3JT #81: GasLighting

Wir leben in irren Zeiten – oder werden wir irre gemacht? Bald gehen bei uns die Lichter aus und die Außenministerin und der Verfassungsschutz befürchten Volksaufstände. Ist daran schon wieder Putin schuld?
Außerdem: Eine Stiftung betreibt mit Staatsgeldern sogenannte „Gegneranalyse“ und hat alternative Medien im Fadenkreuz. In der Ukraine ist ein Geheimdienstplot aufgeflogen. Und was gibt es Neues von Julian Assange? Über all das und mehr berichten Robert Fleischer, Dirk Pohlmann und Mathias Bröckers in Ausgabe #81 des 3. Jahrtausends!

Notizen vom Ende der unipolaren Welt – 40

Weil “Verhandeln” bedeutet, das “Gesicht zu verlieren” was gleich gesetzt wird mit einer “Niederlage”, hat sich der kollektive Westen in eine Sackgasse manövriert, wie  Alastaire Crooke schreibt:

Der Westen ist so sehr in seine phantastische Erzählung vom unmittelbar bevorstehenden Zusammenbruch und der Demütigung Russlands verstrickt, dass er sich selbst “festfährt”. Er kann nicht vorankommen, weil er befürchtet, dass die NATO der Aufgabe, den russischen Streitkräften entgegenzutreten, nicht gewachsen ist (Putin hat darauf hingewiesen, dass Russland noch nicht einmal begonnen hat, seine volle Schlagkraft einzusetzen). Doch wenn der Westen sich auf einen Deal einlässt und sich zurückzieht, würde er sein Gesicht verlieren.
Der Westen hat sich damit zur Geisel seines hemmungslosen Triumphalismus gemacht, der sich als Informationskrieg ausgibt. Er hat sich für diesen zügellosen Hurrapatriotismus entschieden. Bidens Berater jedoch, die die Runen des Krieges – des unaufhaltsamen russischen Vormarsches – lesen, wittern ein weiteres außenpolitisches Debakel, das sich schnell anbahnt. Sie sehen in den Ereignissen keineswegs eine Bestätigung der “regelbasierten Ordnung”, sondern vielmehr eine schonungslose Offenlegung der Grenzen der US-Macht, die nicht nur ein wiedererstarktes Russland in den Vordergrund rückt, sondern auch eine revolutionäre Botschaft für den Rest der Welt (eine Tatsache, die der Westen allerdings noch nicht erkannt hat).
Darüber hinaus zerfällt das westliche Bündnis in dem Maße, wie sich Kriegsmüdigkeit einstellt und die europäischen Volkswirtschaften auf eine Rezession zusteuern. Die heutige instinktive Neigung, erst zu entscheiden und dann zu denken (europäische Sanktionen), hat Europa in eine existenzielle Krise gestürzt.
Das Vereinigte Königreich ist ein Beispiel für das gesamte europäische Problem: Die politische Klasse des Vereinigten Königreichs, verängstigt und verwirrt, war zunächst “entschlossen”, ihren Führer zu beseitigen, um dann festzustellen, dass sie keinen Nachfolger mit der nötigen Ernsthaftigkeit hatte, um die neue Normalität zu bewältigen, und dass sie keine Ahnung hatte, wie sie der Falle entkommen sollte, in die sie sich begeben hatte. Sie wagen es nicht, wegen der Ukraine ihr Gesicht zu verlieren und haben keine Lösung für die kommende Rezession. Und das Gleiche gilt für die politische Klasse Europas: Sie ist wie ein Reh im Scheinwerferlicht eines entgegen kommenden Autos.”

Wobei sich das Reh offenbar auch noch  einbildet,  die beiden entgegenkommenden Scheinwerfer seien zwei Motorräder, durch die man einfach durchschlüpfen kann und alles wird wieder gut… um dann, als sich herausstellt, dass es eine Autoe ist, den Ukrainern auf der Straße zuzurufen: „Sie sterben für Europa, sie haben verdient, den europäischen Traum mit uns zu leben“ (Uschi von der Leyen)… Von dem aber nichts übrigbleiben wird, selbst wenn die EU-Bürokraten am Ende darauf verzichten, die Ukraine beitreten zu lassen – der Euro ist schon jetzt eine Weichwährung und ein Ende ist nicht abzusehen. Der Vorteil, dass eine schwache Währung dem Export zugute kommt, existiert nicht mehr, wenn keine billige Energie für die Industrieproduktion zu  Verfügung steht, sondern teuer eingekauft werden muss – mit  “harten” Währungen wie dem Dollar ( + 15% seit Jahresbeginn) oder dem Rubel, der sogar 44% teurer wurde. Im April hatte ich einem Bekannten, der für die Bundesregierung arbeitet, geraten, bei den  Planungen und  “War Games” das Szenario “Wiedereinführung der D-Mark” auf die Tagesordnung zu setzten, weil man einen Plan B oder C in der Tasche haben sollte, wenn sich der  Superplan A – Russland “ruinieren” – als Sackgasse erweist. Dass er das mittlerweile tut,  ist unbestreitbar – es sei denn, man hat sich  sich mit “zügellosem Hurrapatriotsimus” selbst als Geisel genommen und kommt nicht runter von diesem Trip, weil man Opfer der eigenen Propaganda geworden ist. Eines hysterischen Moralismus, der ein derart ultimativ Böses (Puuuutin) konstruiert hat,  dass jeder Kompromiss ausgeschlossen ist.

Könnte es sein, dass Russland mit seinem Vorgehen in der Ukraine dafür gesorgt hat, dass der kollektive Westen in eine Falle getappt ist?  Warum haben die Russen die ukrainischen Truppen im Donbass nicht längst von der Versorgung abgeschnitten und sämtliche Brücken über den Dnjepr und die Bahnverbindungen zerstört, was sie ohne Weiteres hätten tun können ? Lassen sie zu, dass schwere Artillerie und westliche Waffen an die Front geschafft werden, um sie dort konzentriert leichter zerstören zu können als in den im Land verteilten Depots? Wollen sie dafür sorgen, dass so den NATO-Ländern, die das Material liefern, selbst die Munition und der Nachschub ausgeht? Die USA haben schon ein über Drittel aller ihre Stinger und Javelin-Raketen geliefert und der diensthabene Komiker in Kiew verlangt laufend mehr – in einem Monat verballert die Ukraine eine komplette US-Jahresproduktion. Dass die Russen bei ihrer “Militäroperation” so gemächlich langsam vorgehen –  was westliche Triumphialisten dann sofort auf  “Schwäche” oder Materialknappheit ( “Den Russen gehen die Raketen aus!”) zurückführen – könnte beabsichtigt sein:  Russland lässt sich Zeit, und folgt einer strategischen Weisheit Napoleons : Nicht unterbrechen, wenn die Feinde einen Fehler machen.
Lass sie ruhig noch ein paar “Wunderwaffen” liefern, die am Kriegsausgang nichts ändern,  lass sie  weiter ihre Arsenale leeren, die wegen Rohstoff, -und Energiekrise nur aufwändig wieder gefüllt werden können, lass sie weiter “Sanktionspakete”  schnüren, die ihnen als Bumerang um die Ohren fliegen und ihre ohnehin überschuldeten Haushalte ruinieren. Und lass sie ruhig weiter ihren “Informationskrieg”  gewinnen, und sich als glorreiche Sieger und heilige Kämpfer gegen das Ultraböse und seine Ausgeburt Wladimir Putin fühlen – an den Fakten, der Realität “on the ground”, ändern diese Fiktionen rein gar nichts.
“Der Westen hat Uhren, wir haben Zeit” lautete die Parole der paschtunischen Sandalenarmee, die vor zwei Jahren die NATO aus Afghanistan verjagte. Und jetzt scheint die Zeit für Russland zu spielen, das die NATO aus der Ukraine verjagen will. Denn der geostrategische Plan des US-Imperiums, den Russen mit einem Krieg in der Ukraine ein “Afghanistan 2.0” zu bereiten, geht ebenso nach hinten los wie die Sanktionsorgie im Wirtschaftskrieg. Nicht die Russen, der Westen wird von dem sinnlosen Gemetzel und seinen Folgen zermürbt. Und die NATO steht einmal mehr als Papiertiger da, der zwar gern über wehrlose Nationen herfällt, gegen wehrhafte militärische Gegner aber außer Gebrüll wenig zu bieten hat. 
Auch nicht gegen “das gefährlichste Szenario”, welches Zbig Brzezinski in seinem Buch “Das große Schachbrett”  benannt hat, und das bei dem gestrigen Besuch Putins in Teheran und einem 40-Milliarden-Deal mit Gazprom über die Förderung von iranischem Erdgas besiegelt wurde:
“Das potentiell gefährlichste Szenario [für Amerika] wäre eine große Koalition aus China, Russland und vielleicht dem Iran, eine ‘anti-hegemoniale’ Koalition, die nicht durch eine Ideologie, sondern durch komplementäre Interessen vereint wäre.”
“Joe Biden has finally managed to create that” – schreibt Bernhard von Moon of Alabama dazu. Und man kann nur hoffen, dass der senile POTUS und seine Vasallen in Brüssel, Berlin und Paris langsam checken, auf was sie sich einlassen und dass sie in einem Kampf The West vs.The Rest nur die Verlierer sein können. Die unipolare Welt ist definitiv zu Ende und wer das zu spät merkt, den bestraft das Leben.

Zu Ende scheint es auch mit dem Regime des Komikers und TV-Unternehmers Zelenski zu gehen, der gerade in einer “Säuberungsaktion” seinen Geheimdienstchef, den Generalsstaatsanwalt und weitere Mitarbeiter wegen “Kollaboration” mit Russland entlassen hat. Seit einigen Wochen kursieren schon Gerüchte, dass ein Coup gegen Zelenski und ein Regierungswechsel vorbereitet werden, um einen Ausweg aus dem Krieg zu finden. Der engste Zirkel Zelenskis verläßt indessen schon das sinkende Schiff, darunter der Ex-Parlamentschef  Razumkov, Sicherheitsberater Danyliuk und die unlängst wegen Horromärchen über russische Vergewaltigungen entlassene Menschenrechtsbeauftragte Lyudmyla Denisova. Diese drei scheinen die Ukraine so sehr zu lieben, dass sie lieber im Ausland wohnen, und auch nicht irgendwo, sondern in der Schweiz und nicht in einer bescheidenen Bergütte, sondern jeder in einem stattlichen Anwesen mit reichlich Wohnfläche. Was die Frage, wo denn die Abermillionen, die im schwarzen Loch Ukraine verschwinden, eigentlich landen, zumindenst ein ein Stück weit beantwortet: jedes dieser Chalets im feinen Gstaad hat etwa 9 Millionen Euro gekostet.

(wird fortgesetzt)

Alle bisher erschienen “Notizen” hier
Das Buch über die Geschichte und Hintergründe des Ukraine-Kriegs:

Mathias Bröckers/Paul Schreyer: Wir sind IMMER die Guten – Ansichten eines Putinverstehers oder wie der kalte Krieg neu entfacht wird, Westend Verlag (2019)

 

 

Notizen vom Ende der unipolaren Welt – 39

 

Hätten die Russen im  Juli vor 80 Jahren schon lenkbare Präzisionsraketen vom Typ “Kalibr” gehabt, wie sie jetzt in einem Offiziersclub in der ukrainischen Stadt Winniza eingeschlagen sind, wäre der Weltkrieg sofort erledigt gewesen. Oder zumindest der “Führer”, der am 2. Juli 1942 dort sein östliches Hauptquartier “Werwolf” bezogen hatte, um für drei Monate den Krieg an der Ostfront zu beaufsichtigen. Das Country Club-artige Gelände mit 81 Gebäuden, drei Bunkern, Kino, Sauna und Swimmingpool wurde von 4000 Zwangsarbeitern errichtet, die anschließend in Massengräber verscharrt wurden. Dem Bestreben, dort nicht nur eine Gedenkstelle für die Opfer, sondern ein Museum einzurichten, hatte sich die Regierung Yanukowitsch 2011 noch widersetzt, 2016 jedoch wurde ein Museum errichtet – der  Hitler-Bunker, berichtete die “Welt”,  soll Besucher in die Ukraine locken.  Zu besichtigen ist dort allerdings nichts mehr, die Anlage wurden von den Deutschen bei ihrem Rückzug gesprengt und besteht nur noch aus einem Trümmerfeld. Zu einem solchen hatte die Naziarmee bei ihrem Rückzug auch die angrenzende Stadt Winniza gemacht, die dann von der Sowjetunion wieder aufgebaut wurde – unter anderem mit einem stattlichen, neo-klassischen Bau im Zentrum, dem “Haus der Offiziere”. Dieses liegt seit dem vergangenen Mittwoch, wie das russische Verteidigungsministerium am 14.7. meldete,  ebenfalls in Trümmern:

“Am 13. Juli wurden auf das “Haus der Offiziere” der Garnison in Winniza die hochpräzisen, seegestützten Kalibr-Raketen gestartet. In der Einrichtung fand eine Konferenz der ukrainischen Streitkräfteführung mit Vertretern ausländischer Waffenlieferanten statt, auf der die Entsendung einer weiteren Charge von Flugzeugen, Zerstörungsmitteln sowie die Organisation der Reparatur ukrainischer Flugzeuge erörtert werden sollten. Der Angriff führte zur Ausschaltung der Konferenzteilnehmer.”

Letzteres wurde von ukrainischer Seite nicht bestätigt,  dass aber das Haus der Offiziere dahin ist, zeigen zahlreiche Fotos und Videos des Gebäudes, zu denen von westlicher Seite aber nur von russischen “Angriffen auf Zivilisten” (und 24 Toten) die Rede ist – dass der Offiziersclub  ein “mögliches Ziel” der Attacke gewesen ist, wird von der “New York Times” im sechsten Abschnitt des Artikels eher nebenbei erwähnt. Tatsächlich war er das  eigentliche Ziel und wurde aus 200 Kilometern Entfernung exakt getroffen, was  für die triumphalistischen Medien aber nicht ins Bild passt und besser unerwähnt bleibt. Zumal man dann auch hinzufügen müsste, dass derartige Treffer auch auf jedes andere Gebäude, jeden anderen Treffpunkt,  jederzeit möglich sind und selbst neuartige Führerbunker vor  Kinzhal, Sarmat & Co. nicht sicher. Für NATO-Berater, Waffenhändler und ihre Freunde gilt:  ukrainische Offiziersclubs besser meiden – die Russen haben da ungute Erinnerungen. Sie sehen das mit Autokratie vs. Demokratie historisch und aktuell genau anders herum als der kollektive Westen. 

Und sie haben offensichtlich die besseren Raketen, was den “Experten” des US-Imperiums allerdings schwer in den Kopf geht. Wenn sie sich ihr Budget ansehen, kann und darf das eigentlich nicht sein. Deshalb wurde schon im März verkündet, dass Russland bald die Raketen ausgehen. Im Juli aber dann festgestellt, dass schon 2.500  gefeuert wurden und kein Ende abzusehen ist. Dass im Gegenzug mit den amerikanischen HIMARS jetzt auch ein paar Munitionsdepots und zivile Gebäude hinter der Frontlinie zerstört werden konnten, wird in den Medien zwar als Erfolgsgeschichte verkauft, ist aber nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein. Seit dem 24. Februar werden jeden Tag und  jede Nacht ukrainische Depots, Stützpunkte und Militäreinrichtungen von russischen Raketen getroffen. Selbst wenn morgen nicht nur ein halbes Dutzend, sondern von Zauberhand 100 HIMARS an der Donbass-Front stünden, würde das die Schlacht zwar verlängern, aber nicht entscheiden. Dass der regierende Komiker Zelenski  jetzt tönt,  die Ost-Ukraine und die Krim zurückzuerobern,  hat wenig mit irgendeiner realistischen Aussicht zu tun, sondern eher mit zu viel kolumbianischem Marschierpulver – sowie der Anweisung seiner transatlantischen Overlords, bis zum letzten Ukrainer kämpfen zu lassen. Was gnadenlos grausam ist: allein bei den Raketenangriffen, so der Blog “Military Summary”, der ukrainische und russische Quellen auswertet, kommen derzeit etwa 25.000 Soldaten und Söldner  der ukrainischen Armee ums Leben.
Dass es zu diesem schrecklichen, sinnlosen Blutvergießen kommen wird, hatte ich hier seit Anfang März vorhergesagt und deshalb im Namen realpolitischer Vernunft sofortige Verhandlungen gefordert.  Das hätte zigtausende Tote und unendliches Leid erspart, doch der kollektiv wahnsinnige Westen hat noch immer nicht genug davon und lässt weiter kämpfen und sterben. Kriegskanzler Scholz haute dafür vor seinem Urlaub im Allgäu in einem Gastbeitrag für die FAZ noch einmal auf den Putz:

“Dass wir unsere Sanktionen womöglich lange Zeit aufrechterhalten müssen, war uns von Beginn an klar”, schrieb Scholz. Präsidenten Wladimir Putin müsse klar sein, dass bei einem russischen Diktatfrieden in der Ukraine keine einzige Sanktion aufgehoben werde.

Auch wenn man den Unsinn noch so oft wiederholt, dass man sich keinen Frieden “diktieren” lassen will: wer im Krieg verliert, kommt um Diktate nicht herum. Und wer “zum geopolitischen Akteur” werden will, was Scholz angeblich möchte, kann das niemals, wenn er sich als unterwürfiger Vasall von der Energieversorgung abschneidet und den Industriestandort Deutschland mit Vollgas an die Wand fährt. Die Drohung, dass auch bei Kriegsende keine einzige Sanktion aufgehoben wird, war den Russen von Beginn an klar, damit kann Scholz Putin nicht erschrecken. Ihm sollte aber mit Blick auf die Außenhandelsbilanz, die Euro-Talfahrt, die Inflation und Rezession langsam klar werden, wer der große Verlierer bei den geostrategischen Ukraine-Russland-China-Schachzügen des US-Imperiums sein wird. Und dass es höchste Zeit wird, sich aus dieser gefährlichen militärischen Durchsetzung unipolarer Hegemonie zu verabschieden und an einer neuen multipolaren Welt zu bauen. Nicht utopisch, sondern realpolitisch: “Wo sind die Realos geblieben?” fragt die Ex-Ober-Reala der Grünen, Antje Vollmer:

Ich verstehe das Dilemma der aktuellen Politik. Ich verstehe sogar, dass sie sagt: Das alles hat uns Putin aufgezwungen. Aber das ist eben nur die halbe Wahrheit. Noch sind wir selbst Herren unserer politischen Entscheidungen. Wir müssen nicht aus Angst vor dem moralischen Tod Selbstmord begehen.
Es gibt keine ernsthafte Alternative zu nüchterner Realpolitik. Wir leben in einer Welt und auf einem Kontinent. Der Traum der demokratisch-moralischen Weltmission des Westens hat einerseits viel liebenswerten Enthusiasmus, andererseits viel Doppelmoral und politische Unvernunft befördert. Die Aufgabe des Augenblicks ist, den fahrenden Zug Richtung Eskalation anzuhalten, nachzudenken und wieder ins Gespräch zu kommen.
Wo sind die diskreten Emissäre aus Frankreich und Deutschland vom Kaliber eines Egon Bahr, die erst einmal dauerhaft ihre Zelte in Moskau und in Kiew aufschlagen, um zu sehen, wo es einen Ausweg geben könnte? Wo ist die Delegation der Uno, die mit einem Mandat der Vollversammlung das Gleiche versucht? Wer greift das durchaus überzeugende Konzept einer Experten-Kommission auf, die im Vatikan getagt und Bedingungen für einen Waffenstillstand erkundet hat? Wo ist die Debatte über dieses Papier in den deutschen Leitmedien? Wo ist eine neue Bewegung der blockfreien Staaten, gestützt auf die wichtigen und bevölkerungsreichen Länder, die sich in der Uno bei der Resolution gegen Russland enthalten haben?
Es stimmt nicht, dass es angesichts dieses Krieges keine Alternativen zur Sanktionspolitik gibt. Es wird nicht einfach, das Steuer herumzureißen. Zu viele waren beteiligt am Weg in die falsche Richtung. Aber sage keiner, die Bevölkerung würde einen solchen Ausweg nicht unterstützen. Das Gegenteil ist der Fall: Alle warten endlich auf ernsthafte Verhandlungen.

Antje Vollmer : Zweifel an der Sanktionspolitik gegen Russland: Wo sind die Realos geblieben?


(wird fortgesetzt)

Alle bisher erschienen “Notizen” hier
Das Buch über die Geschichte und Hintergründe des Ukraine-Kriegs:

Mathias Bröckers/Paul Schreyer: Wir sind IMMER die Guten – Ansichten eines Putinverstehers oder wie der kalte Krieg neu entfacht wird, Westend Verlag (2019)

 

 

 

 

Notizen vom Ende der unipolaren Welt – 38

 

Wenn es grundsätzlich wird in der Debatte über den Krieg und tendenziell nur noch  Schwarz/Weiss gedacht und sich Unterdrücker und Freiheitskämpfer alternativlos gegenüberstehen, werden derzeit gern die Begriffe “Demokratie” und “Autokratie” bemüht. Also wir, die guten Demokraten im Westen, gegen die üblen Autokraten im Osten. Mit dieser Dichotomie setzt der neue Kalte Krieg nahtlos auf der Systematik des alten auf, als die Autokraten noch “Soffjets” (Adenauer) und “Kommunisten” genannt wurden. Und wie einst “Kreml-Astrologen” die teuflischen Aktivitäten des ZK vorherzusagen versuchten – und in ihrer Echokammer derart ahnungslos waren, dass sie vom Zusammenbruch der Sowjetunion völlig überrascht wurden –  sind nun ganze Heerscharen küchenpsychologischer Putinologen und Ferndiagnostiker am Werk, um die nächsten Schritte des im “Hitler-Stil” (The Sun) agierenden russischen Präsidenten zu deuten. Und liefern Analysen, die an keinem Bullshit-Detektor vorbeikämen – wären die in Medienhäusern und Verlagen nicht längst abgeschafft – und von der Realität regelmäßig widerlegt werden. Wie jetzt von ihrem “liberalen Hoffnungsträger”, Ex-Präsident Dmitrij Medwedew, der in Sachen “Spezielle Militäroperation” den Bad Cop spielt, auf Twitter heftig rumpoltert und in den sozialen Medien Russlands (oben ein Fundstück von “VK”-User Doctorfood Lisboa) im Rambo-Stil porträtiert wird. Was Autokratie und Demokratie betrifft sehen die Russen die Rollen derzeit offenbar genau anders herum verteilt – und wollen von den “demokratischen” Segnungen des Westens nichts mehr wissen. Nicht nur weil das neoliberale Raubrittertum, das in den 90er Jeltsin-Jahren wütete, seine Chance in Russland vertan hat und  nie wieder Fuß fassen wird, sondern auch, weil hinter der zusammenbrechenden Glitzerfassade der westlichen “Demokratie” die Fratze der Oligarchie schon  überdeutlich sichtbar geworden ist.
Die Ablehnung einer “autokratischen” Regierung durch die westlichen Fassadendemokratien hat deshalb auch nichts mit ihrer jeweiligen Regierungsform zu tun, wie etwa die Allianzen mit  archaischen arabischen Despoten zeigen, sondern allein damit, ob sie sich dem US-Imperium und seiner Finanzoligarchie unterwerfen oder nicht. Der Ökonom Michael Hudson hat in einem sehr lesenswerten Vortrag den aktuellen Hintergrund der rhetorischen Differenz Autokratie/Demokratie deutlich gemacht:

 Der kommende Konflikt kann vielleicht zwanzig Jahre dauern und wird darüber entscheiden, welche Art von politischem und wirtschaftlichem System die Welt haben wird. Dabei geht es um mehr als nur um die Hegemonie der USA und ihre Kontrolle der internationalen Finanz- und Geldschöpfung durch den Dollar. Politisch geht es um die Idee der “Demokratie”, die zu einem Euphemismus für eine aggressive Finanzoligarchie geworden ist, die versucht, sich weltweit durch räuberische finanzielle, wirtschaftliche und politische Kontrolle, unterstützt durch militärische Gewalt, durchzusetzen.

Wie ich zu betonen versucht habe, ist die oligarchische Kontrolle der Regierung seit der klassischen Antike das charakteristische Merkmal der westlichen Zivilisation. Und der Schlüssel zu dieser Kontrolle war der Widerstand gegen eine starke Regierung – d.h. eine zivile Regierung, die stark genug ist, um zu verhindern, dass eine Gläubigeroligarchie entsteht und die Kontrolle über Land und Reichtum monopolisiert und sich selbst in eine erbliche Aristokratie verwandelt, eine Rentierklasse, die von Landrenten, Zinsen und Monopolprivilegien lebt, die die Bevölkerung im Allgemeinen in die Enge treibt.(..)

Präsident Biden und seine neoliberalen Kollegen im Außenministerium beschuldigen China und jedes andere Land, das seine wirtschaftliche Unabhängigkeit und Eigenständigkeit bewahren will, als “autokratisch”. In ihrem rhetorischen Taschenspielertrick stellen sie Demokratie und Autokratie einander gegenüber. Was sie als “Autokratie” bezeichnen, ist eine Regierung, die stark genug ist, um eine westlich orientierte Finanzoligarchie daran zu hindern, die Bevölkerung zu verschulden – und dann ihr Land und anderen Besitz in ihre eigenen Hände und die ihrer amerikanischen und anderen ausländischen Geldgeber zu nehmen.

Michael Hudson: The End of Western Civilization – Why It Lacks Resilience, and What Will Take Its Place

Darum geht es. Und der Krieg in der Ukraine markiert das Ende dieser unipolaren Welt. Ob China und Russland es besser machen, ob die Alternativen zum Dollar, zur Weltbank, zum IWF, die sie aufbauen, weniger Schuldsklaven produzieren als Wall Street und die City of London und dazu führen, die Welt zu einem gerechteren Ort zu machen, das steht noch in den Sternen. Aber dass dieser Bruch  stattgefunden hat und vollzogen wird, dazu braucht´s keine astrologische Spekulation, sondern nur ein Ohr für Wladimir Putins klare Ansage vor dem Parlament am 7. Juli:

Der kollektive Westen ist der unmittelbare Anstifter und der Schuldige an dem, was heute geschieht.(…)

Aber ich möchte Ihnen Folgendes klar machen. Sie hätten sich von Anfang an darüber im Klaren sein müssen, dass sie bei unserer Speziellen Militäroperation verlieren würden, denn diese Operation bedeutet auch den Beginn eines radikalen Zusammenbruchs der Weltordnung amerikanischer Prägung. Dies ist der Beginn des Übergangs vom liberal-globalistischen amerikanischen Egozentrismus zu einer wirklich multipolaren Welt, die nicht auf eigennützigen Regeln beruht, die sich jemand für seine eigenen Bedürfnisse ausgedacht hat und hinter denen sich nichts anderes als das Streben nach Hegemonie verbirgt(…)

Wie uneigenützig Moskau und Peking künftig agieren werden, muss sich zeigen, dass sie aber eigenständig und nicht unterwürfig gegenüber den westlichen Interessen handeln werden und sich von  militärischen Drohungen nicht mehr einschüchtern lassen, steht fest. Auch das hat Putin in  einfachen Worten deutlich gemacht:

“Heute hören wir, dass sie uns auf dem Schlachtfeld besiegen wollen, nun, was soll ich sagen, sollen sie es doch versuchen. Wir haben schon oft gehört, dass der Westen uns bis auf den letzten Ukrainer bekämpfen will – das ist eine Tragödie für das ukrainische Volk. Doch es sieht so aus, als würde es darauf hinauslaufen. Aber jeder sollte wissen, dass wir  – im Großen und Ganzen – noch gar nicht richtig angefangen haben.(..)
Wir lehnen Friedensverhandlungen nicht ab, aber diejenigen, die sich weigern, sollten wissen, dass es für sie umso schwieriger wird, mit uns zu verhandeln, je länger sie sich hinziehen.(..)

Mit  diesem “You Aint Seen Nothing Yet”   – einer meiner Lieblingssongs 1974/75 – weist  Putin auf die Tatsache hin, dass bei der “Militäroperation” bisher nur ein Bruchteil der Streitkräfte und des modernen Waffenarsenals Russlands überhaupt zum Einsatz gekommen ist. Wegen dieser haushohen Überlegenheit stand die militärische Niederlage der Ukraine vom ersten Tag an fest. Offen war und ist nur, wie viele Ukrainer als Kanonenfutter sterben müssen, bis der Westen das einsieht, und ob auch noch die europäischen Industriestaaten, allen voran Deutschland, ruiniert werden müssen, um klar zu machen, dass ein Krieg gegen Russland und China nicht zu gewinnen ist. Dem liberalen Establishment in den USA scheint das jetzt langsam zu dämmern: Das amerikanische Jahrhundert ist zu Ende, titelt “Harpers Bazar” im Juli und stellt fest:

“Das Amerikanische Jahrhundert hat nicht die hoch gesteckten Ziele erreicht, die Oligarchen wie Henry Luce (der 1941 mit seinem “Life”-Magazin den Claim “The American Century” prägte, MB ) damit verfolgten. Aber es hat gezeigt, dass Versuche, die Welt mit Gewalt zu beherrschen, scheitern werden. Die Aufgabe der nächsten hundert Jahre wird darin bestehen, kein amerikanisches, sondern ein globales Jahrhundert zu schaffen, in dem die Macht der USA nicht nur beschränkt, sondern reduziert wird, und in dem sich alle Nationen der Lösung der Probleme widmen, die uns alle bedrohen. Wie der Titel eines Bestsellers aus dem Jahr 1946 erklärte, bevor der Kalte Krieg jeden Versuch einer echten internationalen Zusammenarbeit ausschloss, werden wir entweder “eine Welt oder keine” haben.”

Hört sich gut an. Wenn NATOstan morgen aus der Ukraine die Waffen abzieht und Kiew militärische Neutralität erklärt, könnte es auch sofort damit losgehen. An den Russen läge es nicht, die wollen ja gar nicht mehr. Aber auch nicht weniger.

(wird fortgesetzt)

Alle bisher erschienen “Notizen” hier
Das Buch über die Geschichte und Hintergründe des Ukraine-Kriegs:

Mathias Bröckers/Paul Schreyer: Wir sind IMMER die Guten – Ansichten eines Putinverstehers oder wie der kalte Krieg neu entfacht wird, Westend Verlag (2019)

 

 

 

 

 

Ray McGovern: A Taste of The Truth

Der CIA-Veteran Ray McGovern war schon 1972 als Analyst mit dabei, als der ABM-Vertrag zwischen den USA und der Sowjetunion über die Begrenzung von antiballistischen Raketenabwehrsystemen geschlossen wurde. Damit wurde ein Gleichgewicht des Schreckens hergestellt: keine der beiden Nuklearmächte sollte mehr in die Versuchung eines atomaren Erstschlags kommen, weil sie vor dem Gegenschlag ungeschützt ist. 1987 beriet und briefte McGovern  Vizepräsident George H.W Bush beim Abschluss des INF-Vertrags, der die nuklearen Mittelstreckraketen begrenzte. Beide Verträge wurden von den Vereinigten Staaten gekündigt, ABM 2002 von George W.Bush und der INF-Vertrag 2019 von Donald Trump. Der Vortrag und das Gespräch mit Ray McGovern (deutsche Untertitel einstellbar) liefert aus erster Hand die historischen Vorläufe und Zusammenhänge über den Staatsstreich 2014 bis zum aktuellen Krieg. Wer den “Tatort” Ukraine verstehen will, sollte auf dieses lehrreiche Sonntagskino nicht verzichten.

Notizen vom Ende der unipolaren Welt – 37

Vor dem russischen Einmarsch in der Ukraine am 24. Februar wurden Ankündigungen einer “Invasion” von Seiten der USA und der westlichen Medien seit Mitte Januar regelmäßig verbreitet. Dass diese Meldungen  nicht nur von Russland dementiert wurden, sondern auch die Regierung in  Kiew bekundete, keinerlei Informationen darüber zu haben, war allerdings sehr merkwürdig – zumal US-Präsident Biden mit dem 16. Februar sogar schon ein Datum genannt hatte, an dem Putin – so das britische Fachblatt  “Sun”  – im “Hitler-Stil” Europa überfallen würde. Haben London oder Washington einen Superspion im Kreml, der nicht nur Putins Pläne kennt, sondern auch seine Termine?  Man konnte in diesen Wochen fast den Eindruck bekommen, dass die Invasion geradezu herbei geschrieben wird, die russische Außenamts-Sprecherin Maria Sacharowa bat über Twitter bei den USA ironisch schon um Mitteilung, wann denn nun die nächsten Invasionen stattfinden würde, weil sie ihren Urlaub planen wolle.

Und dann kamen die Russen doch. Die Frage, ob sich der Superspion nur um acht Tage im Datum vertan hatte und die ganze  Medienkampagne auf realen Informationen beruhte, lässt sich kaum beantworten. Aufschlussreich sind in diesem Zusammenhang aber die Daten der OSZE über den Beschuss der Donbass-Region. Während in  den Monaten zuvor an der Frontlinie kaum mehr als ein Dutzend Attacken pro Tag gemeldet wurden,  nehmen sie just an dem von Biden genannten Datum massiv zu und steigern sich auf mehr als 1.400 Artillerie, -und Raketeneinschläge pro Tag. Dass die ukrainische Armee eine derartige Offensive ohne das OK  der USA startet ist äußerst unwahrscheinlich – und tatsächlich erbeuteten und veröffentlichten die russischen Streitkräfte wenige Tage nach ihrem Einmarsch in  einem eroberten Stützpunkt der ukrainischen Armee dann die Einsatzpläne für einen groß angelegten Angriff auf das Donbass Anfang März, für den die Attacken ab Mitte Februar nur die Ouvertüre darstellten. Und eine massive Provokation, Russland endlich zum Eingreifen zu bringen. Auch wenn es noch gar keinen Schuss abgegeben hatte, wurde es in den Wochen zuvor schon als Aggressor formatiert – und obwohl nur Ukrainer gegen Ukrainer kämpften, schon  das Narrativ “russischer Angriffskrieg” in die Welt gesetzt. Im Handbuch des “Training und Doctrine”-Kommandos der US-Armee heißt es zu solchen Operationen im Propagandakrieg:

“Mit der Unmittelbarkeit der globalen Kommunikation über IT nimmt die Bedeutung eines schnellen und glaubwürdigen Wahrnehmungsmanagements exponentiell zu. In der Vergangenheit konnten die beteiligten Akteure, wenn sich ein Ereignis nicht verbergen ließ, Informationen langsam und auf die von ihnen gewählte Weise preisgeben. Mit zunehmender Transparenz und der Ermächtigung der Akteure gewinnt nicht mehr derjenige, der seinen Fall am besten erklärt, sondern derjenige, der ihn zuerst erklärt. Die Fähigkeit, sich für ein Narrativ zu entscheiden und es rechtzeitig in die Öffentlichkeit zu bringen, ist von größter Bedeutung: Das zuerst präsentierte Narrativ wird als maßgebend angesehen, und diejenigen, die andere Ansichten vertreten, werden automatisch in die Defensive gedrängt – sie müssen hoffen, ihr Zielpublikum von der Richtigkeit ihrer Ansicht und der Falschheit der anderen zu überzeugen, während die Vertreter des ersten Narrativs keine solchen Schwierigkeiten haben. Dies hat starke Auswirkungen sowohl auf die politischen als auch auf die militärischen Variablen, da moderne Regierungen und Militärs in der Regel durch irgendeine Form der Genehmigungskette eingeschränkt sind, die ihre Fähigkeit, schnell auf Ereignisse zu reagieren, begrenzt, während ihre Gegner keine derartigen Einschränkungen haben.”

“Operational Environment to 2028: The Strategic Environment for Unified Land Operations,” (PDF) August 20, 2012, Training and Doctrine Command (TRACOC)-G2. Accessed online at https://www.benning.army.mil

So läuft es mit Psyops und Wahrnehmungsmanipulation: wer nach 9/11 und den Anthrax-Anschlägen zuerst “Saddam Hussein” ruft  gewinnt, weil erst Jahre später bekannt wird, dass das Gift aus dem US-Fort Detrick kam. Es kommt nicht darauf an ob die Geschichte wahr oder falsch ist, ob sie gut oder schlecht erklärt wird, entscheidend ist, sie zuerst an die Öffentlichkeit zu bringen. So waren die Russen schon als “aggressiv” und “brutal” und Putin als “Hitler” markiert, bevor sie den ersten Schuss abgaben. Und wer auf die Vorgeschichte des “brutalen Überfalls” verwies – den gewaltsamen Maidan-Putsch und den achtjährigen Bürgerkrieg in der Ukraine mit 13.000 Toten im Donbass – automatisch in der Defensive.

So gewinnt man freilich nur den “Informationskrieg” und nicht den am Boden, der für die Ukraine weiter auf tragische Weise verloren geht. Dass jetzt einer der führenden Kriegstreiber, Britanniens Premier Boris Johnson zurücktritt, der Präsident Zelensky noch Anfang Mai drängte, weiter Kanonenfutter für die russische Artillerie zu liefern und auf keinen Fall zu verhandeln, ist nur ein schwacher Trost. Johnsons privaten Verfehlungen sind indes nur der oberflächliche Grund für seinen Fall, tatsächlich ist es der gescheiterte Brexit, der alle Probleme, die er lösen wollte, nur verschärft hat: Handelsunterbrechungen, Mangel an Arbeitskräften und Rohstoffen, 9 Prozent Inflation mit steigender Tendenz plus nunmehr – dank der Johnson von massiv propagierten Sanktionspolitik – explodierende Energiepreise. Wegen des Brexit-Chaos ist von Johnson aber wahrscheinlich nur der erste, der zum Opfer des Wirtschaftskriegs mit  Russland wird, in anderen europäischen Ländern knistert es ebenfalls heftig, der Euro ist auf Talfahrt und Deutschland hat zum ersten Mal seit 1991 eine negative Außenhandelsbilanz. Das Geschäftsmodell des ehemaligen Exportweltmeisters, mit billiger Energie aus Russland konkurrenzfähige Produkte für den Weltmarkt zu liefern, ist am Ende. Wenn Olaf Scholz jetzt Kritiker, die die Weisheit und Effizienz der Sanktionen bezweifeln,  schon als “Handlanger” Russlands bezeichnen muss und  sein Vize Habeck im russischen Sanktions-Roulette lieber nochmal nachladen will, statt den Irrsinn endlich einzusehen…dann stehen die beiden als Kandidaten für die  Nachfolge Johnsons auf der Abgangsliste  ziemlich weit oben. Kühle Prognose: wenn sie Nordstream 2 nicht einschalten, überlebt ihre Regierung nicht einmal den Herbst.

Auch wenn im Wahrnehmungsmanagement eines Ereignisses das erste Narrativ maßgebend ist und es nicht darauf ankommt, ob es das “beste” – also wahr und richtig  – ist, sondern nur darauf, dass es zuerst  und massiv präsentiert wird, wenn dann die realen Ereignisse dieser Erzählung zuwiderlaufen, ist sie immer schwerer haltbar. Und wenn die Falschheit offensichtlich wird, haben ihre Vertreter ein Problem; sie müssten Irrtümer, Fehler, Versagen einräumen und eine 180-Grad-Wende vollziehen. Der grüne Minister Habeck, unter dem die “Energiewende” jetzt mit Kohlekraftwerken und neuerdings EU-weit “nachhaltigen” AKWs vollzogen werden soll, müsste etwa eingestehen, dass er sich “in dienender Führungsrolle” zum “Handlanger” Washingtons hat machen lassen und irrtümlich davon ausgegangen sei, dass die geopolitische Strategie der USA, Russland mit Sanktionen in die Knie zu zwingen und mit Waffenlieferungen an die Ukraine den Krieg zu gewinnen, erfolgversprechend ist. Da aber nach über vier Monaten nun immer klarer wird, dass dieser Plan scheitert und die Verlierer nicht Russland und Putin heißen, sondern Deutschland und Europa, habe er sich, “um weiteren Schaden von unseren Bürgerinnen und Bürgern abzuwenden”, entschlossen…. (siehe oben)

Noch ist Dr.Habeck von derlei Geständnissen ziemlich entfernt und muss wenn es um die Ursache der Krise geht, in jedem zweiten Satz mit dem Stinkefinger auf “Putin” zeigen. So auch jetzt wieder, als er in Kanada um einen Verstoß gegen die Sanktionen und die Auslieferung  einer dort überholten Siemens-Turbine für “Nordstream 1” betteln musste. Als Gazprom vor einigen Wochen die Lieferungen wegen der aufgrund der Sanktionen ausbleibenden Turbine um 40% reduzierte, hatte Habeck noch von Lügen und Tricks der Russen gesprochen, nun muss er in Kanada drängeln  “Putin die Turbinenausrede” zu nehmen, weil ihm sonst seine “Putinausrede” flöten geht und die eigene Sanktionsidiotie auf die Füsse fällt.

 (wird fortgesetzt)

Alle bisher erschienen “Notizen” hier
Das Buch über die Geschichte und Hintergründe des Ukraine-Kriegs:

Mathias Bröckers/Paul Schreyer: Wir sind IMMER die Guten – Ansichten eines Putinverstehers oder wie der kalte Krieg neu entfacht wird, Westend Verlag (2019)

 

 

 

 

 

Notizen vom Ende der unipolaren Welt – 36

Nach einem Aufruf zum Waffenstillstand und zu Verhandlungen in der Ukraine hat Deutschlands beliebtester Pöbel-Diplomat  einmal mehr einen Treffer auf der nach oben offenen Melnyk-Skala gelandet. Man muss den Mann verstehen. Als Vertreter einer Bananenrepublik ohne Bananen hat er nicht viel zu bieten und muss mit schrillen Tönen auf sich aufmerksam machen, und als Botschafter eines Regimes, das alle oppositionellen Parteien und Medien verboten hat, hat er mit Debatten,-und Meinungsfreiheit einfach nichts am Hut. Und außer “Heil Ukraine”, dem Schlachtruf seines SS-Helden Bandera, auch nicht allzu viel in der Birne, weshalb jeder Hinweis, dass es wie 1941 ff. auch dieses Mal nichts wird mit dem Endsieg über die russischen “Untermenschen”, als teuflischer Defätismus zur Hölle gewünscht werden muss.
Auf Unterstützung kann  er  dabei noch aus den meisten deutschen Medien rechnen, von deren Laptop-Bombern jede Kritik an weiteren Waffenlieferungen  und Verhandlungen mit – Gottseibeiuns!!! – Putin als “Unverschämtheit” abserviert wird. Eine hirnlose Homeoffice-Haubitze erfand im ehemaligen Nachrichtenmagazin für solche Friedenshetzer die Schmähung “Lumpenpazifisten” – ein Thema, das die “Titanic” schon 1981 aufgriffen hatte, als Aufrufe zur Abrüstung und Frieden schon einmal als staatsfeindliche Hetze galten und “verfassungschutzrelevant” wurden. Damals ging es um die Stationierung nuklearer Mittelstreckenraketen, “Pershing-2” im Westen und “SS-20” im Osten Europas, nach dem sogenannten NATO-Doppelbeschluss gegen den es in Deutschland starke Proteste gab, Sitzstreiks vor US-Kasernen, Großdemonstrationen – mit Erfolg: 1987 rüsteten Gorbatschow und Reagan diese Raketen ab. 2018 wurde der Vertrag durch die USA gekündigt, 2002 hatte George W. Bush schon den ABM-Vertrag zur Begrenzung von antiballistischen Raketenabwehrsystemen gekündigt. Das Ergebnis sehen wir jetzt: Russland verfügt nicht nur über die weltbesten Abwehrsysteme (S-400/500/550), sondern mit dem Arsenal hypersonischer Raketen auch über unschlagbare Angriffswaffen.  Dass man gegen eine derart gerüstete Streitmacht  besser nicht antritt und man Provokationen und Eskalationen tunlichst vermeiden und an Abrüstungs-, und Friedensverträgen arbeiten sollte, ist ein Gebot der Vernunft – und “pseudo-intelektuell” sind nicht diejenigen, die das fordern, sondern pöbelnde  Neo-Faschisten vom Kaliber Melnyk.

So richtig und wichtig der Aufruf also ist, so wenig scheinen die Unterzeichner die Lage aber wirklich erkannt zu haben:

“Verhandlungen bedeuten nicht, wie manchmal angenommen wird, der Ukraine eine Kapitulation zu diktieren. Einen Diktatfrieden Putins darf es nicht geben. Verhandlungen bedeuten auch nicht, etwas über den Kopf der Beteiligten hinweg zu entscheiden. Die internationale Gemeinschaft muss vielmehr alles dafür tun, Bedingungen zu schaffen, unter denen Verhandlungen überhaupt möglich sind. Dazu gehört die Bekundung, dass die westlichen Akteure kein Interesse an einer Fortführung des Krieges haben und ihre Strategien entsprechend anpassen werden.”

Diese “Bedingungen”  waren acht Jahre lang in Minsk gegeben und die “westlichen Akteure” haben sie verstreichen lassen, um diesen Krieg zu provozieren. Statt auf den ultimativen russischen Appell zu Verhandlungen im Dezember zu antworten, wurden die Attacken auf die Donbass Region massiv verschärft und haben bis heute nicht aufgehört. Der Westen zeigt kein Interesse an seinem Ende und liefert weiter Waffen um bis zum letzten Ukrainer kämpfen zu lassen. Eine “Anpassung der Strategien” ist auf anglo-amerikanischer Seite nicht absehbar, im Gegenteil wird jetzt via Litauen am Korridor nach Kaliningrad gezündelt, um möglichst noch eine weitere Kriegsfront zu eröffnen. Nicht nur die Nazis in den eigenen Reihen halten Zelensky von Verhandlungen ab,  auch seine Overlords in  Washington und London wollen sie nicht; und die Vasallen in Berlin und Paris, die schon in Minsk versagt haben, haben ohnehin nichts zu melden und machen weiter gute Miene zum ebenso wirkungslosen wie selbstmörderischen Zirkus.
Unter solchen Bedingungen sind Verhandlungen unmöglich und Russland hat keinerlei Grund,  seine “Militäroperation” zu beenden, bevor die genannten Ziele (“Demilitarisierung”/”Denazifizierung”) erreicht sind. Wie sie konkret gestaltet werden, muss am Ende verhandelt werden, doch wird der Krieg so lange weitergehen, bis diese Bedingungen  – keine NATO-Mitgliedschaft der Ukraine, keine Neo-Nazis in Regierung und Militär – akzeptiert sind. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Ob man das dann “Kapitulation” nennt oder einen anderen Begriff findet, an diesem “Diktat” Putins wird kein Weg vorbeiführen.

“Der Krieg “, heißt es bei Carl von Clausewitz (“Vom Kriege”, 1832),  “ist ein Akt der Gewalt, um den Gegner zur Erfüllung unseres Willens zu zwingen.” Und weiter:

Wenn der Gegner unseren Willen erfüllen soll, so müssen wir ihn in eine Lage versetzen, die nachteiliger ist als das Opfer, welches wir von ihm fordern; die Nachteile dieser Lage dürfen aber natürlich, wenigstens dem Anscheine nach, nicht vorübergehend sein, sonst würde der Gegner den besseren Zeitpunkt abwarten und nicht nachgeben. Jede Veränderung dieser Lage, welche durch die fortgesetzte kriegerische Tätigkeit hervorgebracht wird, muss also zu einer noch nachteiligeren führen, wenigstens in der Vorstellung. Die schlimmste Lage, in die ein Kriegführender kommen kann, ist die gänzliche Wehrlosigkeit. Soll also der Gegner zur Erfüllung unseres Willens durch den kriegerischen Akt gezwungen werden, so müssen wir ihn entweder faktisch wehrlos machen oder in einen Zustand versetzen, dass er nach Wahrscheinlichkeit damit bedroht sei.

“Faktisch” sind die ukrainischen Truppen im Donbass schon länger nahezu wehrlos, werden systematisch vernichtet und wie die letzten Gipfeltreffen klar gemacht haben, kann die NATO das weder militärisch  verhindern, noch kann die G7 was den Wirtschaftskrieg betrifft irgendetwas tun, weil noch mehr Sanktionen nur tiefer ins eigene Fleisch schneiden. Schon muss die rot-grüne Kriegsregierung auf den Weltmeeren die Totenkopf-Fahne hissen und die Schiffe anderer Nationen kapern – so gerade geschehen mit drei russischen LNG-Tankern – um sich aus der von der Sanktionspolitik verursachten Energiekrise zu retten. Und jeder Tag der “kriegerischen Tätigkeit” Russlands führt zu einer noch nachteiligeren Lage, sowohl für die armen Ukrainer an der Front wie auch für ihre Unterstützer im Ausland. Für eine “exzeptionalistische Nation” , die glaubt mit “the world `s finest fighting force” ausgestattet zu sein, mag dieser worst case, “die gänzliche Wehrlosigkeit”, ein Ding der Unmöglichkeit sein, faktisch aber ist diese schlimmste Lage eingetreten. Und es bleibt nichts anderes, als  zu kapitulieren und “den Willen des Gegners zu erfüllen”. Man mag ihm durch Verlängerung des Kriegs noch ein paar Verluste beibringen, doch nur um den Preis noch höherer eigener Verluste. Die Niederlage lässt sich damit nicht abwenden. Aber, noch einmal Clausewitz:


„Kapitulieren ist ein hoch komplizierter und gefährlicher Akt; der vernichtete Gegner legt die Waffen nieder, mit denen er Momente zuvor noch auf den Sieger geschossen hat. Weder emotional noch rein physisch, vor allem bei einer größeren Menge kapitulierender Soldaten, ist dies kein einfacher Vorgang.“

Hier könnte der Präsidentendarsteller Zelensky in eine neue, zivilgesellschaftliche Rolle schlüpfen und seine Leute in die Kunst der Niederlage einführen. Und klar machen, dass es eine Alternative zu “Tod oder Sieg” gibt – wenn ihm erlaubt würde, nach einem solchen Skript zu agieren. Doch haben seine Overlords  offenbar noch keinen PR-Dreh gefunden, wie sie sich aus der Niederlage rauswinden und lassen erst mal einfach weiter kämpfen, planlos und gnadenlos bis zum letzten Mann. Nach Afghanistan, Irak, Libyen und Syrien ist dies die neueste (und hoffentlich letzte) außenpolitische Katastrophe der US-Necons – und die am Ende (und hoffentlich ausschlaggebende) Lektion für die europäischen Vasallen, dass sie die eigentlichen Verlierer in diesem Spiel sind.
Das scheint auch Olaf Scholz langsam irgendwie zu dämmern, der hinter verschlossenen Türen in Brüssel seine Sorgen über einen EU-Beitritt der Ukraine auf den Tisch gebracht hat. Die völlig überschuldete Oligarchenrepublik wäre dann der fünftgrößte EU-Staat und könnte nicht nur erheblichen Einfluss, sondern auch massive Subventionen geltend machen. Da diese zum Beispiel für die Landwirtschaft von der Fläche abhängig sind,  dürfte es aber eher neue Bauernkriege in Frankreich und Deutschland geben als dass die hiesigen Landwirte ihren Topf mit der Ukraine teilen. Wer die EU samt Euro richtig crashen lassen will muss eigentlich nur weiter an diesem Beitritt arbeiten und etwa, wie Bloomberg meldet, die Druckmaschine anwerfen und mal schnell 500 Milliarden Euro für den “Wiederaufbau” klar machen. Eine Nachricht, die in diesem Zusammenhang in den sozialen Medien kursiert, konnte ich unterdessen noch nicht verifizieren:  “44 Prozent der Jugendlichen wissen nicht was Inflation ist, aber sie würden sich dagegen impfen lassen.”

Mit Tom Wellbrock habe ich am Wochenende über den Stand der Dinge gesprochen:

(wird fortgesetzt)

Alle bisher erschienen “Notizen” hier
Das Buch über die Geschichte und Hintergründe des Ukraine-Kriegs:

Mathias Bröckers/Paul Schreyer: Wir sind IMMER die Guten – Ansichten eines Putinverstehers oder wie der kalte Krieg neu entfacht wird, Westend Verlag (2019)

 

 

 

 

 

Jacques Baud: Ukraine, NATO und Geheimdienste

Auf die Interviews und Artikel von Jacques Baud – ehemaliger Oberst des Schweizer Militärgeheimdiensts und UN-Waffeninspekteur u.a. in der Ukraine – hatte ich in meinen “Notizen” schon mehrfach hingewiesen. In dem aktuellen Gespräch mit  Dirk Pohlmann liefert Jacques Baud verblüffende Informationen zu den Hintergründen der aktuellen Ukrainekrise, gibt Einblicke in die strategischen Ausrichtungen der NATO und Russland, beleuchtet die Rolle der europäischen Geheimdienste sowie die Zukunft Europas und überrascht mit einem spannenden Erklärungsversuch zur irrationalen Sanktionspolitik des Westens. Ein Interview der Sonderklasse!

Notizen vom Ende der unipolaren Welt – 35

Am 23. Juni tagte eine Kommission der US-Regierung, die “Commission on Security and Cooperation in Europe”, zum Thema “Entkolonisierung Russlands”. Über den Titel “Decolonizing Russia” , stolperte ich zuerst einmal, weil ich von Kolonien Russlands noch nie gehört hatte. Hat Putin die “Lolita”-Insel von Jeffrey Epstein übernommen und muss jetzt enteignet werden ? Wurden russischsprachige Indigene in Südamerika entdeckt, die einst dem Zaren ihr Land urkundlich übereigneten – im Tausch gegen Bärenfelle? Um welche Kolonien geht es ? Aufklärung brachte der demokratische Abgeordnete Steve Cohen in seiner Präsentation, der darlegte dass die Russen “im Wesentlichen ihr eigenes Land kolonisiert haben” und Russland “keine stringente Nation in dem Sinne ist, wie wir sie in der Vergangenheit kannten.” Weshalb es, so der Autor Casey Michel, ein weiterer Podiumsteilnehmer, bei der “Entkolonialisierung Russlands” nicht nur um die “Aufteilung” und “Zerstückelung” der Russischen Föderation geht, sondern um ein “authentisches Engagement für den Antiimperialismus”. So hatte er es allen Ernstes schon in einem Artikel für “The Atlantic” beschrieben und ganz in diesem Sinne forderte die Konferenz ihre Regierung auf, separatistischen Bewegungen zu fördern und nannte insbesondere Tschetschenien, Tatarstan, Dagestan und Tscherkessien als mögliche Kandidaten für eine “Entkoloniesierung”. Sibirien wurde gesondert erörtert und soll nach Ansicht der Kommission in mehrere Republiken aufgeteilt werden.
Nun könnte man sagen, dass solche Kommissionen, bestückt mit Pappnasen aus dem woken NGO-Sumpf keine Rolle spielen, doch das sind die Regime Change und “Farbenrevolution”-Manufakturen, deren gefährliche Phantatstereien schon mehr als einmal zu mörderischem Chaos und Zerstörungen geführt haben. Wenn hier also jetzt die Zerschlagung Russlands als “moralischer und strategischer Imperativ” gefordert wird, ist das durchaus ernst zu nehmen, zumal der geopolitische Altmeister Zbig Brzezinski Ähnliches schon 1997 vorgeschlagen hatte – es aber auf dem aktuellen Pulverfass des Ukrainekriegs zu tun, hat schon eine besondere Note.

Dass man sich in Russland derartige Verbreitung von “Demokratie” verbittet, musste sich die Zündkerze Olaf Scholz ja gerade schon von Funky Maria sagen lassen. Und die “Dekolonisierungs”-Pläne des US-Statedepartments werden einmal mehr dafür sorgen, dass sich die Russen in ein offenbar stets wiederkehrendes Muster versetzt fühlen : in jedem Jahrhundert schließt sich der kollektive Westen zusammen und fällt über Russland her. 1812 Napoleon mit der größten Armee Europas, 1941 Hitlers Wehrmacht mit ihren Alliierten aus ganz Europa und nunmehr NATOstan mit der gesamten EU. Das hat man, so Außenminister Sergey Lavrov letzte Woche, in Russland sehr wohl verstanden:


“Wir machen uns wenig Illusionen darüber, dass sich die russophobe Stimmung in der EU irgendwie auflösen oder langfristig ändern wird. Aber das ist der Weg, den die Europäer gewählt haben. Als der Zweite Weltkrieg begann, versammelte Hitler eine beträchtliche Anzahl – wenn nicht sogar die Mehrheit – der europäischen Länder unter seiner Flagge, um gegen die UdSSR Krieg zu führen. Jetzt bauen die EU und die NATO eine zeitgenössische Koalition auf, im Wesentlichen, um Krieg gegen Russland zu führen.”

Der Krieg wird von der “Koalition” ja bereits geführt, außer mit größeren Mengen Soldaten mit allem was sie außer Fußtruppen an Geld, Waffen, Beratern und privaten Söldner – sowie an Sanktionen, “Cancel- Kultur” und Russophobie – zu bieten hat. Dass sich die Russen in den “Großen Vaterländischen Krieg” zurückversetzt fühlen, muss da niemanden mehr wundern und es ist wohl auch kein Zufall, das Wladimir Putin als Ziel der russischen “Spezialoperation” in der Ukraine zwei Begriffe aus dem Potsdamer Abkommen von 1945 verwendet hat: “Denazifizierung” und “Demilitarisierung”. Dass eine solche angesichts von Hakenkreuz-Brigaden und der massiven Aufrüstung der Ukraine – aus russischer Sicht – als absolut notwendig angesehen wird, hat wenig mit “Putins Paranoia” zu tun, sondern mit einer realisitischen Einschätzung der Sicherheitslage. Und dass es nicht um die Ukraine geht, sondern um den regime change in Moskau, machen nicht zuletzt US-Pläne wie die “Dekolonisierung” Russlands deutlich: NATOstan rückt nicht nur seit 30 Jahren immer näher, es hat auch keine freundlichen Absichten. Vielmehr schon recht genaue Vorstellungen, dass und wie das Fell des Bären geteilt werden muss. Auch wenn er noch nicht erlegt ist, was sich die glorreichen Sieben auf dem G-7-Treffen in Bayern aber vorgenommen haben. Wenn ich mir diese Herrn unter Führung unserer Ex “Panzer Uschi” bei ihrem Grinsekatzen-Fototermin mit Obersalzberg-Panorama aber so anschaue, wird mir doch ein wenig mulmig. Zuvor hat Boris Johnson ja noch angeregt, dass man wegen der Sommerwärme doch die Hemden ablegen könne, um zu zeigen, dass wir “genauso tough wie Putin” sind…wat ham wer jelacht. Jedoch: mit derartigen Fähnleinführer-Fieselschweif-Clowns Krieg gegen Russland zu führen, kann nur in die Katastrophe führen.

Was den Wirtschaftskrieg betrifft sind wir da ja schon gelandet, mit der grandiosen Strategie den Rubel zu “Rubble” zu schrumpfen – Interfax am 28.6.: «Der Dollar kostet das erste Mal seit dem 28. Mai 2015 weniger als 52 Rubel. Der Euro kostet erstmals seit dem 26. Mai 2015 weniger als 55 Rubel»  – und mit Sanktionen Russlands Wirtschaft zu “ruinieren” (A.Baerbock). Eine Studie der “Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft” meldet passend dazu, dass jetzt ein Einruch von 12,5 des BIP droht – in Deutschland, beim Ausbleiben von russischem Gas. Bisher hat Gazprom über “Nordstream 1” noch vertragsgemäß geliefert und angeboten, die aktuelle Reduktion wegen einer durch Sanktionen blockierten Reparatur einer Turbine via “Nordstream 2” zu ersetzen – was Deutschland mit Händen und Füssen ablehnt. Nicht weil damit der Krieg beendet und auch nur ein einziges Leben gerettet wird , sondern weil an dem Dogma festgehalten wird, dass Sanktionen den “Feind” in die Knie zwingen. Und man so tun kann, als ob Russland, das Öl und Gas weiter zu regulären Preisen verkauft, und nicht die eigene Embargo-Politik an den gestiegenen Preisen schuld sei; und “Putin” verantwortlich für die Inflation und nicht FED und EZB, die seit zwei Jahren Geld drucken als ob es kein Morgen gäbe. Wenn aber die Geldmenge in so kurzer Zeit um über 30% (Dollar) bzw. über 20% (Euro) erhöht wird, ist Inflation weder ein Wunder noch vom brutalen Russen verursacht.

Wenn diese glorreichen G7-Spezialexperten jetzt auch noch militärisch richtig loslegen wollen, um es besser zu machen als Napoleon und Hitler, weil es “keinen Diktatfrieden Putins” (Olaf Scholz) geben dürfe, sollte man den “Kriegskanzler” dringend darauf aufmerksam machen, dass die Russen den Weg nach Paris und nach Berlin kennen und die Angewohnheit haben, das Übel, das ihnen auf die Pelle rückt, bis an die Wurzel zurückzuverfolgen. Eine Renovierung des Berliner Führerbunkers, von dem aus er gern den Frieden diktieren will, ist allerdings nicht nötig – für Kinzhal, Sarmat & Co. sind Bunker kein Thema. Das scheint den G7-Zwergen, die sich für militärische Riesen halten, aber immer noch nicht wirklich klar zu sein. Ihr Plan, jedes Friedensabkommen (Minsk) zu verhindern, die ukrainische Armee acht Jahre lang aufzurüsten und dann Donbass und Krim zurück zu erobern, ist gescheitert: die größte Proxy-Armee, die die NATO je aufgestellt hat, wird derzeit im Osten und Süden der Ukraine systematisch zerrieben. Und die Entscheidung, wann diese “Demilitarisierung” beendet ist, liegt nicht bei Biden, Johnson, Macron oder Scholz, sondern allein bei Putin – sowie bei Zelensky, wenn ihm die Erstgenannten erlauben, die weiße Fahne zu schwenken und bedingungslos zu kapitulieren.
Dass es zu diesem schrecklichen “Schlachtfest” mit 500-1000 getöteten und verwundeten Ukrainern pro Tag kommen wird, weil sie gegen Russland keine Chance haben, war absehbar und wurde hier seit Ende Februar vorhergesagt. Den G7-Chefs, die über die NATO-Armeen gebieten, scheint die Wahrnehmung dieser Realität aber immer noch schwer zu fallen, was wohl damit zu tun hat, dass sie es zum ersten Mal nicht mit einem wehrlosen Wüstenstaat zu tun haben, den sie mit Sanktionen und Bombern platt machen können, sondern mit einer nuklearen Supermacht, die sich wirtschaftlich und militärisch nicht nur verteidigen, sondern zurückschlagen kann. Außer hohlen Sprüchen, dass Russland demnächst so gut wie alles ausgeht – Raketen, Munition, Soldaten, Zeit, Geld, Moral, Panzer, Kampffähigkeit etc.pp. – wenn wir nur noch bißchen Material nachliefern und “die Kosten für Putin steigern”, haben sie nichts zu bieten. Wenn es nach landläufiger Definition Wahnsinn ist, immer wieder das gleich zu tun und andere Ergebnisse erwarten, dann sind die westlichen Führer ihm offensichtlich verfallen: mit einer Sanktion nach der anderen, obwohl sie nicht wirken und nach hinten losgehen;  und mit einer Erweiterung der NATO (Schweden & Finnland), obwohl die dauernden Erweiterungen der eigentliche Grund für den Krieg sind.
Diese lange Vorgeschichte des Konflikts und der achtjährige Bürgerkrieg in der Ukraine werden in der medialen Empörungsbewirtschaftung der russischen “Intervention” (wie solche Angriffe, Überfälle oder “robuste” Militäroperationen genannt werden, wenn sie von der westlichen “Wertegemeinschaft” ausgehen) in aller Regel unterschlagen, ebenso wie das eigentliche Ziel der G7/NATO-Combo in diesem Krieg – die Zerschlagung und “Entkolonisierung Russlands”. Fidel Castro scheint Anfang der 1990er Jahre die Sache schon richtig eingeschätzt zu haben  – die Kommision des US-Statedpartments verkauft ihre imperialistischen Pläne als authentischen “Anti-Imperialismus”; und der Komiker Zelensky sein Regime, das sämtliche oppositionellen Parteien und Medien verboten und die Hakenkreuz-Brigaden zu Nationalhelden erkoren hat, als Verteidiger von “Freiheit” und “Zivilisation”.
(wird fortgesetzt)

Alle bisher erschienen “Notizen” hier
Das Buch über die Geschichte und Hintergründe des Ukraine-Kriegs:

Mathias Bröckers/Paul Schreyer: Wir sind IMMER die Guten – Ansichten eines Putinverstehers oder wie der kalte Krieg neu entfacht wird, Westend Verlag (2019)