Die Tragödie in der Crocus-Halle in Moskau mit mehr als 130 getöteten Konzertbesuchern wird zu einem Wendepunkt des Kriegs werden, da dies, nach allem was bisher über die Terroristen bekannt geworden ist, kein religiös-ideologisch motivierter Anschlag von “Islamisten” war. Denn diese sterben üblicherweise mit ihren Opfern, haben in Aussicht auf 72 Jungfauen im Paradies keine Fluchtwagen parat und lassen sich nicht, wie die vier Schützen aus dem Auditorium der Halle (und sieben weitere Verdächtige) von der Polizei verhaften oder wie ein vor der Halle postierter Täter von unbewaffnetem Sicherheitspersonal und Besuchern überwältigen. Dieser Mann hat ausgesagt, dass er für 500.000 Rubel (5000 Euro) via Telegram angeheuert worden sei, dieselbe Summe sei ihnen nach erfolgreicher Tat (“möglichst viele Menschen töten”) versprochen worden. Die vier Haupttäter wurden nach einem Schusswechsel 300 Kilometer hinter Moskau gestoppt, sie waren Richtung Ukraine unterwegs wo ihnen nach russischen Angaben ein Fluchtweg offengestanden haben soll (was seitens der Ukraine abgestritten wird).
Schon vor dieser Festnahme hatte das US-Statedepartment verlautbart, dass der Anschlag nichts mit der Ukraine zu tun habe und auf ein angebliches Bekennerschreiben von “ISIS-K”, dem “Islamic State Khorasan” in Afghanistan, einer Splittergruppe von ISIS in Syrien, die an der Seite von USA und Israel gegen die Assad-Regierung kämpft – sowie in Afghanistan gegen die Taliban-Regierung. Einer der ISIS-K Chefs, Sahab al Muhajjir (aka Sanaullah Ghafari ), war Leibwächter des ehemaligen afghanischen Vize-Präsidenten Amrullah Sahel und des Drogen-Warlords General Dostum, wobei diese Information gestern noch auf Wikipedia zu finden war, heute aber dann gelöscht wurde, weil angeblich diese Quelle nicht zuverlässig ist. Ich kann das auf die Schnelle nicht überprüfen, doch scheint mir die Verbindung eher passend als falsch, denn dieser “Islamische Staat” – ob in S, L oder in K – war und ist ein Produkt und Terror-Werkzeug der CIA und des MI-6: ein angeblich “wilder” und islamistisch-autonomer Kampfhund, der aber aber niemals sein Herrchen und dessen Freunde beißt. Und auch jetzt wieder den “Richtigen”getroffen hat.
Die verhafteten Täter sollen aus Tadschikistan stammen, wo ISIS-K Kämpfer gegen die Taliban (und die Ukraine Söldner gegen die Russen) rekrutierte. Über die Hintergründe und Rolle des IS in der Region schreibt der russische Kriegskorrespondent Marat Khairullin (übersetzt mit deepl.com):
ISIS war in seiner Blütezeit eine Ansammlung von Stammesbanden, die sich vor allem auf der Grundlage einer Finanzierung durch das Vereinigte Königreich zusammenschlossen. (…)
Seit dem Abzug der USA aus Afghanistan sind sie wieder aufgetaucht. Zu diesem Zeitpunkt tauchte eben jener ISIS aus Khorasan auf der Bildfläche auf. In Wirklichkeit handelt es sich um eine Reihe von paschtunischen Stammesführern, die von den Briten unterstützt werden. Sie sind die Einzigen, die sich bereit erklärt haben, gegen die Taliban zu kämpfen. Dies ist ein entscheidender Punkt.Hier kommen wir in die komplexe geopolitische Lage Zentralasiens. Die meisten Länder der Region unterstützen die Bemühungen der Taliban, Afghanistan zu befrieden, in der Hoffnung, dadurch ihre Sicherheit zu gewährleisten. Alle, außer Tadschikistan. Das Land kann sich nicht mit den Taliban einigen, weil unter ihren Fittichen eine Reihe von Organisationen stehen, die in Tadschikistan als terroristisch gelten. Genau diese Spaltung hat das Vereinigte Königreich in all den Jahren nach dem Abzug der Amerikaner aus der Region ausgenutzt und mit aller Macht versucht, die Schaffung von Frieden in Asien zu verhindern.
Zu diesem Zweck wurden unmittelbar nach dem Abzug der USA ethnische tadschikische Afghanen für die Vilayat Khorasan-Banden rekrutiert. Das heißt, sie begannen, Präsident Rahmon, der in dieser Frage sehr empfindlich ist und die Tadschiken als eine der größten geteilten Nationen der Welt betrachtet, zu demonstrieren, dass ISIS von Khorasan eine Art Freundschaft [zu den Tadschiken] ist. Und dass er, wenn er sich der Unterstützung der Taliban anschließt, die Interessen der Tadschiken verraten würde.(…)
Aber das ist nur ein Teil des Spiels. Der zweite Teil ist nicht weniger interessant und aufschlussreicher. Die politische Basis eben jenes ISIS-Führers, Chalimow, eines Tadschiken, war schon immer die Islamische Renaissancepartei Tadschikistans. Sie wurde in ihrem Heimatland zu einer terroristischen Vereinigung erklärt, und raten Sie mal, wo sich seit Anfang der 2000er Jahre ihr Hauptquartier befindet? Sie haben richtig geraten – in London. Am Vorabend des Abzugs der Amerikaner aus Afghanistan begannen die Briten, sich um die Tadschiken zu kümmern, und nutzten 2018 diese Partei [die Islamische Renaissancepartei Tadschikistans -] als Grundlage für die Gründung der Nationalen Allianz Tadschikistans in Warschau, in die sie die Reste aller tadschikischen Schläger, die nach der Niederlage von ISIS überlebt hatten, einzuschleusen versuchten. Und dann (aufgepasst!), einen Monat nach dem Scheitern der ukrainischen Gegenoffensive (vielleicht etwas später, an der Wende vom Oktober zum November), trafen sich Ilja Ponomarjow, der politische Führer der neuen Wlassowiten, und Kabirow, der politische Führer der tadschikischen Terroristen, in London. Danach wurden weitere Treffen in Warschau registriert. (…)Und jetzt sehen wir einen koordinierten Anschlag in Belgorod durch neue Wlassowiten und in Moskau durch tadschikische Kämpfer. Ich denke, dass die Zugehörigkeit der verhafteten Terroristen zur Nationalen Allianz von Tadschikistan bald auf die eine oder andere Weise bestätigt werden wird.
Inwieweit sich die Meister der Dunklen Künste in Sachen ihres Terror-Proxy “ISIS” in den Haaren lagen oder liegen, und ob der MI-6 möglicherweise auch ohne Okay des Hegemons solche Operationen durchführen lässt, kann ich nicht beurteilen. Sicher ist nur, dass diese Agenturen für den Rahmen verantwortlich sind, in dem diese Terror-Figuren auf dem geopolitischen Schachbrett agieren. Insofern spielt es keine Rolle, ob das “Bekennerschreiben” von “ISIS-K” echt ist oder nicht, denn dieser ganze Verein ist nicht echt. Und kommt in seinen afghanischen Höhlen auch nicht allein auf die Idee, ein paar Tadschiken anzuheuern, damit sie mal eben in Moskau wahllos in die Menge feuern.
Dass das US-Statedepartment blitzschnell (nach 55 Minuten) und bevor irgendwelche Ermittlungsergebnisse vorlagen sofort verkündet, die Ukraine habe mit dem Anschlag nichts zu tun und auf “ISIS-K” verweist, wirkt nicht gerade vertrauenserweckend. Es diente eher als vorbeugende Maßnahme niemand auf den Gedanken kommen zu lassen, dass es sich dabei um eine der “nasty surprsises” durch “assymetrische Kriegsführung” handeln könnte, die die Chef-Architektin des Ukraine-Desasters, Victoria Nuland, Herrn Putin am 31. Januar in Kiew und noch am 22. Februar in Washington in Aussicht gestellt hatte.
Es ist ein irreführendes Entweder/Oder, dass sich “Ukraine” und “IS-K” als Tatverdächtige gegenseitig ausschließen. Als ob es die Bande aus der afghanischen Höhle ohne jede Unterstützung in die Ukraine schafft, den Tatort ausbaldowert, sich bewaffnen und den Anschlag ausführen könnte. Okay, wer mit dem Märchen ins Geschichtsbuch kommt, dass es aus solchen Locations einem Osama Bin Laden möglich war, mit zwei Flugzeugen drei Wolkekratzer platt zu machen, muss sich keine Sorgen machen, dass auch die “ISIS-K”-Story als Faktum etabliert werden kann. Glaubhaft ist die Geschichte von ISIS als Alleintäter aber genauso wenig wie die von “Al Qaida” und 9/11.
Pepe Escobar berichtet aus Moskau:
“Der (russische Geheimdienst) FSB ist gerade dabei, in mühsamer Kleinarbeit die meisten, wenn nicht sogar alle Verbindungen zwischen ISIS-K, CIA und MI6 zu knacken. Sobald das alles geklärt ist, wird die Hölle los sein. Aber das wird nicht das Ende der Geschichte sein. Unzählige Terrornetzwerke werden nicht von westlichen Geheimdiensten kontrolliert – obwohl sie über Mittelsmänner mit westlichen Geheimdiensten zusammenarbeiten, in der Regel salafistische “Prediger”, die mit saudi-arabischen Geheimdiensten zusammenarbeiten.
Der Fall, dass die CIA “schwarze” Hubschrauber fliegt, um Dschihadisten aus Syrien herauszuholen und in Afghanistan abzusetzen, ist – was den direkten Kontakt betrifft – eher eine Ausnahme als die Regel. Daher werden der FSB und der Kreml sehr vorsichtig sein, wenn es darum geht, die CIA und den MI6 direkt zu beschuldigen, diese Netzwerke zu verwalten.
Aber selbst mit einer plausiblen Bestreitbarkeit scheint die Krokus-Untersuchung genau dorthin zu führen, wo Moskau sie haben will: zur Aufdeckung des entscheidenden Mittelsmannes. Und alles scheint auf Budanow (ukr. Geheimdienstchef) und seine Handlanger hinzudeuten.
Ramsan Kadyrow ließ einen zusätzlichen Hinweis fallen. Er sagte, die Krokus-“Kuratoren” hätten absichtlich Elemente einer ethnischen Minderheit – Tadschiken – instrumentalisiert, die kaum Russisch sprechen, um neue Wunden in einem multinationalen Land aufzureißen, in dem Dutzende von Ethnien seit Jahrhunderten Seite an Seite leben. Am Ende hat es nicht funktioniert. Die russische Bevölkerung hat dem Kreml einen Blankoscheck ausgestellt, um brutale Höchststrafen zu verhängen – was immer und wo immer es nötig ist.”
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Mathias Bröckers : Vom Ende der unipolaren Welt, Fifty-Fifty (Oktober 2022), 288 Seiten, 20 Euro









