Dass Warlords und Heerführer gegen ihre Dienstherren aufbegehren ist seit tausenden Jahren ein historischer Klassiker. Nicolo Machiavelli fasste im 16. Jahrhundert diese Erkenntnis für die Neuzeit zusammen: “Söldner und Hilfstruppen sind nutzlos und gefährlich; und wer seinen Staat auf diese Waffen gründet, wird weder fest noch sicher stehen…” Nachdem Wladimir Putin in 48 Stunden den “Aufstand” seines Söldnerführers Jewgeni Prigoschin beendete, kann davon ausgegangen werden, dass er seinen Machiavelli gelesen hat. Die Hoffnungen, dass die “Wagner”-Truppe mit dem “Marsch auf Moskau” (Spiegel) Chaos in Russland stiftet und “Putin schwächt”, stellten sich als ebenso illusionär heraus wie der Glaube an die anderen westlichen Wunderwaffen, die an der Front weiter in Serie verschrottet werden. Weil Prigoschins lautstarke Beschwerden über das Verteidigungsministerium und die Kriegsführung in das westliche Narrativ von “Russlands Schwäche” passten, war er in den letzten Monaten zu einem westlichen Mediendarling avanciert, nachdem zuvor in den russischen Mediens seine Privatarmee wegen des Häuserkampfs in Bachmut als Helden gefeiert worden waren.
Schon 2016-2018 hatte Prigoschin als “Putins Koch” in den Westmedien Furore gemacht, weil er angeblich geholfen hat, Donald Trump auf den Thron zu hieven:
“Das hat jetzt nach neun Monaten akribischer Recherchen der Ermittlungsausschuss unter dem ehemaligen FBI-Chef Mueller aufgezeigt, und 13 Russen angeklagt. Der Kopf der Wilden Dreizehn, ein reicher Gastronom, der auch „Putins Koch“ genannt wird, soll eine „Verschwörung“ zur Einmischung in den US-Wahlkampf finanziert haben, mit dem Ziel Hillary Clinton zu kritisieren und Bernie Sanders und Trump zu unterstützen. Dieser „Informationskrieg“, so der stellvertretende Justizminister Rod Rosenstein, hätte allerdings „den Ausgang der Wahl nicht beeinflusst“.Wie bitte? Ein russischer Koch wird angeklagt, weil er Geld sammelte, um in den Social Media Anti-Clinton-Werbung für Sanders und Trump zu machen, was aber den Ausgang der Wahl gar nicht beeinflusst hat. Wahnsinn! – hätten wir noch Karneval käme an diesem Punkt der Büttenrede ein Tusch, wären wir in einer Seifenoper, käme die Lachmaschine vom Band – wir sind aber in der großen Politik und dürfen nicht lachen. Denn die Anklageschrift, so teilt das ehemalige Nachrichtenmagazin mit, „ist ein einmaliges Dokument: Erstmals erhält die Öffentlichkeit einen präzisen und detaillierten Einblick in den geheimen Wahlkampf russischer Agenten in den USA zwischen 2014 und 2016.“
Wow! Präzise und detailliert kann man da nachlesen, wie die Wilde 13 doch tatsächlich Twitter- und Facebook-Accounts unter falschem Namen eröffnet und Anti-Hillary-Botschaften gepostet hat – und sogar „über hundert Amerikaner“ kontaktiert haben soll. Und das mitten im Wahlkampf, dessen Ausgang davon aber nicht tangiert wurde. Wahnsinn, diese russischen Agenten! Großspurig angekündigte und kläglich gescheiterte Vorhaben werden ja gern als Tiger bezeichnet, die als Bettvorleger enden. Aber das wäre in diesem Fall übertrieben. Nicht der Tiger, der in 9 Monaten Großermittlung auf allen Kanälen täglich „Russiagate“ fauchte, sondern der Bettvorleger….”
Die “Russiagate”-Farce, die auf diesem Blog schon seit 2017 als Fake porträtiert wurde, hat sich mittlerweile als lupenreine Staatsverschwörung erwiesen, bei der Geheimdienste, FBI und Regierung mit dem Team Clinton kooperierten, um den Kandidaten Trump zu schädigen. Was hinter der Putsch-Farce von Prigoschin steckt, ist derzeit noch ziemlich unklar, dass er allein auf die irre Idee gekommen sein soll, mit ein paar hundert Mann nach Moskau zu marschieren, um den Verteidigungsminister zu “erwürgen” – und sich davon Erfolg zu versprechen – scheint mir unwahrscheinlich. Auch wenn ihm sein Social Media Ruhm und die Reputation seiner “Musikanten” als beinharte, blutige Einsatztruppe vielleicht zu Kopf gestiegen sein könnte. Dass er von MI6 oder CIA einfach mit Geld zu einem Seitenwechsel überredet wurde, scheidet als Motiv eigentlich auch aus, weil er als Oligarch eigentlich schon genug davon hat. Sah er sich ungerecht behandelt, weil seine Söldner der Befehlsgewalt des russischen Militärs unterstellt werden sollen? Oder war das alles nur Theater, eine zweitägige Putsch-Operette ? Larry Johnson schreibt aus Washington (übersetzt mit DeepL.com)
“Mann… man konnte die Enttäuschung und Frustration spüren, die vom Washingtoner Establishment ausging. Das politische Äquivalent eines vorzeitigen Samenergusses. Gestern Abend (Freitag) konnte man das Knallen von Sektkorken und Popcorn hören, als sich Medien- und Geheimdienstmitarbeiter um Computerbildschirme drängten und auf Bilder eines verzweifelten Putin warteten, der nackt aus dem Kreml wegrennt. Biden und sein Team erinnern mich an Wiley Coyote, wenn ich an die Verzweiflung denke, mit der sie zusehen, wie ihre verrückten Pläne, Putin zu fangen, in die Hose gehen. (…)
Wie wäre es mit dieser Erklärung? Die ganze Putschgeschichte wurde erfunden, um die Verlegung russischer Streitkräfte in Gebiete nördlich und westlich von Woronesch zu ermöglichen, ohne dass die NATO-Planer Alarm schlagen. Russland verlegte seine Streitkräfte, um die Putschisten zu stoppen, und nicht, um Kräfte für eine neue Angriffsachse aufzubauen.
Für eine solche Variante würde sprechen, dass Putin dem aufständischen Prigoschin freies Geleit nach Weißrussland gewährte, wo er dann künftig, wenn ihm seine Privatarmee folgt, näher an Kiew stationiert wäre als bisher. John Helmer berichtet aus Moskau von unbestätigten Gerüchten nach denen er sich nach Afrika begeben will, wo einige seiner Leute im Einsatz sind. Nach Ende der Show lies die CIA die Welt dann im Abspann wissen, dass man seit Mitte Juni über die Pläne der Meuterei informiert gewesen sei.
Scott Ritter dazu (translated deepl.com):
“Der entscheidende Punkt ist jedoch nicht Wagners verräterisches Verhalten, sondern die Tatsache, dass Russlands Feinde – insbesondere die britischen und amerikanischen Geheimdienste – es für richtig hielten, einen bewaffneten Aufstand mit dem Ziel zu unterstützen, die Regierung einer Atommacht zu entmachten. Stellen Sie sich nur einen Moment lang den gerechten Zorn vor, der in den Hallen des Kongresses und innerhalb der Mauern des Weißen Hauses zu spüren wäre, wenn der russische Geheimdienst sich aktiv verschworen hätte, um eine Organisation wie Blackwater auf Washington, DC, marschieren zu lassen, mit dem Ziel, Präsident Biden zu entmachten. Manche würden sagen, das wäre eine Kriegshandlung. Russland hätte nach seiner Doktrin jedes Recht, mit Atomwaffen zu antworten. Alle, die Prigozhin heute Morgen zujubeln, sollten sich das gut überlegen, während sie an ihrem Frühstück kauen.”
Wer Pipelines sprengt und Staudämme zerstört, dem sind auch solche Vabanque-Einsätze zuzutrauen. NATOstan steht mit der ukrainischen Proxy-Armee, der größten Landstreitmacht Europas, militärisch vor einer schweren Niederlage, an einen Durchbruch an der Front und Erfolg der “Gegenoffensive”glauben nur noch völlig gehirngewaschene Phantasten – und in derart verzweifelter Lage scheint jedes noch so illusionäre Mittel als stabiler letzter Strohhalm. Und sei es eine Gestalt wie “Putins Koch”, und selbst dann, wenn seine “Offiziere” – die “Wilde Dreizehn” – bei der Show gar nicht mitmachen, sondern nur ein paar Matrosen…. und man ernsthaft einen Tag lag daran glaubte, den Kremlchef in Unterhosen zur Flucht in seinen Bunker zu treiben ?
Gegen diesen Marionettenaufstand nicht zu kämpfen, sondern ihn unbürokratisch – mit Exil für den Chef und Amnestie für seine Leute – zu erledigen, war ein souveräner Schachzug. Die Wagner-“Helden” werden weiter für Russland die militärische “Drecksarbeit” erledigen, ihr großmäuliger Boss ist ruhig gestellt und auf dem Schlachtfeld dreht sich der schreckliche Fleischwolf unbeirrt weiter. Und wird nicht aufhören, solange der Westen weiter Material liefert…
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Zuletzt erschienen:
Mathias Bröckers : Vom Ende der unipolaren Welt, Fifty-Fifty (Oktober 2022), 288 Seiten, 20 Euro
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