Wir leben in einer bizzaren Welt, wenn die vernünftigste Rede zu den Waffenlieferungen im deutschen Bundestag vom Rechtsaußen Alexander Gauland (AfD) kommt, wenn die ehemals linke Friedenspartei der Grünen zur hemmungslosen Kriegstreiberin mutiert und ein Vize-Chef der einst moderaten “Zeit” gegen den Russen auch einen Atomkrieg in Erwägung zieht. So kommt es dann auch, dass das progressive Urgestein der USA, Noam Chomsky, die intellektuelle No-Fly-Zone durchbricht und zu der Ansicht kommen kann, dass es derzeit “nur einen westlichen Staatsmann von Statur” gibt, der eine diplomatische Lösung des Ukrainekriegs voranbringt, anstatt ihn anzuheizen und zu verlängern: “His name is Donald J.Trump”.
Was ist passiert, dass die gefährlichen Irren von gestern sich heute in staatsmännische Vernunftmenschen verwandeln und vernünftige Liberale in schießwütige Irre ? Allein die etwa 5000 Zivilisten, die laut UN-Menschenrechtskommission in den ersten zwei Monaten der Ukraine-Invasion ums Leben gekommen sind, können es eigentlich nicht sein, wo das US-Bombardement der Irak-Invasion schon in den ersten zwei Tagen 10.000 zivile Opfer hinterlassen hat, ohne dass sich hier irgendwer groß darüber empörte. Auch acht Jahre Beschuß der Ostukraine durch die Regierung in Kiew mit 13.000 zivilen Opfern hat hier niemanden aufgeregt. Und ein Wolodomyr Zelinskyi wollte diesen Krieg gegen alles Russische dringend beenden – “weil Ukrainer und Russen Brüder sind und sich verstehen, auch wenn sie eine andere Sprache sprechen” – bevor er sich als Präsidentendarsteller kaufen lies und ihn für NATOstan anheizte:
https://twitter.com/i/status/1520884255227744257
In der aktuellen Bizzarowelt, wo ein voll sympathischer Zeklinsky, der mit dem Porträt des Kriegsdienstverweigeres Muhamad “No Viet Cong ever called me nigger” Ali auf dem Hemd um Verständnis und brüderliche Völkerfreundschaft wirbt, plötzlich im olivgrünen T-Shirt aus dem Führerbunker Waffen anfordert und zum Krieg treibt – da kann man es einem alten Mütterchen in der Ostukraine nicht verdenken, wenn sie die Militärfahrzeuge vor ihrem Haus, die Lebensmittel ausliefern, verwechselt. Sie kommt mit der alten sowjetischen Siegesfahne aus dem Haus und dankt Präsident Putin. Der ukrainische Soldat gibt ihr dennoch die Lebensmitteltüte, nimmt aber die Fahne und tritt darauf herum, was der Babuschka aber nicht gefällt – sie will die Fahne wieder, für die ihre Eltern gekämpft haben, und gibt die Lebensmittel zurück. Das Video und das Bild dieser Frau sind in Russland mittlerweile zur Ikone geworden ( Video auf yt über Einstellungen (unten rechts) mit deutschen Untertiteln ):
Dass nicht nur alte Mütterchen, sondern viele Russen ein Rollback in den großen vaterländischen Krieg empfinden ist weniger ein Produkt geschickter Propaganda, sondern hat mit der einhelligen Front zu tun, mit der es der Westen einmal mehr wirtschaftlich und militärisch auf Russland abgesehen hat. Da präemptiv dafür zu sorgen, dass in der Ukraine keine NATO-Waffen platziert werden, ist in den Augen einer großen Mehrheit angemessen.
Für die Russen ist dieser Krieg eine existenzielle Angelegenheit, für die Amerikaner nur einer Kriege und Regierungsstürze, die ihre Regierungen fern der Heimat in Permanenz führen. Oder wie im Fall der Ukraine von ihren Vasallen und Söldnern führen lassen. Jetzt auch – Adi lässt grüßen! – mit 88 Leopard-Panzern, was andeutet, dass nicht nur russische Babuschkas symbolisch in historischen Re-Enactments agieren, sondern auch die Wehrmacht entsprechend anrollt – und da die Bundeswehr für die Ausbildung der Leopard-Schützen sorgen will, dürften auch Hakenkreuz und Wolfsangel, die bevorzugten Tatoos der Asov-Brigaden, wieder mit am Start sein. Ist hier – nach dem brühmten Satz von George Santayana “Wer die Geschichte nicht kennt ist verurteilt sie zu wiederholen” – irgendwie ein “Stalingrad 2.0” in der Mache, diesmal mit einer Kesselschlacht am Donbass ?
Aus der Schulklasse meines Vaters, “Stalingrad-Jahrgang” 1922, haben nur 10 Prozent den Krieg überlebt und es ist ein krimineller Wahnsinn, so etwas jetzt mit Zehntausenden jungen Ukrainern zu wiederholen, denen aus dem Führerbunker in Washington befohlen wird,weiter zu kämpfen und in aussischtsloser Lage auszuharren. Ein Frontbericht von AFP über die Reste der 81. urkainischen Brigade, die 12 Kilometer zu Fuss flüchten mussten, weil sie keine Fahrzeuge mehr hatten, macht nicht nur den traurigen Zustand der Truppe sehr deutlich, sondern auch, dass mehr Waffen aus dem Westen hier so wenig helfen können wie vor 80 Jahren die “Operation Wintergewitter” den Eingeschlossenen in Stalingrad. Denn mit ukrainischen Siegesparolen auf Twittter können vielleicht Wahrnehmungs-Schlachten gewonnen werden, aber keine Kriege am Boden.
“Bislang haben die russischen Streitkräfte bei der Operation Z nur 12 % ihrer Soldaten, 10 % ihrer Kampfjets, 7 % ihrer Panzer, 5 % ihrer Raketen und 4 % ihrer Artillerie eingesetzt”, zitierte Pepe Escobar eine Twitter-Meldung ohne weitere Quellenangaben – was bei den im Nebel des Kriegs stets zweifelhaften Zahlenangaben angesichts der gesamten russischen Firepower als Schätzung aber durchaus realistisch sein könnte. Sicher ist auf jeden Fall, dass die russischen Streitkräfte keine Nachschubprobleme haben und bei Weitem nicht die Verluste, wie sie ukrainisches Material und Manpower Tag und Nacht erleiden, weil sie sich gegen die ständigen Raktenschläge nicht verteidigen können. Beim Lesen des oben zitierten AFP-Berichts über die erschöpfte und überforderte Truppe kam mir “Komm und sieh” von Elem Klimov(1985) in den Sinn, der vielleicht erschütterndste, brutalste und wahrste Anti-Kriegsfilm überhaupt, der morgen anstelle von “Brennpunkt Waffenlieferungen” zur besten Sendezeit in ARD und ZDF laufen müsste. Danach würden es definitiv keine 70 Prozent der Bevölkerung mehr für eine gute Idee halten, ausgerechnet aus Deutschland schwere Waffen gegen Russland zu schicken – aber eben deswegen läuft so etwas dort selbstverständlich nicht. Mit starken Nerven (und englischen Untertiteln) können Sie den Film auf YouTube anschauen.
Nachdem am 3. Mai ein wahrer Regen von Präzisionsraketen auf Depots und Militäreinrichtungen in der gesamten Ukraine niederging, werden dazu in unseren Medien garantiert wieder “Experten” melden, dass Russland jetzt aber sicher die Rakten ausgehen – Meldungen, die nur dazu beitragen, den aussichtslosen Krieg zu verlängern mitsamt der Schlachtbank, auf der die armen Schweine in den Schützengräben geschlachtet werden, statt ihre Leben zu retten – mit einer weißen Fahne. Es ist ein mörderisches Verbrechen, den Präsidenten Zelenski weiter Sieges,-und Durchhalteparolen verbreiten zu lassen, die er selbst nicht glaubt, und die westlichen Medienkonsumenten weiter mit faktenfreier Propaganda über eine bevorstehende russische Niederlage zu füttern. Denn die wird nicht kommen, genausowenig wie der ökonomische Zusammenbruch Russlands. Auch wenn dem exzeptionalistischen Amerika und seinen europäischen Vasallen das Eingeständnis schwer fallen wird: ihre Strategien im Wirtschaftskrieg sind gescheitert, militärisch können sie die Ukraine nicht zurückgewinnen und von ihrem eigentlichen Kriegsziel – regime change in Moskau – sind sie weiter entfernt als je. Die spanische Zeitung El Manifesto hat gerade die neuesten Umfragedaten veröffentlicht:
Die folgenden Daten stammen vom Levada Center, einer unabhängigen russischen Organisation, die alles andere als “Putinistisch” ist. Sie ist so wenig “Putinistisch”, dass sie sogar in die von Freedom House veröffentlichte Liste der unabhängigen Analysezentren in Europa aufgenommen wurde.
Die Daten dieser Umfragen sind eine weitere Bestätigung dafür, dass die politische und militärische Strategie des Westens gegen Russland (eine Strategie, die sogar russische Schriftsteller, Künstler und Sportler bestraft) nicht nur zu einer Barbarisierung des politischen und sozialen Lebens des Westens selbst führt, sondern auch als eine Art schrecklicher politischer und wirtschaftlicher Bumerang wirkt – sie bewirkt das Gegenteil von dem, was von den Befürwortern einer solchen Strategie gewünscht wird.Dies sind die Ergebnisse der Levada-Center-Umfragen vom März 2022:
– Im Vergleich zum Februar stieg die Zustimmung für den Präsidenten von 71 % auf 83 %. Die Zustimmung zu seiner Regierung stieg von 55 % auf 70 %. Die Zustimmung für den Premierminister stieg von 60 % auf 71 %. Die Zustimmung zu “Einiges Russland” [Putins politische Partei] stieg von 39 % auf 54 %.
– 69 % der Russen (52 % im Februar) sind der Meinung, dass sich das Land in die richtige Richtung bewegt, während die Zahl derer, die anderer Meinung sind, von 38 % auf 22 % gesunken ist.
– Nach Putin (44 % Vertrauen) sind die beliebtesten Politiker (mit 15 %) Sergej Schoigu, Wladimir Schirinowski, Michail Mischustin und Sergej Lawrow.
– 64 % der Russen (43 % der jungen Menschen) verfolgen den Ukraine-Konflikt mit Interesse.
81 % (71 % der Jugendlichen) unterstützen die Militäroperation, 14 % sind gegen sie.
Konkret sind 89 % derjenigen, die Putins Politik gutheißen, für die Militäroperation, während 32 % von ihnen sie ablehnen.
– Die Verurteilung des Krieges durch andere Länder wird mit Gehorsam gegenüber den Vereinigten Staaten (36 %), Fehlinformationen in den westlichen Medien (29 %), Vorurteilen gegenüber Russland (27 %), Verletzung des Völkerrechts durch Russland (16 %), Angst vor einer russischen Invasion (15 %) und Empörung über das russische Vorgehen (12 %) begründet. Unter jungen Menschen überwiegen die letzten drei Optionen.
– 53 % der Russen (40 % der Moskauer) machen sich keine Sorgen wegen der Sanktionen.
69 % verspüren keine Probleme wegen der Sanktionen.”
Der Plan, den Russen 400 Milliarden Währungsreserven zu stehlen um den Rubel zu entwerten, den Oligarchen ihre Yachten, Villen und Konten in den Steueroasen zu sperren und zu hoffen, dass diese dann samt der verarmten Bevölkerung Putin vertreiben, war im besten Fall naiv. Außer NATOstan (i.e. ca 15% der Welt) macht bei dem Sanktionszirkus gegen Russland niemand richtig mit und der Energie-Bumerang ist schon auf dem Rückflug nach Europa, wo nur Traumtänzer noch in der Illusion schwelgen, von heute auf morgen auf die Hälfte ihres Energiebedarfs verzichten zu können ohne ins prä-industrielle Mittelalter zurückzufallen. Wir hatten hier schon vor der Invasion die Frage gestellt, wer ein Ende der russischen Energieliegerungen wohl länger aushält: “die russische Außenhandelsbilanz oder Industrie und Haushalte im Westen?” Um die mittlerweile gallopierende Inflation zu kontern würde ich gerne ein paar Wettgewinne einstreichen, wenn jemand einen Broker weiß, wo man auf diese “Pferde” setzen kann, wäre ich für einen Tipp dankbar….
(wird fortgesetzt)
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Die Geduld des Bären ist zu Ende(23.02.22)
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Drei Riesen und die “neue Ära der Multipolarität” (12.02.22)
Frisch aus dem Archiv: Ansichten eines Putinverstehers (18.02.22)
Return of the Kremlmonster: Kuba-Krise reloaded (18.01.22)
Mathias Bröckers/Paul Schreyer: Wir sind IMMER die Guten – Ansichten eines Putinverstehers oder wie der kalte Krieg neu entfacht wird, Westend Verlag (2019)















