Dass unter König Donald üblicherweise hinter verschlossenen Türen stattfindende Verhandlungen als sogenanntes “public viewing” in aller Öffentlichkeit ausgetragen werden, gestattet den am Hofe normalerweise ausgeschlossenen Untertanen ganz ungewohnte Perspektiven auf politische Entscheidungsprozesse und die Persönlichkeiten der beteiligten Eminenzen. Die vergangene Woche übertragene Auseinandersetzung zwischen König Donald und seinem als “Das Grüne-T-Shirt” bekannten Herausforderer Wolodymyr – im exzeptionalistischen Königreich auch als “Showdown” bezeichnet – wird in dieser Hinsicht fraglos in die Geschichte des geopolitischen Wrestling eingehen. Sowie in die Lehrbücher, wie man bei einem “Bewerbungsgespräch” auf keinen Fall auftreten sollte – hier die detaillierte Analyse eines Experten für “Körpersprache” – egal ob es sich um einen Job zum Lebensunterhalt, um unternehmerische Zusammenarbeit oder wie in diesem Fall um milliardenschwere Hilfe zur Kriegsführung geht. Und dass die Drohung: “Wenn ich nicht bekomme was ich will, geht es dir bald selbst an den Kragen” das absolute Gegenteil eines zielführenden Arguments darstellt, zumal wenn man es mit dem mächtigsten König des bekannten Universums zu tun hat. Selbst wenn er einen “großen schönen Ozean” dazwischen hätte, würde er es “zu spüren” bekommen, bekundete Wolodymyr – und da platzte Donald der Kragen. Sich von einem “mittelmäßigen Komiker” und “ungewählten Diktator” – so seine Einstufung des “Grünen T-Shirts” einige Tage zuvor – “diktieren” zu lassen, was er wann “zu spüren” bekommt, das ging dem Imperator dann doch zu weit.
Spätestens hier hätte Wolodymyr noch eine Chance gehabt, das seit einer halben Stunde recht moderat verlaufende Gespräch noch zu retten, ein wenig zurück zu rudern und einzulenken. Stattdessen kläffte er den Hillbilly-Vizekönig JD, der ruhig darlegte, dass man es nach drei Jahren Krieg nun mit Diplomatie versuchen werde, giftig an: “Mit welcher Diplomatie?” und dann dauerte es nur noch ein paar Minuten, bis Donald die Show beendete: “Die Zuschauer haben genug gesehen, denke ich.”
Das hatten sie: mit dem “Grünen T-Shirt” sind Kompromisse für den Frieden nicht zu machen, er ist trotz des Leichenbergs von einer Million Toten noch immer dem Wahn vom “Sieg auf dem Schlachtfeld” verfallen, zu dem ihn seine Mentoren angestachelt haben. Dass zu diesen ja auch das exzeptionalistische Königreich zählte, das unter Donald jetzt aus dem Zirkus aussteigt, macht den kleinen Wolodymyr zu einer tragischen Figur. Ein trauriger Clown, der sich wirklich für den großen Zampano und Superhelden gehalten hat, zu dem ihn die Zirkusdirektion aufgeblasen und in die Kuppel gehievt hatten, der nicht verstehen kann, dass es nur heiße Luft und Lügen waren, die ihn dort als “König” auf Wolke Sieben schweben und im T-Shirt auf Tournee rund um die Welt flattern ließen. Und der noch nicht gemerkt hat, dass der neue Direktor ein neues Stück angesetzt hat, in dem seine Rolle gestrichen ist.
Auch die europäischen Vasallen und Nebendarsteller sind von dem Programmwechsel “überrascht” bis “schockiert”, obwohl es seit Donalds Telefonat mit Wladimir und den begonnen Verhandlungen absehbar war, dass das Stück “Frieden durch mehr Krieg” abgesetzt wird. Doch sie wollen an der Seite des “Grünen T-Shirts” weiter kämpfen. Allen voran die als “Flintenuschi” bekannt geworden EU-Politbüro-Kommisarin, die eine “Wiederbewaffnung Europas” fordert, sowie ihre schwer übergeschnappte Außenbeauftragte Katja, die aus dem Reich der russophoben Giftzwerge in Estland stammt und außer Russland auch noch China angreifen will. Und während die in Deutschland abgängige 360-Grad-Ministerin Annalena noch ein “Heil Ukraine!” ins Mikro haucht und ihr Bundespräsident künftig “die Ukraine vor den USA schützen” will, trafen sich die europäischen Herrscher in London, um zu beraten und sodann in Gestalt des britischen Premiers zu einer “Koalition der Willigen” aufzurufen. Mit diesen Worten hatte zuletzt bekanntlich einer seiner Vorgänger, der Blair hieß und als “Phony Tony” bezeichnet wurde, seine europäischen Kollegen zu einem Kampfbund zusammengetrommelt, um das Königreich Irak wegen erfundener “Massenvernichtungswaffen” zu überfallen. Damals hatte man das exzeptionalistische Königreich im Rücken und es handelte es sich um ein weitgehend wehrloses Land. Jetzt aber wollen diese “Willigen” ohne den großen Bruder Krieg gegen die größte Nuklearmacht und stärkste Armee der Welt ? Wenn den Untertanen in Europa Angst und Bange werden sollte, dann nicht wegen eines gefährlichen “Ultrabösen”, der sie alle fressen will, sondern wegen ihres gefährlich verrückten Führungspersonals.
Das willige Klein-Britannien, als ob es noch nie von der dutzendfach und deutlich vorgebrachten Aussage gehört hätte, dass NATOstan-Truppen in der Ukraine nicht verhandlungsfähig sind, will sofort 30.000 Soldaten zur “Friedensischerung” bereitstellen. Was bei der aktuellen Sterberate an der Front nicht mehr bedeutet, als den Krieg um drei bis vier Wochen zu verlängern. Die anderen möglichen Kriegskoalitionäre haben noch keine Zahlen genannt, Kontingente für mehr als zwei, drei Monate Verlängerung haben sie aber auch nicht zu bieten. Also ganz schlechte Karten, nichts auf der Hand. Weshalb ihnen nichts anderes bleibt, als das “Grüne T-Shirt” zu ermutigen, seine Landsleute nun aber wirklich bis zum allerletzten Ukrainer weiter in die Blutmühle zu schicken. Ein paar Milliarden hat man ihm dafür in London jetzt in die Hand gedrückt und weitere versprochen.
Dass die Briten als Kriegstreiber vorne weg marschieren ist nicht nur ihrer traditionellen Heartland-Strategie – zu verhindern, dass Russland und Deutschland kooperieren – geschuldet, sondern wohl auch dem “100-jährigen Freundschaftsvertrag” mit der Ukraine, den sie im Januar geschlossen haben, samt einem noch nicht bestätigten aber immer wahrscheinlicheren geheimen Vertragsanhang zur Ausbeute von Seltenen Erden. Der indes nur dann mehr als das Papier wert ist, wenn er umgesetzt und vor Ort gesichert wird, weshalb die Briten dauernd “Friedenstruppen” und Wolodymyr als ihr Agent in jedem zweiten Satz dringende “Garantien” fordern – als ob nicht zuerst ein Frieden überhaupt verhandelt und geschaffen werden muss, bevor man über seinen Erhalt und künftige Sicherheit redet. König Donald hat diese logische Reihenfolge bei seinen Gesprächen mit dem Briten und mit dem “Grünen T-Shirt” stets deutlich herausgestellt. Dass sie davon nichts hören wollen, dass Wolodymyr vor seinem Auftritt im Oval Office vom Team Biden instruiert wurde, keinen Rohstoffvertrag mit Donald zu unterzeichnen und nach erfüllter Mission sofort in London wärmstens umarmt und belohnt wird, scheint ebenfalls für eine solche diskrete Agenda zu sprechen. Und weniger für die Hypothese einiger Beobachter, dass König Wolodymyr von Donald mit diesem Auftritt in einen Hinterhalt gelockt worden sei, um über ihn herzufallen und coram publico abzuservieren. Der Rausschmiss wirkte nach dem lange Zeit moderaten Gesprächsverlauf nicht geplant, sondern spontan und eher so, als ob Donald an diesem Punkt gemerkt hat, dass sein Gegenüber permanent nur dem Skript folgt – “Sicherheit!”, Garantien!” – das ihm seine Regisseure zuvor eingebläut und jede Art von Zugeständnissen oder Kompromissandeutungen verboten hatten. So sollte Donald für den hochgradigen Irrsinn weichgeklopft werden, einem Land “Sicherheitsgarantien” zu geben, das mit einer nuklearen Supermacht gerade im Krieg steht. Doch weil der Imperator nicht nur ein großspuriger Bombastus ist, sondern auch dünnhäutig und mit sensibler Witterung ausgestattet, roch er die Lunte und als das “Grüne T-Shirt” auch nach dem deutlichen Hinweis “Du hast keine Karten aber spielst mit dem Dritten Weltkrieg” keine Einsicht zeigte, sondern noch pampiger wurde als zuvor, kam es zum Eklat.
Während das Ratespiel um Donalds wahre Absichten in der Ukraine unterdessen noch anhält, gackert der Hühnerstall der willigen Eurokraten ratlos durcheinander, kündigt einen illusorischen “Plan für einen Waffenstillstandsplan” und verwirft ihn wieder, fordert “Verhandlungen durch Stärke” und trommelt sich vereint auf die Brust, jetzt aber wirklich auf “dicke Hose” zu machen, um dann festzustellen, dass man gar keine hat. Und den Untertanen jetzt weitere 300, 400, 500 Milliarden Schulden aufdrücken muss, damit ein Kokain-Cowboy im T-Shirt “unsere Freiheit” und “die Demokratie” vor dem Ultrabösen retten kann. Wie die verrückten europäischen Herrscher ihren Leuten jetzt den Bären aufbinden, den Krieg einfach mit mehr Krieg zu beenden, wird was Pirouetten und Wortgeklingel betrifft eine große Herausforderung für ihre Hofschreiber und Lautsprecher. Unterdessen hat König Donald einen Diplomaten zu Verhandlungen zur Wiederinbetriebnahme von Nordstream-2 ausgesandt und macht den kriegsgeilen Eurokraten vor, wie Diplomatie in der Zeitenwende geht. Und was machen die Dummdeutschen ? Kucken in die Röhre, die sie sich ohne Widerwort haben abklemmen lassen…
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Erschienen am 10. Juni 2024
Mathias Bröckers: Inspiration – Konspiration – Evolution. Gesammelte Berichte aus dem Überall, Fifty-Fifty (Juni 2024), 464 Seiten, 30 Euro
















