Big Pharma Crime: Die Opioid-Epidemie

Im August schon hatte die US-Regierung wegen der Opioid-Epidemie den nationalen Notstand ausgerufen:  95 Millionen Amerikaner bekommen Opioide verschrieben, knapp 3 Millionen sind davon abhängig,  59.000 kamen vorletztes Jahr davon ums Leben. Jetzt mußte der von Donald Trump nominierte neue “Drogenzar” Tom Marino auf das Amt verzichten, nachdem ihm Spenden der Pharma-Industrie sowie eine Rolle bei der Gesetzesänderung 2016 nachgewiesen wurde, die den Zugriff der Drogenfahndung DEA auf verdächtige Großlieferungen erschwerte.

Wenn eine winzige Privatklinik irgendwo in der Provinz täglich über 100 Rezepte für eine 2-Monats-Ration “Oxycontin” ausschrieb, reichte für die DEA der Verdacht, um Lieferungen zu beschlagnahmen und Ermittlungen aufzunehmen. Nach dem unter Obama durchgewunkenen Gesetz muss sie nun zuvor Beweise dokumentieren, dass es sich dabei tatsächlich um kriminelle Verschreibungen handelt – und bei den aus dem ganzen Land anreisenden “Patienten” um Dealer, die den Stoff in ihren Heimatstädten dann weiterverkaufen.  Da dies nur mit riesigem Aufwand möglich ist hat das neue Gesetz der ohnehin schon grassierenden Epidemie weiteren Auftrieb gegegeben – und dass Trump nun außer dem Ausrufen des Notstands wirksam dagegen vorgeht, ist nicht erwarten. Warum ? Auf jeden Kongressabgeordneten kommen derzeit zwei Lobbyisten der Pharmaindustrie, Big Pharma ist der Industriezweig mit den meisten politischen Spenden, von 100 US-Senatoren stehen 97 auf der Empfängerliste der Drogenhersteller.

Opioide wie “Oxycontin” kamen erst 1996 auf den Markt, der Familienclan des Herstellers, Purdue Pharma – der zuvor Ohrenschmalz-Entferner herstellte – zählt mittlerweile zu den 16 reichsten Familien der USA. Der Trick,  mit dem aus während des 1. Weltkriegs in Deutschland erfundenen, morphin-ähnlichen Präparat ein Milliardengeschäft und die neue Todesdroge der USA werden konnte, werden konnte, war simpel: man verschaffte dem sofort wirkenden Stoff durch Beimischungen eine länger wirkende “retard”-Wirkung – und behauptete, dass so das Suchtpotential nahezu verschwinde. Den Rest tat dann eine massive Werbekampagne und “Oxy” wurde ein Hit.

Flashback 1896: eine kleine Chemiefabrik in Elberfeld am Rhein – die zuvor vor allem Farben herstellte – brachte ein Opioid auf den Markt, mit dem sie bald zu einem der weltgrößten Pharmaunternehmen wurde. “Heroin” hieß das Wundermittel der Firma Bayer, mit dem die aus dem deutsch-französischen Krieg als Morphinabhängige heimgekehrten Soldaten wieder zu Heroen gemacht werden sollten. Man hatte das Morphin durch Beimischungen ein wenig verändert – und behauptet, dass so das Suchtpotential nahezu verschwinde. Den Rest tat dann eine massive, weltweite Werbekampagne und “Heroin” wurde in einigen Ländern zum meistverkauften Arzneimittel, ein Hit!
An den Geschäftsmodellen hat sich in den letzten 100 Jahren also nichts geändert, genausowenig wie an dem Stoff, um den es geht, den seit der Antike als Schmerz,-und Schlafmittel bekannten Saft des Mohns: Opium. “Ich hab ein Arkanum und heiß’ es Laudanum” hatte Paracelsus einst seine Opiumtinktur gelobt, die mit ihm in die europäische Medizin einzog und bis Anfang des 20. Jahrhunderts für wenig Geld rezeptfrei in jeder Apotheke erhältlich war. Zu Epidemien und massenhaftem Sterben durch Überdosierung und Mißbrauch kam es in all den Jahrunderten allerdings nicht, die setzen erst ein, als mit patentierten Stoffen wie “Heroin” und anderen Opioiden quasi der Turbo gezündet wurde.
Vielleicht wäre es – bevor der nationale Notstand weitere zig-tausende Leichen produziert – durchaus angebracht, als Erste Hilfe das gute alte Laudanum wieder preisgünstig in die Drugstores zu bringen. Weil es kein Patent darauf gibt und keine großen Profite zu erwarten sind, stehen die Chancen dafür allerdings gering. Ein paar Leben liessen sich so immerhin retten. Und ein wenig Zeit gewinnen um die Ursachen dafür anzugehen, warum ein Drittel der Bevölkerung ihr Leben offenbar nur noch mit starken Schmerz,-und Schlafmitteln bewältigt und warum Ärzten und Pharma-Industrie keine andere Therapie einfällt, als sie davon  abhängig zu machen…

Die geheimen JFK-Akten (3): Der Countdown läuft

Der Countdown läuft, am 26. Oktober müssen die letzten noch geheimen Akten zur Ermordung John F. Kennedys freigegeben werden. Es sei denn, die Geheimdienste behaupten, dass  bei bestimmten Akten das Interesse an “nationaler Sicherheit” höher sei als das an öffentlicher Information, dann können die Akten auf weitere Zeit unter Verschluss bleiben. Wegen dieses Hintertürchens ist es noch unklar, welche Files das National Archiv zum Stichtag wirklich freigibt.  Roger Stone, einer der Berater Donald Trumps und Autor eines Buchs, das Kennedys Vizepräsident L.B.Johnson als Mastermind des Anschlags sieht, behauptete letzte Woche verbindliche Informationen darüber zu haben, dass die CIA den Präsidenten dränge, bestimmte Akten zurückzuhalten.

Dass Trump einen Deal mit der CIA machen wird, scheint mir wahrscheinlicher als dass er auf die Abgeordneten und Senatoren beider Parteien hört, die eine vollständige Offenlegung fordern. Schon die bereits im Sommer vom National Archive online gestellten ersten Dokumente hatten interessante Puzzlesteine aufgedeckt und sehr viele weitere sind mit der nun fälligen Lieferung zu erwarten. Und zwar solche, die keineswegs die offizielle Geschichte des Einzelschützen Lee Harvey Oswald  bestätigen – oder gar den Zauber der einzigen magischen Kugel, die den Präsidenten tötete und dem vor ihm sitzenden Gouverneur ein halbes Dutzend Wunden beibgebracht haben soll – sondern  die These untermauern, die meinem Buch über den Fall den Titel gaben: “JFK-Staatsstreich in Amerika”.

Dass die CIA mit der Blockade der gesetzlich vorgeschriebenen Publikation weniger die “nationale Sicherheit” als ihren eigenen Ruf schützen will, liegt auf der Hand – und wäre Trump wirklich der “Sumpfaustrockner”, als der er sich im Wahlkampf angepriesen hat, könnte er mit einem Federstrich sämtliche JFK-Files freigeben und die sinistren Aktivitäten der unsichtbaren Meister in den Tiefen des Staats offenlegen. Deren übergriffige Schweinereien und Verbrechen sind – ähnlich wie im aktuellen Fall des Hollywood-Magnaten Weinstein – unter der Hand ohnehin seit Jahrzehnten bekannt. Ein Ende läßt sich aber nur erreichen, wenn sie aktenkundig und sanktioniert werden. Solange indessen die mörderischen Schweine, die JFK zur Strecke brachten, nicht zumindest in den Geschichtsbüchern auftauchen (weil es für Gerichtsakten wohl zu spät ist), solange lebt ihre Brut  weiter unter uns und setzt ihr Treiben unbehelligt fort.

Immerhin versucht die Universität Texas 54 Jahre danach in einem “mock trial”, den nie stattgefundenen Gerichtsprozess gegen Lee Oswald nachzustellen. Eröffnet von dem großartigen Donald-Impersonator Alec Baldwin – der sich im wirklichen Leben natürlich für die Freigabe der Akten ausspricht – soll die Mordanklage an zwei Tagen vor einer Jury verhandelt werden. Auch ohne Kenntnis der noch geheimen JFK-Files bin ich mir aufgrund der bisherigen Aktenlage sicher, was jeder halbwegs kompetente Strafverteidiger bei diesem Verfahren erreichen muss: Lee Harvey Oswald kann den Gerichstsaal als freier Mann verlassen…

Patridioten auf dem Planet der Affen

Die meisten domestizierten Primaten auf der Erde haben bekanntlich keine Ahnung davon, dass sie Primaten sind. Sie halten sich für etwas Besseres als den Rest des Planeten. Auch ihre Anführer, die Alpha-Männchen, halten sie keineswegs für typische Anführer von Primatenbanden. Selbst wenn sie ihr Verhalten schrecklich finden oder sogar davon entsetzt sind, können sie darin kein ganz normales Primatenverhalten erkennen.

Das Durchschnitts-Bewusstsein der domestizierten Primaten auf der Erde ist also beschränkt. Es zeichnet sich unter anderem dadurch aus, dass es sich eine weder lebende noch tote Katze, mit der Erwin Schrödinger einst die Konsequenzen der Quantenphysik erklärte, nicht vorstellen kann. Koexistierende Zwischenzustände zwischen Dasein und Nicht-Dasein – sei es von Katzen-Körpern oder von Atomteilchen – sind für den gemeinen Primaten-Verstand ein Unding. Und so kommt es, dass auch 80 Jahre nach ihrer Entdeckung die Quantenrealität kaum wahrgenommen wird. Das kann nicht überraschen. Nicht einmal die fast 500 Jahre alte Entdeckung des Kopernikus ist in die semantischen Schaltkreise der Primaten-Hirne eingegangen: bis heute reden sie davon, dass die Sonne “auf” – oder “unter”-geht. Wie tief diese Prägung ist, kann jede/r beim nächsten prächtigen Sonnenuntergang überprüfen: es dauert einige Minuten bis man sich klar gemacht hat und “spürt”, dass nicht die Sonne, sondern die Erde sich dreht.

Woran liegt es, dass unserem Bewusstsein auch nach einem halben Jahrtausend die kopernikanische Wende nicht implantiert ist? Es sind die zwei ältesten und am tiefsten geprägten Schaltkreise des Primaten-Hirns – sie sichern Bio-Überleben und emotional-territorialen Ansprüche – die den von Symbolen ( der Sprache) geprägten 3. Schaltkreis okkupieren. Dank dieses egozentrischen “Reptilien-Hirns” empfinden domestizierte Primaten emotionalen oder territorialen Statusverlust als Bedrohung. Jedes Alphamännchen kann den ganzen Primatenstamm hinter sich bringen, wenn es ihn überzeugt, dass es ein anderes Alphamännchen auf ihr Territorium abgesehen hat. Ist es gelungen, diesen “patriotischen” Schaltkreis anzuklicken und auch noch genügend Bio-Überlebensangst zu produzieren, handelt der Stamm nach Gedankensystemen, die einer rationalen Analyse keine fünf Minuten standhalten. Zwar werden die Anthropologen nicht müde, die vor etwa 11.000 Jahren entstandenen ersten Siedlungen der domestizierten Primaten als zivilisatorische Großleistung zu rühmen – bis kurz zuvor hatten die einzelnen Alpha-Männchen ihr Territorium noch mit Exkrementen abgesteckt und Eindringlinge mit diesen Grenzmarkierungen beworfen; doch wie wenig Zeit seitdem vergangen ist zeigen immer noch eingeprägten Redewendungen: Bis heute ziehen die domestizierten Primaten in den Krieg, um ihren Gegnern “die Scheiße aus dem Leib zu prügeln”. Ist die Operation erfolgreich (oder zeigt der Gegner „Schiss“ und unterwirft sich freiwillig), wird das Territorium neu abgesteckt. Auch wenn der Prozess der Zivilisation Technologien hervorbrachte, die die Scheißhaufen von einst durch Megatonnen-Bomben ersetzten, die grundlegende Struktur ist dieselbe geblieben. “Für Saddam, in Liebe” signierte Verteidigungsminister Dick Cheney im ersten Golfkrieg eine der Bomben auf Irak. Öffentlich müssen sich Primatenführer heutzutage etwas zurückhalten, mit einem “Du dreckiger Scheißer” riskierte ein Verteidigungsminister seinen Job, weshalb er seine Bömbchen dem Feind mit der ironischen Duftmarke “In Liebe” schickt. Diese Kulturleistung immerhin haben 50.000 Jahre Primatenevolution erbracht. Wäre da nicht die gesteigerte Tötungseffizienz der Mittel, man könnte fast von “Fortschritt” sprechen.

Mit der steigenden Zahl und Heterogenität der Bewohner gerät der Landgewinn starker Primatenbanden irgendwann an den kritischen Punkt, an dem Hierarchie und Hackordnung zu zerfasern drohen, Stabilität im Inneren lässt sich nur aufrecht erhalten über einen äußeren Feind, gegen den sich alle zusammenschließen müssen, weil er angeblich allen ans Eingemachte will.
An dieser Stelle humanoider Organisationsentwicklung nun schlägt die Stunde der „Nation“, des Primaten als Patrioten, der gegen eine angebliche Übermacht (die als “Barbaren”, “Hunnen”, “Achse des Bösen” etc. dämonisiert wird) seine Sicherheitszone auf das gesamte Territorium ausdehnt. Nicht das Bedürfnis nach Handel, Wandel und Kommunikation liegt dem Entstehen von Nationen zugrunde, sondern Paranoia. Wenn sie nur ausreichend Angst schüren gelingt es den Primatenführern im Handumdrehen, die Massen unter einer Hohlformel wie „Nation“ zu versammeln. Dass das Nationale als Kitt, als Integrationsklebstoff so hervorragend funktioniert, ändert indessen nichts daran, dass es im Kern hohl und leer ist. Es versammelt eine solche Vielfalt unterschiedlichster Interessengruppen, Lebensvorstellungen, politischer Auffassungen und regionaler Kulturen, dass jede Definition eines „typischen“ Nationalcharakters zum Scheitern verurteilt ist. Beziehungsweise zum Rückgriff auf Klischees und Stereotypen gezwungen, die keiner empirischen Überprüfung standhalten. Was auch für unscharfe Begriffe wie „Kulturnation“ gilt.

Wie wenig 250 Jahre Aufklärung, Rationalismus und Moderne an dieser archaischen Dumpfheit bis dato ändern konnten, zeigen die jüngsten Kriege der Großmacht USA ebenso wie all die kleineren Gemetzel, die sich aufgehetzte Primatenhorden überall auf der Welt liefern. Dass die höheren Schaltkreise des Primatenhirns in ihrer kurzen Geschichte wunderbare Erfindungen hervorgebracht haben und zu großartigen Leistungen fähig sind, kann niemand bestreiten; solange aber die Saurierabteilung ihres Gehirns jederzeit den ganzen Laden übernehmen kann, solange werden sich die Patridioten auf diesem Planet der Affen weiter gegenseitig die Scheiße aus dem Leib prügeln. Bis sie gelernt haben, gleichzeitig heimatverbunden zu bleiben und…. den Nationalismus in Folklore zu verwandeln. Und erkennen, dass die nostalgische Beschwörung des Nationalstaats als Hort der Einigkeit und der Wohlfahrt – gegen die kalte Luft der „Globalisierung“ und die übelwollenden Nachbarn/Russen/Chinesen/ Amis/Moslems/You name it – keine Lösung ist. Weil die eigentlichen Grenzen gar nicht zwischen Völkern und Nationen verlaufen, sondern immer zwischen Oben und Unten….

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Ausgelesen

Bevor ich auf der morgen beginnenden Buchmesse mal wieder nach Neuigkeiten Ausschau halte, hier Hinweise auf einige Bücher, die ich gerade mit Gewinn gelesen habe:

Vor 30 Jahren wurde Uwe Barschel kurz nach seinem Rücktritt als Ministerpräsident Schleswig-Holsteins tot in einer Badewanne des Genfer Hotels “Beau Rivage” gefunden. Patrik Baab, Fernsehjournalist aus Kiel, und Robert E. Harkavy, Politik-Professor aus den USA beleuchten in ihrem Buch “Im Spinnennetz der Geheimdienste” neben dem bis heute ungeklärten Tod Barschels auch zwei andere wahrscheinliche und ungeklärte Mordfälle aus dieser Zeit, den des schwedischen Ministerpräsidenten Olof Palme und des ehemaligen CIA-Chefs William Colby. Und kommen in allen drei Fällen zu dem Schluß: “Wir haben es mit gezielten Tötungen zu tun. Sie waren Teil einer großangelegten ‚Säuberungsaktion‘, bei der missliebige Zeugen aus dem Weg geräumt wurden, die der Spitze der Befehlskette hätten gefährlich werden können.“ Hintergrund sind die illegalen Waffengeschäfte, die als “Iran-Contra”-Affäre teilweise aufgedeckt und mit Hilfe Israels und Südafrikas  über die Häfen in Kiel und Rostock abgewickelt wurden. Und so sind in diese Säuberungsaktion nicht nur CIA und Mossad wie auch BND, Stasi sowie der iranische und der südafrikanische Geheimdienst verwickelt, sondern auch die  “Stay Behind”-Strukturen der Nato (Gladio). Patrick Baab und der Chefermittler der Staatsanwaltschaft im Fall Barschel haben das Buch am Wochenende in einer Pressekonferenz vorgestellt. Es kann einem auf diesen 384 gut dokumentierten Seiten vor lauter Schlapphüten manchmal etwas schwindelig werden, oder auch unheimlich, denn das “Spinnennetz”, das die Autoren offenlegen,  ist erschreckend und eine rechtsstaaliche Aufklärung nicht zu erwarten. Dafür steht für die sogenannten Rechtsstaaten zuviel auf dem Spiel….

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Als ich Ende der 80er Jahre über die Gaia-Theorie von James Lovelock und Lynn Margulis schreiben wollte, galt das Thema bei vielen Redakteuren als New-Age-Esoterik, auch wenn die beiden Autoren – ein Astrophysiker und eine Mikrobiologin –    mit spirituellen Hippiemythen eigentlich gar nichts am Hut hatten. Ihre Beschreibung der Biosphäre und der gesamten organischen und anorganischen Materie als ein großes, selbstorganisiertes System legte allerdings durchaus nahe, Analogien zu dem archaischen Glauben an eine allmächtige Erdgottheit, an “Mutter Erde”, zu ziehen.  Diese Nähe neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse zu vormodernem Wissen macht die Rede von “Gaia” – von der Erde als Gesamtsystem, als Organismus, als Lebewesen –  bis heute schwierig, und so ist auch Bruno Latour in “Kampf um Gaia – Acht Vorträge über das neue Klimaregime” auf vielen Seiten mit Distanzierungen beschäftigt, dass es sich bei Gaia definitiv nicht um eine Religion oder einen romantischen Mythos handelt, sondern um ein Faktum, in das wir Menschen nicht nur eingebunden sind, sondern so konkret eingreifen (Stichwort: Anthropozän), dass wir es endlich verstehen müssen. Dass der als Großdenker gefeierte Soziologe Latour so spät darauf kommt, wundert mich eigentlich, seine “Akteur-Netzwerk-Hypothese”, nach der wir uns die Welt nicht in Subjekt/Objekt getrennt denken sollen, sondern auch den von uns geschaffenen Dingen und Objekten einen aktiven Status, eine Wirkungsmacht, zusprechen und ein “Parlament der Dinge” schaffen müssen – diese Denkweise, eine Art systemischer Neo-Animismus, schien mir von Beginn an perfekt auf “Gaia” zu passen. Umso energischer jetzt sein Plädoyer, sie endlich ernt zu nehmen: “Sie ist das einzige Mittel, die MODERNEN in ihrer Gewißheit darüber, was sie sind, in welcher Epoche sie leben und auf welchem Boden sie sich befinden, zutiefst zu erschüttern und von ihnen zu verlangen, das sie endlich die Gegenwart ernst nehmen.”

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Zufällig aber äußerst passend hatte ich vor Latours Buch über Gaia Andreas Wulfs  Biographie eines Pioniers des ganzheitlichen, organischen Naturdenkens.„Die Erfindung der Natur“ hat die Historikern Andrea Wulf ihr Buch über die Abenteuer Alexanders von Humboldts genannt und wenn es einen genius loci dieser „Erfindung“ gab, dann  waren es Jena und Weimar und die Monate des Jahres 1797, in denen der Blick des auf’s Sammeln und Messen versessenen Humboldt („Freilich kann ich nicht existieren ohne zu experimentieren“) von Goethe für das große Ganze geschärft wird. „Holismus heißt jene Philosophie, für die die ganze Natur – physisch, organismisch und seelisch – eine lebendige Ganzheit bildet…“ hat Humboldt sein Weltbild später beschrieben, zu dem er durch die Goetheschen Naturansichten “gehoben” fühle. Wie 200 Jahre später Lovelock und Margulis wollten auch Goethe und Humboldt ihre Vorstellung nicht religiös-romantisch, sondern empirisch-wissenschaftlich verstanden wissen, doch wurde sie vom Zeitgeist der beginnenden Moderne überrollt: die Natur durch Zerlegung in Einzelteile zu erklären war einfach leichter als ihre Ganzheit zu erfassen. Doch darum können wir heute – siehe Latour oben – nicht mehr herumkommen.

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Von einem, der diese Ganzheit auf heute unkonventionelle Wiese entdeckte, indem er sich als Junge in die wilden Wälder verzog, weil er als deutscher Einwanderer in einem Kaff des amerikanischen Mittelwestens in den 1950er Jahren ein Außenseiter und komischer “Kraut” war, erzählt der Ethnobotaniker und Kulturanthropologe Wolf-Dieter Storl in seinem Lebensbericht.:“Mein amerikanischer Kulturschock – Eine Jugend unter Hillbillies, Blumenkindern und Rednecks.”  Seine Liebe zu einem Hillbillie-Mädchen brachte ihn mit der merkwürdigen Welt dieser “Hinterwäldler” zusammen, im “Summer of Love” und den wilden 60ern ist er mittendrin, er schreibt seine Doktorarbeit über eine spiritistische Gemeinde, in der er ein Haus gemietet hat, er heiratet, hat eine akademische Karriere in Aussicht – und steigt aus aus dem “amerikanischen Traum”.  Amerika “hat mich wie ein Drache verschluckt und wieder ausgespien. Ich bin dem american way of life durch die Lappen gegangen. Und da ich Amerika gut kenne – und die Menschen dort liebe – will ich meinen europäischen Zeitgenossen davon erzählen.” Dabei leuchtet Wolf-Dieter Storl mit ethnologischem, anthropologischem Blick die Winkel und Ecken so gekonnt aus, dass ich das Buch in einem Rutsch runtergelesen habe.

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Aus das eben erschienenen Buch “Die Antisemitenmacher” von Abi Melzer hatte ich hier im Blog schon hingewiesen. Jetzt sind dieselben in Aktion getreten, und haben eine Lesung des in Frankfurt ansässigen Autors untersagt: das Bürgerhaus Gallus hat einen Mietvertrag für eine Lesung aus diesem Buch storniert. Hintergrund sei, so die Frankfurter Rundschau, “ein Beschluss des Stadtparlaments, dem Antisemitismus in der Stadt keinen Raum zu geben”. Ja sauber – dass Melzers halbe Familie in Auschwitz umgekommen ist und er als Publizist und langjähriger Verleger von Judaika wohl weiß, was Judenhaß ist, ist wohl kein hinreichender Grund, um in der Bankemetropole zum Thema Antisemitismus zu lesen.  Jeder Art von  Rassismus in der Stadt “keinen Raum” zu geben, ist richtig und gut, stattdessen aber einen rasenden Philo-Zionismus Platz greifen zu lassen und jeder Kritik daran den Mund zu verbieten, darf aber keine Alternative sein.

Es gibt viel zu tun, pflanzen wirs an!

Politisch riecht es ja schwer nach “Jamaica”, aber in Sachen Hanf ist von einer solchen Koalition eher wenig zu erwarten.  CDU/CSU wollen die Prohibition sturheil weiter an die Wand fahren und Grüne und Liberale werden sich wie in der Vergangenheit mit ihren Forderungen nicht durchsetzen. Vielleicht gelingt es ihnen wenigstens, die völlig unterirdische und ahnungslose Bundesdrogenbeauftragte Mortler durch eine halbwegs kompetente Person zu ersetzen. Falls sie das Justizministerium ergattern,  könnte hier – auch ohne die notwendige Gesetzesreform – schon auf dem Verordnungswege Verbesserungen in die Wege geleitet werden. Um etwa von der absurd hohen Zahl von Strafverfahren herunter zu kommen, die allein wegen Cannabiskonsum  (also nicht wegen Handel, Schmuggel oder Besitz großer Mengen) geführt werden: 145.915 waren es im Jahr 2016, soviel wie noch nie in der Geschichte. Selbst wenn das Betäubungsmittelgesetz noch nicht reformiert würde, könnten diese Verstöße statt als Straftat als Ordnungswidrigkeit eingestuft werden, was ein vernünftiger Justizminister gegen die bierseligen Koalitionäre der CSU gerade noch durchsetzen könnte. Ebenso wie eine sofortige Entbürokratisierung der Cannabis-Abgabe durch Ärzte. Viel mehr aber dürfte  von “Jamaica” kaum zu erwarten sein. Umso wichtiger die neue Petition des Hanfverbands, um die kommende Regierung gleich unter Druck zu setzen. Von alleine wird sie nämlich gar nichts tun…

Vor genau 25 Jahren, im Herbst 1992, saß ich an den letzten Seiten eines Buchs, das ein halbes Jahr später erschien und etwas erreichte, was nur die wenigsten Bücher schaffen: es löste tatsächlich ein, was sein Titel behauptete, nämlich „Die Wiederentdeckung der Nutzpflanze Hanf“.  1996 wurde erstmals wieder Hanf zur Fasergewinnung angebaut, im selben Jahr erfolgte die Wiederaufnahme in das Arzneibuch, zuerst in Form des halb-synthetisch hergestellten Wirkstoffs THC (“Dronabinol”) mittlerweile auch in Form natürlicher Büten, Hanfsamen und Hanföl kamen wieder in die Bioläden, ebenso wie Hanftextilien.
Wie es zu diesem Buch kam, das mittlerweile in der 43. Auflage vorliegt, was sich im vergangenen Vierteljahrhundert daraus entwickelt hat und warum die völlige Entkriminalisierung nur der erste Schritt der Hanf-Renaissance sein kann – darüber werde ich am kommenden Sonntag  auf dem Cultiva Cannabis Congress in Wien sprechen. Und das Schlußwort wird wieder genauso lauten, wie vor 25 Jahren: Es gibt viel zu tun – pflanzen wir’s an!

AfD, NFL, Katalonien – Der Ultraböse ist überall

Die “Washington Post” – 2003 vorneweg mit den Kriegstrommeln gegen die Massenvernichtungswaffen des Irak, mittlerweile im Besitz des Amazon-Oligarchen Jeff Bezos, der wiederum millioneschwere Verträge mit der CIA hat –  die unabhängige, liberale WaPo also hat jetzt definitiv ermittelt, wer für die Wahlverluste von Angela Merkel und für den Aufstieg der rechtsnationalen AfD verantwortlich ist. Es waren keine ökonomischen Gründe, nicht die prekäre Lage von Arbeitslosen und Rentern in “abgehängten” Ostgebieten und auch nicht die Aufnahme von Kriegsflüchtlingen vor zwei Jahren. Es waren… Sie ahnen es und lachen schon, aber die Washington Post meint es wirklich ernst und gilt ja schließlich seit dem Watergate Skandal als so etwas wie das Urgestein des investigativen Journalismus, da macht man keine Witze, sondern recherchiert, deckt auf, enthüllt, kontrolliert die Mächtigen, schaut den Lobbyisten auf die Finger und hat für alles was man behauptet unabhängige, seriöse Quellen… also, die hochmögende “Washington Post” hat aufgedeckt, dass für die Verluste Merkels und die Gewinne der AfD nicht die oben genannten Gründe verantwortlich waren, sondern….leiser Trommelwirbel, Fanfare, Tusch: die Russen!

Quelle für die Topmeldung ist die Digital-Abteilung des “Atlantic Council” , die herausgefunden haben will, dass namenlose Trolle “linked with russia” Reklame für die AfD gemacht haben. That’s it – aber es reicht für ein Editorial mit der Headline  “Der Kreml schleicht sich an Deutschland heran”. Wahnsinn… aber die “New York Times”  ist noch besser und enthüllt: Russen haben mit gefälschten Twitter-Accounts die National Football League (“NFL”) unterwandert und heizen den Aufstand an, dass einige Spieler bei der Hymne nicht  stehen wollen, sondern knieen. Quelle für die Meldung auf Titelseite: die “Alliance for Securing Democracy”, ein neokonservativer Thinktank, der angeblich 600 “russische” Twitter-Accounts gefunden hat, die unpatriotische Hashtags absetzten. That’s it – aber es reicht für einen Titelstory !

Gestern sprach ich mit einem alten Freund, der in Kalifornien aufgewachsen ist, seit Jahrzehnten in Indien lebt, viel in der Welt herumkommt und nach zwei Wochen in den USA gerade in Berlin angekommen war – entsetzt über die Zustände in seiner alten Heimat. Denn fast alle Leute mit denen er sprach – links-liberale, upper middle class Akademiker – würden den Medien die verrückten Geschichten von “Russiagate” abkaufen und tatsächlich glauben, dass Putin Hillary die Wahl gestohlen hätte. Er konnte es nicht fassen: “Sie kennen die Geschichte seit den 60ern, sie wissen was die CIA getrieben hat – und jetzt stehen sie auf ihrer Seite und nehmen ihnen diesen Bullshit ab.” Wie konnte das passieren ? “Die Demokraten können nicht zugeben, das Hillary allein die Schuld hat an diesem fürchterlichen Clown Trump, weil sie Bernie Sanders weggebissen hat, der mit einem Erdrutsch gewonnen hätte.” Sie haben es also selbst verkackt und suchen mit den Russen einen billigen Sündenbock ? “Exactly!” Weshalb man Hillary auch mit keinem Wort kritisieren müsste, denn: es war ja Putin.

Dass sich der Glaube an allmächtige russische Hacker, der Russohackismus,  zu einer neuen Staatsreligion auswachsen könnte , hatte ich ja schon im Sommer befürchtet. Wo jetzt schon hoch heilige Institutionen wie die “National Football League” unterwandert sind und 600 magische Twitter-Accounts mehr Einfluss haben als 68 Millionen andere zeigt sich, was der ultraböse Putin allein mit der Kraft seiner dämonischen Gedankenstrahlen  alles erreichen kann.  Wie in der Dämonologie des Mittelalters gilt jetzt uneingeschränkt die Regel : Wer an diese unheimliche Macht des Teufels nicht glaubt, muss selbst von ihm besessen sein. Wie jetzt die Katalanen, die natürlich nicht allein auf die Idee kommen, über ihre Autonomie abzustimmen. Es wurden ihnen, so die führende spanische Zeitung El Pais, von einem “Netzwerk von Fake-News Produzenten” eingeimpft, im Auftrag von “Russland”.
Man fragt sich ja langsam wirklich, wie die Russen mit ihren derart machtvollen Zauberkräften eigentlich den Kalten Krieg verlieren konnten…

Auch als Podcast auf KenFM

Into The Great White Open: Tom Petty R.I.P.

Tom Petty ist 66-jährig an einem Herzanfall gestorben. Er war einer meiner liebsten “drivin’ & sing along” Musiker und so kennen auch meine Kinder bis heute viele seiner Songs. Entdeckt hatte ich ihn indirekt, über die “Traveling Wilburys”, seine Platte mit Bob Dylan, George Harrison und Roy Orbison. Die hörte ich erstmals im Radio, als wir in den 80’ern mit dem Auto in den USA unterwegs waren, und kaufte im nächsten Plattenladen sofort die CD, die dann auf dieser Reise zur Dauerbeschallung wurde und eine meiner Lieblingsplatten überhaupt. Danach entdeckte ich noch einige andere der großartigen, einfachen und perfekt arrangierten Songs, die er mit seinen “Heartbreakers” gemacht hatte und seitdem, also schon sehr lange, hab ich immer mindestens eine Tom Petty CD im Auto. Er hat uns das Fliegen gelehrt und ist jetzt nach dem Running Down a Dream und dem  Last Dance with Mary Jane   into The Great White Open entschwebt. R.I.P. Tom Petty. Wir Verbliebenen singen weiter mit… and won’t back down!

Die Antisemitenmacher

Wer die israelische Politik kritisiert, wird schnell als Antisemit gebrandmarkt. Das gilt auch für eine Vielzahl von Juden. Abraham Melzer – in Israel aufgewachsen, seit 1958 in Deutschland lebend, Verleger und Publizist –  zeigt in seinem neuen Buch „Die Antisemitenmacher“, das am Montag im Westend Verlag erscheint, wie der Antisemitismus-Vorwurf missbraucht wurde und wird – und wem das nützt. Im Vorwort von Moshe Zuckerman, das heute auf den Nachdenkseiten erschienen ist, heißt es zu der besonders perfiden weil sich “links” gerierenden Gruppe der “Antideutschen”:

“Eine besondere Ausprägung dieser Konstellation der manipulativ-instrumentalisierten Verwendung des Antisemitismus-Vorwurfs bildet die Gruppe der sogenannten »Antideutschen«. Obgleich sie von der realen Anzahl ihrer erklärten Mitglieder eher eine verschwindende Minderheit darstellt, hat sie es zu einer solchen Perfektion ihrer perfiden Agitation gebracht, dass sie auf keinen Fall ignoriert werden darf. Denn ihr (Un-)Geist hat mittlerweile in studentischen Ausschüssen, in Zeitungsredaktionen, in parteilichen Verbänden und politisch agierenden außerparlamentarischen Gruppen Einzug gehalten, sodass man eher von einem Resonanzboden der ursprünglichen Ideologie als von ihren konkreten institutionellen Manifestationen zu reden hat. Ihren Ursprung hatte diese Ideologie in der nach 1989 als Reaktion auf die Vereinigung beider deutschen Staaten aufgekommenen Bewegung, die unter der Parole »Nie wieder Deutschland« ihr (damals noch emanzipativ gemeintes) »antideutsches« Selbstverständnis kritisch zu artikulieren begann. Schnell genug verabschiedete sie sich allerdings von ihren ehemals linken Impulsen – mit dem Zusammenbruch des Sowjetkommunismus fand ihr sogenannter Antifaschismus eine alternative, auf Deutschland sich beziehende Identitätskoordinate: Da Deutschland an Juden ein Menschheitsverbrechen begangen hatte, waren es nunmehr »Juden«, an denen man sich im eigenen Selbstverständnis orientierte. »Antideutsche« waren es auch, die die Gleichsetzung von Judentum – Zionismus – Israel nachgerade zur proklamierten Parole erhoben: Die Solidarität mit »Juden« projizierten sie nunmehr auf das zionistische »Israel«, hassten daher die Palästinenser und pseudokonsequent den Islam, sahen sich entsprechend auch als USA-solidarisch, weil sie in den USA die Hauptunterstützer von »Juden«, »Zionismus« und »Israel« erblickten, und so musste es kommen, dass sie die Reste ihrer ehemaligen linken Gesinnung zugunsten einer neokonservativ gefestigten Kapitalismusapologie abstreiften. Zur Parole geriet ihnen dabei auch im erwähnten Umkehrschluss der »Antisemitismus« beziehungsweise die Verfolgung von allem, was sie »antisemitisch« anmutete, zum ideologischen Fanal. Wenn es eine aus allertiefster deutscher Befindlichkeit handelnde Bewegung gibt, die als Antisemitenmacherin, ja als Inkarnation dieser ideologischen Praxis apostrophiert werden darf, dann sind es die »Antideutschen«. (…)Am schlimmsten (und entlarvendsten) ist jedoch ihre bewusste Ignorierung der historischen Sackgasse, in welche sich der Staat Israel über Jahrzehnte hineinmanövriert hat: Israel will offenbar weder die Zwei-Staaten-Lösung verwirklichen noch anerkennen, dass durch den selbst gewählten Fortbestand der Okkupation objektiv eine binationale Struktur entsteht, die – ob nun als binationaler Staat demokratisch offiziell abgesegnet oder, dies unterlassend, sich selbst zum Apartheidstaat erklärend – früher oder später zwangsläufig das Ende des zionistischen Staates zeitigen muss. Indem man sich aber mit einem solcherart ausgerichteten Israel solidarisiert, redet man nolens volens dem Untergang dessen, womit man sich vorgeblich solidarisiert, das Wort. Dieses Paradoxon ist bislang offenbar keinem der von abgründigen deutschen Befindlichkeiten umtgeriebenen Israelsolidarisierer auch nur zum Bewusstsein gelangt. Jene, die diese fundamentale Einsicht artikulieren, werden von ihnen schlicht als Antisemiten abgeschmettert.”

Abraham Melzer: Die Antisemitenmacher – Wie die neue Rechte Kritik an der Politik Israels verhindert, Westend Verlag, 288 Seitern, 18,00 Euro

Fluch der Demokratie

Das Cover der aktuellen “Zeit” über das eigentlich “unmögliche” Bündnis ist nicht nur wegen der tollen Grafik passend und weil der einarmige Seehofer als Captain Blye der Seeräuber-Angie besonders gut getroffen ist. Die Film-Serie um den Piraten Jack Sparrow (Johnny Depp) passt auch aus anderem Grund zur politischen Lage der Nation:  sie sind ein Dauerbrenner ohne Inhalt. Schon nach der zweiten Folge ging man ja  dazu über, ohne Drehbuch zu drehen, was Sinn macht, denn  “Pirates of the Carribean” hat keine Inhalte,  geht es um nichts. Es ist einzig und allein Choreographie, Action-Balett im Piraten-Ambiente und kann endlos weitergehn, solange die stunts gut, die Musik mitreißend und die Hauptdarsteller attraktiv sind. Was rauskommt ist wurscht,  es geht ja eh weiter wie gehabt, nur ein paar Darsteller wechseln und hier und da mal ein neuer special effect…
Und ganz so ähnlich scheint jetzt auch das politische Theater zu funktionieren, auch da spielen Inhalte keine Rolle mehr, es geht nur noch um Choreographie im Politik-Ambiente, mit allen Zutaten die das Publikum erwartet. Anders als Johnny Depp, der torkelnd durch die Seeschlachten tanzt – immer mit einem zugekniffenen Auge zum Publikum, den ganzen Klamauk nur ja nicht wirklich ernst zu nehmen – erwarten die Darsteller des politischen Theaters  freilich noch, dass ihre Demokratie-Simulation als echt akzeptiert wird. Was allerdings immer schwerer fällt. Denn die wirklich “unmöglichen” (aber auch wirklich spannenden) Bündnisse, tauchen – wie schon am Wahlabend festgestellt – nicht einmal als Vision auf, während die pseudo-“unmöglichen” jetzt in pseudo-dramatischen Verhandlungs-Ritualen( Stichwort: “Verantwortung”) durchgespielt werden.  Unter der Hand aber ist schon ausgemacht, wer in welcher Rolle durch die nächste Folge hoppst. Es geht nur noch um Choreopgraphie. Das ist der “Fluch der Demokratie”…