
Am 23. Juni tagte eine Kommission der US-Regierung, die “Commission on Security and Cooperation in Europe”, zum Thema “Entkolonisierung Russlands”. Über den Titel “Decolonizing Russia” , stolperte ich zuerst einmal, weil ich von Kolonien Russlands noch nie gehört hatte. Hat Putin die “Lolita”-Insel von Jeffrey Epstein übernommen und muss jetzt enteignet werden ? Wurden russischsprachige Indigene in Südamerika entdeckt, die einst dem Zaren ihr Land urkundlich übereigneten – im Tausch gegen Bärenfelle? Um welche Kolonien geht es ? Aufklärung brachte der demokratische Abgeordnete Steve Cohen in seiner Präsentation, der darlegte dass die Russen “im Wesentlichen ihr eigenes Land kolonisiert haben” und Russland “keine stringente Nation in dem Sinne ist, wie wir sie in der Vergangenheit kannten.” Weshalb es, so der Autor Casey Michel, ein weiterer Podiumsteilnehmer, bei der “Entkolonialisierung Russlands” nicht nur um die “Aufteilung” und “Zerstückelung” der Russischen Föderation geht, sondern um ein “authentisches Engagement für den Antiimperialismus”. So hatte er es allen Ernstes schon in einem Artikel für “The Atlantic” beschrieben und ganz in diesem Sinne forderte die Konferenz ihre Regierung auf, separatistischen Bewegungen zu fördern und nannte insbesondere Tschetschenien, Tatarstan, Dagestan und Tscherkessien als mögliche Kandidaten für eine “Entkoloniesierung”. Sibirien wurde gesondert erörtert und soll nach Ansicht der Kommission in mehrere Republiken aufgeteilt werden.
Nun könnte man sagen, dass solche Kommissionen, bestückt mit Pappnasen aus dem woken NGO-Sumpf keine Rolle spielen, doch das sind die Regime Change und “Farbenrevolution”-Manufakturen, deren gefährliche Phantatstereien schon mehr als einmal zu mörderischem Chaos und Zerstörungen geführt haben. Wenn hier also jetzt die Zerschlagung Russlands als “moralischer und strategischer Imperativ” gefordert wird, ist das durchaus ernst zu nehmen, zumal der geopolitische Altmeister Zbig Brzezinski Ähnliches schon 1997 vorgeschlagen hatte – es aber auf dem aktuellen Pulverfass des Ukrainekriegs zu tun, hat schon eine besondere Note.
Dass man sich in Russland derartige Verbreitung von “Demokratie” verbittet, musste sich die Zündkerze Olaf Scholz ja gerade schon von Funky Maria sagen lassen. Und die “Dekolonisierungs”-Pläne des US-Statedepartments werden einmal mehr dafür sorgen, dass sich die Russen in ein offenbar stets wiederkehrendes Muster versetzt fühlen : in jedem Jahrhundert schließt sich der kollektive Westen zusammen und fällt über Russland her. 1812 Napoleon mit der größten Armee Europas, 1941 Hitlers Wehrmacht mit ihren Alliierten aus ganz Europa und nunmehr NATOstan mit der gesamten EU. Das hat man, so Außenminister Sergey Lavrov letzte Woche, in Russland sehr wohl verstanden:
“Wir machen uns wenig Illusionen darüber, dass sich die russophobe Stimmung in der EU irgendwie auflösen oder langfristig ändern wird. Aber das ist der Weg, den die Europäer gewählt haben. Als der Zweite Weltkrieg begann, versammelte Hitler eine beträchtliche Anzahl – wenn nicht sogar die Mehrheit – der europäischen Länder unter seiner Flagge, um gegen die UdSSR Krieg zu führen. Jetzt bauen die EU und die NATO eine zeitgenössische Koalition auf, im Wesentlichen, um Krieg gegen Russland zu führen.”
Der Krieg wird von der “Koalition” ja bereits geführt, außer mit größeren Mengen Soldaten mit allem was sie außer Fußtruppen an Geld, Waffen, Beratern und privaten Söldner – sowie an Sanktionen, “Cancel- Kultur” und Russophobie – zu bieten hat. Dass sich die Russen in den “Großen Vaterländischen Krieg” zurückversetzt fühlen, muss da niemanden mehr wundern und es ist wohl auch kein Zufall, das Wladimir Putin als Ziel der russischen “Spezialoperation” in der Ukraine zwei Begriffe aus dem Potsdamer Abkommen von 1945 verwendet hat: “Denazifizierung” und “Demilitarisierung”. Dass eine solche angesichts von Hakenkreuz-Brigaden und der massiven Aufrüstung der Ukraine – aus russischer Sicht – als absolut notwendig angesehen wird, hat wenig mit “Putins Paranoia” zu tun, sondern mit einer realisitischen Einschätzung der Sicherheitslage. Und dass es nicht um die Ukraine geht, sondern um den regime change in Moskau, machen nicht zuletzt US-Pläne wie die “Dekolonisierung” Russlands deutlich: NATOstan rückt nicht nur seit 30 Jahren immer näher, es hat auch keine freundlichen Absichten. Vielmehr schon recht genaue Vorstellungen, dass und wie das Fell des Bären geteilt werden muss. Auch wenn er noch nicht erlegt ist, was sich die glorreichen Sieben auf dem G-7-Treffen in Bayern aber vorgenommen haben. Wenn ich mir diese Herrn unter Führung unserer Ex “Panzer Uschi” bei ihrem Grinsekatzen-Fototermin mit Obersalzberg-Panorama aber so anschaue, wird mir doch ein wenig mulmig. Zuvor hat Boris Johnson ja noch angeregt, dass man wegen der Sommerwärme doch die Hemden ablegen könne, um zu zeigen, dass wir “genauso tough wie Putin” sind…wat ham wer jelacht. Jedoch: mit derartigen Fähnleinführer-Fieselschweif-Clowns Krieg gegen Russland zu führen, kann nur in die Katastrophe führen.
Was den Wirtschaftskrieg betrifft sind wir da ja schon gelandet, mit der grandiosen Strategie den Rubel zu “Rubble” zu schrumpfen – Interfax am 28.6.: «Der Dollar kostet das erste Mal seit dem 28. Mai 2015 weniger als 52 Rubel. Der Euro kostet erstmals seit dem 26. Mai 2015 weniger als 55 Rubel» – und mit Sanktionen Russlands Wirtschaft zu “ruinieren” (A.Baerbock). Eine Studie der “Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft” meldet passend dazu, dass jetzt ein Einruch von 12,5 des BIP droht – in Deutschland, beim Ausbleiben von russischem Gas. Bisher hat Gazprom über “Nordstream 1” noch vertragsgemäß geliefert und angeboten, die aktuelle Reduktion wegen einer durch Sanktionen blockierten Reparatur einer Turbine via “Nordstream 2” zu ersetzen – was Deutschland mit Händen und Füssen ablehnt. Nicht weil damit der Krieg beendet und auch nur ein einziges Leben gerettet wird , sondern weil an dem Dogma festgehalten wird, dass Sanktionen den “Feind” in die Knie zwingen. Und man so tun kann, als ob Russland, das Öl und Gas weiter zu regulären Preisen verkauft, und nicht die eigene Embargo-Politik an den gestiegenen Preisen schuld sei; und “Putin” verantwortlich für die Inflation und nicht FED und EZB, die seit zwei Jahren Geld drucken als ob es kein Morgen gäbe. Wenn aber die Geldmenge in so kurzer Zeit um über 30% (Dollar) bzw. über 20% (Euro) erhöht wird, ist Inflation weder ein Wunder noch vom brutalen Russen verursacht.
Wenn diese glorreichen G7-Spezialexperten jetzt auch noch militärisch richtig loslegen wollen, um es besser zu machen als Napoleon und Hitler, weil es “keinen Diktatfrieden Putins” (Olaf Scholz) geben dürfe, sollte man den “Kriegskanzler” dringend darauf aufmerksam machen, dass die Russen den Weg nach Paris und nach Berlin kennen und die Angewohnheit haben, das Übel, das ihnen auf die Pelle rückt, bis an die Wurzel zurückzuverfolgen. Eine Renovierung des Berliner Führerbunkers, von dem aus er gern den Frieden diktieren will, ist allerdings nicht nötig – für Kinzhal, Sarmat & Co. sind Bunker kein Thema. Das scheint den G7-Zwergen, die sich für militärische Riesen halten, aber immer noch nicht wirklich klar zu sein. Ihr Plan, jedes Friedensabkommen (Minsk) zu verhindern, die ukrainische Armee acht Jahre lang aufzurüsten und dann Donbass und Krim zurück zu erobern, ist gescheitert: die größte Proxy-Armee, die die NATO je aufgestellt hat, wird derzeit im Osten und Süden der Ukraine systematisch zerrieben. Und die Entscheidung, wann diese “Demilitarisierung” beendet ist, liegt nicht bei Biden, Johnson, Macron oder Scholz, sondern allein bei Putin – sowie bei Zelensky, wenn ihm die Erstgenannten erlauben, die weiße Fahne zu schwenken und bedingungslos zu kapitulieren.
Dass es zu diesem schrecklichen “Schlachtfest” mit 500-1000 getöteten und verwundeten Ukrainern pro Tag kommen wird, weil sie gegen Russland keine Chance haben, war absehbar und wurde hier seit Ende Februar vorhergesagt. Den G7-Chefs, die über die NATO-Armeen gebieten, scheint die Wahrnehmung dieser Realität aber immer noch schwer zu fallen, was wohl damit zu tun hat, dass sie es zum ersten Mal nicht mit einem wehrlosen Wüstenstaat zu tun haben, den sie mit Sanktionen und Bombern platt machen können, sondern mit einer nuklearen Supermacht, die sich wirtschaftlich und militärisch nicht nur verteidigen, sondern zurückschlagen kann. Außer hohlen Sprüchen, dass Russland demnächst so gut wie alles ausgeht – Raketen, Munition, Soldaten, Zeit, Geld, Moral, Panzer, Kampffähigkeit etc.pp. – wenn wir nur noch bißchen Material nachliefern und “die Kosten für Putin steigern”, haben sie nichts zu bieten. Wenn es nach landläufiger Definition Wahnsinn ist, immer wieder das gleich zu tun und andere Ergebnisse erwarten, dann sind die westlichen Führer ihm offensichtlich verfallen: mit einer Sanktion nach der anderen, obwohl sie nicht wirken und nach hinten losgehen; und mit einer Erweiterung der NATO (Schweden & Finnland), obwohl die dauernden Erweiterungen der eigentliche Grund für den Krieg sind.
Diese lange Vorgeschichte des Konflikts und der achtjährige Bürgerkrieg in der Ukraine werden in der medialen Empörungsbewirtschaftung der russischen “Intervention” (wie solche Angriffe, Überfälle oder “robuste” Militäroperationen genannt werden, wenn sie von der westlichen “Wertegemeinschaft” ausgehen) in aller Regel unterschlagen, ebenso wie das eigentliche Ziel der G7/NATO-Combo in diesem Krieg – die Zerschlagung und “Entkolonisierung Russlands”. Fidel Castro scheint Anfang der 1990er Jahre die Sache schon richtig eingeschätzt zu haben – die Kommision des US-Statedpartments verkauft ihre imperialistischen Pläne als authentischen “Anti-Imperialismus”; und der Komiker Zelensky sein Regime, das sämtliche oppositionellen Parteien und Medien verboten und die Hakenkreuz-Brigaden zu Nationalhelden erkoren hat, als Verteidiger von “Freiheit” und “Zivilisation”.
(wird fortgesetzt)
Alle bisher erschienen “Notizen” hier
Das Buch über die Geschichte und Hintergründe des Ukraine-Kriegs:
Mathias Bröckers/Paul Schreyer: Wir sind IMMER die Guten – Ansichten eines Putinverstehers oder wie der kalte Krieg neu entfacht wird, Westend Verlag (2019)