”   den schießwütigen amerikanischen Patienten, in dessen Terrormaschine die Bundeswehr jetzt verstärkt zum Einsatz kommen soll, mal kurz auf die Couch gelegt. Jetzt entdeckte ich den wunderbaren Cartoon (von Matt Wuerker/Politico)  zu diesem Text – hier ein kurzer Auszug:

“Könnte es sein”, würde der einfühlsame Seelenarzt den auf der Couch liegenden Uncle Sam dann vielleicht fragen, »dass Ihr ständiges Misstrauen daher rührt, dass Sie sich unterbewusst, im Geheimen, diese Monster selbst erschaffen? Dass irgendeine Instanz in Ihrem Inneren dauernd Feinde aufbauen muss, um eine Rechtfertigung für Ihr expansives, gewalttätiges Verhalten zu haben? Könnte es sein, dass dieser Komplex etwas mit dem militärisch-industriellen Komplex zu tun hat, vor dessen ›unbefugten Einfluss‹ auf die Regierung schon Präsident Eisenhower gewarnt hat?«
Ein halbes Jahrhundert später müssen wir feststellen, dass diese Warnung vergeblich war: »Die Macht und der Einfluss des militärisch-industriellen Komplexes bei der Förderung einer Serie von Kriegen hat sich in außergewöhnlichen Profiraten niedergeschlagen. Einer neuen Studie von Morgan Stanley zufolge, sind die Aktien der größten US-Waffenhersteller in den vergangenen fünfzig Jahren um 27699 Prozent gestiegen, verglichen mit 6777 Prozent Wachstum des allgemeinen Markts. Allein in den letzten drei Jahren haben Raytheon 124 Prozent, Northrop Grumman 114 Prozent und Lockheed Martin 149 Prozent für ihre Investoren eingebracht.«
Ende Juni 2014 hat Präsident Obama weitere 500 Millionen Dollar für die »moderaten Rebellen« in Syrien bereit gestellt, während ihre nunmehr nicht mehr moderat genannten, unter der Hand aber akzeptierten Kollegen der islamistischen Terrorgruppe ISIS derweil an der Dreiteilung des Irak arbeiten.”

 

Terror, Terror, Terror

Dass die Frage “Wer mit wem gegen wen ?” beantwortet sein sollte, zumindest halbwegs, bevor man sich an einer Massenschlägerei beteiligt, ist eigentlich selbstverständlich.  Für den Krieg in Syrien, an dem sich die Bundesregierung jetzt beteiligen will, gilt das allerdings nicht. Thilo Jung, der als einziger Journalist in der “Bundespressekonferenz” genannten Versammlung von Stenographen und Stiefelleckern noch wirkliche Fragen stellt, wollte heute mal wissen, bei welchem Krieg in Syrien die Regierung  jetzt eigentlich mitmischen will. Ginge es nicht um einen weiteren völkerrechtswidrigen und grundgesetzwidrigen Kriegseinsatz, könnte man über diese Realsatire nur lachen. Die Bundesregierung will “Krieg gegen den Terror” führen, zusammen mit verschiedenen Alliierten im  “Krieg gegen den Terror”, die sich “Anti-IS” zusammengefunden haben, um  “Krieg gegen den Terror” zu führen.

Wer dreimal das Zauberwort ruft, darf machen was er will! Diese magische Regel hat seit 9/11 und den Teppichmessern des Schreckens schon dazu geführt, dass Verfassungen und Bürgerechte beschnitten und  Kontroll,- Überwachungs,- und Militärapparate massiv aufgebläht werden konnte. Da der “Krieg gegen den Terror” die praktische Eigenschaft hat, Terrorismus nicht zu verhindern, sondern zu produzieren, stellt er für diese Apparate quasi die eierlegende Wollmilchsau dar, denn sobald irgendwelche Zweifel an diesem Krieg auftauchen, gibts in Nullkommanix ein explosives Blutbad, das die unbedingte Notwendigkeit zeigt, diesen Krieg noch  intensiver zu führen.

Unterdessen hat unsere Panzer-Ursel, eifrig auf dem Weg zur Größte Führerin aller Zeiten,  schon mal klargestellt, in wessen Auspuff sie Position bezogen hat:
Meine Position ist: es wird keine Zukunft mit Assad geben. Das ist klar, deshalb ist die Übergangsphase so wichtig.”
Klar. Wenn Dr.von der Leyen das sagt, muss es ja stimmen, auch wenn im Wiener Abkommen eindeutig festgehalten ist, dass das syrische Volk – und nicht etwaige westliche Interessen – über die Zukunft des Landes entscheiden soll. Und eben dies, wir haben es hier schon angedeutet, ist das Problem, weil Assad eben nicht – wie der Olivgrüne Anton “Fassbombe” Hofreiter behauptetdie Akzeptanz verloren hat, sondern laut britischen Umfragen im September 2015 auf 47% Wählerstimmen gekommen wäre. Davon träumt von der Leyen, scharf wie Lumpi auf Merkels Erbschaft, und dafür die syrische Bevölkerung solange zu bombardieren und zu terrrorisieren, bis sie endlich “richtig” wählt…, – wenn’s “gegen den Terror” geht, geht einfach alles!

UPDATE: “Das Ziel ist der Kriege gegen den Terror”… hier noch eine Langfassung (4 min), mit dem “Geschwätz von gestern” in der BPK.

Wer mit wem gegen wen ?

 

29.11.15 20:06-Bildschirmkopie

Auf der Pressekonferenz mit Präsident Hollande hat Präsident Putin nochmals klargestellt, dass Russland die Routen und Ziele aller geplanten Angriffsflüge in Syrien vereinbarungsgemäß den Amerikanern mitteilt: “The US-led coalition, which includes Turkey, was aware of the time and place where our planes would operate. And this is exactly where and when we were attacked.” Damit sollte das Propaganda-Gedröhn von 17 Sekunden “Luftraumverletzung” nun wirklich ein Ende haben: der Abschuss war ein Hinterhalt, den Erdogans Luftwaffe ohne US-Unterstützung nicht hätte legen können. Dass der US-Syrien-Koordinator General John Allen (Obama-Feind und Neocon) den Hit genehmigte ist wahrscheinlich.  Aber kaum hat  Erdogan den schmutzigen Job für den großen Bruder – und für die IS-Öl-Geschäfte seines Sohnes Bilal  –  absolviert, kriegt der Sultan kalte Füße. Präsident Obama setzt ihn  laut War  Wall Street Journal  massiv unter Druck, die Grenze zu Syrien zu schliessen, die Russen haben sofort massive Wirtschaftsanktionen eingeleitet, Frankreich ist ebenfalls nicht entzückt – doch die EU-Kommission stellt der Türkei beschleunigte Beitrittsverhandlungen in Aussicht, sowie sofort  Milliarden Euro für die Flüchtlinge. Dass Erdogan als entscheidender Unterstützer des IS selbst zu den Hauptverantwortlichen der Flüchtlingskatastrophe gehört, scheint bei den Verhandlungen gar keine Rolle zu spielen. Solange die Hauptschlagader für die Logistik des Islamischen Staats weiter völlig ungehindert in die Türkei läuft,  kann der Krieg in Syrien nie zu Ende gehen – und solange die Türkei diesen Korridor nicht dicht macht, sollte sie keinen Cent von der EU bekommen.

Dass Erdogan mit der mafiosen Attacke letztlich weder der Türkei, noch den NATO – Allierten einen wirklichen Gefallen getan hat, zeigt auch eine weitere Entwicklung: nicht die USA, wie es Erdogan wünschte, sondern Russland hat jetzt faktisch eine “No-Fly-Zone” über Syrien eingerichtet, indem es seine S-400 Flugabwehr dort stationiert hat. Das als derzeit weltbeste Flak geltende System kontrolliert einen Umkreis von 400 Kilometern. Bevor unsere Tornado-Uschi also die ersten “Aufklärer” losschickt sollte sie unbedingt Putin Bescheid sagen. Der hat sicher nichts dagegen, weil er mit Frankreich gerade eine echte Anti-IS- Koalition schmiedet – sonst hätten die Franzosen auch gar nicht ihren Flugzeugträger “Charles de Gaulle” in die Krisenregion schicken können. Dort taucht schon länger das russische Monster- U-Boot”Dmitri Donskoy” mit 200 Nuklearsprengköpfen an Bord. Was den “Schutz der Charles de Gaulle”, zu dem die Bundesregierung jetzt eine “Fregatte”  in den Krieg schicken will, unmittelbar als Lachnummer erweist.

Abgesehen davon, dass es für diesen Bundeswehr-Einsatz noch kein UN-Mandat gibt und es sich somit um einen grundgesetz,- und völkerrechtswidrigen Kriegseinsatz handelt, müßte vor einem solchen Mandat ja die Frage geklärt werden, wer hier überhaupt mit wem gegen wen kämpft. Wenn ich aus der sicheren Deckung meines Schreibtischs die Lage auf dem geopolitischen Schachbrett analysiere, sieht es auf den ersten Blick so aus wie in dem Cartoon oben oder  unter diesem Posting. Etwas sortiert ergibt sich folgendes Bild:

– der Großplan des US-Imperiums sieht nach der Zerstörung Libyens und des Irak vor,  Syrien und Iran unter Kontrolle zu bekommen. Um einen regime change in Damaskus zu erzwingen wurden die salafistischen Milizen zu einem “Islamischen Staat” und die syrische Opposition zu einer “Befreiungsarmee” aufgerüstet, die im Kern ebenfalls aus islamistischen Söldnern (Al Qaida /Al Nusra) besteht. Finanziert und unterstützt wird diese “Armee” von Saudi-Arabien und Katar auf der einen und von der Türkei auf der anderen Seite, sowie generell auch von den USA. Der IS ist also kein zufällig entstandenes Monster, sondern ein gezielt herangezüchtetes Werkzeug in diesem Krieg.

– vor dem Eingreifen der von der Assad-Regierung zur Hilfe gerufenen Russen, war der Kampf des Westens “gegen den IS” ein Schaukampf. Außer der regulären syrischen Armee und den Kämpfern der Peshmerga und der PKK, die ihre kurdischen Gebiete verteidigten, kämpfte niemand gegen das “Kalifat”, das seine Einflusszonen weitgehend ungehindert ausdehnte. Erst der Einsatz der russischen Luftwaffe, der gezielt gegen die Versorgungswege des IS vorging, brachte eine Änderung. Das Millionengeschäft mit gestohlenem Öl, das der IS der Firma von Erdogans Sohn liefert, geriet ins Stocken – und damit auch der von der Türkei geförderte Kampf der Islamisten gegen die Kurdengebiete im Norden Syriens. Dass Russland nach dem türkischen “Dolchstoss” die kurdische Autonomie nun noch stärker mit Waffen unterstützt als bisher – und damit indirekt auch die Todfeinde des Sultans, die PKK  – scheint nach dieser ausführlichen und sehr lesenswerten Analyse der “Oriental Review” recht wahrscheinlich.

– und so liest sich, auf FB bei Pepe Escobar – wie die syrischen Kurden auf Twitter Daesh/IS/ISIL einschätzen: “Housed in Turkey, trained in Jordan, logistics by Pakistan, literature from Saudi Arabia, funding from Qatar and Saudi Arabia, on the ground day to day running by Israel, weapons by the US, intelligence by the British, Germans and French, original weapons from Muslim Brotherhood helping them take it out of Libya.” Also wäre,  wenn es denn dem barbarischen IS tatsächlich an den Kragen gehen soll,  außer mit der Türkei und den Saudis auch noch mit einigen anderen “Verbündeten” (von der aktiven Beteiligung Israels wird bis dato mehr gemunkelt als dass handfeste Belege vorliegen) sehr ernsthaft zu sprechen. Deutsche Tornados und Fregatten braucht es dazu defintiv nicht.

– Weil jeder weiß, dass der “Islamische Staat” nicht mit Bomben besiegt werden kann, und jeder der noch bei Verstand ist einsehen muss, dass der Großplan des Imperiums mit dieser Bande die Hegemonie im Mittleren Osten zu erobern nur noch um den Preis eines Weltkriegs “erfolgreich” durchgeführt werden kann, ist nach einer Viertelmillion Leichen und 10 Millionen Geflohenen eine internationale politische Lösung jetzt unausweichlich: D.h. 1) Isolierung der Finanz,-und Waffenströme in das Kalifat 2.)  Vertreibung der IS-Kämpfer durch reguläre irakische und syrische Bodentruppen mit internationaler Unterstützung  3.) Einsatz einer robusten Blauhelmtruppe aller fünf Vetomächte zur Friedenssicherung und  Gewährung von Autonomierechten für die unterdrückten religiösen und kurdischen Minderheiten in Syrien und Irak. 4) Neuwahlen

Solange wir über 1) nichts Konkretes erfahren ist davon auszugehen, dass die wahabitischen Kopf-Ab-Milizen des Islamischen Staats weiterhin als unsere (un-)heimlichen Verbündeten agieren.

Tornados für oder gegen Terror ?

24.10.15 16:40-BildschirmkopieIrgendwie scheint mal wieder alles nach Drehbuch zu laufen: schrecklicher Terror-Anschlag bei gleichzeitiger Anti-Terrorübung,  tote Attentäter mit überlebenden Ausweisen, ungeklärte Bekennerschreiben, unkonkrete Ermittlungen…klare Schuldzuweisungen…. Ausnahmezustand…. Kriegserklärung…Beistandsersuchen. Und jetzt, man konnte es ahnen, eben auch deutsche Tornados. Dass deren Einsatz in Syrien ohne UN-Mandat völkerrechtswidrig ist, dass von allen fremden Streitkräften in  Syrien allein Russland legal dort operiert, weil es von der  Regierung des Landes zu Hilfe gerufen wurde, ist “in der Stunde der Not” erstmal zweitranging… und die eingebetteten Nato-Postillen stimmen die Bevölkerung schon mal ein. Es gibt ja auch noch nicht genug Kampfflugzeuge in der Region und da muß man in “Solidarität gegen den Terror” dem Franzosen natürlich beistehen. Dass der mit seinen britischen und amerikanischen Freunden dort schon seit Jahren rumbombardiert, Libyen in ein Dschihadisten-Paradies verwandelt hat und Terrorismus nicht eingedämmt sondern produziert hat; dass der Islamische Staat ein Geschöpf der US-Geheimdienste ist, das mit saudischem Geld und Support durch die Türkei, Israel und die NATO  am Leben gehalten wird – und benutzt, weil die Türkei ihre Grenzen gerne 35 Kilometer nach Syrien ausdehnen will und Israel die seinen auf die schon besetzten syrischen Golan-Höhen. All das und noch einiges mehr müßte öffentlich diskutiert werden bevor das Parlament darüber abstimmt, ob ein Bundeswehreinsatz gegen dieses selbstgeschaffene Monster gerechtfertigt und rechtmäßig ist.

Dass es strategisch ohne große Bombardements ein Leichtes wäre, dem Islamischen Staat den Saft abzudrehen, haben zahlreiche Beobachter ad infinitum betont: wenn die Grenze zur Türkei geschlossen und die Zufuhr von saudischem Geld und Waffen gestoppt wird –  beide Staaten sind enge Verbündete des Westens in diesem Krieg ! – geht im “Kalifat” sofort das Licht aus. Dies aber war bis dato nicht im Sinne des Erfinders, der diese salafistischen Wahnsinnigen bis an die Zähne bewaffnet hat. Was geschieht wenn man ernsthaft gegen ihre Versorgungslinien vorgeht mußte vor drei Tagen der russische Bomber erfahren. Auch wenn die hiesigen Großmedien nach wie vor von “Luftraumverletzung” fabulieren, sollte mittlerweile vollkommen klar sein, dass es sich bei diesem Abschuss um einen kriminellen Akt handelte – ausgeführt von der tükrischen Luftwaffe im Auftrag des Erdogan-Mobs. Der Sohn des Sultans, Bilal Erdogan, ist dick im Geschäft mit dem IS und verschifft das gestohlene Öl, das wegen der russischen Attacken auf die Tanklastwagen-Flotte nun auszubleiben droht.

Soll die Bundeswehr jetzt in einer Koalition mit den Kopf-Ab-Saudis und der islamistischen Erdogan-Mafia weiter Schaukämpfe gegen den IS führen, um letztlich doch nur den vom netten Augenarzt zum “Schlächter” mutierten Assad zu beseitigen, wie es der Großplan des US-Imperiums vorsieht ? Dann stünden deutsche Soldaten mit den nunmehr zu netten “moderaten Rebellen” mutierten Al Qaida/Al Nusra-Brigaden in einer Front – um gegen “4+1” (Russland, Syrien, Iran, Irak plus Hiszbollah) Damaskus, Teheran und den gesamten Mittleren Osten zu unterwerfen. Oder soll  es wirklich gegen den Terror des IS gehen ? Dann braucht es keine Tornados und keine Kriegsschiffe, sondern politische Maßnahmen gegen die Türkei und Saudi-Arabien. Sonst bleibt jeder Kampf gegen den IS ein Fake. Falls es Frankreich gelingt, eine große militärische Koalition (inkl “4+1”) zu schmieden, ist der Islamische Staat in wenigen Tagen Geschichte. Viele Flüchtlinge könnten zurückkehren, unter internationaler Aufsicht könnten Neuwahlen stattfinden – und Assads Baaht-Partei würde sehr wahrscheinlich  gewinnen. Das ist das Problem. Die syrische Bevölkerung wird solange bombardiert bis sie endlich “richtig” wählt. Sollte das Grundgesetz noch irgendetwas wert sein, dürfte sich die Bundeswehr an solchen Angriffskriegen natürlich nicht beteiligen. Wie’s ausschaut kann unsere Panzer-Ursel aber kaum abwarten zur Tornado-Uschi promoviert zu werden…

27.11.15 09:02-Bildschirmkopie

Von der dunklen Seite des US-Imperiums

25.11.15 22:24-Bildschirmkopie

Tommy Hansen hat für Free 21 einen meiner historischen telepolis-Artikel im PDF-Format neu produziert:

“Als dem großen Erzähler Mark Twain gegen Ende seines Lebens nicht mehr zum Lachen war, wollte sein Publikum das nicht hören. Seit ihn die Zeitung „Alta California“ 1866 für eine Reportage auf die damaligen Sandwich-Inseln, das heutige Hawaii, geschickt hatte, liebten die Amerikaner den Satiriker und Spaßmacher, der Sitten und Gebräuche der Eingeborenen ungeniert verspottete – so auch als er später die erste US-amerikanische Reisegruppe auf einer Tour durch das alte Europa begleitete. Dessen „kultivierte Barbaren“ und ihre Gebräuche waren für Twain kaum weniger exotisch als die Bewohner Hawaiis – und in seinem berühmt gewordenen Reisebericht „The Innocents Abroad“ (Die Arglosen im Ausland) ließ er es Spott nicht fehlen.
Von Palästen und Prachtbauten fühlte er sich als überzeugter Demokrat abgestoßen, Kathedralen, Kunst und Kirchenprunk des alten Europa lehnte er als „nutzlosen Plunder“ ab, der zur Unterstützung der Armen besser verkauft werden sollte. Und für die „schreckliche deutsche Sprache“, die er zu lernen versuchte, verfasste er einen Katalog von Verbesserungsvorschlägen („Zuallererst würde ich den Dativ abschaffen!“).
So naiv-satirisch Twains Vorschläge daher kamen, so ernst waren sie letztlich gemeint: Dass allein die Segnungen des modernen, pragmatischen Amerika der rückständigen Menschheit aufhelfen, konnten war für ihn vollkommen selbstverständlich. Spätestens mit der amerikanischen Eroberung der Philippinen (1899) aber wandelte sich der humorige Weltenbeglücker und Prediger des amerikanischen Fortschritts zu einem radikalen Kritiker seines Landes.
Dass die amerikanischen Ideale von Demokratie und Freiheit nur als Mäntelchen benutzt würden, um Geschäftsinteressen, Eroberungen und Ausbeutung durchzusetzen, gehörte bis zu seinem Tod (1910) zu Twains festen Überzeugungen – und er wurde nicht müde gegen Imperialismus, Kolonialismus, Korruption und Rassentrennung anzuschreiben, um „sein“ Amerika wieder auf den rechten Weg zurückbringen. Doch wenn er auf die Bühne kam, lachten die Leute kaum, dass er nur das Wort erhob. So vermutlich auch bei seinem Vorschlag, mit dem er das Banner seiner demokratischen Ideale, die amerikanische Flagge, vor dem Missbrauch durch die Imperialisten retten wollte: „Wir nehmen einfach unsere übliche Flagge, übermalen nur die weißen Streifen schwarz und ersetzen die Sterne durch einen Totenkopf mit gekreuzten Knochen.“

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