“Die Dämonisierung Putins ist keine Politik, sondern ein Alibi für ihre Abwesenheit” – was Henry Kissinger schon 2014 monierte, wurde im Februar 2022 mit dem russischen Einmarsch in der Ukraine beantwortet. Wo keine Politik mehr gemacht wird, droht – wie wir seit Clausewitz wissen – die “Fortsetzung mit anderen Mitteln”: Krieg. Und ist der erstmal im Gange, schaltet die Dämonisierung bekanntlich in den Overdrive, wie seit einigen Monaten die Putinologen in der hiesigen Kampfpresse, wo kein Hitler-Vergleich zu peinlich, keine Pathologisierung zu plump und kein Schwerverbrechen blutig genug ist, um sie nicht dem russischen Präsidenten anzuhängen. Um im selben Atemzug seine Niederlage ankündigen, wegen fehlender Raketen, Streitkräfte, Panzer etc.pp., weshalb man die Ukraine jetzt nur noch mit ein paar reichweitenstärkeren Raketenwerfer:innen bestücken muss, um den “Sieg” sicherzustellen. Was dann von der deutschen Kampfpresse als “Selbstbefreiung” gepriesen wird.
Mit der Wirklichkeit hat das alles nichts zu tun, denn weder ist Putin=Hitler, noch spricht die Realität an der Front für irgendeinen Sieg der Ukraine. Dass das Gegenteil der Fall ist, dass die größte von NATOstan je aufgestellte Stellvertreterarmee langsam aber sicher vernichtet wird, weil sie gegen die Übermacht Russlands schlicht keine Chance hat, wie hier seit Februar immer wieder dargelegt – diese Fakten haben einen tiefen Graben der kognitiven Dissonanz aufgerissen, der offenbar nur noch Projektionen zuläßt, mit denen die eigenen Schwächen und Schatten dem “Feind” zugeschoben werden. Wenn Frankreichs Macron fordert, dass man Putin nicht länger “demütigen” soll, weil man am Ende mit Russland an den Verhandlungstisch muss, ist diese Forderung nach Rückkehr der Diplomatie zwar richtig, deutet aber auch an, wer hier gerade wirklich “gedemütigt” wird – Putin mit grosteken, infantilen, hysterischen Diffamierungen oder der Westen, mit einer krachenden Niederlage in der Ukraine und dem ruinösen Scheitern des Sanktionsirrsinns ? Glaubt Herr Habeck noch, dass er mit einem Öl-Embargo Russlands Wirtschaft ruinieren und Putin stürzen kann, oder projiziert er mit diesem Phantasma schon den Ruin der deutschen Wirtschaft und seinen eigenen Absturz ? Ich denke, in beiden Fällen ist eher Letzteres ist der Fall.
Und ehe wir auch noch die Frage beantworten How Many Frequent-Flyer Miles Would it Cost to Send Ursula von der Leyen Non-Stop to Hell? lassen wir einen uns die Zusammenhänge der aktuellen Energie,-und Lebensmittelkrise von einem Fachmann erklären, der ihre Ursachen bündig zusammengefasst hat: “Eine einfach dumme Politik”. Auch mit allem anderen was er in diesem TV-Interview sagt, ist Putin ziemlich genau auf dem Punkt und nach der ersten goldenen Kriegsregel – “Kenne deinen Gegner” – müssten diese Aussagen kaum dass sie auf “Rossja1” gefallen sind, dem Publikum auf CNN, BBC, ARD zur Kenntnis gebracht werden. Was sie aber nicht tun, weil kein Journalismus, sondern nur noch Propaganda gemacht wird – und da ist es ein Tabu, dass der Ultraböse irgendetwas Richtiges oder Vernünftiges sagt. Und glücklich ist, wer wie Ulrike Guerot angesichts der Aussichtslosigekeit des Kriegs für Friedensverhandlungen plädiert und keinem kriegsgeilen “Mobberator” wie Markus Lanz in die Hände fällt.
Weil seit dem russischen Einmarsch die Maschinerie der Gehirnwäsche, die Karl Kraus schon vor dem ersten Weltkrieg am Laufen sah – “Diplomaten belügen Journalisten und glauben es wenn sie es lesen” – multimedial im Turbo-Modus rotiert , sind beide Seiten abgehoben von der Realität in einem illusionären Wunderland unterwegs. Sie glauben, einen Krieg gegen die größte Nuklearmacht der Welt gewinnen zu können – und weil es nicht wirklich können, schicken sie eine Stellvertreterarmee um wenigstens Schaden anzurichten – und sie glauben, ausgerechnet das rohstoffreichste Land der Erde wirtschaftlich zerstören zu können – und ruinieren sich dabei selbst. Über die Hybris, Ignoranz und Arroganz, die diesen Glaubenssätzen zugrunde liegt, müsste dringend geredet werden, denn die fatalen Folgen dieser Selbstüberschätzung des Westens kosten täglich weitere Menschenleben. Angesichts der mentalen Verwüstungen, die der anti-russische Propaganda-Tsunami angerichtet hat, scheint eine solche Debatte aber zur Zeit schwierig bis unmöglich.
Dmitry Orlov, dessen “Lehre vom Kollaps” ich vor zwei Jahren übersetzt hatte, hat gerade wunderbar beschrieben, wie auch die “Putin ist schuld” – Suada des Westens dabei ist, nach hinten los zu geht: How blaming Putin is helping Putin. Ich empfehle, das ganze Stück zu lesen, hier ein Auszug:
Die Systemkrise, die wir derzeit im Westen (und in anderen Teilen der Welt, die zu eng mit dem Westen verflochten sind, um sich ihr zu entziehen) erleben, wird objektiv vom Westen selbst verursacht. Aber da der Westen es nicht gewohnt ist, seine Fehler einzugestehen (da er sich in seiner eigenen verblendeten Denkweise für überlegen, unentbehrlich und unfehlbar hält), ist er gezwungen, sein episches Versagen in praktisch allen Bereichen damit zu erklären, dass er alles auf Putin schiebt. Das heißt, sie geben nicht einmal Russland im Allgemeinen die Schuld, sondern Putin persönlich; schließlich kann Russland zuweilen gut und angenehm sein (wie unter Gorbatschow und Jelzin), aber Putin sorgt dafür, dass es sich daneben benimmt. Deshalb muss alles Putins Schuld sein.
So weit ist es gekommen: Selbst der Präsident der Vereinigten Staaten (oder wer auch immer seinen Teleprompter bedient), der im Laufe seiner Wahlkampagne geschworen hat, dass er die Verantwortung für alles, was unter seinem Kommando geschieht, übernehmen wird, gibt nun so regelmäßig und monoton “Putins Preiserhöhung” die Schuld, dass der Ausdruck zu einem Mem geworden ist. Inzwischen hat sich das Narrativ “Putin ist an allem schuld” auf alle heikleren Probleme ausgeweitet: Inflation, Kraftstoffpreise, Preissteigerungen bei Lebensmitteln und sogar… Mangel an Babynahrung! (…)
Diese wunderbare Strategie funktioniert kurzfristig sehr gut, hat aber längerfristig aufgrund eines bestimmten Mechanismus der Massenpsychologie eine große Schwachstelle. Oberflächlich betrachtet, ist sie einfach und scheinbar kugelsicher: Putin ist irrational; er hat imperiale Ambitionen, leidet unter Paranoia und Größenwahn, ist besessen von der Wiederherstellung der UdSSR… Da seine Motive irrational sind, kann man ihnen nicht mit rationalen Mitteln wie Verhandlungen, Diplomatie, Kompromissen usw. beikommen. Putin ist ein verrückter Diktator mit vielen Atomraketen, und so können wir nur noch leiden. Dieses Konstrukt scheint für die meisten Zwecke gut genug zu sein, etwa um soziale Probleme, wirtschaftliche Fragen und Führungsversagen weg zu erklären. Aber nur auf kurze Sicht.
Hätte die beispiellose Flutwelle von Sanktionen, die der Westen gegen Russland verhängt hatte, in den ersten zwei oder drei Monaten der russischen “Spezialoperation” in der Ukraine irgendeine Art von greifbarer Wirkung gezeigt, dann hätte diese Strategie ausgereicht, um den Schock der sich entfaltenden Krise für die leidgeprüften Massen im Westen zu mildern (obwohl sich die Krise auch dann weiter entfalten würde, wenn die russische Wirtschaft zusammengebrochen wäre). Auf längere Sicht funktioniert diese Strategie jedoch nicht mehr. Erstens ist das Narrativ “Putin ist schuld” ziemlich eintönig und wird schnell alt. Zweitens, und das ist weitaus wichtiger, wird auf der Ebene des Unterbewusstseins der Massen der Eindruck erweckt, Putin sei ein Gott: supermächtig, supereinflussreich und in der Lage, mit subtilen und unsichtbaren Mitteln sowohl globale als auch lokale Prozesse zu beeinflussen. Darüber hinaus ist der Gott Putin zeusähnlich und verfügt über mächtige atomare Blitze, die seinem ohnehin schon furchterregenden Image noch mehr Schrecken einflößen.
Früher oder später wird das westliche Massenunterbewusstsein einen einfachen und vollkommen logischen Gedanken entwickeln: Wenn Putin allmächtig und supereinflussreich ist und wir mit unseren schwachen “Sanktionen aus der Hölle” nichts tun können, um ihn in drei, dann fünf, dann sieben Monaten zu schwächen oder zu vertreiben, dann müssen wir uns natürlich mit ihm arrangieren und seinen Forderungen nachgeben, bevor es für uns noch schlimmer wird! Und während es für das westliche Massenunterbewusstsein erniedrigend wäre, mit einem kleinen Tyrannen oder einem verrückten Despoten zu verhandeln, ist es keineswegs beschämend, mit einem allmächtigen Halbgott zu verhandeln, der das Schicksal der Menschheit in seinen Händen hält, sondern eine notwendige, unumgängliche und äußerst vernünftige Maßnahme. Darüber hinaus sollte es möglich sein, einen solchen Kompromiss in schmeichelhaften Worten darzustellen: als ein großmütiges Geschenk der Gemeinschaft der zivilisierten Nationen, das in gutem Glauben angeboten wird, um die Welt vor einem nuklearen Armageddon zu bewahren, das von einem wütenden, allmächtigen Halbgott entfesselt werden soll.
Wenn westliche Politiker, wie zu erwarten, nicht bereit sind, mit Putin zu verhandeln und Kompromisse einzugehen, werden die leidenden westlichen Massen ihnen die Schuld für jede Verzögerung geben. Wenn Putin allmächtig und supereinflussreich ist, warum verhandeln sie dann nicht und suchen keinen Kompromiss? Worauf warten sie? Was ist mit ihnen los? Die besser Informierten unter den westlichen Massen können vielleicht sogar eine selten diskutierte, aber ziemlich offensichtliche Tatsache erahnen: Was Putin will, ist gar nicht so unvernünftig. Er will nur einen Teil der Ukraine (nicht notwendigerweise die ganze Ukraine, sondern nur die enthusiastischen, patriotischen russischen Teile ) und er will auch, dass die NATO verdammt noch mal von Russlands Grenzen weg ist. “Wozu brauchen wir diese Ukraine überhaupt?”, könnte sich diese aufgeklärten Elemente fragen. Schließlich haben die meisten Menschen im Westen viele glückliche Jahre damit verbracht, nicht zu wissen, dass die Ukraine überhaupt existiert. Mehr noch: Als sie vor kurzem von ihrer Existenz erfuhren, brach gerade eine sehr unangenehme Krise aus – und sie können den verdammten Ort immer noch nicht auf einer Karte finden! Und jetzt müssen sie unter himmelhohen Benzinpreisen, unerschwinglichen Lebensmitteln, galoppierender Inflation und einem Mangel an Babynahrung leiden – und das alles nur, weil ein paar idiotische Politiker sich weigern, Putin diese verdammte Ukraine zu überlassen, die sowieso niemand haben will? (Nun, Polen schon, aber wer zum Teufel ist Polen?) Kommt schon! Seid vernünftig! Schafft diesen dummen Hunter-Biden-Spielplatz ab und lasst uns weitermachen!
Das ist das neue Narrativ, das sich unweigerlich im Massenunterbewusstsein des Westens herausbildet, und während die Zeit vergeht, die Energiepreise weiter steigen, Engpässe bei allen möglichen Dingen alltäglich werden … und in der Zwischenzeit der Rubel stärker und Russland trotz der “Sanktionen aus der Hölle” immer reicher wird und seine sagenumwobene Mauer aus Artilleriefeuer gemächlich nach Westen über die ukrainische Landschaft zieht, wird dieses Narrativ immer stärker werden und schließlich die Oberhand gewinnen. An diesem Punkt wird jeder Versuch, “Putin die Schuld zu geben”, mit Buhrufen, Zischlauten und einer Salve von verfaultem Gemüse beantwortet werden. Was sollten wir von westlichen Politikern unter diesen Umständen erwarten? Wir sollten keine Überraschungen erwarten; sie werden tun, was sie immer getan haben: Sie werden versuchen, die neue, konkurrierende Darstellung zu unterdrücken. Sie werden jeden “ausschalten”, der versucht, es in den Medien zu artikulieren. (Tucker Carlson aufgepasst!)
Auf diese Weise wird der Westen genau das wiederholen, was in der Ukraine selbst passiert ist – ein Symptom für die schleichende Ukrainisierung des Westens. In der Ukraine hat das Kiewer Regime für jedes einzelne katastrophale Versagen in den Jahren 2014 und 2015 Putin persönlich verantwortlich gemacht. Im Laufe der Zeit ist es ihm gelungen, eine Art Quasi-Kult um Putin als allmächtige böse Gottheit zu bilden, die die arme, von Schmerzen geplagte, kleine, kuschelige Ukraine vernichten will. Infolgedessen hat sich im Jahr 2018 – mehr oder weniger – im Unterbewusstsein der ukrainischen Massen ein neues Narrativ herausgebildet: “Wozu brauchen wir diese von Russland verseuchte Krim oder diesen widerspenstigen Donbass? Warum können wir sie nicht einfach Putin überlassen, damit er uns in Ruhe lässt und wir uns als europäisch orientiertes Land entwickeln können?”
Wie reagierte das Kiewer Regime auf dieses neue Narrativ? Es tat, was es konnte, um es zu unterdrücken. Das war eine unabhängige Initiative, sondern eine koloniale Verwaltungsmaßnahme, die von Washington aus gesteuert wird. Und da Washington damit beschäftigt war, einen ukrainischen Krieg gegen Russland anzuzetteln, war jedes Narrativ, das einen Friedensschluss mit Russland beinhaltete, einfach nicht erlaubt. Deshalb wurden alle politischen Parteien der ukrainischen Opposition verboten, alle nicht von der Regierung kontrollierten Fernsehsender wurden abgeschaltet, und jeder, der es wagte, die Vermutung aufzustellen, dass es eine gute Idee sein könnte, de facto unabhängigen Gebieten die Chance zu geben, ihr Schicksal selbst zu bestimmen, wurde des Separatismus angeklagt und inhaftiert oder getötet. Das Ergebnis war, dass der Westen bekam, was er wollte: einen ukrainischen Krieg mit Russland.
Doch dann ging etwas furchtbar schief. Putin kam dem ukrainischen Angriff zuvor und zündete ein Gegenfeuer, indem er Panzerkolonnen in das zuvor vom Kiewer Regime kontrollierte Gebiet schickte und dessen Logistik durcheinanderbrachte, was seine Schlachtpläne in ein furchtbares Durcheinander stürzte. Dann machte er sich daran, die ukrainische Kriegskapazität mit Hilfe von Raketen methodisch in die Luft zu jagen. Nach dem Zeitplan wird Ende dieses Monats alles verschwunden sein, ungeachtet der westlichen Militärhilfe. Und dann stellte sich heraus, dass Russland auf die “Sanktionen aus der Hölle” vorbereitet war, da es sich acht Jahre lang darauf vorbereitet hatte, und in der Lage war, den Schlag zu ertragen, der dann auf den Westen zurückprallte und ihn in Stücke zu schlagen begann. Der Westen fuhr reflexartig fort, dem ukrainischen Muster zu folgen und alles auf Putin zu schieben. Inzwischen hat sich aber das alternative Narrativ eines allmächtigen Herrn Putin herausgebildet, und wir sollten erwarten, dass immer mehr Stimmen laut werden, die nach Verhandlungen und Kompromissen mit ihm rufen. (…)
(wird fortgesetzt)
Alle bisher erschienen “Notizen” hier
Das Buch über die Geschichte und Hintergründe des Ukraine-Kriegs:
Mathias Bröckers/Paul Schreyer: Wir sind IMMER die Guten – Ansichten eines Putinverstehers oder wie der kalte Krieg neu entfacht wird, Westend Verlag (2019)












