Oa’zapft ist: Die weltweit größte Orgie mit Suchtmitteln hat begonnen

“Schwerste Exzesse von voraussichtlich mehr als sechs Millionen Drogengebrauchern werden heuer wieder beim sogenannten Oktoberfest in München erwartet. 16 Tage und Nächte lang trifft sich auf der Theresienwiese eine internationale Drogenszene zur weltweit größten Orgie mit Suchtmitteln. Die Polizei rechnet mit täglich Zehntausenden von berauschten Probierenden und Dauerkonsumenten aller Altersstufen. Die Rettungsdienste halten rund um die Uhr ein massives Aufgebot an Hilfskräften in Bereitschaft. Allein das Bayerische Rote Kreuz (BRK) hat 73 Ärzte und 831 Sanitäter und Schwestern im Einsatz. In den Kliniken stehen Notfallbetten zur Behandlung akuter Intoxikationen, rauschbedingter Psychosen und Verletzungen bereit. Chillout- Räume mit „Ausnüchterungsliegen“ wurden beim „Schottenhammelzelt“ auf dem Festgelände eingerichtet. Die stark ritualisierte Drogenaufnahme der Abhängigen beginnt mit dem gewaltsamen Öffnen eines riesigen Holzzubers, in dem sich große Mengen der psychoaktiven Substanzen befinden. Unter Aufsagen kultischer Formeln („O`zapft is!“) beginnt der Missbrauch.“

So begann in der „taz“ vor genau 20 Jahren die beste Reportage, die je über die “Massenintoxination in München” geschrieben wurde und weil dieser ethno-pharmakologische Report nach wie vor höchst aktuell ist, zitieren wir – mit Erlaubnis der Autoren Manfred Kriener und Walter Saller – noch ein wenig weiter:

„Als Location dienen vorübergehend installierte Zelte, in denen das Rauschgift aufgenommen wird. Zur Applikation werden gläserne Rundbehältnisse  benutzt, die exakt 1.000 Kubikzentimeter Flüssigkeit fassen –  „Maß“ genannt. In ihnen befindet sich das Rauschmittel: ein durch Vergärung von Gerste entstandenes, leicht bitter bis süßlich schmeckendes Substanzgemisch mit durchschnittlich 3,5 bis 6 Prozent Alkohol, dem pharmakologischen Hauptwirkstoff. Die Drogenaufnahme wird meist von dröhnenden Blechinstrumenten und Schlagwerken begleitet. Eigens von den Rauschgiftherstellern –„Brauereien“– engagierte Vorsänger stacheln den Konsum an: „Oans, zwoa, g`suffa!“…. Der Stoff wird meist von tief dekolletierten Frauen in sexuell aufreizender Tracht („Dirndl“) angeboten. Abgestellte Eichwächter des staatlichen Ordnungsamtes achten darauf, dass die Drogengebraucher nicht durch den Dealer „gelinkt“ werden. Stichprobenartig kontrollieren sie, ob sich in den Behältnissen die bezahlte Menge an Drogen befindet, und gewährleisten so eine standardisierte Rauschtiefe….

„Schon wenige Minuten nach dem Missbrauch der suchterzeugenden Substanz kann eine Euphorie und Bewusstseinsveränderung beobachtet werden. Danach setzt ein Gefühl des Wohlbefindens, der Enthemmung und des verminderten Antriebes ein….

Bei den häufig auftretenden, schweren Überdosierungen kommt es zu lähmenden Wirkungen auf das Zentralnervensystem. Im vergangenen Jahr mussten ambulante Mediziner auf der Theresienwiese 265 schwer Überdosierte notärztlich versorgen.

1996 hat allein in der Bundesrepublik das Rauschgift 40.000 Drogentote gefordert. Die Zahl der Abhängigen wird auf drei Millionen geschätzt….Bei Ausschreitungen der Berauschten muss mit Toten und Schwerverletzten gerechnet werden. In den vergangenen beiden Jahren registrierte die Münchner Polizei in ihrer „Wiesnbilanz“, drei Todesfälle, 905 Körperverletzungen, 13.952 Verwarnungen. 1.121mal mussten die Beamten wegen Raufereien, Messerstechereien und anderen rauschbedingten Straftaten ausrücken. Besonders häufig schlagen die User mit ihren kaum geleerten Drogenbehältnissen aufeinander ein. Die Beschaffungskriminalität ist groß: 490 Diebstähle und 22 Fälle von Raub wurden in den letzten beiden Jahren aktenkundig. Die von der bayerischen Landesregierung geförderte Massenintoxikation endet am Sonntag, 5. Oktober um 23.30 Uhr.”

2017 wird es der 3. Oktober sein, an dem die größte Rauschgiftparty der Welt endet, die „Maß“ kostet dieses Jahr statt zehn Mark 70 zehn Euro 70 und auch ansonsten hat sich an der Bilanz von Rotem Kreuz und Polizei nur wenig geändert – und schon gar nichts verbessert. Die Zahl der Drogentoten durch Alkohol ist seitdem mit 74.000 fast auf das Doppelte gestiegen. Neu in der Oktoberfest-Statistik sind mittlerweile allerdings Festnahmen wegen Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz: 238 Mal mussten die Gesetzeshüter 2016 deshalb einschreiten, meistens weil Besucher Blüten der Hanfpflanze konsumierten. Auch wenn das sogenannte Marihuana weder süchtig macht noch gewalttätig und durch den Genuss noch niemals ein Mensch ums Leben kam – Ordnung muss auf der größten Rauschgiftparty der Welt ja wirklich sein. Wir sind schließlich in Bayern. Hier herrschen Sucht und Ordnung…

Auch als Podcast auf KenFM

Update: Verschiedene bajuwarische Linguistik-Experten haben mich darauf aufmerksam gemacht, dass es nicht “Oa’zapft” (wie in der Überschrift), sondern  “O’zapft”(wie im Text) heißt. Für preußische Ohren schwingt bei diesem bayerischen O” aber immer ein leichtes “a” mit, weshalb es zu dieser lautmalerischen Falschschreibung kam.)

Kleines Blog-Jubiläum

Als ich 2004 anfing zu bloggen – damals auf der Webseite des Verlags Zweitausendeins – hatte ich keinen besonderen Plan, außer interessante Artikel, die ich entdeckt hatte, zu verlinken und zu kommentieren. Dabei ist es bis heute im Wesentlichen geblieben, doch langsam –  nach fast 40 Jahren journalistischer Arbeit bei der man zwangsläufig zum News-Junkie wird – beginnt mein Interesse an tagesaktueller Politik zu erlahmen. Es ist zuviel und doch immer die gleiche Kacke, die irgendwo am Dampfen ist. Wer Augen hat und willens ist, kann es überall sehen. Und das Aufdecken, Enthüllen,  Kritisieren, Anklagen der neuen Scheißhaufen ist eigentlich ziemlich unnötig, so lange die alten noch rumliegen. Auch von fortgesetztem Jammer über den parfümierten Leichnam namens “kritische Medienöffentlichkeit”, der nix mehr riecht, hört und sieht, wird die vierte Gewalt nicht wieder lebendig.

Und doch: Dies ist der tausendste Beitrag auf diesem Blog! Ich hab sie nicht gezählt, aber die Software hat das genauso registriert wie die Zahl der Kommentare, die zu diesen 1000 Postings veröffentlicht wurden, es waren 8542.  Es wären sicher noch mehr, wenn Trolle und Shitstormer automatisch freigeschaltet würden, und auch einige mehr, wenn ich im Forum noch mit diskutieren würde, aber dann wäre die Veranstaltung hier ein full time job. Schon so macht es ja durchaus Arbeit, hier im Schnitt zwei bis drei Mal die Woche etwas halbwegs Interessantes zu posten, um das Publikum bei Laune zu halten, zum Selbstdenken zu ermuntern, zur Wiederkehr anzuregen….

Das gelingt ganz gut, die Besuche sind über die Jahre langsam aber stetig gewachsen und liegen – laut “WordPress Jet Pack” – dieses Jahr bei etwa 30.000 im Monat. Wenn ich mir vorstelle, welcher Aufwand es Anfang der 1970er für eine Einzelperson war,   mit Schreibmaschine und Wachsmatritze Flugblätter herzustellen um 100 Leute zu erreichen, dann ist  eine solche Reichweite – wenn auch nach heutigem Internetmaßstab immer noch ziemlich bescheiden – einfach phantastisch. Für dieses Interesse und die vielen Kommentare herzlichen Dank.  Ohne Eure/Ihre Aufmerksamkeit würde ich hier nichts schreiben…und solange sie mir weiter geschenkt wird,  geht es heiter weiter…

Die Weltherrschaft

Gestern lief ein Verschwörungs-Feature auf arte  für das ich in Sachen 9/11 interviewt wurde (min. 40) und dann auch das passende Schlusswort sprechen konnte: “Glauben Sie am besten gar nichts, auch nicht diesem Film”.

Unterdessen hatte das Gespräch zum Thema auf KenFM, das am 11.9. um 18.00 online ging, in den ersten 36 Stunden schon über 80.000 Zugriffe. Ich kenne die Zuschauerzahlen von arte und ähnlichen TV-Programmen nicht, vermute aber, dass so manche Sendeanstalt bei solchen Quoten durchaus neidisch wird.  Auch die “Weltherrschaft” der Leitmedien ist gebrochen, sie sind nicht mehr alternativlos und den Dogmen der  Parallelwelt, die sie als Realität präsentieren – wie zum Jahrestag jetzt wieder das 9/11-Märchen von Osama & den Teppichmessern –  glauben immer weniger Zuschauer und Leserinnen. Und das ist gut so….

Zum internationalen Tag der Verschwörungstheorie

Es jährt sich wieder der 11. September, ein Tag der seit nunmehr 16 Jahren in das Weltgedächtnis eingebrannt ist – mit der Erinnerung an 3.000 Tote, mit den pulverisierten Wahrzeichen der Weltmacht USA und mit den Folgen, die als „War On Terror“ bis heute wirksam und spürbar sind. Neben dem Gedenken an diesen Schrecken ist der 11. September mittlerweile aber auch so etwas wie der „Internationale Tag der Verschwörungstheorie“ geworden.

“Hüten wir uns vor Verschwörungstheorien, die mit frevelhaften Lügen von den wahren Schuldigen ablenken”, hat George W. Bush nach den Anschlägen in einer Rede vor den „Vereinten Nationen“ verkündet – um aber dann darauf zu verzichten, eine offizielle Untersuchungskommission einzusetzen, die das Verbrechen aufklärt und die „wahren Schuldigen“ ermittelt. Begründung: Man müsse jetzt alle Kapazitäten nutzen um künftige Terroranschläge zu verhindern und könne diesen deshalb jetzt nicht aufklären. Erst nach massiven Protesten von Familien, die Angehörige im World Trade Center verloren hatten, lies sich 15 Monate später die Regierung herab, den Massenmord untersuchen zu lassen. Und richtete eine Kommission ein, die „Set to fail“ war – zum Scheitern verurteilt, wie der Titel des Buchs lautete, das die beiden Kommissionsvorsitzenden später veröffentlichten. Sie verfügten nur über einen Bruchteil des Budgets, das zwei Jahre vorher zur Aufklärung von Bill Clintons Affäre mit einer Praktikantin aufgewendet wurde, sie konnten keine Zeugen gerichtlich vorladen und durften den wichtigsten Kronzeugen, den in Guantanamo einsitzenden Khalid Scheich Mohamed, nicht einmal sprechen.

Dieser war dort 182 Mal der Folter durch Waterboarding unterzogen worden und seine so gewonnenen Aussagen wanderten 1:1 in den Abschlussbericht der Kommission, als wichtigste Quelle für den harten Kern der Legende: dass nämlich der Chefterrorist Osama Bin Laden aus der Höhle Tora Bora tatsächlich 19 “Hijacker” entsandte, die dann ganz allein und nur dank ihrer magischen Teppichmesser mit zwei Flugzeugen drei Türme pulverisierten.

Wenn die Historiker der Zukunft irgendwann den Beginn des „postfaktischen Zeitalters“ rekonstruieren und feststellen, dass 2004 ein welterschütternder Massenmord durch einen auf Foltergeständnissen basierenden Untersuchungsbericht „aufgeklärt“ wurde und dieses Märchen von Medien und Politik als Realität verkauft werden konnte, dann markiert das Datum 9/11 einen entscheidenden Wendepunkt. Nicht für das Projekt des seit Mitte des 20. Jahrhunderts expandierenden amerikanischen Imperiums, das mit den Anschlägen nur einen weiteren Push für neue Feindbilder und Eroberungen erhielt, sondern für das seit über 200 Jahren laufende Projekt Aufklärung, den Austritt des Menschen aus selbstverschuldeter Unmündigkeit.

Unabdingbar für dieses einst von Kant definierte Projekt war eine kritische Öffentlichkeit, die nach den Regeln der Vernunft über Wahres und Falsches entscheidet. Keine ex cathedra von Päpsten und Kaisern verkündeten Fiktionen, sondern vernunftgeprüfte Fakten, kein Glauben, sondern Wissen, sollten den aufgeklärten Diskurs bestimmen – und eine freie Presse den Autoritäten und der Macht auf die Finger schauen. Soweit die Theorie – in der Praxis jedoch wurde die Nichtaufklärung des Jahrhundertverbrechens und die auf Folter basierende offizielle 9/11- Legende von der Presse klaglos hingenommen und verbreitet. Die „wahren Schuldigen“ standen von Tag eins an fest; jegliche Zweifel, Skepsis und kritische Nachfragen wurden als „frevelhafte Verschwörungstheorien“ der ewigen Verdammnis anheim gegeben.

Das postfaktische 21. Jahrhundert, so werden die künftigen Historiker feststellen, versuchte eine Art Rollback ins dogmatische Mittelalter, wo eine hochheilige Inquisition die Glaubensvorschriften der Kirche vor dem „Frevel“ jeder Kritik sicherte. Die „frevelhaften“ Kritiker wurden damals Ketzer oder Hexen genannt und exkommuniziert oder gleich mit Gewalt beseitigt. Mit Foltergeständnissen wurde Politik gemacht – und dank des Niedergangs des politischen Journalismus und nahezu flächendeckender Gehirnwäsche des Publikums funktioniert das 500 Jahre später schon wieder bzw. noch immer. Als hätte es ein Projekt Aufklärung und eine Presse als kritische und kontrollierende vierte Säule der Demokratie nie gegeben. Sie war mit denen Türmen des World Trade Center zusammengebrochen – und hätte es nicht das schwer kontrollierbare Internet gegeben, wäre die Welt komplett mit der Dunkelheit der Desinformation überzogen worden. So aber konnten die Zweifel an der offiziellen Geschichte an die Öffentlichkeit kommen, das Netz übernahm die plötzlich verwaiste Rolle der vierten Gewalt – um von der ehemals freien Presse sofort in die Schmuddelecke „Verschwörungstheorie“ geschoben zu werden. Wer sich aber dort nur ein paar Stunden informierte konnte sehr schnell feststellen, was die größte, krudeste und gefährlichste Verschwörungstheorie des beginnenden 21. Jahrhunderts war. Es war das Märchen von Osama und den 19 Teppichmessern….

Auf KenFM auch als Podcast

Die Konsensfabrik

Um Propaganda, Rudeljournalismus und den Kampf um die öffentliche Meinung geht es in einem neuen Buch, das Jens Wernicke herausgegeben hat: “Lügen die Medien?”.  Dazu hat er eine Reihe erfahrener und namhafter Journalisten und Medienforscher –  darunter Walter van Rossum (WDR),  Ulrich Teusch, Volker Bräutigam (ARD), Ulrich Tilgner (ZDF), Stephan Hebel (FR), Noam Chomsky   –  befragt. Leute also, denen man schwerlich unterstellen kann, sie redeten der dumpfbackigen Parole “Lügenpresse” das Wort, die aber dennoch klar machen, dass es sich bei dem Buchtitel durchaus um eine rhetorische Frage handelt.

Was Helmut Schmidt 2010 konstatierte,  dass “die politischen Journalisten eigentlich mehr zur politischen Klasse gehören und weniger zum Journalismus” – dass also das, was an Berichten und Kommentaren zur Politik in den Medien erscheint auch nicht nach journalistischen Grundsätzen und Standards gemessen werden kann, ist spätestens seit  dem 11.September 2001 sehr offensichtlich. Solange die Nichtaufklärung des Jahrhundertverbrechens  und  ein auf Foltergeständnissen basierenderer Untersuchungsbericht von nahezu allen politischen Journalisten klaglos hingenommen wurde und wird, solange kann von echtem Journalismus keine Rede mehr sein. Wenn das geht, wenn ein derart offensichtliches B-Picture als Realität verkauft werden kann, dann ist schlechterdings alles möglich.
9/11 ist der Lackmus-Test in der Konsensfabrik des politischen Journalismus, stillschweigende Akzeptanz der offiziellen Legende zählt neben Rechtschreibkenntnissen zu den Mindestanforderungen der Branche. Skepsis und kritischer Verstand sind in der Schmuddelecke des Verschwörungswahns entsorgt.

Paul Schreyer zitiert in seiner Rezension des Buchs den von den Leitmedien hochgeschätzte Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen, der unlängst die die Frage, warum er für Verschwörungstheorien selbst nicht anfällig sei, mit dem schlichten Satz beantwortete : „Mein Systemvertrauen ist letztlich größer.“
That’s it. Und so sind wir im postfaktischen Zeitalter wieder im dogmatischen Mittelalter angelangt, wo einst die “Una Sancta Catholica”  als Konsensfabrik  fungierte und ihre hochheilige Inquisition “Systemvertrauen” herstellte. Mit Foltergeständnissen wurde auch schon damals Politik gemacht und dank des Niedergangs des Journalismus funktioniert das bis heute.
Wie und warum es funktioiniert, darauf wirft dieses Kompendium einen ebenso fundierten wie ernüchternden Blick – auf eine Ruinenlandschaft. Des politischen Journalismus und des Vertrauens, das das Publikum ihm entgegenbringt….

Jens Wernicke (Hrsg.):Lügen die Medien? Propaganda, Rudeljournalismus und der Kampf um die öffentliche Meinung. Westend-Verlag, 368 Seiten, 18 Euro

Lügenbaron mit Software-Update

Es war absehbar, deutete sich schon vor einem Jahr an und jetzt rückt das Comeback immer näher: einer der Favoriten im politischen Schmierentheater des Landes,   der Lügenbaron zu Guttenberg, Freiherr von Copy zu Paste und Doctor Sub Omni Canone ist wieder da. „Die Rückkehr der Guttenbergs“ brüllt „Bild“ auf der Titelseite und jubiliert, dass 80% der Leser den überführten Hochstapler nach einer Wahlkampfrede jetzt wieder für kanzlertauglich halten. Schon im Oktober 2015 war Guttenberg ja in Seehofers “Kompetenzteam” berufen worden und hatte erste Vorträge in Deutschland gehalten.  Ohne Gel im Haar und mit “amerikanischer Lässigkeit” zieht er “das Publikum in seinen Bann”,  freute  sich die FAZ.  Ganz der alte Blender bekannte sich der Ex-Minister “abgrundtief schuldig” für seine Verfehlungen, zeigte sich , so die Zeitung, “schuldbewusst, geläutert, gar gereift” und spielte – Zitat – auf dieser „Klaviatur…ungewohnt virtuos”.

Wir merkten: Gutti kann jetzt auch Demut. Als er freilich hinterherschob: “Ich habe lange gebraucht um meine Eitelkeit zu überwinden,” war es damit auch schon wieder vorbei. Denn wer wirklich bescheiden ist  kann derart eitles Selbstlob gar nicht vom Stapel lassen. Wie schon bei seiner Selbstverteidigungs-Rede 2011, mit der er als “oberfränkische Wettertanne” noch weiter am Amt klebte und den Vorwurf des Plagiats und der Titel-Erschleichung als „abstrus“ vom Tisch wischte, blieb auch sein “mea culpa” hohl – “wie das Grinsen ohne Katze leer in der Luft.” Er hatte auch in fünf Jahre Amerika nichts wirklich dazu gelernt, war aber beim bajuwarischen Publikum als charismatischer Hochstapler immer noch der Doppelmoralapostel der Herzen.  Und insofern natürlich auch wieder minsitrabel und auch  präsidiabel.

Als der Freiherr von Copy zu Paste vor zwei Jahren vom CSU-Patriarchen Seehofer in  sein “Kompetenzteam” berufen wurde munkelt es schon aus Bayern, dass  es ihm bei der Resozialisierung Guttenbergs vor allem um den Aufbau eines Nachfolgers geht, weil er seinen Vize und Vollpfosten Markus Söder als Ministerpräsidenten verhindern will. Außerdem freilich schien im postfaktischen Zeitalter der Fake News jetzt offenbar auch das Alleinstellungsmerkmal gefragt, das “Gutti” als pseudo-promovierter Fake-Experte ohne Frage mitbringt.

Ich hatte die Doktorspiele des Lügenbarons seinerzeit nicht nur wegen der besonderen Dreistigkeit ausführlich beobachtet, mit der Guttenberg  abgekupfert und zusammenkopiert hatte und sein Machwerk auch noch wochenlang verteidigte. Sondern auch weil ich weiß, wie viel Arbeit wirkliche Juristen in ihr Studium und eine echte “Summa Cum Laude”- Dissertation stecken müssen, während sich da ein Schnösel mit großzügigen Spenden an die CSU-Universität Buy-reuth ein Puddingexamen und einen Top-Doktortitel kaufte.

Wäre es aber nicht doch an der Zeit, den nun mit einem Software-Update amerikanischer Think-Tanks ausgerüsteten Politik-Boliden wieder für den Verkehr zuzulassen und ihm ein öffentliches Amt anzuvertrauen ? Wenn mit dem Wurst-Uli ein Millionenbetrüger beim FC Bayern wieder Präsident werden kann, sollte dann nicht auch Fake-Gutti eine zweite Chance bekommen ? Eher nicht, würde ich sagen. Denn anders als Uli Hoeneß, der seinen Fehltritt sofort zugab und mit Knast büßte, setzte sich der Lügenbaron in die USA ab und lies nur Gras über die Kleinigkeit wachsen, die dieser Betrug in seinen Augen war. Insofern würde ich dem geläuterten Uli sofort wieder die Vereinskasse anvertrauen; für den Blender Karl-Theodor aber gilt weiterhin: Wer einmal derart dreist lügt, dem sollte man auch später nur höchstens so weit trauen, wie man seine Waschmaschine werfen kann. Der Witz, mit dem er nach seinem jüngsten Auftritt gegen „Gazprom-Gerd“ Schröder austeilte und der überall in den Medien zitiert wurde, war denn auch wieder ein Plagiat, es war eine Überschrift aus der FAZ und gilt nicht nur für Putinfreunde sondern auch für Plagiatoren: „Alte Liebe rosneft nicht.“

Auf KenFm auch als Podcast erschienen

«Мы хорошие»

Drei Jahre nach dem Erscheinen von   “Wir sind die Guten – Ansichten eines Putinverstehers oder wie uns die Medien manipulieren” kommt jetzt auch die russische Ausgabe des Buchs heraus. Gestern bekam ich die Druckfahnen und das Cover zugeschickt um noch einen Blick darauf zu werfen und letzte Korrekturen anzubringen, was von meiner Seite sofort erledigt ist, denn ich spreche kein Russisch und kann es kaum richtig entziffern. Das Bildmotiv des Umschlag finde ich ein bisschen plakativ, aber kann damit gut leben und werde dem Verlag da nicht reinreden, denn der kennt die potentiellen Leserinnen und Leser in Russland besser als ich.

In Deutschland ist unser Werk nach wie vor sehr gefragt, von den mittlerweile über 200 Leser-Rezensionen bei amazon sind die allermeisten sehr positiv, in der dortigen Liste Bestsellerliste zum Thema Russland belegt “Wir sind die Guten” noch immer einen Platz unter den Top 3. So schön das für die Autoren sein mag, so schlimm ist es, dass in der Ukraine noch immer Bürgerkrieg herrscht und ein Buch, das scharfe Kritik am Verhalten des Westens in diesem Konflikt geübt hat, nach wie vor so aktuell ist.

Wenn Wahlen etwas ändern würden…

Dass die alten Griechen einst erfanden, was wir heute Demokratie nennen – jeder volljährige Bürger hat eine Stimme, das Staatsvolk trifft mittels freier Wahlen seine am Gemeinwohl orientierten Entscheidungen und die Minderheit beugt sich dem Willen der Mehrheit –  entspricht nur sehr bedingt der historischen Realität. Stimmberechtigt waren in Athen nur die “freien Männer”, die etwa 10 % der Gesamtbevölkerung ausmachten. Nur auf diese beschränkende Weise konnte man davon ausgehen, dass auch tatsächlich verantwortungsvoll und informiert im Sinne der Gemeinschaft entschieden würde – denn wer keine Ahnung hat, worum es überhaupt geht, wählt ja immer nur seinen persönlichen Vorteil, also das Falsche. Nicht gemeint war daher: Jede/r wählt mit. Dieses Szenario kannten die alten Griechen nur als Alptraum unter dem Begriff „Ochlokratie“ – also „Herrschaft des Pöbels.“

Schon Aristoteles hatte ja die Gefahr kommen sehen, „dass die Armen, weil sie Mehrheit bildeten, das Vermögen der Reichen unter sich aufteilten”, und James Madison, einer der Gründungsväter der ersten Demokratie der Neuzeit unterstrich noch in der Verfassungsversammlung der Vereinigten Staate anno 1787: „Die erste Verantwortung der Regierung ist es, die Minderheit der Reichen vor der Mehrheit zu schützen.“ Darum geht’s und das ist das Problem, denn die Armen sind noch immer in der Mehrheit, die zudem ständig wächst. Doch sie werden so intelligent geleitet, dass bei sogenannten freien Wahlen nur selten irgendetwas schief geht. Unsere Eliten steuern Wirtschaft, Medien, Politik und Geistesleben mit sanfter, unsichtbarer Hand. Mit bewundernswerter Konsequenz und verantwortungsvoller Klarheit ist es ihnen dabei gelungen die Illusion von Mitbestimmung der Massen aufrecht zu erhalten – mittels schlichter Konsumreize und des Schürens von Ängsten, vulgo: Propaganda. Der Vater der modernen Meinungsmanipulation, Edward Bernays,  der Politik schon 1928 ins Stammbuch: „Unsere Demokratie muss von einer intelligenten Minderheit geführt werden, die weiß, wie man die Massen leitet und lenkt.“

Das weiß sie und tut sie und so schwer ist das auch gar nicht, wenn man mal auf die Statistik schaut (wie wir das in “Die ganze Wahrheit über alles” getan haben) : “Um Deutschland mit absoluter Bundestagsmehrheit (50,1%) zu regieren, benötigt man lediglichdie erklärte Zustimmung von 22,5% der Bevölkerung, also 18 Millionen von 82 Millionen Bürgern. Dass ein knappes 1⁄4 der Bürger de facto als absolute Mehrheit gegen den Willen der anderen 3⁄4 alle Entscheidungen treffen kann, relativiert die Aussage, unsere Form der Demokratie sei repräsentativ. Zustande kommt die Schieflage primär dadurch, dass die meisten Bürger gar nicht repräsentiert werden, insbesondere jene, die alle zukunftsweisenden Wahlentscheidungen am allermeisten angehen, nämlich Kinder und Jugendliche. Zu diesen 18 Millionen „nicht Wahlberechtigten“ gesellen sich 18,6 Millionen Nichtwähler (Tendenz zunehmend) sowie knapp 7 Millionen, die für Parteien gestimmt haben, die die 5%-Hürde nicht überspringen. Etwa 54% der Bevölkerung sind also schon bei Ermittlung der Bundestagsmandate nicht mehr repräsentiert. 1/5 der verbleibenden 46% sind über 70 Jahre alt. Mit etwas mehr als  2/5 der verbleibenden 46% erreicht eine Partei die absolute, demokratisch ermittelte Mehrheit, entscheidet also allein mit den Stimmen von saturierten Rentnern und Systemgewinnern über alle relevanten Zukunftsfragen im Alleingang.”

Der alte Spruch “Wenn Wahlen etwas ändern würden wären sie  verboten” ist nicht aus der Luft gegriffen ist und es stellt sich die Frage: Soll man da noch mitmachen ? Die absentistische Parole “Geht nicht wählen! Das ermuntert die doch nur!” hätte ja durchaus was für sich, aber nur wenn alle ihr folgen…. weil sie nicht mehr bereit sind als  willfährige Statisten bei der Aufführung “Repräsentative Dekoratie” mitzuwirken. Ansonsten – siehe Nichtwähler oben – fallen Absentisten einfach unter den Tisch.
So bleibt am Wahltag einmal mehr nur ein Sortiment kleinerer Übel…in vielen trendigen Geschmacksnoten, für AfD-Protestwähler jetzt auch mit der Note „dumpf-deutsch“. Die Grünen, die nach dem Friedensgebot nun dabei sind eine weitere ihrer Wurzeln – den Umwelt,-und Klimaschutz – zu kappen, treten mit starkem Diesel-Odeur an. Die FDP macht auf Hipster-Jungbrunnen für ältere Zahnärzte und die SPD steuert dank eines Spitzenkandidaten mit dem Charisma einer nassen Nudel auf ein neues All-Time Low zu. Aber erst wird noch ein bisschen Valium-Wahlkampf geführt und am Ende gewinnt Merkel und ändern wird sich NICHTS.

Auch als Podcast auf KenFM erschienen