Dass König Wladimir, im kollektiven Westen der “Ultraböse” schlechthin, vom Rest der Welt meist als kompetenter und vertrauenswürdiger Herrscher geschätzt wird, hatte viel mit dem Mut zu tun, mit dem er dem exzeptionalistischen Königreich entgegen getreten ist, das direkt vor seiner Haustüre in der Ukraine eine NATOstan-Festung errichten und ihn mit einem “regime change” genannten Staatsstreich aus seiner königlichen Burg, dem Kreml, vertreiben will. Auf diese Art hatte das Imperium ja seit vielen Jahren in zahlreichen Königreichen für Umstürze gesorgt, um devote und zahlungswillige Monarchen an die Macht zu bringen und unterhielt dafür – weil Korruption und Propaganda eben manchmal nicht reichen – sicherheitshalber 800 Festungen auf der ganzen Welt. Wenn irgendwo rücktritts-unwillge Herrscher Zicken machten, war ein exzeptionalistischer Krakenarm gleich in der Nähe, um ihn mit Gewalt zum Abtritt zu zwingen und so hatte es niemand gewagt, sich der Expansion und Ausbeutung des Imperiums zu widersetzen. Bis es König Wladimir, den alle nur “Putin” nannten, zu viel wurde, da ihm die NATOstan-Truppen immer dichter auf den Pelz rückten und er im Februar anno 2022 seinen “Militärische Spezialoperation” genannten Feldzug begann, um sie und ihre ukrainischen Helfer zu vertreiben. Und den Beweis anzutreten, dass NATOstan ein Papiertiger ist, der mit all seinen “Wunderwaffen” und der größten mobilisierten Armee seit dem letzten Weltkrieg vernichtend geschlagen werden kann – und dass auch ein nie dagewesener Tsunami von Sanktionen ein Land nicht in die Knie zwingt.
Damit hatte das russische Reich ein Ausrufezeichen gesetzt, ein Signal für das gesamte geopolitische Schachbrett: die “Full Spectrum Dominance” der Exzeptionalisten geht zu Ende, ihr “Free Lunch” und “All You Can Eat” an den globalen Buffets kann gestoppt werden – “Souveränität ist machbar, Herr Nachbar!” lautet die Botschaft, die Russland zwischen den Zeilen an die Länder der Welt sendet, was den ohnehin schwelenden Hass des Imperiums auf die “ultrabösen” Russen natürlich weiter anheizte. Gelten doch am Hofe Washingtons – wie schon bei dem imperialen Vorgängern in London – “Souveränität” und “Autonomie” von Königreichen als gefährliche ansteckende Krankheiten, die im Keim erstickt und ausgemerzt werden müssen. Diese eiserne Regel hat bekanntlich dazu geführt, das auf dem gesamten Erdball nur 22 Länder existierten, die im Lauf der Geschichte noch nicht von einer britischen Invasion heimgesucht wurden.
Auch dem Entstehen des exzeptionalistischen Königreichs lag ja eine solche Eroberung zu Grunde, in deren Folge man dann die “souveränen” Ureinwohner ausmerzte, die Kolonialmacht des britischen Throns abschüttelte und sich mit dem Schwur selbstständig machte, als “Land der Freien” niemals selbst zu einer imperialen Macht zu werden, die andere Länder überfällt und ihnen die Freiheit nimmt. Ein guter Vorsatz, der indes nicht lange hielt, sodass ein berühmter Schriftsteller namens Mark Twain schon 1901, als man das Inselreich der Philippinen überfallen hatte, die notwendige Änderung der königlichen Fahne anmahnte: „Wir nehmen einfach unsere übliche Flagge, übermalen nur die weißen Streifen schwarz und ersetzen die Sterne durch einen Totenkopf mit gekreuzten Knochen“.
Eine solche Flagge wäre für das exzeptionalistische Imperium, das in den letzten Jahrzehnten Dutzende souveräne Königreiche angegriffen hat, aktuell zwar durchaus angemessen, doch gleichzeitig auch völlig unangemessen, weil diese Überfälle ja stets unter dem Motto “Verbreitung von Freiheit, Demokratie und Menschenrechten” laufen und nicht mit einem Totenkopf als “Emoji” daherkommen können. Auch wenn König Donalds Piratenflotte bei den nächsten Eroberungen (Grönland/ Panama-Kanal) unter klassischen “Stars&Stripes”-Fähnchen antritt, wissen die Leute in den betroffenen Regionen aber längst, dass wenn “Freiheit” und “Demokratie” verbreitet werden “Skull&Bones” im Anmarsch sind – und gehen in Deckung.
Diese als “Kanonenbootpolitik” bekannt gewordene und über Jahrhunderte sehr erfolgreiche Methode, wehrlose Königreiche mit überlegenen Waffen unter die Knute des Imperiums zu zwingen und auszubeuten, ist mit der NATOstan-Niederlage in der Ukraine jetzt ebenfalls in Frage gestellt. Was König Donald auch zu ahnen scheint, denn spätestens seit der “Oreschnik” genannten Haselnuss, dem hypersonischen Donnerblitz aus heiterem Himmel, ist die militärisch-technische Überlegenheit Wladimirs nicht mehr zu leugnen. Und Kanonenboote sind wertlos geworden, weil es jetzt nicht einmal eine dicke Haselnuss, sondern nur einen hyperschnellen Dolch braucht, der “Kinzhal” genannt wird und nicht abgefangen werden kann, um sie mühelos zu versenken. Aus diesem Grund zog es das ultrateure Prachtschiff der exzeptionalistischen Flotte, der Flugzeugträger “Eisenhower”, ja unlängst auch schon vor, aus dem Roten Meer zu flüchten, nachdem die tapferen Wüstenkrieger der Huthis ihm mit mit ihren selbstgebauten Raketen ein Loch ins Deck geschossen hatten.
Dass nicht mehr die riesige Armee des Imperiums, dessen Kriegskasse pro Jahr so viel verschlingt wie die der zehn nächst größeren Königreiche zusammen, dass nicht diese gigantische, ultrateure Militärmaschine über die besten, hyperschnellen, kriegsentscheidenden Waffen verfügt, ist für die Exzeptionalisten natürlich schwer zu schlucken, wird von Donald aber nicht auf mangelnde Einzigartigkeit zurückgeführt, sondern auf Putin, der König Obama damals die Pläne dafür gestohlen hätte. Also der Ultraböse schon wieder, der mit seinen magischen Fähigkeiten nicht nur die Wahlen manipuliert, Hillarys Briefkasten gehackt und Donald auf den Thron gehievt hat, sondern auch wusste, dass von diesen Plänen nur eine einzige Kopie existiert und niemand außer ihm dann diese unbesiegbaren Raketen wird bauen können.
Aber er hat seine Rechnung natürlich ohne Bombastus Donald gemacht, der jetzt angekündigt hat, dass es “schon bald” so weit sein wird und wir “Super-Hypersonics” haben. Bis es soweit ist – erfahrene Beobachter gehen davon, dass fünf bis zehn Jahre durchaus ins Land gehen können – hat Team Russia dank Oreschnik & Co. die Oberhand was Schläge aus heiterem Himmel betrifft. Freilich nicht, wie Donald fabuliert, weil sie irgendwelche exzeptionalistischen Pläne gestohlen haben, sondern weil sie mehr und qualifiziertere Wissenschaftler, Mathematiker und Ingenieure ausbilden und die schweren material-technischen Probleme der “Hypersonics” gelöst haben. Raketen auf hyperschnelle Geschwindigkeiten zu beschleunigen war ja schon seit Jahrzehnten überhaupt kein Geheimnis mehr, nur hatte noch niemand herausgefunden, wie man einen Flugkörper konstruiert, der bei solchem Tempo trotz der extremen Reibungshitze steuerbar bleibt und metergenau sein Ziel trifft. Weil die Russen dieses Rätsel gelöst hatten, wurden dann auf den Schlachtfeldern in der Ukraine fast alle “Patriot” genannten Abwehrsysteme zerstört, die das Imperium als “Schutzschild” und “Iron Dom” für 400 Millionen Dollar pro Stück und (4 Millionen pro Rakete) seinen Vasallen verkauft.
Doch nicht nur im Militärischen ist das exzeptionalistische Königreich schwer ins Hintertreffen geraten, auch bei der Entwicklung von hyperschnellen Rechensystemen, die “Künstliche Intelligenz” genannt werden und allgemein als “Zukunftstechnologie”gelten, sind sie überholt worden. Von einem Sputnik-Event, wie er zuletzt 1957 die ganze Welt überraschte, als die Russen das Weltraum-Zeitalter eröffneten und einen ersten Satelliten im All platzierten.
Dieses Mal kam der Schock aber aus China, dem Reich der Mitte, deren Techniker ein “Deepseek” genanntes KI-Sytem vorstellten und der Weltöffentlichkeit zur freien Benutzung anboten – am selben Tag, als König Donald ein bombastisches 500 Milliarden Dollar Programm für riesige Rechnerfarmen und “das größte KI-System der Geschichte” ankündigte, um die “Zukunft der Technik” im Lande zu behalten. Die mit “Deepseek” just in diesem Moment schon ausgewandert war, denn das chinesische System bietet für einen Bruchteil der Kosten dieselbe oder sogar mehr Leistung als das “OpenAI” genannte System, in dessen Ausbau Donald jetzt weiter investieren will. Die erste Reaktion auf den Schock war erwartbar: wie die Russen außer Spaten und verrosteten Kalschnikows nichts zu bieten haben und ihre Raketenpläne gestohlen haben müssen, sind auch die Chinesen, wie ein hochmögendes Forschungsinstut names “Harvard” herausgefunden hat, grundsätzlich zur Innovation unfähig und können nur schlechte Kopien anfertigen. Doch wie mit den Hypersonics scheint dem Imperium auch mit “Deepseek” einmal mehr die eingebildete Überlegenheit, auch als “Hybris” bekannt, auf die Füße zu gefallen zu sein.
Schon vor vielen Jahren hatte König George W. ja einseitig den Sperrvertrag gekündigt, mit dem man die Entwicklung und Stationierung von Raketen begrenzt hatte, weil man davon ausging, dass die Russen bei einem Wettrüsten mit dem zehnfach überlegenen Rüstungsbudget des Imperiums nicht mithalten können. Das konnten sie auch nicht, waren gezwungen neu und zu weiter zu denken, haben jetzt Kinzhal und Oreschnik und sind auf dem Schlachtfeld unbesiegbar.
Ganz ähnlich lief es auch auf dem Feld der hyperschnellen Rechnersysteme, mit dem Plan: da das “unfähige” China ja “nur kopieren” kann und gegen unsere zehnfach überlegene Menge an schnellen “Chips” keine Chance haben, belegen wir sie einfach mit Sanktionen. Was wiederum die Chinesen dazu zwang, weiter und neu zu denken, wie man das Problem ohne riesige Mengen “Chips” und ultrateurer, energiefressender “Hardware” lösen kann und so haben sie jetzt, dank der genialen “Software” ihrer Ingenieure, nicht nur “Deepseek” sondern auch “Qwen”, die Alibaba-KI. Und lassen Donalds jüngsten Milliardenbombast vom ersten Tag an und auf einen Schlag sehr alt aussehen.
Auch wenn die Frage noch unbeantwortet ist, ob die sogenannte “Künstliche Intelligenz” die menschliche Dummheit wirklich überwinden oder nur potenzieren wird, lässt sich fraglos feststellen, dass es äußerst dumm von Donald war, in seiner ersten Amtszeit das Kooperations-Angebot von Alibaba abzulehnen (- “Aussen Hui, innen Feng Shui”, 02.01.2017 – und stattdessen auf einen Wirtschaftskrieg mit dem Reich der Mitte zu setzen. Was Alibaba, der eigentlich Jack Ma hieß und in seiner Heimat nach einem berühmten Schwertkämpfer “Feng Qingyang” genannt wurde, dem Imperator damals klar machen wollte – dass er permanent sinnlose Unsummen in auswärtige Kriege investiert, statt in die Entwicklung seines Lands und seiner Leute – hatte Donald aber nicht einsichtig, sondern wütend gemacht.
Und so geschah es, dass die imperiale Oligarchie im exzeptionalistischen Königreich mit ihren gigantischen Tech-Konzernen und Monopolen genauso starr und rückständig wurde, wie es einst die kommunistische Partei-Oligarchie mit ihren Staatsbetrieben in Russland und China war. Diese haben ihre alten Systeme zwar zugunsten des Kapitalismus hinter sich gelassen, sich gleichzeitig aber auch an die alte Weisheit “Kein Kommunismus ist auch keine Lösung” gehalten: individuellen Reichtum fördern ohne kommunitäres Gemeinwohl zu vergessen. Mächtige, einflussreiche Ultrareiche existieren jetzt dort ebenso wie im kollektiven Westen, doch mit einem Unterschied: Im Osten werden sie vom König kontrolliert, im Westen ist es umgekehrt.
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Erschienen am 10. Juni 2024
Mathias Bröckers: Inspiration – Konspiration – Evolution. Gesammelte Berichte aus dem Überall, Fifty-Fifty (Juni 2024), 464 Seiten, 30 Euro



Auch Donalds Behauptung, dass die russische Ökonomie am Ende sei und er ihr mit Zöllen und Sanktionen die Luft abdrehen kann, basiert auf falschen Zahlen und grandioser Selbstüberschätzung. Mit einem solchen sowohl historisch wie militärisch und wirtschaftlich in Phantasialand irrlichternden Imperator, kann es natürlich zu einem schnellen Ende des











Statt überall auf der Welt Sheriff spielen, teure Militärniederlassungen zu unterhalten, lieber in die geographische Nachbarschaft expandieren, statt sich mit Wladimir oder dem mächtigen Großkönig Xi im Reich der Mitte anzulegen, lieber die schwachen Nachbarn erledigen, Vasallen wie Dänemark, dem Grönland offiziell gehört, einfach ihre Insel abpressen und und den Mexikanern im Süden ihren Golf. So ungefähr schien der MEGAMAGA-Plan Donalds – Gesundschrumpfen des überdehnten Imperiums bei gleichzeitigem Wachstum – auszusehen und viele im Land fanden das gar nicht so übel. 
