Elon Musk flirtet mit Alice Weidel und die deutschen Medien springen im Dreieck. Ist das Wahlbeeinflussung? Verdeckte Parteifinanzierung? Oder gar ein Angriff auf die Demokratie? Schließlich steht ja die Bundestagswahl an, und die dürfte spannend werden. Aber nicht so spannend wie das, was Donald Trump sich für die Welt vorgenommen hat. Und wie geht das eigentlich weiter im eroberten Syrien? Über das und mehr geht es in das 3. Jahrtausend #113, mit Robert Fleischer, Dirk Pohlmann und Mathias Bröckers
Vom Ende der unipolaren Welt
Im November 2022, zum Erscheinen des Buchs “Vom Ende der unipolaren Welt” erschienen diese Thesen aus der Einleitung schon hier auf dem Blog. Zwei Jahre und hunderttausende Tote später wird der sinnlose und für den Westen nicht gewinnbare Krieg noch immer weiter. Und mir bleibt nur der Jammer, warum keiner der Verantwortlichen endlich ein Einsehen hat.
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»Das Glück ist immer auf der Seite der großen Bataillone« – die auch vom Preußenkönig Friedrich II. überlieferte französische Redensart muss im 21. Jahrhundert umformuliert werden. Nachdem The (Real) Revolution in Military Affairs stattgefunden hat, so das gleichnamige Buch von Andrei Martyanov (2019), ist das Kriegsglück jetzt auf der Seite der »hypersonischen Waffen«: Präzisions-Raketen, die aufgrund ihrer extremen Geschwindigkeit von keinem Luftabwehrsystem abgefangen werden können und ihr Ziel aus tausenden Kilometern Entfernung auf den Meter genau treffen. Da nur Russland (und demnächst auch China) über solche Waffen verfügt – und ganz abgesehen davon, dass diese Raketen auch mit Nuklearsprengköpfen ausgestattet sein können –, sind USA und NATO in jeder direkten militärischen Auseinandersetzung unterlegen. Auch ihre vielfach größeren Bataillone können da nicht helfen. Selbst ein massiver nuklearer »Erstschlag« auf Moskau und Sankt Petersburg kann eine durchschlagende Antwort auf Washington, New York oder London nicht verhindern – gegenseitige Vernichtung ist garantiert. Oder besser: war garantiert. Denn die überlegenen Luftverteidigungs-Systeme (S-400/S-500) können den russischen Luftraum für ballistische Raketen schließen und den »Erstschlag« höchstwahrscheinlich abfangen. Doch auf den russischen Gegenschlag gibt es im Westen keine Verteidigung. Deshalb kann und wird die NATO in der Ukraine militärisch nicht direkt eingreifen.
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Mit der Ankunft hypersonischer Präzisionswaffen auf dem Schlachtfeld – im Rahmen der russischen »Militäroperation« in der Ukraine wurden solche »Kinzhal«-Raketen erstmals eingesetzt – verändert sich die militärische Lage für das US-Imperium grundsätzlich und dramatisch. Nicht nur ist die Doktrin militärischer »Full Spectrum Dominance« des Globus haltlos geworden, erstmals in seiner Geschichte ist das »Homeland« der USA selbst nicht mehr sicher. Aus ihrer günstigen Lage – »Die Amerikaner sind ein sehr glückliches Volk. Sie sind im Norden und Süden von schwachen Nachbarn umgeben und im Osten und Westen von Fischen«, hatte sie einst Otto von Bismarck angeblich mal umschrieben – können sie keinen Gewinn mehr ziehen. Das Zeitalter der »billigen Kriege« und von Gegnern, vor denen man zu Hause nichts zu befürchten hatte, ist vorbei und wird nicht wiederkehren. Deshalb wird Russland mit seinen wohl noch auf längere Zeit unbesiegbaren Waffen seine im Dezember 2021 in Washington vorgebrachten Sicherheitsinteressen – militärische Neutralität der Ukraine, Rückzug von NATO-Mittelstrecken Raketen aus Osteuropa – so lange mit »militärisch-technischen Mitteln« durchsetzen, bis wasserdichte und schusssichere Verträge darüber vorliegen. Die USA können diesen Prozess in die Länge ziehen, indem sie weiter »bis zum letzten Ukrainer« (oder Europäer) kämpfen lassen, doch verhindern sie können sie ihn nicht.
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Die geopolitische Strategie des kollektiven Westens – mit dem Ukraine-Konflikt und wirtschaftlichen Sanktionen einen Regime Change in Moskau herbeizuführen und dann den »Endgegner« China anzugehen – ist zum Scheitern verurteilt. Die Sanktionen haben sich schon jetzt als gefährlicher Bumerang erwiesen, weil sie Europa stärker treffen als Russland, das international keineswegs isoliert, sondern jenseits von NATOstan (in etwa 15 Prozent der Weltbevölkerung) mit dem Rest der Welt weiter bestens im Geschäft ist und mit China wirtschaftlich und militärisch so eng zusammenarbeitet wie nie zuvor. Gegen den Rohstoff-Giganten Russland – es verfügt über mehr als ein Drittel aller fossilen Energien und Rohstoffe der Erde – und die mit ihm vereinte weltgrößte High-Tech-Werkstatt China einen Krieg gewinnen zu wollen, ist eine selbstmörderische Illusion.
Mit der absehbaren militärischen Niederlage in der Ukraine ist ein entscheidender geopolitischer Wendepunkt markiert: das Ende einer von Washington diktierten und militärisch durchsetzbaren »regelbasierten internationalen Ordnung«. Und damit auch ein Ende der Rolle des »Petro-Dollars« als erzwungener internationaler Reservewährung sowie des US-Dollars als »billigem Geld«, das in Unmengen gedruckt werden konnte, ohne an Wert zu verlieren, weil die ganze Welt, um ihr Öl und Gas zu bezahlen, für stetige Dollar-Nachfrage sorgte. Die letzten beiden Staatsmänner, die das Petro-Dollar-Monopol brachen und ihr Öl gegen Landeswährung anboten – Iraks ehemaliger Staatspräsident Saddam Hussein und Libyens ehemaliges Staatsoberhaupt Muammar al- Gaddafi – konnten von NATOstan noch weggebombt werden. Das ist jetzt nicht mehr möglich. Schon zahlt etwa Indien sein Öl in Rubel gegen Rupien und weitere Länder werden dem Beispiel folgen. Ein alternatives globales Geld- und Finanzsystem mit einer rohstoff- und goldgedeckten internationalen Währung ist im Entstehen begriffen, das die globale Alleinherrschaft des Dollars und des westlichen Finanzkapitals beenden wird.
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Eine EU, die sich auf Befehl der USA selbst stranguliert und von billiger Energiezufuhr aus Russland abschneidet, gibt nicht nur ihre wirtschaftliche Zukunft auf, sondern auch jede Souveränität. Sobald der Bumerang-Effekt der Sanktionen richtig zuschlägt – bisher hat Russland seine »Energiewaffe« noch gar nicht eingesetzt und beliefert Deutschland über die Ostsee-Pipeline Nord Stream 1 vertragsgemäß weiter – müssen sich vor allem die großen europäischen Nationen fragen, ob sie sich einem Schicksal als abgehängte Kolonien des US-Imperiums wirklich ergeben wollen. Und wenn ja, wie sie als Regierende ihren arbeitslosen, verarmenden, frierenden Bürgern eine derart aussichtslose Zukunft verkaufen können, ohne mit Schande aus dem Amt gejagt zu werden. Dass »Freiheit und Demokratie« jetzt für die nächsten zwanzig Jahre statt am Hindukusch am Donbass verteidigt werden müssen, wird ihnen niemand mehr abkaufen. Eine EU ohne billige russische Rohstoffe ist global nicht wettbewerbsfähig und wird auseinanderfallen. Die Nationen werden sich entscheiden müssen: für den permanenten Krieg als Vasallen Washingtons, mit dem Ziel Regime Change in Moskau und Peking; oder für Handel und Wandel mit Russland und Eurasien, mit dem Ziel eines neuen Sicherheits- und Friedensvertrags in Europa.
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Weil im ersten Kalten Krieg die militärischen und wirtschaftlichen Fähigkeiten der Sowjetunion im Westen regelmäßig überschätzt wurden, kam ihr Zusammenbruch 1990/91 völlig überraschend. Der Kreml-Propaganda war es über Jahre gelungen, negative Entwicklungen schlicht unter dem Teppich zu halten. Im nunmehr neuen Kalten Krieg hat sich die Lage grundlegend verändert: Russland wird militärisch und wirtschaftlich heftig unterschätzt und die USA sind in einen Modus permanenter Erschaffung »alternativer« Realitäten verfallen, gegen den die gute alte Sowjetpropaganda geradezu verblasst. »Russiagate« zum Beispiel, die von A bis Z erfundene Story, dass Donald Trump von Putin erpresst und die US-Wahl von unsichtbaren »russischen Hackern« manipuliert wird, wurde fünf Jahre lang über alle Kanäle als Wirklichkeit präsentiert, samt Hillary Clinton, die so die »Putin = Hitler«-Gleichung schon 2016 in die Welt setzen konnte. Nicht nur die Medien waren in tragender Rolle als »Lügenpresse« in die Scharade involviert, auch Geheimdienste, FBI und der US-Kongress spielten ungeniert mit. Mit dieser faktenfreien Fake-News- Kampagne wurde der Grundstein für das anti-russische Narrativ gelegt, das mit der Zuspitzung des Ukraine-Konflikts dann in den Turbo-Modus überführt wurde. In dem dann die beispiellosen Sanktionskampagne startete, die aber auf einer weiteren Fehleinschätzung der Fähigkeiten Russlands beruhte. Dieses Mal einer groben Unterschätzung: Völlig überraschend für die US-Think- Tanker und »Experten« stellte sich heraus, dass sich die russische Wirtschaft und der Rubel nicht durch »Einfrieren« (vulgo: Diebstahl) der russischen Dollar- und Euro-Reserven einfach ruinieren lässt. Russland hat trotz Sanktionen in den ersten fünf Monaten 2022 um 50 Prozent mehr mit dem Export von Öl und Gas eingenommen als im Vorjahreszeitraum und wird auch fortan unter den Sanktionen weitaus weniger leiden als der Westen. Und der Rubel, den Joe Biden zu »Rubble« (dt.: »Schutt«) zertrümmern wollte, ist die stärkste Währung des Jahres 2022.
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Dass die NATO schon lange kein »Verteidigungsbündnis« mehr ist, sondern seit 1999 mit Angriffskriegen mehr Verwüstung und Katastrophen gestiftet hat als jedes andere Militärbündnis, ist keine russische Verschwörungstheorie, sondern historische Tatsache. Wie von Jugoslawien gingen auch vom Irak, von Libyen, Syrien oder zuletzt Afghanistan keine Gefahren für die USA oder Europa aus – und dennoch »verteidigte« die NATO dort kräftig mit, als Vasall der geopolitischen Interessen des US-Imperiums. Diese angeblich zwecks Verbreitung von »Demokratie«, »Freiheit« und »Menschenrechten« geführten Kriege haben nichts als mörderisches Chaos angerichtet und dazu geführt, dass es etwa in Libyen – dem zuvor prosperierendsten Land Afrikas – mittlerweile wieder offene Sklavenmärkte gibt. Und jetzt in der Ukraine Bataillone lupenreiner Nazis, die von der NATO trainiert und aufgerüstet wurden, um als Speerspitze den Kampf gegen Russland und gegen die russischsprachigen Ukrainer in der Donbass-Region zu führen. Diese Angriffe, die seit 2014 über 13 000 zivile Opfer gefordert haben, zu beenden, ist das erklärte Ziel der sogenannten russischen »Militäroperation«, das mutmaßlich bald erreicht sein wird, da die ukrainische Armee derzeit (Mitte Juni 2022) täglich 500 getötete oder verletzte Soldaten verliert. Für die NATO, die diese Armee und den Krieg mit allen Mitteln (außer mit Bodentruppen) unterstützt und sich – gerade von einer Barfuß-Truppe aus Afghanistan vertrieben – dank der russischen Intervention wieder »vereint wie nie« fühlt, würde dies eine weitere, demütigende Niederlage bedeuten. Weil Russland seine Sicherheitsinteressen nicht nur in der Ukraine, sondern auch in den Nachbarländern notfalls »militärisch-technisch« durchsetzen wird – und die NATO nichts dagegen unternehmen kann –, macht sie sich als »Schutzmacht« definitiv überflüssig. Und damit macht sie zugleich den Weg frei für eine neue Sicherheitsarchitektur für Europa und Asien, die von Lissabon bis Peking reicht.
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Nicht die »Ostpolitik« von Willy Brandt und Egon Bahr (»Wandel durch Annäherung«), die von dumpfen Bellizisten derzeit als »historischer Fehler« beschimpft wird, war falsch, sondern die Politik der USA, ihre Raketen um jeden Preis, auch um den eines Kriegs, in der Ukraine aufzustellen. Nicht Russlands Drängen auf eine Wiedervereinigung nach den Minsk-Abkommen war der historische Fehler, sondern die Ignoranz gegenüber russischen Sicherheitsbedenken und die Aufrüstung der Ukraine. Und nicht die zuverlässige, naheliegende und günstige Versorgung Deutschlands mit russischem Öl und Gas ist der »Jahrhundertfehler« (Der Spiegel), sondern die anglo-amerikanische Strategie das Zusammenwachsen Eurasiens, besonders eine deutsch-russische Kooperation, zu verhindern. Zweimal ist das im vergangenen Jahrhundert gelungen, um den Preis zweier Weltkriege. Wenn Europa nicht erneut zum Schlachtfeld eines Weltkriegs werden will, darf es sich nicht länger vor den Karren dieser geopolitischen Strategie spannen lassen. Ihr Scheitern ist mit dem russischen Einmarsch in der Ukraine evident geworden. Es markiert das Ende der unipolaren Welt und dem von den amerikanischen Neokonservativen seit drei Jahrzehnten betriebenen Projekt, in jeder Region der Welt über die militärische Vormachtstellung zu verfügen, die jede aufstrebende Macht zur Unterwerfung zwingt. Damit ebenfalls beendet wird die Hegemonie des von der Wall Street und der City of London kontrollierten Finanzkapitals und der globalen Währungspolitik. Mit der gold- und rohstoffgedeckten Verrechnungs- einheit auf Rubel/Yuan-Basis entsteht für 85 Prozent der Welt eine höchst willkommene Alternative zum schuldenbasierten FIAT-Money, den Dollars und Euros der westlichen Hemisphäre.
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»Ich bin nicht sicher, mit welchen Waffen der dritte Weltkrieg ausgetragen wird, aber im vierten Weltkrieg werden sie mit Stöcken und Steinen kämpfen«, hat Albert Einstein gesagt. Heute, da wir über das verfügbare Arsenal ziemlich sicher sind, ist seine Warnung dringlicher denn je. Wem es um ein Ende des Konflikts geht, darf keine Waffen liefern, wer das Leid der Menschen in der Ukraine beenden will, muss verhandeln statt schießen, wer Frieden will, darf nicht dem Plan der anglo-amerikanischen Geo-Strategen folgen, den Russen in der Ukraine »ihr Afghanistan« zu bereiten und sie in einen endlosen Guerillakrieg zu verwickeln. Und schon gar nicht darf er sich dazu – zumal als Deutscher – mit lupenreinen Nazis des Asow-Regiments verbünden. Und sollte sich fragen, was eigentlich verdammt noch mal gegen die Sicherheitsforderungen Russlands – eine militärisch neutrale Ukraine – spricht. Und warum man diese nicht ernst nehmen und um des lieben Friedens willen endlich akzeptieren kann. Bis es so weit ist, bleibe ich »Putinversteher« und bitte alle NATO-Versteher und Freunde der Jugoslawien-, Irak-, Libyen-, Syrien- und Afghanistan- Kriege, ihre Position zu überdenken. Peace!
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Erschienen am 10. Juni 2024
Mathias Bröckers: Inspiration – Konspiration – Evolution. Gesammelte Berichte aus dem Überall, Fifty-Fifty (Juni 2024), 464 Seiten, 30 Euro
Snowy White und andere Weihnachtsmusik
Als “In The Skies” von Peter Green 1979 erschien, nahm ich das 5-Minuten-Stück Slabo Day sechs Mal hintereinander auf eine Kassette auf, bei längeren Strecken im Auto wollte ich einfach nicht, dass diese akustischen Entspannungschwingungen aufhören. Denn man musste damals noch zurückspulen, was a) dauerte, und b) Bandsalatgefahr mit sich brachte. Deshalb lieber 30 Minuten am Stück. Hier eine Live-Version von Snowy White (“Midnight Blues”) , der auch auf dem Original seines Freunds Peter Green damals die traumhafte Leadgitarre spielte.
Die Rückseite dieser Kassette begann mit einer in den 70ern noch ungewöhnlichen, sehr simplen drum machine, die dann aber “one, two – one two three four” in JJ Cale`s unnachahmlichen Laid-Back-Groove “Call me the Breeze” aufgeht. Es war das erste Stück auf seiner ersten LP (“Naturally”, 1972), später oft gecovert, aber auch die Kracherversion von Lynyrd Skynyrd kam an den Mix, den JJ in seinem Heimstudio gebastelte hatte, nie heran. Viele seiner Songs wurden erst berühmt, wenn andere Größen sie nachspielten, so Santana oder Eric Clapton, der “After Midnight” und “Cocaine” zu Hits machte. Aber für meine Ohren bleiben Cale`s strukturell so simplen und im Detail so subtilen Songs ihren Interpreten immer überlegen. Auch “Sensitive Kind” , das 2012 auch vom dem im Juli 2024 gestorbenen Vater und Mentor der britischen Blues-und Rockmusik, John Mayall, eingespielt wurde.
Ende der 80er hatten wir in Kalifornien in einem gemieteten Van erstmals einen CD-Spieler im Auto und mussten einen Plattenladen ansteuern, wo ich die gerade erschienen CD der Traveling Wilburys kaufte und eine weitere von Tom Petty: familiengerechte ride along music. Später zuhause machte ich daraus dann wieder eine Kassette, die unsere Kids bis heute mitsingen können: “It*s allright, riding along in the breeze”. Die erste Seite begann mit Learning To Fly , dann kam wen ich mich recht entsinne Into The Great White Open und gefolgt von der Hymne I won`t back down. die Johnny Cash später noch mit seinem Bariton veredelte. So wie John Mayer dann auch Tom Petty`s wunderbares “Free Fallin`” noch ein bisschen schwebender machte.
Wenn wir wie in der letzten Sendung des 3. Jahrtausend am Ende ein Buch verlosen und Robert während der Ziehung in der Lostrommel rührt und singt, sprechen wir vorher kurz über das Lied. “Ich würde dieses Mal gern was Spanisches singen, muss kurz überlegen”…meinte er und ich schlug “ En Muelle de San Blas” vor – “Was, das kennst du?” -” Ja, wunderbares Lied” – “Stimmt. Das ist toll. Aber das können wir nicht machen, es ist einfach zu traurig”. Das stimmt, es ist traurig, schön und wahr, – wobei der Großmeister im traurigen Überbringen der Frohen Botschaft natürlich Bob Dylan bleibt : “Death Is Not the End” – aber hier die mexikanische Band Mana` mit dem Lied über die Braut, die an der Mole auf den nie zurückkehrenden Bräutigam wartet.
Mit dem Album Clandestino kam Manu Chao Ende der 90er überall in die Weltmusik-Charts, denn nicht nur die Texte, auch der fröhliche Groove – Bongo Bong – waren ansteckend. Und weil ich wie Robert die geschätzte Leserschaft nicht nur mit Traurig-Schönem zurücklassen möchte – sondern sie vielmehr Hochleben lassen will – passte es wunderbar, dass ich das unlängst erschienene neue Album von Manu Chao entdeckte, das wieder genauso ansteckend fröhlich schwingt. Hier deshalb – mit besten Wünschen zu Weihnachten – Viva Tu!
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Erschienen am 10. Juni 2024
Mathias Bröckers: Inspiration – Konspiration – Evolution. Gesammelte Berichte aus dem Überall, Fifty-Fifty (Juni 2024), 464 Seiten, 30 Euro
Die Piraten der Levante
Wie ein international gesuchter Terrorist und islamistischer Kopfabschneider quasi über Nacht zum respektierten Kalif von Damaskus reüssiert, diese Tragikomödie wird gerade auf der internationalen Bühne in Syrien gegeben, das ein gewisser “Al Jolani” mit einem Söldner-Mob von Wickelmützen in Windeseile erobert hat. Mit Hilfe des türkischen Geheimdienst, dessen Ex-Chef dem frisch barbierten (Ex-)Terroristen gratulierte – hier im Bild. Noch hat er die Sharia-Gesetze in seinem neuen Kalifat nicht verkündet und wir dürfen gespannt sein – Regenbogenfähnchen werden aber vermutlich nicht erlaubt. Sein zum Interims-Ministerpräsidenten ernannter Kollege Mohammed al-Bashir hat zwar ebenfalls Wickelmütze und Vollbart abgelegt und tritt mit Anzug und Krawatte auf, hatte aber bei der Amtseinführung noch immer die Dschihadisten-Flagge im Hintergrund.
Klar scheint im Moment nur, dass das Chaos, das vom US-Imperium in Westasien seit je verbreitet wird (Afghanistan, Irak, Libyen) nun auch im ehemaligen Syrien seinen Lauf nimmt. Und wir den “Piraten der Levante in vollem Ornat” live bei den Kämpfen zusehen können, sich das Land unter den Nagel zu reißen. Pepe Escobar dazu:
“Wir wissen immer noch nicht, wie das Rumpfsyrien aussehen wird – und auch nicht, wie lange es von einem Haufen neoliberaler Salafi-Dschihadisten mit gestutzten Bärten und billigen neuen Anzügen von der Stange regiert werden wird.
Tatsache ist, dass der US-Hegemon bereits seit mindestens einem Jahrzehnt mindestens ein Drittel des syrischen Territoriums kontrolliert – und weiterhin ungestraft syrisches Öl und Weizen stehlen wird: Die Piraten der Levante in vollem Ornat.
Was Tel Aviv betrifft, so zerstören sie Eretz Israels größte verbliebene arabische militärische Opposition, stehlen unaufhörlich Land und träumen von der totalen Vorherrschaft, sowohl aus der Luft als auch zur See, für den Fall, dass Russland seine Stützpunkte in Tartus und Hmeimim verliert (das ist ein großes „falls“).
Ganz zu schweigen davon, dass sie indirekt den neuen Kalifen kontrollieren, der sie sanftmütig gebeten hat, bitte nicht zu viel syrisches Land zu erobern.
Die Teilung wird entlang dreier anderer wichtiger Vektoren erfolgen:
-Vom Hegemon kontrolliertes Land und Militärbasen – die für einen Angriff auf den Irak genutzt werden könnten. Vergessen Sie ein scheinbar souveränes Syrien, das seine Ölfelder zurückerhält.
-Von der Türkei annektiertes Land, was unweigerlich zur vollständigen Übernahme von Aleppo führen wird (was der Sultan bereits zu Protokoll gegeben hat).
-Damaskus wird von einem ISIS-Ableger geführt, der direkt vom türkischen Geheimdienst manipuliert wird.All dies könnte bereits im ersten Quartal 2025 zu einer Art salafistisch-dschihadistischer Zionisierung führen, die nur ein Ziel hat: die Sanktionen der USA und der EU zu lockern.
Was al Jolani, der mit bürgerlichem Namen Mohammed Ibrahim al-Sham heißt, betrifft, so war er trotz seiner witzigen Umbenennung Al-Zarkawis Leutnant und Emir von Ninive während des Amoklaufs von Al-Qaida im Irak (AQI, später umbenannt in ISIS). Bagdad wird auf keinen Fall politische Beziehungen zu einem Salafisten unterhalten, der auf der irakischen Liste der Meistgesuchten steht.
Zusätzliches Kopfzerbrechen bereiten die Bedingungen der EU für eine Normalisierung der Lage in Syrien, wie sie von der nicht gewählten, durchgeknallten Estin, der für die Außenpolitik der EU zuständig ist (und fast 500 Millionen europäische Bürger vertritt), formuliert wurden: Brüssel wird die Sanktionen nur aufheben, wenn es keine russischen Stützpunkte und keinen „russischen Einfluss“ mehr im Kalifat von al-Sham gibt.”
Anarchy In The Levant – Your Future Dream Is A Chaos Scheme
Bisher unterhielten in Syrien vier Mächte – USA, Russland, Türkei, Iran – zusammen 800 Militärstützpunkte und werden sich abstimmen müssen über die jeweiligen Einflusszonen. So wenig Washington auf die Profite mit gestohlenem syrischen Öl verzichten will, so wenig will Moskau seinen Mittelmeerhafen aufgeben und Sultan Erdogan hat bereits seine territorialen Ansprüche verkündet, die mindestens bis Aleppo reichen. Man muss kein Prophet sein um vorherzusagen, dass die Zukunft in der Region nicht heiter wird, sondern blutiger als zuvor. Zumal auch die kindermordenden Irren von Zion die Gunst der Stunde nutzen und außer den Golanhöhen jetzt noch weiteres syrisches Territotium besetzen. Das Ganze mutet an wie ein Rollback in die Zeit des Ersten Weltkriegs und danach, als die britischen und französischen Kolonialmächte neue Grenzen zogen und ihre “Einflusszonen” festlegten.
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Erschienen am 10. Juni 2024
Mathias Bröckers: Inspiration – Konspiration – Evolution. Gesammelte Berichte aus dem Überall, Fifty-Fifty (Juni 2024), 464 Seiten, 30 Euro
3. JT #112: Game Of Drones
Mitten in Moskau wird einer der wichtigsten Generäle Russlands in die Luft gesprengt.Offenbar vom ukrainischen Geheimdienst. Dass das nicht ohne Folgen bleibt ist klar. Womit müssen wir rechnen? Außerdem: In Damaskus haben islamistische Krieger jetzt die Macht übernommen und der Westen feiert das als die Befreiung Syriens. Wirklich? Und was treiben eigentlich diese angeblichen Drohnen, die derzeit in Massen in den USA und anderen Ländern gesehen werden? Über all das und mehr sprechen Robert Fleischer, Dirk Pohlmann und Mathias Bröckers in der 112. Folge von “Das Dritte Jahrtausend” – alle Links dazu hier.
Dies ist unsere letzte Sendung für dieses Jahr – es sei denn, aus diesen merkwürdigen Flugobjekten steigen doch noch echte Aliens aus – dann muss unser Top-Experte Robert noch mal ran und wir ihm helfen auf dem Teppich zu bleiben, oder beim “Fertigmachen zum Beamen”. Wie auch immer, ich möchte mich bei allen Zuschauern für die Aufmerksamkeit bedanken, bei allen Spendern für ihre Unterstützung und wünsche allen schöne Weihnachten und guten Rutsch ins neue Jahr.
Immer noch Krieg in Pipelineistan
Was passiert, wenn eine Kopf-Ab-Wickelmütze, Chef von Hay’at Tahrir Al Sham (HTS), einem Abkömmling von Al Quaida und ISIS, gestern noch mit zehn Millionen Dollar Kopfgeld als Terrorist zur Fahndung ausgeschrieben, heute Präsident in Syrien ist ? Alles easy, Bruder – siehe dazu das Video ganz unten.
Worum es wirklich geht in Syrien – “Pipeline-istan” – wurde hier schon vor Jahren berichtet. Dass die Waffen für die “Rebellen” aktuell aus Katar finanziert wurden und die Jihadisten aus Saudi-Arabien stammen, passt historisch ins Bild.
“Seit Assad 2009 die projektierte Katar/Saudi-Arabien-Pipeline absagte und sich für eine Iran-Irak-Syrien-Pipeline entschied, mit der die EU übers Mittelmeer versorgt werden kann, mutierte er in Windeseile vom sympathischen Augenarzt zum üblen Diktator. Nun wäre es für die Öl,-und Gas-Bedürftigen Europäer, die nach dem Willen des Imperiums ihre Abhängigkeit von russischen Lieferungen reduzieren sollen, völlig egal, ob ihr Gas aus Katar oder Iran stammt. Nicht aber Onkel Sam: nach der Einigung im Atomstreit und der Aufhebung der Sanktionen gegen Teheran wäre der Iran mit dieser Pipeline dick im Geschäft.” (Krieg in Pipelineistan”, 8.12.2015)
Schon drei Jahre zuvor hatten wir hier festgehalten, dass es nicht um Syrien, Demokraten vs. Diktatoren usw. geht, sondern um strategische Kontrolle im globalen Erdgasgeschäft.
Während die Menschenrechtsbellizisten nach den großartigen “Erfolgen” in Afghanistan und Irak ( ca. 1 Mio Leichen) nunmehr Syrien ins Auge fassen um nach bewährter Methode Humanität und Demokratie zu verbreiten, und Israels Präsident mal wieder auf PR-Tour für einen “Selbstverteidigungs”-Krieg gegen die nicht vorhandenen Atomwaffen des Iran tingelt, gerät naturgemäß aus dem Blick, worum es bei dem Zirkus eigentlich geht: Öl und Gas. Seit Mitte der 90er Jahre plante der US-Konzern Unocal TAPI – die Turkmensistan-Afghanistan-Pakistan-Indien Pipeline. Nachdem sich die ursprünglich als Hüter der Pipeline in Afghanistan installierte Taliban-Regierung bei den Verhandlungen über die Transitgebühren als zu hartnäckig erwies, wurde der vom Unocal-Vertreter angedrohte “Teppich voller Bomben” prompt geliefert und die Taliban unter dem Vorwand der Terrorbekämpfung aus Kabul wieder verjagt. Als erste Amtshandlung unterzeichnete der danach installierte Prädident Kharzai dann in Dezember 2002 den Vertrag über TAP – ohne “I”, denn die Verlängerung nach Indien blieb noch offen. Die Inder verhandelten unterdessen über IPI – eine Iran-Pakistan-Indien Pipeline, die den USA ein Dorn im Auge ist, weil sie TAPI relativ unrentabel macht. Doch weder Indien noch Pakistan wollen sich auf eine allein US-kontrollierte Versorgung mit Erdgas verlassen und halten trotz amerikanischem Druck an IPI fest, die auf iranischer Seite schon fertig ist und 2014 in Betrieb gehen soll. Schon seit 2010 in Betrieb ist die russische Pipeline Blue Stream, die Gas durch das Schwarze Meer in die Türkei befördert, und die jetzt mit “Blue Stream 2” verlängert werden soll – nach Syrien. Dass sich Assad auf dieses Angebot eingleassen hat – statt auf die von USA und EU angebotenen Gaslieferungen aus Ägypten – ist ein entscheidender Grund für den vom Westen massiv propagierten Regimewechsel in Damaskus: der Zugang für russisches Gas zum Mittelmeer. Zudem hat Syrien unlängst einen milliardenschweren Vertrag mit Iran und Irak über die Lieferungen von iranischem Erdgas ans Mittelmeer geschlossen – und damit weitere drohende Konkurrenz für das anglo-amerikanischen Piplinegeschäft ebenso wie für die Exploration der 2010 entdeckten großen Erdgasreserveroirs im “levantinischen Becken” vor Zypern, die Israel ausbeuten will. Es geht bei den aktuell hochgekochten Konflikten also weniger um ein autokratisches Mullah-Regime in Teheran oder einen Diktator in Damaskus, die zugunsten von Demokratie und Humanität “beseitigt” werden sollen, es geht um Konkurrenten und strategische Kontrolle im Erdgasgeschäft. (Krieg in Pipeline-istan, 4.3.2012)
Ohne diesen Hintergrund sind die Ereignisse in Syrien nicht zu verstehen, so wenig wie der Zeitpunkt, zu dem sie erfolgt sind: als militärischer Angriff auf die Ziele von BRICS, zu dessen Mitgliedern jetzt auch der Iran zählt (und Syrien sich angemeldet hat.) Russland hat sich aus seinem Militärhafen und dem Luftwaffenstützpunkt in Syrien kampflos zurückgezogen und den Islamisten beim Sturm von Hay’at Tahrir Al Sham (HTS) auf Damaskus nichts entgegengesetzt. Was mit den nur 400 dort stationierten Militärs auch kaum möglich gewesen wäre. Dass die Vertreibung Assads in den westlichen Medien allenthalben als Niederlage Putins gefeiert wird, könnte indessen ein wenig voreilig sein und schnell verblassen, meint auch Larry Johnson – Ex-CIA und Kenner der Islamistenszene, der HTS für “radikaler als die Taliban” hält, während der Kollaps-Experte meines Vertrauens, Dmitry Orlov, einen Zusammenbruch der arabische Welt und Rückfall in die Stammerskriege des 6. Jahrhunderts am Horizont sieht. Alles andere also als ein fröhliches Sommerfest:
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Erschienen am 10. Juni 2024
Mathias Bröckers: Inspiration – Konspiration – Evolution. Gesammelte Berichte aus dem Überall, Fifty-Fifty (Juni 2024), 464 Seiten, 30 Euro
Der Westen im Niedergang
In der letzten 3.JT Sendung (Hyperschallknall) haben wir am Ende schon kurz über das Buch von Emmanuel Todd (“Der Westen Im Niedergang”) gesprochen. Wäre ich noch wie in den 90ern in der Sachbuch-Jury der “Süddeutschen Zeitung”, würde ich alle befreundeten Juroren anrufen, mit “Lesebefehl” und der Bitte, ihr Votum beim “Sachbuch des Jahres” für dieses wichtige, erkenntnisreiche, absolut lesenswerte Werk abzugeben. Auch und gerade zu einem Zeitpunkt, an dem ein Weltkrieg so nahe scheint wie seit Jahrzehnten nicht – und Europa sich immer tiefer in den Konflikt der Supermächte hineinziehen lässt in dem es nur Verlierer dastehen wird. Und – wenn man der angelsächsichen Heartland-Theorie von Halford Mackinder folgt, über die Ulrike Guèrot gerade ein Buch veröffentlicht hat – auch genau so dastehen soll. Über diesen Niedergang hat sie mit Emmanuel Todd ein ausführliches Gespräch geführt.
R.I.P. Telepolis
Telepolis löscht über 50.000 alte Artikel und benennt diese digitale Zensur und Geschichtsklitterung “journalistische Qualitätsoffensive”. Die “literarische Qualitätsoffensive” der Bücherverbrennung lässt grüßen! Einige “Archivperlen” will Schriftleiter Harald Neuer frisiert wieder aufleben lassen, meine ca. 200 tp-Artikel seit 1996 werden aber wohl nicht dabei sein, schon gar nicht die “WTC Conspiracy”-Kolumnen , die aber zum Glück gedruckt vorliegen. Das gilt für die meisten der über 50.000 Artikel aber leider nicht, denn Online-Magazine werden nicht in der Nationalbibliothek hinterlegt, sondern sind ihr eigenes Archiv. Wenn der Heise-Verlag, der Telepolis betreibt, sie von seinen Servern löscht, sind sie aus der Geschichte verschwunden.
Wie nach der Bücherverbrennung können die Inhalte dann nur noch in Form privater Kopien überleben und Autoren können froh sein, noch eine gespeichert zu haben, ansonsten ist das Werk ein für allemal verloren. Nicht nur für sie, sondern auch für die Historiker der Zukunft, die die Bedeutung des Onlinejournalismus und seine Rolle beim Entstehen medialer Gegenöffentlichkeit erforschen – und die Inhalte eines der ersten und wichtigsten Magazine in Deutschland gar nicht mehr finden. Weil Telepolis sich 2021 ein “journalistisches Leitbild” verpasst hat, dem die Inhalte der ersten 25 Jahre dieses Magazins nicht mehr entsprechen. Zur Begründung für die massenhafte Löschung schreibt Neuber, man habe die Texte „zunächst aus dem Archiv genommen“, da man „für deren Qualität nicht pauschal garantieren“ könne.Wir mussten aber einsehen, dass es keine realistische Möglichkeit gibt, die enorme Menge von Artikeln aus gut 25 Jahren hinreichend zu prüfen.“
Dass 1933ff. eingestellte Schriftleiter jahrzehntealte Artikel aus den Archiven ihrer Zeitung entfernt hätten, weil sie nicht mehr dem neuen Leitbild der Schrifttumskammer entsprachen, ist mir nicht bekannt und auch eher unwahrscheinlich, weil sie nur für den aktuellen Inhalt ihres Blatts verantwortlich waren und nicht für die Säuberung der Vergangenheit. Warum und nach welchen Kriterien müssen historische Artikel überhaupt “hinreichend” überprüft werden ? – oder anders gefragt: wo kommen wir hin, wenn alle Zeitungen und Medienhäuser ihre Archive von allen Texten säubern, die sich als als falsch, tendenziös, unsachgemäß und unjournalistisch im klassischen Sinnen herausgestellt haben ? Welche Medienrealität werden die oben angesprochenen Historiker in einem derart durchgekärcherten Daten,-Nachrichten,-Meinungs-Korridor einst noch finden ? – jedenfalls nicht die, die in der Öffentlichkeit existiert hat.
Sondern nur die von `NewsGuard` – einem mit Millionen aus aus der PR,-und Werbebranche finanzierten Unternehmen, das die Glaubwürdigkeit von Medien untersucht und bewertet – als “vertrauenswürdig” eingestuften Medien. Mit voller 100% Punktzahl für das ehemalige Nachrichtenmagazin “Spiegel”, die FAZ und mit kleinen Abstrichen für die anderen Mainstreammedien, also genau jene, denen die PR,-und -Werbebranche weiter ihre unglaubwürdigen Produkte – Propaganda und Reklame – verkaufen will und ihnen eben deshalb des Image “glaubwürdig” verpassen muss. Von einem solchen Bewertungsportal “mit der vollen Punktzahl als “sehr glaubwürdig” eingestuft zu werden, wie TP-Leiter Neuber stolz verkündet, ist offensichtlich der Hintergrund für die Säuberungsaktion bei Telepolis.
Warum es nicht reicht, dem “News Guard” Reinheitsgebot zu genügen, indem man Beiträge aus dem Archiv als solche kennzeichnet – wie es bei Telepolis seit 2021 schon geschieht, mit dem überflüssigen Hinweis auf mögliche Inkompatibilität mit der neuen “Leitbild”-Ideologie – und gleich das gesamte Archiv geschlossen wird, ist unerklärlich. Dass der IT-Verlag Heise nicht genug Serverplatz zur Verfügung hat oder die Kosten für das Hosting eines Archivs mit 50.000 Textdateien zu hoch sind oder bergeweise Gerichtsklagen wegen alter Artikel eingegangen sind, kann eigentlich nicht sein. Auch dass in 25 Jahren Telepolis-Artikeln so häufig gegen neue Sprachregeln verstoßen wurde – weil etwa das “N-Wort” benutzt wurde und von “Pipi” statt korrekt von Urin Langstrumpf die Rede war – dass man gleich das ganze Archiv sperren muss, kann kein Grund sein.
Was Schopenhauer über die Archive sagt – “Wie die Schichten der Erde die lebenden Wesen vergangener Epochen reihenweise aufbewahren; so bewahren die Bretter der Bibliotheken reihenweise die vergangenen Irrtümer und deren Darlegungen.“ – gilt selbstverständlich auch für die Fake News von gestern, das tödliche Grippevirus von vorgestern und die Massenvernichtungswaffen vor zwanzig Jahren. Wer sich durch Ausradieren vergangener Irrtümer zu einem Organ der Wahrheit stilisiert, macht sich als journalistisches Medium lächerlich und nicht glaubwürdig.
Journalistische Qualität und Objektivität erreichen zu wollen und dabei und den fragwürdigen Kriterien einer Firma zu folgen, die von einem Ex-CIA und einem Ex-NATO-Chef “strategisch beraten” wird, ist nicht vetrauenswürdig, sondern peinlich. Indes ganz auf der Linie des gerade enttarnten pseudo-investigativen Journalisten-Netzwerks OCCCP, das von der US-Regierung finanziert und gesteuert wird und mit dem auch deutsche Medien eng zusammengearbeitet haben. An ihrer NewsGuard-zertifizierten Glaubwüridgkeit wird das nicht kratzen, so wenig wie die Millionenspenden von Bill Gates an “Spiegel” und andere Großmedien nicht an deren rundum “vertrauenswürdigen” Berichterstattung zur Pandemie kratzen konnten.
Von Medienprojekten, die als Tiger starten und als Bettvorleger enden kann ich als einstiger Mitgründer der “taz” ein trauriges Lied singen, doch selbst nachdem diese Zeitung zu einem olivgrünen NATO-Kampfblättchen verkommen ist und in Sachen Covid wie der “Wachturm” der “Zeugen Coronas” auftrat, käme dort niemand auf die irrsinnige Idee, das Archiv zu sperren, weil man nicht mehr für die “Qualität” historischer Artikel garantieren kann. Zumal wenn – wie bei der taz so bei Telepolis – das ganze Image, der Nimbus, die Marke, im Kern auf solchen nicht von NewsGuard-Praktikanten “zertifizierten” Inhalten und Sichtweisen beruht. Telepolis wurde nicht bedeutend und groß, weil man für die Berichte nur dpa-, und AP-Ticker verwurstete, sondern weil andere Quellen, Dokumente, Zeugen und Sichtweisen zu Wort kamen als bei diesen Agenturen.
Für die Hoffnungen, den mit dem Internet eintretenden Strukturwandel der Öffentlichkeit für einen freieren, erweiterten demokratischen Diskurs zu nutzen, war in Deutschland das Onlinemagazin Telepolis 1996 das erste publizistische Organ – gegründet von einem Philosophen (Florian Rötzer) in einem bis dahin in einem ausschließlich auf Technik spezialisierten Verlag (c`t Magazin), als Fusion von Digitalem und Technik mit Geist und Kultur, Wissenschaft und Kunst, ein journalistisches Pionierprojekt zu einer Zeit, als den Kollegen in den Printmedien “Netscape” und “Google noch unbekannt waren und Netzrecherche als unanständig galt.
Als meine am 13.9.2001 gestartete “WTC-Conspiracy” – Kolumne im Sommer 2002 im Buch erschien (“Verschwörungen, Verschwörungstheorien und die Geheimnisse des 11.9.”), hatte mich mein Verleger kurz vor Drucklegung noch um einen Vorspann gebeten, um zu erklären was eine “Suchmaschine” und “Links” sind. Die kleine web-pädagogische Handreichung „Zweimal täglich googeln“ gereichte mir dann aber eher zum Nachteil. Meine Quellen wurden von der Kritik durchweg als »unseriös«, weil »nur bei Google recherchiert« eingestuft, obwohl mehr als 90 Prozent der angegebenen Links auf bekannte »seriöse« Medien verwiesen. Dass das Internet ein Übermedium ist, in dem alle anderen Medien erreichbar sind, hatte der »Holzjournalismus« 2001 noch nicht verstanden und verkaufte das Netz als Drohkulisse für die garantierte Unseriosität gefährlicher Informationen. Das funktioniert heute wo alle im Netz sind nicht mehr, weshalb jetzt NewsGuard & Co. aussortieren, klassifizieren und zertifizieren und dem Publikum für betreutes Lesen zur Verfügung stellen.
Willkommen in Brainwashington D.C. . Und bei einer meiner in den Telepolis-Giftschrank verbannten “unqualifizierten” Bemerkungen. Weil diese hundertausendfach gedruckt und übersetzt bis nach Indonesien vorliegen, kann ich über diese digitalen Bücherverbrennung zwar nur als halb betroffener Hund aber dafür umso lauter bellen: Hallo Heise/Telepolis: Was soll der Scheiß? Wollt ihr wirklich alles über “Daten – Aufzucht und Pflege” (Wau Holland), die Grundregeln der Online-Kultur, der Hacker-Ethik und des freien Informationsaustauschs restlos vergessen? Okay, dann trennt euch von der Telepolis-Vergangenheit, in der dieser Geist wehte, vertraut der journalistischen Desinfektion durch die NewsGuard-Impfung und benennt euch in “Tewokelis” oder wie auch immer um. Doch Spaß beiseite: das Archiv zu sperren, zu manipulieren und gar zu eliminieren, ist ein Verbrechen! Auch wenn es einen Strafgerichtshof für Übergriffe auf das digitale Weltkulturerbe noch nicht gibt. Was es aber sicher gibt, sind Institutionen – Wau Holland-Stiftung, Digitalcourage, EFF u.a. – die das digitale Archiv von 25 Jahren Telepolis-Magazin unangetastet bewahren und offen halten würden. Ihnen dieses unerwünschte historische Erbe zu überlassen gebietet nicht nur die zeit, – und medien-geschichtliche Verantwortung, sondern schlicht der Anstand. In diesem Sinne: Die Wiederauferstehung von “Telepolis 1.0” ist überfällig!
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Erschienen am 10. Juni 2024
Mathias Bröckers: Inspiration – Konspiration – Evolution. Gesammelte Berichte aus dem Überall, Fifty-Fifty (Juni 2024), 464 Seiten, 30 Euro
3.JT #111 : HYPERSCHALLKNALL
Eine neuartige Rakete verändert das strategische Gleichgewicht – nicht nur im Ukraine-Konflikt. Unterdessen knirscht es weltweit im Gebälk der Regierungspaläste. In Tiflis und in Seoul gibt es Tumulte. Und dabei ist Donald Trump noch nicht mal im Amt. Über all das und mehr reden Robert Fleischer, Dirk Pohlmann und Mathias Bröckers im Dritten Jahrtausend. Alle Links zur Sendung hier.
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Erschienen am 10. Juni 2024
Mathias Bröckers: Inspiration – Konspiration – Evolution. Gesammelte Berichte aus dem Überall, Fifty-Fifty (Juni 2024), 464 Seiten, 30 Euro


